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Full text of "Zeitschrift fur Naturwissenschaften."

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A.M.N.H. 
1916 



ACADEMY Cr SCiE^CES 

Zeitschrift 

fiir SOI^M 3) ß 

Naturwissenscharten 



Organ des iiaturwisseiiscliaftlichen ^^el■eills 
für Sachsen und Thüringen 

zu 

Halle a. S. 

unter Mitwirkung von 
Prof. Dr. C. Mcz und Geh.- Rat Prof. Dr. E. Sehiiiidt 

herausgegeben 
von 

Prof. Dr. G. Brandes 

Prof. der Zoologie au der Tierärztl. Ilochschule und Direktor des zoologischen G^irtens 

zu Dresden, 



83. Band — 1910 

(Fünfte Folge, ZwaiiziKäter Haml) 

Mit 1 Profiltafel und 43 Figureu im Texte 



1910 

Verlag von Quelle & Meyer in Leipzig 



Inhalt des 82. Bandes. 



I. Original -Abhandlungen. Seite 

Bandermann, Franz, Über zwei Zuchten von Abweichungen 

des Wolfsmilchschwäruiers 310 

Bauer, E., Eine für Deutschland neue Noctuide 373 

Füge, Bernhard, Beiträge zur Microlepidopteren -Fauna von 

Halle a. S 295 

Haupt, H., Verzeichnis der bis jetzt in Thüringen beobachteten 

Homopteren -I-IB 

Hoffmann, Dr. Karl, Wachstumsverhältnisse einiger holz- 

zerstörenden Pilze. Mit 9 Figuren im Text 35 

Kanngiefser, Friedrich, Dr. med. et phil.. Die Etymologie der 
Pteridophytennomenklatur. Eine Erklärung der wissen- 
schaftlichen, der deutschen, französischen, englischen und 
holländischen Namen der Farnkrautgewächse 274 

Lange, Dr. Hans, Studien Uber die Zusammensetzung helium- 
führender Mineralien. Mit 7 Figuren im Text 1 

Jyiebe, Johannes, Die Larve von Simulia ornata Mg. Mit 

16 Figuren im Text 845 

Schnee, Dr. med., Einiges über die höhere Tierwelt der Marianen 458 

Schulze, Erwin, Literatur über die triadische Pflanzengattung 

Pleuromeia 135 

Scupin, Prof Dr. Hans, Über sudetische prätertiäre junge 
Krustenbewegungen und die Verteilung von Wasser und 
Land zur Kreidezeit in der Umgebung der Sudeten und 
des Erzgebirges. Eine Studie zur Geschichte der Kreide- 
transgression. Mit 2 Figuren im Text 321 

Streicher, Dr. Otto, Der Kreislauf des Kohlenstoffs in der Natur 253 

Wangerin, Dr. Walther, Weitere Beiträge zur Kenntnis der 

Flora von Burg 2P)'2 

— Über den Formenkreis der Statice Limonium und ihrer 

nächsten Verwandten 401 

Wein, K. , Th. Beling, Beiträge zur Flora des nordwestlichen 

Harzes 129 

Wüst, Ewald, Die plistozänen Ablagerungen des Travertin- 
gebietes der Gegend von Weimar und ihre Fossilien- 
bestände in ihrer Bedeutung für die Beurteilung der Klima- 
schwankungen des Eiszeitalters. Mit einer Profiltafel und 
einer Tabelle 161 



IV 



II. Kleinere Mittoiliiiigcn. seiic 

Gesteine und Minerale des Radautales (Fromme) 139 

Neue Funde von Gletscherschliflfen bei Halle a. S. (Wagner) . 142 

Über den Köderfang im Hochgebirge (Bauer) 143 

Zur Schmetterlingsfauna der Goitzsche (Banderniann). ... 145 

Ein Zwitter (?) von Satnrnia paronia L. (Banderniann). . . 146 

Variationen im Geiider des Diptereuflügels (Kleine) 147 

Aus den Sitzungen der Entomologisehen Gesellschaft zu Halle a. S. 

(Daehne) : . . . 148 

Ein "Verfahren zur Abformuug von Pflanzenblättern (Liesegang) 375 
Aus den Sitzungen der Entomologischen Gesellschaft zu Halle a. S. 

(Daehne) 377 

Erklärung und tatsächliche Berichtigung (Weifs) 471 

III. Literatur-Besprecluiiigeu. 

Artus, Die Grundzüge der Chemie für Gewerbetreibende sowie 

für Lehrer an Gewerbeschulen 399 

Binz, Kohle und Eisen 400 

Geyer, Unsere Land- und Süfswassermollusken. Einführung in 

die Molluskenfauna Deutschlands 477 

Glafey, Rohstoffe der Textilindustrie 157 

Haase, Die Erdrinde 154 

— Lütrohrpraktikum 155 

Hegi, Illustrierte Flora von Mitteleuropa 398 

Herre, Wissenschaft und Bildung. Einzeldarstellungen aus allen 

Gebieten des Wissens 480 

Hersen und Hartz, Die Fernsprechtechnik der Gegenwart . . 392 

Hesse und Doflein, Tierbau und Tierleben 475 

Holl er und Ulmer, Naturwissenschaftliche Bibliothek für Jugend 

und Volk 479 

Pohl, Die elektrische Fernübertragung von Bildern 393 

Reinisch, Entstehung und Bau der deutschen Mittelgebirge . 396 
Schurig, Biolügische Experimente nebst einem Anhang: Mikro- 
skopische Technik 'M' 

Schuster, Der Einflufs des Mondes auf unsere Atmosphäre . 39'.i 

Uhlenhuth, Vollständige Anleitung zum Formen und Giefsen . 307 

Voigt, Die Praxis des naturkundlichen Unterrichts 158 

Werth, Das Eiszeitalter 478 

Ziegler und Woltereck, Monographien einheimischer Tiere . 472 

Zimmermann, Die Photographie 156 

V. Zittel, Grundzüge der Paläontologie (Paläozoologie) ... 395 
Zur Strafsen, Brehms Tierleben. Allgemeine Kunde des Tier- 
reichs . • 473 



Studien über die Ziisammeiisetziing 
heliiiiii führender Mineralien 



Dr. Hans Langel) 

Assistent am Anorganisch -Chemischen Institut der Königlichen 
Technischen Hochschule zu Berlin 

Mit 7 Figuren im Text 



Vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit einem Euxenit 
aus dem Sätersdal und einem roten Flufsspat aus Süd- Grön- 
land. Daran schliefsen sich analytische Untersuchungen 
über die Trennung des Titans vom Zirkon, sowie vom Niob 
und Tantal mittels Animoniumsalicylat; das bei der Rein- 
darstellung des hierzu erforderlichen Zirkonmaterials er- 
haltene Zirkonoxychlorid gab auf Grund in der Literatur 
sich findender Widersprüche Veranlassung, dieses Salz einer 
erneuten Untersuchung zu unterziehen. 

Im März des Jahres 1895 gelang es Sir William 
Ramsay,2) Helium in dem von Nordenskjöld entdeckten 
Mineral Cleveit nachzuvpeisen. Es sind seitdem durch die 
Untersuchungen verschiedener Forscher eine grofse Anzahl 
von Mineralien, von denen die meisten Uran, Thor oder Blei 
enthielten, als heliumhaltig erkannt worden. Eine erhöhte 
Bedeutung aber erhielten alle diese Untersuchungen erst, 
seitdem übereinstimmend von Ramsay und Soddy-^) einerseits 

Die nachstehende Untersuchung wurde von Herrn Lange unter 
meiner Leitung im Anorganisch -Chemischen Institut unsrer Hochschule 
ausgeführt und dann der philosophischen Fakultät der Königlichen 
Friedrichs - Universität Halle -Wittenberg als Inaugural- Dissertation ein- 
gereicht. H. Erdmann. 

2) Chem. News 71,151 (1895). 

3) Nature 16 July 1903, p. 24Ü. Proc. Roy. Soc. 72,204 (1903). 
73, 340 (1904). 



Zeitschr. f. Naturwiss. Halle a. S. Bd. S2. 1910. 



1 



2 



Hans I,an(4e, 



und andererseits von Curie und Dewau ') das Helium 
als eines der Endprodukte radioaktiver Umwandlungen er- 
kannt wurde. Es nebmen dalier die heliumfübrenden, radio- 
aktiven Mineralien ein besonderes Interesse in Anspruch. Im 
folgenden soll ein Beitrag zur Kenntnis solcber Mineralien 
geliefert werden. 

I. Über einen Euxenit aus dem Sätersdal 
in Süd -Norwegen. 

Zur Untersucbung standen mebrere Kilogramm eines 
Minerals der Euxenit -Polykras- Reibe aus den Granit- 
Pegmatitgängen von Sätersdal im südlicben Norwegen. 
Das Vorkommen des Minerals, das zuerst von Th. Scheerer 
bescbrieben wurde, ist an dieser Stelle niebt neu, so ver- 
zeicbnet auch W. C. BroeggeR'') das Sätersdal als häufig 
Euxenit führend. Indessen ist eine nähere Untersuchung, 
speziell chemische Analyse gerade dieses Vorkommens 
nicht ausgeführt worden, das, wie die Bearbeitung ergab, 
in Bezug auf den Heliumgebalt und auf die Zusammen- 
setzung der seltenen Erdmetalle als eines der interessantesten 
und kostbarsten bezeichnet werden kann. 

Das Material bestand zumeist aus derben Stücken. 
Vereinzelte Kristallbruchstücke zeigten deutlich rhombischen 
Habitus mit den Flächen: 

ooPoo acF ooPcx) 2 P oo P oP 

■loio; jiioi ;ioo! ;20i( jin; jooi; 

Die Kristallflächen waren matt, zum Teil mit einer 
rauhen Oxydationshaut überzogen, daher schlecht messbar, 
zum Teil mit paralleler Fläcbenstreifung versehen. Eine 
Spaltbarkeit war nicht zu bemerken. Die Oberfläche des 
derben Minerals hatte häufig glasige Beschaffenheit, zeigte 
muscheligen Bruch und war von rein samtschwarzer, glän- 
zender Farbe, nur in ganz feinen Splittern an den Kanten 



1) C. r. 138. 190 (19Ü4). 

2) Poggendorfs Annalen 40,149 (1840). 

^) W. C. Broegger, Die Mineralien der südnorwegischen Granit- 
Pegmatitgänge. I. Christiana 19()H. 



Die Zusanmiensetzung hcliumt'iihrender Mineralien. 



8 



durchscheinend. Auffallend war der hell^elbbraune Strich. 
Die Härte betrug 6,5; das spezitische Gewicht wurde ver- 
hältnismäfsig niedrig zu 4,62 gefunden, was vielleicht dem 
überwiegenden Titangehalt und der dem hohen GlUhverlust 
entsprechenden vorgeschrittenen Zersetzung des Minerals 
zuzuschreiben ist. Vor dem Lötrohr war das Mineral 
unschmelzbar, es zersprang in kleine Stücke. Wurde der 
Euxenit für sich auf Dunkelrotglut erhitzt, so zeigte sich 
die schon vom Fergusonit her bekannte Glimmerscheinung, 
d. h. die Stücke erglimmten plötzlich durch die ganze Masse. 
Die Farbe war hernach hellgelbbraun; die Stücke selbst 



waren stark glänzend, rissig und leicht zu zersplittern. Das 
spezifische Gewicht ist nach dem Erglühen auf 5,06 gestiegen. 
Die Annahme einer molekularen Umlagerung dürfte auch 
hier die Erklärung für die beschriebene Erscheinung sein. 2) 
Ein Dünnschliff zwecks einer dahingehenden Untersuchung 
liels sich wegen der überaus bröckeligen Natur des Materials 
auf keine Weise herstellen. 

Die Untersuchung auf der photographischen Platte 
ergab eine beträchtliche Aktivität des Minerals, was seiner 
chemischen Zusammensetzung nach zu erwarten war. 

Die Stärke der Aktivität im Verhältnis zur Joachims- 
thaler Pechblende oder dem ebenso stark aktiven Cleveit 
von Arendal verdeutlicht die Wiedergabe einer Photographie, 




Fig. 1 und 2. Euxeuit von Sätersdal. 



*) Des Cloiseaux und Damour. Ann. chim. phys. 3,59 (1860). 
Broegger 1. c. S. 35. 

1* 



4 



Hans Lange, 



die durch 48 stüodige Einwirkung dieser Mineralien auf die 
Platte erhalten wurde (siehe Fig. 3). Ein dünner Aluminiuni- 
Blechstreifen vermag die Strahlung bedeutend aufzuhalten, 
wie der dunkle Streifen ina linken Teile der Figur er- 
kennen läl'st. 

Die erglimmten Stücke wirken stärker auf die Platte 
ein als das ursprüngliche Material. Aufser den aus dem 

Pechblende 




Fig. 3. 



Mineral gewonnenen Uran- und Thorium -Präparaten zeigte 
auch das Blei i) eine merkliche /3-Strahlung, während die 
Aktivität der vom Thorium vollkommen freien seltenen Erd- 
metalle, in Form ihrer Oxyde, sich als äulserst schwach 
erwies (siehe Fig. 4). 

Als eines der Endprodukte der radioaktiven Vorgänge 
ist das in dem Mineral enthaltene Helium anzusehen. 



') K. Hofmann und E. Straiil's, Radioaktives Blei. Ber. 33, 
3002 (190(1). 3f), 1043 (1903). 



Die Zusanunensetzung heliumfiihrender Mineralien. 



5 



Die quantitative ehemische Analyse wurde nach folgender 
Methode ausgeführt: 

Zirka 4 — 5 g gangfreier, feingepulverter und ge8iel)ter, 
lufttrockener Euxenit wurde in einer Platinschale mit der 
sechsfachen Menge entwässerten Natrinmdisulfats unter 
ständigem Rühren bis zum klaren ruhigen Flul's — was 
eine halbe bis dreiviertel Stunde in Anspruch nahm — 




4 



wiedergeben.) 
3 Exposit. 6 Tage. 

Fig. 4. 

geschmolzen Die erkaltete Schmelze wurde in kaltem 
Wasser aufgenommen, mit 10 ecm konzentrierter Schwefel- 
säure versetzt und in einem grofsen Kolben mit Wasser 
auf 2 — 21/2 1 verdünnt, worauf ohne vorherige Filtration am 
Rückflufskühler 8 — 10 Stunden auf Siedetemperatur erhitzt 
wurde. 

Nach dem Absetzen des Niederschlages durfte Wasser- 
stoftsuperoxyd keine Gelbfärbung der Flüssigkeit mehr hervor- 
rufen, widrigenfalls unter weiterer Verdünnung noch längere 
Zeit zur vollständigen Abscheidung des Titans gekocht 



6 



Hans I>ange, 



wurde. Der Niederschlag wurde an der Saugpumpe abfiltriert, 
mehreremals mit kaltem Wasser gewaschen und noch feucht 
mit einer vorher bereiteten Mischung von Kalilauge und 
Mannitlösung auf dem Filter gelöst, i) Bei gutem Aufschluls 
ging alles, die Metallsäuren und Bleisulfat, in Lösung, 
worauf zur Abscheidung des Bleies tropfenweise mit farblosem 
Schwefelammonium versetzt wurde. Das Sulfid liefs sich 
durch vorsichtiges Erhitzen in der Platinschale mit kon- 
zentrierter Salpetersäure zersetzen und alsdann elektrolytisch 
bestimmen. Zur Trennung der Metallsäuren versetzte man 
das Filtrat vom Blei mit der der angewandten Kalilauge 
doppelt äquivalenten Menge Schwefelsäure und liefs über 
Nacht stehen; während nur Niob und Tantal sich abschieden, 
blieb Titan in Lösung, das nach dem Filtrieren durch 
kochendes Ammoniak ausgefällt werden konnte. 

Nach diesem Verfahren ist die Scheidung des Niobs 
vom Titan eine sehr vollkommene. Sie übertrifft an 
Genauigkeit die seit Marignacs^) Untersuchungen über die 
Scheidung der Metallsäuren im Euxenit üblich gewordene 
Trennungsmethode mittels der Kalium -Doppelfluoride, eine 
„methode imparfaite", wie sie Marignac selber bezeichnet, 
und vermeidet überdies das lästige Arbeiten mit Flufssäure. 

Nachdem nun das zuerst erhaltene Filtrat von den 
Metallsäuren, das alle übrigen Bestandteile des Minerals 
gelöst enthielt, durch Einleiten von Schwefelwasserstoff vom 
Zinn befreit und durch Abdampfen der zur Abscheidung 
des Titans erforderlichen Mengen Wassers bedeutend ein- 
geengt war, wurde zunächst eine Trennung so vorgenommen, 
dafs durch Versetzen mit Chlorammonium und kohlensäure- 
freiem Ammoniak im Überschufs alles aufser Calcium und 
Magnesium ausfiel. Im Filtrat konnten dann diese beiden 
Elemente leicht nebeneinander bestimmt werden. Zur Ab- 
scheidung der seltenen Erden wurden die Hydroxyde mit 
2 prozentiger Salzsäure gelöst, und die siedendheifse Lösung 

1) 0. Hauser, Zeitschrift für anorg. Chemie 60,233 (1908). Es 
wurde eine Mischung von 250 ccm 25 prozentiger Kalilauge und 50 ccm 
10 prozentiger Mannitlösung angewandt. 

■■^) Marignac, Recherches sur les combinaisons du Niobium. 
Ann. Chim. Phys. 4. 8,71 (1866). 



Die Zusammensetzung heliumführender Mineralien. 7 

mit soviel kocbender Oxalsäure und deren halben Gewiehts- 
teil Ammonoxalat versetzt, dafs die überstehende Lösung 
zirka 1 Mol. Oxalsäure im Liter enthielt. Nach 24 stündigem 
Stehen wurde filtriert und im Filtrate nach dem Zerstören 
der Oxalsäure das Thorium durch Natriumthiosulfat vom 
Uran und Eisen geschieden. 

Die Bestimmung der Alkalien geschah in einer beson- 
deren Probe durch Zersetzung des Minerals mit Flul'ssäure. 
Die Ermittelung des Wasser- und Kohlensäuregehaltes ge- 
schah nach den Methoden der organischen Chemie im Ver- 
brennungsrohr; ebenso die des gesamten Stickstoff- und 
Heliumgehaltes. Die getrennte Bestimmung dieser beiden 
Gase wird weiter unten beschrieben. 

Euxenit (Sätersdal). 



Angewandt: 4,9822 g. 



Gefunden in g 




0/ 
10 


Quotientzahlen 


1,0371 




20,81 


(mit 2% TOiOi) 








0,0777 


1,5473 


Ti(h 


31,05 


TiO., 


0,3877 


\ 
i 




0,0068 


SnO; 


0,13 


SnO-i 


0,0009 


0,3886 


Spur 


ZrOi 


Spur 








0,1654 


ThOi 


3,32 


ThO.2 


0,0125 








0,3081 


W\ 


5,95 


ü<h 


0,0220 




\ 


0,0345 


0,1255 




2,52 


iLaCeDi)i03 


0,0075 






0,0748 


1,2294 




24,68 


(YEr)203 


0,0673 




\ 


0,2652 


Fe.20, 


4,79 


FeO 


0,0666 








0,0279 


CaO 


0,56 


CaO 


0,0099 








0,0055 




0,04 


MgO 


0,0009 








0,0342 


FbO., 


0,64 


PbO 


0,0029 




' 


0,0817 



3,5489 g Euxenit lieferten : 
0,0085 K^SOi 0,13 K^O 0,0014 

2,4965 g Euxenit verloren beim Glühen : 

0,0996 iZaO 3,99 H^O 

0,0020 CO2 0,08 CO2 

0,0015 N-i + He 0,06 N i + He 

Summe 98,75 

Das Aquivalentgewicht der Ceriterden wurde — nach 
der synthetischen Sulfatmethode — zu 143, das der Ytter- 



8 



Hans Lange, 



erden zu 159,4, also ziemlich hoch gefunden. Das Abrauchen 
des angefeuchteten Oxyds mit Schwefelsäure geschah in 
einem Asbestkasten, der auf einem Verbrennungsofen stand. 
Durch den Kasten ging ein weites Glasrohr, in dem sich 
das Platingefiifs befand, und durch das trockene Luft ge- 
leitet wurde. Die Temperatur wurde 5 Stunden lang auf 
500" konstant gehalten. 

Die Analyse kann in folgender Weise berechnet werden: 



B,03 


0,0521 




0,1 56i{ 


\\\ 


0,20*^4 




0,0227 


Nb,0, 


0,0681 




0,0<I08 




0,0;{4.5 


TiO., 


0,0690 


{UTh)[TiO,], 


0,1035 


{RRz)0 


0,0721 


TiO., 


0,1442 


{Rk)[TiO,] 


0,2103 


iRR2)0 


0,0096 




0,0096 


iRk)[^'bo,l 


0,0192 



Die Berechnung zeigt einen Rest von 0,0191 entsprechend 
1,53 "/o ungesättigter Titansäure, wonach man einen ent- 
sprechenden Teil Wasser als wesentlich auffassen könnte. — 

In diesem Euxenit verhalten sich: 
(TaiV&)o05:(m'»i)02 = 0,0777:0,3886 oder genau wie 1 zu 5. 

Somit wird auch hier die Ansicht W. C. Broeggers 
unterstützt, dafs das Verhältnis der ilijO-, -Verbindungen zu 
den 1^0-2 -Oxyden immer ein stöchiometrisches ist. 

Im vorliegenden Euxenit herrschen also die Titanate 
beträchtlich vor. 



*) Broegger 1. c. 



Die Zusaniniciisctzmig heliuraführender MineralicTi. 9 

Broegger betrachtet Euxenit und Polykras als die End- 
glieder einer homoiomorphen Reihe, in der das Verhältnis 
M-iO--, : TiO-i in den einzelnen Gliedern zwischen 1 :2 und 1 :6 
variieren kann. 

Die Stellung des Euxenits von Sätersdal wird ersichtlich 
aus folgender Znsammenstellung einiger Analysen: 



Euxenit. Polykras. 





(Alve) 


(Sätersdal) 


(Hitteroe) (Henderson Co.) 










Ilidden, 


Blüinstrand 


^'e^f. 


Karamelsberg 


Macintosh 




27,64 
1,27 } 


20,81 


22,75 
' 1 
2,00 1 


19,48 


SiO., 


0,17 








TiO., 


2.5,68 


31,05 


27,84 


29,3 1 


SnO-, 


0,18 


0,13 






ZrO., 


Spur 


Spur 


— 


— 


ThO-i 


3,58 


3,32 






fJO, 


5,83 


5,95 


6,66 


13,77 


(CeLaDihOi 
(YEr),Os 


2,20 
27,73 


2,52 
24,68 


2,78 , 
31,65 1 


27,55 


FeO 


1,13 


4,79 


1,58 


2,87 


MnO 


0,16 








MgO 


0,06 


0,04 






CaO 


1,08 


0,56 






PbO 


0,63 


0,64 






NchO 


0,18 








KiO 


0,09 


0,13 






H^O 


2,55 


3,99 










0,08 


3,51 j 


5,18 


+ He 




0,06 






Summe 


100,16 


98,75 


98,77 


98,16 


: TiO.2 = 


= 1:3 


1:5 


1:4 


1 : 5 



Nach dem Verhältnis M.iO-,:Ti0.i = \:h steht das 
Mineral daher näher dem Polykras, seiner übrigen chemischen 
Zusammensetzung wie seiner äul'seren physikalischen Eigen- 
schaften nach mufs es durchaus als Euxenit bezeichnet 
werden. So spricht dafür vor allem die dicke prismatische 
Ausbildung der mit der charakteristischen Oxydationshaut 
überzogenen Kristalle. 



10 



Hans Lange, 



Weiterhin ist dieser Euxenit beaebtenswert hiusichtlich 
der ZusammensetzuDj? der seltenen Erden. Scbon das bohe 
Aquivalentgewicht 159,4 der Yttererden zeigt den über- 
wiegenden Gebalt an Erbinerdeu. Die rosenrot gefärbten 
Nitrate Helsen im Spektroskop überaus stark die für die 
Erbinerden cbarakteristischen Absorptionsstreifen erkennen. 
Relativ reicblicb ist neben dem Erbium das Dysprosium 
vertreten. Das Verhältnis der bunten Erden (Er und seine 
Komponenten) zu den farblosen (Y, Sc) ist annähernd 2:1; 
es bildet somit dieser Euxenit ein selten günstiges Aus- 
gangsmaterial zur Gewinnung der Erbinkomponenten. In 
grofsem Mafsstabe werden Arbeiten hierüber von anderer 
Seite in diesem Laboratorium i) bereits ausgeführt. 

Der Wassergehalt des Minerals war durchaus nicht 
konstant, er schwankte bei mehreren Analysen zwischen 
3,48 o/o und 5,30o/j, woraus hervorgeht, dafs das Wasser 
wohl zum gröfsten Teil erst seeundär aufgenommen ist. 

Zum qualitativen Nachweis der in dem Mineral okklü- 
dierten Gase eignete sieh vorzüglich die Anordnung der 
Apparatur nach Erdmann,-) jedoch zeigte sieh, dafs der 
Euxenit beim Erhitzen auf Dunkelrotglut für sich allein 
im Vakuum schon seinen ganzen Heliumgehalt abgab. 
Jedenfalls lieferte so erhitzter Euxenit beim nochmaligen 
Schmelzen mit Kaliumdiehromat so minimale Mengen Gas, 
dafs beim Durchleiten des Stromes durch das Plückerrohr 
kaum die Linien des Heliums im Spektroskop sichtbar 
wurden. 

Um möglichst reine Heliumspektren zu bekommen, war 
es nötig, das sich zuerst entwickelnde Gas, das neben den 
Heliumlinien auch die Stickstoff banden zeigte, abzupumpen. 3) 
Erst nach weiterem höheren Erhitzen erschien das Helium- 
spektrum rein, worauf die Plückerröbren abgesehmolzen 
wurden. Eine quantitative sukzessive Abscheidung und 



1) 0. Hauser und F. Wirth. 

") Erdmann, Lehrbuch der anorganischen Chemie. .S.Auflage 
(1962), S. 212—213. 4. Auflage (1906), S. 224—226. 

^) F. Bordas, Nachweis von Helium in uranhaltigen Erzen. Cr. 
(1908), 17,896. 



Die Zusammensetzung heliumführender Mineralien. 11 



Trennung des Stickstoffs und Heliums durch Erhitzen auf 
verschiedene Temperaturen war nicht möglich; immer zeigte 
der zuerst entweichende Stickstoff sich schon vermischt mit 
Helium, das durch das Aufleuchten der hellen gelben Linie 
D-i 587,6 leicht erkannt werden konnte. Linien anderer 
Edelgase, des Argons oder Neons, waren nicht nachzuweisen. 
Die Plückerröhren, die ein gelbes in rosa übergehendes 
Licht ausstrahlten, gaben nur das glänzende Linienspektrum 
des Heliums und zwar die Linien der Wellenlängen in m 



Um nun quantitativ festzustellen, wieviel ccm Stickstoff 
und wieviel Helium eine bestimmte Menge Euxenit ent- 
wickelt, schien folgende indirekte Methode am geeignetsten, 
die bei einfacher Ausführung brauchbare Resultate lieferte. 
Bei den angewandten kleinen Gewichtsmengen war es nicht 
erforderlich im Vakuum zu arbeiten, sofern man nur lange 
genug auf entsprechend hohe Temperatur erhitzte. 

In einem kurzen Verbrennungsrohr, durch das trockene 
Luft geleitet wurde, und dem ein gewogenes Chlorkalcium- 
rohr und ein ebenso gewogener Kaliapparat vorgelegt war, 
wurde in einem Platinschiffchen eine gewogene Menge Euxenit 
bis zur hellleuchtenden Rotglut erhitzt. Die Wasser- und 
Gasabgabe geschah ruhig, ohne Verstäuben des Materials, 
und war nach einer halben Stunde vollendet. Nach dem 
Erkalten wurde einerseits das Schiffchen mit dem geglühten 
Euxenit im Wägegläschen zurückgewogen, andererseits die 
Gewichtszunahme des Chlorkalciumrohres und des Kali- 
apparates bestimmt. Die Differenz aus dem Gesamtglühver- 
lust und dem Gewichte des Wassers und des Koblendioxydes 
ergab das Gewicht des entwichenen Stickstoffs und Heliums. 

Um das Volumen der entwichenen Gasmengen zu messen, 
wurde eine zweite gepulverte und gewogene Menge von 



indigoblau . 



gelb 
grün 
blau 



rot 



f 706,5 
1 667,8 
587,6 
f 501,6 
\ 492,2 
471,3 
447,1. 



12 



Hans Lange, 



demselben Stück Euxenit — was von Wichtigkeit, da 
verschiedene Stücke nicht immer denselben Glühverlust 
zeig:ten, — in einem anderen, hinten zugeschmolzenen 
Verbrennungsrohr erhitzt, aus dem die Luft wie bei der 
organischen Analyse zunächst beim Erhitzen der eingelegten 
Magnesitschicht durch die entweichende Kohlensäure voll- 
ständig verdrängt werden konnte. Sammelten sich in dem 
Eudiometer Uber der Kalilauge keine bleibenden Gasmengen 
an, wurde der Euxenit auf helle Rotglut erhitzt und nach 
vollendeter Gasentwicklung wieder solange der Magnesit 
erhitzt, bis aller Stickstoff und alles Helium durch Kohlen- 
säure verdrängt sich in dem Eudiometer befand. Etwa 
vorhandener Sauerstoff und Wasserstoff" wurde durch eine 
Kupferspirale, bezw. glühendes Kupferoxyd zurückgehalten. 

Die Berechnung gestaltet sich dann folgendermafsen: 

Bezeichnet 

a das Gewicht des entwichenen Gases, 
V das Volumen desselben, 

g und gf| das Gewicht des entwichenen Stickstoffs 
bezw. Heliums, 

so ist g{N.i) + g^{He) = a 

oder vs + f i^i =a 

und da v = V — Vi 

{V — Vi)'S + ViSi = a 

(Vs) — a 

woraus v, = - 

s — 5i 

es ist 

s = spezifisches Gewicht von N-i bezogen auf i/2 0 = 0,00125 
5,= „ „ „ He „ „ 0 = 0,000 18 

2,4965 g Euxenit verloren beim Glühen: 

0,1031 öf =4,130/0 
davon 0,0996 gH^O =3,99% 

0,0020 «^C'Oj =0,08 0/0 
also der Rest 0,0015 gN^ + He = 0,06 0/0. 



Die Zusammensetzung heliumfiihrender Mineralien. 13 

2,4032 g- Euxenit lieferten 4,50 ccm Gas (0" C. 760 mm), 
also 1 g entwickelt 1,873 cem N-, + lle. 

Daraus folgt 

187,3-0,00125 — 0,06 
0,00125 — 0,00018 
Vi = 162,7 ccm He 
und V = 24,6 ccm N-i. 

Es entwickelt also 1 g Euxenit 
1,627 ccm He 
und 0,246 cem Ki. 

Vergleichende Übersicht. 
Es entwickelt 1 g 







13,5 ccm 


He 


(Hillebrand) 


Cleve'it (Norwegen) . 




6,1 „ 


11 




Broeggerit .... 




1,8 „ 


11 




Euxenit (Sätersdal) . 




1,63 „ 


11 


(Verf.) 


Fergusonit | 




1,5 „ 




(K. I. Stkutt) 


Samarskit i 






11 






1,3 „ 


11 








0,81 „ 


11 


(R. I. Strutt) 




» 


0,73 „ 


11 


(R. I. Strutt) 


Zr- haltige Pechblende (Kolo- 








rado) 


0,270- 


-0,3 „ 


11 




Flufsspat (Grönland) . 


. 0,024- 


-0,027,, 


11 


(I. Thomsen). 



Ramsay und Soddyi) haben festgestellt, dafs Radium- 
präparate ständig mefsbare Mengen Helium entwickeln, und 
den Schlufs daraus gezogen, dal's auch das Helium in 
Mineralien, wie es bereits Rutherpord und Soüdy^) ver- 
muteten, durch Umwandlungen radioaktiver Substanzen ent- 
standen ist. 

Es soll daher auch eine gewifse Proportionalität zwischen 
Uran- und Heliumgehalt bei den Mineralien bestehen, was 

1) Natura lü July 190», p. 246 und Proc. Roy. Soc. 72, 204 (1903). 
73,346 (1904). 

2) Phil. Mag. Ü. 4, 5S1 (1902). 



14 



Hans Lange, 



schon HiLT.EBRAND 1) bei genauen Analysen mehrerer uran- 
haltiger Erze aufgefallen war. Wahrscheinlich wird das 
Gas im Innern der aktiven Erze nur mechanisch festgehalten; 
dafs man es durch Erhitzen austreiben kann, erklärt sich 
dadurch, dafs die Mineralien bei hoher Temperatur für 
Helium durchlässig werden. Da nun das Helium nur ent- 
weicht, wenn das Mineral stark erhitzt oder aufgelöst wird, 
bleibt wohl nahezu alles gebildete Helium im Mineral 
stecken.'^) Man hat daher — für primäre, kompakte 
Mineralien — auf Grund der neuesten Forschungen die 
Möglichkeit, einen Minimalwert für die Zeit zu berechnen, 
seit der sich das Mineral gebildet bezw. soweit abgekühlt 
hat, dafs kein Helium mehr von selbst entweichen konnte. 
Der Euxenit von Sätersdal enthält 5,95 «/o UO2 oder 5,25 "/o U 
und gibt pro Gramm 1,63 ccm Helium ab. Nach Ruther- 
ford und SoDDY^) befinden sich in radioaktiven Mineralien 
von hohem Alter 5,8« 10-' Gewichtseinheiten Ra pro Gewichts- 
einheit Uran. In einem Gramm Euxenit also 2,2 • 10~^ gRa. 
Nach Ramsay und Soddy ') produziert 1 g Radium pro Jahr 
0,24 ccm Helium, 1 g Euxenit also pro Jahr 0,53 -lO'^ ccm He. 
Da aber von derselben Gewichtsmenge jetzt 1,63 ccm He 
erzeugt werden, war also ein Zeitraum von 

1,63 
0,53-10-8 

oder zirka 300 Millionen Jahren nötig. Einen Wert der- 
selben Gröfsenordnung liefert ein Fergusonit, der nach 
Ramsay und Travers^) 70/0 Uran enthält und 1,81 ccm He 
pro Gramm abgibt. 

Zur Gewinnung des Heliums aus Mineralien sind ver- 
schiedene Methoden vorgeschlagen worden. 



1) Sill. Am. Journ. of Sciences 40,384 (1890). 42,390 (1892). 

^) Ganz neuerdings hat R. I. Strutt (Proc. Roy. Soc. 21. 1. 1909) 
festgestellt, dafs einige Mineralien, so der Monazit, Thorianit und 
Fergusonit, schon bei gewöhnlicher Temperatur merkliche Mengen 
Helium verlieren, wenn sie zu feinem Pulver gemahlen werden. 

3) Rutherford, Die Radioaktivität (deutsch von Aschkinafs), 
S. 477. Berlin 1907. 

") Ebenda S. 495. 

5) Zeitschr. f phys. Chem. 25,508 (1898). 



Die Zitsainmensetzung heliumführender Mineralien. 15 



fliLi.KHKANi)') koehte das feingepulverte Mineral mit 
verdünnter Schwefelsäure. Langlet-) erhitzte eine Mischung- 
von Cleveit und Kaliumpyrosulfat im Kohlendioxydstrom im 
Verbrennungsrohr und fing das Gas, nachdem er es Uber 
glühendes Kupferoxyd geleitet hatte, Uber Kalilauge auf 
Diese Methoden sind aber nicht geeignet für die Verar- 
beitung gröfserer Mengen eines Minerals. Ramsay^) schlug 
vor, das Mineral im Vakuum in einem Rohr von schwer 
schmelzbarem Glase zu erhitzen, wobei allerdings nicht 
jedes Mineral seinen ganzen Heliumgehalt abgibt. Uber 
die Anordnung der Apparatur zur Gewinnung im Grofsen 
finden sich aber nirgends nähere Angaben, auch nicht bei 
Ramsay. 

Für den vorliegenden Fall wurde daher ein besonderer 
Apparat konstruiert, dessen Anordnung und Arbeitsweise 
durch die schematische Skizze in Fig. 5 veranschaulicht wird. 

Vor Beginn der Operation wurde der mit einem dreifach 
durchbohrten Gummistopfen absolut luftdicht abgeschlossene 
Gassammelbehälter G durch Heben des mit ihm in heber- 
artiger Verbindung stehenden Wasserbehälters W ganz mit 
destilliertem Wasser gefüllt, bis dieses an die Hähne Hi 
und H.2 gelangte, worauf letztere geschlossen wurden. Der 
Wasserbehälter W wurde dann wieder in die Stellung Sl 
gebracht. Mit dem Behälter G stand nun die als Ent- 
wicklungsgefäfs dienende 250 ccm fassende, innen glasierte, 
aufsen mit Lehm beschlagene Porzellanretorte R in Ver- 
bindung, die mit Asbestplatten bedeckt, auf helle Rotglut 
erhitzt werden konnte. Mittels eines weiten Trichterrohres 
war sie mit 200 g feingepulvertem, durch Trocknen bei 105" 
von Wasser zum gröfsten Teil befreitem Euxenit beschickt 
und mit der Vorlage V verbunden worden. Nunmehr brachte 
man den Dreiwegehahn Di in die Stellung I und evakuierte 
mittels einer Quecksilberluftpumpe (System Neesen) den 
Apparat vollständig bis zum Hahn jEf,, wodurch das Queck- 
silber in der kleinen Hilfspumpe Hg bis in die Kugel K 



') Sill. Am. Journ. of Sciences 3. 40,384 (1890). 
2) Zeitschr. f. anorg. Chem. 10,289 (1895). 
=<) Ann. Chim. Pbys. 7. 13,449 (1898). 



16 



Hans Lange, 



stieg-. Darauf wurde durch Drehen von Z>, in die Stellung II 
die Verbindung mit der Pumpe abgeschlossen und nur die 
mit llij und dem Behälter G aufrecht erhalten. Bei nun- 
mehrigem Erhitzen der Retorte destillierten zunächst noch 
geringe Mengen Wasser in die Vorlage V über, daneben 
organische Verbindungen, deren Anwesenheit dadurch zu 
erklären ist, dafs das Material beim Mahlen im Fabrikbetriebe 
stets durch Schmieröl, Gewebefasern vom Sieben usw. ver- 
unreinigt wird. 

Trat beim höheren Erhitzen der Retorte nun die Helium- 
entwieklung ein, was sich durch schnelles Fallen des Queck- 
silbers in der Kugel K bemerkbar machte, so wurde mittels 
dieser kleinen Pumpe Hg das entwickelte Gas ständig in 
den Sammelbehälter G hinübergepumpt durch abwechselndes 
Stellen von Z>] in die Stellung II und III und entsprechendes 
Offnen und Schlielsen des Hahnes jffi, wobei jedesmal eine 
entsprechende Menge Wasser aus G in die Flasche W 
abflofs. In der Retorte herrschte also stets Unterdruck, 
was für die vollständige Gasabgabe von groi'ser Wichtigkeit 
war. Nach einer Stunde seit Eintritt der Rotglut war 
alles Gas ausgetrieben, und in der Retorte war wieder das 
ursprüngliche Vakuum. Im Behälter G befanden sich zirka 
460 ccm Gas. Durch Abbrechen der Spitze a einer durch 
einen Gummistopfen in die Vorlage V führenden engen 
Glasröhre wurde Luft in die Retorte gelassen, nach völligem 
Erkalten die Retorte entleert und gleich wieder mit neuem 
Material beschickt. Die Spitze bei a wurde wieder zu- 
geschmolzen, die Retorte mit der Vorlage verbunden, der 
Dreiwegehahn X>, , der zuletzt die Stellung III innehatte, 
in die Stellung I gebracht. Nach dem Evakuieren wieder- 
holte sich dann die Operation wie eingangs beschrieben. 

Auf diese Weise konnte eine grofse Menge Materials 
mit quantitativer Ausbeute an Rohgas verarbeitet werden. 
Das erhaltene Gas enthielt natürlich neben Helium noch 
viele Verunreinigungen, so vor allem Stickstoff, Kohlensäure, 
Wasserdampf und Kohlenwasserstoffe. 

Zwecks Reinigung dieses Rohgases waren daher eine 
Reihe Absorptiousapparate mit dem Gasbehälter G verbunden 
worden, die schliefslich durch den Dreiwegehahn B-i mit 



18 



Hans Lange, 



der zur Aufbewabrimg des Heliums bestimmten Glasröhre E 
(Form uach Kamsay') iu Verbindung standen. D.> wurde 
zunächst in die Stellung I gebracht, darauf das Quecksilber- 
gefäJ's F gehoben, wodurch die Luft aus E durch das 
Quecksilber bis zum Hahn D-i verdrängt wurde, und dann 
D-i in die Stellung IV gebracht. Nun trat wieder die Pumpe 
in Tätigkeit. D, befand sich dabei in Stellung IV, Hahn if, 
war geschlossen. Die Pumpe saugte dann alle Luft aus 
den Absorptionsapparaten bis zum Hahn H, und auf der 
anderen Seite bis ab. worauf durch Hahn die Ver- 
bindung mit der Pumpe abgesperrt wurde. Den Wasser- 
behälter W setzte man wenig erhöht in die Stellung S II 
und liefs nun durch vorsichtiges Einstellen der Hähne H-^ 
und Hi einen langsamen Gasstrom in die Absorptionsapparate 
treten. Das Wasser, welches sich noch von der ersten 
Füllung des Gasbehälters G her in der Glasröhre bis zum 
Hahn U-i befand. Hofs in die kleine Kugel ab. In A 
wurde der Gasstrom durch Phosphorpentoxyd und Natron- 
kalk von Wasser und Kohlensäure befreit, in B wurden 
die Kohlenwasserstotfe durch glühendes Kupferoxyd ver- 
brannt, das entstandene Wasser und die Kohlensäure in C 
wieder durch Phosphorpentoxyd und Natronkalk absorbiert, 
und iu D schliefslich durch erhitztes metallisches Calcium 
der Stickstoff und etwa vorhandener Sauerstoff" zurückgehalten. 
Da das Gas infolge des Vakuums zu schnell zunächst durch 
die Absorptionsapparate ging, war es bei seinem Austritt 
nicht rein und wurde daher wieder mittels der Pumpe Hg 
— Dl und B-i standen in Stellung IV — iu den Behälter 
zurückgepumpt. Zeigte das in eine au die Hauptpumpe 
angeschmolzene Spektalröbre alsbald eingelassene Gas 
(durch Offnen des Hahnes Äj) ein reines Heliumspektrum, 
dann wurde Di in die Stellung V gebracht, und das Queck- 
silbergefäfs F allmählich gesenkt, sodafs das Quecksilber 
in E und F stets in gleicher Höhe stand. Die Köhre E 
füllte sich nun ganz mit Helium und wurde, wenn das 



1) Ramsay, L'belium. Ann. Chiiu. Phys. 7. 13, -151 (1898). 
^) F. Soddy, Calcium als Absorptionsmittel für Gase. Proc. Roy. 
Soc. London 78 A, 429— 458 (1907). 



Die Ziisauiinensetzung helininführender Mineralion. 



19 



Quecksilber bis in den verengten Teil gefallen war, an 
beiden Enden abgesclimolzen; Z>., hatte dabei die Stellung 
III inne. Sollte nun eine neue Röhre gefüllt werden, wurde 
sie an die Leitung angeschmolzen, und mit dem Schlauch 
des Quecksilbergefäfses F verbunden. Dann liefs man Do 
die Stellung II einnehmen, worauf das Quecksilber infolge 
des in der Leitung befindlichen Vakuums in E stieg und 
die Luft aus der Röhre verdrängte. Gelangte das Queck- 
silber an B-i, so drehte man den Hahn in die Stellung V, 
worauf infolge des Überdruckes iu den Absorptionsapparaten 
das Quecksilber sofort wieder fiel, und somit sich die Röhre 
von neuem mit Helium zu füllen begann. 

Die Anlage gestattet, auf einfache Weise nach Belieben 
das Rohgas zu gewinnen oder reines Helium zu entnehmen. 

Bei vorsichtiger Behandlung ist die Porzellauretorte 
unbegrenzt haltbar, nach fünf- bis sechsmaligem Erhitzen 
mul's sie von neuem beschlagen werden. Gasverluste durch 
Springen der Retorte u. a. sind nicht zu befürchten. 

Anders bei der Reinigung des Gases. Vor allem mufs 
Sorgfalt auf den Abschlufs der atmosphärischen Luft gelegt 
werden. Deshalb wurden die einzelnen Teile möglichst 
aneinander geschmolzen. Wo Sehlauchverbindungen nötig 
waren, wurde der Vakuumschlauch, soweit er auf dem Glase 
aufsafs, mit Gummifäden umwickelt. 

Aufserste Vorsicht erfordert das Durchleiten des Roh- 
gases durch die Absorptionsapparate, besonders die Be- 
handlung des mit Calcium gefüllten Rohres D. Da Calcium 
in Stickstoff äufserst lebhaft verbrennt, springt das schwer 
schmelzbare Rohr leicht beim zu schnellen Überleiten des 
Gases, wodurch man natürlich grofse Gasverluste erleidet. 
Man darf den Wasserbehälter W nur wenig höher als den 
Gasbehälter G stellen, damit das Gas mit einem möglichst 
geringen Druck durch die Absorptionsapparate gleitet, 
andererseits auch der Überdruck in den Apparaten bei 
Totstellung des Hahnes Di nicht zu grofs wird. 

Da Helium in Wasser löslich ist,i) sättigt sich das 



Estreicher, Zeitschr. f. Phys. Chem. 31,176. Ein Vohimen 
U^O absorbiert bei 76U mm und 20» 0,01386 Vol. Helium. 

2* 



2Ö 



Hans Langk, 



Wasser im Sammelbehälter G allmählicli mit dem Gas, 
wodurch sieh allerdings diese Menge — die aber bei der 
Darstellung im Grofsen kaum in Betracht kommt — der 
Gewinnung entzieht. Ein weiteres Entweichen aber, durch 
die heberartige Verbindung mit dem Wasserbehälter mög- 
liche Wiederabgabe an die Luft, trat nicht ein. Jedenfalls 
konnte selbst nach woehenlangem Stehen bei offenem Hahn 
i?4 eine Volumenänderung — unter Berücksichtigung des 
Barometerstandes — im Gassammelbehälter nicht konstatiert 
werden. 

Die Ausbeute an reinem Helium richtet sich daher 
allein nach der geschickten Handhabung des Apparates. 
Nach einiger Erfahrung bietet indes eine quantitative Ge- 
winnung nach diesem Verfahren keine bedeutenden Schwierig- 
keiten. 

II. Über einen roten Flufsspat aus Grönland. 

Aus den Kryolithlagern von Ivigtut am Arksutfjord in 
Süd-Grönland beschrieb I. Thomsen ') einen roten Flufsspat, 
der neben Calciumfluorid einige Prozente Fluoride der seltenen 
Erden enthielt — also eine Art Yttrocerit — , und der im 
gevulverten Zustande auf den schwachglühenden Boden 
einer Platinschale gestreut, plötzlich durch die ganze Masse 
mit intensiv goldfarbenem Lichte aufleuchtete unter gleich- 
zeitiger Entwicklung von Helium. In einer späteren Arbeit-) 
stellte er fest, dafs das Mineral neben Wasserstoff, Kohlen- 
oxyd, Kohlendioxyd und Kohlenwasserstoffen 0,024 bis 
0,027 ccm Helium pro g abgab, gleichgültig, ob das Gas 
durch Erhitzen des Minerals im Vakuum, durch Schmelzen 
mit Bisulfat oder durch Behandeln mit Säuren ausgetrieben 
wurde. Andere Flufsspate verschiedenen Herkommens, die 
beim Erhitzen gleichfalls Fluorescenzerscheinungen zeigten, 
lieferten wohl erhebliche Mengen Gas, aber keine Spur von 



') I. Thomsen, Über Abtrennung von Helium aus einer natür- 
lichen Verbindung unter starker Licht- und Wärmeentwicklung. Zeitschr. 
f. phys. Chem. XXV. 1,112 (1898). 

") Die in einigen grönländischen Mineralien enthaltenen Gase. 
Dansk. vidensk. Selsk. Forhandl. 2, 53—57 (1904). C. B. II, 147 (1904). 



Die Ziisaiuinenselzung heliuiufUhrender Mineralien. 



21 



Helium. TiiOMSEN vermutet daher, dafs die Gegenwart des 
Heliums im Flufsspat von der der seltenen Erden be- 
dingt wird. 

Sowohl Becquekel') als Urbain und Scal") haben nun 
in 15 verschiedeneu Flurss])aten durch die Beobachtung der 
Phosphorescenzspektra die Anwesenheit von seltenen Erden, 
besonders die des Gadoliniums, nachgewiesen. 




Fig. 6. Roter Flufsspat (//e-lialtig) aus Ivigtut (Süd-Gröulaud). 
Exposition G Tage. 

Der Flufsspat wird also ziemlich allgemein von Fluoriden 
der seltenen Erden begleitet, ohne dafs er gleichzeitig einen 
Gehalt an Helium aufzuweisen hat. 

Zur Erklärung des merkwürdigen Verhaltens des grön- 
ländischen Vorkommens wurde daher das Mineral einer 
eingehenden Untersuchung unterzogen. 

Der Flufsspat hat eine rote an Eisenoxyd erinnernde 

Phosphorescenzspektra von Flufsspat in Gegenwart seltener 
Erden. Cr. 146,440—446 (190*5). 

Ultraviolette Phosphorescenzspektra von Flufsspaten. C. r. 
114, .^0—32 (1H07). 



22 



Hans Lange, 



Farbe, ist in dlinnen Splittern durelisiclitig und durchsetzt 
gangartig und in feinen Adern den Kryolith, der, besonders 
in der Nähe der Fhifsspatzone, durch Kohlenwasserstoflf'e 
intensiv schwarz gefärbt ist, beim Glühen aber vollkommen 
farblos wird; daneben sind reichlich Kupferkies, Pyrit, 
Eisenspat, Quarz und anderes eingesprengt. Der Flufsspat 
ist kristallinisch ausgebildet, er zeigt an den Bruchstellen 
matten Glasglanz. Das sp. Gew. des reinen Materials wurde 
zu 3,28 gefunden. 

Ein Versuch auf der photographischen Platte zeigte 
eine merkliche Aktivität der Flufsspatzone, während der 
umgebende schwarze Kryolith nicht auf die Platte wirkte 
(siehe Fig. 6). 

Es wurde daher untersucht, ob sich noch radioaktive 
Elemente, speziell Uran, als Beimengungen in dem Material 
vorfänden. 

Zur Analyse wurde ein reichlich Flufsspat enthaltendes 
Mineralstück kleinkörnig zerstofsen und zwecks Entfernung 
des inaktiven schwarzen Kryolith s (sp. Gew. 2,95) mit 
TnoTJLET'scher Lösung vom sp. Gew. 3,05 im Ki.EiN'schen 
Apparat mehreremals behandelt. Von kleinen Mengen bei- 
gemengten Kupferkieses wurde der Flufsspat durch Auslesen 
unter der Lupe möglichst befreit. Wurde nun der Rückstand 
wieder mehreremals mit TouLEx'scher Lösung, die auf ihr 
höchsterreichbares sp. Gew. 3,19 gebracht war, geschüttelt, 
und die zuerst untersinkenden, schwersten Teilchen von den 
sich weniger schnell absetzenden möglichst schnell abgetrennt, 
so erzielte man schliefslich eine Zweiteilung des Materials 
in nahezu reinen Flufsspat und einen Flufsspat, der die 
spezifisch schweren Beimengungen der radioaktiven Elemente, 
falls solche vorhanden waren, enthalten mufste. Beide 
Materialien zeigten nach dem Trocknen prächtig die von 
Thomsen beschriebene Leuchterscheinung. 

Das spezifisch leichtere Material bestand, wie die 
quantitative Analyse zeigte, neben geringen Beimengungen 
von Aluminium und Natrium — von nicht ganz entferntem 
Kryolith herrührend — aus Calciumfluorid mit einem Gehalt 



') Bull. Soc. mincral. II. 17, 189 (1879). 



Die Ziisammensotzung heliumfiihrendcr Mineralien. 



23 



von 3,99"/,, an seltenen Erden. Diese hatten das nach der 
synthetischen Sulfatniethode ermittelte >\qnivalentgewi('ht 145. 
Die Oxyde waren sehwach rosa gefärbt, die Sulfate waren 
weifs und Helsen nur ein überaus schwaches Absorptions- 
spektrum der Erbiuerden erkennen. Sie wirkten infolge 
eines Gehaltes an Thorium nach 5 tägiger Exposition auf 
die photogra])hische Platte ein (siehe Fig. 7). Die Unter- 
suchung des spezifisch schwereren Materials ergab dagegen, 
dafs es nur zu 92 "/q aus rotem Flnfsspat bestand, während 
die übrigen 8 Prozent als dem Flufsspat nicht zugehörig 




Fig. 7. i'bS- (links) und, T/iOa'- baltige seltene Erden (rechts) aus 
Flufsspat (Süd -Grönland). Exposition 5 Tage. 

angesehen werden mufsten. Neben Kupfer und Eisen, in 
Verbindung mit Schwefel als Bestandteile des Kupferkieses, 
fanden sich die vermuteten radioaktiven Elemente, nämlich 
2,03 «/o ÜO-i und 1,68 o/o PbO (siehe Fig. 7). 

Dafs das Uran nicht als Fluorid vorlag, zeigte sich 
schon daran, dafs das Mineral kein Absorptionsspektrum 
lieferte. Die beiden Elemente liefsen sich zum grofsen Teil 
mit verdünnter Salzsäure aus dem feingepulverten Geraenge 
ausziehen, wobei ein wenig Kohlensäure entwich. 

Aus diesem Befunde geht hervor, dafs kein einheitliches 
Mineral, sondern ein Gemenge verschiedener Verbindungen 
vorlag. Wie sich der Flufsspat hier auf sekundärer Lager- 
stätte im Kryolith gebildet hat, so haben sich auch aktive 
Verbindungen — als Niederschläge von nicht bestimmter 
Zusammensetzung — aus den Wässern abgeschieden und 



24 



Hans Lange, 



durolisetzeu mm mit dem Flufsspat eng vermischt die Hohl- 
räume des Kryoliths. Der Flufspat scheint besonders ge- 
eignet zu sein, Helium, das sich hier aus den beigemengten 
Mineralsubstauzen gebildet hat, zu absorbieren, oder, wie 
TuAVEKS ') das Helium in Mineralien auffalst, mit dem 
Helium eine feste Lösung zu bilden, während der Kryolith 
diese Fähigkeit nicht besitzt. 

Der von Ussing-) bescliriebeue, ebenfalls am Arksut- 
fjord in Süd -Grönland vorkommende Kryolithionit, in dem 
die Hälfte des Natriums durch Lithium ersetzt ist, schliefst 
sich dagegen in seinem Verhalten dem Helium gegenüber 
dem roten Flufsspat an. Es wurde beobachtet, dafs er im 
Vakuum erhitzt, eine beträchtliche Menge Helium abgibt. 
Dabei zerspringt er zu feinem Pulver. 

Hält der Kryolith auch kein Helium, so scheint er doch 
anderweitig durch die Nähe der aktiven Verbindungen be- 
einflufst worden zu sein. Es ist auffallend, dafs er be- 
sonders in der, nächsten Umgebung des Flufsspates durch 
Kohlenwasserstoffe intensiv schwarz gefärbt ist, während 
die weiteren Partien allmählich heller werden. Eine aus- 
reichende Erklärung hierfür kann bisher nicht gegeben 
werden. 

III. Analytisches. 

Bei der Analyse von Niobaten und Titanaten bereitet 
die Bestimmung der drei Metallsäuren, Tantal-, Niob- und 
Titansäure nebeneinander die meisten Schwierigkeiten. Eine 
quantitative Scheidung der drei Säuren mittels einer einmal 
angewandten Methode ist bisher nicht möglich. Besonders 
hartnäckig haftet der Niobsäure stets das Titan an; ein 
gänzlich titanfreies Niobpräparat dürfte nach der Marignac- 
schen Fluoridmethode selbst nach vielen Kristallisationen 
nicht zu erreichen sein. Auch die nach 0. Hausers 



Travers, Über den Zustand des Heliums in Mineralien. Nature 
71, 248 (1900). 

■'') Bull, de l'Acadcmie roy. des scieuces et des lettres de Danmark 
3—12 (1904). C. B. I, 1100 (1904). 

3) Ann. Chim. Plij s. 4. 8,71 (19iiüj. 



Die Ziisaimuensetzung heliumfiibrender Mineralien. 



25 



Methode ') bei der Mineralanalyse abgeschiedene Niobsäure 
ist stets noch durch etwas Titan verunreinigt. 

Nun erschien vor kurzem eine Arbeit von Dittkich 
und Freund 5) über die Trennung von Zirkon und Titan 
mittels Ammouiumsalicylat. Während neutrale Zirkon- 
lösuBgen mit diesem Reagens einen im Überschuss des 
Fällungsmittels unlöslichen Niederschlag gibt, ist das Titan- 
salicylat^') ein in lieilsem Wasser leicht löslicher Körper 
und liefert eine durchaus kochbeständige Lösung. Diese 
wertvolle Eigenschaft des Titans liefe eine Anwendbarkeit 
bei der Trennung von Niob und Tantal vermuten und gab 
Anlafs, das Verhalten der beiden Elemente gegen Animon- 
salicylat zu untersuchen. 

Bei der Nachprüfung der erwähnten Arbeit zeigten sich 
die Schwierigkeiten, die trotz des verschiedenen Verhaltens 
der beiden Elemente Zirkon und Titan sich bei der Trennung 
mittels Ammoniumsalicylat ergeben, vollkommen bestätigt. 
Es gelang aber auch nicht, diese Schwierigkeiten, bedingt 
durch das Mitreil'sen des Titans durch das Zirkon, durch 
die von den Verfassern angegebenen Vorsichtsmafsregeln 
zu umgehen. 

Es wurden aus reinstem Titansulfat und Zirkon- 
oxychlorid nach Vorschrift^) die Nitratlösungen hergestellt 
Die Lösungen wurden kurz vor Gebrauch neutrahsiert, indem 
man tropfenweise Xatriumcarbonat aus einer Bürette zufliefsen 
liefs. Die entstehende Trübung bei zunehmender Neu- 
tralisation verschwindet nur äufserst langsam und bleibt 
schliefslich bes^tehen, wobei die Lösung noch 5*^ „ freie Säure 
und darüber enthält. Die lange Zeit, die man zur Neu- 
tralisation gerade der Zirkonlösung braucht, beschleunigt 
aber eine Hydrolyse, die, wie Kuer^) exakt nachgewiesen 
hat, alle Zirkonylsalze in neutraler wässriger Lösung erleiden. 



') Zeitschr. f. anorg. Chem. 00, 233 (1908). 
-) Zeitschr. f. anorg. Chem. 56,344 (1908). 

') Es entspricht dem von Levy (Ann. Chim. Phys. 6. 2.5, 501 
[1892]) erhaltenen Titansalicylat TiO,[CuH,CO).2. 

*) Dittrich und Pohl, Zeitschr. f. anorg. Chem. 4.5,236—241 
(1905). 

Zeitschr. f. anurg. Chem. 43, 2S2 (1905). 



26 Hans Lange, 

und die sehliefalieh zum kolloidalen Zivkonhydroxyd führt. 
Dasselbe gilt auch für die Lösungen des Titans. Es ist 
erklärlieh, dafs in solchen unechten Lösungen die Einwirkung 
von Reagentien eine verschiedene sein mufs, je nach Kon- 
zentration, Temperatur und Herstellungszeit. 

Beim Eintropfen der gemischten, möglichst neutralisierten 
Lösung in eine kochende 20 prozentige Ammonsalicylatlösung 
bildete sich wohl das unlösliche Zirkonsalicylat und die 
intensiv gelb gefärbte Lösung des Titansalicylates, stets 
aber ging auch Titan mit in den Niederschlag, aus dem 
es sich durch Auswasehen nicht befreien liefs, und zwar, 
bei sonst gleichen Versuchsbedingungen, wechselnde Mengen. 
Andererseits blieben auch nachweisbare Mengen Zirkon in 
Lösung. Bei nochmaligem' Fällen des verglühten und wieder 
in Nitrat verwandelten Niederschlages trat dieselbe Er- 
scheinung wieder ein, sodafs eine befriedigende (luantitative 
Scheidung nach zweimaliger Wiederholung der Operation 
noch nicht erreicht werden konnte. 

Angewandt je 10 ccm einer Titan- und Zirkonnitratlösung 
enthaltend: 

L 0,0712 g TiO-, und 0,0466 g ZrO-, 
gaben 0,0693 g „ „ 0,0489 g „ 

2. 0,0712 g „ „ 0,0466 g „ 
gaben 0,0702 g „ „ 0,0478 g „ 

3. 0,1042 g „ „ 0,1078 g „ 
gaben 0,1030 g „ „ 0,1094 g „ i) 

Bietet somit die Trennung der beiden vierwertigen 
Elemente Zirkon und Titan mittels Ammousalicylat keine 
Vorteile den bisher üblichen Methoden gegenüber, so wird 
das Verhalten des Titans gegen Ammonsalieylat umso wert- 
voller bei der Abscheidung vom fünfwertigen Niob. 

Durch die Liebenswürdigkeit des Privatdozenten Herrn 
Dr. Hauser stand mir ein Niobpräparat zur Verfügung, das 
nach 15 maligem Umkristallisieren der Kaliumdoppelfluoride 



1) Die Analysenresultate vonDittrich und Freund zeigen stets 
mehr Titan gefunden als angewandt an. 



Die Zusammensetzung heliumführender Mineralien. 



27 



den nach dieser Methode höchst erreichbaren Reinheitsgrad 
hesafs. Die Fortführung dieser Methode hätte nicht da/Ai 
geführt, das Titan, dessen Anwesenheit sich durch die 
Wasserstoffsuperoxydreaktion leicht nachweisen liefs, vom 
Niob völlig abzuscheiden. In dem Ammoniumsalicylat besitzt 
man nun ein ausgezeichnetes Mittel, eine völlige Trennung 
der beiden Elemente zu bewerkstelligen. Das Ammonium- 
salicylat bildet mit der Niobsäure ]Sb20-,xH>0 eine unlösliche 
Adsorptionsverbindung. 

Die Trennung geschah in folgender Weise: 

2,9499 g titanhaltiges Niobfluorkalium wurden bei mög- 
lichst niederer Temperatur mit konzentrierter Schwefelsäure 
abgeraucht und zur Verjagung der Flufssänre möglichst zur 
Trockene eingedampft. Der Rückstand wurde mit wenig 
Wasser in eine tiefe Porzellankasserole gespült und mit 
500 ccm 20 prozentiger Ammonsalicylatlösung versetzt, worauf 
unter ständigem Rühren mittels einer Turbine eine Stunde 
gelinde erwärmt wurde. Lösung und Niederschlag färbten 
sich gelb. Nach dem Absitzen wurde noch heifs filtriert 
und der Niederschlag zunächst mit heifsem Ammonsalicylat, 
dann mit kochendem Wasser solange ausgewaschen, bis 
ein Tropfen des Filtrats mit Eisenchlorid keine Violettr 
färbung mehr gab. Das Filtrat wurde eingedampft und in 
einer Platinschale verglüht; der Rückstand mit Schwefel- 
säure aufgenommen, mit Wasser verdünnt und zur Ab- 
scheidung des Titans vom Kalium mit Ammoniak gekocht. 
Es hinterblieben 0,4368 g TiO^. 

Die Niobsäure war eine unlösliche gelbe Verbindung 
mit der Salicylsäure eingegangen. Der amorphe Nieder- 
schlag liefs sich heifs leicht filtrieren. 

0,2577 g lieferten beim Glühen: 

0,1772 g NhO, = 48,260,0 ^^b- 

0,2029 g lieferten beim Verbrennen : 

0,0510 g H-iO = 2,81 o/o H 
0,1382 g CO2 = 18,570/0 C 
Rest = 30,36 0/0 0. 



28 



Hans Lange, 



Diese Zahlen ergehen keine Verhindung mit stöchio- 
raetrischen Verhältnissen; es liegt vielmehr eine Adsorptions- 
verbiudung des Hydrogels Nb.,0-,xH.i<) mit der Salicyl- 
säure vor. 

Zur Untersuchung, ob Niob in Lösung gegangen war, 
wurde die aus dem Filtrat gewonnene Titansäure durch 
Behandeln mit Fluorkalium und Fhifssäure in das Doppel- 
fluorid übergeführt, die Schmelze mit Wasser aufgenommen 
und mit Zink und konzentrierter Salzsäure versetzt. Da 
eine Braunfärbung der Lösung mittels dieses emptindlichen 
Nachweises für die Gegenwart von Niob nicht eintrat, war 
die Niobsäure eine in Ammonsalicylat und heifsem Wasser 
absolut unlösliche Verbindung eingegangen. 

Jedoch genügt eine einmalige Behandlung mit Ammon- 
salicylat nicht, die Niobsäure absolut frei von Titan zu 
erhalten. 

Der verglühte Niederschlag wurde in einer Platinschale 
mit Flul'ssäure und konzentrierter Schwefelsäure gelöst, 
durch weites Eindampfen die Fhifssäure verjagt, und als- 
dann mit Wasser verdünnt, wobei sich Niobsäure zum Teil 
ausschied. Auf Zusatz von Wasserstoffsuperoxyd trat noch 
deutlich Gelbfärbung ein, wodurch sich die Anwesenheit des 
Titans verriet. 

Die Lösung wurde daher wieder fast zur Trockene 
eingedampft und, wie zuerst beschrieben, abermals der Ein- 
wirkung von Ammonsalicylat eine Stunde lang ausgesetzt. 
Die Lösung wie der Niederschlag färbten sich wiederum 
gelb. Nach dem Filtrieren, Eindampfen des Filtrates und 
Glühen fanden sich 0,0407 g TiO-j als in Lösung ge- 
gangen. 

Die erhaltene Niobsäure aber zeigte sich nach dem Ver- 
glühen so rein, dafs die Wasserstoffsuperoxyd-Reaktion auf 
Titan nicht mehr eintrat. 

Da die Löslichkeit des Titankaliumfluorides zwischen 
der des Tantal- und Niobkaliumfluorides liegt, erhält 
man nach dieser bisher üblichen Methode erst nach vielen 
mühsamen Kristallisationen ein annähernd titanfreies Niob- 
material. Die Reindarstellung von Niobpräi)araten mittels 
Ammonsalicylat ermöglicht dem gegenüber eine schnellere 



Die Zusammensetzung heliumführender Mineralien. 



20 



und einfachere Ausführung und gewährleistet den höchsten 
Reinheitsgrad der erhaltenen Produkte. 

Ganz analog der Niobsäure verhält sich nun auch die 
Tantalsäure Ta-iOr^rHiO gegen Ammonsalicylat; sie bildet 
eine unlösliche Adsorptionsverbindung. 

0,5026 g Titan- und Niobfreies Tantalpentoxyd wurden 
mit Flufssäure und konzentrierter Schwefelsäure in Lösung 
gebracht, zur Verjagung der Flufssäure bei möglielist niederer 
Temperatur vorsichtig fast zur Trockeue eingedampft, und 
der Rückstand mit wenig Wasser in den Rührapparat ge- 
spült. Darauf wurden 500 ccm einer 20 prozentigen Ammon- 
salicylatlösung hinzugegeben. Nach einstündigem Rühren 
unter Erwärmen liefs man absitzen und tiltrierte noch heifs. 
Der fleischfarbene Niederschlag filtrierte bedeutend schwerer 
als die entsprechende Niobverbindung, liefs sieh aber mit 
heifsem Wasser vollständig bis zum Verschwinden der 
Salicylsäurereaktion auswaschen. Das eingedampfte und 
in einer Platiuschale verglühte Filtrat hinterliefs nur einen 
Rückstand von 0,0010 g, der aus Verunreinigungen bestand, 
aber kein Tantal enthielt. 

Der Niederschlag lieferte beim Verglühen 0,5028 g TuiO:, 
und enthielt 55,1 2 o/o Ta. Er stellt eine, der mit Niobsäure 
erhaltenen analoge Adsorptionsverbindung der Tantalsäure 
la^O-^xUiO mit Salicylsäure dar und ist ein in heifsem 
Wasser und Ammonsalicylat unlöslicher amorpher Körper. 

Aus den gewonnenen Resultaten erhellt, dafs das 
Ammoniumsalicylat bei der Analyse von Titanniobaten und 
Tantalaten als ausgezeichnetes Reagens benutzt werden 
kann, Niob und Tantal vom Titan quantitativ zu scheiden. 

Man nimmt zweckmäfsig zunächst eine Rohscheidung 
vor. Hat man im Gange der Analyse aus der Kalilauge- 
Mannit- Lösung der drei Metallsäuren durch Versetzen mit 
Schwefelsäure die durch mitgerissenes Titan verunreinigte 
Niob- und Tantalsäure abgeschieden, so unterwirft man 
den Niederschlag in der angegebenen Weise einer zwei- 
maligen Behandlung mit Ammonsalicylat. Dabei ist es 
nicht erforderlich, die Filtrate einzudampfen und zu verglühen, 
was bei gröfseren Mengen eine lästige Operation ist; es 
läfst sich das Titan auch durch längeres Kochen mit 



30 



Hans Lange, 



Ammoniak bis zur Entfärbung der Lösung vollständig 
ausfällen. Dieses Titan fügt man der Hauptmenge hinzu, 
die man aus der Scliwefelsäure-Mannit-Ijösung durch Kochen 
mit Ammoniak erhalten hat. 

Mit Hilfe dieser kombinierten Methode ist die Scheidung 
des vierwertigen Titans von den fünfwertigen Metallsäuren 
eine quantitative. 

IV. Über Zirkonoxjchlorid. 

Das für die Untersuchung über die Trennung von Zirkon 
und Titan erforderliche Zirkonmaterial wurde durch Reinigen 
des käuflichen Zirkonnitrats über das Oxychlorid erhalten. 
Mit Rücksicht auf die zum Teil sich widersprechenden 
Angaben in der Literatur über dieses Salz und sein Verhalten 
beim Erhitzen wurden bei dieser Gelegenheit dahingehende 
Untersuchungen angestellt. 

Käufliches Zirkonnitrat, das durch etwas Aluminium 
verunreinigt war, wurde mit überschüssiger Kalilauge gefällt, 
das Hydroxyd bis zum Verschwinden der alkalischen Reaktion 
mit Wasser ausgewaschen und in einem Überschufs von 
konzentrierter Salzsäure gelöst. Die Lösung wurde solange 
eingedampft, bis ein Tropfen am Glasstabe herausgenommen 
leicht kristallisierte. Unter ständigem Rühren entstanden 
während des Erkaltens kleine quadratische Kristallnadeln 
des Oxychlorids, die an der Saugpumpe abgesaugt, mit 
konzentrierter Salzsäure, dann mit Äther ausgewaschen und 
schliefslich zwischen Flielspapier getrocknet wurden. 

Dieses Salz wurde zuerst von Hermann') näher be- 
schrieben, nachdem es bereits Bebzelius'^) durch Auflösen 
von Zirkonsäurehydraten in Salzsäure erhalten hatte. Uber 
den Kristallwassergehalt herrschte zunächst keine Einigkeit. 
Hermann!) stellte die Formel ZrOCl.2 9 H2O auf, Paykull*) 
dagegen ZrOCh^H-iO. Mats Weibull^) und letzthin 

1) B. 1.25,147. J.f.pr.Chem. 31,75. 97, 321 u. 330. J. l&'J. 191 (1866). 
=) Sv. Vetensk Akad. Handl. P. A. 4, 117 (1824). 
») Oefers. Sv. Vetensk Akad. Handl. 22 (1873). J. 263 (1873). 
241 (1879). 

") Ber. 1394 (1887). 



Die Zusainmenselziing heliuuifiihrender Mineralien. 



31 



KoseNHEiM nucl Frank') haben das Oktoliydrat Paykulls 
bestätigt. Das von mir auf die angegebene Weise er- 
haltene Salz hatte ebenfalls die Zusammensetzung ZrüCU 
SILO. 

Wurde das Salz auf eine andere Weise dargestellt, indem 
man einen ÜberschuCs der Säure zu einer Lösung von Zirkon- 
hydroxyd in konzentrierter Salzsäure tropfen liefs, so 
kristalisierte in Übereinstimmung mit den Angaben von 
Venable und Baskerville^) das Salz mit sechs Molekülen 
Wasser aus, während Paykull^) dabei ZrOCli2^j2 H-iO 
fand. 

Beim Erhitzen des Oktohydrates soll nun nach E.Mellis'') 
das Salz bei 60" C. 31/2 Moleküle Wasser verlieren und schliefs- 
licb nach Hermann*) in die Verbindung Zr(7Z4 2 ifr 02 über- 
gehen. Nach Venable und Baskerville^) soll aufserdem 
ein Oxychlorid mit 'S J 1^0 beim Erhitzen im Salzsäurestrom 
bei 100" entstehen. Diese Angaben konnten nicht bestätigt 
werden. 

Zur Untersuchung des Verhaltens des Oxychlorids ZrOCU 
8 H-xO beim Erhitzen auf verschiedene Temperaturen wurde 
das Salz im Platinschififchen in einem kurzen Verbrenuungs- 
rohr erhitzt, durch welches trockene Luft geleitet wurde, 
und das durch ein mit Paraffiniini liquidum gefülltes weiteres 
Glasrohr führte. Zwecks Einstellung des Gleichgewichtes 
konnte die Temperatur im Rohr eine Stunde konstant 
gehalten werden. Es wurde beobachtet, bei welchen Tem- 
peraturen jeweilig bei höherem Erhitzen Wasser entwich, 
und danach die bei den gefundenen Temperaturen ent- 
standenen Produckte analysiert. Die Ergebnisse sind in 
Tabelle I zusammengefafst und stellen die Mittelwerte aus 
je drei ausgeführten Analysen dar. 



1) Ber. 38, 812 (19Ü5). I. Mitteüungen über Salze des Zirkon- 
oxychlorids. 

2) J. Am. Chem. Soc. 19, 12 (1897). 

3) Paykull 1. c. 

*) Zeitschr. f. Chem. 2. 6,296 (1870). 
^) Hermann 1. c. 

«) J. Am. Chem. Soc. 20, 231 (1898). 



32 



Hans Lance, 









T 

e 1. 






T 


o/o Zr 


°/o a 


Zr 


zu VI 




bis CO» 


22,15 


28,30 




2 


ZrOCk 8 IW 


60° 


36,30 


28,38 




2 


ZrOCl, 4 H^O 


DO» 


40,79 


28,18 




1,765 




120° 


50,15 


31,76 




1,619 




150° 


54,35 


25,14 




1,161 




200° 


54,31 


27,18 




1,279 





Bei 60" entweichen 4 Moleküle Wasser unter Zurück- 
lassung des Salzes ZrOCl^AH^O 





berechnet: 


gefunden : 


ZrO 


42,73 "/o 


42,720/0 


Gl, 


28,40 „ 


28,38 „ 




28,87 „ 


28,92 „ 




100,OOo/« 


100,02 «/ü 



Demnach treffen die älteren Angaben von Mellis (1. c), 
dafs nur S'/-, Moleküle Wasser entweichen, nicht zu. 

Bei 1000, 1200 und 150" entweicht jedesmal Wasser, 
aber unter gleichzeitiger Mitnahme von Salzsäure. Die ent- , 
stehenden Produkte sind nicht als chemische Verbindungen 
mit stöchiometrischen Verhältnissen anzusehen. Oberhalb 
1500 entweicht kein Wasser mehr, die Kristalle werden 
trüb und undurchsichtig; das Verhältnis von Zr:0:Gl ist 
bei 2000 gleich 1:1,93:1,279. Die Hermann sehe Verbindung 
2ZrO.ZrCli, bei der das Verhältnis von Z»-: 0:CZ= 1 : 1,33 
: 1,33 ist, konnte bei keiner, auch nicht bei noch höherer 
Temperatur erhalten werden. Von 100" ab werden die 
Kristalle nicht mehr von Wasser gelöst, sondern unter Ab- 
scheidung basischer Produkte zersetzt. 

Das Mitnehmen von Salzsäure durch das entweichende 
Wasser läfst sich auch nicht durch Überleiten von Salzsäure- 
gas während des Erhitzens vermeiden. Es entstehen dabei 
nur zwei wohldefinierbare Salze. 

Die Versuche wurden wiederum so angestellt, dafs zu- 
nächst die Temperaturen festgelegt wurden, bei denen 
jeweilig beim höheren Erhitzen im Salzsäurestrom Wasser 
entwich. Zur Einstellung des Gleichgewichts wurde die 



Die Zusammensetzung heliumflihrcndcr Mineralien. 33 



Temperatur eine Stunde lang konstant gehalten, dann liefs 
man im Salzsäurestrom erkalten und schickte zuletzt trockene 
Luft durch das Rohr, worauf die entstandenen Produkte 
sogleich analysiert wurden. Die Mittelwerte aus je drei 
ausgeführten Analysen sind in Tabelle II zusammengestellt: 



Tabelle II. 



T 




»/o Cl 


Zr 


zu Cl 




bis 60" 


22,15 


28,30 


1 : 


•2 


ZrOCk 8 HiO 


60° 


25,83 


40,33 


1 : 


3,99 


ZrOCk2HClö^!iH.,0 


100" 


40,11 


36,00 


1 : 


2,294 




150° 


42,43 


33,50 


1 : 


2 


ZrOCklH^O 


180" 


49,21 


36,31 


1 : 


1,885 




200" 


51,77 


33,24 


1 


1,641 




305» 


60,03 


10,19 


1 


0,689 





Beim Erhitzen des Zirkonoxychlorids im Salzsäurestrom 
schmelzen zunächst die Kristalle in ihrem Kristallwasser, 
verlieren dann bei 60" 21/2 Moleküle Wasser und nehmen 
dafür 2 Moleküle Salzsäure auf, wobei die Lösung zu einer, 
an der Luft etwas rauchenden, in Wasser leicht löslichen 
kristallinischen Verbindung erstarrt. 



berechnet : gefunden : 

ZrO 30,540/0 30,40 ö/o 

Cli 40,56 „ 40,38 „ 

5V2i?2Ö 28.34 „ 28,62 „ 



Bei 100 0 entweicht aus dieser Verbindung Kristall- 
wasser unter Mitnahme von Salzsäure, aber nicht der ge- 
samten aufgenommenen. Das Verhältnis von Zr : Cl war 
höher als 1:2. In keinem Falle entstand das von 
Venable und Baskerville (1. c.) beschriebene Salz ZrOCl-i 

Erst bei 150" verschwindet unter abermaliger Wasser- 
abgabe der letzte Rest der bei 60" aufgenommenen Salz- 
säure, und es entsteht ein einheitliches Salz. Es enthält 
zwei Moleküle Kristallwasser und ist in Wasser leicht 
löslieh. 

Zeitschr. f. Naturwiss. Halle a. S. Bd. 82. 1910. 3 



34 H. Lange, Zusammensetzung heliumführender Mineralien. 




berechnet : 

49,930/0 
33,20 „ 
16,87 „ 



gefunden 
49,930/0 
33,50 „ 
16,53 „ 



100,000/0 



99,96 0/0 



Diese letzten zwei Moleküle Kristallwasser entweichen 
bei 1800, gie nehmen 9,ber gleichzeitig Salzsäure mit, welche 
das darübergeleitete Salzsäuregas nicht zu ersetzen vermag. 
Es hinterbleibt ein durch Wasser zersetzbarer, keinen 
stöchiometrischen Verhältnissen entsprechender Körper, der 
beim höheren Erhitzen immer mehr Salzsäure verliert und 
schliefslich bei 305o zum Teil als ZrCl^ sublimiert. In dem 
zurückbleibenden Körper verhalten «ich Zr : Cl = 1 : 0,689. 
Auch beim Erhitzen im Salzsäurestrom konnte somit bei 
keiner Temperatur die Existenz der Verbindung Zr-^OiCli 
festgestellt werden. 



ZrOCliSHiO (Paykull) ZrOCkQKiO (Hermann) 
ZrOChQHiO (Venable & ZrOC^Q^kH^O (Paykull) 

Baskerville) 
ZrOCli 2 HCl b^i-i H-i 0 (Lange) 



Übersicht. 



Es existieren: 



Es existieren nicht: 



ZrOChAH'iO (Lange) 



ZrOCl-i^^kKiO (Mellis) 
ZrOCkSH^O (Venable & 
Baskerville) 



ZrOCh2H<iO (Lange) 



Zr^OiCli (Hermann) 



Waclistunisverliältnisse 
einiger liolzzerstörenden Pilze 

von 

Dr. Karl Hoifmann 

Mit 9 Figuren im Text 

Das Studium der bolzzerstörenden Pilze hat neuerdings 
wesentliche Fortschritte gemacht, nachdem diese Klasse 
lange Zeit hindurch nur wenigen Systematikern bekannt, 
von der physiologischen Forschung aber gänzlich ver- 
nachlässigt gewesen war. Die Isolation der Arten in Rein- 
kultur ist öfters nicht ganz leicht; nach den ausgedehnten 
Untersuchungen Brefelds, die sich über die ganze Pilz- 
klasse erstreckten und dabei auch eine gröfsere Anzahl 
von holzzerstörenden Polyporaceen behandelten, schien 
es, als ob die Beschäftigung mit dieser Pilzklasse un- 
dankbar sei. 

Erst ganz neuerdings wurden durch Falck i) und Mez -) 
eine Anzahl von Daten zur Biologie der holzzerstörenden 
Pilze veröffentlicht, die allgemeines Interesse verdienen und 
zeigen, dafs manche physiologischen Probleme mindestens in 
beachtenswerten Spezialfällen hier zur Erörterung stehen. 

Ausgegangen sind diese Untersuchungen von dem Haus- 
schwamra [Merulius lacrymans). Das Bedürfnis der Praxis, 
das lebhafte Interesse, welches Baumeister und Haus- 
bewohner für diesen Zerstörer des eingebauten Holzes unserer 
Wobnungen leider besitzen müssen, hat zur Erörterung 

Richard Falk, Wachstuinsgesetze, Wachstumsfalitoren und 
Temperaturwerte der holzzerstörenden Mycelien. 

Carl Mez, Der Hausschwamm und die übrigen holzzerstören- 
den Pilze der menschlichen Wohuungen. 

3* 



36 



Karl Hoffmann, 



[2] 



einer Anzahl von Problemen über das Wachstum desselben 
geführt. 

Die an das Auftreten des Hausschwammes sich öfters 
anknüpfenden gerichtlichen Streitigkeiten machten die De- 
finition dieses Pilzes und der mit ihm an gleichem Stand- 
ort in unseren Häusern vorkommenden Polyporaceen, 
Agaricaceen und Thel ephoraceen wichtig. Dadurch 
wurden Fragen der Speziesunterscheidung, Fragen nach der 
Bedeutung der Wachstumsdaten für die Abgrenzung der 
Arten und nach der Akkomodation der Formen an wechselnde 
Standortsbedingungen in den Vordergrund des Interesses 
gerückt. 

Insbesondere die zitierte Arbeit Falcks schien durch 
ihre Resultate darauf Anspruch erheben zu können, bedeut- 
sam für die Entscheidung mehrerer theoretisch und praktisch 
wichtiger Fragen zu werden. 

Von Herrn Professor Mez wurde mir deshalb die 
Aufgabe gestellt, die Untersuchungen von Falck über 
„Wachstumsgesetze, Wachstnmsfaktoren und Temperatur- 
werte der holzzerstörenden Mycelien" nachzuprüfen und diese 
Verhältnisse für andere holzzerstörende Pilze zu untersuchen. 

I. Längenwachstum holzzerstörender Pilze. 
1. Das Material. 

Das Material für meine Beobachtungen stellte mir Pro- 
fessor Mez in sehr liebenswürdiger Weise zur Verfügung. 
Herangezogen zur Prüfung wurden Meridius lacrymans 
(Sehum.), Merulius Silvester (aus Eberswalde),') Merulius 
favosus (Mez) = {Merulius hydnoides P. Hennigs), Folyporus 
va2)orarms (Fries), Folyporus vulgaris (Fries), Polyporus 
destructor (Fries), Polyporus serialis (Fries), Polyporus 
odoratus (Fries), Paxillus aclieruntius (Schroet.), Coniopliora 
cerehella (A. et Sch.). Von der Coniopliora standen zwei 
Formen zu meiner Verfügung, die sich durch verschieden 

^) Dieser Pilz ist von Herrn Professor Mez von seinem Stand- 
punkt bei Eberswalde geholt worden. Vgl. A. MöUer, Hausschwamm- 
untersucliungen, S. 29. 



WachstumsverhUltnisse einiger holzzerstörenden Pilze. 37 



gefärbte Mycelien von einander gut unterschieden. Ich habe 
sie als Coniophora cerebella I und Coniophora cerebclla II 
bezeichnet. Während 1 ein dunkleres Gelb zeigte, neigte II 
mehr zu hellerer Färbung; besonders in jungen Kulturen 
war // fast rein weifs. Schon Mrz') hat darauf hin- 
gewiesen, dafs die Coniophora cerebella aller Wahrschein- 
lichkeit nach aus mehreren wohl unterscheidbaren Spezies 
besteht. Während meiner Beobachtungen erhielt ich eine 
dritte Form der Coniophora cerebella, deren Mycel stets rein 
weifs blieb, ohne gelbliche Verfärbung anzunehmen; sie ist 
als Coniophora cerebella III aufgeführt. 

2. Methodisches. 

Als Kultursubstrat wurde Bierwürze gewählt, der So/q 
Agar-Agar hinzugesetzt wurde. Dieser seit langer Zeit 
bei mykologisehen Untersuchungen verwendete Nährboden 
hat sich auch bei meinen Versuchen sehr bewährt. 

Nach dem Vorgang von Fatx-k benutzte ich als Kultur- 
gefäfse Röhren in der Länge von 29 cm und einer lichten 
Weite von 2,5 cm. Sie wurden stets mit 35 ccm von dem 
Nährsubstrat beschickt, sterilisiert und beim Erkalten so 
gelagert, dafs der Nährboden eine ziemlich lange sehmale 
Leiste von gleichmäfsiger Oberfläche darstellte. 

Die Impfung wurde am vorderen Ende der Röhre vor- 
genommen, so dafs das Wachstum des Pilzes längere Zeit 
beobachtet werden konnte. Ubereinstimmend mit Faluk 
fand ich, dafs es nötig ist, den Pilz erst gut anwachsen zu 
lassen, um in den Wachstumsverhältnissen gute und einiger- 
mafsen übereinstimmende Werte zu erhalten. Aus diesem 
Grunde wurden die Röhren nach der Impfung einige Tage 
in Zimmertemperatur gehalten, bis die Mycelien einen Kreis 
von ca. 3 — 4 cm Durchmesser bewachsen hatten. 

Legt man die so behandelten Kulturen in Thermostaten, 
die man gleichmäfsig temperiert, so kann man nach kurzer 
Zeit ein gleichmäfsiges Wachstum konstatieren, das sich 
annähernd konstaut erhält, bis das ganze Substrat be- 
wachsen ist. 



1) Vgl. Mez, Der Hausschwamm, S. 164. 



38 



Karl Hoffmann, 



[4] 



Kulturen, die vollkommen die oberflächliche Nährschicht 
anj^eg-riffen hatten, blieben trotzdem noch monatelang lebendig. 
Dieses Verhalten der Pilze erklärt sieh daraus, dafs das 
Mycel, nachdem es die oberflächlichen Nährschichten ver- 
braucht hat, mehr in die Tiefe dringt, wie man an der 
Verfärbung des Nährbodens bemerkt. Auch bildet sich 
dadurch, dafs in den Kulturröhren, die nur mit einem 
Wattestopfen versehen sind, das Wasser aus dem Subtrat 
verdunstet, stets ein Luftraum zwischen Kulturboden und 
dem Glase. Dieser wird von den Pilzhyphen sofort auf- 
gesucht und so nach Möglichkeit der Nährboden ausgenutzt. 
Besonders bei Paxillus acheruntius ist dies Umwachsen des 
Nährbodens auffällig; doch auch Coniophora cereheUa, Toly- 
porus destrudor, Merulius lacrymans und Mernlius Silvester 
lassen diese Erscheinung sehr deutlich erkennen. 

Die Markierung des in bestimmten Zeitabschnitten hin- 
zugewachsenen Mycels geschah dadurch, dafs auf die Glas- 
röhren etwas über der Nährbodenschicht ein langer schmaler 
Papierstreifen aufgeklebt wurde. Bei der Beobachtung 
wurde die Röhre auf den Tisch gelegt und dann in Rich- 
tung der vorderen Hyphenenden ein Strich auf dem Papier- 
streifen gemacht und mit dem zugehörigen Datum versehen. 
Diese Markierung und Ablesung wurde mit blofsem Auge 
vorgenommen, da man ohne Lupe am besten und sichersten 
einen genauen und passenden Mittelwert erhält. Wenn die 
Beobachtungen abgebrochen wurden, so wurden die Mar- 
kierungen, vom ersten Tage der Beobachtung an gerechnet, 
abgemessen. Diese Methode lässt ein Abschätzen auf Zehntel 
Millimeter sehr gut zu. 

3. Beobachtungen des Wachstums in Kulturröhren. 

Bei diesen Untersuchungen stellten sich nun mannig- 
fache Abweichungen von den Resultaten heraus, die Falck 
erhalten hat. Infolge der verhältnismäfsig niedrigen Tempe- 
raturen im März und April war es mir möglich, im Keller 
des botanischen Instituts zu Halle die Temperatur annähernd 
konstant zu erhalten. Die Wärmezunahme betrug im Laufe 
eines Monats während der Beobachtungen 0,8 C, als 



[5] Wachstumsverhältnissc einiger holzzerstörenden Pilze. 39 

mittlerer Wert ergab sich 7,0 " C. Die Temperatur von 11" 
konnte in einem Thermostaten in einem ungeheizten Zimmer 
vollkommen gleicbmäfsig erhalten werden. 

Es seien an dieser Stelle die Beobachtungen an Merulius 
lacrymans und Merulius Silvester mitgeteilt. Es vpurden 
von jeder Spezies mehrere Parallelversuchc angesetzt; die 
Resultate sind nacheinander aufgezählt, vpobei A die erste 
Röhre, B die zweite, C die dritte usw. bezeichnet. 



t = 7,0" C. 



Spezies 


Zeit des 
Wachstums 


B Gesamt- 
B länge 


1 m 
ä ja 
<u O 
M) oä 

mm 


09 

mm 


Mittel- 
wert 


Ab- 
weichungen 


A. 


6.1V.— 10. IV. 


0,8 


0,8 


0,20 




0,111 


3Ierulius 


10.-20. 




3,4 


0,34 


] 0,311 


— 0,029 


lacrymans 


20.-24 


5,6 


1,4 


0,.S5 


J 


— 0,039 


B. 


lO.IV.— 20.IV. 
20.-24. 


6,8 
9,6 


6,8 


0,68 


} 0,686 


-f 0,006 
0 rti d 

U,Ui^ 


A. 


29. III— 2. IV. 


1,4 


t,4 


0,350 




-f 0,104 


Merulius 


2.— (•). 


3,1 


1,7 


0,425 




-1- 0,029 


Silvester 


6.-10. 


5,0 


1,9 


0,475 


0,454 


— 0,021 




10.— 20. 


10,1 


5,1 


0,510 




— 0,056 




20.— 24. 


12,0 


1,9 


0,475 




— 0,021 


B. 


2.5 III.— 29. III. 


1,4 


1,4 


0,35 




-1- 0,28 




29. III.— 2. IV. 


3,0 


1,6 


0,40 




-1- 0,23 




2.-6. 


6,0 


3,0 


0,75 


. 0,630 


— 0,12 




6.-10. 


8,4 


2,4 


0,60 


-t- 0,03 




10.-20. 


15,9 


7,5 


0,75 




— 0,12 




20.-24. 


18,9 


3,0 


0,75 




— 0,12 


t = 11,00 C. 












A. 


31.III.-4.IV. 


1,6 


1,6 


0,400 




-f 0,204 


Merulius 
lacrymans 


4.-8. 
8.-20. 


3,2 
11,6 


1,6 
8,4 


0,400 i 
0,700 1 


j 0,f 04 
1 


■\- 0,204 
— 0,096 




20.— 24. 


14,5 


2,9 


0,725 1 




— 0,121 



40 



Karl Hoffmann, 



[6] 



Spezies 


Zeit des 
WachstuiDS 


g Sic 

O 
mm 


SlJO 03 
1 

1-3 N 

mm 


00 

s 1 
^ t 

S 

mm 


Mittel- 
wert 


Ab- 
weichungen 


A. 


23.III.— 27.III. 


1,5 


1,5 


0,375 




— 0,016 


Merulius 


27.— 31. ' 


3,0 


1,5 


0,375 




— 0,016 


silvcstcv 


31.111.— 4. IV. 


4 5 


1,5 


0,375 


0,359 


— 0,016 




4.-8. 


5,5 


1,0 


0,250 


+ 0,109 




8.-20. 


10,0 


4 5 


0,375 




0,016 




20.— 24. 


11,5 


1,5 


0,375 




— 0,016 


^ = 24,00 C. 












A. 


27. III.— 29. III. 


2,5 


2,5 


1,25 




-f- 0,68 


Merulius 


29.-31. 


5,4 


2,9 


1,45 




+ 0,48 


lacrymans 


31.III.-2.IV. 


9,8 


4,5 


2,25 




— 0,32 




2.-4. 


1 1 1 

14,1 






1 Q'i 


n *>9 




4.-6. 


18,2 


4,1 


2,05 




— 0,12 




6.- 8. 


22,6 


4,4 


2,20 




— 0,27 




8.— 10. 


27,0 


4,4 


2,20 




— 0,27 




A. 


25.III.-27.III. 


6,3 


6,3 


3,15 




+ 0,06 


Merulius 


27.-29. 


12,9 


6,6 


3,30 




- 0,09 


Silvester 


29.-31. 


19,2 


6,3 


3,15 


3,21 


+ 0,06 




31. III.— 2. IV. 


25,5 


6,3 


3,15 


+ 0,06 




2.-4. 


31,9 


6,4 


3,20 




+ 0,01 




4.-6. 


38,5 


6,6 


3,30 




-0,09 


t = 26,00 c. 












A. 


23. III.— 25.111. 


2,9 


2,9 


1,45 




— 0,04 


Merulius 


25.-27. 


6,0 


3,1 


1,55 




— 0,14 


Silvester 


27.-29. 


8,8 


2,8 


1,40 




+ 0,01 




29.— 31. 


11,9 


3,1 


1,55 




— 0,14 




31. III.— 2. IV. 


13,6 


hl 


0,85 


1,41 


+ 0,56 




2.-4. 


16,3 


%' 


1,35 




+ 0,06 




4.-6. 


18,9 


2 6 


1,30 




+ 0,11 




6.-8. 


22,1 


3 2 


1,60 




— 0,19 




8.-10. 


25,4 


3,3 


1,65 




— 0,24 


B 


25. III.— 27.111. 


5,4 


5,4 


2,70 




+ 1,34 




27.-29. 


12,6 


',2 


3,60 




+ 0,44 




29.-31. 


21,2 


8,6 


4,30 


4,04 


— 0,26 




31. III.— 2. IV. 


30,8 


9,6 


4,80 




— 0,76 




2.-4. 


1 40,4 


9,6 


4,80 




-0,76 



Wachstumsverhältnisse einiger holzzerstörenden Pilze. 41 



Merulius lacrymans ergab in dieser Zeit der Beobach- 
tungen bei 2G,0" C. keine genauen Werte für das Wachstum. 
Von den 5 angesetzten Kulturen dieses Pilzes Uelsen drei 
ein geringes Wachstum erkennen; dies war aber so schwach, 
dafs genaue Messungen nicht vorgenommen werden konnten. 
Doch wird das Wachstum des Merulius lacrymans bei 26*' C. 
noch später behandelt werden. 

Leider wurden die Vergleichskulturen für Merulius 
lacrymans und 3Ierulius Silvester für ^ = 110 und ^ = 24" 
verunreinigt, so dafs die Resultate nicht brauchbar waren 
und aus diesem Grunde nicht zur Beobachtung des Längen- 
wachstums herangezogen werden konnten. 

Wenn wir die erhaltenen Werte mit denen vergleichen, 
die Falck*) bei seinen Untersuchungen bekommen hat, 
so ergeben sich wesentliche Abweichungen. Nach seinen 
Wachstumskurven würde sich die tägliche Wachstums- 
zunahme für Merulius lacrymans und Merulius Silvester 
bei 7,0" C. auf ca. 1,7 mm und 1,5 mm stellen, bei II" auf 
2,7 mm und 2,6 mm, bei 24" auf 3,2 mm und 6,2 mm, bei 
26,0" auf 0,0 mm und 6,9 mm. Von allen diesen Werten 
stimmt mit meinen Berechnungen mit Ausnahme des Merulius 
lacrymaus bei 26 " nicht ein einziger Uberein. 

Zur Erklärung dieses verschiedenen Verhaltens der Pilz- 
kulturen kann folgendes angeführt werden. Einerseits liegt der 
Gedanke nahe, dafs das Kultursubstrat dieses verschiedene 
Wachstum bedingt. Falck hatte als Nahrung den Pilzen 
ein festes Gelatine- oder Agar -Agar -Nährsubstrat gegeben 
und hierzu 10 o/o Malzextrakt hinzugesetzt, während mein 
Nährboden aus 95 "/o Bierwürze und 5Vü Agar-Agar bestand. 
Hiermit käme ich aber in Widerspruch zu dem von Falck 2) 
aufgestellten Längenwachstumsgesetz: „Die Längenwachs- 
tumswerte und die bedingenden Wachstumskräfte sind von 
dem jeweiligen Ernährungszustande resp. der Ernährungs- 
gröfse des Myceliums in weiten Grenzen unabhängig." Auch 
kann auf mein Nährsubstrat die von Falck gleichzeitig 
gegebene Anmerkung: 3) „Der Nährstoffmangel erreicht 

1) Vgl. Falck, S. 92 und 86. 
Ebenda S. 119 und 120. 
Ebenda S. 120. 



42 



Karl Hoffmann, 



[8] 



natürlich eine Grenze, bei welcher selbstverständlich auch 
das Längenwachstum beeinträchtigt wird" nicht angewandt 
werden. Denn der von mir benutzte Nährboden hat sich 
stets bewährt und gestattet ein sehr ergiebiges und kräftiges 
Wachstum. Auch von grolsem Wassermangel kann bei der 
angegebenen Zusammensetzung nicht die Rede sein. 

Die andere Möglichkeit, das so auffallend verschiedene 
tägliche Längenwachstum meiner Pilzkulturen zu erklären, 
ist die Annahme einer verhältnismäfsig grofsen individuellen 
Abweichung im Längenwachstum bei derselben Pilzspezies. 
Diese individuelle Abweichung kann sowohl darin zum Aus- 
druck kommen, dafs Pilze verschiedener Herkunft, denen 
die gleichen Bedingungen für ihr Wachstum geboten werden, 
in ungleichem Mafse wachsen, als auch darin, dafs es 
möglich ist, durch fortdauernde Kultur und Gewöhnung an 
ein bestimmtes Nährmaterial ein gesteigertes resp. ver- 
mindertes Wachstum der Mycelien zu erhalten. Es ist 
allerdings zu bemerken, dafs die tägliche Wachstumszunahme, 
in kleinen Zeitabschnitten gemessen, eine verhältnismäfsig 
konstante ist, so dafs für eine gewisse Zeit ein guter Mittel- 
wert gewonnen werden kann. Dem gegenüber ist aber 
gleichzeitig festzustellen, dafs diese Konstanz nie durch 
monatelange Kultur hindurch beobachtet werden kann. Ich 
weise aus diesem Grunde auch auf die Resultate von Falck 
hin, aus dessen Ubersichtstabelle ') klar hervorgeht, dafs die 
Gleich mäfsigkeit im Längenwachstum keine absolute ist, 
dafs also auch schon in kleineren Zeitintervallen Unter- 
schiede auftreten, die bei längerer Dauer der Kultur sich 
verstärken. Auch ein Vergleich der von Falck 2) angeführten 
acht Versuche über die Waehstumszunahine von Merulius 
Silvester zeigt deutlich, dafs tatsächlich, wenn auch nur 
geringe, Unterschiede im Längenwachstum von Merulius 
Silvester „vom Zaum" und „aus dem Walde" vorhanden 
sind. Nach der von Falck angegebenen Tabelle^) berechnet 
sich die Mittelzahl der Röhrchen des Merulius Silvester 



') Vgl. Falck, S. 76. 

2) Ebenda S. 75. 

3) Ebenda S. 73. 



Wachstuinsverhältnisse einiger hoizzerstürenden Pilze. 43 



„vom Zaun" auf 1,15, „vom Walde" auf 1,09, während 
die gröfisten Abweichungen durch 1,28 resp. 1,03 dargestellt 
werden. Beide Pilze waren seit langer Zeit in Kultur; ein 
Mycel seit 12, das andere seit IG Monaten. Trotzdem läfst 
sich nach dieser Zeit noch ein Unterschied feststellen, der 
unmöglich ganz übersehen werden kann. Wenn ich auf 
Grund meiner Beobachtungen und auf Grund der FAiX'Kschen 
Untersuchungen dazu komme, die zeitliche und individuelle 
Konstanz in dem oben angegebenen Sinne zu bezweifeln, so 
stelle ich mich dadurch in Gegensatz zu Faix'K, der die 
zeitliche und individuelle Konstanz der Wachstumswerte 
eines Pilzes unter bestimmten konstanten Bedingungen als 
eine absolute annimmt. 

Um nachzuweisen, dafs der Nährboden, also sein Gehalt 
an für den Pilz zugänglichen Nährstoffen, auch für die von 
mir untersuchte biologische Pilzgruppe sehr wesentlich und 
sehr wichtig ist, habe ich bei einigen Parallelversuchen 
einen Nährboden aus dunkler Bierwürze benutzt. Diese 
Bierwürze wurde ebenfalls mit 5'Vo Agar-Agar vermischt 
Es erschien mir unnötig, weitere Versuche mit verschiedenen 
Variationen des Nährsubstrates zu machen, da die auch 
weiterhin sehr grofse Abweichung im Längenwachstum 
meiner Pilzkulturen von denen Falcks die Abhängigkeit 
des Längenwachtums vom Nährboden aufs klarste beweist. 
Wenn Falck im Verlauf seiner Untersuchungen') zu dem 
Resultat kommt, dafs seine Wachstumsversuche auf einem 
Substrat mit verschiedenen Nährstoffmengen „unzweideutig 
die völlige Unabhängigkeit des Längenwachstums von dem 
Einflufs der Ernährungsgröfse" beweisen, so ist dagegen 
doch mancherlei einzuwenden. Einmal zeigten meine Kultur- 
versuche auf einem anderen Nährboden stets andere Wachs- 
tumsgröfsen als Falck erhielt; ferner beweist die Tatsache, 
dafs das FAi.CKsehe Substrat, wenn es mit l^/o, IC/o oder 
20''/o Nährstoffen beschickt war, eine fast gleiche Wachs- 
tumszunahme des hierzu untersuchten Pilzmycels zuliefs, 
garnichts. Denn jeder Pilz kann nur die Nährstoffe verwerten, 
die er tatsächlich aufnehmen kann. Alles, was über das 



0 Vgl. Falck, S. 119. 



44 



Karl Hoffmänn, 



[10] 



Optimum an Nährstoffgehalt hinausgeht, ist für ihn von 
keiner ernährungsphysiologischen Bedeutung. Die Versuche 
von Falck beweisen nur, tlafs ein Nährstoffgehalt von 20 "/o 
dem Wachstum des Pilzes in keiner Weise mehr förderlich 
wa.r, als einer von Io/q. Demnach variierte tatsächlich der 
Gehalt an Nährstoffen nicht in „sehr weiten", sondern in 
relativ engen Grenzen, und die FALxcschen Untersuchungen 
lehren nur, dafs ein Nährstoffgehalt eines Substrates über 
das Optimum hinaus das Längenwachstum der Pilzmycelien 
in merklicher Weise nicht beeinflufst. Dafs dagegen Unter- 
schiede im Längenwachstum auftreten, wenn Nährstoffmangel 
vorhanden ist, bemerkt auch Falck. ') 

Die zweite Möglichkeit, dafs die individuelle Ab- 
weichung meiner Pilze von denen Falck s eine so grofse 
ist, wie aus dem Vergleich meiner Resultate mit denen Falck s 
hervorgeht, wurde in der Weise geprüft, dafs die Pilze, welche 
im März und April auf ihr Längenwachstum hin bei 24" 
und 26 ö untersucht wurden, nochmals im Mai denselben 
Bedingungen unterworfen wurden. Ich mufs darauf hin- 
weisen, dafs es allerdings möglieh ist, dafs die Verschieden- 
heiten, die sich hierbei herausstellen werden, auch auf die 
verschiedene Bierwürze zurückgeführt werden können. Denn 
eine Brauerei kann unmöglich zu verschiedenen Zeiten 
absolut identische Bierwürze liefern. Doch kann diese 
Rückführung nur zum Teil geschehen; denn gerade die Be- 
obachtungen des Längenwachstums von Merulius lacrymans 
bei 26" weisen mit Nachdruck daraufhin, dafs durch Kultur 
das Längenwachstum gesteigert werden kann. Auch wurde 
eine Kultur von Merulius lacrymans, die im März und April 
bei 24" beobachtet worden war, unter denselben Bedingungen 
im Mai kultiviert. Die Bierwürze war die gleiche, der Pilz 
war derselbe, und doch war im Mai ein wesentlich ge- 
steigertes tägliches Längenwachstum zu bemerken. Die 
Beobachtungen mögen der bequemeren Ubersicht wegen in 
Tabellen folgen. 



1) Vgl. Falck, S. 119 und 1'2(). 



[11] Wachstumaverhältnisse einiger holzzerstörenden Pilze. 45 
t = 24,0» C. 



Spezies 


Zeit des 


samt- 

Inge 


Längen- 
zuwachs 


1 

CO 


Mittel- 


Ab- 


Wachstums 


O 


N 


wert 


weichungen 






mm 


mm 


mm 






A. 


15. III.— 17. III. 


8.2 


8,2 


4,10 




+ 7,95 


Coniophora 


17.— 19. 


21,9 


13,7 


6,85 




+ 5,20 


cerebella I 


19.— 21. 


30,4 


14,5 


7,25 




+ 4,80 




21.— 23. 


53,9 


17,5 


8,75 




4- 3,30 




OO OK 

Zu. Äl), 


74,8 


20,9 










25.-27. 


100,2 


25,4 


12,70 




— ü,65 




27.-29. 


123,7 


23,5 


11,75 


12,05 


+ 0,30 




29.-31. 


151,9 


28,2 


14,10 


— 2,05 




31.1II.-2.IV. 


175,4 


23,5 


11,75 




+ 0,30 




2.-4. 


198,5 


23,1 


11,55 




+ 0,50 


B. 


15.III.— 17.III. 


8,9 


8,9 


4,45 




+ 6,66 




17.— 19. 


18,4 


9,5 


4,75 




+ 6,36 




19.— 21. 


30,2 


11,8 


5,90 




+ 5,21 




21.-23. 


41,8 


11,6 


5,80 




4- 5,31 




23.-25. 


57,8 


16,0 


8,00 




+ 3,11 






79,4 


21,6 


1 n ü(\ 

1 U,oU 




_L A Q 1 
+ 0,<il 




27.-29. 


101,0 


21,6 


10,80 


! 11,11 


+ 0,31 




29.— 31. 


125,3 


24,3 


12,15 




— 1,04 




31.III.-2.IV. 


145,4 


20,1 


10,05 




— 1,06 • 




2.-4. 


168,9 


23,5 


11,75 




— 0,64 


A 

JA. 


01 TTT 9^ TTT 

L ] . in. ZO. Iii. 


9,1 


9,1 






+ 7,Ü4 


Coniophora 


23.-25. 


27,2 


18,1 


9,05 




+ 2,54 ■ 


cerebella IJ 


25.-27. 


50,1 


22,9 


11,45 




+ 0,14 




27.-29. 
29.-31. 


72,9 
96,4 


22,8 
23,5 


11,40 
11,75 


1 

> 11,59 


+ 0,11 
— 0,16 




31. III.— 2. IV. 


119,9 


23,5 


11,75 


) 


— 0,16 


B. 


1.5. III.— 17. III. 


12,0 


12,0 


6,00 




+ 5,71 




17.-19. 


28,2 


16,1 


6,05 




+ 3,66 




19.-21. 


46,2 


18,0 


9,00 




+ 2,71 




21. — 23. 


67,1 


20,9 


10,45 




+ 1,26 




23.-25. 


90,6 


23,5 


11,75 


1 


— 0,04 




25.-27. 
27.-29. 


114,1 
138,2 


23,5 
24,1 


11,75 
12,05 


[ 11,71 


— 0,04 

— 0,34 




29.-31. 


163,1 


24,9 


12,45 




— 0,74 




31. III.— 2. IV. 


186,8 


23,7 


11,85 


1 


— 0,14 



46 



Karl IIoffmann, 



[12] 



Spezies 


Zeit des 


samt- 
,nge 


vachs 


Ol 


Mittel- 


Ab- 


Wachstums 


mm 


mm 


mm 


wert 


weichungen 


A. 


25. III.- 27. III. 


10,6 


10,6 


5,40 




+ 0,21 


Polyporus 


27.-29. 


22,4 


11,8 


5,90 




— 0,29 


destrudor 


29.-31. 


o4,y 


1 0 

1 z,ü 


6,25 




— 0,64 




31.111.— 2. IV. 


43,8 


8,9 


4,45 


5,61 


+ 1,16 




2.-4. 


57,2 


13,4 


6,70 


— 1,09 




4.-6. 


67,1 


9,9 


4,95 




+ 0,66 




6.-8. 


77 8 


10,7 


5,35 




+ Ü,26 




8.-10. 


89,8 


12,0 


6,00 




— 0,39 


A. 


19. III.— 21. III. 


2,6 


2,6 


1,30 




+ 0,04 


Polyporus 


21.-23. 


5,2 


2,6 


1,30 




+ 0,04 


vulgaris 


23.-25. 


8,1 


2,9 


1,45 




— 0,11 




25.-27. 


11,9 


3,8 


1,90 




— 0,56 




27.-29. 


14,8 


2,9 


1,45 




— 0,11 




29.-31. 


17,3 , 


2,5 


1,25 


} 1,34 


+ 0,09 




3l.III.-2.IV. 


19,8 


2,5 


1,25 




+ 0,09 




2.-4. 




2 4 


1,20 




+ 0,14 




4.-6. 


24,4 


2,2 


1,10 




+ 0,24 




6.-8. 


26,9 


2 5 


1,25 




+ 0,09 




8.-10. 


29,5 


2 6 


1,30 




+ 0,04 


A. 


31.II1.-2.IV. 


6,8 


6,80 


3,40 




— 0,97 


Polyporus 


2.-4. 


11,5 


4,75 


2,38 


1 


+ 0,05 


■ serialis 


4.-6. 


14,4 


2,90 


1,45 




+ 0,98 




6.-8. 


19,6 


5,20 


2,60 


j2,43 


— 0,17 




8. — 10. 


24,3 


4,70 


2,35 




+ 0,08 


A. 


23. III.— 25.111. 


5,1 


5,1 


2,55 




+ 0,27 


Paxillus 


25.-27. 


10,3 


5,2 


2,60 


1 


+ 0,22 


achermi- 


27.-29. 


16,1 


5,8 


2,90 




— 0,08 


tius 


29.-31. 


21,9 


5,8 


2,90 


1 


— 0,08 




31.1II.-2.IV. 


27,1 


5,2 


2,60 


>2,82 


+ 0,22 




2.-4. 


32,3 


5,2 


2,60 


1 


+ 0,22 




4.-6. 


37,8 


5,5 


2,75 


1 


+ 0,07 




6.-8. 


44,2 


6,4 


3,20 


1 


— 0,38 




8.— 10. 


50,7 


6,5 


3,25 




-0,43 



Wachstiimsverhiiltnissc einiger holzzerstörenden Pilze. 47 



Spezies 


Zeit des 
Wachstums 


q 45 

O 
mm 


■ tn 
0 J3 

aj o 
bD CS 

1 

mm 


So g 

es > 

mm 


Mittel- 
wert 


Ab- 
weichungen 


B. 


23.111.-25.111. 


2,4 


2,4 


1,20 




+ 0,80 


Faxilliis 


25.-27. 


6,3 


3,9 


1,95 




+ 0,05 


acherun- 


27.-29. 


9,7 


3,4 


1,70 




+ 0,30 


tius 


29.— 31. 


12,9 


3,2 


1,60 




+ 0,40 




3 I.III.— 2. IV. 


16,3 


3,4 


1,70 


2,00 


+ 0,30 




2.-4. 


21,2 


4,9 


2,45 




— 0,45 




4.-6. 


25,6 


4,4 


2,20 




— 0,20 




6.-8. 


30,7 


5,1 


2,55 




— 0,55 




8.— lü. 


35,9 


5,2 


2,60 




— 0,60 



Nacli bereits mitgeteilten Beobachtungen war das täg- 
liche Längenwachstum für Merulius lacrymans bei 24,0" = 
1,93 mm, für Merulius Silvester = 3,21 mm. 



Es mögen jetzt die Kulturversuche bei t = 26,0" folgen. 



Spezies 


Zeit des 
Wachstums 


i W> 
® .5 

o ~ 

mm 


1 03 

Sic 03 

•S ^ 
3 

mm 


" 1 
Sic g 

^ g 
mm 


Mittel- 
wert 


Ab- 
weichungen 


A. 


19.III.— 21.III. 


19,4 


19,4 


9,70 




+ 5,60 


Coniophora 


21.— 23. 


40,7 


21,3 


10,65 




+ 4,65 


cerebella I 


23.-25. 


73,4 


22,7 


1 1,35 




+ 3,95 


(Röhre = 


25.-27. 


104,6 


31,2 


15,60 




— 0,30 


29 cm) 


27.-29. 


134,6 


31,0 


15,50 


1 15,30 


— 0,20 


29.— 31. 


164,2 


29,6 


14,80 




+ 0,50 


B. 


3 I.III.— 2. IV. 


8,4 


8,4 


4,20 




+ 2,42 


(Reagenz- 


2.-4. 


18,1 


9,7 


4,85 




+ 1,57 


glas!) 


4.-6. 


31,2 


13,1 


6,55 




— 0,13 




6.-8. 


44,3 


13,1 


6,55 


|6,42 


— 0,13 




8.— 10. 


56,6 


12,3 


6,15 




+ 0,27 


A. 

Coniphora 
cerebella II 


29. III.— 3 I.III. 
31. III.— 2. IV. 

2.-4. 

4.-6. 


17,4 
37,0 
58,2 
78,6 


17,4 
19,6 
21,2 
20,4 


8,70 

9,80 
10,60 
10,20 . 


1 10,20 


+ 1,50 
+ 0,40 
— 0,40 
+ 0,00 



48 



Karl Hofpmann, 



[14] 



Spezies 



Zeit des 
Wachstums 



"» .2 
mm 



bJO =i 

1-3 N 

mm 



mm 



Mittel- 
wert 



Ab- 
weichungen 



B. 

Coniophora 
cerebellall 
(Reagenz- 
glas!) 



29. III.- 
31.III.- 
2.- 
4.- 
6.- 



-31. III. 
-2. IV. 
-4. 
-6. 
-8. 



12,0 
26,1 
41,2 
56,6 
72,0 



12,0 
14,1 
15,1 
15,4 
15,4 



6,00 
7,05 
7,55 
7,70 
7,70 



7,50 



+ 1,50 
+ 0,45 

— 0,05 

— 0,20 

— 0,20 



A. 

Polyporus 
destructor 



25. III.- 
27.- 
29.- 
31. III.- 
2.- 
4.- 
6.- 



-27. III. 

-29. 

-31. 

-2. IV. 

-4. 

-6. 



8.— 10. 



B. 

(Reagenz- 
glas !) 



25. III.- 
27.- 
29.- 

31.III.- 



-27. III, 
-29. 
-31. 
-2. IV. 



10,8 
21,3 
33,2 
46,3 
61,8 
76,7 
90,9 
106,1 

11,3 
22,7 
34,0 
45,6 



10,8 
10,5 
11,9 
12,9 
15,5 
14,9 
14,2 
15,2 

11,3 
11,4 
11,3 
11,6 



5,40 
5,25 
5,95 
6,45 
7,75 
7,45 
7,10 
7,60 

5,65 
5,70 
5,65 
5,80 



6,63 



5,70 



Polyporus 
serialis 



31. III. 

2- 
4.- 
6.- 
8. 

31. III 
2. 
4. 
6. 



-2. IV. 

-4. 



—10. 

—2. IV. 
—4. 



8.— 10. 



4,1 
7,9 
11,2 
19,0 
24,6 

3,7 
6,8 
10,8 
12,1 
15,3 



4,1 
3,8 
3,3 
7,8 
5,6 

3,7 
3,1 
4,0 
1,3 
3,2 



2,05 
1,90 
1,65 
3,90 
2,80 

1,85 
1,55 
2,00 
0,65 
1,60 



2,46 



^ 1,53 



Polyporus 
vulgaris 



17. III.- 
19.- 
21.- 
23.- 
25.- 
27.- 
29.- 
31. III. 
2.- 
4.- 
6.- 



19.III 
-21. 
-23. 
-25. 
-27. 
-29. 
-31. 
-2. IV. 
-4. 
-6. 



8.— 10. 



1,7 

3,5 
5,0 
6,7 
8,3 
10,0 
11,8 
13,5 
15,2 
16,9 
18,6 
20,3 



1,7 
1,8 
1,5 
1,7 
1,6 
1,7 
1,8 
1,7 
1,7 
1,7 
1,7 
1,7 



0,85 
0,90 
0,75 
0,85 
0,80 
0,85 
0,90 
0,85 
0,85 
0,85 
0,85 
0,85 



0,85 



fl5| Wachstuinsverliiiltnisse einiger holzzerstürenden Pilze. 49 



Spezies 


Zeit des 
Wachstums 


i ^ 
^ ist 
C5 " 

mm 


• 05 

» ,ss 

a> u 
bD * 

mm 


mm 


Mittel- 
wert 


Ab- 
weichungen 


A. 


IT.III.— 19.111. 


4,1 


4,1 


2,05 




+ 0,39 


Paxillm 


19.— 21. 


8,2 


4,1 


2,05 






+ 0,39 


acheruv- 


21.— 23. 


12,3 


4,1 


2,05 






+ 0,39 


tias 


23.-25. 


16,5 


4,2 








+ 0,34 


2,10 








25.— 27. 


22,7 


6,2 


3,10 






— 0,66 




27.-29. 


29,9 


7,2 


3,60 i 


2,44 


— l,l(i 




29.-31. 


34,2 


4,3 


2,15 




+ 0,29 




31. III.— 2. IV. 


■ 38,1 


3,9 


1,95 






+ 0,49 




— 4. 


4(5, Z 


5,1 


2,55 






n 1 1 

— ■ U,J 1 




4.-6. 


48,4 


5,2 


2,60 






— 0,1(5 




6.-8. 


53,5 


5,1 


2,55 






— 0,11 




8.— 10. 


58,(i 


5,1 


2,55 






— 0,11 



Zu meinem Bedauern mufste ich mich bei einigen 
Kulturen mit einer einzigen R(3hre begnügen, da mein Vorrat 
an Kulturgläsern ziemlich beschränkt war. Die Versuche 
zeigen aber sämtlich mit Ausnahme des Polyporus serialis 
bei 26" eine gute Ubereinstimmung, wenn man die Wachs- 
tumszunahme für je zwei Tage bei jeder Röhre unter sich 
vergleicht. Falls die Längenzunahme zunächst zu sehr von 
dem später erreichten konstanten Wert abwich, so wurden 
nur die letzten Beobachtungen dazu benutzt, um einen 
mittleren Durchschnittswert zu berechnen. 

Bei (^oniophora cerehella 1 und // und Polyporus de- 
structor benutzte ich aufser den grofsen Röhren von 29 cm 
Länge auch gewöhnliche Reagenzgläser, die mit 10 ccm 
Bierwürze-Agar beschickt waren. Es ist auffällig, dafs 
das Wachstum in den kleinen Röhren bei weitem geringer 
war als in den grofsen Gläsern, obwohl derselbe Nährboden 
genommen wurde. Diese Erscheinung wurde gerade bei 
Coniophora cerehella in späterer Zeit nochmals geprüft. 
Hingegen wuchs Polyporus destructor annähernd gleich 
schnell in den verschiedenen Röhren. 

Es mögen jetzt die Beobachtungen der Wachstums- 
verhältnisse bei denselben Pilzen bei 24" und 26» im Monat 
Mai folgen. Zuvor sei bemerkt, dafs die Pilze in der 

ZeitBOhr. f. Natui wias. Halle a. S. Bd. ti2. 1910. 4 



50 



KaiU. llOFFMANN, 



Zwischenzeit auf meinem gewöhnliehen Nährboden in Petri- 
schalen bei Zimmertemperatur kultiviert wurden. Hierbei 
fiel schon auf, dafs die Petrischalen allmählich immer 
schneller bewuchseu. Da dies Verhalten aber auch an der 
erhöhten Temperatur liegen konnte, war es unerläfslich, 
die untersuchten Pilze nach einer gewissen Zeit unter den- 
selben Bedingungen zu kultivieren. 



t - 24,0". 



Spezies 


Zeit des 
Wachstums 


w ^ 

C5 ^ 
mm 


■ 03 

<o o 
mm 


1 °° 

" "1 

^ fe 
« t> 

mm 


Mittel- 
wert 


Ab- 
weichungen 




A. 


30. IV.— S.V. 


9 2 


9 2 


3,07 




— 0,96 


Merulms 


6. — 0. 




IAA 
10,0 








} n rv iiwiti'Yk'k 


6. 8. 


28,9 


4 7 


2,35 




— 0,24 




8.— 10. 


25,0 


1 1 


0,55 




+ 1 36 


\_J Cl ilJ IJ 1 L 


10. 12. 


26,8 


1 8 


0,90 




+ 1,21 


21. IV. 


12.— 14. 


29,4 


2 6 


1,30 


2,11 


+ 0,81 




14.-16. 


34,0 


4,6 


2,30 




— 0,19 




16.-18. 


38,7 


4,7 


2,35 




— 0,24 




18.-20. 


43,0 


4,3 


2.15 




— 0,04 




20.-22. 


46,4 


3,4 


1,70 




+ 0,41 


B. 


30. IV.— 3. V. 


12,0 


12,0 


4,00 




— 1^89 




3 6_ 


23 0 


1 1,0 


3,67 




— 1,56 


21. IV. 


tj 


25,9 


2 9 


1,45 




-|- 0,66 




8_ 10. 


27,6 


1 7 


0,85 




-i- 1,26 




10. 12. 


29,9 


2 3 


1,15 




+ 0,96 




12. 14. 


34,2 


4 3 


2,15 


2,11 


— 0,04 




14.— 16. 


38,8 


4,6 


2,30 




— 0,29 




16.-18. 


43,1 


4,3 


2,15 




— 0,04 




18.-20. 


44,0 


0,9 


0,45 




+ 1,66 




20.-22. 


46,4 


2,4 


1,20 




+ 0,91 


C. 


30. IV.— 3. V. 


4,6 


4,6 


1,53 




+ 1,31 


Geimpft 


3.-6. 


19,2 


14,6 


4,87 




— 2,03 


22. III. 


6.-8. 


25,1 


5,9 


2,95 




— 0,11 




8.— 10. 


28,1 


3,0 


1,50 




+ 1,34 




10.— 12. 


30,4 


2,8 


1,15 




+ 1,69 




12.-14. 


36,2 


5,8 


2,90 


2,84 


— 0,06 




14.-16. 


40,5 


4,3 


2,15 




+ 0,69 




16.-18. 


47,8 


7,3 


3,65 




— 0,81 




IS.— 20. 


55,9 


8,1 


4,05 




— 1,21 




20.-22. 


62,4 


6,5 


3,25 




— 0,41 



Wachstumsverliiiltuisse einiger holzzcrstörenden Pilze. 5l 



Spezies 


1 

Zeit des 
Wachstums 


Gesamt- 
länge 


Längen- 
zuwachs 


Tages- 
zuwachs 


Mittel- 
wert 


Ab- 
weichungen 








mm 


mm 


mm 






D. 


4.V.- 


-6. V. 


1,2 


1,2 


0,60 




-f 0,38 


Merulius 


fi.— 


-8. 


3,7 


2,5 


1,25 




— 0,27 


lacrymans 


8.- 


-10. 


6,0 


2,3 


1,15 




— 0,17 




10.— 


-1 2. 




3,3 


I ,bo 




— 0,67 


Dunkle 


12.— 


-14. 


1 1,6 


2,3 


1,15 


0,98 


— 0,07 


Bier- 


14.— 


-16. 




1 O 

1,8 


A AA 
0,90 




+ 0,08 


würze 


1 ().— 


-18. 


14,2 


0,8 


A il A 

0,40 




+ 0,58 


(jreimpit 


1 

1 CS. — 


-zu. 


1 0 


1 7 


UjöO 






29. IV. 


20.— 


-22. 




1,8 


0,90 




1 A AQ 

+ U,Uo 


A. 


30. TV.- 


-3. V. 


12,0 


12,0 


4,00 




+ 0,31 


Mertdiiis 


3.- 


-6. 


24,8 


12,8 


4,27 




+ 0,04 


Silvester 


6.- 


-8. 


33,4 


8,6 


4,30 




+ 0,01 




8.- 


-10. 


41,0 


7,6 


3,80 




— 0,49 


Geimpft 


1 A 

lU.— 






8,2 


/IIA 

4,10 1 




+ 0,21 


21. IV. 


1 0 


1 /I 


D7,y 


8,7 


4,00 


4,31 


— 0,04 




14.— 


-lo. 


d7,1 


9,2 


A fiA 

4,oU 




— 0,29 




Ib.— 


-lö. 


/7,1 


•IAA 
10,1) 


C A A 

o,uo 




— 0,69 




1 fi 
1 8.— 


Olk 


84, ö 


7,7 


0,80 




-f- 0,4b 




20.- 


-II. 


A 1 A 

y4,u 


10,1 


o,0o 




A T 1 




A. 


30. IV. 


-3. V. 


2.5,2 


25,2 


8,40 




-f 0,04 


l'olijporus 


3.- 


-6. 


49,8 


24,6 


O O A 

ö,2ü 




+ 0,24 


destructor 


/» 

D.- 


Q 

-8. 


03,1 


10 1 

iy,o 






— 1,2) 




8.- 


-10. 


8ß,0 


16,9 


8,45 




— 0,01 


Geimpft 


10.- 


-12. 


103,1 


17,1 


8,55 


j.8,44 


— 0,11 




12.- 


-14. 


119,7 


16,6 


8,30 


1 


+ 0,14 




14.- 


-16. 


136,4 


16,7 


8,35 


1 
j 


1 l\ AA 

-\- u,uy 




16.- 


-18. 


151,9 


15,5 


7,75 




+ 0,69 


B. 


4. V .- 


- D. V . 


10,7 


1 c: 7 


(,8ö 


] 


-f 0,35 


Geimpft 


G.- 


-8. 


34,0 


18,3 


9,15 


j 8,20 


— 0,95 


9G TV 


8.- 


-10. 


49,2 


15,2 


7,60 


} 


1 A 

-j- u,du 


A. 


4. V.- 


-6. V. 


3,9 


3,9 


1,95 




-1- 0,36 


Polyporus 


6.- 


-8. 


9,8 


5,9 


2,95 




— 0,64 


vulgaris 


8.- 


-10. 


14,1 


4,3 


2,15 


1 2,31 


+ 0,16 


Geimpft 


10.- 


-12. 


182 


4,1 


2,05 




+ 0.26 


29. IV. 


12.- 


-14. 


1 23,1 


4,9 


; 2,45 




— 0,14 



4* 



Karl IIoffmann, 



[18] 



1 J C Z I c s 


Zeit de.s 
Waclistuius 


q 0) 

CT O 

mm 


o ^ 

tO ü 

P & 

mm 


j ^ g 
1 mm 


Mittel- 
wert 


Ab- 
weichungen 


A. 


30. IV.— 3. V. 


9,8 


9 8 


f 

3,27 




0 03 


P/1/ )/l J/ll*)/ Q 


g ß 




1 0,0 


o,oo 




0 ft'l 

— V,U tj 


OCf tut Vö 


(5 g_ 






3,65 




A QS 

— V^OO 




g ]Q 


33,4 


6,3 


1 1 'S 




4- rt 1 'S 
T ",10 




]() J2. 


39 1 


'S 7 


2,85 


3,30 




21.1V. 


12.-14. 


44,8 


5,7 


2,85 


+ 0,45 




14.— 16. 


51,3 


6,5 


3,25 




+ 0,05 




16.-18. 


58,7 


7,4 


3,70 




— 0,40 




18.-20. 


65,1 


6,4 


3,20 




+ 0,10 




20.-22. 


72,5 


7,4 


3,70 




— 0,40 


B. 


30. IV.-3. V. 


18,2 


18,2 


6,07 




— 2,80 


ß Pirnnft 

d LLI L/ L Li 


3 6_ 


27,5 


9,3 


3,10 






21. IV. 


(5 8. 


33,8 


U, J 


3 15 




4- 0 1D 




8.— 10. 


39 9 


fi 1 

0,1 


3,05 




4- 0 99 




]0. 12. 

12—14. 


46,0 
52,8 


fi 7 
6,2 


3,35 
3,10 


3,27 


U,UÖ 

+ 0,17 




14—16. 


60,2 


7,4 


3,70 




— 0,43 




16—18. 


67,1 


6,9 


3,45 




— 0,18 




18.-20. 


72,3 


5,2 


2,65 




+ 0,62 




20.-22. 


80,4 


8,1 


4,05 




— 0,78 


A. 


30. IV.- S.V. 


10,2 


10,2 


3,73 




— 0,96 


-X ((■X' K/Ii ho 


3 


18,0 


7 8 


2 60 




4-017 




6 8. 


2fi 2 


8 2 


4,10 j 




_ 1 33 




g ]0 


30,9 


4 7 


2,35 ! 




4- 0 49 


Geimpft 


10 12. 

12.— 14 


36,1 
41,2 


5 2 
5,1 


2,60 
2,55 


2,77 


-4-0 17 
~r VfL t 

+ 0,22 


22. III. 


14.— 16. 


46,3 


5,1 


2,55 




+ 0,22 




16.-18. 


52,2 


5,9 


2,95 




— 0,18 




18.— 20. 


56,8 


4,6 


2,30 




+ 0,47 




20.-22. 


61,0 


4,2 


2,10 




+ 0,67 


R 
x>. 


4 V 6. V. 


6,0 




3,00 1 




0,13 




6.-8. 


1 1,3 


5,3 


2,65 




4- 0 22 


Bier- 


O. 1 V. 


17,0 


7 


2,85 




4- 0 0'? 


würze 


IQ 12. 


11 1 


T 1 
0,1 


2,55 




4- 0 VI 




12.— 14. 


28,0 


5,9 


2,95 


2,87 


— 0,08 


Geimpft 


14.-16. 


33,9 


5,9 


2,95 




— 0,08 


29. IV. 


16.-18. 


40,7 


6,8 


3,40 




— 0,53 




18.— 20. 


46,1 


5,4 


2,70 




+ 0,17 




20.— 22. 1 


51,6 


5,5 


2,75 




+ 0,12 



Wachstiinisverhältiiisse einiger holzzerstörenden Pilze. 



Spezies 


Zeit des 
Wachstums 


q 0) 

" .9 
O " 
mm 


< « 

■9 ^ 
mm 


. « 

bD g 

'■ « 
mm 


Mittel- 
wert 


Ab- 
weichungen 


C. 


4. V.-6. V. 


5,8 


5,8 


2,90 




— 0,14 


Paxillus 


(>.-8. 


11,7 


5,9 


2,95 ' 




— 0,19 


acherun- 


8.— 10. 


16,3 


4,6 


2,30 




+ 0,46 


tius 


1(1.-12. 


21,4 


5,1 


2,55 




+ 0,21 


Dunkle 


12.-14. 


27,4 


6,0 


3,00 


2,76 


— 0,24 


Bier- 


14.-16. 


32,8 


5,4 


2,70 




+ 0,06 


würze 


It! —18. 


3S,8 


6,0 


3,fi0 




— 0,24 


Geimpft 


18.-20. 


44,7 


5,9 


2,95 




— 0,19 


29. IV. 


20.— 22. 


49,6 


4,9 


2,45 


• 


+ 0,31 



t = 26,0«. 



A. 


30.IV.-5. V. 


18,1 


18,1 


3,62 


I — 0,96 


Merulius 


5.-7. 


26,2 


8,1 


4,05 


— 1,39 


lacrymans 


7.-9. 


33,0 


6,8 


3,40 


— 0,76 




9.— 11. 


37,7 


ij 


2,35 


+ 0,31 


Geimpft 


11.-13. 


40,4 


2,7 


1,35 


2,66 


+ 1,31 


21. IV. 


13.— 15. 


43,0 


2,6 


1,30 




+ 1,36 




15.-17. 


47,1 


4,1 


2,05 




+ 0,61 




17.— 19. 


50,8 


3,7 


1,85 




+ 0,81 




19.-21. 


55,9 


5,1 


2,55 




+ 0,11 


B. 


30.IV.-5. V. 


18,7 


18,7 


3,74 




— 0,72 


Geimpft 


5.-7. 


24,8 


6,1 


3,05 i 




— 0,03 


21. IV. 


7.-9. 


32,9 


8,1 


4,05 




— 1,03 




9.-11. 


42,6 


9,7 


4,85 




— 1,82 




II.— 13. 


51,8 


9,2 


4,60 


3,02 


— 1,58 




13.— 15. 


55,2 


3,2 


1,60 




+ 1,42 




15 —17. 


57,0 


1,8 


0,90 




+ 2,12 




17.— 19. 


59,7 


2,7 


1,35 




+ 1,6" 




19.— 21. 


63,4 


2,7 


1,85 : 




+ 1,67 


C. 


30. IV.- 5. V. 


16,2 


16,2 


3,21 




— 0,84 


Geimpft 


5. — 7. 


24,3 


8,1 


4,05 




— 1,65 


21. IV. 


7.-9. 


31,0 


6,7 


3,35 




— 0,95 




9.— 11. 


36,4 


5,4 


2,70 




— 0,30 




II. -13. 


37,9 


1,5 


0,75 


2,40 


+ 1,65 




13.— 15. 


38,8 


0,9 


0,15 




+ 1,95 




15.— 17. 


42,0 


3,2 


1,60 




+ 0,80 




17.— 19. 


46,2 


4,2 


2,10 




+ 0,30 




19.-21. 


50,5 


4,3 


2,15 




+ 0,25 



54 



Kaul Hoffmann, 



[20] 



Spezies 


Zeit des 
Wachstums 


q CD 

1 :° 

o ~ 
mm 


' Vi 

p Ä 

OJ ü 

^ 

-) s 
mm 


B Tages - 
B Zuwachs 


Mittel- 
wert 


Ab- 
weichungen 


D. 


7.V.— 9.V. 


4,0 


4,0 


2,00 




— 0,35 


Meruliiis 


9.— 11. 


11,9 


7,9 


3,95 




— 2,30 


lacrymans 


11.— 13. 


16,2 


4,3 


2,15 




— 0,50 


Dunkle 


13.— 15. 


17,9 


1,7 


0,85 


1,65 


+ 0,80 


rsipr w M VI 

XJlCI W Lll /iC 




1 0 n 




0,55 




4- 1 in 


lipim T^f (■ 
vjr c 1 LU Uli 


1 7 1 Q 


^v,0 


1 s 
1,.} 


0,65 




4- 1 on 


2<). IV. 


1 ü Ol 


91 1 


9 S 


1,40 




-f- U,iJ 


A. 


30.IV.-5.V. 


16,3 


16,3 


3,26 




+ 0,46 


Merulius 


5.-7. 


21,4 


5,1 


2,55 




+ 1,17 


Silvester 


7.-9. 


2S,0 


6,6 


3,30 




+ 0,42 




9.-11. 


36,0 


8,0 


4,00 




— 0,28 


Geimpft 


11.-13. 


44,1 


8,1 


4,05 


3,72 


— 0,33 


21. IV. 


13—15. 


53,5 


9,4 


4,70 




— 0,98 




15.— ) 7. 


60,6 


',1 


3,55 




+ 0,17 




17.-19. 


69,3 


8,7 


4,35 




— 0,63 




19—21. 


78,1 


8,8 


4,40 




— 0,68 


B. 


5. V.— 7. V. 


4,2 


4,2 


2,10 




+ 3,31 


Dunkle 


7.— 9. 


11,4 


7,2 


3,60 




+ 1,81 


Bier- 


9.-1 1. 


20,9 


9,5 


4,75 




+ 0,66 


würze 


11.— 13. 
13.-15. 


31,2 
42,6 


10,3 
11,4 


5,15 
5,70 


5,41 


+ 0,26 
— 0,29 


Geimpft 


15.-17. 


53,9 


11,3 


0,DD 




— 0,24 


29. IV. 


17.-19. 


64,0 


10,1 


5,05 




+ 0,36 




19.— 21. 


76,3 


12,3 


6,15 




— 0,74 


C. 


9. V.— 11. V. 


3,8 


3,8 


1,90 




+ 0,58 


Dunkle 


II.— 13. 


8,2 


4,4 


2,20 




+ 0,28 


Würze 


13.-15. 
15 J7 


13,9 
IQ n 


5,7 

T 1 


2,85 
2,55 


2,48 


— 0,37 
0,07 


Gpinmft 


] 7 i9_ 


23,6 


4 ß 


2,30 




+ 0 18 


29. IV. 


] 9 2 1 


28,6 


5,0 


9 t^A 




0^02 


A. 


5. V.-7.V. 


12,2 


12,2 


6,10 




+ 2,31 


Polyporus 


7.-9. 


27,4 


15,2 


7,60 




+ 0,81 


destructor 


9.-11. 


42,3 


14,9 


7,45 




+ 0,96 


Geimpft 


11.— 13. 
13.-15. 


58,9 
87,8 


16,6 
18,9 


8,30 
9,45 


>8,41 


+ 0,11 
— 1,04 


21.1V. 


15.-17. 


95,0 


17,2 


8,60 




— 0,19 




17.-19. 


! 111,1 


16,1 


8,05 




+ 0,36 




19.-21. 


129,9 


, 18,8 


9,40 




— 0,99 



Waclistiiiusverhältnisse einiger liolzzerstörenden Pilze. ^'^^^ 



Spezies 


Zeit des 

AAT ü n Vt Q 1 1 1 m Q 
VT aUllCS l/UUio 


i "> 

S o 
mm 


P 

o o 
ä 1 

1-3 N 

mm 


■ 

mm 


Mittel- 
wert 


Ab- 

W i f* h 1 1 Tl ff" P Tl 


B. 


5. V.-7. V. 


12,0 


12,0 


6,00 




+ 2,35 


Folyporus 


7.-9. 


28,1 


16,1 


8,05 




+ 0,30 


(lestructor 


',).— 11. 


43,7 


15,6 


7,80 




+ 0,55 


Geimpft 


11.— Ki. 
13.-15. 


60,7 
79,1 


17,0 
18,4 


8,50 
9,20 


>8,35 


— 0,15 

— 0,85 


21. IV. 


15.-17. 


98,3 


19,2 


9,60 




— 1,25 




17.-19. 


115,4 


17,1 


8,55 




— 0,20 




19.— 21. 


128,9 


13,5 


6,75 




4- 1,60 


A. 


5. V.— 7.V. 


1,9 


1,9 


0,95 




+ 1,08 


Folyporus 


7.-9. 


5,2 


3,3 


1,65 




+ 0,38 


vulgaris 


!).— II. 


9,4 


4,2 


2,10 




— 0,07 


Geimpft 


11.-13. 
13 —15. 


14,3 
18,0 


4,9 
3.7 


2,45 
1,85 


• 2,03 

1 


— 0,42 
+ 0,18 


21. IV. 


15.-17. 


22,0 


4,0 


2,00 


1 


+ 0,03 




17.— 19. 


26,1 


4,1 


2,05 


) 


— 0,02 




19.— 21. 


30,3 


4,2 


2,10 




— 0,07 


B. 


5. V.-7. V. 


3,2 


3,2 


1,60 




+ 0,53 


Geimpft 


7.-9. 


7,2 


4,0 


2,00 ' 




+ 0,13 


21. IV. 


9.-11. 


12,0 


4,8 


2,40 




— 0,27 




11.— 13. 


15,6 


3,6 


1,80 


2,13 


+ 0,33 




13.-15. 


20,2 


4,6 


2,30 


— 0,17 




15.-17. 


24,3 


4,1 


2,05 




+ 0,08 




17.— 19. 


28,9 


4,6 


2,30 




— 0,17 




19.— 21. 


33,0 


4,1 


2,05 




+ 0,08 


A. 


30. IV.— 5. V. 


11,4 


11,4 


2,28 




+ 1,28 


Folyporus 


5.-7. 


20,4 


9,0 


4,50 




— 0,94 


serialis 


7.-9. 


29,8 


9,4 


4,70 




-1,14 




9.-11. 


38,2 


8,4 


4,20 




— 0,64 


Geimpft 


11.-13. 


42,0 


11,8 


5,90 


3,56 


— 2,34 


21. IV. 


13.-15. 


47,0 


5,0 


2,50 




+ 1,06 




15.-17. 


53,8 


6,8 


3,40 




4- 0,16 




17.— 19. 


59,2 


5,4 


2,70 




+ (),8ti 




19.-2I. 


66,3 


7,1 


3,55 ; 




+ 0,01 



56 



Kaui- Hoffmann. 



[22] 



Spezies 


Zeit des 
Wachstums 


3 ? 
" .5 

mm 


' CO 

tu o 

'S g 

mm 


1 t* ' 

03 J= 

O) o 

c4 ^ 
pH ö 
N 

mm 


i 

Mittel- 
wert 


Ab- 
weichungen 


B. 


30. IV.-5. V. 


11,4 


11,4 


2,28 




+ 1,27 


Polyporns 


5.-7. 


22,8 


11,4 


5,70 




— 2,15 


serialis 


7.-9. 


26,4 


3,6 


1,80 




+ 1,75 




iL— 11. 


31,5 


5,1 


2,55 




+ 1,00 


Geimpft 
21. IV. 


11.— 

13.— 15. 


40,3 
47,2 


8,8 
6,9 


4,40 
3,45 


3,55 


— 0,85 
-f 0,10 




15.— 17. 


.55,0 


7,8 


3,90 




— 0,35 




17.— 19. 


60,2 


5,2 


2,60 




+ 0,95 




19. — ZI. 


Aß 1 
00,1 


o,y 








A. 


5. V.— 7. V. 


5,1 


5,1 


2,55 




+ 0,17 


Paxillus 


7.-9. 


9,9 


4,9 


2,45 




+ 0,27 


acherun- 


9.-11. 


15,3 


5,4 


2,70 




+ 0,02 


tius 


11.— 13. 


21,1 


5,8 


2,90 


> 2,72 


— 0,18 




13.— 15. 


27,0 


5,9 


2,95 


— 0,23 


Geimpft 


1 5. — 17. 


o3,ü 


D,U 


3,00 




— 0,iS 


91 TV 


17 10 


3S,U 


o,u 


*) Pin 




1 A 00 




19. — 21. 




0,0 


2,/0 




A AQ 


B. 


5. V.— 7. V. 


6,5 


6,5 


3,25 




— 0,31 


Geimpft 


7.- 9. 


12,1 


5,6 


2,80 




+ 0,14 


21.1V. 


9.-11. 


18,5 


6,4 


3,20 




— 0,26 




11.-13. 
13.-15. 


24,0 
30,0 


5,5 
6,0 


2,75 
3,00 


2,94 


+ 0,19 
— ü,06 




15.-17. 


35,7 


5,7 


2,85 




+ 0,09 




17.-19. 


41,4 


5,7 


2,85 




+ 0,09 




19. — 11, 


ATI 

47,1 


5,7 






1 l\ fi(\ 

-y- u,uy 


A. 


30. IV.— 5. V. 


53,3 


53,3 


10,66 




+ 0,54 


Coniophora 
cerebella 1 


5. — 7. 

7. — 9. 


74,6 
100,5 


Ol 'J 

21,3 
20,9 


1 A ßC 
1Ü,00 


11,20 


+ U,5o 

1 '7K 
— 1 , / D 


G. 21. IV. 


9.-11. 


123,2 


22,7 


11,35 


) 


— 0,15 


B. 


5. V.— 7. V. 


17,9 


17,9 


8,95 




+ 7,01 


Dunkle 


7.-9. 


47,6 


19,7 


14,85 




+ 1,11 


Bierwürze 
Geimpft 


9.-11. 
11.— 13. 


80,0 
113,1 


32,4 
33,1 


16,20 
16,55 


1 15,96 


— 0,24 

— 0,59 


2!). IV. 


13.-15. 


145,6 


32,5 


1 '6,25 




— 0,29 



Wachstumsverliältnisse einiger holzzerstörenden rilze. 57 



Spezies 


Zeit des 
Wachstums 


a * 

o " 
mm 


03 O 
bC =« 

mm 


" 'S 
fae « 

C8 ? 

r ■ ^ 

ta 

mm 


Mittel- 
wert 


Ab- 
weichungen 


A. 


30. IV.— 5. V. 


50,8 


50,8 


10,27 




^ 1,75 


Coniophora 


5—7. 


70,1 


19,3 


9,65 




+ 2,37 


cevebella II 


i . — \y . 




91 1 


1 1 w 




4- (1 4.7 


Geimpft 


U 1 1 


1 1 Sä 


9^ 1 


19 


^ 1 9 09 


— 0,53 


■)1 TV 
ZI. i V . 




119 9 


91 Q 


1 1 




4- 0 07 


B. 


5. V.-7. V. 


9,6 


9,6 


4,80 




+ 9,98 


Dunkle 


7.-9. 


27,4 


17,8 


8,90 




+ 5,82 


Bier- 


9.-11. 


50,8 


23,4 


11,70 




+ 3,02 


würze 


11. — 13. 


/7,1 


2h,d 


1 O, lt> 




J_ t fi7 

-T l,ö ' 


Geimpft 


13.-15. 


106,8 


29,7 


1 4,85 




— 0,13 


29. IV. 


15. --17. 


136,0 


29,2 


14,60 


j 14,72 


+ 0,12 




17.— 19. 


165,6 


29,4 


14,70 




+ 0,02 



4. Abweichungen von den Resultaten Faicks. 

Aus diesen hier mitgeteilten Beobachtungen und Be- 
rechnungen geht ein mehrfaches hervor. Auch für diese 
Versuche stimmt das Längenwachstum meiner Pilzkulturen 
nicht mit den Berechnungen von Falck') Uberein. Im 
allgemeinen konstatierte ich allerdings auch eine sehr grofse 
Regelmäfsigheit im Vordringen der Myeelien; aber es sind 
auch einige wesentliche Ausnahmen zu berücksichtigen, die 
später ihre Besprechung finden sollen. Nach den Kurven 
von Falck-) hat Merulius lacrymans bei 24" resp. 26" C. 
ein Längenwachstum von 3,2 resp. 0,0 mm. Meine Be- 
obachtungen ergaben bei 24" an zwei Kulturröhren über- 
einstimmend 2,11 mm, eine andere Kultur zeigte 2,84 mm, 
eine vierte nur 0,98 mm. Noch auffallender ist die Ab- 
weichung meiner Resultate bei 26,0". Merulius lacrymans 
zeigte hier ein kräftiges Wachstum; das Mycel war sogar 
recht dicht gewachsen, dichter als bei 24,0". Wenn wir die 
berechneten Durchschnittswerte betrachten, so erhalten wir 



') Vgl. Falck, S. 80 und 92. 
2) Ebenda S. 92. 



58 



Kaki. IIoffmann, 



[24] 



immerhin eine recht ansehnliche tägliche Wachstumszunahme. 
Der Durchschnitt aus den drei Kulturen auf heller Bier- 
würze ist täglich 2,69 mm, auf duukeler Würze dagegen nur 
1,65 mm. ') Hiermit ist gleichzeitig der experimentelle Nach- 
weis erbracht, dals es möglich ist, durch Kultur den Pilz 
an höhere Temperaturen zu gewöhnen, als er beim Beginn 
der Untersuchungen vertragen konnte. Merkwürdig ist ferner, 
dafs der Pilz auf dunkler Bierwürze bei 24" und 26" so 
bedeutend schlechter wuchs. Da dem Mycel ein derartiges 
Nährmaterial vorher nicht geboten war, scheint dies Verhalten 
darauf hinzuweisen, dafs sich jedes Mycel erst an einen 
bestimmten Nährboden gewöhnen mufs. 

Vergleichen wir fernerhin die von Falck für Merulius 
Silvester'') berechneten Wachstumsgröfsen bei 24 <> und 26" 
mit meinen Resultaten. Er findet für 24 ":6,2 mm, für 
26" :6,64 mm, während meine Pilzkulturen — hierfür ist 
aus allen Beobachtungen der mittlere Wert genommen — 
4,31 mm und 3,87 mm täglich wuchsen. Schon aus diesen 
vergleichenden Betrachtungen geht aufs klarste hervor, dals 
die Falck sehe ^) Ansicht von der Konstanz der Wachstums- 
gröfsen ohne Berücksichtigung der Ernährungsgröfse des 
dargebotenen Kultursubstrates nicht richtig sein kann. 

Wir wollen jetzt die Wachstumsverhältnisse der an- 
geführten Pilze bei 24" und 26" im März und April mit 
denen im Mai vergleichen. Hierbei möchte ich bemerken, 
dafs die von mir benutzten Thermostaten täglich sechs- bis 
achtmal kontrolliert wurden und dafs die Temperatur- 
schwankungen im Maximum 0,6" betrugen. Die äufseren 
Bedingungen waren also für die Pilzkulturen zu den ver- 
schiedenen Zeiten dieselben; etwaige Abweichungen müssen 
auf andere Ursachen zurückgeführt werden. 

Dafs Merulius lacrymans nach wochenlanger Kultur bei 
26" ein anderes Wachstum zeigte wie vorher, war schon 
besprochen. Besonders möchte ich auf eine Kultur hinweisen, 
die vom 27. III. — 10. IV ein tägliches Wachstum von 1,93 mm 



*) Vgl. Mez, Der Hausschwamm, S. (iO und 61. 

Vgl. Falck, S. 8ti. 
3) Ebenda S. 119 und 120. 



[25| VVaclisf ums Verhältnisse eiiiiper holzzcrstürenden Pilze. -^O 

bei 24" zeigte. Dieselbe Knlturröhre, die in der Zwischen- 
zeit in Zimmertemperatnr gehalten war, zeigte im Mai ein täg- 
liches Durchschnittswachstnm von 2,84 mnj. Obwohl in 
dieser Zeit der Feuchtigkeitsgehalt der Luft in der Kultur- 
röhre ein geringerer wurde, wuchs der Pilz nach wochen- 
langer Gewöhnung an das eine Substrat unter denselben 
äufseren Bedingungen bedeutend besser. 

Diese auffallenden Verhältnisse — das bessere Wachs- 
tum nach wochenlanger Kultur auf gleichem Nährboden — , 
die auch bei den anderen untersuchten holzzerstörenden 
Pilzen beobachtet werden konnten, mögen der besseren 
Ubersicht wegen in einer Tabelle zusammengestellt werden; 
hierbei soll das Wachstum in den einzelnen Röhren auch 
besonders aufgeführt werden; Mittelwerte aus einzelnen 
Beobachtungen wurden nicht berechnet. In der letzten 
Kolonne dieser Tabelle seien die Abweichungen angeführt; 
wenn es im Mai besser als im März bis April war, so wurde 
die Differenz mit im anderen Falle mit — bezeichnet. 



Spezies 


Temperatur 


Tägliches V 
März — April 
mm 


/'achstum im 
Mai 
mm 


Abweichungen 
mm 


Merulius 
lacrymans 


24° 

26« 


1,93 
0,0 


2,11 2,11 
2,84 0,98 

2,66 3,02 
2,40 1,65 


4-0,18 +0,18 
+ 0,91 —0,95 

+ 2,66 + 3,02 
+ 2,40 + 1,65 


Merulius 
Silvester 


240 
26" 


3,21 

1,41 
0,404 


4,31 

3,72 
5,41 
2,48 


+ 1,10 

+ 2,31 +3,316 
+ 4,00 + 5,Ü06 
+ 1,07 + 2,076 


Polyporus 
destrudor 


24» 
26« 


5,61 

6,63 
5,70 


8,44 8,15 

8,41 

8,35 


+ 2,83 + 2,54 

+ 1,78 + 2,71 
+ 1,72 +2,65 



60 




Karl Hoffmann, 


[26] 




ei 


Tägliches Wachstum im 




Spezies 


kl 
a> 
O. 

a 


März — April 


Mai 


AbweichuDgen 




H 


mm 


mm 


mm 


Fohjporus 


24» 


1,34 


2,31 


+ 0,97 


vulgui'is 


26» 






+ 1,18 + 1,28 


Folyporus 


24° 


2,43 


3,30 3,27 


+ 0,87 + 0,84 


serialis 


20" 


2,46 


3,56 


+ 1,10 + 2,03 
+ 1,09 + 2,02 


Coniophora 


26" 


15,30 


11,20 


— 4,10 + 4,78 


cerebella 1 




1 K Oft 


+ 0,66 + 9,54 


Coniophora 


26» 


10,20 


12,02 


+ 1 82 + 4 52 


cerebella II 


7,50 


14,72 


+ 4,52 + 7,22 


Paxillus 




2,82 


2,77 


— 0,05 +0,77 


acheruntius 


24» 


2,00 


2,87 


+ 0,05 + 0,87 








2,76 


— 0,06 + 0,76 




26» 


2,44 


2,72 
2,94 


+ 0,50 



Wenn wir diese Gegenüberstellungen in der Tabelle 
betrachten, so fällt sofort auf, dafs die Verschiedenheiten 
im Wachstum der Pilzmycelien zu verschiedenen Zeiten 
ganz beträchtliche sind. Im allgemeinen hat das Wachstum 
zugenommen und nur bei einer verschwindend kleinen An- 
zahl hat es sich nach den Tabellenwerten vermindert. Bei 
keiner Spezies ist eine allgemeine Abnahme im Längen- 
wachstum zu verzeichnen, sondern nur bei einzelnen Röhren, 
die sich durch ihr kräftiges Wachstum von vornherein aus- 
zeichneten. Aber auch diese Individuen sind nach der 
wochenlangen Kultur von derselben Spezies auf nach dem- 
selben Rezept gebautem Nährboden, unter denselben Be- 
dingungen erwachsen, in der täglichen Längenwachstums- 
zunahme überflügelt worden, so dafs wir zu dem Schlüsse 



Wiiplistiiuisverliiiltniasc einif^er holzzerstörenden IMlze. ßl 



berechtigt sind: Keiu Pilzmyeel liat ein konstantes Waclis- 
tumsvermögen, das während seiner Kultur invariabel ist. 
Vielmehr ist es bei jedem Filz möglich, ihn durch geeignete 
Kulturmethoden, insbesondere durch fortdauernde Gewöhnung 
an einen N.ährboden, in seinem Wachstum weiter zu fördern. 
Es ist allerdings selbstverständlich, dafs das Wachstum 
einmal einen Grenzwert erreicht, wo eine Wachtums- 
steigerung durch Kultur nicht mehr erreicht werden kann. 
Ferner stehen die physiologischen Punkte, insbesondere das 
Optimum nicht fest. Es kommt darauf an, unter welchen 
Bedingungen der Pilz gelebt hat, wenn wir ihn im 
Laboratorium untersuchen. Meine Beobachtungen, ins- 
besondere der Versuch mit Kultur von Meriilms lacrymans 
bei 26 f*, zeigen aufs deutlichste, dafs der Temperaturumfang 
eines Pilzes ebenfalls variiert werden kaun.i) 

Auch die individuellen Abweichungen sind bei den 
untersuchten Pilzmycelien teilweise ziemlich bedeutend. Ich 
weise insbesondere auf die verhältnismälsig grolsen Unter- 
schiede im täglichen Längenwachstum bei Merulius lacrymans 
und Merulius Silvester in den Beobachtungen im Mai hin. 2) 
Mendius Silvester B ist nun über 100 "/o besser gewachsen als 
Merulius Silvester C (bei demselben Nährboden und derselben 
Nährstolfmenge). Im allgemeinen sind diese individuellen 
Abweichungen nicht so grofs; dies liegt an den gleichen 
Bedingungen des Wachstums. Wenn diese aber nur in 
geringem Mafse sich unterscheiden, z. B. im Feuchtigkeits- 
gehalt der Luft, so zeigt sich die Verschiedenheit auch im 
Längenwachstum. Wirklich, vollkommen übereinstimmende 
Längenzuwachswerte habe ich nur in seltenen Fällen erhalten. 

Aus den angeführten Beobachtungen geht weiterhin 
aufs klarste hervor, dafs Falcks*) Lehre von der Kon- 
stanz der Wachstumskraft der Pilzmycelien (auch in der 
Kultur) nicht zu Recht besteht, dafs es fernerhin wesentlich 
auf den Nährboden ankommt, der dem Pilz zur Ver- 
fügung steht. Ein Ubermafs an Feuchtigkeit z. B. schädigt 



') Vgl. Mez, Der Hausschwamm, S. 59—61. 

Vgl. oben S. 53 und 54. 
3) Vgl. Falck, S. 119 und 120. 



62 



Kahl IIokfmann, 



[28] 



das Wachstum der Pilze schwer, und l)ei Kulturen in 
Petrischalen ist es möglich, dal's reichlich vorhandenes 
Kondenswasser die Ausbreitung- des Mycels hemmt und eine 
kräftige Entwicklung hindert. Derartige Fälle sind mir bei 
meinen Kulturen sehr häufig begegnet. 

Doch wir können aus den mitgeteilten Daten noch 
mehr ersehen. Merulius lacrymans zeigt in seinem zwei- 
tägigen Längenwachstum sowohl bei 24"') als auch bei 26"'^) 
die sonst fast allgemein beobachtete Konstanz des Längen- 
wachstums in gleichen Zeiträumen nicht; ebenso z. B. Pnly- 
porus seriaUs'^) bei 26". Dieses auffällige Verhalten weist 
daraut hin, dal's bei den angegebenen Temperaturen schon 
Schädigungen im Mycelwachstum eintreten, die der Pilz erst 
überwinden mufs, um dann weiter vordringen zu können. 

Wie Pfeffer nachgewiesen hat,'') haben die aus- 
geschiedenen Stoftwechselproduckte nicht nur auf die repro- 
duktive, sondern auch auf die vegetative Tätigkeit ver- 
schiedener Pilzmyeelien eine hervorragende und entscheidende 
Bedeutung. Während Mucor raceniosiis und einige andere 
Mncor- Arten im Innern einer ihr gebotenen Zuckerlösung 
in Form von hefeartigen Sprossungen wuchsen, traten sie 
au der Oberfläche der Nährlösung ebenso wie auf festen 
Nährböden in der gewöhnlichen, sporangienbildenden Form 
auf. Klebs hat gezeigt, dafs auch bei Einwirkung von 
Citronensäure und anderer verschiedener Bedingungen diese 
Hefeformen des Mncor auftraten. Andere Versuche, welche 
Schultz, Eiern acki, Richbt^) ausführten und welche die- 
selben Verhältnisse an Hefe und Bakterien gezeigt hatten, 
veranlafsten neben eigenen Untersuchungen Pfeffer zu dem 
allgemeinen Satz, dafs , verschiedene Tätigkeiten des Stoff- 
und Kraftwechsels durch kleine Mengen anorganischer und 
organischer Gifte in regulatorischer Weise beschleunigt 
werden." Auch die Untersuchungen von Richards'') an 

1) Vgl. oben S. 50 und 51. 

2) Ebenda S. 53 und 54. ^} Ebenda S. 55 und 56. 
") Vgl. Pfeffer, Pflanzenphysiologie II, S. 135. 

^) Vgl. Klebs, Bedingungen der Fortpflanzung, 1896, S. 509. 
«) Vgl. Czapek, Biochemie II, S. 892. 
') Ebenda S. 893. 



Waclisturasverliältnisse einiger liolz/.erstiircnden Pilze. 0.^ 



Aspergillus niger beweisen, dal's die Gesamttätigkeit und 
einzelne Funktionen in mannigfachster Weise durch Qualität 
und Quantität der Nährstott'e und Nährstoffgemische, sowie 
durch die eigenen Produkte beeintlufst werden. Da nach 
meinen Resultaten die tägliche Wachstumszunahme gewissen 
Schwankungen ausgesetzt ist; so ist der Gedanke, dal's bei 
den Pilzmycelien derartige Stotfweehselprodukte Grund für 
die kleinen Unregelmäfsigkeiten im Längenwachstum sind, 
durchaus nicht von der Hand zu weisen. 

Wenn auch durch das kurze Herausnehmen der Kulturen 
aus dem Thermostaten bei der Kontrolle kleine Störungen 
im Wachstum bedingt werden, so kann bei der Beurteilung 
dieser kleinen Schwankungen dieser Fehler nicht in Betracht 
kommen, da er stets in gleichen Intervallen zu denselben 
Zeiten wiederkehrte und demnach jedesmal im selben Sinne 
wirken mufste. 

Auch ein Vergleich mit den Falck sehen Resultaten 
zeigt genau dieselbe Erscheinung. ') Wenn auch die Unter- 
schiede unter einander oft sehr gering sind und ihre genaue 
Abmessung manchmal ziemlich schwierig ist, so zeigt doch 
die stete Wiederholung dieser Beobachtung die Tatsache 
aufs deutlichste. Wir müssen also sagen, dafs die Konstanz 
im Längenwachstum der Pilzmycelien nicht diejenige ist, 
welche zu erwarten wäre. Absolut genommen sind die 
Unterschiede oft sehr gering, da überhaupt nur kleine Werte 
gemessen wurden; relativ, prozentualiter sind die Fehler 
und Abweichungen ziemlieh bedeutend. 2) Aus diesem Grunde 
kann ich mich auch mit den Schlüssen, welche Falck 
bezüglich der Speziesunterscheidung auf die , konstanten" 
Wachstumsdaten begründet hat, nicht einverstanden erklären. 
Wenn ich viele Parallelversuche mache und aus allen Be- 
rechnungen den mittleren Wert nehme, so erhalte ich 
Resultate, von denen die einzelnen Beobachtungen öfters 
allzusehr abweichen. Diese Methode schaltet die einzelnen 
Individuen aus; sie erklärt es, dafs Falck seine sehr 
fleifsigen Beobachtungen nicht in richtiger Weise inter- 



') Vgl. Falck, S. 91. 

') Vgl. die letzten Kolonnen in den Tabellen auf S. ö9 und GO. 



64 Kaui. ITofpmann, 

pretierte uutl so /u seinen Ansichten über die vollkommene 
Konstanz des Wachstums der gleichartigen Pilzraycelieu 
kam. Die individuellen Abweichungen sind, wie gezeigt, 
sehr grofs und es ist daher nicht möglich, sie durch 
Mittelwertberechnungen im Einzelfalle zur Artbestimmung 
zu benützen. 

Eine weitere Frage, die sich bei meinen Untersuchungen 
ergab, war die nach der Abhängigkeit des Mycelwachstums 
von der Form der Kulturgläser. In kleinen Reagenzgläsern, 
die mit weniger Nährmaterial beschickt waren, als die 
grofsen Röhren, war das Wachstum geringer, obwohl der 
Nährboden im Verhältnis zur Gröl'se der Gläser dieselben 
Höhenverhältnisse zeigte, i) 

Um dieser Beobachtung näher nachzugehen, machte ich 
Kulturversuche mit Coniophora cerehellu / in 4 grofsen Röhren 
(29 cm) mit 35 ccm Nährmaterial und 8 kleinen Röhren mit 
10 ccm Nährmaterial. Diese Kulturen wurden der bequemeren 
täglichen Kontrolle wegen auf einem Tisch in Zimmertem- 
peratur gehalten, so dafs die Temperaturverhältnisse zwar 
verschieden, aber für die Röhren die gleichen waren. Die 
Zimmertemperatur betrug in der Beobachtungszeit 14 — 17 <> C. 



[30] 



Coniophora cerebella I. Geimpft 5. V. 1909. 



Gesamtlänge in mm 



10. 11. 
V. V. 



12. 
V. 



15. 16. 
V. V. 



17. I 18. 
V. V. 



20. 21. 
V. V. 



22. 
V. 



23. 
V. 



>-. :o 



3 



4,7 
2,2 
3,3 
2,1 
1,8 
0,9 
3,9 
2,4 
2,9 
3,1 
3,0 
1,8 



5,3! 10,2 
4,8j 8,1 
5,1 110,0 
5,0| 8,4 
3,9 7,6 



15,4 



13,3 20,0125,0 



16,2 
13,0 
13,5 



27,9;35,5'42,1'49,5'57,2 66,1 73,2 80,4 89,6 99,2 
19,üi23,7'29,9!35,4'42,6 49,7 56,6 64,9 73,0 82,1 

92,0 
80,0 
86,1 
79,8 
85,4 



9,2 15,3 22,2 
5,4 8,7|l3,8 

7,l|12,5jl8.4 24,5|29,9|36,2|43,8|50,4|58,1|65,8|73,6:82,2 
4,2| 7,2 
5,0 9,2 
4,2; 8,0 



Il,9jl7,4j23,l 
13,8 19,5j25,7 
13,0 17,5 22,6 
14,o'l9,2'24,6 



20,226,2 



18,lj22,9 
19,4l25,l 



28,6j33,6 40,8j47,6 54,2:62,0 70,9 
31,2138,3 45,1,53,2 61,6 68,6 76,7 
29,3 35,2 41,5, 49,o'56,0 63,6 71,3 



30,8 37,8 
.32,1 38,5 
31,8138,3 



29,7 



35,8 



44,9^52,4 50,0|67,7 76,4 
45,o!53,ll60,4l69,0 77,7 
45,4154,2161,1169,0 



21,8,28,2 34,8 41,4 49,0!56,5164,0 71,8 79,6 



42,8|49,9i56,5 63,0 



69,4 



») Vgl. oben S. 47 und 48. 



Wachstiunsverhältnisse einiger holzzerstörenden Pilze. 



65 



o -c 



.2 £ 

5 g 



Tägliche Wachstiimszunahiuo In mm 





9. 


10. 


11. 


12. 


13. 


1 1. 


15. 


16. 


17. 


18. 


19. 


20. 


21 . 


22. 




bis 


bis 


bis 


bis bis 


bis 


bis 


1}]S 


1)1S 


bis 


bis 


bis 


bis 


bis 


— 


10. 


11. 


12. 


13. 


14. 


15. 


16. 


17. 


18. 


19. 


20. 


21. 


22. 


23. 


/ A 


■1)' 


4,.'> 




6,9 


5 7 


7 J. 






7 7 


O,0 


7 1 


7 9 


Q 9 


Q fi 

y,o 


■R 




o,z 




5 1 


5.2 


1 7 




0,0 


7 9 


7 1 


fi 4 


R 

8,0 


R 1 


Q 1 
9,1 






0,8 


5,4 


5,9 


6 1 


0,4 


0,0 


7 K 


fi fi 
0,0 


7 7 


7 7 


7 R 
(,8 


R fi 
8,0 


O R 

y,8 


1 u 




0 1 




4 7 


5,5 


0,7 


0,0 


0,v 


7 9 


fi R 
0,0 


fi 

o,o 


7 R 
i,8 


R 7 
8,/ 




t 


1 fi 
1,S 




A 0 


4,6 


5,7 


R •") 


0,D 


7 1 


0,ö 


R 9 


R i. 
8,4 


7 ft 


R 1 

»,1 




h 
u 


A Q 




1 R 
o,o 


5,0 


4,5 


ti 1 
0,1 


{\ 7 


0,!7 


0,0 


7 

/,0 


7 ft 


7 ß 

' ,o 


7)7 


R ^ 
8,0 


(» 




1 3 


2 8 


6,0 


5,2 


6 4 


6 2 


7 0 


7 1 


7 5 


6,6 


8 7 
o, 1 


8 7 


9,0 


d 


2,4 


2,9 


4,9 


5,2 


4,8 


6,0 


5,9 


6,4 


7,0 


8,1 


7^3 


8,6 


8,7 




e 


2,9 


1,9 


3,3 


5,2 


6,7 


5,0 


6,8 


6,5 


7,1 


8,8 


6,9 


7,9 






f 


3,1 


2,0 


4,9 


6,2 


5,6 


6,4 


6,6 


6,6 


7,6 


7,5 


7,5 


7.8 


7,8 




g 


3,0 


2,0 


3,4 


4,6 


5,1 


4,8 


6,8 


6,1 


7,0 


",1 


6,6 


6,5 


6,4 




l h 


1,8 


2,1 


3,7 


5,9 


5,9 


5,7 



















Aus der letzten Tabelle sehen wir wieder bestätigt, dafs 
die individuellen Abweichungen teilweise sehr beträchtliche 
sind. Falls keine Unterschiede unter den einzelneu Kultur- 
röhren bestünden, so müfste wenigstens bei A— D oder a — h 
die Wachstumszunahme an gleichen Tagen dieselbe oder an- 
nähernd die gleiche sein. Dies ist aber nicht der Fall. Die 
individuellen Abweichungen betragen in den ersten Tagen 
über 200% und sinken allmählich infolge der Gewöhnung 
an das Kultursubstrat bis zu ca. 20 "/o- Derartige Verschieden- 
heiten lassen es unmöglich zu, die individuellen Abweichungen 
unberücksichtigt zu lassen. 

Diese individuelle Verschiedenheit kommt uns besonders 
deutlich zum Bewufstsein, wenn wir das Gesamtlängen- 
wachstum in Röhren gleicher Länge betrachten. A wuchs 
in 14 Tagen 99,2 mm, D dagegen nur 80,0 mm; a wuchs 
86,1 mm, b aber nur 79,8 mm. Dieselben Unterschiede sind 
auch bei Vergleichen an anderen Tagen zu bemerken. 

Wenn wir nun von diesen individuellen Verschieden- 
heiten absehen und das Mittel aus dem Gesamtlängenwachs- 
tum der grofsen Röhren A — D mit dem mittleren Wachstum 
der kleineren Röhren a — h vergleichen, so finden wir weitere 
Abweichungen. Diese mögen in einer Tabelle folgen, in 
der die Durchschnittswerte von A— D mit denen von a — h 

Zeitächr. f. Natuiwiaa. Halle a. S. Bd. 82. 1910. 5 



60 



Kaui. IIofkmann, 



[32] 



an verschiedei^en Tagen verglichen werden. Das Mehr an 
Längenwachstum in den Röhren A — D ist mit + bezeichnet. 

Diese Gegenüberstellung zeigt 
uns aufs deutlichste das stärkere 
Längenwachstum in den grofsen 
Röhren. Im Verhältnis zur Glas- 
gröfse war den Pilzen in beiden 
Arten Röhren ungefähr dieselbe 
Nährstoffmenge geboten; dagegen 
war die eigentliche Nährstoff- 
menge in den Kulturen A — D 
gröfser.- Der Pilz bildete hieriu 
auch stärkeres Mycel. Auch die 
Feuchtigkeitsverhältnisse der Luft 
sind nicht die gleichen. Doch ist 
es schwer, hierüber bestimmte 
Angaben zu machen. 

Jedenfalls können wir aus 
den soeben angegebenen Be- 
obachtungen den klaren Schlufs 
ziehen, dafs auch die Form der 
Kulturgläser und der dadurch 
bedingte Feuchtigkeitsgehalt der 
Luft auf das Wachstum der Pilze 
einwirkt. Auch hieraus ersehen 
wir wieder, dafs kein Pilz eine 
konstante Wachstumskraft hat, 
unabhängig von den ihm ge- 
botenen Bedingungen. 

Ich hatte bereits von den 
Abweichungen in der täglichen 
Wachstumzunahme bei konstan- 
ten Temperaturverhältnissen ge- 
sprochen und insbesondere auf 
das Verhalten von Merulius 
lacrymmis bei 24" und 26" hin- 
gewiesen, wo das unregelmäfsige Wachstum besonders klar 
hervortritt. Auch die andern untersuchten Mycelien zeigen 
solche Abweichungen, wenn auch nicht in so deutlichem Mafse. 



CO y • 


8S,30 
83,70 
+ 4,60 




78,90 
75,20 
+ 3,70 




70,20 
67,50 
+ 2,70 


^ > 


62,50 
59,80 
+ 3,70 




52,60 
+ 2,80 


t> 


47,75 
44,50 
+ 3,25 


> 


40,60 
37,76 
+ 2,86 


2V 


34,20 
31,40 
+ 2,80 


'i > 


28,00 
25,04 
+ 2,96 


t > 


. 22,20 
16,95 
+ 5,25 




16,60 
14,02 
+ 2,58 




10,90 
8,69 
+ 2,21 




6,50 
4,80 
+ 1,70 


Mittleres 
Längen- 
wachstum 


in A— D 
in a— h 
Unterschied 



Wachstumsverhältnisse einiger holzzerstürenden Pilze. 67 



Wir müssen also nach der Ursache dieser Schwankungen fragen. 
Dafs diese nielit in der kleinen Störung bei der Kontrolle be- 
gründet sind, darauf war schon hingewiesen, auch waren schon 
die Stoffweehselprodukte zur Erklärung herangezogen worden. 
Auch auf die allmähliche Gewöhnung des Pilzes an das 
Substrat war bereits aufnierksuni gemacht. Es ist hier auch 
darauf hinzuweisen, dafs die gegebenen Ernährungsbedin- 
gungen bei der angewandten Knlturmethode in langen Röhren 
keine konstante sind. Nahe am Versehlufs der Röhre sind 
der Nährboden und somit die geboteneu Nährstoffe viel 
dünner und geringer als am Ende der Röhren. Die Nähr- 
schicht nimmt an Stärke allmählich zu. Ferner nimmt der 
Feuchtigkeitsgehalt der Luft über dem Substrat im Laufe der 
Zeit ab; dieses kann so trocken werden, dafs das Wachstum 
des Pilzes geschädigt wird. Wenn auch nicht ausgeschlossen 
ist, dafs der Feuchtigkeitsgehalt der Luft in den Röhren 
nach dem Ende zu im selben Mafse zunimmt, wie er infolge 
der Verdunstung allgemein abnimmt, so kann dies doch 
nicht die Tatsache der verschiedeneu Eruährungsgröfse zu 
verschiedenen Zeiten bedeutungslos erscheinen lassen. 

5. Einflufs der Luftzirkulation auf das Mycel. 

Um zu untersuchen, ob die Luftzirkulation und damit 
die Sauerstoffzufuhr, die für die Pilze sehr wesentlich ist, 
durch den Wattestopfen, mit denen die Kulturröhren ver- 
schlossen waren, irgendwie beeinflufst wurde, wurde folgender 
Versuch angestellt: Einige Reagenzgläser wurden bis zu 
vollkommen gleicher Höhe mit halbgesättigter Hydroehinon- 
lösung, die den Sauerstoff begierig an sich reifst, gefüllt; 
zwei Röhren wurden nicht verschlossen und zwei andere 
erhielten einen Wattepfropfenverschlufs. Es stellte sich nun 
heraus, dafs die Rotfärbung der Hydrochinonlösung in allen 
Röhren gleichen Schritt hielt. Man konnte diese Verhält- 
nisse daran erkennen, dafs die Rotfärbung in der Lösung 
nicht gleichzeitig eintrat, sondern allmählich von oben nach 
unten fortschritt. Die Grenze war ziemlich scharf, so dafs 
genaue Messungen vorgenommen werden konnten. Die 
bei dieser Verfärbung in Betracht kommende Diffusion war 

5* 



C8 



Karl Hoffmann, 



[34] 



in allen Röhren gleicbniäl'sig zu beobachten, kann also un- 
berücksichtigt bleil)en. Die Höhenmessungen der rötlich 
gefärbten Schicht wurde bei allen Röhren gleichzeitig vor- 
genommen und die erhaltenen Werte, die also den Fort- 
schritt der Sauerstoffzufuhr gleichermaXsen abbilden, in einer 
Kurve zur Darstellung gebracht. Die punktierten Linien 
geben den Fortschritt der Rotfärbung in den verschlossenen, 
die ausgezogenen Linien den Fortschritt der Verfärbung in 
den offenen Röhren. 




8 10 12 2 4 6 8 10 12 2 4 6 8 10 12 2 4 6 8 10 12 2 4 6 S 10 12 2 4 6 8 10 12 
Mittwoch Donnerstag Freitag Sonnabeud 

Fig. 1. 

Wir sehen ans dem Verlauf dieser Kurven deutlieh, 
dafs die Wattepfropfen die Luftzirkulation und somit den 
Sauerstoffaustausch nicht beeinflussen, so dafs also durch 
den Verschlufs der Kulturröhren mit Watte sich keine Fehler- 
quellen ergaben, durch die das Wachstum der Mycelien in 
ungünstigem Sinne beeinflufst werden kann. 

6. Bedeutung des Tageslichts und der Dunkelheit für das 
Wachstum der Pilzmycelien. 

Eine weitere von Falck nicht verfolgte Frage, die sieh 
mir bei meinen Untersuchungen aufdrängte, war die nach 
der Abhängigkeit des Myeelwachstums von der Be- 
leuchtung. Um diese zu untersuchen, stellte ich in meinem 
Arbeitszimmer zwei gröfsere Gewächshäuser auf. Das eine 



Wachsturasverhältnisse einiger holzzerstörenden Pilze. 09 



war vollkommen dunkel, mit schwarzen Glaswänden; das 
andere, von gleicher Gröfse, hatte durchsichtige, weilse 
Glaswände. Diese beiden Kulturkästen wurden nie vom 
Sonnenlicht getroffen, so dafs die Temperatur in den beiden 
Kästen vollkommen die gleiche war. Diese wurde ebenfalls 
täglich mehrmals beobachtet und nie wurden Abweichungen 
konstatiert. Der Temperaturumfang war in der Zeit der 
Untersuchung 15,7" — 17,5" Celsius. Zum Vergleich wurden 
gut angewachsene Kulturröhren benutzt, die schon eine 
Länge von wenigstens 10 cm Länge erreicht hatten. 

In der dritt- und zweitletzten Kolonne der folgenden 
Übersichtstabelle sind die Mittelwerte aus den verschiedenen 
Röhren berechnet, in der letzten Kolonne die Differenz 
des Wachstums im Dunkeln und bei Beleuchtung au- 
gegeben: Etwaiges Mehrwachstum im Dunkeln wurde mit 
-|- bezeichnet. 



Spezies 


Zeit des 
Wachstums 




Wachstum 

ohne 
Beleuchtung 




Wachstum 
bei 

Beleuchtung 


iviiiTei 
a s p 

O ^ -1^ 

PQ 


werte 

Ji 
.„ « &ß 
^ S B 

P3 


Diffe- 
renzen 


Paxillus 
acheruntiiis 


22. V.— 28. V. 


A 
B 


12,0 
12,9 


A 
B 


11,1 
10,9 


} 12,45 


11,00 


+ 1,45 




28. V.— 9. VI. 


A 
B 


25,9 
26,1 


A 
B 


25,0 
25,6 


|2t;,oo 


25,30 


+ 0,70 


Polyporiis 
vulgaris 


22. V.— 28. V. 


A 
B 


6,7 
7,6 


A 


6,4 




6,40 


+ 0,75 




28. V.-9. VI. 


A 
B 


11,5 
12,2 


A 


10,6 


|ll,85 


10,60 


+ 1,25 


Merulins 
Silvester 


22. V.— 28. V. 


A 
B 


12,0 
18,9 


A 
B 


17,8 
12,7 


|l6,45 


15,25 


+ 1,20 




28. V.-9. VI. 


A 
B 


37,5 
27,3 


A 
B 


37,3 
27,1 


|32,40 


32,20 


+ 0,2(1 



70 



Karl Hoffmann, 



[36] 









i s 




3 e 


Mittelwerte 




Spezies 


Zeit des 
Wachstums 




Wachste 
ohne 
Beleuchti 




Wachsti 

bei 
Beleuchti 


ohne 
Beleuch- 
tung 


bei 
Beleuch- 
tung 


Diflfe- 
renzen 


Mendius 


22. V.— 28. V. 


A 


18,3 


A 


10,9 


j 






lacrvmans 




B 

C 
D 


12,9 
13,0 
11,1 


B 
C 


9,7 

5,8 


>13,82 
1 


8,8 


+ 5,02 




28. V.— 9. VI. 


A 


0 1 .0 


A 














B 

C 


31,0 
44,0 


B 

C 


20,8 
35,2 






+ 3,15 






D 


37,2 


D 


51,8 








Mendius 


22. V.-28. V. 


A 


2,8 


A 


4,1 








favosus 




B 

c 


6,3 
6,4 


B 

c 


4,4 
5,1 


j 5,20 


4,53 


+ 0,67 




28. V.-9. VI. 


A 


14,3 


A 


10,2 












B 

C 


14,7 
10,3 


B 

C 


10,3 
14,4 


j 12,38 


11,45 


+ 0,93 






D 


10,2 


D 


10,9 








Folyporus 
vajmrarias 


28. V.-9. VI. 


A 
B 


35,4 
36,3 


A 
B 


30,2 
30,1 


J35,85 


30,15 


+ 5,70 



Um die individuellen Fehler anszuscbalten, wurden ara 
9. IV. die Kulturen, die bisher ohne Beleuchtung gewachsen 
waren, dem Tageslicht ausgesetzt und umgekehrt die anderen 
Röhren weiterhin im Dunkeln kultiviert. Die Ergebnisse 
folgen in der ansehliefsenden Tabelle. 



[37] Wachstmusverhältnisse einiger holzzerstürenden Pilze. 71 



Wachstum bei gleicher Temperatur. 



Spezies 


Zeit des 
Wachstums 




1 Wachstum i 
ohne ' 
Beleuchtung 




1 Wachstum 
bei 

Beleuchtung 


Mitte 
Ji 

33 t> (KD 

n = p 
o "3 


werte 

„'s t>c 
? o 2 


1 Diffe- 
renzen 


Paxillus 
achei-imtius 


<). VI.-17.VI 


A 
B 


16,1 
16,6 


A 
B 


15,0 
15,2 


|l6,35 




4- 1 "JS 


Folyporus 
vulgaris 


9.VI.-17.VI. 


A 


7,8 


A 
B 


9,6 
7,2 


1 7 80 


7,05 




Merulius 
Silvester 


9. VI.-17. VI. 


A 
B 


23,0 
18,1 


A 
B 


21,4 
17,0 


|20,55 


19,20 


+ 1,H5 


Merulius 
lacrymans 


0. VI.- 17. VI. 


A 
B 
C 
D 


37,1 

38,7 
18,2 
28,0 


A 
B 
C 
D 


20,1 
31,2 
24,2 
28,3 


|30,67 


25,95 


■ 

+ 4,72 


Merulius 
favosus 


9. VI. -17. VI. 
17. VI.— 23. VI. 


A 
B 
C 
D 

A 
B 
0 


6,9 
9,5 
6,5 
8,0 

7,0 
9,5 
7,5 


A 
B 
C 
D 

A 
B 

C 


8,9 
7,0 
5,5 
8,6 

6,3 
9,5 
6,3 


1 7,52 
1 

1 8,00 


7,50 
7,37 


+ 0,02 
+ 0,63 


Folyporus 
vaporarius 


9. VT.— 17. VI. 


A 
B 


19,0 
22,5 


A 
B 


19,1 
18,7 


1 20,75 


18,90 


+ 1,85 


Folyporus 
destructor 

Vertauscht 
ABCD 
mit ABC 


17. VI. -23. VI. 
23. VI.— 27. VI. 


A 
B 
C 
D 

A 
B 

C 


29,4 
31,6 
29,3 
26,4 

20,3 
26,8 
23,0 


A 
B 
C 

A 

C 

D , 


1 

32,1 
28,6 
30,9 

19,7 
20,0 
19,3 i 
20,0 


Lojio 

1 

|23,37 


30,50 
19,75 


— 0,40 
+ 3,02 



72 



Karl Hoffmann, 



[38] 



Auch diese Versuche zeigen aufs deutlichste das stärkere 
Wachstum der Mycelien, wenn sie vollkommen dunkel ge- 
halten werden. Besonders deutlich ist dieses Verhalten bei 
Pohjporus vaporarius und Merulius lacnjmans. Die indivi- 
duellen Fehler sind durch die angewandte Methode voll- 
koninien ausgeschaltet. Wie nötig es ist, die Kukuren zu 
vertauschen, zeigen besonders die Beobachtungen an Folyjjorus 
destntctor; der individuelle Fehler tritt hier besonders deut- 
lich in Erscheinung. 

Wenn wir die gesammelten Beobachtungen dazu be- 
nutzen, um zu berechnen, wieviel besser das Wachstum ohne 
Beleuchtung ist als bei Beleuchtung — es werden hierzu 
die Mittelwerte genommen — so ergibt sich folgendes 
Resultat. 



Paxillus acheruntius 
Pohjponis vulgaris 
Polyporus destructor 
Polyporns vaporarius 
Merulius favosus 
Merulius Silvester 
Merulius lacrymans 



wächst im Dunkeln besser 
als bei Beleuchtung um 



ö,6o/o 
11,4% 

6,40/0 
15,5% 

7,6% 

4,1% 
17,8% 



Mit diesen Betrachtungen ist erwiesen, dafs Beleuchtung 
das Wachstum der Mycelien der holzzerstörenden Pilze un- 
günstig beeinflufst. ') 

Aufser dem aus dieser Tabelle ersichtlichen Unterschied 
im Längenwachstum war auch ein Unterschied in der Aus- 
bildung des Mycel zu verzeichnen, das ich mit dem Namen 
„Meugenwachstum" belegen möchte (nach Falck „quantitatives 
Wachstum"). Besonders deutlich sichtbar waren diese Unter- 
schiede bei Merulius lacrymaus und Polyporus vaporarius. 
Sämtliche Kulturröhren zeigten, wenn sie im Dunkeln er- 
wachsen waren, ein stärkeres Mengenwachstum, als wenn 
sie dem Tageslicht ausgesetzt waren. 



Dasselbe hat Vines für Phycomyces nitens nachgewiesen. 
Vgl. Pfeffer, Pflanzenphysiologie II, S. 110 und III ; ferner H, S. 318 
und die dort angegebene Literatur. 



Wachstumsverhältnisse einiger hoizzerstörenden Pilze. 



73 



7. Einflufs roten und blauen Lichts auf das Mycel. 

Ferner regten mich diese Versuche dazu an, das 
Längenwachstum bei rotem und blauem Licht zu ver- 
gleichen. Als Vorversuch wurde in zwei schwarzen HolzkäKsteu 
mit roter resp. blauer Glasscheibe einige Kulturen in Petri- 
schalen mit gleicher Nährstoffmenge angesetzt. Die beiden 
Kästen standen neben einander bei Zimmertemperatur, also 
unter gleichen Bedingungen. Die Petrischalen wurden am 
selben Tage von denselben Kulturen geimpft. Schon nach 
wenigen Tagen zeigte sich, dafs durchgängig im roten Licht 
das Wachstum ein schnelleres und kräftigeres war. Poly- 
soms raporarius war in gleicher Zeit (15. V. — 5. IV.) im 
blauen Licht noch nicht die Hälfte so schnell gewachsen 
wie im roten Licht. Ebenso verhielten sich Merulnis lacry- 
mans und Paxillus acheruntius. Um dieses auffällige Ver- 
halten näher nachzuprüfen, wurden mehr Kulturen angesetzt. 
Als Nährboden wurde wieder Bierwürze mit 5% Agar-Agar 
verwendet. Mit Ausnahme von Coniopliora cerebella und 
Merulius lacrymans, die in langen Röhren mit 25 ccm Nähr- 
material kultiviert wurden, benutzte ich Reagenzgläser, die 
ich mit 10 ccm beschickte. Die Resultate dieser Beobach- 
tungen sind wiederum in einer Tabelle zusammengestellt, 
deren letzte Kolonne die Unterschiede des Wachstums in 
rotem und blauem Lichte enthält. Falls das rote Licht 
fördernd wirkte, sind die Differenzen mit + bezeichnet, im 
andern Falle mit — . 



Spezies 


Zeit des 
Wachstums 




Rot 




Blau 


Wachstums- 
Mittelwerte 
in 


Diife- 
renzen 














Kot 


Blau 




Coniophora 
cerebella I 


11.VI.-15.VI. 


A 

B 


26,1 
25,6 


A 
B 


26,0 
30,2 


|25,85 


28,10 


-2,25 




15.VI.— 22.VI. 


A 
B 


84,9 
96,4 


A 
B 


85,2 
81,1 


|90,65 


83,15 


4- 7,50 




22.VI.-25.VI. 


A 
B 


35,1 
37,2 


A 


37,1 


|36,15 


37,10 


— 0,95 



74 



Kahl IIoffmann, 



[40J 















Wachstums- 




Spezies 


Zeit des 
Wachstums 




Rot 




Blau 


Mittelwerte 
in 


Diffe- 
renzen 














Rot 


Blau 




K^OillOjjnOTll 

cerebella II 


Q VT 1 1 VT 


A 

B 


1 ') K 

11,2 


Ä 

B 


1 1 

11,0 

8,0 


|ll,90 


9,90 


+ 2,00 




1 1 VI - 1 =i VI 


B 


34,4 


A 

B 


31,2 


|33,30 


31,85 


+ 1,45 




15.VI— 22.VI. 


A 

X> 


79,7 

7fi A 
i D,4 


A 

■R 


75,3 


1 78,05 
J 


75,30 


+ 2,75 




22.VI.-25.VI. 


A 
B 


32,6 
32,5 


A 
B 


33,0 
34,2 


|32,55 


33,60 


— 1,05 


vulgaris 


11. VI.— 15.VI. 


A 


4 0 


A 

B 


4,4 

3,9 


} 4,00 


4,15 


— 0,15 




15.VI.— 22.VI. 


A 
B 


9,1 
13,1 


A 

B 


. 7,8 

8,6 


|11,10 




+ 2,90 




22.VI.— 31.VI. 


A 


12,0 


A 


9,5 












B 


10,2 


B 


12,0 


Ii 1,17 


10,75 


+ 0,42 






C 


11,3 












Paxillus 


9.VI.-11.VI. 


A 


2,0 


A 


2,8 


1 






acheruntius 




B 
C 




2,2 
2,9 


B 
C 
D 


2,2 
1,8 
2,6 


> 2 .S7 


2,35 


+ 0,02 




11.VI.-15.V1. 


A 


7,9 


A 


7,7 












B 

C 


7,1 
7,2 


B 
C 


8,6 
8,4 


> 7,3o 


7,90 


— 0,55 






D 


7,2 


D 


6,9 










ir,.VI.-2-2.VI. 


A 


15,7 


A 


16,1 












B 
C 


17,2 
16,6 


B 
C 


15,7 
14,9 


[l6,73 


15,18 


+ 1,55 






D 


17,4 


D 


14,0 










22. VI.— 31. VI. 


A 


17,5 


A 


17,9 












B 

C 


18,3 
18,3 


B 

C 


18,1 
18,1 


1 18,1 5 


18,03 


+ 0,12 






D 


18,5 













Wachstumsverhältuisse einiger holzzerstörenden Pilze. 



75 















Wachstums- 




Spezies 


Zeit des 
Wachstums 




Rot 




Blau 


Mittelwerte 
in 


Diffe- 
renzen 














Kot 


Blau 




Merulius 


ll.VI.— 15.VI. 


A 


3,5 


A 


2,9 








favosus 




B 
C 
D 


4,2 
4,0 
3,0 


B 

C 


1,6 
2,9 


1 

3,68 

) 


2,47 


+ 1,21 




15.VI.-22.V1. 


A 


9,9 


A 


11,7 












B 
C 


1 1,3 
10,0 


B 

C 


11,4 
18,5 


|l0,30 


11,42 


-1,12 






D 


10,0 


D 


9,1 










22.VI.-31.VI. 


A 


14,4 


A 


8,1 












B 

C 


13,6 
14,2 


B 


14,2 


1 

|'14,UD 


1 1 1 
11,10 


+ 2,90 






D 


14,0 












- - - 

Coniophora 
cerebella 


9.VI.-11.VI. 


A 


7,8 


A 
B 


11,9 
7,0 


} 7,80 


9,45 


— 1 ,00 


III 




















ll.VI.- 15.VI. 




28,4 


A 
B 


25,0 
23,8 


|28,40 


24,40 


_t_ A iM\ 




15.VI.— 22.VI. 


A 


57,8 


A 
B 


56,3 
57,4 


|57,80 


56,85 


+ 0,95 




22.VI.— 25.VI. 


A 


24,6 


A 
B 


25,5 
26,1 


|24,60 


25,80 


— 1,20 


Merulius 
lacrymam 


11,VI.-15.VI. 


A 
B 


10,1 
9,9 


A 
B 


8,2 
8,1 


1 10,00 


8,15 


-4- 1 85 


(Grofse 
Köhren) 


15.V1.— 22.V1. 


A 
B 


39,9 
38,2 


A 
B 


37,8 
38,7 


|39,05 


38,25 


+ 0,90 




22.VI.— 26.VI. 


A 
B 


23,6 
23,9 


A 
B 


20,5 
21,8 


|23,75 


21,15 


+ 2,60 




26 VI.-31.VI. 


A 
B 


24,6 
24,8 


A 
B 


21,4 
22,8 


}24,70 


22,10 


+ 2,60 



76 



Karl 



Hoffmann, 



[42J 















Wachstums- 






Zeit des 
Wachstums 










Mittelwerte 
in 


Diffe- 
renzen 














Rot 1 


Blau 




1 
1 

Merulius 


ll.VL— 15.VI. 


1 

A 


13,1 


A 


13,1 


1 
1 

\ 






lacrymaxs 




B 
C 


13,8 
13,1 


B 
C 


11,2 
6,8 


13,33 


9,75 


-f 3,58 


(Kleine 




— 


— 


D 


7,9 


) 






Röhren) 


15.VI.— 22.VI. 


A 


32,2 


A 


32,9 


1 










B 
C 


39,2 
38,1 


B 

C 


38,9 
34,5 


[36,50 


35,90 


+ 0,60 










D 


37,3 


1 








21.VI. 26.VI. 


A 


23,1 


A 


23,0 


) 










B 
C 


22,5 
21,8 


B 
C 


22,1 
28,0 


}22,47 


22,40 


-f 0,07 










D 


21,5 


J 






Merulius 


11.VI.-15.VI. 


A 


11,6 


A 


12,3 


1 






Silvester 




B 
C 
D 


12,2 
9,8 
13,1 


B 
C 
D 


10,9 
9,8 
10,5 


111,68 

1 


10,88 


+ 0,80 




15.VI.— 22.VI. 


A 


35,4 


A 


34,6 


l 










B 
C 


35,8 
36,5 


B 
C 


35,4 
37,6 


^36,1 8 


35,93 


+ 0,25 






D 


37,0 


D 


36,1 


J 








22.VI.— 26.VI. 


A 


21,5 


A 


19,8 












B 


23,1 


B 


19,2 


|22,53 


19,87 


-t- 2,66 






C 


23,0 


C 


20,6 








Folyporus 
vaj)orarius 


16. VI.— 22 .VI. 


A 
B 


21,1 
18,3 


A 
B 


12,1 
12,0 


1 19,65 


12,05 


+ '',60 




•22 VI .Hl VI 


A 
B 


35,8 
27,2 


A 
B 

! 


21,9 
18,2 


|31,50 


20,05 


+ 11,45 


Folyporus 


9.VI.— ll.VI. 


A 


9,0 


A 


7,1 


] 






destructor 




B 


6,8 


B 
C 
D 


6,5 
7,9 
6,7 


) 7,90 
) 


7,05 

1 


+ 0,85 



Wachstumsverhältnisse einiger holzzerstörenden Pilze. 77 















Wachsturas- 




Spezies 


Zeit des 
Wachstums 




Rot 




Blau 


Mittelwerte 
in 


Diffe- 
renzen 














Kot 


rilau 


. 


UfiU jju t Ivo 


ll.yi. 15.VI. 


A 


17,8 


A 


15,0 








destructor 




B 
— 


31,4 



B 
C 
D 


16,6 
15,7 
14,3 


1 • 

24,60 

) 


15,40 


J- Q Oft 




1 5 VI 22 VI 


A 


39,2 


A 


40,7 












B 

— 


39,9 


B 
C 


42,0 
41,5 


|39,55 


41,58 













D 


42,1 


) 








22.VI.-25.VI. 


A 


18,2 


A 


15,5 












■R 


1 7 fi 


x> 
C 


1 9 
10, ^ 

14,7 


ll7 90 


14,20 


+ 3,70 










D 


13,4 


1 






Polyporus 


11.VI.— 15.VI. 


A 


7,1 


A 


7,0 


\ 






serialis 




B 
C 


11,1 
7,2 


B 
— 


7,0 

— 


8,40 

J 


7,00 


+ 1,40 




15.VI.— 22.VI. 


A 


17,8 


A 


14,7 












B 


18,6 


B 


17,0 


|l7,83 


15,85 


^ 1,98 






C 


17,1 


— 


— 










22.VI.-31.VI. 


A 


21,6 


A 


20,0 












B 


22,5 


B 


18,2 


|21,37 


19,90 


+ 1,47 






C 


20,0 













Diese Tabellen weisen mit Nachdruck darauf hin, dafs 
die beobachteten Pilze durch blaues Licht in ihrem Wachs- 
tum gehemmt werden. Wenn auch einige Werte in blauem 
Licht ein stärkeres Wachstum erkennen lassen, so sind dies 
doch nur zufällige individuelle Abweichungen. Um auch 
diese auszuschalten, möge wieder prozentualiter das bessere 
Wachstum im roten Licht gegenüber der Schädigung, die 
das blaue Licht ausübt, ausgedrückt werden. Wir kommen 
so zu folgenden Resultaten: im roten Licht wachsen besser: 



78 Karl Hoffmann, [44] 

ConiopJwra cerebella I 3,6 »/o 

Coniophora cerebella II ^,4''/o 

Conioplwra cerebella III 3,0 o/o 

Merulius lacrymans (grofse Röhren) . . 8,8 " o 

Merulius lacrymans (kleine Röhren) . . 6,3o/(, 

Merulius favosus ll,6'*/o 

Meriilius Silvester 5,6 "/o 

Polyporus vaporarius 59,30/0 

Polyporus destructor 15,0 "/o 

Polyporus serialis 11,3 "/q 

Polyporus vulgaris 13,7 "/o 

Paxillus acheruntius 2,6 o/q 



Diese Beobachtungen und Berechnungen zeigen sehr 
klar, dals die holzzerstörenden Pilze durch blaues Licht in 
ihrem Wachstum ungünstig beeinflufst werden.') 



II. Begründung einer anderen Methode zur Messung 
des Längenwachstums. 

Wenn wir die Ergebnisse dieser Betrachtungen über das 
Längenwachstum der untersuchten Holzzerstörer zusammen- 
fassen, so kommen wir zu folgenden Schlüssen: 

1. Die Messung des Längenwachstums in Röhren, wie 
sie Falck benutzt hat, ist nicht einwandfrei, weil die dem 
Pilz gebotene Nährstoffmenge keine gleichmäfsige ist. 

2. Hiermit hängen verschiedene Feuchtigkeitsverhält- 
nisse des Substrates und der darüber befindlichen Luftschicht 
zusammen. 

3. Die Beobachtungen des Längenwachstums können 
nur dann in Beziehung zu einander gesetzt werden, wenn 
die Impfungen an demselben Tage und von derselben Rein- 
kultur vorgenommen werden. 

4. Da die Kulturen während ihres Wachstums im 
Dunkeln gehalten und zur Kontrolle in andere Beleuchtungs- 
verhältnisse und in andere Temperaturen gebracht werden. 



•) Vgl. Pfeffer, Pflanzenphysiologie II, S. 117. 



[45] Wachstums Verhältnisse einiger holzzersttJrenden Pilze. 79 



können die erhaltenen Werte nur unter ausdrücklicher Be- 
tonung dieses Umstandes mit einander verglichen werden. 

5. Da fernerhin das Mycel des Pilzes durch Kultur- 
einflüsse in seinem Längenwachstum variiert werden kann 
und da der dargebotene Nährstoff sehr wesentlich für sein 
Längen- und Mengenwachstuui ist, kann die erhaltene 
Wachsturaskurve nur relativ sein und nie absolute Gültigkeit 
besitzen. 

In Berücksichtigung dieser Momente kam ich zu dem 
Resultat, dafs die Kultur der Pilzmycelien und die Messung 
ihres Längenwachstums am besten in Petrischalen vor- 
genommen werden. Ich ging bei meinen folgenden Versuchen 
so vor, dafs gleich grofse, gut schliefsende Kulturschalen 
mit einer gleichmälsigeu, gleichhohen Schicht desselben 
Nährmaterials gefüllt und alsdann im Autoklaven sterilisiert 
wurden. Die Impfung wurde nahe am Rand der Schale 
vorgenommen, so dafs dem Pilz zu seinem Wachstum eine 
grofse Fläche Nährboden zur Verfügung stand. Die Messung 
geschah in der Weise, dafs von der Impfstelle mehrere 
schmale Papierstreifen über die Petrischale geklebt wurden. 
Hierdurch wurde gleichzeitig der Deckel auf der Schale gut 
befestigt, so dafs Fehlerquellen, die bei einem Verschieben 
der Deckel bestehen konnten, von vornherein ausgeschlossen 
wurden. 

Bei der Prüfung, die bei allen Temperaturen in denselben 
zweitägigen Zwischenräumen und zur selben Tageszeit vor- 
genommen wurden, verfuhr ich in der Weise, dafs ich die 
Kulturscbale auf den Tisch legte und in der Richtung der 
vorderen Hyphenenden auf den Papierstreifen eine Markierung 
mit dem zugehörigen Datum vornahm. Diese Methode hat 
den Vorteil, dafs der Deckel der Petrischale gleichzeitig 
als Spiegel benutzt werden kann und auf diese Weise die 
Markierung genau senkrecht über den Hyphenenden vor- 
genommen wurde, so dafs jede Parallaxe auf ein Minimum 
reduziert werden konnte. Ein weiterer Vorteil dieses Vor- 
gehens ist der, dafs dem Pilz eine gleichmäfsig dicke und 
zugleich verhältnismäfsig gröfsere Fläche zur Verfügung 
steht und auf diese Weise Fehler, die durch das Anstofsen 
des Mycels an die Glaswände der Röhren ziemlich oft 



80 



Karl Hoffmann, 



[46] 



entstehen, vollkommen vermieden werden. Auch können 
auf diese Weise auf einer einzigen Scjhale mehrere Messungen 
ausgeführt und so ein guter mittlerer Wert für die betreffende 
Kultur erreicht werden. Monatelange Kultur ist nicht nötig, 
da die Konstanz nach wenigen Tagen genügend ist. Aus 
diesem Grunde wurden die Beobachtungen nur 2 — 3 Wochen 
fortgesetzt; bei schnellwachsenden Mycelien, z. B. Coniophora 
cereheUa^ mufste ich mich allerdings auch mit kürzerer Zeit 
begnügen. Infolge der ziemlich hohen Temperaturen des 
Mai und Juni und aus Mangel an einer grösseren Anzahl 
von Thermostaten konnte ich nur 6 verschiedene Temperaturen 
beachten. Die Kontrolle der Thermostaten wurde täglich 
sechs- bis achtmal vorgenommen, so dafs die Maximal- 
abweichungen nur 0,5" betrugen. Die beobachteten Tem- 
peraturen waren 13,6», 18,0», 20,0», 23,0'», 26,0» und 30,0". 

Die Resultate sind aus den Tabellen zu ersehen. 

Die Ergebnisse der Messungen an verschiedenen Papier- 
streifen sind hierin mit a und b bezeichnet. 

1. Temperaturwerte von Merulius lacrymans. 
Geimpft 21. V. 1909. 

Kultursehalen d = 15 cm, beschickt mit 38 ccm ö^/o 
hellem Bierwürze -Agar. 



t = 13,6». Die Mafse sind in mm angegeben. 





Zeit des 
Wachstums 


Gesamt- 
länge 


Zwei- 
tägige 
Zunahme 


Tägliche 
Zunahme 


Mittel- 
wert 


Ab- 
weichungen 






a 


b 


a 


b 


a 


b 




a b 


A. 


27.V.— 29.V. 


3,4 


4,0 


3,4 


4,0 


1,70 


2,00 




+ 2,86 -1- 2,56 




29.— 31. 


8,9 


11,2 


5,5 


",2 


2,75 


3,60 




+ 1,81 + 1,96 




31.V.-2.VI. 


16,2 


18,5 


7,3 


7,3 


3,65 


3,65 




-i- 0,91 +0,Qi 




2.-4. 


26,0 


27,8 


9,8 


9,3 


4,90 


4,65 




— 0,34 —0,09 




4.— ü. 

C— 8. 


36,6 
48,2 


36,5 
47,1 


10,6 
11,6 


8,7 
10,6 


5,30 
5,80 


4,35 
5,30 


4,56 


— 0,74 +0,21 

— 1,24 —0,74 




8.— 10. 


56,0 


56,0 


7,8 


9,0 


3,90 


4,50 




+ 0,66 + 0,06 




10.-12. 


60,2 


64,2 


10,2 


8,2 


5,10 


4,10 




— 0,54 + 0,46 



Wachstiiuisverhilltnissc einiger iiolzzerstOrenden Pilze. 81 





Zeit des 
Wachstums 


Gesamt- 
länge 


Zwei- 
tägige 
Zunahme 


Tägliche 
Zunahme 


Mittel- 
wert 


Ab- 
weichungen 






a 


b 


a 


b 


a 


b 




a 


b 


B. 


27.V.— 29.V. 


4,9 


5,0 


4,9 


5,0 


2,45 


2,50 




+ 0,24 


+ 0,19 




29.— 31. 


9,2 


9,3 


4,3 


4,3 


2,15 


2,15 




+ 0,54 


+ 0,54 




31.V.— 2.VI. 


15,0 


16,0 


5,8 


6,7 


2,90 


3,35 




— 0,21 


— 0,66 




2.-4. 


21,8 


23,0 


6,8 


7,0 


3,40 


3,50 


1 


— 0,71 


— 0,81 




4.-6. 


28,5 


29,2 


6,7 


6,2 


3,35 


3,10 


1 

\ 2 69 
1 


— 0,66 


— 0,41 




6.-8. 


33,9 


33,1 


5,4 


3,9 


2,70 


1,95 


— 0,01 


+ 0,74 




8.— 10. 


39,0 


43,3 


5,1 


5,2 


2,55 


2,60 


1 


+ 0,14 


+ 0,09 




10.— 12. 


43,3 


42,6 


4,3 


4,3 


2,15 


2,15 


1 


+ 0,54 


+ 0,54 


C. 


27.V.— 29.V. 


5,4 


',1 


5,4 


7,t 


2,70 


3,55 




+ 0,99 


+ 0,14 




29.-31. 


10,2 


12,6 


4,8 


5,5 


2,40 


2,75 




+ 1,29 


+ 0,94 




31.V.— 2.VI. 


14,8 


17,0 


4,6 


4,4 


2,30 


2,20 




+ 1,39 


+ 1,49 




2.-4. 


21,0 


24,2 


6,8 


7,2 


3,40 


3,60 




+ 0,29 


+ 0,09 




4.-6. 


28,2 


31,0 


6,6 


6,8 


3,30 


3,40 


1 


+ 0,39 


+ 0,29 




6.-8. 


35,4 


38,0 


7,2 


7,0 


3,60 


3,50 


1 

[= 3,69 


+ 0,09 


+ 0,19 




8—10. 


44,8 


46,2 


9,4 


8,2 


4,70 


4,10 


— 1,01 


— 0,41 




10.-12. 


53,1 


54,1 


8,3 


7,9 


4,15 


3,95 


1 


— 0,46 


— 0,26 




12—14. 


60,0 


63,0 


6,9 


8,9 


3,45 


4,45 


1 


+ 0,24 


— 0,76 



Mittelwert aus A, B, C = 3,G5 mm. 



t= 18,00. 



27.V.— 29.V. 


5,4 


4,6 


5,4 


4,6 


29.-31. 


10,9 


11,7 


5,5 


7,3 


31.V.-2.VI. 


16,8 


17,2 


5,9 


5,5 


2.-4. 


23,0 


24,6 


6,2 


7,4 


4.-6. 


25,2 


28,8 


2,2 


4,2 


6.-8. 


27,8 


32,0 


2,6 


3,2 


8.-10. 


30,1 




2,3 




2-.V.— 29.V. 


7,1 




7,1 




29.-31. 


10,0 


4,1 


2,9 


4,1 


31.V.-2.VI. 


16,9 


10,9 


6,9 


6,8 


2.-4. 


25,8 


18,4 


8,9 


7,5 


4.-6. 


35,1 


23,2 


9,3 


4,8 


6.-8. 


39,2 


29,8 


4,1 


6,6 


8.-10. 


44,8 


37,0 


5,6 


7,2 


Zeitaclir. f. Naturwisa. 


HaUe 


a. S. 


Bd. 82 



2,70 


2,3o; 




+ 0,29 


+ 0,69 


2,75 


3,65 


j 2,99 


+ 0,24 


— 0,66 


2,95 


2,75 




+ 0,04 


+ 0,24 


3,10 


3,70 




— 0,11 


— 0,71 


1,10 


2,10 




+ 1,89 


+ 0,89 


1,30 


1,60 




+ 1,69 


+ 1,29 


1,15 






+ 1,84 




3,55 






— 0,16 




1,45 


2,05 




+ 1,94 


+ 1,34 


3,45 


3,40 




— 0,06 


— 0,01 


4,45 


3,75 




— 1,06 


— 0,36 


4,65 


2,40 


3,39 


— 1,26 


+ 0,99 


4,05 


3,30 




+ 1,34 


+ 0,09 


2,80 


3,60 




+ 0,59 


— 0,21 


1910. 




6 





82 



Karl IIoffmann, 



[48] 





Zeit des 
Wachstums 


Gesamt- 
länge 


Zwei- 
tägige 
Zunahme 


Tägliche 
Zunahme 


Mittel- 
wert 


Ab- 
weichungen 






a 


b 


a 


b 


a 


b 




a 


b 


c. 


27.V.— 29.V. 


7,0 


6,2 


7,0 


6,2 


3,50 


3,10 




4- 0,00 


+ 0,40 




29.— 31. 


14,1 


14,4 


7,1 


8,2 


3,55 


4,10 




— 0,05 


— 0,60 




O 1 AT" O ATT 

31. V.— 2. VI. 


20,2 


20,0 


6,1 


5,6 


3,05 


2,80 


1 3,50 


-!- 0,45 


+ 0,70 




2.-4. 


32,9 


27,0 


12,7 


7,0 


6,35 


3,50 




— 2,85 


+ 0,00 




4.-6. 


39,8 


32,1 


6,9 


5,1 


3,45 


2,55 


) 


-f 0,05 


+ 0,95 




6.-8. 


45,6 




5,8 




2,00 






+ 0,60 




D. 


27.V.— 29.V. 


9,5 


7,8 


9,5 


7,8 


4,75 


3,90 




— 1,05 


— 0,20 




29.-31. 


17,1 


15,0 


7,6 


7,2 


3,80 


3,60 


> 3 70 


— 0,10 


+ 0,10 




31.V.— 2.VI. 


25,0 


20,1 


7,9 


5,1 


3,85 


2,55 


— 0,15 


+ 0,15 




2.-4. 


33,7 


27,6 


8,7 


7,5 


4,35 


2,75 




— 0,65 


-1- 0,95 




4.-6. 


35,4 


80,0 


1,7 


2,4 


0,85 


l,-20 




+ 2,85 


+ 2,50 




6.-8. 


38,4 




3,0 




1,50 






4- 2,20 





Mittelwert aus A, B, C, D = 3,4ö mm. 



Für t = 20,0 0 wurden von den angesetzten Kultursclialen 
leider mehrere verunreinigt, so dafs ich mich hierbei mit 
einem Versuch begnügen mufste. Hierbei kann die individuelle 
Abweichung ziemlich grols sein. 



t = 20,00. 





Zeit des 
Wachstums 


Gesamt- 
länge 


Zwei- 
tägige 
Zunahme 


Tägliche 
Zunahme 


Mittel- 
wert 


Ab- 
weichungen 






a b 


a b 


a b 




a b 


A. 


27.V.— 29.V. 


9,6 8,5 


9,6 8,5 


4,80 4,25 




-fl,62 +2,17 




29.-31. 


19,5 19,2 


9,9 11,7 


4,95 5,85 




+ 1,47 + 0,57 




31.V.— 2.VI. 


31,9 32,1 


12,4 12,9 


6,20 6,45 




4-0,22 —0,03 




2.-4. 


45,8 43,9 


13,9 11,8 


6,95 5,90 




— 0,53 4- 0,52 




4.-6. 


60,2 58,6 


14,4 14,7 


7,20 7,35 


1 6,42 


— 0,78 — 0,93 




6.-8. 


72,5 70,3 


12,3 11,7 


6,15 5,85 




4- 0,27 4- 0,57 




8.-10. 


«4,1 83,0 


11,6 12,7 


.5,80 6,35 




4- 0,62 4- 0,07 



[49 1 Waclistiiinsverhältnisse einiger holzzerstörenden Pilze. 
t = 23,00. 



83 





Zeit des 
Wachstums 


Gesamt- 
länge 

a b 


Zwei- 
tägige 
Zunahme 
a b 


'J'ägliehe 
Zunahme 

a b 


Mittel- 
wert 


Ab- 
weichungen 

a b 


— 
A. 


27.V.— 29.V. 


8,1 


7,8 


8,1 


7,8 


4,05 


3,90 




+ 3,58 


4- 3,73 




zy. — Ol. 


22,0 


20,1 


13,9 


12,3 


6,95 


6,15 




+ 0,68 


+ 1,48 




31.V.— 2.VI. 


3G,6 


35,1 


14,6 


15,0 


7,30 


7,50 




+ 0,33 


+ 0,13 




2.-4. 


51 ,5 


50,2 


14,9 


15,1 


7,45 


7,55 




+ 0,18 


+ 0,08 




4.-6. 


66,8 


65,2 


15,3 


15,0 


7,65 


7,50 


7,63 


— 0,02 


+ ",13 




6.-8. 


82,7 


81,0 


15,9 


15,8 


7,95 


7,90 




— 0,32 


— 0,27 




8.— 10. 


98,0 


96,7 


15,3 


15,7 


7,65 


7,85 




— 0,02 


— 0,22 


B. 


27.V.— 29 V. 


7,1 


7,6 


7,1 


7,8 


3,55 


3,90 




+ 4,10 


+ 3,75 




zy. — öl. 


23,2 


24,7 


16,1 


17,1 


8,05 


8,55 




— 0,40 


— 0,90 




3 I.V.— 2. VI 


39,7 


40,2 


16,5 


15,5 


8,25 


7,75 


1 


— 0,60 


— 0,10 




2.-4. 


55,6 


55,1 


15,9 


14,9 


7,95 


7,45 


> 7,65 


— 0,30 


+ 0,20 




4.-6. 


70,8 




15,2 




7,60 






+ 0,05 






6.-8. 


85,2 




14,4 




7,20 






+ 0,45 






8.— 10. 


98,1 




12,9 




6,45 






+ 1,20 





Mittelwert aus A, B = 7,64 mm. 



t = 26,00. 



27.V.— 29.V. 


1,4 


0,9 


1,4 


0,9 


29.-31. 


2,7 


1,5 


1,3 


0,7 


31.V.— 2.VI. 


4,0 


2,0 


1,3 


0,4 


2.-4. 


4,4 


2,3 


0,4 


0,3 


4.-6. 


5,1 


3,1 


0,7 


0,8 


6.-8. 


5,8 


3,8 


0,7 


0,7 


8.— 10. 


6,2 


4,2 


0,4 


0,4 


10.— 12. 


7,1 


5,1 


0,9 


0,9 


27.V.— 29.V. 


2,0 


1,9 


2,0 


1,9 


29.-31. 


3,9 


2,9 


1,9 


1,0 


31.V.-2.VI. 


5,1 


4,0 


1,2 


1,1 


2.-4. 


6,2 


4,8 


1,1 


0,8 


4.-6. 


6,9 


5,4 


0,7 


0,6 


6.-8. 


7,4 


6,3 


0,5 


0,9 



0,70 


0,45 




— 0,31 


— 0,06 


0,65 


0,35 




— 0,26 


+ 0,04 


0,65 


0,20 




— 0,26 


+ 0,19 


0,20 


0,15 


0,39 


+ 0,19 


+ 0,24 


0,35 


0,40 


+ 0,04 


— 0,01 


0,35 


0,35 1 




+ 0,04 


+ 0,04 


0,20 


0,20 




+ 0,19 


+ 0,19 


0,45 


0,45 ^ 




— 0,06 


— 0,06 


1,00 


0,95 




— 0,43 


— 0,38 


0,95 


0,50 


1 


— 0,38 


+ 0,07 


0,60 


0,55 


1 0,57 


— 0,03 


+ 0,02 


0,55 


0,40 


+ 0,02 


+ 0,17 


0,35 


0,30 


1 


+ 0,22 


+ 0,27 


0,25 


0,45 




+ 0,32 


+ 0,12 








6* 





84 Karl Hoffmann, [50] 





Zeit des 
Wachstums 


Gesamt- 
länge 

a b 


Zwei- 
tägige 
Zunahme 
a b 


Tägliche 
Zunahme 

a b 


Mittel- 
wert 


Ab- 
weichungen 

a b 


c. 


27.V.— 29.V. 


2,2 


0,9 


2,2 


0,9 


1,10 


0,45 




— 0,58 


+ 0,07 




29.— 31. 


4,2 


1,8 


2,0 


0,9 


1,00 


0,45 




- 0,48 


+ 0,07 




31.V.-2.VI. 


5,8 


2,9 


1,6 


1,0 


0,80 


0,50 




— 0,28 


+ 0,02 




2.-4. 


',2 


4,0 


1,4 


1,1 


0,70 


0,55 




— 0,18 


— 0,03 




4.-6. 


8,4 


4,7 


1,2 


0,7 


0,fiO 


0,35 


0,52 


— 0,08 


+ 0,17 




O. 8. 


9,1 


5,5 


0,7 


0,8 


0,S5 


0,40 




+ 0,17 


+ 0,12 




8.— 10. 


9,9 


6,2 


0,8 


0,7 


0,40 


0,35 




+ 0,12 


+ 0,17 




10.— 12. 


10,6 


7,0 


0,7 


0,8 


0,35 


0,40 




+ 0,17 


+ 0,12 




12.— 14. 


11,0 


7,6 


0,4 


0,6 


0,20 


0,30 




+ 0,32 


+ 0,22 



Mittelwert aus A, B, C = 0,49 mm. 



Aus diesen Beobachtungen siebt man besonders deutlich, 
dafs der Wassermangel und die geringe Luftfeuchtigkeit bei 
dieser Temperatur vor allem das minimale Wachstum 
bedingen. Bei derselben Temperatur wuchs in Kultunöhren 
der Merulius lacrymans ziemlich bedeutend. ^) Der Vorteil 
der Röhren war in diesem Falle eine stärkere Nährschicht 
und gröfsere Feuchtigkeit. 

Bei 300 wurde in sämtlichen Kulturschalen das Wachs- 
tum nach kurzer Zeit eingestellt. Nach 14 Tagen Aufenthalt 
im Thermostaten waren diese Kulturen nicht weiter gewachsen, 
vielmehr hatte sich das Mycel ganz dem Nährboden angelegt 
und war nur noch als schwacher Schleier zu sehen. 

Die erhaltenen Mittelwerte der täglichen Wachstums- 
zunahme benutzen wir nun zur graphischen Darstellung der 
Wachstumslinie. Als Abcissen tragen wir die Temperaturen 
ein, auf den Ordinaten die zugehörigen Wachstumswerte 
und verbinden diese Punkte mit einander. Zur besseren 
Übersicht wurden die erhaltenen täglichen Mittelwerte statt 
in mm in cm aufgetragen. 

Sehr abweichende Mittelwerte erhielten wir bei 13,6". 
Die individuellen Fehler sind gerade hier sehr grols. Aus 



•) Vgl. oben S. 53 und 54. 



[51] Wachstums Verhältnisse einiger holzzerstörenden Pilze. 85 



diesem Grunde wurde auch Versuch B besonders eingetragen. 
Die Linien vom 0- Punkt und nach 13,6" : B wurden punktiert, 
da sie nur angenommene Werte darstellen und keine Mittel- 
werte sind. 




13,60 180 200 230 26» 300 



Fig. 2. 

Einen geradlinien Verlauf dieser Wachstumskurve kann 
ich hieraus nicht ersehen (im Gegensatz zu Falck). Je 
mehr sich die Kurve ihrem Maximum nähert, um so steiler 
steigt sie auf. 

Merulius lacrymans wurde aufserdem in kleineren 
Petrischalen kultiviert, die einen Durchmesser von 9 cm 
hatten und mit 20 ccm dunkler Bierwürze, die mit 5"/o Agar- 
Agar versetzt war, beschickt wurden. Die folgenden Tabellen 
geben eine Zusammenstellung der Wachstumsverhältnisse 
bei denselben Temperaturen wie im vorigen Versuch. Wegen 
der geringen Plattengröfse wurde nur je eine Ablesung auf 
den einzelnen Schalen gemacht. 



86 Karl Hoffmann, 



t = 13,6«. 





Zeit des 


Gesamt- 


Liingen- 


Tages- 


Mittel- 


Ab- 




Wachstums 


länge 


zuwachs 


zuwachs 


wert 


weichungen 


A. 


31. V.— 2. VI. 


4 1 


4 1 


2,05 




-4- 1 43 




2.-4. 


9,2 


5,1 


2,55 




-f 0,93 




4.-6. 


15,0 


5,8 


2,90 


1 


-f 0,58 




6.-8. 


22,2 


7,2 


3,60 




— 0,12 




8.— 10. 


28,2 


6,0 


3,00 


> 3,48 


+ 0,48 




10.-12. 


35,6 


7,4 


3,70 


1 


— 0,22 




12.-14. 


44,0 


8,4 


4,20 


1 


+ 0,28 


B. 


31. V.— 2. VI. 


4,2 


4 2 


2,10 




+ 1,84 




2.-4. 


9,5 


5,3 


2,65 




+ 1,29 




4.-6. 


16,1 


6,6 


3,30 


1 


4- ü>t>4 




6.-8. 


24,0 


7,9 


3,95 


Ln 


— 0,01 




8.— 10. 


30,7 


6,7 


3,35 


( 3,94 


+ 0,59 




10.— 12. 


89,4 


8,7 


4,35 


1 


— 0,39 




1?.— 14. 


48,9 


9,5 


4,75 


) 


— 0,81 


C. 


31. V.— 2. VI. 


3 2 


3,2 


1,()0 




+ 0,84 




2.-4. 


7,9 


4,7 


2,35 




+ 0,09 




4.-6. 


12,0 


4,1 


2,05 




+ 0,39 




6.-8. 


15,4 


3,4 


1,70 


■ 2,44 


+ 0,74 




8.-10. 


20,0 


4,6 


2,30 


+ 0,06 




10—12. 


24,9 


4,9 


2,45 


1 


0 Ol 




12.— 14. 


32,4 


7,5 


3,75 




— 1^31 


Mittelwert aus A, B, 


C = 3,29 mm. 




t = 18,00. 












A. 


3]. V.— 2.VI. 


7.1 


7,7 


3,55 




+ 1,19 




2.-4. 


14,2 


7,1 


3,55 




+ 1,19 




4.-6. 


22,9 


8,7 


4,35 




+ 0,39 




6.-8. 


32,4 


9,5 


4,75 


1 4,74 


— 0,01 




8.-10. 


42,3 


9,9 


4,95 




• -0,21 




10. — 12. 


52,1 


9,8 


4,90 




— 0,16 


B. 


31. V.-2. VI. 


5,9 


5,9 


2,95 




+ 2,98 




2.-4. 


14,9 


9,0 


4,50 




+ 1,43 




4.-6. 


25,8 


10,9 


5,45 




+ 0,38 




6.-8. 


38,8 


13,0 


6,50 




-0,57 




8.-10. 


50,2 


11,4 


5,70 


j 5,93 


-f 0,23 




10.— 12. 


62,3 


12,1 


6,05 




— 0,08 



[53j Wachstumsverbältnisae einiger holzzerstörenden Pilze. 87 





Zeit des 


Gesamt- 


Längen- 


Tages- 


Mittel- 


Ab- 




Waclistums 


länge 


Zuwachs 


zuwachs 


wert 


weichungen 




äll V "> VT 

Ol. V. Ln VI. 


y,u 




4, DU 




-T 




2.-4. 


18,2 


9,2 


4,60 




+ 1,20 




4.-6. 


28,9 


10,7 


5,35 




+ 0,45 




6.-8. 


42,9 


14,0 


7,00 


1 5,80 


— 1,20 




8.— 10. 


53,0 


10,1 


5,05 




+ 0,75 



Mittelwert aus A, B, C = 5,49 mm. 



t = 200. 








A. 


31. V.-2. VI. 


5,1 


5,1 


2,55 




2.-4. 


14,6 


9,5 


4,75 




4.-6. 


26,0 


11,4 


5,70 




6.-8. 


40,0 


14,0 


7,00 




8.— 10. 


55,1 


15,1 


7,55 


B. 


31. V.-2. VI. 


3,4 


3,4 


1,70 




2.-4. 


14,7 


10,7 


5,35 




4.-6. 


25,6 


10,9 


5,45 


C. 


31. V.— 2. VI. 


8,2 


8,2 


4,10 




2.-4. 


20,4 


12,2 


6,10 




4.-6. 


32,2 


11,8 


5,90 




6.-8. 


45,5 


13,3 


6,65 




8.— 10. 


60,3 


14,8 


7,40 


Mittelwert aus A, B, C = 



6,75 



5,40 



6,54 



t -- 23,0». 



A. 


31. V.-2. VI. 


8,2 


8,2 


4,10 




+ 0,93 




2.-4. 


18,0 


9,8 


4,90 




+ 0,17 




4.-6. 


29,1 


11,1 


5,55 


1 5,07 


— 0,48 




6.-8. 


38,6 


9,5 


4,75 




+ 0,32 


B. 


31.V.— 2. VI. 


5,6 


5,6 


2,8(1 




+ 3,50 




2.-4. 


18,8 


13,2 


6,10 




- 0,30 




4.-6. 


27,4 


8,6 


4,30 


1 6,30 


+ 2,00 




6.-8. 


40,3 


12,9 


6,45 




— 0,15 




8.— 10. 


55,0 


14,7 


7,35 




— 1,05 




10—12. 


70,4 


14,6 


7,30 


) 


— 1,00 



88 



Karl Hoffmann, 



[54] 





Zeit des 


Gesamt- 


Längen- 


Tages- 


Mittel- 


Ab- 




Wachstums 


länge 


zuwachs 


zuwachs 


wert 


weichungen 


c. 


31. V.— 2. VI. 


7,1 


7,1 


3,55 




+ 2,10 




L. — 4. 
4. — D. 




lo,D 
« 1 

9,1 


O, /£» 
4,00 


1 

} 5,65 


1 1 A 

+ 1,10 


u. 


Q 1 "XT" O ATT 

Ol. V . — L. V 1. 


8,1 


G 1 

8,1 


4,U0 




+ l,9o 




2.-4. 


19,2 


11,1 


5,55 




+ 0,45 




4.-6. 


33,4 


14,2 


7,10 


i 6,00 


— 1,10 




6.-8. 


46,8 


13,4 


6,70 


— 0,70 




8.-10. 


56,1 


9,3 


4,65 




+ 1,35 




Mittelwert aus 


A, B, C, D = 5,76 mm. 




t = 26,0». 












A. 


31. V.— 2. VI. 


0,7 


0,7 


0,35 




— 0,05 




2.-4. 


1,2 


0,5 


0,25 




+ 0,05 




4.-6. 


1,8 


0,6 


0,30 




+ 0,00 




6.-8. 


2,5 


0,7 


0,35 


. 0,30 


— 0,05 




8.— 10. 


3,2 


0,7 


0,35 




— 0,05 




10.— 12. 


3,6 


0,4 


0,20 




+ 0,10 




12.-14. 


4,2 


0,6 


0,30 




-f 0,00 


TJ 

r>. 


31. V.-2. VI. 


1,1 


1,1 


0,55 




— 0,18 




2.-4. 


2,1 


1,0 


0,50 




— 0,13 




4.-6. 


2,7 


0,6 


0,30 




+ 0,07 




6.-8. 


3,2 


0,5 


0,25 


0,37 


+ 0,12 




8.-10. 


3,9 


• 0,7 


0,35 




+ 0,02 




10.— 12. 


4,3 


0,4 


0,20 




+ 0,17 




12.— 14. 


5,2 


0| 


0,45 




— 0,08 


C. 


31. V.— 2. VI. 


0,9 


0,9 


0,45 




— 0,06 




2.-4. 
4.-6. 


1,3 
2,4 


0,4 
1,1 


0,20 
0,55 


1 0,39 


+ 0,19 
— 0,16 




6.-8. 


3,1 


0,7 


0,35 




+ 0,04 


D. 


31. V.— 2. VI. 


1,5 


1,5 


0,75 




— 0,38 




2.-4. 


1,9 


0,4 


0,20 


1 0,37 


+ 0,17 




4.-6. 


2,2 


0,3 


0,15 


+ 0,22 




6.-8. 


3,0 


0,8 


0,40 




— 0,03 



Mittelwert aus A, B, C, D = 0,36 mm. 



[55] Wachstnmsverhältnisse einiger holzzerstörentlen Pilze. 89 



Zu bemerken ist, dafs bei diesen Kulturen in den kleinen 
Petrischalen ebenso wie in den grofsen bei derartig hohen 
Temperaturen das Mycel nicht wie sonst locker war, sondern 
recht dicht und kräftig. Man könnte es polsterförmig nennen.») 
Auch wenn diese Kulturen in niedrige Tem])eraturen gebracht 
wurden, wuchs das Mycel in derselben Weise fort. 

Entsprechend den anderen Merulius lacrymans-K.nMnxQn 
trat bei 30" sofortiger Stillstand des Wachstums ein; die 
Mycelien legten sieh dem Nährboden dicht an und starben ab. 

Die Wachstumsverhältnisse mögen durch die nach- 
folgende Kurve deutlich illustriert werden. 




13,60 

Fig. 3. 



180 



20O 230 



260 



300 



Der Verlauf dieser Kurve ist bedeutend regelmäfsiger 
als der der anderen Wachstumskurve von Merulius larcijmans 
in grofsen Petrischalen. Linear ist auch hierbei der Anstieg 
nicht. Bosonders bemerkenswert ist, dafs das Maximum in 
dieser Kurve bei 20« liegt, während die erste Kurve das 
Maximum bei 23 o zeigt. Hieraus können wir wiederum 
bedeutende Schlüsse auf die Veränderlichkeit des Wachstums 
bei denselben Temperaturen in verschiedenen Kulturen ziehen. 
Eine Konstanz in der Wachstumszunahme ist nicht vorhanden; 
auch das tägliche Längenwachstum ist bei verschiedenen 



Vgl. Mez, Der Hausschwamm, S. 60. 



90 



Karl Hoffmann, 



[56] 



Kulturgläsern und verschiedenem Nährboden nicht das 
gleiche. 

Weitere Versuche, eine Wachstumskurve darzustellen, 
wurden mit Meruliiis Silvester vorgenommen. Die Be- 
obachtungen und Ergebnisse sind in den nächsten Tabellen 
zusammengestellt. 

2. Temperaturwerte von Merulius Silvester. 

Geimpft 21. V. 1909. 

Kulturschalen d = 15 ccm, beschickt mit 38 ccm heller 
Bierwürze, mit 5''/o Agar-Agar vermischt. 



t = 13,6". Die Mafse sind in mm angegeben. 





Wachstums 


Gesamt- 
länge 


Zwei- 
tägige 
Zunahme 


Tägliche 
Zunahme 


Mittel- 

IUI tLt^i 

wert 


Ab- 
weichungen 






a 


b 


a 


b 


a 


b 




a 


b 


A. 


27.V.— 29.V. 


5,0 


4,2 


5,0 


4,2 


2,50 


2,10 




+ 0,13 


+ 0,53 




29.— 31. 


9,1 


8,9 


4,1 


4,7 


2,05 


2,35 




+ 0,58 


+ 0,28 




31.V.— 2.VI. 


12,8 


13,7 


3,7 


4,8 


1,85 


2,40 




+ 0,78 


+ 0,23 




2.-4. 


18,Ü 


20,1 


5,2 


6,4 


2,60 


3,20 




+ 0,03 


— 0,57 




4.-6. 


22,9 


26,3 


4,9 


6,2 


2,45 


3,10 


2,63 


+ 0,18 


— 0,47 




6.-8. 


28,1 


32,0 


5,2 


5,7 


2,60 


2,85 




+ 0,03 


— 0,22 




8.-10. . 


32,4 


39,1 


4,3 


7,1 


2,15 


3,55 




4-0,48 


— ü,92 




10.— 12. 


38,1 


45,2 


5,7 


6,1 


2,85 


3,01 




-0,22 


— 0,38 




12.-14. 


44,2 


51,0 


4,1 


5,8 


2,05 


2,90 




+ 0,58 


— 0,27 


B. 


27.V.— 29.V. 




4,1 




4,1 




2,05 






+ 0,21 




29.-31. 




9,2 




5,1 




2,55 






— 0,29 




31.V.— 2.VI. 


4,9 


12,5 


4,9 


3,3 


2,45 


1,65 




— 0,19 


+ 0,61 




2.-4. 


9,1 


17,1 


4,2 


4,6 


2,10 


2,30 




+ 0,16 


— 0,04 




4.-6. 


14,3 


22,0 


5,2 


4,9 


2,60 


2,45 


2,26 


— 0,34 


— 0,19 




6.-8. 


18,8 


26,1 


4,5 


4,1 


2,25 


2,05 




+ 0,01 


+ 0,21 




8.— 10. 


23,8 


30,7 


5,0 


4,6 


2,50 


2,30 ! 




— 0,24 


— 0,04 




10.-12. 


27,0 


35,4 


3,2 


4,7 


1,60 


2,35 




+ 0,66 


— 0,09 




12.— 14. 


32,1 


40,2 


5,1 


4,8 


2,55 


2,40 




— 0,29 


— 0,14 



Mittelwert aus A und B = 2,45 mm. 



[57] Wachstumsverhältnisse einiger holzzerstörenden Pilze. 91 



t = 18,0«. 





Zeit des 
Wachstums 


Gesamt- 
länge 


Zwei- • 
tägige 
Zunahme 


Tägliche j 
Zunahme 


Mittel- 
wert 


Ab- 
weichungen 






a 


b 


a 




a 


b 


a 


b 


A. 


27.V.— 29.V. 


6,2 




6,2 




3,10 






+ 0,90 






29.— 31. 


13,4 


7,1 


7,2 


7,1 


3,60 


0,00 




+ 0,40 


+ 0,45 




31.V.— 2.VI. 


21,2 


14,1 


7,8 


7,0 


3,90 


o,oO 




+ 0,10 


+ 0,50 




2—4. 


29,2 


22,4 


8,6 


8,3 


4,30 


4,15 




— 0,30 


— 0,15 




4.-6. 


37,5 


32,3 


8,3 


9,9 


4,15 


ins 
4,9o 


A f\fi 


— 0,15 


— 0,95 




6.-8. 


4fi,8 


39,6 


9,3 


7,3 


4,65 


o,oo 




— 0,65 


+ 0,35 




8.— 10. 


55,1 


48,9 


8,3 


9,3 


4,15 


4,00 




— 0,15 


— 0,65 




10.-12. 


63,5 


57,0 


8,4 


8,1 


4,20 


4,1)0 




— 0,20 


— 0,05 




12.-14. 


70,0 


65,6 


6,5 


8,6 


3,25 


4,30 




-1- 0,75 


— 0,30 


B. 


27.V.— 29.V. 




4,2 




4,2 










+ 1,24 




29.-31. 


6,4 


11,1 


6,4 


6,9 


3,20 


o,4o 




+ 0,14 


— 0,11 




31.V.— 2 VI. 


12,7 


17,0 


6,8 


5,9 


3,15 


x,yo 




+ 0,19 


+ 0,39 




2.-4. 


17,6 


24,4 


4,9 


7,4 


2,45 


*5 TA 

o,7U 




— 0,11 


— 0,36 




4.-6. 


26,4 


31,1 


8,8 


6,7 


4,40 


O 0 c 
0,0 0 


3,d4 


-1,06 


— 0,01 




6.-8. 


33,0 


39,0 


6,6 


7,9 


3,30 


3,95 




+ 0,04 


— 0,61 




8.-10. 


39,2 


46,8 


6,2 


7,8 


3,10 


3,90 




+ 0,24 


— 0,56 




10.— 12. 


44,5 


54,7 


5,3 


7,9 


2,65 


3,95 




+ 0,69 


— 0,61 




12.-14. 




61,8 




7,1 




3,55 






— 0,21 


C. 


27.V.— 29.V. 


7,4 


5,0 


7,4 


5,0 


3,70 


2,50 




+ 0,46 


+ 1,66 




29.-31. 


16,2 


13,9 


8,8 


8,9 


4,40 


4,45 


1 


— 0,24 


— 0,29 




31.V.— 2.VI. 


20,9 


17,0 


4,7 


3,1 


2,35 


1,55 


l 4,16 

1 


+ 1,81 


+ 2,61 




2.-4. 


32,1 


27,7 


11,2 


10,7 


5,60 


5,35 


— 1,44 


— 0,81 




4.-6. 


42,0 


39,4 


9,9 


11,7 


4,95 


5,85 


) 


— 0,79 


-1,31 




6.-8. 




49,5 




10,1 




5,05 






— 0,89 



Mittelwert aus A, B, C = 3,83 mm. 



t = 20,00. 



27.V.- 


-29.V. 




7,0 




7,5 




3,75 






+ 1,29 


29.- 


-31. 


12,0 


15,2 


12,0 


8,2 


6,00 


4,111 




— 0,96 


+ 0,94 


31.V.- 


-2.VI. 


20,7 


26,3 


8,7 


11,1 


4,35 


5,55 


1 


+ 0,69 


— 0,5 1 


2.- 


-4. 


33,0 


37,1 


12,3 


11,8 


6,15 


5,90 


1 —1,11 


— 0,86 


4.- 


-6.. 


44,1 


49,5 


11,1 


12,4 


5,55 


6,20 


1 5,04 


— 0,51 


— 1,16 


6.- 


-8. 


52,3 


60,0 


11,2 


10.5 


5,60 


5,25 




— 0,56 


— 0,21 


8.- 


-10. 


60,7 


67,5 


8,4 


7,5 


4,20 


3,75 i 


1 


+ 0,84 


+ 1,29 


10.- 


-12. 


68,2 


75,4 


7,5 


7,9 


3,75 


3,95 j 




+ 1,29 


+ 1,09 



92 



Karl Hoffmann, 



[58] 





Zeit des 
Wachstums 


Gesamt- 
länge 


Zwei- 
tägige 
Zunahme 


Tägliche 
Zunahme 


Mittel- 
wert 


Ab- 
weichungen 








a 


0 


a 


■u 
0 


a 


D 




a 


D 


B. 


Zi.y .— 


-iU. V. 


5,4 


7,3 


5,4 


7,3 


2,70 


3,65 




+ 2,38 


+ 1,43 




29.- 


-31. 


18,9 


14,9 


8,5 


7,6 


4,25 


3,80 




+ 0,83 


+ 1,28 




31.V.- 


-2.VI. 


23,2 


26,2 


9,3 


11,3 


4,65 


5,65 




+ 0,43 


— 0,57 




2.- 


-4. 


33,2 


36,3 


10,0 


10,1 


5,00 


5,05 




+ 0,08 


+ 0,08 




4.- 


-6. 


42,4 


46,2 


9,2 


9,9 


4,60 


4,95 


• 5,08 


+ 0,48 


+ 0,13 




6.- 


-8. 


52,0 


57,5 


9,6 


11,3 


4,80 


5,65 




+ 0,28 


— 0,57 




8.- 


-10. 


63,5 


67,2 


11,5 


9,7 


5,75 


4,85 




— 0,07 


+ 0,23 




10.- 


-12. 


76,6 


78,1 


13,1 


10,9 


6,55 


5,45 




- 1,47 


— 0,37 




Mittelwert aus A und B 


= 5,06 mm. 




t = 


= 23,00. 


















A. 


27.V.- 


-29.V. 


9,1 


10,9 


Q 1 

9,1 




4,00 


!k Atz 
0,40 




1 1 "C 


+ 0,86 




29.— 


-31. 


21,0 


23,1 


1 1 Q 

1 i,y 


10*) 


o,yo 


ß 1 A 
0,10 




1 A 

-f- V,00 


+ 0,21 




31.V.- 


-2.VI. 


32,9 


34,5 


11,9 


11,4 


5,95 


5,70 




+ 0,36 


+ 0,61 




2.— 


-4. 


45,8 


47,2 


10 0 

12,9 




0,40 


0,a0 


6,31 


A 1 4 

— 0,14 


— 0,04 




4.- 


-6. 


58,7 


60,4 


1 *) Q 


1 Q 0 


0,40 


o,öU 


All 

— U,14 


— 0,29 




6.- 


-8. 


71,2 


73,1 


1 x,0 


1 *> 7 


0,Zd 


D,öO 


1 
J 


1 A Aß 

-f- u,ud 


— 0,04 




8.- 


-10. 


84,3 


87,0 


13,1 


13,9 


6,55 


6,95 




Q^24 


— 0,64 


B. 


27.V.- 


-29.V. 


8,6 


13,0 


8,6 


13,0 


4,30 


6,50 




+ 1,60 


— 0,60 




29.- 


-31. 


19,2 


25,1 


10,6 


12,1 


5,30 


6,05 




+ 0,60 


0^15 




31.V.- 


-2.VI. 


30,8 


35,8 


11,6 


10,7 


5,80 


5,35 




+ 0,10 


+ 0,55 




2.- 


-4. 


42,4 


46,5 


11,6 


10,7 


5,80 


5,35 




+ 0,10 


+ 0,55 




4.- 

6.- 


-6. 

-8. 


54,9 
66,7 


58,0 
68,2 


12,5 
11,8 


11,5 
10,2 


6,25 
5,90 


5,75 
5,10 


5,90 


— 0,35 
+ 0,00 


+ 0,15 
+ 0,80 




8.- 


-10. 


79,8 


80,5 


13,1 


12,3 


6,55 


6,15 




— 0,65 


— 0,25 




10.- 


-12. 


93,1 


94,6 


13,3 


14,1 


6,65 


7,05 




— 0,75 


- 1,15 




12.- 


-14. 


105,0 108,3 


12,9 


13,7 


6,45 


6,85 




— 0,55 


— 0,95 


C. 


27.V.- 


-29.V. 


9,2 


8,7 


9,2 


8,7 


4,60 


4,35 




+ 1,43 


+ 1,68 




29.- 


-31. 


19,7 


21,8 


10,5 


13,1 


5,25 


6,55 




+ 0,78 


— 0,52 




31.V.- 


-2.VI. 


31,8 


33,2 


12,1 


11,4 


6,05 


5,70 




— 0,02 


+ 0,33 




2.- 


-4. 


43,9 


45,0 


12,1 


11,8 


6,05 


5,90 




— 0,02 


+ 0,13 




4.- 
6.- 


6. 

-8. 


55,7 
68,1 


57,3 
69,2 


11,8 
12,4 


12,3 
11,9 


5,90 
6,20 


6,15 
5,95 


6,03 


+ 0,13 
— 0,17 


— 0,12 
+ 0,08 




8.- 


-10. 


81,0 


83,0 


12,9 


13,8 


6,05 


6,90 




— 0,02 


— 0,87 




10.- 


-12. 


94,0 


94,6 


13,0 


11,6 


6,50 


5,80 




— 0,47 


+ 0,23 




12.- 


-14. 


105,0 




11,0 




5,50 






+ 0,53 





Mittelwert aus A, B, C = 6,08 mm. 



[59] Wachstums Verhältnisse einiger holzzerstörenden Pilze. 93 



t - 26,00. 





Zeit des 
Wachstums 


Gesamt- 
länge 


Zwei- 
tägige 
Zunahme 


Tägliche 
Zunahme 


Mittel- 
wert 


Ab- 
weichungen 






a 


b 


a 


b 


a 


b 




a 


b 


A. 


27. V.- 29.V. 


10,9 


12,2 


10,9 


12,2 


5,45 


6,10 




+ 1,20 


+ 0,45 




29.— 31. 


23,6 


23,8 


12,7 


11,6 


6,35 


5,80 




+ 0,3ü 


+ 0,85 




31.V.— 2.VI. 


36,0 


36,4 


12,4 


12,6 


6,20 


6,30 




+ 0,15 


+ 0,35 




2.-4. 
4.-6. 


49,2 
62,5 


49,2 
64,6 


13,2 
13,3 


12,8 
15,4 


6,60 
6,65 


6,40 
7,70 


6,65 


+ 0,05 
4- 0,00 


+ 0,25 
— 1 ,05 




0. — 6. 


76,3 


78,1 


13,8 


13,5 


6,90 


6,75 




— 0,25 


— 0,10 




8. — 10. 


t\f\ n 

90, y 


y 1,9 


14, D 


lo,s 


•T OA 
(,0Ü 


6,90 




— 0,65 


— 0,25 




10.— 12. 


1 AK C 


106,1 


14,9 


14,2 


7,45 


7,10 




— 0,80 


— 0,45 


B. 


27.V.-29.V. 


9,2 


9,9 


9,2 


9,9 


4,60 


4,95 




+ 1,60 


+ 1,25 




29.— 31. 


22,5 


23,6 


13,3 


13,7 


6,65 


6,85 


1 

6,20 


-0,45 


— 0,65 




31.V.— 2.VI. 


32,2 


35,0 


9,7 


12,4 


4,85 


6,20 


+ 1,35 


+ 0,00 




2.-4. 


50,7 


— 


18,5 


— 


9,25 


— 


1 


— 3,05 


— 


C. 


27.V.— 29.V. 


7,5 




7,5 




3,75 






+ 3,05 






29.-81. 


19,4 


10,7 


11,9 


10,7 


5,95 


5,35 




-1- 0,85 


+ 1,45 




31.V.— 2.VI. 


31,1 


23,1 


11,7 


12,4 


5,85 


6,20 




+ 0,95 


+ 0,60 




2.-4. 

4.-6. 


49,6 
64,0 


35,7 
50,9 


18,5 
14,4 


12,6 
15,2 


9,25 
7,20 


6,30 
7,60 j 


6,80 


— 2,45 

— 0,40 


+ 0,50 
— 0,80 




G.— 8. 


80,0 


66,0 


16,0 


15,1 


8,00 


7,55 




— 1,20 


— 0,75 




8.-10. 


92,2 


79,8 


12,2 


13,8 


6,10 


6,90 i 




+ 0,70 


— 0,10 




10.— 12. 


104,6 


93,4 


12,4 


13,6 


6,20 


6,80 




+ 0,60 


+ 0,00 



Mittelwert aus A, B, C = 6,55 mm. 



t = 30,00. 



27.V.- 


-29.V. 


2,9 


3,2 


2,9 


3,2 


1,45 


1,60 




-1- 0,09 


— 0,06 


29.- 


-31. 


7,2 


8,2 


4,3 


5,0 


2,15 


2,50 




— 0,61 


— 0,96 


31.V.- 


-2.VI. 


10,8 


11,9 


3,6 


3,7 


1,80 


1,85 




— 0,26 


— 0,31 


2.- 


4. 


12,7 


14,1 


1,9 


2,2 


0,95 


1,10 




+ 0,59 


+ 0,44 


4.- 


6. 


15,4 


16,8 


2,7 


2,7 


1,35 


1,35 


1,54 


+ 0,19 


+ 0,19 


6.- 


-8. 


18,8 


19,5 


3,4 


2,7 


1,70 


1,35 




— 0,16 


+ 0,19 


8.- 


-10. 


21,7 


21,9 


2,9 


2,4 


1,45 


1,20 




+ 0,09 


+ 0,34 


10.- 


■12. 


24,2 


25,0 


2,5 


3,1 


1,25 


1,55 




+ 0,29 


— 0,01 


12.- 


14. 


27,9 


27,6 


3,7 


2,6 


1,85 


1,30 




— 0,31 


+ 0,24 



94 



Kahl Hoffmann, 



[60] 





Zeit des 
Wachstums 


Gesamt- 
länge 

a b 


Zwei- 
tägige 
Zunahme 
a b 


Tägliche 
Zunahme i 

a b 


Mittel- 
wert 


Ab- 
weichungen 

a b 


B. 


27.V.— 29.V. 


3,4 3,0 


3,4 3,0 


1,70 1,50 


] 


— 0,35 —0,15 




29.— 31. 


6,9 5,1 


3,5 2,1 


1,75 1,05 


1,35 


— 0,40 + 0,30 




31.V.-2.VI. 


9,0 7,2 


2,1 2,1 


1,05 1,05 


J 


+ 0,30 + 0,:iO 


C. 


27.V.— 29.V. 


2,8 


2,8 


1,40 




— 0, 1 2 




29.-31. 


6,2 


3,4 


1,70 




— 0,42 




3 I.V.— 2. VI. 


9,1 


2,9 


1,45 




— 0,17 




2.-4. 


11,3 


2,2 


1,10 




+ 0,18 




4.-6. 


14,2 


2,9 


1,45 


1,28 


— 0,17 




6. — 8. 


16,5 


2,3 


1,15 




+ 0,13 




8.-10. 


19,2 


2,7 


1,35 




— 0,07 




10.-12. 


21,0 


1,8 


0,90 




+ 0,38 




12.-14. 


23,0 


2,0 


1,00 




+ 0,28 



Mittelwert aus A, ß, C = 1,39 mm. 



Wie vorher mögen diese Wachstumsverliältnisse in einer 
Kurve gezeigt werden. 




I I ; 1 1 I L 

13,60 18» 20» 23° 260 300 

Fig. 4. 

Auch hier findet der Wachsturasanstieg nicht in einer 
geraden Linie statt; vielmehr ist auch hieraus zu entnehmen, 
dafs sich vor dem Oi)timum die Kurve steiler erhebt als zu 
Beginn des Anstiegs. 



Wachstiimsverhilltnisse einiger holzzerstörenden Pilze. 



95 



3. Wachstumsverhältnisse von Coniophora cerebella II. 

Die zu den Versuchen benutzten Petrischalen hatten 
einen Durchmesser von 11 cm und wurden 32 ccm dunkler 
Bierwürze beschickt. Dem Nährboden war wiederum ö^/o 
Agar-Agar hinzugefügt. Geimpft wurden die Schalen am 
25. Mai 1909. 



t = 13,60. Die Mafse sind in mm angegeben. 





Zeit des 
Wachstums 


Gesamt- 
länge 


Zwei- 
tägige 
Zunahme 


Tägliche 
Zunahme 


Mittel- 
wert 


Ab- 
weichungen 








a 


b 


a 


b 


a 


b 




a 


b 


A. 


29.V - 


-3I.V. 


3,6 


— 


3,6 


— 


1,80 


— 




-f 4,13 


— 




31.V.- 


-2.VI. 


12,1 


8,4 


8,5 


8,4 


4,25 


4,20 




+ 1,68 


+ 1,73 




2.- 


-4. 


22,7 


18,6 


10,6 


10,2 


5,.30 


5,10 


1 


+ 0,63 


-f 0,83 




4.- 


-6. 


34,0 


29,2 


11,3 


10,6 


5,65 


5,30 


1 

]' 5,93 


+ 0,28 


-f 0,63 




(!.- 


8. 


45,8 


43,1 


11,8 


18,9 


5,90 


6,95 


+ 0,03 


— 1,02 




8.- 


-10. 


56,0 


55,6 


10,2 


12,5 


5,10 


6,25 


( 


-!- 0,83 


— 0,32 




10.- 


-12. 


69,7 


69,3 


13,7 


13,7 


6,85 


6,85 


) 


— 0,92 


— 0,92 


B. 


29.V.- 


-3 I.V. 


2,3 




2,3 




1,15 






4- 4,84 






31.V.- 


-2.VI. 


12,5 




10,2 




5,10 






-t- 0,89 






2.- 


-4. 


25,4 


10,8 


11,9 


10,8 


5,95 


5,40 




+ 0,04 


+ 0,59 




4.- 


-6. 


35,3 


22,0 


9,9 


11,2 


4,95 


5,60 




+ 1,04 


+ 0,39 




6.- 


-8. 


47,4 


34,1 


12,1 


12,1 


6,05 


6,05 


> 5,99 


— 0,06 


— 0,06 




8.- 


-10. 


59,2 


46,4 


11,8 


12,3 


5,90 


6,15 




4- 0,09 


— 0,16 




10.- 


-12. 


73,2 


60,0 


14,0 


13,6 


7,00 


6,80 




— 1,01 


— 0,81 


C. 


29.V.- 


-31.V. 


6,2 


6,2 


6,2 


6,2 


3,10 


3,10 




+ 3,00 


+ 3,00 




31.V.- 


-2. VI. 


17,4 


16,9 


11.2 


10,7 


5,60 


5,35 




+ 6,50 


+ 0,75 




2.- 


-4. 


20,7 


26,4 


9,3 


9,5 


4,65 


4,75 




+ 1,45 


+ 1,35 




4.- 

6.- 


-6. 

8. ■ 


40,2 
53,7 


40,3 
52,5 


13,5 
13,5 


13,9 
12,2 


6,75 
6,75 


6,95 
6,10 


■ 6,10 


— 0,65 

— 0,65 


— 0,85 
+ 0,00 




8.- 


-10. 


65,4 


65,0 


11,7 


12,5 


5,S5 


6,25 




+ 0,25 


— 0,15 




10.- 


-12. 


80,0 


78,8 


14,6 


13,8 


7,30 


6,90 




— 1,20 


— 0,80 



Mittelwert aus A, B, C = 6,01 mm. 



t = 18,00. 



A. 


29.V.- 


-31.Y. 


15,2 


15,4 


15,2 


15,4 


7,60 7,70 




-1- 2,77 


+ 2,67 




31.V.- 


-2.VI. 


34,3 


36,1 


19,1 


20,7 


9,55 10,35 




+ 0,82 


+ 0,02 




2.- 


4. 


55,1 


57,3 


20,8 


21,2 


10,40 10,60 


1 10,37 


— 0,03 


— 0,23 




4.- 


0. 


70,8 


78,2 


21,7 


20,9 


10,85 10,45 




— 0,48 


— 0,08 



96 



Karl Hoffmann, 



[62] 





Zeit des 
Wachstums 


Gesamt- 
länge 


Zwei- 
tägige 
Zunahme 


Tägliche 
Zunahme 


Mittel- 
wert 


Ab- 
weichungen 






a 


b 


a 


b 


a 


b 




a 


b 


B. 


29.V.— 31.V. 


16,1 


17,2 


16,1 


17,2 


8,05 


8,60 




+ 1,66 


+ 1,21 




31.V.— 2.VI. 


35,4 


34,6 


19,3 


17,4 


9,65 


8,70 


1 


+ 0,06 


— 1,01 




2.-4. 


55,3 


54,1 


19,9 


19,5 


9,90 


9,75 


i 9,71 


— 0,19 


— 0,04 




4.-6. 


75,6 


74,0 


20,3 


19,9 


lü,15 


9,90 


} 


— 0,44 


— 0,19 


C. 


29.V.-31.V. 


17,3 


18,4 


17,3 


18,4 


8,65 


9,20 




+ 1,13 


+ 0,68 




31.V.-2.VI. 


37,2 


38,0 


19,9 


19,6 


9,95 


9,80 




— 0,07 


+ 0,08 




2.-4. 


57,1 


57,9 


19,9 


19,5 


9,95 


9,75 


j 9,88 


— 0,07 


+ 0,13 




4.-6. 


77,2 


77,0 


20,1 


19,5 


10,05 


9,75 




— 0,17 


+ 0,13 



Mittelwert aus A, B, C = 9,99 mm. 



t = 20,0«. 



A. 


29.V. 


-31.V. 


17,6 


17,6 


17,6 


17,6 


8,80 8,80 




+ 2,03 


+ 2,03 




31.V.- 


-2.VI. 


41,2 


38,6 


23,6 


21,0 


11,S0 10,50 




— 0,97 


+ 0,33 




2.- 


-4. 


64,3 


60,7 


23,1 


21,9 


1 1 ,55 1 0,95 


jio.ss 


— 0,72 


— 0,12 




4.- 


-6. 


84,2 


81,0 


19,9 


20,3 


9,95 10,15 




+ 0,88 


+ 0,68 


B. 


29.V.- 


-3 I.V. 


12,4 


13,1 


12,4 


13,1 


6,20 6,55 




+ 5,17 


+ 4,82 




;ii.v.- 


-2.VI. 


33,2 


34,5 


20,8 


21,4 


10,40 10,70 




+ 0,97 


— 0,33 




2.- 


-4. 


57,8 


59,2 


24,6 


24,7 


12,30 12,35 


jll,37 


— 0,93 


— 0,98 




4.- 


-6. 


80,2 


81,7 


22,4 


22,5 


11,20 11,25 




+ 0,17 


+ 0,12 


C. 


29.V. 


-2 I.V. 


15,6 


15,2 


15,6 


15,2 


7,80 7,60 




+ 2,69 


+ 2,89 




31.V.- 


-2.VI. 


36,8 


37,3 


21,2 


22,1 


10,60 1 1,05 




— 0,11 


— 0,56 




2.- 


-4. 


56,2 


58,4 


19,4 


21,1 


9,70 10,55 


1 10,49 


+ 0,79 


— 0,06 




4.- 


-6. 


77,4 


79,1 


21,4 


20,7 


10,70 10,35 




— 0,21 


+ 0,12 



Mittelwert aus A, B, C = 10,90 mm. 



t = 23,00. 



29.V.-31.V. 
31.V.-2.VI. 
2.-4. 

29. V.- 3 I.V. 
3 I.V.— 2. VI. 
2.-4. 



19,4 19,8 

43,8 44,0 

68,2 68,5 

23.1 21,4 

48.2 43,5 



19,4 19,8 : 9,70 9,90 
24,4 24,2 [12.20 12,10 



24,4 24,5 



12,20 12,25 



23,1 21,4 ; 11,55 10,70 
25,1 22,1 12,55 11,05 
72,5 64,2,24,3 21,7 12,15 10,85 



12,19 



11,50 



+ 2,49 + 2,29 

— 0,01 + 0,09 

— 0,01 —0,06 

— 0,05 + 0,80 

— 1,05 + 0,45 

— 0,65 + 0,65 



Wachstumsverhältnisse einiger holzzerstörenden Pilze. 



97 





Zeit des 
Wachstums 


Gesamt- 
länge 

a b 


Zwei- 
tägige 
Zunahme 
a b 


Tägliche 
Zunahme 

a b 


Mittel- 
wert 


Ab- 
weichungen 

a b 


c. 


2f).V.-31.V. 

;ii.v.— 2.VI. 

2.-4. 


17,8 17,4 
39,7 37,4 
59,4 57,4 


17.8 17,4 

21.9 19,7 
20,0 20,0 


8,90 8,70 
10,95 9,85 
10,00 10,00 


1 10,20 


+ 1,30 + 1,50 
— 0,75 + 0,35 
4- 0,20 + 0,20 



Mittelwert aus A, B, C = 11,30 mm. 



^ = 26,00. 



29.V.— 31.V. 
3 I.V.— 2. VI. 
2.-4. 

29. V.— 8 I.V. 
31.V.— 2.VI. 
2.-4. 



21,2 22,0 121,2 22,0 10,60 11,001 
46,5 47,5 125,3 25,5 112,65 12,75l\ 
72,0 72,6 I 25,5 25,1 1 12,75 12,55!/ 



12,68 



20,0 19,6 I 20,0 19,6 
42,5 43,3 { 22,5 23,5 
66,0 67,8 i 23,7 24,5 



10,00 9,80 
11,25 11,75 ^ 
11,85 12,25 1^^''^^ 



+ 2,08 + 1,68 

+ 0,03 — 0,07 

— 0,07 +0,13 

+ 1,75 + 1,95 

+ 0,50 + 0,00 

— 0,10 —0,50 



Mittelwert aus A und B = 12,22 mm. 



t = 30,00. 



29.V.- 


-31.V. 


2,2 


3,0 


2,2 


3,0 


1,10 


1,50 




+ 1,13 


+ 0,73 


81.V.- 


-2. VI. 


5,2 


8,2 


3,0 


5,2 


1,50 


2,60 




-t-0,73 


— 0,37 


2.- 


-4. 


9,0 


12,6 


3,8 


4,4 


1,90 


2,20 




+ 0,33 


+ 0,03 


4.- 


-6. 


14,1 


15,9 


5,1 


3,3 


2,55 


1,65 


2,23 


— 0,22 


+ 0,58 


6.- 


-8. 


17,9 


20,6 


3,8 


4,7 


1,90 


2,35 




-f 0,33 


— 0,12 


8.- 


-10. 


24,0 


27,1 


6,1 


6,5 


3,05 


3,25 




— 0,82 


— 1,02 


10.- 


-12. 


29,6 


33,0 


5,6 


5,9 


2,80 


2,95 




— 0,57 


— 0,72 


12.- 


14. 


33,8 


37,8 


4,2 


4,8 


2,10 


2,40 




+ 0,13 


— 0,17 


29. V.- 


-3 I.V. 


4,0 


4,2 


4,0 


4,2 


2,00 


2,10 




— 0,06 


— 0,16 


31.V.- 


-2.VI. 


7,0 


7,3 


3,0 


3,1 


1,50 


1,55 




+ 0,44 


+ 0,39 


2.- 


-4. 


10,6 


10,9 


3,6 


3,6 


1,80 


1,80 




+ 0,14 


+ 0,14 


4.- 


-6. 


14,7 


14,8 


4,1 


3,9 


2,05 


1,95 


■ 1,94 


— 0,11 


— 0,01 


6.- 


-8. 


17,2 


16,5 


2,5 


1,7 


1,25 


0,85 




+ 0,69 


+ 1,09 


8.- 


-10. 


19,4 


19,4 


2,2 


2,9 


1,10 


1,45 




+ 0,84 


+ 0,49 


10.- 


-12. 


21,2 


21,0 


1,8 


1,6 


0,90 


0,80 




4- 1,04 


+ 1,14 



Mittelwert aus A und B = 2,08 mm. 



Zeitsohr. f. Naturwisa. Halle a. S. Bd. 82, 1910. 



7 



98 



Kakl Hoffmann, 



[64] 



In der Kurve sind die Wachstumsverhültnisse graphisch 
dargestellt. 

Auch bei dieser Waclistumskurve kann von einem gerad- 
linigen Aufstieg nicht die llede sein. Je mehr sich die Kurve 
ihrem Optimum nähert, um so steiler wird sie, um vor dem 
Maximum sich vpeniger steil zu erheben. 




^ 1 1 1 1 1 V 

13,6" 18» '20« 23» 26» 30 

Fig. 5. 

4. Temperaturwerte von Polyporus vaporarius. 

Auch Folyporus vaporarius wurde in Petrischalen von 
11 cm Durchmesser, die mit 32 ccm dunkler Bierwürze, der 
5o/„ Agar-Agar zugesetzt war, beschickt waren, in seinem 
Wachstum bei verschiedenen Temperaturen beobachtet. Da 
mir nur eine kleinere Anzahl von Kulturgläsern zur Verfügung 
standen und immer einige Versuche mifsglücken, da die 
Petrischalen besonders leicht verunreinigt werden, konnten 



[65] Wachstuinsverhiiltnisse einiger holzzerstürenden Pilze. 99 

bei 13,6" und 30,0" nur je eine Schale mit je zwei Ab- 
lesungen verwendet werden. 



^ = 13,6". Die Mafse sind in mm angegeben. 





Zeit des 
Wachstums 


Gesamt- 
länge 


Zwei- 
tägige 
Zunahme 


Tägliche 
Zunahme 


Mittel- 
wert 


Ab- 
weichungen 






a b 


a 


b 


a b 




a b 


A. 


8.VI.— lO.VI. 


4,7 4,6 


4,7 


4,6 


2,35 2,30 




— 0,30 —0,25 




10.— 12. 


7,3 8,4 


2,6 


3,8 


1,30 1,90 




+ 0,75 + 0,15 




12.-14. 


11,2 12,5 


3,9 


4,1 


1,95 2,05 


> 2,05 


-i- 0,10 + 0,00 




14.— 16. 


15,9 17,4 


4,7 


4,9 


2,35 2,45 




— 0,30 — 0,40 




16.— 18. 


19,3 21,7 


3,4 


4,3 


1,70 2,15 


1 


+ 0,35 —0,10 



t = 18,00. 



8.VI.- 


lO.VI. 


6,2 




6,2 




3,10 






— 0,62 




10.- 


-12. 


9,9 


4,5 


3,7 


4,5 


1,85 


2,25 




4-0,73 


4- 0,33 


12.- 


-14. 


16,9 


9,1 


7,0 


4,6 


3,50 


2,30 


• 2,58 


— 0,92 


4-0,28 


14.- 


-16. 


21,8 


14,0 


4,9 


4,9 


2,45 


2,45 




4-0,13 


4- 0,13 


16.- 


-18. 


27,0 


19,6 


5,2 


5,6 


2,60 


2,80 




— 0,02 


— 0,22 


8.VI.— 


10. VI. 


7,4 


6,1 


',4 


6,1 


3,70 


3,85 




— 0,66 


— 0,31 


10.- 


-12. 


15,0 


12,5 


7,6 


6,4 


3,80 


3,20 


1 


— 0,76 


— 0,16 


12.- 


-14. 


20,0 


18,1 


5,0 


5,6 


2,50 


2,80 


' 3,04 


4- 0,54 


4- 0,24 


14.- 


-16. 


24,8 


23,0 


4,8 


4,9 


2,40 


2,45 




4-0,64 


4- 0,59 


16.- 


-18. 


31,2 


29,6 


6,4 


6,6 


3,20 


3,30 




— 0,16 


— 0,26 



Mittelwert aus A und B = 2,81 mm. 



t = 20,00. 



lO.VI.- 


12.VI. 


5,2 


5,4 


5,2 


5,4 


2,60 


2,70 


12.- 


-14. 


11,3 


10,2 


6,1 


4,8 


3,05 


2,40 


14.- 


-16. 


17,4 


15,9 


6,1 


5,7 


3,05 


2,85 


16.- 


-18. 


22,1 


21,0 


4,7 


5,1 


2,35 


2,55 


8.VI.— 


lO.Vl. 


5,2 




5,2 




2,60 




10.- 


-12. 


11,6 


7,5 


6,4 


7,5 


3,20 


3,75 


12.- 


-14. 


18,7 


15,0 


6,1 


7,5 


3,05 


3,75 


14.- 


-16. 


27,1 


21,1 


8,4 


6,1 


4,20 


3,05 


16.- 


-18. 


35,4 


29,0 


8,3 


7,9 


4,15 


3,95 



2,70 



3.58 



4- 0,10 

— 0,35 

— 0,35 
4- 0,35 

-1- 0,98 
4- 0,38 
-0,53 
-0,62 
-0,57 
7* 



ioo 



Karl Hopfmann, 



[66] 





Zeit des 
Wachstums 


Gesamt- 
länge 

a b 


Zwei- 
tägige 
Zunahme 
a b 


Tägliche 
Zunahme 

a b 


Mittel- 
wert 


Ab- 
weichungen 

a b 


c. 


8.VI.— lO.VI. 


5,0 4,5 


5,0 4,5 


2,50 2,25 




+ 0,45 + 0,70 




10.— 12. 


10,1 10,0 


5,1 5,5 


2,55 2,75 




+ 0,40 + 0,20 




12.-14. 


15,9 16,3 


5,8 6,3 


2,90 3,15 


> 2,95 


+ 0,05 — 0,20 




14.-16. 


22,9 22,2 


7,0 5,9 


3,50 2,95 




— 0,55 + 0,00 




10.— 18. 


28,7 30,2 


5,8 8,0 


2,90 4,00 


J 


+ 0,05 — 1,05 



Mittelwert aus A, B, C = 3,08 mm. 



t = 23,00. 



8.VI.- 


lO.VI. 


5,1 


6,0 


5,1 


6,0 


2,55 


3,00 




+ 1,70 


+ 1,25 


10.- 


-12. 


13,4 


15,0 


8,3 


9,0 


4,15 


4,50 




-l- 0,10 


- 0,25 


12.- 


-14. 


23,2 


24,1 


9,8 


9,1 


4,90 


4,55 


1 4,25 


— 0,65 


— 0,30 


14.- 


-16. 


30,0 


32,2 


6,8 


8,1 


3,40 


4,05 




+ 0,85 


+ 0,20 


16.- 


-18. 


38,1 


41,0 


8,1 


8,8 


4,05 


4,40 




+ 0,20 


— 0,15 


8.VI.— 


lO.VI. 


7,0 


6,2 


7,0 


6,2 


3,50 


3,10 




+ 0,75 


+ 1,15 


10.- 


-12. 


15,4 


14,7 


8,4 


8,5 


4,20 


4,25 




+ 0,05 


+ 0,00 


12.- 


-14. 


24,0 


23,4 


8,6 


8,7 


4,30 


4,35 


1 4,25 


— 0,05 


— 0,10 


14.- 


-16. 


31,2 


31,0 


7,2 


7,6 


3,60 


3,80 




+ 0,65 


+ 0,45 


16.- 


-18. 


40,6 


40,6 


9,4 


9,6 


4,70 


4,80 




— 0,45 


— 0,55 


lO.VI.- 


12.VI. 


4,2 


5,3 


4,2 


5,3 


2,10 


2,65 




+ 1,15 


+ 0,00 


12.- 


-14. 


11,1 


11,2 


6,9 


5,9 


3,45 


2,95 




— 0,20 


+ 0,30 


14.- 


-16. 


17,5 


17,1 


6,4 


5,9 


3,20 


2,95 


j 3,25 


+ 0,05 


+ 0,30 


16.- 


-18. 


24,5 


24,0 


7,0 


6,9 


3,50 


3,45 




— 0,25 


— 0,20 



Mittelwert aus A, B, C = 3,92 mm. 



t = 


= 26,0 


o_ 








8.V1.- 


lO.VI. 


10,0 


10,2 


10,0 


10,2 


f- 


-12. 


18,4 


20,2 


8,4 


10,0 


12.- 


-14. 


27,2 


27,5 


8,8 


7,3 


14.- 


-16. 


36,0 


36,1 


8,8 


8,6 


IG.- 


-18. 


43,9 


44,0 


7,9 


7,9 


8.VI.— 


lO.VI. 


9,2 


8,7 


9,2 


8,7 


10.- 


-12. 


17,1 


18,2 


7,9 


9,5 


12.- 


-14. 


26,2 


26,5 


9,1 


8,3 


14.- 


-16. 


34,0 


34,8 


7,8 


8,3 



5,00 


5,10 




— 0,60 


— 0,70 


4,20 


5,00 




+ 0,20 


— 0,60 


4,40 


3,65 


. 4,40 


+ 0,00 


+ 0,75 


4,40 


4,30 




+ 0,00 


+ 0,10 


3,95 


3,95 


) 


+ 0,45 


+ 0,45 


4,00 


4,35 


1 


— 0,30 


— 0,05 


3,95 
4,55 


4,75 
4,15 


j 4,30 


+ 0,35 
— 0,25 


— 0,45 
+ 0,15 


3,90 


4,15 




+ 0,40 


+ 0,15 



Wachstumsverhiiltnisse einiger holzzerstürenden Pilze. 



101 





Zeit des 
Wachstums 


Gesamt- 
länge 


Zwei- 
tägige 
Zunahme 


Tägliche 
Zunahme 


Mittel- 
wert 


Ab- 
weicliungeu 






a b 


a 


b 


a b 




a b 


c. 


8.VI.— lO.VI. 


6,7 8,4 


6,7 


8,4 


3,35 4,20 


] 


-1- 0,94 + 0,09 




10.-12. 


15,1 17,3 


8,4 


8,9 


4,20 4,45 




+ 0,09 —0,16 




12.— 14. 


24,1 27,1 


9,0 


9,8 


4,50 4,90 


l 4,29 


— 0,21 —0,61 




14.— 16. 


33,6 36,0 


9,5 


8,9 


4,75 4,45 




— 0,46 —0,16 




16.-18. 


41,7 44,0 


8,1 


8,0 


4,05 4,00 


) 


+ 0,24 + 0,29 



Mittelwert aus A, ß, C = 4,33 mm. 



t 



30,0». 



A. 



8.VI.— lO.VI. 
10.-12. 
12.— 14. 



4,2 
6,9 
10,3 



2,5 
4,8 
7,0 



4,2 
2,7 
3,4 



2,5 
2,3 
2,2 



2,10 
1,35 
1,70 



1,25 I 

1,15 

1,10 



1,44 



— 0,66 +0,19 
+ 0,09 + 0,29 

— 0,26 + 0,34 



Es ergibt sich aus den angeführten Beobachtungen 
folgende Wachstuniskurve (die Werte sind für je zweimal 
10 Tage berechnet). 




1 1 1 1 1 1_ 

13,6» 18» 200 230 26» 30o 



Fig. 6. 



102 Kahl IIoffmann, [68] 

Auch aus dieser Kurve können wir nicht auf einen 
linearen Verlauf der Wachstumskurven Hchlicl'sen. Es ist 
nur die Tatsache zu vermerken, dal's vor dem 0})tiuium ein 
steilerer Anstieg erfolgt, um nachher wieder allmählich ab- 
zufallen. 

III. Verlauf der Wachstumskurveii. 

Wenn wir irgend eine der Wachstumskurven nach Falck 
betrachten — ich wähle Merulius lacrymans domesticus'^) — 
so ergibt sich dasselbe Bild. 




Fig. 7. 

Die Kurve, welche durch die Wachstumswerte bei den 
verschiedenen Temperaturen bedingt ist, wird sich ganz nach 
meinem Belieben mehr oder weniger einer Geraden nähern 
je nach den Verhältnissen, welche ich zur Darstellung benutze. 
Wähle ich die Temperatureinheiten recht grofs, so wird 
die Kurve wenig von einer Geraden abweichen, wähle ich 
aber zur Darstellung der Wachstumswerte gröfsere Ein- 
heiten, so ist die Kurve verhältnismäfsig kürzer und die Ab- 
weichungen vom geradlinigen Verlauf treten deutlicher hervor. 

Aus den von mir erhaltenen Wachstumskurven kann 
ich nicht folgern — ebensowenig aus den von Falck ge- 
wonnen — , dafs der Wachstumsanstieg eine lineare Funktion 2) 



1) Vgl. Falck, S. 112. 

2) Im Gegensatz zu Falck, S. 108 und 109. 



Wachstumsverhältnisse einiger holzzerstörenden Pilze. 1^3 



der Temperatur ist. Icli kauu nach den gegebenen Ver- 
hältnissen nur den Schhil's ziehen, dnfs vor dem Optiniuni 
sich die Wachstuniskurvc steiler erhebt und dals sie nach 
dem Maximum ziemlich steil abfällt. 

Zu bemerken ist aul'serdem noch, dal's durch das Ex- 
periment noch nicht erwiesen ist, ob wirklich bei 0" kein 
Wachstum stattfindet. Die Annahme Falcks, erst von 3,0" 
die Wachstumskurve ihren Aufstieg vornehmen zu lassen, 
ist willkürlich und keine zwingende Folge seiner Be- 
obachtungen. Ich möchte nur darauf hinweisen, dafs in 
Eiskellern mehrfach lebender, also wachsender Hausschwamm 
gefunden wurde,') so dafs es nicht xinmöglich erscheint, 
dafs auch bei bei genügend langer Gewöhnung an 
diese niedrige Temperatur ein, wenn auch langsames, 
Wachstum stattfindet. 



IV. Die Bedeutung des Sauerstoffs für das Wachstum 
der Mycelien. 

1. Anaerobe Kulturen. 

In seinen Untersuchungen über „Wachstumsintensitäten 
usw." führt Falck'^) auch Versuche an, die er unter der 
Bedingung der anacroben Kultur vornahm. Nach seinen 
bisherigen Feststellungen entwickelt sich das Mycel des 
Merulius lacrymans ohne Sauerstoff längere Zeit hindurch 
ebenso günstig wie in aeroben Kulturen. Um dies nachzu- 
prüfen, verschlofs ich einige Kulturröhren der Como2)}iora cere- 
bella I und //, des Faxilliis acheruntius, Merulius lacrymans 
und Merulius Silvester mit festen Wattepfropfen und legte 
darüber eine dicke Schicht von Paraffin, so dafs Luftzutritt 
nicht mehr stattfinden konnte. Einige Tage hindurch war 
noch Wachstum vorhanden, das allerdings nicht mehr so 
intensiv war; aber bald kam dies völlig zum Stillstand. 
Dies Verhalten konnte am Sauerstoflimangel oder an der 
Kohlensäureanreicherung der Luft liegen. Um dies näher 



>) Vgl. Mez, Der Hausschwamm, S. 59. 
") Vgl. Falck, S. 123. 



104 



Karl Hoffmann, 



[70] 



zu uutersuclieii, unterwarf ich die Mycelien der von mir 
bebandelten Pilze der AVasserstoflfkultur. leb ging so vor, 
dafs icb in Erlennieyer- Kolben zunächst eine ausreichende 
Näbrscbicbt sterilisierte. Diese Gefäfse vparen mit einem 
doppelt durchbohrten Kautschukpfropfen versehen, durch den 
zwei Glasröhren hindurchführten, die der leichteren Be- 
handlung wegen rechtwinklig umgebogen waren. Wenn die 
Kulturen in den Kolben einen Durchmesser von ca. 5 — 7 cm 
erreicht hatten, wurden sie mit chemisch reinem Wasserstoff 
beschickt und hierauf die Zu- und Ableitungsröhren zu- 
geschmolzen. Um jeden Luftaustausch unmöglich zu machen, 
war die obere Öffnung der EuLENMEYER-Kolben und die 
Kautschukpfropfen mit einer absolut sicher schliefsenden 
Paraffin- resp. Wachsschicht überzogen. So wurden die 
Bedingungen der anaeroben Kultur auf eine verhältnismäfsig 
leichte und sichere Weise gewonnen. Zu erwähnen ist noch, 
dafs von jeder untersuchten Pilzspezies wenigstens zwei 
Versuche vorgenommen wurden; war etwa eine Kultur ver- 
unreinigt, so wurde der Versuch wiederholt, so dafs für jede 
Bestimmung zwei oder mehrere absolut sichere und Uber- 
zeugende Beobachtungen vorliegen. 

Merulius lacrymans (vom 21. April 1909) wurde am 
7. Mai mit Wasserstoff" beschickt. Schou nach 4 Stunden 
zeigte sich ein Einflufs des mangelnden Sauerstoffs. Das 
Mycel senkte die nach oben strebenden Hyphen nach unten. 
Dieser Vorgang der Einkrümmung verstärkte sich von Stunde 
zu Stunde, so dafs am 8. Mai das Substrat wie von einem 
Schleier überzogen erschien. Am 17. Mai war das Mycel 
dem Nährboden vollkommen angedrückt, so dafs es kaum 
noch sichtbar war. Es war nun möglich, dafs der Pilz sich 
von der sauerstoffarmen Atmosphäre zu dem Substrat ge- 
wendet hatte, um sich den darin befindlichen gebundenen 
Sauerstoff nutzbar zu machen , dafs der Pilz also im Nähr- 
boden weiter wuchs. Um dies zu untersuchen, wurde am 
17. Mai die Spitze der zuführenden Röhre abgebrochen, 
so dafs ein geregelter Gasaustausch stattfinden konnte. 
Das Resultat war, dafs auch jetzt der Pilz kein Luftmycel 
mehr bildete; auch eine Impfung, von dieser Kultur vor- 
genommen wurde, liefs kein Wachstum erkennen. Nach 



Wachstums Verhältnisse einiger holzzerstörenden Pilze. 



105 



weiteren 3 Woclien war Merulius lacrymcms nicht weiter 
gewachsen: er war tot. Zwei andere Kulturen, die in der- 
selben Weise behandelt wurden, gingen bei der SauerstotTent- 
ziehung ebenfalls sofort zu Grunde und wuchsen nicht weiter. 

Es fragte, sich nun, ob der Sauerstoffmangel den Pilz 
sofort zu töten vermochte oder ob der im Nährboden 
vorhandene gebundene Sauerstoff ausreichte, um ihn eine 
Zeitlang am Leben zu erhalten. Der vorhin besprochene 
Versuch war so eingerichtet, dafs nach zehntägiger Wasser- 
stoffkultur der Pilz wieder normale Wachstumsbedinguugen 
erhielt: nach zehn Tagen Sauerstoffentziehung war das Mycel 
abgestorben. 

Ein anderer Versuch zeigte, dafs auch siebentägiger 
Mangel an Sauerstoff genügte, um den Pilz zu töten, auch 
vier Tage anaerobe Kultur zeitigten dasselbe Resultat. Nach 
dreitägiger Sauerstoffentziehung wuchs jedoch ein stark 
entwickeltes Mycel weiter. Einige andere Versuche, die mit 
gering gewachsenen Mycelien vorgenommen wurden, liefsen 
erkennen, dals der Pilz, wenn er nur schwaches Luftmycel 
gebildet hat, auch schon nach dreitägigem Sauerstoffmangel 
zu Grunde geht. 

Wir können aus diesen Versuchen den Schlufs ziehen, 
dals ein kürzerer Aufenthalt in sauerstoffreier Luft den 
Merulius lacrymans schwer schädigt — er stellt sofort sein 
Wachstum ein — , dafs aber der vom Mycel festgehaltene 
Sauerstoff genügt, ihn einige, aber nur kurze Zeit am Leben 
zu erhalten, so dafs sich das Mycel bei Sauerstoffzufuhr 
wieder erholen konnte. Kräftig ausgebildetes Mycel kann 
infolgedessen mehrere Tage in sauerstoffreier Atmosphäre 
lebensfähig bleiben. Er wird aber unter allen Umständen 
bei längerem Sauerstoffmangel getötet. 

Mit Merulius Silvester wurden drei Parallelversuche 
angestellt; diese zeigten übereinstimmend, dafs auch er zu 
seiner Lebenstätigkeit den Sauerstoff der Luft nötig hat. 
Nach fünf und nach zehntägigem Aufenthalt in dem Wasser- 
stoff war er vollkommen getötet. 

Merulius favosus kann ebensowenig ohne Sauerstoff 
existieren. Auch bei diesem Pilz beobachtete ich überein- 
stimmend mit dem Verhalten von Merulius lacrymans und 



106 



Karl Hoffmann, 



[72J 



Merulms Silvester, sowie mit den Mycelien der anderen Pilze, 
daCs sieb der Sauerstofl'niangel so bemerkbar maebtc, dafs 
sieb die obersten llyi)benenden nacb unten krümmten und 
so allmäblicb sieh tiefer und tiefer zu dem Substrat neigten, 
bis das ganze Myeel den Nährboden wie ein Schleier überzog. 
Nach vierzehn Tagen und auch nach vier Tagen war der 
Pilz abgestorben und zeigte unter den Bedingungen der 
aeroben Kultur, in die er dann gebracht wurde, kein Wachs- 
tum mehr. 

Auch Fohjporus vulgaris, Polyporus vaporarius und 
Fohjporus serialis, die in anacrob gehaltenen Kulturen einige 
Wochen hindurch beobachtet wurden, zeigten die gleichen 
Verhältnisse. Ihr Mycel stellte ebenfalls sofort das Wachs- 
tum ein. Fohjportis vaporarius liels erkennen, dals eine 
gut gewachsene Kultur die Sauerstoftentziehung einen Tag 
aushielt, zwei Tage Sauerstotfmangel töteten auch ihn voll- 
kommen. Auch hier war wieder die Erscheinung, dafs das 
Mycel selbst soviel Sauerstoft" festhält, um kurze Zeit das 
Leben zu ermöglichen, sicher zu erkennen. 

Coniophora cerehella und Paxillus acheruntius können 
nach meinen Kesultaten nicht auacrob wachsen; ebenso auch 
FoJijporus destructor nicht. Die Schädigungen des Sauerstoff- 
mangels sind schon nach kurzer Zeit deutlich sichtbar; ein 
Längenwachstum kam nicht in Frage. Die Messung wurde 
tägHch vorgenommen, indem an auf der Unterseite der Kolben 
aufgeklebten Papierstreifen bei der Durchsicht gegen das 
Licht Markierungen vorgenommen wurden. Die Einstellung 
des Wachstums geschah sofort nach der SauerstoflFentziehung 
und seit diesem Augenblick war keine Zunahme im Längen- 
wachstum zu vermerken. Vielmehr nahm die Ausbreitung 
der Mycelien etwas ab, da auch die vorderen Luftliyphen 
eingekrümmt wurden und so eine Verminderung der Längen- 
ausdehnung herbeiführten. Diese Erscheinung ist nur die 
Folge des Sauerstoffmangels. 

Bei Coniophora cerehella, Folyporus destructor, Fohjporus 
serialis und Faxillus acheruntius konstatierte ich nun ein 
merkwürdiges Verhalten. Die beobachteten Kulturen zeigten 
kein weiteres Längenwachstum, und auch das Mycel legte 
sich in der beschriebenen charakteristischen Weise dem 



Wachstums Verhältnisse einiger holzzerstörenden Pilze. 107 



Substrat an, nur dafs dieses Anlegen nicht so intensiv gescliali; 
etwas Mycel und einige Luftliyphen blieben noch deutlieh 
sichtbar. Als ich nun nach 20 Tagen Sanerstotfentziehuug 
die Coniophora cerehella wieder den Bedingungen der aeroben 
Kultur unterwarf, erholte sich das Mycel zusehends. Nach 
einem Tage war es soweit gekräftigt, dafs es ganz das 
Aussehen der Kultur vor dem Beschicken mit Wasserstoff 
hatte, und am zweiten Tage danach zeigte sich recht intensives 
Wachstum, das auch weiterhin anhielt. Auch nach vier 
Tagen Sauerstoffentziehung wuchs das Mycel üppig weiter, 
als ihm wieder Sauerstoff zugeführt wurde. Jedenfalls ist 
hierdurch erwiesen, dafs Coniophora cerehella gegen Sauerstoff- 
mangel sehr widerstandsfähig ist. Das intensive und sehr 
kräftige Wachstum dieses holzzerstörenden Pilzes versetzt 
ihn in die Möglichkeit, dem Nährboden soviel Sauerstoff zu 
entziehen, als ihm zur Erhaltung seiner Lebensfähigkeit nötig 
ist. Da Coniophora cerehella in dem Erlenmeyer -Kolben 
ohne Sauerstoff" zwanzig Tage hindurch lebend blieb, kann die 
Erscheinung unmöglich darauf zurückzuführen sein, dafs in 
dem Mycel selbst genügende Mengen von Sauerstoff gespeichert 
waren. Das Verhalten dieses Pilzes stimmt auch mit meinen 
sonstigen Beobachtungen Uberein, denen zufolge Coniophora 
den von mir benutzten Nährstoff in ausgiebigem Mafse 
zerstört. Man sieht an der Verfärbung des Nährbodens, der 
bei mir stets heller gefärbt wurde, dafs der Pilz irgendwelche 
Stoffe ausscheidet, die den Nährboden zersetzen. Auf diese 
Weise dringt Coniophora cerehella oft tief in das Kultur- 
substrat ein. Jedenfalls zerstörte er in derselben Zeit inten- 
siver den künstlichen Nährboden als Merulius lacrymans 
oder Merulius Silvester. 

Ein ähnliches Verhalten wie Coniophora zeigt Foxillus 
acheruntius. Auch das Mycel dieses holzzerstörendeu Pilzes 
wurde durch Sauerstoft'entziehung schwer geschädigt. Es 
wurde mehr und mehr dem Nährboden angedrückt, so dafs 
es schliefslich den Anschein hatte, als ob das Substrat 
mit einer öligen Haut überzogen wäre. In zehn und in 
fünfzehn Tagen Aufenthalt in einer Atmosphäre ohne Sauer- 
stoff zeigte auch Paxillus acheruntius kein Längenwachstum. 
Als ihm aber nach dieser Zeit wieder Sauerstoff geboten 



108 



Kakl Hoffmann, 



[74] 



wurde, erholte auch er sich und hatte bald das ganze Sub- 
strat bewachsen. Hiermit ist auch die Widerstandskraft gegen 
Sauerstoffentziehung für Vaxillus achenmtius erwiesen. 

Volijporus destructor und Polyporus serialis blieben 
ebenfalls in sauerstoffreier Luft lebend. Beide Pilze wurden 
in gleicher Weise nach 5 und nach 15 Tagen Wasserstoff- 
kultur nicht getötet, sondern wuchsen, wenn sie dann die 
Möglichkeit hatten, Sauerstoff zu atmen, weiter. Also auch 
Vohjporus destructor und Fohjporus serialis vermögen intra- 
molekular zu atmen. 

Wenn Coniophora cerehella, Paxillus acheruntius, Poly- 
2)orns destructor und Polyporus serialis tatsächlich bei 
Sauerstoffentziehung normale intramolekulare Atmung ein- 
leiten können, so mufste sich in den Kulturen ohne 
Sauerstoffzuführuug Alkohol nachweisen lassen. Zur Prüfung 
wurde die Jodoformreaktion benutzt.') 

Bei diesen Versuchen ergab sich nun, dafs tatsächlich 
unter den Bedingungen der anaeroben Kultur Polyporus 
destructor, Polyporus serialis, Coniopliora cerehella und 
Paxillus acheruntius Alkohol bilden. Besonders deutlich 
trat diese Erscheinung bei Polyporxis destructor hervor. 
Dieser Pilz bildet auch in aeroben Kulturen reichlich Alkohol, 
während Coniophora cerehella, Paxillus acheruntius und 
Polyporus serialis bei Gegenwart von Sauerstoff zwar auch 
Alkohol bilden, doch bei weitem nicht so reichlich wie 
bei Sauerstoff'eutziehung. Polyporus destructor bildete in 
aeroben und in anaeroben Kulturen am intensivsten Alkohol. 

Es ist hier gleichzeitig darauf hinzuweisen, dafs Paxillus 
acheruntius und Polyporus destrtictor den von mir benutzten 
Nährboden sehr kräftig ausnutzen. Wenn sie den anderen 
Pilzen auch an täglichem Längenwachstum nachstehen, so 
zerstören sie doch in gleicher Zeit das Substrat in bedeutend 
höherem Mafse. 

Fernerhin wurde versucht, ob die Merulius- Arten und 
Polyporus vaporarius ebenfalls Alkohol bilden können. Es 
ergab sich, dafs weder in aeroben noch in anaeroben 



^) Vgl. Detmer, Kleines pflanzenphysiologisches Praktikum, 
S. 157. 



Wachstiimsverhiiltnisse einiger holzzerstörenden Pilze. 100 



Kulturen Alkohol nachgewiesen werden konnte. Da also 
McruUus lacrijrnans, Mcrulius Silvester, Mernlius favosus 
und Pohjponis vaporarms sich den im Nährboden vor- 
handenen gebundenen Sauerstoff nicht frei machen konnten, 
gingen sie anacroben Kulturen in kurzer Zeit zugrunde. 

Im Anschluls hieran möchte ich darauf hinweisen, dafs 
nach den bisherigen Erfahrungen Polyporus destmctor, 
Fohjporus serialis und Faxillus acheruntms als echte 
Parasiten bekannt sind. Diese Pilze besitzen nach meinen 
Untersuchungen tatsächlich die Möglichkeit intramolekularer 
Atmung. Aufserdem vermag auch Coniophora cerebella den 
im Substrat gebundenen Sauerstoff frei zu machen; dieser 
Pilz war bisher als echter Saprophyt angesehen worden, i) 
Insbesondere mache ich gleichzeitig darauf aufmerksam, 
dafs Coniophora cerebella, wie auch bereits von Mez^) 
bemerkt wurde, auf sehr feuchtem Substrat besonders gut 
wächst. Die Kulturen auf flüssigem Nährmedium 3) zeigen 
aufs deutlichste, dafs Coniophora cerebella bei Gegenwart 
grolser Feuchtigkeitsmengen üppig Mycel bildet, dafs dieser 
Pilz aber auch imstande ist, anaerob zu wachsen. Wir 
können aus diesem Verhalten folgern, dafs auch Coniophora 
cerebella die Möglichkeit parasitischer Lebensweise besitzt 
und auch kubisch zu wachsen vermag. 

Für Paxillus acheruntius folgen dieselben Schlüsse wie 
für Coniophora cerebella. Sein Verhalten in anaeroben 
Kulturen zeigt klar, dafs er ebenfalls als echter Parasit 
gelten mufs.*) 

Dagegen zeigen die Versuche, dafs Merulius lacrymans, 
Merulius Silvester, Merulius favosus und Polyporus vapora- 
rius als echte Saprophyten anzusehen sind; hierauf weist 
auch das von ihnen bekannte oberflächliche Wachstum hin.^) 



^) Vgl. Mez, Der Hausschwamm, S. 198. 

Ebenda S. 173. 
3) Ebenda S. 102 und 109. 
") Ebenda S. 148. 
5) Ebenda S. 200. 



110 



Karl IIoffmann, 



[76] 



2. Oxygenotropismus des Pilzmycels. 

Das Verhalten der Myeelien von Merulius lacrymans, 
Merulius favosus, Memlius silrester, Voyponis vulgaris, 
Polyporus vaporarius, Pohjporus destrudor, Pohjporus 
serialis, Coniophora cerehella, Paxillus acherunthis unter 
den Bedingungen der anaeroben Kultur wies schon darauf 
hin, dafs die Pilze ein gewisses Bedürfnis haben, den 
Sauerstoff an sich zu ziehen, um atmen zu können. Dieses 
Bestreben ging auch daraus hervor, dafs sich in Petrischalen 
das Myeel des Merulius lacrymans und Merulius Silvester 
zwischen Schale und Deckel zwängte. Nahrungsmangel 
konnte nicht die Ursache sein; es blieb nur der Schlufs 
übrig, dafs der Pilz, der auf dem Nährboden in der Kultur- 
schale sehr üppig gewachsen war, nicht genügend Sauerstoff 
zur Atmung zur Verfügung hatte. Da das Mycel aber nie 
in die Umgebung der Schale hinaus wuchs, mufste sich 
mir der Gedanke aufdrängen, dafs zwar Sauerstoff bedürfnis 
vorhanden war, dafs es sich aber in gewissen Grenzen hielt. 

Um nachzuweisen, dafs die Pilzmycelien tatsächlich 
oxygenotrop sind, wurde folgender Versuch angestellt: ein 
mit Nährboden beschickter Erlenmeyer- Kolben wurde mit 
einem Kautschukpfropfen verschlossen, durch den drei ver- 
schiedene Glasröhren führten: eine zur Zuleitung von Wasser- 
stoff, eine zur Ableitung, durch die dritte (jffnung war eine 
Kapillare in das Innere eingeführt, die ziemlich dicht über 
dem Nährboden endigte. Diese Kapillare stand nur unter 
dem Einflufs der äufseren Luftverhältnisse, so dafs durch 
sie Sauerstoff' eintreten konnte. Die Nährböden wurden mit 
Merulius lacrymans geimpft und, wenn dieser gut ange- 
wachsen war, mit Wasserstoff beschickt. Durch die Kapillare 
konnte Sauerstoff eindringen. Es ergaben sich bei diesen 
Versuchen leider keine sehr deutlich sichtbaren chemotak- 
tischen Reizwirkungen, da es sehr schwierig war, die 
Kapillaren vollkommen frei von Wasser zu halten, das sich 
bei der Sterilisation der Kulturgefäfse darin niederschlug. 
Infolgedessen konnte bei drei Versuchen nur konstatiert 
werden, dafs in der nächsten Umgebung der Kapillaren die 
Pilzhyphen länger aufgerichtet waren, während die weiter 



Wachstum sverhilltnisse einiger liolzzürstiiroridcn IMlze. III 



entfernten Ilyplien sieb einige Stunden eher einkrümmten 
und dem Substrat anscbniiegten. Ein direktes Hinwenden 
zu den Kapillarenöffnungen wurde nicht bemerkt, da offenbar 
diese unwegsam waren und der Sauerstoff nur langsam 
hinein diffundierte. Das Resultat dieser Versuche war nur, 
dafs die Ilypheu in der nnmitttelbaren Nähe der Kapillare 
einige Stunden länger in ihrer normalen Stellung verharrten. 

Eine andere Versuchsanordnung zum Nachweis des 
Oxygenotropismus war folgende: U-Röhren wurden bis zu 
geringer Höhe mit Nährstoffnienge beschickt, dann beide 
Öffnungen mit Wattepfropfen verschlossen und sterilisiert; 
einer der beiden Arme wurde mit Merulius lacrymans ge- 
impft. Nachdem dies Mycel sich genügend gekräftigt hatte 
und gut angewachsen war, wurde der geimpfte Arm der 
U- Röhre mit Wasserstoff beschickt und die Zu- und Ab- 
leitungsrohre zugeschmolzen. Nach kurzer Zeit krümmte 
sich das Luftmycel ein. Es suchte nun aus dem Sauerstoff- 
mangel in Verhältnisse zu kommen, die ihm eine gute 
Atmung gestatteten und wuchs an der Wand des Gefäfses 
entlang bis zur anderen Hälfte des U- Rohres, wo gewöhn- 
liche Luftzirkulation stattfand. Während also in dem einen 
Arm der U-Röhre das Mycel durch Sauerstoffentziehung 
schwer geschädigt wurde, suchte es sich selbst eine Um- 
gebung auf, die ihm normale Atmung ermöglichte. Parallel- 
versuche, die nach kurzem Sauerstoffmangel wieder den 
Bedingungen der aeroben Kultur zugeführt wurden, erholten 
sich wieder: die Lufthyphen richteten sieh auf und wuchsen 
weiter. Auch in diesem Falle suchte der Pilz die andere 
Hälfte der U-Röhre auf; doch ging dies nur langsam vor 
sich, während im erst angegebenen Falle das Mycel sehr 
schnell den sauerstoffreichen Arm der Röhre aufsuchte. 

Dieser Versuch ist vollkommen beweisend für den 
Oxygenotropismus des Merulius lacrymans. Während das 
Mycel bei Sauerstoffentziehung zugrunde ging, konzentrierte 
es seine Lebenstätigkeit auf die Ausbildung neuen Mycels, 
das die Möglichkeit hatte, wieder in sauerstoffreiche Atmo- 
sphäre zu kommen. 

Nach dem gleichmäfsigen Verhalten von Merulius Sil- 
vester, Merulius favosus usw. unter anaeroben Verhältnissen 



112 



Karl HofpmanN, 



[78] 



können wir nach diesen Versuchen auch auf den Oxy- 
genotropismus der anderen holzzerstörenden Pilze schliefsen. 



V. Über Yerfiirbuiigeu des Mycels der holzzerstörenden 

Pilze. 

Im Verlauf der Kultur der von mir untersuchten Pilz- 
mycelien konnte ich mancherlei Verfärbungen feststellen, 
die auch schon von anderen Forschern beobachtet wurden.') 
Auf dem von mir benutzten Nährboden verfärbt sich Meru- 
lius lacrymans sehr intensiv gelb; wenn Schädigungen des 
Wachstums eintreten, z. B. durch zu hohe Temperaturen, 
tritt oft, aber nicht immer, eine Gelbfärbung ein. Auch bei 
Gegenwart von Schimmelpilzen oder von Bakterienverun- 
reinigungen tritt oft eine lebhafte Gelbfärbung des Mycels 
ein. Das Wachstum wird in solchen Fällen auffallend ge- 
hemmt; bei sehr starker Überhandnähme der Verunreini- 
gungen wird es sogar vollkommen aufgehalten, ohne dals 
der Pilz hierdurch seine Lebensfähigkeit einbüfst. Doch habe 
ich auch bemerkt, dafs in manchen Fällen, bei Gegenwart 
von Penicillium z. B., das Wachstum gefördert wird, ohne 
dafs eine Gelbfärbung des Merulius -Mycels eintritt. Das 
Auftreten dieses gelben Farbstoffes ist also lediglich an 
wachstumshemmende Einwirkungen gebunden. Dieselbe 
Erscheinung beobachtete ich bei 3Ierulius Silvester, doch 
mit dem Unterschiede, dafs bei Gegenwart von Verun- 
reinigungen das Pilzmycel sich seltener gelb verfärbte, dafs 
dagegen bei hohen Temperaturen, 30,0 o z. B., allgemein 
und ausnahmslos eine intensive Färbung eintrat. Der auf- 
tretende Farbstoff war auch in diesem Falle gelb. 

Dafs auch Coniophora cerehella solchen Verfärbungen 
ausgesetzt ist, erwähnte ich schon. 2) Die drei Rassen, die in 
ihrem Längenwachstum nahezu vollkommen übereinstimmend 
waren, unterschieden sich nur durch die verschiedene Farbe 



1) Vgl. Mez, Der Hausschwamm, S. 49 und 50. — Czapek, 
Biochemie II, S. 496 ff. — Wehm er, Centralblatt für Bakteriologie, 
Parasiteniiunde und Infektionskrankheiten II, Abt. XXII, Bd. 1909. 

=') Vgl. oben S. 37 [3J. 



Wachstumsverhältnisse einiger holzzerstürenden Pilze. 113 



des Mycels bei Beginn der Kultur. Coniophora cerehella I 
war manchmal tiefbraun gefärbt, während Coniophora cere- 
hella II ein helleres Gelb zeigte und Coniophora cerehella 
III blendend weifses Mycel hervorbrachte. Doch trat bei 
letzterer Spezies bei Gegenwart von Verunreinigungen auch 
eine Gelbfärbung ein, die ähnlich war der des Merulius 
hicrymans. Im Laufe der Kultur variierte jedoch auch der 
Unterschied in der Verfärbung von Coniophora cerehella 1 
und //, so dafs sie auf gleichem Nährboden nicht mehr zu 
unterscheiden waren. Coniophora cerehella III befand sieh 
noch nicht so lange in Kultur, um eine genaue Beobachtung 
hier mitteilen zu können. Die Farbe ihres Mycels spielte 
nach wochenlanger Kultur etwas ins Gelbliche hinüber, die 
von der zunächst schneeweifsen Farbe sich deutlich unter- 
schied. Aus dem Verhalten von Coniophora cerehella I und 
Coniophora cerehella II kann ich jedenfalls den Schlufs 
ziehen, dafs diese erst unterschiedenen Arten zwei Rassen 
sind, die sich durch Kultur vollkommen ineinander über- 
führen lassen ; wir können sie nicht als verschiedene Spezies 
behandeln. 

Es war ferner darauf hingewiesen, dafs Unterschiede 
im Längenwachstum bei gleichen Temperaturen nicht ge- 
nügen, um dieses Merkmal zur Unterscheidung von Arten 
heranzuziehen. Auch variierte dies bei Coniophora cerehella 
I und // derart verschieden, dafs sich keinesfalls eine 
Konstanz im Verhältnis der Wachstumsgeschwindigkeiten 
dieser Mycelien feststellen liefs. 

Intensivere Gelbfärbung des Mycels trat bei Coniophora 
cerehella ein, wenn die Kulturschale verunreinigt war, an 
den Stellen, wo Coniophora mit der Verunreinigung zu- 
sammentraf. Auch wenn die Kulturschale an mehreren 
Stellen gleichzeitig geimpft war, trat eine Verfärbung des 
Mycels ein, wenn die von verschiedenen Punkten aus 
wachsenden Mycelien sich gegenseitig in ihrem Wachstum 
hemmten. Bei Merulius lacrymans beobachtete ich den- 
selben Vorgang, auch dann, wenn Merulius lacrymans und 
Polyporus vaporarius auf einer Kulturschale zusammen- 
trafen. Die Grenze ihrer Mycelien war durch eine lebhaft 
gelbgefärbte Zone markiert. 

Zeitschr. f. Naturwiss. Halle a. S. Bd. 82. 1910. & 



114 



Karl Hoffmann, 



[801 



Paxilliis achertmtius scheidet zuweilen einen rosa- 
farbenen Stoff ans, ohne dafs Verunreinifjungen dies ver- 
anlafst haben könnten. Auf älteren, trocknerem Nährboden 
bemerkte ich bei Pazillus acheruntius und Pohjporus de- 
structor eine lebhafte dunkelbraune bis dunkelgraue Ver- 
färbung. 

Aus diesen Beobachtungen sehen wir, dafs die ange- 
führten Pilzmycelien besonders dann Farbstoffe ausscheiden, 
wenn sie in ihrem Wachstum durch Nahrungsmangel oder 
durch Verunreinigungen gehindert werden. Auch bei zu 
hohen Temperaturen tritt bei Merulius lacrymans und 
Merulms Silvester eine Verfärbung ein. 

Die chemische Analyse der ausgeschiedenen Farbstoffe 
wurde nicht vorgenommen. 



VI. Welleiibildung der Pilzmycelien. 

Die Mycelien einiger holzzerstörenden Pilze zeigten bei 
ihrem Wachstum auf künstlichem Nährboden ein wellen- 
förmiges Wachstum. Besonders deutlich ausgebildet sind 
diese Wellen bei Coniophora cerebelJa, Merulius lacrymans, 
Merulius Silvester, Polyporiis vaporarius, Polyporus destructor 
und Paxillus acheruntius. Eine Gesetzmäfsigkeit in der Aus- 
bildung dieser Wellen habe ich nicht überall finden können. 
Bei gleichmäfsiger Temperatur im Dunkeln gehaltene 
Mycelien liefsen diese Verhältnisse ebenso in Erscheinung 
treten, wie Kulturen, die in bestimmten Zeitabständen be- 
lichtet wurden. Auch Temperaturwechsel mit Ausschaltung 
der Belichtung wirkte auf die Wellenbildung nicht in be- 
stimmter Weise ein. Auch waren die Wellen nie gleich 
grofs in verschieden groisen Kulturröhren. Coniopliora 
cerehella bildete bei gleicher Temperatur in Reagenzgläsern 
Wellen von vielleicht ein Viertel Länge der in grofsen 
Röhren. Fernerhin trat z. B. bei Merulius Silvester die 
Wellenbildung auf Petrischalen nicht immer in gleichem 
Mafse ein. Auf manchen Kulturen war diese Ausbildung 
in regelmäfsigem Abstand vorhanden, auf anderen dagegen 
war sie nicht deutlich zu erkennen. Die beigegebenen 



Waclistiiiiisverhältn'issc einiger holzzerstörenden Pilze. 115 



pliotographischen Aufnahmen lausen diesen Unistand er- 
kennen (s. S. llß und 11 7). 

Nur bei Volypoms dcstructor und Poh/porus vaporarms 
bin ich in der Lage, die Wellenbilduug unter bestimmten 
Verhältnissen zu erklären. Folyporus destrutor bildete in 
langen Kulturröhren, die alle zwei Tage belichtet wurden, 
in dieser Zeit vier kleine und eine grofse Welle. Auch 
wenn diese Kulturen je alle drei Tage belichtet wurden, 
so zeigten sich entsprechend in dieser Zeit sechs kleine 
und eine grofse Welle. Kulturen, die sechs resp. acht Tage 
im Dunkeln gehalten waren, zeigten eine grofse und zwölf 
resp. sechzehn kleine Wellen. Hieraus können wir den 
Schlufs ziehen, dafs die Bildung der grofsen Wellen von 
der Beleuchtung abhängt. Der Reiz, der hierbei auf den 
Pilz ausgeübt wird, veranlafst ihn, einen grofsen Wellenberg 
zu bilden. Am Tage der Beleuchtung erreichte er ein 
neues Wellental. Worauf die Ausbildung der kleineren 
Wellen, von denen an jedem Tage zwei — in vollkommen 
regelmäfsigen Abständen — wuchsen, zurückzuführen ist, 
habe ich nicht in bestimmter eindeutiger Weise erklären 
können. Ich bin geneigt, ' diese regelmäfsige Erscheinung 
auf ein periodisches Wachstum des Mycels zurückzufuhren. 
Polyporus vaporarius unterliegt in seiner Wellenbildung 
gleicher Weise dem Reize der Belichtung. Kulturen, die 
alle zwei oder drei Tage belichtet wurden, bildeten in 
dieser Zeit eine Welle; wurden die Kulturgefäfse jeden 
Tag belichtet, so wurden kleinere Wellen gebildet, die 
genau mit den Zwischenräumen in der Belichtungszeit 
zusammenfielen. Bei einigen Kulturen wuchs Polyporus 
vaporarius auch so, dafs irgend eine Bildung von Wellen 
nicht zu erkennen war. 

Durch Hydrotropismus ist nach meinen Erfahrungen 
die Erscheinung der Wellenbildung bei Meridius lacrymans 
und Merulius Silvester nicht zu erklären, da auch auf 
flüssigem Nährboden diese Wellen zu bemerken waren. 
Das Mycel konnte also nicht durch Feuchtigkeitsmangel 
veranlafst sein, Luftmycel in dieser Form zu bilden. Infolge- 
dessen scheint mir diese Erscheinung durch mechanische 
Verhältnisse des Mycels bedingt zu sein. 

8* 



116 



Karl Hoffmann, 



[82] 



Bei Meridius favosus, Polyporus vulgaris, Polyporus 
serialis und Polyporus odoratus habe ich keine Wellen- 
bildung feststellen können. Das Mycel dieser Pilze dringt 
in gut gewachsenen Kulturen gleiebmäfsig vor, ohne dafs 
eine periodische Zuwachsbewegung zu erkennen wäre ; viel- 
mehr ist das Mycel gleichmäfsig dicht. Merulius favosus 
bildet an der Impfstelle dichtes und sehr hohes Mycel; 
nach der Wachstumszone nimmt die Höhe des Mycels ab. 




Fig. 8. ilerulius Silvester in 14 Tagen. Mafsstab 1UÜ:43. f = 23,0°. 

Auch Merulius lacrymans und Merulius Silvester bilden 
Uber der Stelle, auf die die Impfflocke übertragen wurde, 
besonders hohes und dichtes Luftmycel, das sich halbkugel- 
förmig über die übrigen Hyphen erhebt. 

YII. Beobachtungen über das Wachstum der Mycelien 
der holzzerstörenden Pilze auf Lösungen verschiedener 

Säuren. 

In einem weiteren Teil meiner Arbeit untersuchte ich 
den Einflufs verschiedener Säuren auf das Wachstum der 



Wachstumsverhältnisse einiger holzzerstörenden Pilze. I 1 7 



Mycelien der von mir behaudclten Pilze. Icli ging in der 
Weise vor, dal's ich in kleinen Eklknmeykr- Kolben resp. 
Keagenzgliisern Lösungen von bestimmtem Prozentgelialt 
verscluedener Säuren sterilisierte und auf diese Flüssigkeit 
eine kleine Flocke der zu untersuchenden Mycelien impfte. 
Im Abstand einiger Tage wurden die so bebandelten 



Fig. 9. Merulius lacrymans in 20 Tagen. Mafsstab 10ü:55. f=13,6°. 

Kulturen beobachtet und nachgesehen, ob ein Wachstum 
stattfand. Vergleichende Beobachtungen des Längenwachs- 
tums konnten nicht stattfinden, da die flüssigen Kulturen 
dies nicht zulassen. Die Ergebnisse meiner Versuche seien 
in der folgenden Tabelle (S. 119) zusammengestellt; es be- 
deutet hierin + Wachstum, — kein Wachstum. 

Es war bei diesen Versuchen nicht zu vermeiden, dafs 
kleine Teile des Nährbodens mit auf die bestimmte Flüssig- 
keit gebracht wurden; aufserdem enthalten die Hyphen 



118 



Karl Hoffmann, 



[84] 



genügend Nährstoffe, um sich einige Zeit lebend zu erhalten 
und sogar reichlich neues Myeel zu produzieren. Aus an- 
fänglichem Wachstum kann nicht geschlossen werden, dafs 
sich der Pilz Nährstoffe aus den ihm dargebotenen Lösungen 
herauszieht. Falls im Impffloeken keine Nährstoffe mehr 
geboten werden, gehen mehrere Arten zugrunde. Die 
Mycelien zerfallen dann in kleine, oidienartige Teile. 
Dafs der Nährstoff aus dem Impfflöckehen resp. aus dem 
ihm anhaftenden Nährboden stammt, geht insbesondere aus 
den Kulturen auf destilliertem Wasser hervor. Demnach 
können wir aus den in der Tabelle angeführten Versuchen 
nur den Schlufs ziehen, dafs die Gegenwart von Essigsäure, 
Ameisensäure, Buttersäure, kohlensaurem Ammonium und 
kohlensaurem Kalium dem Wachstum der holzzerstörenden 
Pilze schädlich ist, so dafs diese sofort ihr Wachstum ein- 
stellten. Bei Anwesenheit von Milchsäure in ^j^ prozentiger 
Verdünnung wuchsen alle Mycelien weiter, bei Gegenwart 
von Milchsäure in ^/^ prozentiger Verdünnung nur einige 
iConiopliora cerebella, Polyporus vulgaris, Faxillus acherun- 
tius). Dasselbe Verhalten zeigten die Pilze, wenn ihnen 
1 /2 prozentige Ölsäure geboten wurde. 

Dagegen war die Gegenwart von Bernsteinsäure, Wein- 
säure, Oxalsäure, Ellag- Gerbsäure, Fumarsäure, Apfelsäure, 
Zitronensäure, oxalsaurem Ammonium, chlorsaurem Kalium 
ebenso wenig schädlich wie die von destilliertem Wasser. 
Auf den sauren Medien wurde sogar in derselben Zeit ein 
bedeutend stärkeres Wachstum beobachtet. 

Besonders auffällig ist das Verhalten der Mycelien bei 
Anwesenheit von Milchsäure in und in ^/.j prozentiger 
Verdünnung. Milchsäure in ^2 prozentiger Verdünnung 
hindert bei einigen Mycelien weiteres Wachstum, während 
eine Lösung von prozentiger Milchsäure nichts schadete. 
Auch Gerbsäure ('/2 prozentige) hatte keinen ungünstigen 
Einfiufs. Hieraus können wir den Schlufs ziehen, dafs es 
für den Pilz nicht darauf ankommt, ob ihm eine ein- oder 
mehrbasische Säure geboten wird.-) Milch- und Gerbsäure 

Vgl Möller, Hausschwammforschungen: Hausschwammunter- 
siichungen, S. -11. 

^) Ebenda S. 42. 



Wachstumsverhältnisse einiger holzzerstörenden Pilze. 119 





1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 


rauluorain V saJiiBsnaino'Vi 


1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 




+ + + + + + + + + + + + 


°/oT 

tnninotnmv sajnBSjisxo 


+ + + + + + + + + + + + 




+ + + + + + + + + + + + 




+ + 1 I+ + + +I + 




+ + + + + + + + + + + + 


o/o^/t aanjispjclv 


+ + + + + + + + + + + + 


o/o^/i ajnTJSiBninj 


+ + + + + + + + + + + + 


o/o Vi 8JnBsqj3y-ST!iia 


+ + + + + + + + + + + + 


"/o^/i ajnBSj'Bxo 


+ + + + + + + + + + + + 


o/oT ajnBsuiajji^ 


+ + + + + + + + + + + + 




+ + + + + + + + + + + + 




+ + + + + + + + + + + + 




+ + +I 1 l + l 1 1 1 + 




1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 




1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 


oooooiy^g 9Jni!sS;ssa 


1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 


"«"""/oe 9jiit;sS!SS3 


1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 



120 



Karl Hoffmann, 



[86] 



sind einbasisch und doch hindert ihre Gegenwart bei 
genügender Verdünnung ein Wachstum nicht. IMüller hat 
bei seinen Arbeiten die Keimung der Sporen von MeruUus 
lacrymans auf einprozentiger Milchsäurelösung untersucht 
und keine Keimung finden können. Hiernach beeinflufste 
Milchsäure in der angegebenen Verdünnung die Sporen- 
keimung ungünstig. Nun habe ich allerdings den Pilz iu 
einem anderen Eutwicklungsstadiura beobachtet, und es ist 
darauf hinzuweisen, dafs derselbe Pilz in den einzelnen 
Stadien seines Wachstums sich verschieden verhalten kann 
gegenüber den verschiedenen Kohlenstoffquellen, i) 



VIII. Vergleichung des gebildeten Mj cels bei MeriiUus 
lacrymans, 31eruliiis Silvester, Polyporus vapora- 
riiis, Coniophora cerebella auf flüssigen Nährmedien. 

Es ist eine praktisch wichtige Frage, 2) ob Ilerulius 
lacrymans domesticiis und Merulius Silvester, wie sie von 
Falck unterschieden werden, zwei verschiedene Spezies 
sind, oder ob Silvester eine wilde Rasse des echten Haus- 
schwammes sei. Die Unterscheidung, die mikroskopisch 
nicht erreicht werden kann, hat Falck nach den ver- 
schiedenen biologischen Verhältnissen dieser Pilze versucht 
und dabei insbesondere auf das Längenwachstum als unter- 
scheidende Merkmale hingewiesen. Doch auch die ver- 
schiedenen Temperaturumfänge sind nach seiner Ansicht 3) 
sehr wesentlich für eine bequeme Unterscheidung. Durch 
meine Untersuchungen ist nachgewiesen worden,"*) dafs der 
Temperaturumfang durch genügende Kultur gesteigert werden 
kann. Mez betont, dafs bei genügender Feuchtigkeit Meru- 
lius lacrymans auch bei höheren Temperaturen als 21^ 
wächst.^) Dies habe ich vollkommen bestätigt gefunden 



Vgl. Lafar, Technische Mykologie I, 417. — Duclaux, Ann. 
Pasteur, 1889, III, 189. — Pfeffer, Pflanzenphysiologie II. 
"■) Vgl. Mez, Der Hausschwamm, S. 70 und 71. 
3) Vgl. Falck, S. 109 und 110. 

Vgl. oben S. 60 und 61 [26 und 27]. 

Vgl. Mez, Der Hausschwamm, S. 60 und 61. 



Wachstumsverhältnisse einiger holzzerstörenden Pilze. 121 



und kann diese Beobachtung noch erweitern. Auf flüssigem 
Nährboden (0,5 o/« KNOn. + 0,2 'Vo MgSO^ + 0,2% KH.J'O^) 
erreichte ich bei sechs angesetzten Kulturen durch Gewöh- 
nung in 14 Tagen, dafs Merulnis lacrymans sogar noch bei 
30** wuchs. Das Wachstum wurde 14 Tage lang beobachtet; 
es war allerdings sehr minimal, aber deutlich sichtbar. Im 
Gegensatz hierzu wuchs Mcrulius lacrymans bei gleicher 
Temperatur auf festem Nährboden in derselben Zeit nicht 
nur nicht weiter, sondern starb sogar ab.') Durch die 
Kultur ist also erwiesen worden, dafs 3Ierulius lacrymans 
in seinem Temperaturumfang bedeutend gesteigert werden 
kann, sobald ihm nur seinem Bedürfnis gemäfs dann ge- 
nügend reichliche Feuchtigkeit zu Gebote steht. Hiernach 
kann auch dieser biologische Gesichtspunkt nicht zwingend 
zur Unterscheidung von Merulius lacrymans domesticiis und 
Silvester sein. Da durch diese Ausführungen erwiesen ist, 
dafs Merulius lacrymans sehr anpassungsfähig ist, so wird 
auch das Verhalten seines Mycels gegenüber der Beleuch- 
tung 2) nicht genügen, um hierauf eine Unterscheidung zu 
begründen. Zur definitiven Entscheidung über diese Frage 
wird man erst gelangen können, wenn es durch Kultur auf 
Holz — ihrem natürlichen Standort — gelungen sein wird, 
die beiden Rassen vollkommen ineinander überzuführen. 

Fai.ck hält die Unterscheidung des Merulius lacrymans 
und 3Ierulms Silvester für besonders wichtig in praktischer 
Beziehung, weil nach ihm 3) 3Ierulius domesiicus „in der 
Zeiteinheit auf der Flächeneinheit dem Substrat unter sonst 
gleichen Wachstumsbedingungen eine etwa dreimal so starke 
Nährstotfmenge zu entziehen, dasselbe also dreimal so stark 
zu zerstören vermag, wie die sifoes^er-Form." 

Hierzu möchte ich bemerken, dafs eine derartige Unter- 
scheidungsmethode nach der Ausbildung des Mycels auf 
festem Nährboden durchaus keine objektive ist. Sonst hätte 
unbedingt Coniophora cerebella für den gröfsten Schädling 
erklärt werden müssen. Ich habe nie eine Konstanz darin 



Vgl. oben S. 89 [55]. 
2) Vgl. oben S. 72 [38j. 
5) Vgl. Falck, S. 87 und 89. 



122 



Karl IIoffmann, 



[88] 



finden können, dafs MeruUus lacrymans dreimal soviel 
Mycel bildet wie Merulius Silvester, ja in Eulenmeyer- 
Kolben habe ich unter sonst gleichen Bedingungen mehrfach 
bei Merulius Silvester eine stärkere, resp. ebenso starke 
Ausbildung des Myeels wie bei lacrymans beobachtet. Es 
kommt bei der Bewertung der Mycelien nicht auf die Aus- 
bildung des Luftmycels an, sondern nur darauf, ob der 
Nährboden von der einen oder der anderen Spezies mehr 
angegriffen wird. Und diese Erscheinungen gehen keines- 
falls Hand in Hand, da z. B. Polyporiis vaporariiis den ihm 
gebotenen Nährboden sehr stark angriff und dabei wenig, 
schwaches Luftmycel ausbildete. 

Schon mehr objektiv können wir feststellen, welche 
Spezies der holzzerstörenden Pilze den Nährboden am 
meisten ausnutzt, wenn wir die Mycelien auf flüssigem 
Nährsubstrat kultivieren und dann das gebildete Mycel mit- 
einander vergleichen. Ich stellte als Nährlösung zusammen: 

0,50/0 KNO, 
0,20/0 IlgSO, 
0,20/0 KH^POi. 

Dieser Nährlösung setzte ich abwechselnd hinzu: lo/o 
und 20/0 Glukose, lo/o und 2o/o Mannit, l"/o und 20/0 
Glycerin, V4*/o i^nd '/2% Dextrin. Gröfsere Eklenmeyer- 
Kolben wurden mit je 100 gr dieses flüssigen Mediums 
gefüllt, so dafs in allen Fällen den Pilzmycelien gleichgrofse 
Flächen zu seinem Wachstum zur Verfügung standen. Zum 
Vergleich wurden benutzt Merulius lacrymans, Merulius 
Silvester, Coniophora cerehella und Polyporus vaporariiis. 
Zu jeder Kultur konnte wegen Materialmangels nur je eine 
Vergleichskultur angesetzt werden, so dafs bei den häufig 
vorkommenden Verunreinigungen nur ein Teil der ange- 
setzten Kulturen zum Vergleich benutzt werden konnte. 
Nachdem die Mycelien 18 Tage bei 23 0 ungestört gewachsen 
waren, wurden sie nach dem Augenschein in der Menge 
des gebildeten ^lycels miteinander verglichen. Abwägungen 
konnten wegen des sehr geringen Gewichtes nicht durch- 
geführt werden. Es ergaben sich folgende Resultate: von 
der oberflächlichen Nährschicht hatten bewachsen 



[89] Wachstumsverhältnisse einiger holzzerstörenden Pilze. 123 



Merulius lacrymans 

Nährlösung + l"/o Mannit . 

+ 20/0 Glukose. 
+ Vi"/o Dextrin . 
+ 1/2 "/ü Dextrin . 



+ 
+ 



10/0 Glycerin 
20/0 Glycerin 



20 



17 



/20 
"/20 
'^/20 



20 



;20 



Nährlösung + 
+ 
+ 
+ 
+ 
+ 
+ 
+ 



Merulius Silvester 

l«/o Mannit , 

20/0 Manuit . 

10/0 Glukose. 

2% Glukose. 
1/4 »/o Dextrin . 
1/2 0/0 Dextrin . 

10/0 Glycerin 

20/0 Glycerin 



1V20 

*/20 
/20 
/20 

/20 
'/20 
/2O 
/20 



V, 

'Ii 



V2 
V2 



Coniophora cerehella 
Nährlösung + l"/o Mannit . 

+ 20/0 Mannit . 
+ 1% Glukose. 
+ 2% Glukose. 
+ 1/4% Dextrin . 
+ '/'2V0 Dextrin , 
+ 10/0 Glycerin 
+ 20/0 Glycerin 



19/, 



20/„ 

1% 



,0/ 

H 



20 
20 
/20 
20 
20 
20 
20 



2/, 



20 



Polyporus vaporarius 
Nährlösung + lo/o Glukose 
+ 2% Glukose 
+ 1/4% Dextrin . 
+ i;2Vo Dextrin . 
+ 1% Glycerin 



720 
'/20 
/20 
20 

50 



Coniophora cerehella durchwucherte die ganze Nährlösung. 
Die angegebenen Zahlen bedeuten nur das oberflächliche 
Wachstum. 



124 



Karl Hoffmann, 



[90J 



Aus den angegebenen Resultaten kann man keine be- 
stimmten Schlüsse auf die Schädigungen von diesen holz- 
zerstörenden Pilzen machen. Das Mycel des Merulius 
lacrymans war im allgemeinen etwas stärker ausgebildet 
als das von Merulius Silvester. Im einzelnen sind die Ver- 
hältnisse im Mengenwachstum dieser beiden Pilze sehr un- 
bestimmt; auf manchen Kulturen war Merulius Silvester 
stärker gewachsen, auf anderen Merulius lacrymans. 

Polyporus raporarius wuchs allgemein schwächer als 
Merulius, so dafs ihm hiernach geringere Schädigungen 
nachgesagt werden könnten. 

Coniophora cerehella bildete stets schwaches oberfläch- 
liches Mycel; aber seine Ilyphen durchwucherten die ganze 
Nährlösung, so dafs er mehr Mycel aufgebaut hatte als 
Merulius. 

Jedenfalls konnte ich nicht — im Gegensatz zu Falck ') — 
konstatieren, das Merulius lacrymans dreimal so stark den 
Nährboden zerstört als Merulius Silvester. Die Ausbildung 
des Myeels war nur in geringem Mafse schwächer bei 
Merulius Silvester. 

Ein Punkt ist noch zu beachten. Die Kulturen wurden 
bei 23,0 gehalten; das Längenwachstum und somit auch 
das Mengenwachstum ist bei dieser Temperatur etwas ver- 
schieden bei Merulius larcymans und Merulius Silvester. 
Demnach können bei solchen Vergleichen nie ganz bestimmte 
Resultate erhalten werden, zumal die Kultur für solche 
Bestimmungen nur auf künstlichem Substrat vorgenommen 
werden können. Dafs hierbei die gezogenen Schlüsse ver- 
schieden sind, zeigen insbesondere die Abweichungen meiner 
Beobachtungen von denen Falcks. Es ist unbedingt nötig, 
die Methode der Kultur dieser Pilze auf ihrem natür- 
lichen Standort, dem Holz, weiter auszubauen, um auf 
diesem Wege zu guten und einwandfreien Resultaten zu 
gelangen. 



1) Vgl. Falck, S. 87 und 89. 



Wachstumsverhältnisse einiger holzzerstörenden Pilze. 125 



IX. Versuche über Wasserbiltluiig einiger 
liolzzerstörenden Pilze. 

Es wird allgemein angenommen, dafs der Haus- 
schwamm sehr wohl imstande ist, sich aus trockenem 
Material selbst Wasser zu bilden, dafs er also imstande ist, 
auch unter sehr ungünstigen Verhältnissen, sieh genügend 
mit Wasser zu versorgen. Mez^) hat dies für Merulkis 
lacrymans mit einem besonders schlagenden und beweis- 
kräftigen Experiment nachgewiesen. Die Versuchsanorduung, 
die Mez an dieser Stelle angibt, habe auch ich benutzt, um 
zu untersuchen, wieweit holzzerstörende Pilze sich Wasser 
zu bilden vermögen. Um die Luft absolut trocken durch 
die Kulturen mit der Wasserstrahlpumpe zu ziehen, schaltete 
ich vor den grofsen Chlorkalciumröhren Schwefelsäuregefäfse 
ein. Die kleinen Chlorkalciumröhren hinter den Kulturen 
wurden ersetzt, sobald die von ihnen angezogene Wasser- 
menge den Luftdurchtritt behinderte, und stets vor dem 
Einschalten und nach dem Ausschalten abgewogen. Der 
Versuch lief vom 27. Mai bis 28. Juni. Da ich den einzelnen 
Kulturgefäfsen gröfsere Wassermengen hinzugesetzt hatte, 
so sind die von mir erhaltenen Resultate nicht so auffällig: 
der Pilz war noch nicht in die Notwendigkeit versetzt, die 
Holzstofte energisch in Wasser umzusetzen. Die Versuche 
waren in ihrer Anordnung und Ausführung vollkommen iden- 
tisch mit der von Mez, 3) so dafs ich mir ersparen kann, alle 
Wägungen hier anzugeben. Das Trockengewicht nach dem 
Versuch wurde in der bei Mez angegebenen Weise ermittelt, 
nur dafs meine feuchter gehaltenen Kulturen auch dem- 
entsprechend länger bei 105" getrocknet werden mufsten. 
Ein Kontrollversuch — die Sägespäne wurden in diesem 
Falle nicht mit einem Mycelflöckchen geimpft — ergab, 
dafs nach dem vierwöchigen Versuch 0,16 gr Holz und 
0,25 gr Wasser weniger nachgewiesen werden konnten. 
Diese geringe Menge an Materialverlust besagt, dafs die 



1) Vgl. Czapek, Biochemie der Pflanzen 1.293. — Mez. Der 
Hausschwamm, S. 190 und 191. 

''') Vgl. Mez, Der Hausschwamm, S. 192 und 193. 
3) Ebenda S. 191. 



126 



Karl IIoffmann, 



[92] 



Versuehsanordnung und die AusfübruDg in vollkommen 
genügender Genauigkeit durchgeführt wurde. 

Es ist ferner zu bemerken, dafs zwei Kulturen von 
MeruUus lacrymans verhältnismäfsig sehr schlecht wuchsen, 
so dafs auch hieraus hervorgebt, dafs die individuellen 
Abweichungen sehr grofse sein können. 

Die erhaltenen Resultate sind nun folgende: 



MeruUus lacrymans. 

A. Holz veratmet .... 5,17 gr 
Wasser gebildet .... 5,G4 gr 

B. Holz veratmet .... 1,40 gr 
Wasser gebildet .... 1,95 gr 

MeruUus Silvester. 

A. Holz veratmet .... 4,26 gr 
Wasser gebildet .... 5,32 gr 

B. Holz veratmet .... 2,41 gr 
Wasser gebildet .... 3,18 gr 

MeruUus favosus. 

A. Holz veratmet . . . . 1,13 gr 
Wasser gebildet .... 1,21 gr 

B. Holz veratmet , . . . 1,63 gr 
Wasser gebildet . . . . 1,94 gr 

Coniopliora cerebella. 

A. Holz veratmet .... 7,64 gr 

Wasser gebildet .... 9,21 gr 



Diese nach der angegebenen Versuchsanordnung ge- 
fundenen Resultate stimmen nicht überein mit den nach 
der bisher angenommenen Veratmungsforrael für die Cellu- 
lose berechneten Werten. Falls wir annehmen, dafs nur 
die Cellulose von dem Pilz zu Wasser veratmet wird, 2) 
nach der Formel: 



») Vgl. oben S. 42 [8]. 

2) Vgl. Mez, Der Hausschwamm, S. 191, uud die dort angegebene 
Literatur. 

« 



Wachsttinisverhältnisse einiger holzzerstörenden Pilze. 127 



C^HnO., + 13 0 = 6 //2O + 6 CO^ 

so würde sich im VerliiUtnia zu dem durch Wilgung er- 
mittelten Holzverlust eine bedeutend g-ering;ere Wassermenge 
gebildet haben. Diese würde sieh entsprechend dem statt- 
gehabten Holzverbrauch stellen auf:') 

für Merulius lacrynians . . . . A = 3,41 gr 

B = 0,92 gr 

Merulius Silvester A = 2,81 gr 

B = 1,59 gr 

Merulius favosus A = 0,74 gr 

B = 1,07 gr 

Coniophora cerehella . . . A = 3,48 gr 



Die empirisch gefundenen Wassermengen sind bedeutend 
gröfser, sogar gröfser als die verbrauchten llolzquantitäten. 
Es bleibt demnach nur der Schlufs übrig, dafs der Pilz 
nicht nur die Cellulose veratmet, sondern wir müssen auch 
annehmen, 2) dafs auch fette ( )le und andere sehr sauerstoff- 
arme plastische Substanzen lebhaft an der Wasserbildung 
beteiligt waren. Hierauf weist auch der Umstand, dafs 
Hausschwammkulturen auf reiner Cellulose sehr schlecht 
gedeihen. 3) 

Aus diesen hier mitgeteilten Ergebnissen meiner Ver- 
suche geht hervor, dafs auch andere holzzerstörende Pilze 
vermögen, aus den Substanzen des Holzes Wasser zu 
bilden. Fernerhin weise ich darauf hin, dafs Merulius 
Silvester in der gleichen Weise Wasser gebildet hat wie 
Merulius lacrymans, dafs also er zum mindesten nur in 
sehr geringem Mafse dem Merulius lacrimans an Zer- 
störungskraft nachsteht. Auch Coniophora cerehella hatte 
die Holzsägespäne stark angegriffen. 



1) Vgl. Moormann, Zentralblatt der Bauverwaltung XXIX (1909), 
Nr. 7, S. 55. 

Vgl. Mez, Neue Reichsgerichts -Entscheidungen in der Haus- 
schwamm -Frage, S. 21. 

^) Vgl. Mez, Der Hausschwamm, S. 193. 



128 K. Hoffmann, Wachstumsverhältnisse holzzerstör. Pilze. [94] 



X. ZusammenfassuDg der Ergebnisse. 

1. Das Läugenwacbstum der bolzzerstörenden Pilze ist 
kein konstantes; durch Gewöhnung au einen bestimmten 
Nährboden kann es bedeutend gesteigert werden. 

2. Der Temperaturumfang der bolzzerstörenden Pilze ist 
kein konstanter; durch Kultur kann er variiert werden. 

3. Auf flüssigem Medium verträgt Merulius lacrymans 
höhere Temperaturen als auf festem, weniger feuchtem 
Nährboden. 

4. In der Dunkelheit wachsen die Mycelien besser und 
stärker als wenn sie der Tagesbelichtuug ausgesetzt werden. 

5. Blaues Lieht hindert im Verhältnis zu rotem Licht 
das Wachstum der holzzerstörenden Pilze. 

6. Kein ausgesprochen Flächenmycel bildender Pilz kann, 
soweit solche untersucht wurden, den Sauerstoff entbehren; 
die Pilze sind vielmehr oxygenotrop. 

7. Die kubisch wachsenden Pilze vermögen den Sauer- 
stoff der Luft zu entbehren, da sie intramolekular atmen 
können. 

8. Die Wellenbildung des Mycels bei Polyporus de- 
structor und Polyporus vaporarius erfolgt infolge des Be- 
lichtungsreizes. 

9. Merulius lacrymans und Merulius Silvester sind bio- 
logisch verschieden (Temperaturumfang, Wachstumsverhält- 
nisse im Dunkeln und bei Beleuchtung). Doch ist Merulius 
lacrymans sehr anpassungsfähig, so dafs es sehr wahr- 
scheinlich ist, dafs Merulius Silvester nur eine „wilde Form" 
des Merulius lacrymans ist. 

10. Die Ausbildung des Mycels auf künstlichem Nähr- 
boden kann nicht mafsgebeud sein für die Beurteilung der 
Schädigungen des Holzes durch die Pilze. 

11. 3Ierulttts Silvester veratmet in derselben Zeit eben- 
soviel Holz zu Wasser wie Merulius lacrymans. 



Th. Beling, 

Beiträge zur Flora des nordwestlichen Harzes 

Heraiisgegeben von 
K. Wein, Helbra 



Die gröfsten Verdienste um die Durchforschung der 
Flora des nordwestlichen Harzes hat sich zweifellos der am 
17. Dezember 1898 verstorbene Forstmeister Th. Beling in 
Seesen erworben. In einer Reihe von Aufsätzen in der 
„Deutschen Botanischen Monatsschrift" (Jahrgang 1884 big 
1891) hat er die Resultate seiner Forschungen niedergelegt. 
Was er bis zum Jahre 1894 noch an bemerkenswerteren 
Funden machte, ist von W. Bertram in die 4. Auflage 
seiner „Flora von Braunschweig" aufgenommen. Die von 
Beling nach 1894 erzielten Ergebnisse seiner floristischen 
Studien sind bisher unpubliziert geblieben. Sie sind in 
seinem, dem Herzoglichen naturhistorischen Museum in 
Braunsehweig gehörigen Manuskripte „Fundorte der sel- 
teneren Pflanzen der Flora von Braunschweig" genau ver- 
zeichnet. Sie enthalten eine Reihe interessanter Beiträge 
zur Flora des Harzes und verdienen darum mit Recht, noch 
heute veröffentlicht zu werden. 

Für die freundliche Uberlasssung des Beling sehen 
Manuskriptes spreche ich Herrn Geheimen Hofrat Professor 
Dr. W. Blasius auch an dieser Stelle meinen herzlichsten 
Dank aus. 



Zoitschr. f. NaturwisB. Halle a. S. Bd. 82. 1910. 



130 



K. Wkin, 



[2] 



Viola Biviniana Rebb. Inneistetbal bäufig. 

Ononis spinosa L. Mit weifser Blüte, zwei Btiscbe am Sol- 
bope bei Seesen. 

Bosa mollis Sm. ') Seesen, Herrbausen, unterhalb Lautentbai 
im alten Grauwackenbrucbe. 

Rosa rubiginosa L. Auf Kalkboden bei Seesen und Herr- 
hausen. 

Bosa sepium Thuill. Seesen am Steinbrinke auf Zecbstein, 
früher schon bei Gandersheim auf Muschelkalk. 

Bosa graveolens Gren. Seesen besonders auf Kalkboden, 
häufiger als die beiden vorhergehenden. 

Heracleum Sphondylium L. var. sihiricum L. Bornhausen, 
Bilderlahe. 

Bidens tripartitus L. var. puniilus Rth. Am Fufse des 
Hodagswinkels bei Seesen. 

Bidens cernuus L. var. Corcopsis Bidens L. Osterode süd- 
östlich am Waldsaurae. 

Filago germanica L. forma lutescens Jordan. Seesen am 
Solhope, Bilderlahe. 

Centaurea Jacea L. forma hicolor. Wiese neben der Chaussee 
Seesen ^ — Neuekrug bei der sogenannten schiefen Brücke 
der Staatseisenbahn, 1 Busch. 

Thrinica hirta Roth. Auf einer Weidewiese am Forstorte 
Büchenberg zwischen Bornhausen und Neuekrug. 

Ilieracium collinum Gochnat. Heber am Fufswege von 
Mechtshausen nach dem Ileberkruge. 

Hieraciim magyaricum Näg. & Peter. Am Wiesenrande 
neben dem Fahrwege von Mechtshausen nach Rolfs- 
hagen. 



1) Zweifellos handelt es sich bei dieser Rose nicht um die echte 
Rosa mollis Sm., sondern um eine Form von R. omissa Desegl. — Der 
Herausgeber. 



Th. Beling, Beiträge zur Flora des nordwestlichen Harzes. 131 



Hieracium murorum L. var. ovale G. F. W. Meyer. Osterode 
an den Gypsbergen, Innerstetbai unterhalb Lautenthal 
im alten Grauwackenbruehe. 

Pulmonaria ohscura Dumort. Seesen, Bornhausen, Heber usw. 

Mentha sativa L. Seesen, Bilderlahe und Mechtshausen au 
der Nette. 

Mentha gentilis L. var. origanifolia Host.i) Wiesenbach 
zwischen dem Forstorte Schweinsrücken und der Eisen- 
bahn Seesen — Neuekrug. 

Mentha gentilis L. var. acutifolia Koch (71/. acutifolia Rabenh.) 
mit der vorstehend aufgeführten. 

Mentha acutifolia Sm. (Reichenb. Fl. germ. exe, 1830 — 1832, 
S. 307, No. 2078). Grenzgraben zwischen Bornhäuser 
und Mechtshäuser Feldmark innerhalb der Wiesen. 

Mentha aquatica L. var. glabrata Koch. Wie vorstehend, 
auch Pferdeteich bei Osterode. 

Antirrhinnm Orontium L. Bornhausen nach der Seesener 
Ölmühle hin, mir daselbst schon lange bekannt, im 
Jahre 1894 reichlich in schönen Exemplaren. 

Alectorolophus minor Wimm. Sc Grab. var. angustifolius Koch 
und var. fallax Wimm. & Grab. Seesen auf feuchten 
Wiesenstellen am Nordabhange des Bnlks, auch zwischen 
Forstort Mittlere Steinbühl und Steinbrink und am Forst- 
orte Hintere Grafecke. 

Alectorolophus major var. angustifolius Fr. Feuchte Wiesen- 
stellen vor dem Forstorte Hintere Grafecke bei Seesen. 

Alectorolophus atigustifolius Heynh. suchte ich bei Seesen 
hinterm Bulke, wo die Pflanze nach Dr. Schäfer in 
Seesen vorkommen sollte, vergeblich. Der Ebengenannte 



Die Zuteilung von Mentha onganifolia Host, Fl. Austriaca H, 
S. 142, zu M. gentilis ist irrtümlich; M. origanifolia gehört zum Formen- 
kreise der M. verticillata L. — Der Herausgeber. 

9* 



ß. WeIn, 



[4] 



hat auf mein Befragen erklärt, dafs er seinen Fund für 
AlectorolopJms major var. angustifolius angesehen und 
im Augenblicke vergessen gehabt habe, dafs A. angusti- 
folius Gmel. an den Gypsbergen des Südharzes vor- 
komme. Bei der erheblich späteren Blütezeit der letzt- 
beregten Spezies erscheint deren Vorkommen auch sehr 
zweifelhaft, i) 

Euphrasia Odontites L. var. serotina Lam. Auf berasten 
Wegen bei Seesen. 

Lysimachia vulgaris L. form, verticillata. Seesen, Born- 
hausen usw. 

Epipadis latifolia All. var. violacea Dur. Forstort Lauseberg 
bei Seesen. 

Juncus Leersii Marsson. Verbreitet in der Umgegend von 
Seesen und Bornhausen, auch am Heber oberhalb der 
Sehlackenmühle. 

Carex HornschucJiiana x flava (C. fulva Hoppe). Sumpfstelle 
im Hebersaame oberhalb Mechtshausen. 

Setaria ambigua Guss. Bornhausen, unter Linsen. 

Agrostis alba L. var. stolonifera E. Meyer. Schlackenstelle 
am Nordfufse des Sehildberges unweit Bornhausen. 

Festuca bromoides Sm. Auch bei Bilderlahe nach Born- 
hausen hin. 

Festuca ovina L. var. glauca Schrad. An den Gypsbergen 
des Westharzes von Oberhütte bis Osterode häufig. 

Festuca ovina L. var. valesiaca Schleich. Bei Seesen, Born- 
hausen usw. häufig. 



*) Die Pflanze von Seesen, auch noch in der floristisch wertlosen 
5. Auf läge von W. Bertram, Flora von Braunschweig S. 301 ange- 
geben, gehört auf keinen Fall zu A. angustifolius, aber ebensowenig 
die seit Wallroth dafür gehaltene Pflanze des Siidharzes, dieA.mon- 
tanus Fritsch darstellt (vgl. J. v. Sterneck, Monogr. Alectorolophus 
in Abh. Zool-Bot. Gesellschaft 1,2 [1901] 75). 



[5] Tu. Bkling, Beiträge zur Flora des nordwestlichen Harzes. 133 

Lolium perenne L. var. purptiratum mihi. Bei Seesen und 
Börnhausen an Ackerraineu, auf trockenen Wiesen usw.; 
in dem sehr sonnigen Jahre 1894 häufig. 

Equisetum arvense L. var. decumhens G. Meyer. Seesen, 
Herrhausen usw. 

Equisetum limosum L. var. poli/stachyum Willd. Nordfuls 
des Bulks bei Seesen in Wiesengräben. 

Equisetum palustre L. var. polystachyum Willd. Zwischen 
Bilderlahe und dem Bornhausen — Mechtshausener Kom- 
munikationswege neben der Nette. 

Aspidium filix mas L. var. remotum A. Br. Seesen. 

Pteris aquilina L. var. lanuginosa Hook. Forstort Vordere 
Eiehenrodt bei Seesen. 



Ihnen reihen sich noch einige andere Fundortsangaben 
an, für die Belings Herbar die Belege enthält: 

Cerastium glomeratum Thuill. Lutter a. Bg., Bilderlahe. 

XJlex europaeus L. Innerste zwischen Ringelheim und Oth- 
fresen. 

Änthriscus cerefolium Hoffra. Seesen, 
Solanum miniatum Beruh. Staufenburg. 
Euphrasia Odontites L. var. fl. albo. Bilderlabe. 
Rumex aquaticus L. Klausthal. 
Polygonum minus Huds. Gittelde. 
Ulmus montana With. Gittelde. 
Epipactis micropJiylla Sw. Herrhausen. 
Juncus effusus X glaucus. Mechtshausen. 



134 K. Wkin, Tu. Beling, Beitr. z Flora d. nordwestl. Harzes. [6j 

Heleocharis uniglumis Schult. Seesen. 
Heleocharis acicularis R. Br. Seesen. 

Poa trivialis L. var. purpurata Beling in sched.^) Seesen. 

') var. purpurata Beling = ß striata DüU Fl. Bad. [1857] 180 = 
ß rubescens Reuter Cat. pl. Geneve ed. 2 [1861] 239. — Der Heraus- 
geber. 



Litteratur über die triadische Pflanzengattiing 
Pleuromeia 

Zusammengestellt von 
Erwin Schulze 



1839. G. Graf zu Münster, Beiträge zur Petrefacten- 
Kunde. 1. Heft. Bayreuth. 4". [Sigillaria Sternhergü, 
p. 47, t. 3 f. 10.] 

1842. G. Graf zu Münster, Beiträge zur Petrefacten- 
Kunde. 1. Heft. 2. Auflage. Bayreuth. 40. [Sigillaria 
Sternhergü, p. 67, t. 3 f lO.J 

1850. Unger, F., Genera et species plantarum fossi- 
lium. Vindohonae. 8". [Sigillaria Sternbergi, p. 250.] 

1850. Beyriclt, Sigillaria Sternbergii. (Z. D. G. G. v. 2 
p. 174—175.) 

1852. Giebel, Trematosaurus , Mastodonsaurus und 
Sigillaria von Bernburg in der Halleschen Sammlung. (N. 
Jahrb. f Min. 1852, p. 601.) 

1852. Germar, E. F., Sigillaria Sternbergi, Münster, aus 
dem bunten Sandstein. (Z. D. G. G. v. 4 p. 183— 189, t. 8.) 

1852. Göppert, H. R., Flora fossilis formationis trans- 
itionis. (Nova Acta Ae. Leop. v. 22, suppl.) Breslau. 4". [Sage- 
naria Bischoffii Göpp., p. 187; Sigillaria Sternbergi, p. 250.] 

1852. Roemer, F. A., Beiträge zur geologischen Kennt- 
niss des nordwestlichen Harzgebirges. [2. Abt.] (Palaeonto- 
graphica. Cassel. 4». 3. Bd., 2. Lief., p. 69— III, 1. 11— 15.) 
[Sagenaria Bischofii Goeppert 'im Plattenbruche bei Mägde- 
sprung gefunden', p. 96, t. 14 f. 7.] Cf. 1885 E. Weiss, Zur 
Flora der ältesten Schichten des Harzes (Jahrb. der Preufs. 
Geol. Landesanstalt für 1884, v. 5, p. 148—180, t. 5. 6. 7) 
p. 152. I 1901 Potonie, ] 1904 Potonie n. 38, p. 12—13. 



136 



Erwin Schulze, 



[2] 



1853 Bischof, Zeichnungen einiger Sigülarien aus 
dem bunten Sandsteine Bernburgs. (Zs. f. Naturw., v. 1, 
p. 257, t. 8.) 

1853. Giebel, Über Sigillaria Sternbergi Mnst. (Pleuro- 
meya Corda). (Zs. f. Naturw., v. 2 p. 34.) 

1853. Spieker, Tb., Zur Sigillaria Sternbergi Mimst, 
des bunten Saudsteins bei ßernburg. (Zs. f. Naturw., v. 2, 
p. 1—6, t. 1. 2.) 

1854. Spieker, Th., Pleuromoia, eine neue fossile 
Pflanzengattung und ihre Arten, gebildet aus der Sigillaria 
Sternbergi Münst. des bunten Sandsteins zu Bernburg. (Zs. 
f. Naturw., v. 3, p. 177—191, t. 5.6.7.) [1. P. Germari, 
p. 189, t. 5 f. 1; 2. P. Sternbergi, p. 189, t. 5 f. 2 ; 3. P. costata, 
p. 190, t. 6 f. 3. 4, t. 7 f. 5; 4. P. plana, p. 190, t. 7 f. 6.] 

1855. Bischof II., Beitrag zur Kenntniss der Pleuro- 
moia, Corda, aus den oberen Schichten des bunten Sand- 
steins zu Bernburg. Mägdesprung 1855. [Quedlinburg, ge- 
druckt bei G. Basse.] 4». (4 p.: Titel u. 2 p. Text; 1 t.) 
Ref.: 1855 Zs. f. Naturw., v. 5 p. 406. 

1856. Zinkeu sen.. Blick auf die geognostischen Ver- 
hältnisse der Umgegend von Bernburg, besonders die Ver- 
steinerungen im bunten Sandstein betreifend. (Zs. f Naturw., 
V. 8 p. 344-346.) 

1859. Jasche, Uber Pflanzen- und Saurier-Reste im 
Bunten Sandsteine von Nienburg a. S. (Berichte des Naturw. 
Vereins des Harzes für die Jahre 1857 u. 1858. Wernige- 
rode 1859. 40. p. 16—17.) 

1859. Stiehler, W., Zu Pleuromeia Corda. (Zs. f. 
Naturw., v. 14 p. 190—195.) 

1860. Göppert, H. R., Über die fossile Flora der 
Silurischen, Devonischen und Unteren Kohlenformation oder 
des sogenannten Übergangsgebirges. Mit 12 Tafeln. (Nova 
Acta Ac. Leop., v. 19, p. 427—606.) Jena 1860. 4». [Sage- 
naria Bischoffii, 'Jüngste Grauwacke in Lonau bei Herz- 
berg', p. 526.] 

1861. Quenstedt, Epochen der Natur. Tübingen. S". 
[Sigillaria Sternbergii, p. 472 — 473.]. 

1861. Stiehler, W., Über Pflanzenreste in den Braun- 
kohlensandsteinen von Nachterstedt. (Berichte des Naturw. 



[3] Litteratur über die t^adische Pflanzengattung Piewromcia. 137 



Vereins des Harzes zu Blankenburg für die Jahre 1859 — 
1860. Wernigerode 1861. 4». p. 49—51.) [Handelt von 
p. 49 col. 2 ab von Plearomoia aus dem bunten Sandstein 
zu Bernburg und Umgegend.] 

1866. Geinitz, Über die Schreibweise von Pleuromega. 
(SB. Isis Dresden. Jg. 1866, p. 22.) 

1869. Geinitz, Vorlage von Fleuromeja Sternhergi aus 
dem Buntsandstein von Bernburg. (SB. Isis Dresden. Jg. 
1869, p. 187.) 

1878. Jannasch, Stamm einer Fleuromoia aus dem 
bunten Sandstein, bei Ausschachtung eines Fundamentes in 
Bernburg gefunden. (Zs. i. Naturw., v. 51 p. 384.) 

1879. Eeistmaiitel, 0., Palaeozoische und mesozoische 
Flora des östlichen Australien. (Palaeontographica, Supple- 
ment III. Cassel. 40.) [Äwom'a- Stadium (?) von Lejy'ulo- 
dendron Veltheimianum (?), p. 1 52, t. 5 (23) f. 2. 3.] 

1886. Blanckenhorn, M., Die fossile Flora des Bunt- 
sandsteins und des Muschelkalks der Umgegen'd von 
Gommern. (Palaeontographica. Stuttgart. 4**. 32. Bd., 
4. Lief., p. 117 — 154, 1. 15 — 22.) [Sigillaria oculina, p. 132 — 
133, t. 20 f. 9; ? Thamnopteris vogesiaca, p. 132, t. 20 f. 8.] 

1886. Weiss, E., Über eine Buntsandstein -*Si^iZ?ana 
\S. oculina] und deren nächste Verwandte [S. biangida aus 
den unteren Ottweiler Schichten]. (Jahrbuch der Preufs. 
Geol. Landesanstalt für 1885, v. 6, p. 356—361. Mit 2 Vig.) 

1888. Schenk, A., Die fossilen Pflanzenreste. Breslau. 
8». (Schenk's Handbuch der Botanik. 4. Bd., p. 1—284.) 
[Sigillaria oculina, p. 79 ; Pleuromoya, p. 80.] 

1896. Potonie, H., Die fioristische Gliederung des 
deutschen Carbon und Perm. Berlin. 8". (Abh. d. Pr. G. 
L.-A., N. F., H. 21.) [Sigillaria ocidina, p. 41 f. 41.] 

1898. Potonie, H., Lehrbuch der Pflanzenpalaeonto- 
logie. Berlin. 80. 3. Lieferung. [Stigmarien: 3. Fleuromeia, 
p. 216—218 (p. 217 f. 208 AB); Sigillaria oculina, p. 256 
f. 246, p. 257.] 

1898. Potonie, H., Die Pflanzenpalaeontologie im 
Dienste des Bergbaues. (Zeitschrift für praktische Geologie. 
Jg. 1898, p. 238—248, f. 59—93.) [Sigillaria oculina, 
p. 248 f 92.] 



138 E. Schulze, Litterat. üb. d. triad. Pflanzengatt. Pleuromeia. [4] 



1899. H. Graf zu Solms -Laubach, Über das Genus 
Pleuromeia. (Botanische Zeitung. Leipzig. 4». Jg. 57. 
[1899. Heft 12.) p. 227—243, t. 8. Mit 2 Holzschnitten 
p. 234.) Ref.: 1904 Neues Jahrbuch für Mineralogie, v. 1, 
Ref., p. 319 (Sterzel). 

1901. Potoni^, H., Pleuromoiaceae. (Engler's Natür- 
liche Pflanzenfamilien. Leipzig. 8". 1. Teil, 4. Abt., 
p. 754— 75Ö, f. 453. 454.) [F. Sternbergn, p. 755; P. oculina, 
p. 756.] 

1901. Potoiiie, H., Die Silur- und die Culm-Flora des 
Harzes und des Magdeburgischen. (Abhandlungen der 
Preufs. Geol. Landesanstalt, N. F., Heft 36.) Berlin. 8». 

\Sagenaria Bischofli, p. 61 — 62.153; Sigillaria Sternbergn, 
p. 75.] 

1903. Fliehe, Lycopodinees du Trias en Lorraine. 
(C R. de TAc. des Sc. Paris. 1903, apr. 6. p. 907.) 

1904. Potonie, H., Abbildungen und Beschreibungen 
fossiler Pflanzen-Reste der palaeozoischen und mesozoischen 
Formationen. Lieferung H. (n. 21 — 40.) Herausgegeben 
von der Königl. Preufs. Geol. Landesanstalt. Berlin. 8". 
[38. P. Sternbergi (15 p., 8 f.); 39. P. oculina (2 p.).] 

1907. Wüst, E., Die Fossilienführung des Mittleren 
Bantsandsteins der Mansfelder Mulde. (Zs. f. Naturw., v. 79, 
p. 109 — 126.) [Fleuromeia Sternbergii (mit Sporen), p. 118. 
120. 121. 124. 125. 126.] 

1907.. Fitting, J., Sporen im Buutsandstein — die 
Makrosporen von Pleuromeia ? (Berichte der Deutsch. Bot. 
Ges. Jg. 1907. Bd. 25, H. 8, p. 434 — 442.) Ref.: 1908 Zs. 
f. Naturw., v. 80, p. 299 — 300 (E. Wüst). 1909 N.Jahrbuch 
für Mineralogie, v. 1, Ref., p. 461—462 (H. Salfeld). 

1909. 0. V. Liustow, Die geologische Literatur des 
Herzogtums Anhalt mit Ausnahme des Harzanteils, (Geo- 
logische Literatur Deutschlands. B. Literatur über einzelne 
Gebiete. Herausgegeben von den Deutschen Geologischen 
Landesanstalten.) Berlin. 8". 33 p. [V. Buntsandstein, 
c. Pflanzen, p. 16 — 18, n. 26—48.] 



Kleinere Mitteilungen. 



Gesteine und Minerale des Radautales. 

Im Nordwesten des Harzes liegt das durch seine petro- 
graphische und mineralogisclie Mannigfaltigkeit weit und breit 
berühmte Harzburger Gabbrogebiet. Durch die fleifsigen und 
erfolgreichen Arbeiten von Streng, Lossen, Koch und Erd- 
MANNSDÖRFFER ist die tcktouische und petrographische Kennt- 
nis unseres Gebietes am meisten gefördert worden, während 
besonders Ulrich, Streng, G. vom Rath und Luedecke 
vortreffliche lithologische Arbeiten darüber geliefert haben. 
Im Auftrage der preufsisehen geologischen Landesanstalt 
haben Koch und Erdmannsdürffer das Gebiet neuer- 
dings in mustergültiger Weise geologisch bearbeitet, und 
als Frucht dieser Tätigkeit ist vor kurzem das Kartenblatt 
Harzburg erschienen. Ein Blick darauf zeigt, welche mühe- 
volle Arbeit dies Blatt verursacht hat, und mit welchem 
Wechsel in Bezug auf die Gesteinsbildungen hier gerechnet 
werden mufs. Durch die Untersuchungen Jasches und später 
Lossens wurde es evident, dafs der Gabbrokomplex zum 
Eruptionszentrum des Brockenmassivs gehöre, zu welchem 
bekanntlich auch der Ilsensteingranit und der Okergranit 
gerechnet wird, so dafs also alle diese Massive als eine geo- 
logische Einheit aufzufassen sind, aus einem Herde stammen, 
und der Gabbro, als scheinbarer Fremdkörper im einstigen 
sauren Granitmagma, nur eine basische Schliere darin dar- 
stellt. Diese Auffassung wird allgemein als richtig anerkannt. 
Der Harzburger Gabbro umfafst in erster Linie zahlreiche 
Gesteine aus der Gabbro -Noritfamilie, denen sich solche aus 
der Pyroxenit-Peridotitfamilie anreihen. Durch Übergänge 



140 



Kleinere Mitteilungen. 



zum Diorit sind alle jene Gesteine mit den dioritisclien Teilen 
des Biockenmassivs verbunden. 

Neben den Gabbrogesteinen im weiteren Sinne kommen 
für unser Gebiet uocb andere eruptive und auch sedimentäre 
Gesteine in Betracht, die an den Granit und an den Gabbro 
angrenzen, zum Teil aber auch im Gabbro eingeschlossen 
sind. Als das glutflüssige Granit- und Gabbromagma auf- 
gepresst wurde, erlitten die bereits vorhandenen Eruptiv- 
gesteine, Diabas usw. ebenso wie die Sedimente an ihren 
Kontaktzonen eine hochgradige Umwandlung; sie wurden 
fester und stärker, krystallisierten um, bzw. wurden erst 
krystallinisch, und nahmen durch dem Magma entströmende 
heifse Dämpfe und Lösungen neue Minerale in sich auf. 
Man bezeichnet dies Phänomen als Kontaktmetamorphose 
und die dabei entstehenden Minerale als Kontaktminerale. 
So sind die in unserem Gebiet vorkommenden Orthophyre 
und Diabase stark verändert, und kulmische, vielleicht auch 
silurische Sedimente in sogenannten Eckergneifs umgewandelt 
worden. Die vom Gabbromagma eingeschlossenen Gesteins- 
brocken, z. B. Orthophyr, Diabas, Kahlebergsandstein, Kulm- 
schiefer, Kulmgrauwacke und Kalke sind naturgemäfs am 
stärksten raetamorphosiert, und deshalb ist ihre ursprüng- 
liche Natur oft garnicht mehr wiederzuerkennen. 

Von solchen Einschlüssen kommen für die mineralogische 
Forschung ganz besonders die umgewandelten devonischen 
Kalke in Betracht. Während der Eckergneifs an Kontakt- 
mineralen besonders Granat, Cordierit, Turmalin und Andalusit 
enthält, finden wir in den zu Marmor umgewandelten Kalken 
besonders Wollastonit, Granat, Augit, Titanit, gelegentlich 
auch Axinit. 

Das Gabbromassiv wird nun vielfach durchsetzt von 
Granitgängen, die sich bisweilen durch einen Augit- oder 
Granatgehalt auszeichnen, oft auch schriftgranitartig ausge- 
bildet sind. Durch den Umstand, dafs der Schriftgranit 
ganz aufserordentlich grobkörnig wird, treten seine einzelnen 
Gemengteile klar zu Tage, und so sehen wir in ihm schon 
mit unbewaffnetem Auge die seltensten Silikate, z. B. Orthit 
und Gadolinit, die sich im feinkörnigen Gestein den Blicken 
des Mikroskopikers meist entziehen. 



Kleinere MitteiluDgen. 



141 



Die Reihe der in unserem Gebiet vorkommenden Minerale 
wird nun dadurch noch ganz erheblich vergröfsert, dafs 
besonders die Gabbrogesteiue bei ihren Zersetzungsvorgängen 
sogenannte sekundäre Minerale liefern. Die Zersetzung dieser 
Gesteine ist infolge des namhaften Eisenoxydulgehaltes 
zweierlei Art. Die eine erfolgt unter dem Einflufs des 
Luftsauerstoffs, die andere unter Abschlufs desselben. Erstere 
sei hier als oxydierende, die zweite als nichtoxydierende 
Zersetzung bezeichnet. Die oxydierende Zersetzung bewirkt 
eine Oxydation des im Gestein enthaltenen Eisenoxyduls, 
bräunt den Gabbro bzw. Norit und führt unter schliefslichem 
Zerfall der Gesteine zur Bildung von Metalloxyden, z. B. 
Eisenhydroxyd, Manganperhydroxyd, sowie zur Bildung von 
Karbonaten und Hydrosilikaten, sogenannten Zeolithen. Diese 
Art der Zersetzung kommt wesentlich auf der Oberfläche 
und auf Klüften der Gesteine vor. 

Wenn nun in den Aulsenschichten der Gesteine der 
Luftsauerstoff vom Eisenoxydul gebunden ist, kann das tiefer 
ins Innere eindringende atmosphärische Wasser nicht mehr 
oxydierend, sondern nur noch lösend wirken, und es ent- 
stehen bei dieser Zersetzung neben Bergkrystall, Karbonaten 
und Zeolithen namentlich Ton-Eisenoxydulmagnesiahydro- 
silikate, das sind Chlorite, die das Gestein grünlich färben. 

Werden Gabbro und Norit von einer Humusdecke über- 
lagert, so nimmt diese den Sauerstoff auf, Gummisäuren 
bildend, und unter der Humusdecke, welche also dieselbe 
Sauerstoff absorbierende Wirkung entfaltet, wie die Aufsen- 
schicht des Gesteins, wird man gewöhnlich Gestein finden, 
welches nur der nichtoxydierenden Zersetzung unterlegen war. 

Dem Vorkommen und der Bildungsweise nach können 
wir in unserem Gebiet also unterscheiden : 

1. Primäre Minerale der Gabbrogesteine im weiteren Sinne, 
der Granite, Orthophyre, Diabase und Sedimente. 

2. Kontaktminerale. 

3. Sekundäre Minerale, 

a) durch oxydierende, 

b) durch nichtoxydierende Zersetzung entstanden. 
Dr. Fromme, Egeln, Vereinssitzung am 18. Nov. 1909, 



142 



Kleinere Mitteilungen. 



Neue Funde von (iletscherschliffeu bei Halle a. S. 

Schon vor mehreren Jahrzehnten hatte man in der 
Umgegend von Halle a. S. nämlich auf dem sogenannten 
Galgenberg Gletscherschlilfe gefunden, die s. Z. von Herrn 




Geheimrat v. Fritsch unzweifelhaft als solche erkannt wurden. 
Die geologisch denkwürdige Stelle hat sich leider nicht 
erhalten lassen, sondern ist dem Steinbruchbetriebe zum 
Opfer gefallen. Im April dieses Jahres erhielt ich zu- 
fällig Kenntnis von der Auffindung von Gletschersehliflfen, 
die in einem Porphyrsteinbruch (älterer Porphyr) bei Trebitz 
in der Nähe des Petersberges bei Halle zu sehen sein sollten. 
Der Augenschein bestätigte die Richtigkeit vollständig. Die 



Kleinere Mitteilungen. 



143 



Schlifte waren tadellos zu erkennen und bedeckten ein 
Gebiet von mindestens 80 qm Bodenfiäche. Eine sofort 
vorgenommene Bestimmung der Richtung der Schrammen 
mit Hilfe der Magnetnadel ergab genaue Nordsüdlage. Da 
auch dieser geologisch interessante Fund nicht lange mehr 
bestehen bleiben wird, so habe ich eine besonders schöne 
Stelle photographisch aufgenommen. 

Prof. Dr, Wagner, Vereinssitzung 1909. 



Über den Köderfang im Hochgebirge. 

Wer durch seine Erfolge bei dem Ködern in der Ebene 
verwöhnt ist in Bezug auf die grofse Zahl der erbeuteten 
Arten und Individuen, der wird in dieser Hinsicht meist 
recht enttäuscht sein, wenn er zum ersten Mal das Ködern 
im Hochgebirge ausübt und auch dort eine so reiche Aus- 
beute erwartet. Die Arten- und Stückzahl der oben im 
Gebirge durch den Köderfang erbeuteten Tiere steht der in 
der Ebene erbeuteten Zahl ganz auffallend nach. Es dürfte 
nun von Interesse sein, diejenigen Momente ausfindig zu 
machen, die für den geringen Erfolg bestimmend sind. Ich 
habe bei nachfolgendem speziell den Graubündner Weifsen- 
stein (2030 m) und die Albulapafshöhe (2313 m) im Auge, zwei 
in entomologischer Hinsicht hervorragende Plätze, an denen 
ich in den Jahren 1905, 1906 und 1909 gesammelt habe. 
Trotz des unter den alpinen Entomologen bekannten Re- 
nommees dieses Teiles der Hochalpen kann jedoch der von 
mir dort erreichte Erfolg kein bedeutender genannt werden. 

Es ist eine bekannte Erscheinung, dafs die Tiere der 
Ebene, je weiter wir im Gebirge aufsteigen, uns allmählich 
verlassen. Das Verschwinden der Tieflandstiere tritt meistens 
nicht etwa in der Weise ein, dafs man die Maximalhöhe 
eines Vorkommens genau festlegen und ein höheres Vor- 
kommen als absolut ausgeschlossen hinstellen könnte. Daher 
wird diese Grenze von den verschiedenen Beobachtern auch 
unter gleichen klimatischen Verhältnissen meist um einige 
hundert Fufs diiferierend angegeben. Es steht diese Be- 
obachtxang für die Entomologie nicht etwa einzig in der 



144 



Kleinere Mitteilungen. 



Natur da, lehrt uns doch die Pflanzengeographie ganz gleiche 
Verhältnisse kennen. Unter den wenigen Tieren, die eine 
Ausnahme von der angeführten Regel machen, möchte ich 
hier besonders Plusia gamma und Mamestra dentina hervor- 
heben. Man könnte sie treflPend als „Kosmopoliten der 
vertikalen Verbreitung" bezeichnen, da sie sich bei uns in 
der Ebene und in gleicher Weise hoch oben im Gebirge 
vorfinden; beide Spezies traf ich am Albuiapass noch bei 
2500 ra und darüber. 

Natürlich kommen in den höheren Lagen andere, dem 
Tiefland fehlende Tiere hinzu, jedoch steht die Zahl der 
neu auftretenden zu der der verschwindenden in keinem 
Verhältnis. Am besten läfst sich dies durch ein Zahlen- 
beispiel veranschaulichen: auf der Pafshöhe des Albula 
sind während der 3 Jahre, wo ich dort weilte, nur 14 
Noetuiden aufgefunden. Davon sind 12 typische Bewohner 
der montanen Region, und von den 12 wieder 2 heliophile 
Plusien, die für den Köderfang nicht in Betracht kommen. 
(Frey gibt in seinem vortrefflichen Buche: „Die Lepidopteren 
der Schweiz" (1880) für den Albuiapass nur 6 Noetuiden 
an, wobei er allerdings bemerkt, dafs diese Zahl zu niedrig 
gegriffen sei.) Ich will zugeben, dafs sich die Zahl noch 
erhöhen liefse {PI. bractea? Uad. rubrirena? und einige 
andere); es würde die dortige Noctuidenfauna immerhin im 
günstigsten Falle nur etwa den zwölften Teil derjenigen 
Tiere ausmachen, die wir durchschnittlich in der Ebene 
vorzufinden pflegen. 

Einmal ist es also die geringe Zahl der in gröfseren 
Höhen noch vorkommenden Arten, die einen ergiebigen 
Köderfang ausschliefst. Es kommen aber noch andere Dinge 
hinzu, vor allem ein Umstand, der schon beim Ködern in 
der Ebene von grofser Wichtigkeit ist: das Wetter. Man 
betrachtet in der Regel einen Abend als günstig, wenn 
Windstille herrscht, die Temperatur eine ziemlich hohe ist 
und der Mond nicht sichtbar ist; als besonders günstig gilt 
die Zeit vor einem Gewitter. Dafs allem Erwarten zum 
Trotz manchmal dennoch der Erfolg ein völlig negativer 
ist, sei nur nebenbei erwähnt; es ist dies eine Tatsache, 
für die man bis jetzt vergeblich eine Erklärung gesucht 



Kleinere Mitteilungen. 



145 



und nur Vermutungen aufgestellt hat. Im allgemeinen kommt 
es aber sehr wohl auf das Wetter an. Nun sind jedoch 
die Witterungsverhältnisse im Hochgebirge meist für das 
Ködern im höchsten Mafse ungünstig. Nebel und Stürme 
sind abends die Regel, selbst im Juli und August sind 
Schneefälle, die tagelang liegenbleibenden Schnee zur Folge 
haben, keine Seltenheit, wobei die Temperatur öfter unter 
den Gefrierpunkt herabsinkt. 

Als drittes und letztes Moment möchte ich noch Folgen- 
des ansehen. Bekanntlich bedient man sich, um die An- 
ziehungskraft des Ködersaftes zu erhöhen, einer stark- 
riechenden Substanz (Apfeläther usw.), die dem Ködersaft 
beigesetzt wird. Die Wirkung dieser Substanz ist in der 
Ebene eine so grofse, weil hier das Verdunsten nur allmählich 
vor sich geht und deswegen der Äther lange Zeit wirken 
kann. Im Gebirge dagegen wird durch die dünne Höhen- 
luft ein äufserst schnelles Verdunsten des Äthers herbei- 
geführt, und so wird hier gerade das Mittel, das in der 
Ebene die Tiere am meisten lockt, durch die klimatischen 
Verhältnisse illusorisch gemacht. 

Wenn sonach beim Ködern im Hochgebirge auch keine 
grofse Stückzahl gefangen zu werden pflegt, so wird man 
doch vom Ködern dort nicht völlig absehen ; denn, mag auch 
die erbeutete Zahl gering sein, was man erhält, sind meist 
gute Gebirgstiere. Es wäre daher fehlgegangen, aus obigem 
etwa den Rat zu entnehmen, man solle im Gebirge nicht 
ködern. Im Gegenteil! Das Herz jedes passionierten Lepi- 
dopterologen mufs höher schlagen, wenn es ihm vergönnt 
ist, in wenigen Tagen so geschätzte Tiere wie Hadena zeta, 
pernix, maillardi, Agrotis Jielvetina, fatidica, besonders aber 
Agr. culminicola zu erbeuten! Ist durch solchen Fang 
— und erhielt er auch jedes Tier nur in einem Exemplar — 
nicht schon seine Mühe reichlich belohnt? 

E. Bauer, Referendar. 

Zur SclimetterHngsfauna der Goitzsche. 

Bei einer Exkursion in die Bitterfelder Goitzsehe am 
IG. Juli 1908 wollte ich einmal feststellen, was dort au 

Zeitsclir. f. Naturwiss. Halle a. S. Bd. »■>. lU. IQ 



146 



Kleinere Mitteilungen. 



Faltern flog und nahm daher alles mit, was mir ins Netz 
kam. In der kurzen Zeit von 2 Stunden, von 9—11 Uhr 
früh, erl)eutete ich die ansehnliche Zahl von 43 Arten, ge- 
wifs ein Beweis für den Schmetterlingsreichtum dieses 
schönen Laubwaldes. Und zwar waren dies: 



1. Pieris brassicae L. 

2. „ rapae L. 

3. Colins hyale L. 

4. Gonopteryx rhanini L. 

5. Apatura iris L. 

6. „ ilia Schiff. 

7. „ V. clytie Schiff. 

8. Vanessa io. L. 

9. „ urticae L. 

10. Polygonia c. album L. 

11. Pyrameis atalanta L. 

12. Arachnia levana L. 

13. Melitaea maturna L. 

14. Brenthis sehne Schiff. 

15. Argynnis latonia L. 

16. „ aglaja L. 

17. „ paphia L. 

18. Melanargia galatea L. 

19. Manioln medusa F. 

20. Satyrus semele L. 

21. Aphantopiis hyperantus L. 

22. Epinephele jurtina L. 



23. Epinephele lycaon Rott. 

24. Coenonym2)ha iphis Schiff. 

25. „ arcania L. 

26. „ pamphiliis L. 

27. Pararge egeria L. 

28. „ megaera L. 

29. Thccla ilicis Esp. 

30. Zephyrus betulae L. 

31. Chrysophanus virgaureae L. 

32. „ phlaeas L. 

33. „ dorilis Hufn. 

34. Lycaena argus L. 

35. „ icarus Rott. 

36. „ semiargus Rott. 

37. Pamphila palaemon Fall. 

38. „ silvius Knoch. 

39. Adopaea lineola 0. 

40. „ tha^imas Hufn. 

41. Augiades comma L. 

42. Scelothrix alveus Hb. 

43. „ malvae L. 

Franz Bandermann. 



Ein Zwitter (?) von Saturnia pavonia L. 

Bei derselben Exkursion fand ich an einem Rhamnus- 
strauche 84 Raupen von Sat. pavonia. Bis zum 14. August 
erzielte ich davon 26 Puppen, die ich im Keller unterbrachte 
und im nächsten Frühjahr wieder ins Zimmer nahm. Vom 
2. April bis zum 18. Mai schlüpften 19 Falter; die übrigen 
waren vertrocknet. Unter den 19 war nur ein Tier ab- 
weichend. Es hat eine Flügelspannung von 41 mm ; die 
Farbe der VorderflUgel ist rein weiblich, dagegen zeigen 
die Hinterflügel eine hellgelbe Färbung ähnlich der des 
Weibchens von Cosmotriche potatoria L. Die Zeichnungen 
aller Flügel sind normal, nur ist das braune Band am 



Kleinero Mitteilutigen. 



147 



Anfsenrand der Hinterflügel schmaler und kürzer. Der 
Körper ist oberball) am Thorax weiblich, während die 
untere Hälfte, ebenso wie die Fühler, wieder den männ- 
lichen Ty})us aufweisen. 

Franz Bandermann. 



Variationen im Geäder des Dipterenfliigels. 

Der Dipterenflügel scheint nach dieser Seite hin nur 
wenijr Gegenstand des Studiums gewesen zu sein. Bei 
Tahanus luridus Meig. und Leptis vitripennis Meig. habe 
ich die Verhältnisse näher untersucht und an anderer 
Stelle!) publiziert Zu den genannten Fällen möchte ich 
noch einige kurz hinzufügen. 

1. Hilara spec. 
Hilara hat gegabelten Radialsektor. Die Gabelung 
hat grofse Ähnlichkeit mit der iep^w- Gabelung, die Grund- 
verhältnisse sind so ziemlich die gleichen. Der untere Teil 
des Sektors ist konvex, der obere Teil konkav, und die 
konkave Linie, die als verloschene Ader aufzufassen ist, 
läuft parallel der unteren Ader, also die Basis der Gabelung 
ist als Querader aufzufassen und daher auch konvexer Natur. 
Im eigentlichen Sinne des Wortes hat also der obere Gabelast 
mit dem Sektor nichts gemein. Vom Sektor geht eine noch- 
malige Gabelung spitz zum Vorderrande, diese weitere Ader 
ist der Gabel homolog, es ist also eine echte Gabelung, 
während die Gabelung der dritten Längsader eine falsche 
Bifurkation darstellt. Die Anomalie zeigt sich nur auf 
dem rechten Flügel. Mir scheint das Auftreten an dieser 
Stelle darum so merkwürdig, weil der Flügel hier keinerlei 
Merkzeichen darbietet, die darauf schliefsen lassen, dafs es • 
hier zur Ausbildung einer Ader kommen könnte; es ist 
keine Tingierung nachweisbar, keine Erhöhung der Membran. 
Diese Merkmale sollen aber vorhanden sein. Andererseits 
ist aber, nach der hypothetischen Aufstellung des Flügel- 



^) Mitteilungen ans der Entomologischen Gesellschaft zu Halle a. S., 
1909, Heft 1, S. 9 £F. 

lü* 



148 



Kleinere Mitteilungen. 



Schemas nach Adolph, eine Gabelung im Vorderdrittel des 
Flügels zu erwarten. Seine Vermutung bestätigt sich also. 
Immerhin dürfte sich Atavismus gerade an dieser Stelle nur 
sehr vereinzelt zeigen; unter einem grolsen Material fand 
ich nur diesen einen Fall. 

2. Leptis aequalis Fabr. 
Im Gegensatz zu allen meinen bisherigen Beobachtungen, 
die stets atavistische Erscheinungen zeigten, ist bei dieser 
Art eine weitere Reduktion des Geäders eingetreten. Sie 
betrifft den oberen Gabelast des Sektors, der zu zwei Drittel 
verschwunden ist und ganz plötzlich, ohne weitere Anzeichen, 
abbricht. Die Abbruchsteile liegt an dem Punkte, wo die 
Basis der Gabel umbiegt, d. h. wo sich der Charakter ändert. 
Bis zu dieser Umbiegestelle ist die Ader konvex und stellt 
eine ursprüngliche Querader dar. Dieser Charakter ist 
scharf ausgeprägt. Deutlich ist die noch mit dem unteren 
Sektor parallellaufende obliterierte Ader zu sehen, die den 
stehengebliebenen Teil des Gabelastes an der Stelle triff't, 
wo er als reguläre Querader die beiden Aderzüge einst ver- 
bunden haben mufs. Die verloschene Gabel läfst, ihrer 
konkaven Natur gemäfs, eine Vertiefung in der Membran 
zurück. Die Art zählt zu denen mit untingierten Flügeln; 
es bleibt weiteren Untersuchungen vorbehalten zu kon- 
statieren, ob auch bei Arten mit Adertingierung sich 
Reduktionen bemerkbar machen, oder ob hier nur ata- 
vistische Rückschläge vorkommen. 

Richard Kleine. 



Ans den Sitzungen der Entomologischen Gesellschaft 
zu Halle a. S. (E. V.). 

Sitzung vom 3. Januar 1910. Herr Haupt hielt einen 
Demonstrationsvortrag über exotische Cicaden (Membracidae). 
Während die altweltlichen Membraciden mit Ausnahme 
weniger Stücke des indomalayischen Archipels alle einen 
einfachen Bau aufweisen, zeichnen sich die amerikanischen 
Arten durch geradezu abenteuerliche Auswüchse des Vorder- 
rückens aus, die oft gröfser sind als das ganze Tier. So 



Kleinere Mitteilungen. 



149 



war bei einem Exemplar der Auswuclis etwa zehnmal so 
grofs als der eigentliche Körper. Uber den Zweck der 
absonderlichen Gebilde ist man noch völlig im Unklaren; 
da sie mitunter ungefähr die Gestalt grofser Dornen annehmen, 
hat man sie — sicher fälschlich — als mimetische Er- 
scheinung (Dornnachäffuug) zu erklären versucht. — Nach 
einer Zeitungsmeldung soll die von Herrn Bauer als neu 
für Deutschland festgestellte mediterrane Eule Dianthoecia 
magnoli neuerdings in Schlesien beobachtet sein. Im Interesse 
der Priorität stellte daher Herr Bauer fest, dafs er dieses 
Südtier bereits 1904 im Breisgau erbeutet habe. — Herr 
Kleine teilte mit, dafs er die bisher nur aus Borkenkäfern 
bekannte Schmarotzerwespe Dendrosoter protuberans mehr- 
fach aus Bockkäfern gezogen habe. Dieser Zuchterfolg ist 
insofern von allgemeiner Bedeutung, als die beiden Wirte 
eine total abweichende Lebensweise haben. Die 6 mm grofse 
Wespe bringt es fertig, durch mehr als doppelt so dickes 
Holz hindurch ihre Eier an die Bocklarven heranzubringen ; 
ferner unterscheidet sie ihre Opfer nach dem Alter, da sie 
die einjährigen Larven mit höchstens 4, die zweijährigen 
mit 7 bis 8 Eiern beglückt. — Herr Daehne referierte über 
HouARDs Standardwerk: „Les Zoocecidies des plantes 
d'Europe et du bassin de la Mediterranee", im dem 6239 
Tiergallen von 2329 Pflanzenarten angeführt werden ; dabei 
machte er besonders darauf aufmerksam, ein wie weites 
Arbeitsfeld in dieser Beziehung noch in den Pilzen brach 
läge, da selbst Houard nur 7, anscheinend von Dipteren 
erzeugte, Pilzgallen verzeichnet. — Herr Kleine demonstrierte 
die interessantesten, beiläufig von den unsrigen kaum ab- 
weichenden Stücke der von Herrn Füge auf Sizilien ge- 
sammelten Fhegen; Herr Spöttel die 4 (von insgesamt 
10 deutschen) von ihm im Hallischen Faunengebiet auf- 
gefundeneu Sandläufer- Arten [Cicindela campestris, hyhrida, 
germanica und, nur bei Weifsenfels, silvatica.] 

Sitzung vom 17. Januar 1910. Herr Haupt machte 
einige interessante Verbreitungsangaben aus der von ihm be- 
arbeiteten Homoptereufauna von Thüringen, die 45 Gattungen 
mit 130 Arten enthalten wird. — Herr Kleine teilte mit, 



150 



Kleinere Mitteilungen. 



dal's er den Dendrosoter protuberans einmal bei Hylesiniis 
fraxini und öfter bei Myelopliilus piniperda gefunden habe. 

Sitzung vom 7. Februar 1910. Herr Bandermann 
legte 10 benannte Abarten, darunter die neue seltene fene- 
strella, des Schwalbenschwanzes {Fapilio machaon) vor, die 
er sämtlich aus Raupen, die von ein und derselben Fund- 
stelle stammten, ohne jede künstliche Beeinflussung gezogen 
hat. — Herr Spöttel sprach unter Vorlegung des Käfer- 
materials über die Ergebnisse seiner letzten Siebversuche 
(Ende Januar), die wieder bestätigten, dafs für diese Fang- 
methode Waldränder am geeignetsten sind. So erhielt er 
an der Lisiere über 600, im lichten Bestand nahe am Rande 
314, mitten im Bestand 218 Kleintiere. In dem grofsen 
Fange überwogen die Käfer mit über 500 Stück, in weitem 
Abstände folgten die Wanzen mit 56, die Wespen mit 20, 
die Fliegen mit 5, die Heuschrecken mit 2 Vertretern 
usw. — • Herr Daehne sprach über wenig beachtete, von 
ihm regelmäfsig beim Sieben erbeutete Spinnentiere, die zu 
den Afterskorpionen gehörigen Cheliferiden, von denen nur 
der durch Vertilgen von Staubläusen nützliche Bücherskorpion 
(CVi. cancroides) in weiteren Kreisen bekannt zu sein pflegt. — 
Herr Kleine zeigte Ulmenzweige mit den Frafsbildern von 
Magdalis armigera und referierte über einige neue exotische 
Borkenkäfer, die im Gegensatz zu unseren einheimischen, nie 
Samen oder Früchte angreifenden Arten, Datteln, Kaffee- 
bohnen, Betelnüsse und sogar das gerade wegen seiner 
aufserordentlichen Härte handelswichtige „vegetabilische 
Elfenbein", die Steinnüsse von Fhytelephas macrocarpa, 
zerstören. 

Karnevalistische Sitzung vom 21. Februar 1910. 
Herr Dr. Hauserschmied sprach über die Kleinlebewelt des 
Südviertels. Er hatte als Polikliniker Gelegenheit, in die 
dunkelsten "Winkel der Stadt hineinzuleuchten und dort eine 
überraschend reiche Fauna von Spelaeo- und Lutobionten, etwa 
80, meist zu den Aphanipteren und Hemipteren gehörige Arten, 
zu entdecken. Als einfaches und zuverlässiges, daher all- 
seitiger Nachachtung empfohlenes Verfahren zum Eintragen 



Kleiuere Mitteilungen. 



151 



zarter Objekte, wie Fediculus capitis u. ä., erprobte er den 
Transport am eigenen Körper. — Herr Nähde demonstrierte 
einen neuen entoparasitären Geradflügler, den Gewissenswurm 
{Forficula terebrans N.), der im Pericard einer gleichfalls 
vom Vortragenden entdeckten Abart unserer gemeinen Unke, 
der Hallunke {Maleficus nefastus N.) nagt. Ferner sprach 
er über Bau und Lebensweise der früher hier seltenen ge- 
meinen Strafsenschrecke {Locusta automohilis Br.) oder 
Stinkschreeke {Schnaufo foetida Fft.), die sich neuerdings 
im Vereinsgebiet bedeutend ausgebreitet hat. — Herr 
SoEENBAUM legte Urinsekten aus der Steinkohlenzeit vor, 
darunter Übergangsformen von den Libellen zu den Wanzen 
{Agriosoma liemipteroides) und zu den Schmetterliugen (A. 
pieroides und melitaeensis), von denen besonders die letztere 
einen ausgesprochen vorsintflutlichen Eindruck machte. — 
Herr Bauer zeigte als Resultat mehrerer Tausend Experimente 
vier kostbare Schmetterlingsbastarde, und zwar nicht nur 
Kreuzungen nahe verwandter Arten (z. B. Kleefalter kyale x 
europomene), sondern sogar einander ganz fremder Gattungen 
(z. B. Lycaena x Flusia). — Einen neuen Käfer legte Herr 
Manderbakn in Gestalt eines Apfelsinenstechers vor; auch 
dürfte seine Auswahl selbstgezüchteter Schmetterlingskreu- 
zungen den Spezialisten arges Kopfzerbrechen bereiten. — 
Herr Haut sprach über ein von ihm erfundenes Ködermittel 
für Schillerfalter, das als Parfüm eine grofse Zukunft haben 
dürfte. — Herr Stöppel zeigte eine unschätzbare Abnormität, 
einen Laufkäfer ohne Unterleib, dafür aber mit zwei Rücken. 
Ferner eine beredte Illustration zu dem vielzitierten: „Viel 
Dinge gibt es zwischen Himmel und Erde, von denen Eure 
Schulweisheit nichts träumt!" Das von ihm beim Nachtfang 
auf der Passendorfer Wiese erbeutete und einstweilen Agrio- 
morpha lepidoptero-caraboidea getaufte Insekt vereinigt 
nämlich unverkennbar die Charaktere einer Wasserjungfer, 
eines Schmetterlings und eines Käfers! An den wissen- 
schaftlichen schlofs sich diesmal noch ein ausgedehnter 
gemütlicher Teil, in dem nach dem Verlesen einer stimmungs- 
vollen „Kalauopterologischen Zeitung' allgemeine Kommers- 
lieder mit bunten musikalischen und oratorischen Darbietungen 
wechselten. Jedenfalls bewies der Verlauf des Abends, dafs 



9 



152 



Kleinere Mitteilungen. 



sich die E. G. trotz ilirer ernsten wissenschaftlischen Arbeit 
den Sinn fUr fröhliche Heiterkeit zu erhalten weifs. 

Sitzung vom 7. März 1910. Herr Haupt hielt einen 
Demonstrationsvortrag über die farbenprächtigste Hyraen- 
opterengruppe, die Chrysiden, die mit Ausnahme des bei 
Blattwespen schmarotzenden Cleptes sämtlich bei Bienen und 
Grabwespen parasitieren. Sie sind vorwiegend Südtiere: 
bei uns treten sie erst im Hochsommer auf. Einige sind 
behende Läufer; alle zeigen die Eigentümlichkeit, dafs sie 
sich bei Gefahr zu einer Kugel zusammenrollen, wobei sie 
durch ihren harten Panzer sehr gut geschützt sind. Bei 
Halle hat der Vortragende erst wenig Arten gefunden. Be- 
sondere Erwähnung verdienen aber Clir. tarsata aus der 
Goitzsche bei Bitterfeld und Chr. vallisiana aus der Nieder- 
lausitz. — Herr Dr. von Schlechtendal stellte dazu den 
weit verbreiteten Irrtum richtig, dafs die Chrysiden gefähr- 
lich stechen könnten; dies sei ausgeschlossen, da ihr Stachel 
häutig wäre. 

Herr Kleine zeigte Frafsstücke von Borkenkäfern, 
darunter eins, das beide sonst in ganz verschiedenen Sorti- 
menten brütenden Myelophilusarten untereinander brütend 
enthält. — Herr Dr. von Schlechtendal demonstrierte 2 wert- 
volle Fossilien nebst einigen von Herrn Haupt trotz grofser 
technischer Schwierigkeiten mustergültig aufgenommenen 
Photographien. Ein Stück Dölauer Steinkohle mit dem Ab- 
druck des Kopfbruststückes einer Spinne, vom Vortragenden 
OgTcomaspis getauft, stellt das erste von Dölau bekannt ge- 
wordene Gliedertier dar. Das andere Stück, der Abdruck 
einer Schabe im Rotliegenden, ist von Goldenberg Blattina 
rüclcerti, von Handlirsch Anomohlatta benannt. Die Haupt- 
sehe Photographie zeigt jedoch deutlich, dafs die gleichzeitig 
vorgelegte Goldenberg sehe Originalzeichnung unrichtig ist, 
und dafs das Tier überhaupt keine Blatta sein kann, da es 
4, von Grund aus getrennte Adern besitzt. 

Sitzung vom 21. März 1910. Herr Kleine demon- 
strierte eigentümliche Schilfgallen, das Werk einer für die 
Hallische Fauna neuen Fliege {Lipara lucens). Dieselbe 



Kleinere Mitteilungen. 



153 



erzeugt an Vliragmites communis cliariikteristiseli scliopfartigc 
Mil'sbildungen: die luternodien verkürzeu sich uud scliiebeu 
sich übereinander und entsenden nach allen Seiten Nottriebe, 
wobei sie selbst keine Scheidewände, die Blätter keine 
Spreiten mehr ausbilden. Die ersten Stände sind noch un- 
bekannt, doch dürfte die Eiablage Anfang Juli erfolgen. 
Die Larven von L. lucens kommen oft vergesellschaftet mit 
denen der verwandten L. similis vor; letztere erzeugen 
jedoch keine Gallen und leben in den Zwischenräumen der 
zehn- bis fünfzehnfachen Blattlagen, während die ersteren 
im Innersten des Blattbündels hausen. Schmarotzer sind 
eine ganze Reihe, meist Schilfmücken und Raubwespen, 
bekannt geworden. 

Daehne. 



Literatiir-Besprechimgen. 



Haase, E., Die Erdrinde. Einführung in die Geologie. 
254 S. Mit 3 farbigen Tafeln und zahlreichen Abbildungen 
im Text. Leipzig-, Verlag von Quelle & Meyer, 1909. 
Gebunden 2,80 M. 

Das Reich der „toten" Steine lebendig zu machen, ist 
dem Verfasser aufs beste gelungen. Das vorliegende Buch 
gliedert sich in einen einführenden Teil und einen so- 
genannten „Anhang". Dieser stattliche Abschnitt mit seinen 
84 Seiten verdiente eigentlich einen würdigeren Namen. In 
ihm hat der Verfasser mit vieler Sorgfalt ausgewählte 
Schilderungen geologisch interessanter Vorgänge der Gegen- 
wart als wirksam - lebensvolles UnterstUtzungsmaterial zu- 
sammengestellt, sodafs dieser Teil ein kleines geologisches 
Lesebuch darstellt, das sehr gut auch für sich zu gebrauchen 
wäre. Ich halte die hier verfolgte Sonderung der Abschnitte 
für äufserst günstig. Wenn auch dem ersten Teile, dem 
eigensten Werke des Verfassers, dieselbe Anschaulichkeit 
und lebensvolle Frische anzumerken ist, so werden anderer- 
seits durch die reinliehe Scheidung die Kreise des Autors 
nicht gestört. Durch Fufsnoten ist stets auf die passenden 
Stücke im „Anhang*' hingewiesen. 

Auch der andere Hauptgedanke, der den Verfasser im 
ersten Teile des Buches leitete, ist mir von unterrichtlicher 
Seite sehr sympathisch. Die allgemeine Geologie wird 
nicht, wie bisher oft üblich war, in einem besonderen Ab- 
schnitt gebracht, sondern es erhält, da es sich ja in erster 
Linie um das Verstehen einer zeitlichen Aufeinanderfolge 
handelt, die historische Geologie die Führung in der 



Literatur-Besprechungen. 



155 



Anordnung des Stoffes, und die einzelnen Kapitel der all- 
gemeinen Geologie sind passend hineingewebt. 

Das Buch liest sich flüssig und genufsreich, und dürfte 
daher für den Anfänger, der leicht abgestofsen wird, recht 
geeignet sein. Bei klarer und knapper Darstellung wird 
doch das Wichtigste erwähnt; enzyklopädische Vollständig- 
keit ist nirgends erstrebt. 

Auch nach der illustrativen Seite hin ist das Werk 
reich an Originalem. Es ist möglichst auf das landläufige 
Schema verzichtet. Soweit es irgend angeht, bringt der 
Verfasser die 01)jekte aus seinem eigenen Studienkreise. 
So bleiben Wort und Bild in innigem Konnex miteinander. 
Der heimische Künstler H. WESSNER-Collenbey ist mit vieler 
Hingebung den Absichten des Autors gefolgt. Unbesorgt 
kann dieses knapp und doch nicht leitfadenmäfsig ge- 
schriebene Buch für Selbst- und insbesondere auch Schul- 
unterricht aufs wärmste empfohlen werden. 

K. Pritzsche, 



Haase, E., Lötrohrpraktikum. Anleitung zur Unter- 
suchung der Minerale mit dem Lötrohre. 89 S. Leipzig, 
Erwin Nägele, 1908. 1,25 M. 

Ein Praktikum zu schreiben ist nicht leicht, wenigstens 
es so zu schreiben, dafs sich der Schüler in seinem Buche 
so zurechtfindet, dafs er den beratenden Lehrer nicht ver- 
mifst. Der Verfasser hat dies auf dem eng umschriebenen, 
für den ausübenden Mineralogen höchst wichtigen Gebiete 
der Untersuchung mit dem Lötrohre getan. Dafs der 
Erfolg der Absicht entspricht, beweist u. a. die Zitierung 
des Büchleins bei namhaften Verfassern; es ist eben ein 
Buch, bei dem das bekannte „dringende Bedürfnis" nicht 
zur Phrase würde. 

Zum Gange selbst ist folgendes zu bemerken: Ohne 
langatmige theoretische Vorerörterungeu führt der Verfasser 
recht bald in die Untersuchung verschiedener sorgfältig 
ausgewählter und deshalb an Zahl beschränkter Stoffe ein, 
zuerst einfacherer chemischer Verbindungen, sodann aber 
auch der Gesteine, um den Schüler am Schlafs schon etwas 



156 



Literatur-Besprechungen. 



auf eigene Füfse stellen zu können. Dabei werden — wie 
von selbst — die Handhabung- des Rohres, ferner die ver- 
schiedenen Flammenarten, Flammenfärbungen und Perlen- 
l)roben vorgenommen. Wichtig ist zum Schlufs auch die 
Übersicht ül)er das Verhalten der Körper vor dem Lötrohre 
sowie auch das alphabetische Verzeichnis der wichtigsten 
chemischen Bestandteile der Mineralien, wobei selbstver- 
ständlich auch die nassen Reaktionen Berücksichtigung 
finden. 

Die Verwendung des Buches ist nicht nur für den 
Selbstunterricht von Vorteil; mancher Schüler wird es dem 
Lehrer Dank wissen, wenn er ihn zum Zwecke eigener 
Betätigung des in der Schule Gelernten auf dieses Prakti- 
kum hinweist. 

K. Pritzsche. 



Zimmermauu, W., Die Photographie. 164 S. Mit 
zahlreichen Abbildungen im Text und auf Tafeln. Aus 
der Naturwissenschaftlichen Bibliothek für Jugend und 
Volk, herausgegeben von Kourad Höller und Georg 
Ulmer. Leipzig, Verlag von Quelle & Meyer. Gebunden 
1,80 M. 

Zu der nicht geringen Zahl anerkannt guter und der 
Menge mittelmäfsiger Anleitungen zur Ausübung der Licht- 
bildkunst ist noch eine weitere getreten. Ob mit Recht? 
So viel ich entscheiden kann, ja! Mag sich kein Er- 
wachsener von dem Buche deswegen abschrecken lassen, 
weil es in eine Bibliothek für die „Jugend" eingereiht ist. 
Die frühe Jugend geht die ausübende Photographie über- 
haupt nichts an, und die Lösung : „Der Kodak in der Hand 
des Kindes !" ist einzig vom geschäftlichen Standpunkte des 
Händlers geprägt worden. Mag die Jugend erst so weit 
heranwachsen, dafs sie wenigstens die Hauptprozesse des 
Geschehens im Glashause versteht, und vor gedankenlosem 
Knipsen möge der Geldbeutel der Eltern verschont werden. 
Nun, das Werkchen hält, was es in der Vorrede sein zu 
wollen verspricht: es ist tatsächlich ein freundlicher Berater, 
bei dessen Belehrungen das Schematische stets hinter dem 



Literatur-Besprech un gen . 



157 



Persönlichen zurücktritt. Das fesselt, und so habe auch ich 
(las Buch mit Freude durchgelesen. Den besonderen Vorteil 
hat es, dal's es nicht eine Unzahl von Rezepten bringt, 
sondern wenige bestimmte, die dann aber auch wirklich 
tauglich sind. Bei aller Volkstümlichkeit — und es fällt 
nie aus der Rolle — ist doch überall das tiefere Erkennen 
augebahnt; das ist mir sowohl bei den Betrachtungen über 
Linsenwirkungen und Objektivkonstruktionen als auch be- 
sonders bei den photochemischen Erörterungen angenehm 
aufgefallen. Einige Schlufskapitel leiten auf die höhere 
photographische Kunst, Kohledruck und Autochromverfahren 
hin, ohne dafs aber diesen Abschnitten ein ungebührlich 
breiter Platz eingeräumt würde. 

Die Abbildungen, zum grofsen Teil Originale, sind in- 
struktiv; an beabsichtigten F'ehlaufnahmen lernt der Anfänger 
vieles vermeiden, was ihm sonst nachher Verdrufs und 
Geldverlust gebracht hätte. 

K. Pritzsche. 



Glafey, Hugo, Dipl.-Ing., Geh. Regierungsrat, Rohstoffe 
der Textilindustrie. 144 S. Aus der Sammlung: 
Wissenschaft und Bildung. Einzeldarstellungen aus allen 
Gebieten des Wissens. Herausgegeben von Dr. Paul 
Herre. Leipzig, Verlag von Quelle & Meyer, 1909. Ge- 
heftet 1,— M., gebunden 1,25 M. 

Im Auftrage der , Vereinigung für Wirtschafts- und 
Gewerbekunde ' hat der Verfasser eine Reihe von Vorträgen 
über das Gebiet der Textilindustrie gehalten, deren Inhalt 
er in zwei Bändchen einem gröfseren Kreise zugänglich 
macht. Das erste Büchlein liegt vor uns; es behandelt die 
Rohstoffe; das zweite geht auf deren Verarbeitung, also 
die Textilindustrie selbst, ein. 

Die Gliederung des Stoffes ist recht klar. Den ersten, 
umfangreicheren Teil nehmen die natürlichen Rohstoffe ein, 
den zweiten die künstlichen, die jene allerdings an Zahl 
und Bedeutung längst nicht erreichen. In jeder von beiden 
Hauptgruppen wird nach den drei Naturreichen gruppiert, 
wobei das Mineralreich den geringsten Anteil hat (Asbest, 



9 



158 



Literatur-Besprechungen. 



Glas- lind Metallfäden'). Bei der langen Reihe aus- 
ländischer Rohstoffe wird einem so recht die Bedeutung 
der Kolonien, wenigstens unter diesem Gesichtswinkel, klar, 
sowie die Bedeutung unseres üherseeischen Güterverkehrs 
überhaupt. 

Soweit die Technik in die Aufbereitung der Rohstoffe 
hineinspielt, wird ihr ebenfalls die verdiente Würdigung zu 
teil; so lernen wir bei der Baumwolle die Hauptarten der 
Entkernungsmaschinen und Ballenpressen, beim Flachs die 
Brech- und Hechelmaschinen, bei anderen Stoffen wieder 
besondere Entholzungs- und Entfaserungsvorrichtungen 
kennen. So werden auch z. B. bei der Wolle eine Reihe 
von Spezialmaschinen vorgeführt, deren Wirkungsweise auch 
dem Nichtfachmann interessant ist. Die Struktur der Fasern 
wird, wo besonders auffallende Charakteristica vorhanden 
sind, durch Mikropbotogramme verdeutlicht. Statistische 
Darstellungen machen die Menge der Erzeugung und den 
Verbrauch der verschiedenen Rohstoffe auf dem Welt- 
markte klar 

So wird das Büchlein seinem Zwecke durchaus gerecht 
und verdient einen weiten Leserkreis. 

K. Pritzsche. 



Voigt, Max, Dr. phil., Oberlehrer in Oschatz (Sachsen), Die 
Praxis des naturkundlichen Unterrichts. Ein Hand- 
buch für Lehrer aller Schulgattungen und für Sammler. 
XIV und 282 S. Mit 92 in den Text gedruckten Figuren. 
Leipzig, Dieteriehsche Verlagsbuchhandlung (Theodor 
Weicher), 1909. Gebunden 3,80 M. 

Ein Kompendium für den Schulmann, wie es sein mufs. 
Schon der kräftige Stoffeinband sagt: „Stelle mich nicht in 
den Bücherschrank; mitten in den Unterrichtsbetrieb hinein 
gehöre ich!" Nicht nur der Lehrer, sondern auch der 
reifere Schüler wird sich ein solches Buch gern zulegen, 
das ihm reiches Lebenswissen bietet, ihn auf allen ein- 
schlägigen Gebieten so wohl berät. Das Werk hat denn 
auch bereits in der deutschen Lehrer- und Sammlerwelt 
sein verdientes Lob gefunden Es macht uns zuerst mit 



Literatur-Besprechungen. 



159 



einer Menge einfacher und praktisolier Geräte bekannt, die 
zum Sammeln nnd Untersuchen von Pflanzen und Tieren 
dienen. Eine Menge davon kann sich der, dem ein gewisses 
Handgeschick nicht gänzlich versagt ist, selbst herstellen. 
Selber machen ! das ist ja überall das Leitmotiv in diesem 
Buche. Weiter ist die Rede vom Einsammeln der Pflanzen, 
Pflanzenzucht durch Schüler und der Anlage des Schul 
gartens. Überall merkt man, dafs der Praktiker redet. 
Ein weiterer Abschnitt spricht vom Sarameln gröfserer und 
mikroskopischer Tiere (Plankton), von Aquarien, Terrarien 
und den Wasmann sehen künstlichen Ameisennestern, ferner 
von der Zucht der Futtertiere. Das Kapitel der Pflanzen- 
physiologie ist auf 20 Seiten mit recht guter Auswahl der 
Versuche abgehandelt. Ein vollständiges Praktikum will 
das Buch hierbei wie der folgenden Zoologie und Anthropo- 
logie natürlich nicht ersetzen. Der Mineralogie und Geologie 
sind 18 Seiten gewidmet. Exkursionsausrüstung, Arbeit 
draufsen und drinnen, Lötrohr, Dünnschliffe, Bodenproben 
mögen als Stichworte genügen. 

Ein weiterer grofser Abschnitt folgt über das Mikroskop, 
dieses erst jetzt so recht allgemein gewürdigte Hilfsmittel 
der Erkenntnis. In klarer Weise lehrt der Verfasser das 
Instrument selbst kennen, bietet sodann unter sorgfältiger 
Beschränkung auf das Notwendige eine Anweisung zur An- 
fertigung pflanzlicher und tierischer Präparate, behandelt das 
Messen und Zeichnen und den Gebrauch der Polarisations- 
einrichtung. — Als wichtiges Veranschaulichungsgerät wird 
weiter der Projektionsapparat in seinen mannigfachen An- 
wendungsarten gewürdigt. Auch die photographische 
Camera wird als vielfach nützliches Schulgerät (Natur- 
aufnahmen, Mikrophotographie, Reproduktion von Bildern 
und Zeichnungen, Diapositive) warm zur Anschaffung em- 
pfohlen. 

Den Schlufs bildet eine Belehrung über die praktische 
Ausgestaltung naturkundlicher Sammlungen, über Auf- 
bewahrung und Bezeichnung, Reparieren und Konservieren 
der Gegenstände. 

Der praktische Schulmann kommt ganz zuletzt noch 
einmal beim Kapitel „Exkursionen" zu Worte. 



160 



Literatur-Besprechungen. 



Verzeichnisse von Chemikalien, Bezugsquellen aller Art 
sowie ein Literaturnachweis vervollständigen den Inhalt des 
Buches, das sich bei seiner Reichhaltigkeit von selbst em- 
pfiehlt. Das Werk ist eine hocherfreuliche Erscheinung auf 
dem pädagogischen Büchermarkt. 

K. Pritzsche. 



Druck von Ehrhardt Karraa, Halle a. S. 



Die plistozänen Ablagerungen des Travertin- 
gebietes der Gegend von Weimar und ihre 
Fossilienbestände in ihrer Bedeutung für die 
Beurteilung der Klimaschwankungen des Eis- 
zeitalters 

von 

Ewald Wüst in Kiel 
Mit einer Profiltafel und einer Tabelle 



Seit Jahren bemühe ich mich, durch sorgfältige schicht- 
weise Aufsammh;ng plistozäner Fossilien ein Beobachtungs- 
material zu erhalten, welches Schlüsse auf die Art des 
Ablaufes der Klimaschwankungen des Eiszeitalters gestattet. 
Allein die Ergebnisse dieser Bemühungen sind bis vor 
kurzem so dürftig ausgefallen, dals ich sie zum gröfsten 
Teile garnicht veröffentlicht habe. 

Es war mir schon im Beginne meiner einschlägigen 
Untersuchungen klar gewesen, dafs Ergebnisse der ge- 
wünschten Art am ehesten von einer Untersuchung der 
bekannten mitteldeutschen Travertine, welche grofsenteils 
eine Aufeinanderfolge sieh gut voneinander abhebender 
fossilienreicher Schichten darbieten, zu erwarten sind. An 
den verschiedensten Stellen vorgenommene Vorversuche 
und eine mit grofsem Zeitaufwande durchgeführte genaue 
Durcharbeitung einiger Travertine am Grofsen Fallsteine 
im Nördlichen Harzvorlande fielen indessen wenig er- 
mutigend aus. Am geeignetsten für meine Zwecke erschienen 

Die Untersuchungen über diese Travertine am Grofsen Fall- 
steine habe ich bisher nicht veröffentlicht. 

Zeitschr. f. Naturwiss. Halle a. S. Bd. 82. 1910. U 



162 



F.WALÜ WÜST, 



[2] 



mir noch die Travertine der Gegend von Weimar, in 
deren Liegendem ich einen Konchylienbestand gefunden 
hatte, der auf ein kaltes, eiszeitliches Klima hinweist, 
während die Travertine selbst nach Ausweis ihres Fossilien- 
bestandes unter einem warmen, interglazialen Klima ent- 
standen sind.i) Indessen hielt mich die Annahme, dafs 
Akthur Weiss, der jahrelang sehr eifrig im Travertin- 
gebiete von Weimar gesammelt hat,-) doch noch einmal 
Erfahrungen über die vertikale Verbreitung der Fossilien in 
demselben veröffentlichen würde, von einer genauen Durch- 
arbeitung der Travertine der Gegend von Weimar ab. Erst 
als ich im Frühjahre 1907 auf Wunsch meines Freundes 
Hans Hahne die Bearbeitung des geologischen Teiles für 
eine von Hahne geplante Neubearbeitung der paläolithischen 
Fundstätten der Gegend von Weimar 3) übernahm, machte 
ich mich an eine genaue, planmälsige schichtweise Unter- 
suchung der Fossilienbestände dieser Travertine und der 
mit ihnen verknüpften anderweitigen plistozänen Ab- 
lagerungen. Diese Untersuchung führte endlich zu Ergeb- 
nissen der lange gesuchten Art. Vor allem führte sie zu 
dem Nachweise des Aufbaues einer — der letzten oder 
Rifs-Würm- — Interglazialzeit aus zwei Waldphasen und 
einer zwischen diese fallenden Steppenphase und lieferte 
damit einen, wie ich glaube, wichtigen Beitrag zur Lösung 

•) Ew. Wüst, Untersuchungen über das Pliozän und das älteste 
Pleistozän Thüringens usw., Stuttgart 1901 (auch Abhandlungen der 
Naturforschenden Gesellschaft zu Halle a. S., Bd. 23), S. 79 und Der 
Konchylienbestand der Kiese im Liegenden der Travertine von Weimar, 
Nachrichts- Blatt der deutschen Malacozoologischen Gesellschaft, 1907, 
S. 94—96. 

") A. Weifs, Die Conchylienfauna der altplistocaeneu Travertine 
des Weimarisch -Taubacher Kalktuflfbeckens, Nachrichts -Blatt der 
deutschen Malacozoologischen Gesellschaft, 1894, S. 14.5 — 163 und 
185 — 190, I.Nachtrag dazu ebenda, 1896, S. 99-102 und Über die 
Conchylien-Fauna der interglacialen Travertine des Weimar-Taubacher 
Kalktuff beckens, Zeitschrift der Deutschen geologischen Gesellschaft, 
Jahrgang 1896, S. 171—182. 

^) Hahne erfreut sich dabei einer sehr namhaften Geldunter- 
stützung seitens der Dr. Fedor Ja gor -Stiftung in Berlin, welche 
auch meinen Untersuchungen in der Gegend von Weimar zugute 
kommt. 



[3 



Travcrtingebiet der Gegend von Weimar. 



163 



der noch so verschieden beantworteten Frage nach der 
Stellung der Wald- und Steppenphasen im Turnus der 
Kliniaschwankungen des Eiszeitalters. 

Dieses Ergebnis habe ich in verschiedenen von Hahne 
und mir über unsere Untersuchungen in der Gegend von 
Weimar veröffentlichten Vorläufigen Mitteilungen bereits 
kurz mitgeteilt. Eine vollständige Darstellung der Ergeb- 
nisse der von mir in den letzten Jahren im Travertingebiete 
von Weimar ausgeführten Untersuchungen der von Hahne 
und mir vorbereiteten gröfseren Arbeit über die paläo- 
lithischen Fundstätten der Gegend von Weimar vorbehaltend, 
will ich in der vorliegenden Arbeit meine wichtigsten Ergeb- 
nisse bezüglich der Aufeinanderfolge der Fossilienbestände 
in den plistozänen Ablagerungen unseres Travertingebietes 
und ihrer Bedeutung für die Beurteilung der Klimaschwan- 
kungen des Eiszeitalters ausführlicher darlegen. 

An den verschiedensten Stellen dieser Arbeit hätte es 
für mich nahe gelegen, näher auf Beobachtungen an anderen 
Stellen und in anderen Gebieten einzugehen; ich habe das 
jedoch unterlassen, um die Übersichtlichkeit dieser Arbeit 



1) Hahne und Wüst, Die paläolithischen Fundschichten und 
Funde der Gegend von Weimar, Centralblatt für Mineralogie usw., 
1908, S. 197—210. 

Wüst, Neues über die paläolithischen Fundstätten der Gegend 
von Weimar, Zeitschrift für Naturwissenschaften, Bd. 80, 1908, S. 125 
— 134. 

Wüst, Das Vorkommen von Rhinoceros Merckii Jäg. in den 
oberen Travertinen von Ehringsdorf bei Weimar und seine Bedeutung 
für die Beurteilung der Klimaschwankungen des Eiszeitalters, Central- 
blatt für Mineralogie usw., 1909, S. 23—25. 

Wüst und Hahne, Die Fundstellen von Weimar, Ehringsdorf 
und Taubach auf Grund eigener Grabungen, Bericht über die Prä- 
historiker-Versammlung, den 23. bis 31. Juli 1907 zur Eröffnung des 
Anthropologischen Museums in Köln (Köln o. J., erschienen 1909), 
S. 75—86, Tafel II. — In dieser Arbeit hat Hahne die gesamte uns 
bekannt gewordene Literatur über die paläolithischen Fundschichten 
und Funde der Gegend von Weimar zusammengestellt. 

Wüst, Die Bedeutung der Profile des Travertingebietes von 
Weimar für die Beurteilung der Klimaschwankungen des Eiszeitalters, 
Berichte über die Versammlungen des Niederrheinischen geologischen 
Vereins, 1909, Bonn 1910, S. 41 -44. 

11* 



164 



Ewald Wüst, 



[4] 



nicht zu beeintriiehtigeu und verschiebe daher die bezüg- 
liclien Darlegungen und Erörterungen auf spätere Veröffent- 
lichungen. 

In der vorliegenden Arbeit gebe ich zunächst einen 
kurzen Überblick über die plistozänen Ablagerungen des 
Travertingebietes der Gegend von Weimar. Dann behandle 
ich die Fossilienbestände dieser Ablagerungen und ihren 
biogeographischen und klimatischen Charakter. Darauf gebe 
ich eine Einordnung der Ablagerungen in die Chronologie 
des Eiszeitalters. Schliefslich erörtere ich die Bedeutung 
der Ablagerungen und ihrer Fossilienbestände für die Be- 
urteilung der Klimaschv^^ankungen des Eiszeitalters. 



Die AWagerungen des Travertingebietes der Gegend 
von Weimar. 

Eine kurze Ubersicht über die Ablagerungen des 
Travertingebietes der Gegend von Weimar habe ich bereits 
mehrfach in den erwähnten Vorläufigen Mitteilungen ge- 
geben. Wenn ich auch an den wesentlichsten — namentlich 
an den für die Beurteilung der Klimaschwankungen des 
Eiszeitalters in Betracht kommenden — Punkten meiner 
bisherigen Darstellungen nichts zu ändern habe, so machen 
sich doch in mehreren anderen, minder wichtigen Punkten 
einige Änderungen erforderlich. Diese sind in erster Linie 
bedingt durch einige neu geschaffene Aufschlüsse und 
durch die genaue Durcharbeitung der Ergebnisse eines von 
Herrn Grofsherzoglichen Bauinspektor Rebling in Weimar 
ausgeführten Nivellements des Travertingebietes, welches 
den Bedürfnissen der wissenschaftlichen Erforschung des 
Travertingebietes in verständnisvoller Weise Rechnung 
trägt. 1) 



1) Herrn Rebling sage ich auch an dieser Stelle meinen 
wärmsten Dank für die liebenswürdige Übersendung einer Darstellung 
der Ergebnisse seines für meine Untersuchungen so wertvollen 
Nivellements sowie überhaupt für die freundliche Unterstützung, die 
ich bei meinen Untersuchungen in der Gegend von Weimar jederzeit 
bei ihm gefunden habe. 



Travertiugebiet der Gegend von Weimar. 



1Ö5 



Die Travertine der Gegend von Weimar liegen im llm- 
tale zwischen Weimar und dem 4 km weiter Ilm aufwärts 
gelegenen Dorfe Taubaeh in drei getrennten Gebieten: 

1. dem Taubacher Gebiete: auf der rechten Seite der 
Ilm im Dorfe Taubaeh und an dessen Nordwest- 
und Westseite, 

2. dem Ehringsdorfer Gebiete: auf der linken Seite 
der Ilm im Dorfe Ehringsdorf und in einem bis 
etwa 0,25 km breiten am Südwestrande der Ilmaue 
bis etwa 0,8 km Ilm aufwärts von Ehringsdorf hin- 
ziehenden Landstreifen, 

3. dem Weimarer Gebiete: auf der linken Seite der 
Ilm in der Stadt Weimar (nach Süden bis zur 
Falkenburg). 

Die Kartierung dieser Travertingebiete auf den 
Blättern Magdala und Weimar der Geologischen Spezialkarte 
von Preufsen und den Thüringischen Staaten (Berlin 1872, 
aufgenommen von E. E. Schmid) ist in verschiedener Hinsicht 
unzutreffend. Hier sei vor allem darauf hingewiesen, dafs 
die von Schmid zwischen der Falkenburg und Ehringsdorf 
angegebenen Travertine nicht vorhanden sind. 

In der vorliegenden Arbeit beziehe ich mich soweit als 
möglich auf die Ortsbezeichnungen der 1905 herausgegebenen 
neuen Ausgaben der Mefstischblätter Magdala und Weimar. 
Zur Auffindung der Lage der im folgenden häufiger 
erwähnten Aufschlüsse auf diesen Mefstischblättern 
dienen die folgenden Angaben. Die beiden grofsen auf 
Blatt Magdala auf der Nordseite der westlichsten. Häuser 
des Dorfes Taubach eingetragenen Aufschlüsse sind die 
beiden Travertinbrüche von Sonnrein. Dicht westlich 
davon verzeichnet das Blatt mit einer bogenförmigen 
Böschungssignatur an der Chaussee die Kiesgrube von 
GoTTSCHALG. An der Südostseite des Dorfes Ehringsdorf 
verzeichnet dasselbe Kartenblatt drei grofse Steinbruchs- 
komplexe. Der dem Dorfe am nächsten gelegene gehört 
im wesentlichen Saalborn, nur der nördlichste Zipfel da- 
von der Heydenreich sehen Bierbrauerei. Der nächst- 
folgende gehört zum gröfsten Teile Haubold, nur ein kleiner 



1G6 



Ewald Wüst, 



[6] 



im Nordosten gelegener Teil Schwarz. Der dritte Komplex, 
von Ehringsdorf an gerechnet, gehört Kaempfe. Der etwa 
0,4 km in südöstlicher Richtung vom Kaempfe sehen Bruche 
gelegene Steinbruch gehört Boettnek. Nicht eingetragen 
sind folgende neuere Travertinbrüche : der Fischer sehe, 
südlich vom Haubold sehen, von diesem nur durch den auf 
dem Kartenblatte angegebenen Feldweg getrennt; der 
Hackemesser sehe, etwa da, wo der südöstlich vom 
Kaempfe sehen Bruche senkrecht zum Gehänge verlaufende 
Feldweg die 247,5 m-Kurve schneidet ; ein weiterer Boettner 
gehörender Bruch an der Mündung desselben Feldweges in 
den Fahrweg von Ehringsdorf nach Köttendorf und schliefs- 
lich der Bruch von Gruber und Häsener in nächster Nähe 
des zuerst erwähnten (östlichsten) Boettner sehen Bruches. 
Der Eingang der Parkhöhle im Parke von Weimar liegt 
am linken Ilmufer da, wo Blatt Magdala gegenüber von 
Goethes Gartenhäuschen die Holzbrücke verzeichnet. Der 
in Weimar gelegene ÜLLEsche (früher Hirsch sehe) Bruch 
ist auf Blatt Weimar — allerdings nicht ganz den heutigen 
Aufschlufsverhältnissen entsprechend — verzeichnet: er ist 
der nördlichere der beiden am Ostrande des Kartenblattes 
südöstlich vom Weimarer Friedhofe angegebene Aufschlufs. 

Die Travertine der drei unterschiedenen Travertingebiete 
werden von den liegenden vorplistozänen (triädischen) Ge- 
steinen mindestens grofsenteils — jedenfalls überall, wo 
eine direkte Beobachtung möglich war — durch kiesige, 
sandige oder mergelige Ilmablagerungen getrennt. In die 
Travertine selbst ist — von untergeordneten kiesigen oder 
mergeligen Einlagerungen abgesehen — in einem grolsen 
Teile des Ehringsdorfer und des Weimarer Gebietes eine 
weithin aushaltende Bank von Löfsmaterial, vulgo Pariser 
(verderbt aus Poröser), eingeschaltet. Im Hangenden der 
Travertine sind nur Gehängebildungen, welche grofsenteils 
aus Löfs- oder Laimenmaterial bestehen und lokal an- 
scheinend auch echte, aber nur sehr geringmächtige Löfs- 
bilduugen vorhanden. 

Wenn wir zunächst die im Liegenden der Traver- 
tine vorhandenen Ilmablageruugen betrachten wollen, 
so ziehen wir zweckmäfsig alle im Ilmtale zwischen Tau- 



[7 



Travcrtingcbiet der Gegend von Weimar. 



1G7 



bach iiud Weimar bekannt gewordenen llmablageruugeu in 
den Kreis unserer Betrachtungen. Diese Ilmablageriingen 
lassen sieb auf die folgenden Terrassen oder Talböden') 
verteilen : 

1. Die Oberterrasse, etwa 20 m über der heutigen 
Aue. Ihre Ilmablagerungen habe ich nur in einem kürzlich 
neben der Belvedere-AUee am Westende von Ehringsdorf 
angelegten Kiesloche aufgeschlossen gesehen. Das Loch 
schliefst einen stark rostfarbenen Ilmkies auf, der reicher 
an nordischem Gesteiusmateriale ist als alle anderen Ilm- 
kiese des Gebietes. 

2. Die Mittelterrasse. Ihre Ilmablagerungen liegen 
7 — 1 1 m über der heutigen Aue. Ich habe sie aufgeschlossen 
gesehen in der Gottschalg sehen Kiesgrube und in dem 
östlicheren der beiden Sonnrein sehen Travertiubrüche bei 
Taubach und in den Travertinbrüchen von Kaempfe, 
Haubold und Saalbokn bei Ehringsdorf. Die Ilmkiese 
sehen wesentlich frischer aus als die der Oberterrasse und 
führen bei Ehringsdorf relativ reichlich — wenn auch bei 
weitem nicht so reichlich wie die Kiese der Oberterrasse — , 
bei Taubach aber nur sehr spärlich nordisches Gesteins- 
material. Die Kiese der Mittelterrasse sind überall, wo ich 
sie gesehen habe von 0,3 — 1 m mächtigen, bräunlichen, 
gräulichen oder grünlichen, noch vereinzelte Ilmgerölle 
führenden mergeligen Ilmabsätzen (vulgo Letten) überlagert. 

3. Die Unterterrasse. Ihre Ilmablagerungen liegen 
2 — 5 m über der heutigen Aue. Man sieht sie als durch 
Kalkkarbonat mehr oder weniger zu Konglomeraten ver- 
festigte Kiese am linken Ilmufer im Parke von Weimar 

. dauernd aufgeschlossen. Der schon lange bestehende kleine 
Aufschlufs am Eingange der Parkhöhle zeigt, wie sie auf 
bunten Letten des mittleren Keupers auflagern und von 



Die im Folgenden eingeführten kurzen Bezeichnungen für die 
einzelnen Terrassen sollen selbstverständlich nur lokale Geltung haben 
und keineswegs etwa die Annahme einer Altersgleichheit unserer 
Terrassen mit ebenso bezeichneten anderer Gebiete zum Ausdrucke 
bringen. Vergleiche den Abschnitt über die „Einordnung der Ab- 
lagerungen des Travertingebietes der Gegend von Weimar in die 
Chronologie des Eiszeitalters" gegen Ende der vorliegenden Arbeit! 



168 



Eavalu WtlST, 



[8] 



festen Travertinbänken überlagert werden. Die Kiese bezw. 
Konglomerate der Unterterrasse habe ich auch auf der 
Sohle des Uli.e sehen Travertinbruehes in Weimar gelegent- 
lich angeschürft gesehen. Hier sind sie gewöhnlich von 
höchstens wenige Dezimeter mächtigen mergeligen Ilni- 
absätzen überlagert, welche ebenso aussehen wie die ana- 
logen Gebilde der Mittelterrasse und wie diese vulgo Letten 
heifseu. Die Kiese der Unterterrasse sehen frisch aus und 
führen nur sehr spärlich nordisches Gesteinsraaterial. 

4. Tiefgelegene Terrassen, weniger als 2 m über 
der heutigen Aue. Aufgeschlossen gesehen habe ich nur 
eine dünne Lage von Kies, Sand und Mergel, welche zeit- 
weise zwischen Oberem Museheikalke und Gehängeschutte 
in einem Anschnitte unter der Chaussee von Oberweimar 
nach Taubach an der Einmünduugsstelle des von Ehrings- 
dorf kommenden Fahrweges sichtbar war. 

5. Die heutige Ilmaue. 

Der Uberblick über die verschiedenen Terrassen ist 
durch die Bedeckung des gröfsten Teiles derselben durch 
die Travertine und durch die Mangelhaftigkeit der Auf- 
schlüsse sehr erschwert. Daraus erklärt es sich, dafs ich 
bisher — irrtümlich — die Mittel- und die Unterterrasse 
für eine Terrasse gehalten habe, der ich ein stärkeres 
Gefälle als der heutigen Ilmaue zuschrieb. Von dem Vor- 
handensein der drei als Ober-, Mittel- und Unterterrasse 
bezeichneten Reste alter Talböden kann man sich noch am 
besten zu Taubach überzeugen. Hier kommen, wie erwähnt, 
im Liegenden der Travertine die Ilmablagerungen der 
Mittelterrasse zum Vorscheine. Unter der Kiesgrube von 
GoTTSCHALG sieht man zwischen der Chaussee von Ober- 
weimar nach Taubach und der Ilm im Felde Schotter, 
welche ihrem Niveau nach der Unterterrasse (zum Teile 
vielleicht noch tieferen Terrassen) angehören und am Hange 
über dem Travertingebiete von Taubach findet man im 
Niveau der Oberterrasse wenigstens einzelne llmgerölle in 
den Feldern. 

Wo ich das Liegende der Travertine aufgeschlossen 
sah, fand ich es von den Ilmablagerungen der Mittel- oder 
der Unterterrasse gebildet. Der Oberterrasse sah ich die 



Travertingebiet der Gegend von Weimar. 



169 



Travertine nirgends aufgelagert, doch steigen diese bis über 
das Niveau der Oberterrasse empor. Die der Mittelterrasse 
aufgelagerten Travertine sind nicht im Anschlüsse an die 
Bildung dieser Terrasse entstanden, sondern vielmehr erst 
nachdem im Anschlüsse an die Bildung der Unterterrasse 
das Tal bis etwa zum Niveau der Mittelterrasse durch 
Travertinablagerungen zugefüllt worden war. Das geht 
namentlich aus zwei Umständen deutlich hervor. Zunächst 
kann man bei Ehringsdorf (namentlich in den Profilen durch 
den Haubold sehen und den Fischer sehen Bruch) der 
Mittelterrasse aufgelagerte Travertinschichten unverändert 
bis zu Stellen verfolgen, an denen die Travertine bis unter 
das Niveau der Mittelterrasse hinabreichen und jedenfalls 
der Unterterrasse aufgelagert sind. Es gilt dies namentlich 
von einer humosen Einlagerung, welche zu dem auf der 
beigegebenen Profiltafel mit dem Buchstaben g bezeichneten 
Schichtenkomplexe gehört. Sodann lehrt eine Vergleichung 
der Profile des Ulle sehen Bruches in Weimar und der 
Sonnrein sehen Brüche in Taubach, dafs die bei Sonnrein 
nahe der Basis der Travertine, wenig über den Ilmablage- 
rungen der Mittelterrasse gefundenen Fossilien und paläo- 
lithischen Artefakte bei Ulle, wo die Travertine der Unter- 
terrasse auflagern, mehrere Meter höher über der Basis der 
Travertine, ungefähr im Niveau der Mittelterrasse, also un- 
gefähr in derselben Höhe über der heutigen Aue wie bei 
Sonnrein vorkommen. Es handelt sich hier besonders um 
das erste Auftreten der Äntiquus -Fauna und um das Auf- 
treten der von Hahne als übereinstimmend gekennzeichneten 
jeweils einzigen paläolithischen Industrien von Weimar und 
von Taubach. 

Lagerung und Ausbildung der Travertine weisen 
in den verschiedenen Teilen des ganzen Travertingebietes 
nicht unerhebliche Verschiedenheiten auf. 

Am einfachsten und klarsten liegen die Verhältnisse 
im Taubacher Travertingebiete. Hier lagern bis etwa 
5 m mächtige, im ganzen horizontal geschichtete Travertine 
den Ilmablagerungen der Mittelterrasse auf. Die Travertine 
sind in raschem Wechsel in vertikaler und oft auch in 
horizontaler Richtung petrographisch recht verschiedenartig 



170 



EWALU WÜST, 



[10] 



iiusgebildct, bald als feste, relativ dichte „Werkbänke", 
bald als brockige oder poröse Travertine, die oft schöne 
Inkrnstate von Schilf, Moosen und Algen (besonders Cha- 
razeeu) darstellen, bald als zerriebene Chareninkriistate von 
sandiger Konsistenz (sogenannte Charen-, vulgo Scheuer- 
sande). Oft macht sich eine mehr oder vpeniger starke 
Beimengung saudigen oder besonders tonigen klastischen 
Materials geltend, welche lockere Travertinarten in mergel- 
artige Gesteine übergehen läfst. Wesentlich auf ein nahe 
der Basis der Travertine gelegenes Niveau, das der paläo- 
lithiscben Fundschicht, sind Beimengungen von Kies und 
zwar nicht Ilm- sondern Nebenbachkies beschränkt. Häufig 
sind Travertinlagen, die offensichtlich einige Zeit die Erd- 
oberfläche gebildet haben und mit Vegetation bestanden 
gewesen sind, humos gefärbt. 

Das Weimarer Travertingebiet ist gröfstenteils mit 
Häusern oder Park- und Gartenanlagen besetzt und daher 
der Untersuchung nicht zugänglich. Das wenige, was ich 
von den im Stadtgebiete gelegentlich geschaffenen vorüber- 
gehenden Aufschlüssen habe untersuchen können, hat für 
die Zwecke der vorliegenden Arbeit keine Bedeutung. Ich 
halte mich hier ganz an das, was ich in dem einzigen zur 
Zeit noch im Betriebe befindlichen Travertinbruche, dem 
Ulle sehen, früher Hirsch sehen, beobachten konnte. Hier 
sind die der Unterterrasse aufgelagerten Travertine im 
Ganzen horizontal geschichtet und petrographisch ebenso 
ausgebildet wie im Taubacher Gebiete. Nur die tiefsten 
Lagen der Travertine, unterhalb des Mittelterrassenniveaus, 
deren Äquivalente nach dem gesagten im Taubacher Gebiete 
fehlen, sind gröfstenteils abweichend, als Baumtravertine, 
wie ich sie kurz nennen möchte, ausgebildet. Diese Baum- 
travertine sind teils kompaktere, teils porösere Travertine, 
mit zahlreichen, oft mehrere Meter weit zu verfolgenden 
Löchern, welche von übersinterten und dann verfaulten, 
teils stehenden, teils liegenden Baumstämmen herrühren. 
Ich bezeichne die 2,5 m mächtigen untersten Travertinlagen 
des Ulle sehen Bruches, die gröfstenteils als Baumtravertine 
ausgebildet sind, im folgenden kurz als die Zone der 
Baumtravertine. Im Ulle sehen Bruche wird der hier 



[11 



Travertingebiet der ttegeiid vou Woiiiiar. 



171 



etwa 13 m niüchtige Travertiukoniplex durcb die Eiu- 
sclialtung des hier 0,5 — 0,6 m mächtigen Parisers in die 
etwa 10,5 ni mächtigen Unteren und die bis 2 m mächtigen 
Oberen Travertine gegliedert. Der Pariser ist hier zur 
Zeit kaum zugänglich. Ich behandle dieses eminent wichtige 
Gebilde näher bei der Besprechung der Eliriugsdorfer Profile, 
in denen es bequem zugänglich und studierbar ist. 

Am verwickeltsten liegen die Verhältnisse im Ehrings- 
dorfer Travertingebiete. Im Westen dieses Gebietes, 
nahe dem Dorfe, wo die zum Teile sehr ansehnlichen Stein- 
brüche von Ewald (jetzt aufgelassen), Heydenkeich (jetzt 
aufgelassen), Saalborn, Haubold, Schwauz, Kaemi'KE und 
Fischer vorzügliche Aufschlüsse darbieten, sind die vor- 
handenen Schichten unschwer mit den in Weimar und in 
Taubach aufgeschlossenen zu vergleichen. Die Travertine 
liegen hier zum Teile ebenso wie im Taubacher Gebiete 
auf der Mittelterrasse, wie das au einer Reihe von Stellen 
in den Brüchen von Saalborn, Haubold und Kaempfe 
festzustellen war. Sie reichen indessen an anderen Stellen, 
wie namentlich in den Brüchen von Fischer und Ewald, 
wesentlich unter das Niveau der Mittelterrasse hinab und 
sind hier jedenfalls der Unterterrasse aufgelagert, i) Die 
Gesteinsentwicklung ist ähnlich wie im Taubacher Gebiete, 
doch wiegen weit mehr als in diesem „Werkbänke" vor, 
was zwar zu einem regen Steinbruchsbetriebe und damit 
zur Schaffung zahlreicher schöner Aufschlüsse geführt hat, 
dem Sammeln von Fossilien aber überaus hinderlich ist. 
Wie im Ulle sehen Bruche zu Weimar, so werden auch 
hier die Travertine durch die ganz konstante Ein- 
schaltung des Parisers in Untere und Obere Travertine 
gegliedert. 



') leh habe bisher keinen bis in das Niveau der Unterterrasse 
liinabreichcnden Aufschlufs gesehen. Ob früiicr solche — etwa im 
Ew aidschen Bruche — vorhanden waren, konnte ich nicht sicher 
ermitteln. Nach der Lage des Fischerschen Bruches zwischen dem 
Gehänge und dem Verbreitungsgebiete der Ablagcruugen der Mittel- 
terrasse können hier die Unteren Travertine kaum auf der Unterterrasse 
der Ilm, sondern wohl nur auf einem der Unterterrasse äquivalenten 
Talboden eines Seitentälchens liegen. 



172 



Ewald Wüst, 



[12J 



Der Pariser ist eine meist etwa meterstarke ßanlc von 
bellgelbem, meist recbt reinem, seltener durch Gerölle ver- 
unreinigtem Löfsmuteriale. Die obersten 20 — 40 cm sind 
gewöhnlich verlaimt und oft zu oberst mehr oder weniger 
humos gefärbt. In allen Zonen des Parisers — am wenigsten 
häufig in der Laimenrinde und in der untersten Zone — 
ist oft eine Anreicherung von Löfskindeln zu beobachten, 
welche nicht selten so beträchtlich ist, dafs die Kindel ein- 
ander berühren und miteinander teilweise verschmelzen, so 
dafs ein hartes, im Steinbruchsbetriebe zu sprengendes 
Kalkgestein entsteht, in dem nur noch die wenigen zwischen 
den Kindein noch vorhandenen und oft garnicht mehr mit- 
einander zusammenhängenden Zwischenräume das ursprüng- 
liche Löfsmaterial zeigen. Das ist so recht ein „poröses" 
Gestein, wie es zu dem Namen Poröser Anlafs gegeben 
haben wird. Mitunter ist sogar der Pariser stellenweise so 
mit Kalkkarbouat getränkt, dafs ein au Werktravertine er- 
innerndes aber natürlich weicheres, als Baustein unverwend- 
bares und in HCl viel Rückstand hinterlassendes Gestein 
daraus entstanden ist. Das in der beschriebenen Weise 
ausgeschiedene Kalkkarbonat kann natürlich nur zum 
kleinsten Teile aus der jetzigen Laimenrinde stammen und 
mufs in seiner Hauptmasse auf die teilweise in den Pariser 
eingedrungenen Kalkkarbonatlösungen zurückgeführt werden, 
aus denen die Oberen Travertine ausgeschieden worden sind. 

Der Pariser lagert, wie die beigegebene Profiltafel zeigt, 
in sehr verschiedenem Niveau den Unteren Travertinen auf. 
Im ganzen hebt er sich vom Rande der heutigen Ilmaue 
nach dem Gehänge zu, wie ebenfalls die beigegebene Profil- 
tafel erkennen läfst, und Profile senkrecht zur heutigen 
Ilmaue, die ich später geben werde, noch deutlicher zeigen 
werden. Mehrfach sieht man in den einzelnen Aufschlüssen 
schon, wie der Pariser verschiedenen Schichten der Unteren 
Travertine aufgelagert ist. Nach alledem ist also eine so- 
genannte Erosionsdiskordanz zwischen den Unteren Traver- 
tinen und dem Pariser unverkennbar: es hat nach Ablage- 
rung der Unteren Travertine nicht nur eine Unterbrechung 
der Travertinbildung, sondern auch eine Abtragung eines 
Teiles der Unteren Travertine stattgefunden. 



[13] 



Travertingobiet der Gegend von Weimar. 



173 



Über dem Pariser folgen die Oberen Travertine, 
ähnlich ausgebildet wie die Unteren. Erscheinen sie auch 
im einzelnen Aufschlüsse annähernd ebenso horizontal ge- 
lagert wie die Unteren Travertine, so lehrt doch die Be- 
trachtung der Niveaus einiger leicht und sicher über ver- 
schiedene Aufschlüsse hin verfolgbarer Schichten, wie 
namentlich einer oben schon einmal erwähnten erdigen, 
humosen Einlagerung, Niveaudifterenzen von einem Ausmafse 
kenneu, wie sie in den Unteren Travertinen nicht nach- 
weisbar sind. Die erwähnte humose Einlagerung z. B., die 
über einen grofsen Teil der Brüche von Haubot^d, Schwakz, 
Kaempfe und Fischer zu verfolgen ist, weist in diesem 
nur beiläufig zwei Hektar grofsen Gebiete Niveaudiflferenzen 
im Betrage von etwa 3 m auf. Die grüfste an einer Stelle 
konstatierte Mächtigkeit der Oberen Travertine beträgt 7,5 m. 
Die Gesteinsentwicklung der Oberen Travertine ist von der- 
jenigen der Unteren insofern etwas verschieden, als mergelige 
Einlagerungen häufiger sind und auch die eigentlichen 
Travertingesteine im allgemeinen unreiner sind, besonders 
einen stärkeren Tongehalt aufweisen. Das ist sogar für die 
technische Verwertung der Travertine von Bedeutung. Herr 
Kaempfe in Ehringsdorf, welcher die Travertine am ratio- 
nellsten technisch verwertet, brennt die Unteren Travertine 
seines Bruches mit im Mittel 95 »/o CaCO-i wenigstens zum 
Teile zu „gebranntem Marmor", während er die Oberen 
Travertine seines Bruches mit im Mittel 870/0 CaCO^ nur 
als Bausteine verwenden kann.i) 

Im Osten des Ehringsdorfer Travertingebietes 
ändern sich die Verhältnisse, indem teils die Travertine 
eine ausgesprochene Gehängeschichtung annehmen, teils der 
Pariser nicht mehr nachweisbar ist, teils beide Abweichungen 
von den Verhältnissen im Westen des Travertingebietes 
eintreten. In dem westlicheren der beiden Boettner sehen 
Brüche, der nicht weit vom Kaempfe sehen Bruche entfernt 
ist, liegen die Schichten noch annähernd horizontal, doch 
ist der Pariser nicht nachweisbar. Die Travertine dieses 
Bruches, in denen mächtige Baumtravertine mit ganzen 



Nach gefälliger mündlicher Mitteilung des Herrn Kaempfe. 



174 



Ewald Wüst, 



fl4] 



Schichten versinterten Laubes auftreten, scheinen, obgleich 
sie l)is zu einem Niveau von weniger als 10 ni über der 
heutigen Aue hinabreichen, nach Gesteinsentwicklung und 
FossilienfUhrung zu urteilen, insgesamt den Oberen Traver- 
tinen anzugehören. Ich werde aber das übrigens nur gering- 
fügige Fossilienmaterial, das ich aus diesem Bruche ge- 
winnen konnte, in dieser Arbeit unberücksichtigt lassen, 
weil ich angesichts des Fehlens des Parisers doch nicht 
ganz sicher bin, wie die Travertine dieses Bruches mit 
denen der übrigen zu parallelisieren sind. 

In dem höchstgelegenen, HACKEMESSERschen Bruche 
zeigen die Travertine schon deutliche Gehüngeschichtung, 
doch ist der Pariser hier noch deutlich, ja typisch ent- 
wickelt. Der Pariser liegt hier 27 — 28,5 m über der heutigen 
Aue, noch gegen 11 m höher als an der höchsten Stelle 
seines Vorkommens im westlichen Teile des Ehringsdorfer 
Travertingebietes. Der Pariser war im Hackemesser sehen 
Bruche noch nicht aufgeschlossen, als ich das in zweien 
meiner Vorläufigen Mitteilungen i) veröffentlichte Querprofil 
durch das Ehringsdorfer Travertingebiet entwarf Dieses 
Profil ist jetzt dahin zu berichtigen, dafs der Pariser stark 
am Gehänge emporsteigt und wohl — wie ich jetzt ver- 
muten möchte — direkt in die Löfsmassen über den Rändern 
des alten Ilmtales übergeht. Vergleiche das Profil, welches 
ich in den Berichten über die Versammlungen des Nieder- 
rheinischen geologischen Vereins, 1909, Bonn 1910, S. 42, 
gegeben habe. 

In den noch weiter östlich gelegenen Brüchen von 
Boettner und von Gruber und Haesener fehlt der Pariser 
und die Travertinschichten schiefsen mit Fallwinkeln bis zu 
etwa 350 in der Richtung nach dem heutigen Ilmtale zu 
ein. Ich lasse diese Brüche im Folgenden umsomehr aufser 
Acht, als ich bis jetzt fast gar keine Fossilien aus ihnen 
erhalten habe. 

Die Travertine der Gegend von Weimar sind un- 



') Centraiblatt für Mineralogie usw., 1908, S. 198, Fig. 2 (die Figur 
trägt irrtümlich die Uberschrift „Fig. 1") und Bericht über die Prii- 
historiker -Versammlung usw., 1909, S. 75, Fig. 1. 



[15] Travertingebiet der Gegend von Weimar. 175 



veikennbar Absätze kalkreieher Quellwässer.') Solche 
Quelltravertine können am Talgeliänge wie in der Flufs- 
aue entstehen und danach in Gehänge- und Auetraver- 
tine gegliedert werden. Unter den Travertinen der Gegend 
von Weimar sind unverkennbar die beiden eben erwähnten 
Typen vertreten, doch ist mir zur Zeit eine sichere und 
vollständige Aufteilung unserer Travertine auf die beiden 
Typen noch nicht möglich. Die stark geneigten Travertine 
im östlichen Teile des Travertingebietes von Ehringsdorf 
sind ohne allen Zweifel Gehängetravertine. Die übrigen 
habe ich ursprünglich wegen ihrer im wesentlichen horizon- 
talen Lagerung insgesamt für Auetravertine gehalten.-) Es 
ist jedoch zu berücksichtigen, dafs auch an Gehängen ge- 
bildete Travertine annähernd horizontale Lagerung annehmen 
können, wenn sie auf der annähernd horizontalen Unterlage 
alter Flufsterrassen abgelagert werden. Die Hauptmasse 
der Unteren Travertine enthält, wie aus der dieser Arbeit 
beigegebenen grofsen Konchylien-Tabelle ersichtlich ist, eine 
sehr reiche Wassermolluskenfauna, welche auf mannigfache 
Existenzbedingungen hinweist, wie sie nur die Aue eines 
Flusses, nicht Quellwässer am Gehänge darbieten konnten. 
Danach sind diese Travertine als Auetravertine anzusprechen. 
Dafür spricht auch der Umstand, dafs, wie weiterhin gezeigt 
werden wird, im Grofsen und Ganzen die gleich hoch über 
der heutigen Aue gelegenen Teile dieser Travertine nach 



Die in der älteren Literatur verbreitete Annahme, dafs unsere 
Travertine Absätze eines Seees seien, der das ganze Ilmtal zwischen 
Taubach und Weimar eingenommen habe, ist heute nicht mehr dis- 
kutabel. Die neuerdings von Johannes Walther (besonders in seinem 
Buche Geschichte der Erde und des Lebens, Leipzig 1908, S. 529) 
vertretene Ansicht, dafs unsere Travertine von Thermen abgesetzt 
seien, ist schon deshalb hinfällig, weil wir wissen, dafs die in unseren 
Travertinen nachgewiesene Wassermolluskenfauna nicht in Thermal- 
wasser lebt. Ich werde auf die hier nur kurz erwähnten Ansichten in 
einer ausführlichen Erörterung der Bildungsweise unserer Travertine 
in der eingangs in Aussicht gestellten Arbeit näher eingehen. 

') In dieser Auffassung bestärkte mich das Vorkommen von Ilm- 
gerüllen selbst noch in den Oberen Travertinen. Ich nehme jetzt an, 
dafs diese Gerolle aus höher am Gehänge vorhanden gewesenen älteren 
Ilmkiesen stammen. 



176 



Eavald Wüst, 



Ausweis ihrer Fossilienbesttinde als gleich alt zu betrachten 
sind. In den obersten Lagen der Unteren Travertine, deren 
Fossilienbestände leider noch recht unzureichend bekannt 
sind, tritt unverkennbar eine Verarmung der Wassermollusken- 
fauna ein, was jedenfalls darauf zurückzuführen ist, dafs 
jetzt die Stellen, an denen sieh diese Travertinlagen bildeten, 
infolge zunehmender Ausfüllung des Tales mit Travertinen 
dem Inundationsgebiete der Ilm und ihrer Nebenbäche ent- 
rückt waren. Dann trat, wie schon erwähnt, vor der 
Bildung des Parisers eine Abtragung eines Teiles der Unteren 
Travertine — wohl infolge einer Tieferlegung des Ilm- 
bettes — ein. Nach der Bildung des Parisers entstanden 
die Oberen Travertine, die nach der etwas gröfseren Neigung 
ihrer Schichten und vor allem nach ihrer überaus ärmlichen 
Wassermolluskenfauna, welche nur aus Arten besteht, die 
heute auch in Quellen, kleinen Quellbächen und kleinen 
Tümpeln leben, zu urteilen, als Gehängetravertine anzu- 
sprechen sein dürften. Dafür spricht auch der Umstand, 
dafs, wie weiterhin gezeigt werden soll, innerhalb der 
Oberen Travertine gleich hoch über der heutigen Aue ge- 
legene Schichten nach Ausweis ihrer Fossilienbestände 
keineswegs immer für gleich alt gehalten werden können.') 
Der Pariser, welcher die Oberen Travertine von den 
Unteren trennt, ist seiner Gesteinsentwickelung nach zum 
Teile als ein Gehängelöfs anzusprechen, der örtlich nach 
Ausweis der in ihm enthaltenen — spärlichen — Wasser- 
mollusken sogar unter Beteiligung von Wasser entstanden 
ist. Ein anderer Teil des Parisers kann jedoch seiner 
Gesteiusbeschatfenheit nach ebensogut wie als Gehängelöfs 
als echter, äolischer Löfs betrachtet werden. Ob nun auch 
der Pariser zum Teil als äolischer Löfs anzusprechen ist 
oder nicht, so ist doch unter allen Umständen nicht zu 
verkennen, dafs zwischen die Bildung der Unteren und die 
der Oberen Travertine eine Periode der Löfsbildung fällt, 
denn sonst wäre es nicht zu verstehen, dafs den Unteren 

') Wenn die Oberen Travertine Gehängetravertine sind, entfällt 
die Notwendigkeit meiner früheren Annahme, dafs die Oberen Traver- 
tine bei Taubach einst vorhanden gewesen, aber später der Abtragung 
anheimgefallen sind. 



Travertingebiet der Gegend von Weimar. 



177 



Travertinen mergeliges und lehmiges Material fast ganz 
fehlt, im Pariser Ijörsinaterial auftritt und die Oheren 
Travertine viel Mergel und Lehm, teils als Beimengung in 
den Travertinen selbst, teils in den Travertinen einge- 
schalteten Schichten enthalten. Später xu besprechende 
Verhältnisse der Fossilienführung sprechen im gleichen 
Sinne. 

Das Hangende der Travertine bilden im allgemeinen 
nur Eluvial- und Gehängebilduugen, von denen die 
letzteren grofstenteils aus Löfs- und Laimenmaterial bestehen 
und im Fischer sehen Bruche bei Ehringsdorf in einer 
kleinen, das Travertingebiet durchfurchenden Erosionsrinne 
ihre gröfste bisher bekannt gewordene Mächtigkeit von etwa 
3,5 m erreichen. An manchen Stellen, wie z. B. gerade in 
dem eben erwähnten Fischer sehen Bruche, treten auch 
aus Löfsmaterial bestehende Bildungen auf, welche als 
echter äolischer Löfs anzusehen sein dürften. Solche 
Bildungen sah ich indessen stets nur wenige Dezimeter 
mächtig werden, so dafs ich sie nicht mit dem Jüngeren 
oder gar dem Alteren, sondern nur mit dem Jüngsten Lösse 
Thüringens vergleichen kann, i) 

Die Fossilienbestände der Ablagerungen 
des Travertingebietes der Gegend von Weimar und ihr 
biogeographischer und klimatischer Charakter. 

Durch schichtweises Sammeln von Fossilien in dem 
ganzen geschilderten Komplexe von Ablagerungen und eine 
biogeographische Analyse der dabei festgestellten Fossilien- 
bestände mufs ein Urteil über die Klimaschwankungen, 
welche sich während der Bildungszeit dieser Ablagerungen 
abgespielt haben, zu gewinnen sein. Wie einfach das im 
Prinzipe ist, so schwierig ist es trotz des bekannten 
Fossilienreichtumes und der ungewöhnlich günstigen Er- 
haltungsbedingungen der Travertine praktisch. 



Vgl. Wüst, Die Gliederung und die Altersbestimmung der 
Löfsablagerungen Thüringens und des östlichen Harzvorlandes, Central- 
blatt für Mineralogie usw., 1909, S. 385 ff. 

Zeitschr. f. Naturwias. HaUe n. S. Bd. 82. 1910. J2 



178 



KWAI-D WlIST, 



[18] 



Für eine Untersnchuug wie die hier beabsichtigte können 
nnr Organismengruppeu brauchbares Material abgeben, welche 
erstens im gröfsten Teile der Ablagernngeu schichtweise in 
gröfserer Menge und in sicher Ijestimnibaren Resten ge- 
sammelt werden können und zweitens in ihrer heutigen 
Verbreitung so gut bekannt und zugleich so stark von 
klimatischen Verhältnissen abhängig sind, dafs ihr fossiles 
Vorkommen Rückschlüsse auf das zur Bildungszeit der 
Fundschicht herrschende Klima gestattet. Diesen Anforde- 
rungen entsprechen im Ganzen nur die Mollusken und auch 
diese nur unvollkommen genug. Bei allen anderen Orga- 
nismengruppen stöfst man auf so viele Schwierigkeiten, dafs 
sie höchstens in zweiter Linie mit in Betracht kommen 
können. Reste von Säugetieren sind in der überwiegen- 
den Mehrzahl der Schichten so spärlich vorhanden, dafs 
man sich in der Regel nicht auf eigenes Sammeln einlassen 
kann, sondern auf die von den Arbeitern abgelieferten 
Fundstücke mit ihren oft nur zu fragwürdigen Fundschichten- 
angaben angewiesen bleibt. Bessere Reste von Pflanzen 
sind nur so lokal vorhanden, dafs sie für eine vergleichende 
Untersuchung der verschiedenen Ablagerungen ausscheiden, 
und die Verwendbarkeit des an vereinzelten Stellen ge- 
sammelten wird durch die hinlänglich bekannten Schwierig- 
keiten der richtigen Bestimmung fossiler Pflanzenreste stark 
beeinträchtigt. Ostrakoden sind zwar häufig und verbreitet 
und können bequem selbst gesammelt werden, aber für 
Schlüsse auf das Klima sind sie wenigstens beim derzeitigen 
Stande unserer Kenntnis der Verbreitung der lebenden 
Ostrakoden nicht verwendbar. Alle übrigen Organismen- 
gruppen haben nur so wenige und ungleich in den Ab- 
lagerungen verbreitete Reste hinterlassen, dafs sie hier über- 
haupt keiner Erörterung bedürfen. Konchylien kann man 
bequem in ausreichender Menge und — von den Kalkplatten 
der Nacktschnecken abgesehen — sicher bestimmbaren 
Stücken selbst sammeln i) und, da die Mollusken in ihrer 



Weitaus den gröfsten Teil des von mir gesammelten Kon- 
chylienmateriales habe ich durch Ausschlämmen lockeren Schicht- 
materiales gewonnen. Namentlich von wichtigen Schichten wurden 



Travertingebiet der Gegend von Weimar. 



179 



heutigen Verbreitung ausreichend bekannt und von klima- 
tischen Verhältnissen abhängig sind, zu klimatischen 
Schlüssen verwenden. Allein auch die Konchylien lassen 
für diesen Zweck viel zu wünschen übrig. Einerseits sind 
manche Schichten überaus konehylienarm, und andere, wie 
die „Werktravertine"', von einer Gesteinsbeschaflfeuheit, 
welche dem Herauspräparieren der darin vorkommenden 
Konchylien oft unüberwindliche Schwierigkeiten bereitet. 
Andererseits sind klimatische Schlüsse aus den zusammen- 
gebrachten Kochylienbeständen nur in recht bescheidenem 
Mafse und mit gröfster Vorsieht zu ziehen und das aus vier 
verschiedenen Gründen. Erstens stellen die Konehylien- 
bestände der verschiedenen Ablagerungen je nach der Bil- 
dungsweise dieser letzteren sehr verschieden grofse und meist 
wenig genau zu bestimmende Bruchteile der Mollusken- 
fauna dar, welche zur Bildungszeit der Ablagerung in der 
Umgebung des Fundortes gelebt hat. i) Zweitens erkennen 
wir wohl bei vielen Arten eine mehr oder weniger grofse 
Abhängigkeit des Verbreitungsgebietes von klimatischen Ver- 
hältnissen, sind aber doch — mangels einschlägiger Unter- 
suchungen — zur Zeit noch aufser Stande, mit Bestimmt- 
heit anzugeben, welche klimatischen Faktoren es sind, 
die die Ausdehnung des Verbreitungsgebietes mitbestimmen. 
Drittens zerfallen viele Arten, nach ihrer heutigen Ver- 
breitung zu urteilen, in morphologisch oft ununterscheidbare 
Kassen von ganz verschiedenen physiologisch -biologischen 
Eigenschaften, vor allem von ganz verschiedener klima- 
tischer Anpassung, wozu dann ferner noch kommt, dafs viele 
Arten im Laufe der Erdgeschichte ihre klimatische Anpassung 
verändert haben. Viertens schliefslich darf aus dem Vor- 



nach Möglichkeit so lange neue Proben geschlämmt, bis sich nichts 
neues mehr ergab. 

^) In Ansehung dieser von den Geologen nur zu häufig nicht 
genügend beachteten Tatsache lege ich — schon seit Jahren — den 
gröfsten Wert auf die Unterscheidung der Begriffe „Konchylien- 
bestand" und „Molluskenfauna". 

^) Vergleiche hierzu die zahlreichen Arbeiten von August 
Schulz über die Entwicklungsgeschichte der Flora und Pflanzendecke 
verschiedener Teile Europas, deren wichtigste neuerdings Schulz 

12* 



180 



Ewald Wüst, 



[20] 



kommen von Arten einer bestimmten klimatischen Anpassung 
zweifellos nicht geschlossen werden, dafs zur Bildungszeit 
der Fuudschicht ein dieser Anpassung entsprechendes Klima 
herrschte, sondern nur, dafs das Klima damals so beschaffen 
war, dafs die Art an die betreffende Fundstelle zu wandern 
bezw. sich an derselben zu erhalten vermochte.') 

Nach den gegebenen Darlegungen stelle ich im folgenden 
die Konchylien durchaus in den Vordergrund der Betrach- 
tung. Im Interesse der Übersichtlichkeit habe ich die vor- 
liegenden Beobachtungen Uber die Verbreitung der Konchylien 
Uber die Hauptglieder des zu behandelnden Schichtenkom- 
plexes nebst den erforderlichen Bemerkungen Uber zweifel- 
hafte Bestimmungen und kritische Formen in der grofsen 
beigefügten Tabelle nebst den dazugehörenden An- 
merkungen zusammengestellt. Nur weniger wichtige 
Einzelheiten der Verbreitung habe ich, um die Tabelle im 
Interesse ihrer Übersichtlichkeit zu entlasten, in den folgenden 
Text aufgenommen. Die Nacktschnecken, von denen 
Kalkplättchen fast in allen untersuchten Schichten gefunden 
wurden, habe ich in der Tabelle wie im Texte unberück- 
sichtigt gelassen, weil ihre Bestimmung meist unsicher ist 
und ihnen keinerlei nennenswerte Bedeutung für die Zwecke 
der vorliegenden Arbeit zukommt. Von den übrigen Orga- 
nismengruppen ist das wenige für die Zwecke dieser 
Arbeit wesentliche im folgenden Texte mitgeteilt und erörtert. 

Die im folgenden unterschiedenen Typen von 
Konchylienbeständen sind im Texte und in der 



selbst in einer kurz zusammenfassenden Arbeit zusammengestellt hat: 
Das Klima Deutschlands während der seit dem Beginn der Entwicklung 
der gegenwärtigen phanerogamen Flora und Pflanzendecke Deutsch- 
lands verflossenen Zeit, Zeitschrift der Deutschen Geologischen Gesell- 
schaft, Bd. 62, 1910, S. 99 fi". Die Lehre von den verschiedenen klima- 
tischen Anpassungen und den Veränderungen der klimatischen 
Anpassung ein und derselben Art ist von Schulz zuerst entwickelt 
worden in seinem Buche: Entwicklungsgeschichte der phanerogamen 
Pflanzendecke Mitteleuropas nördlich der Alpen, Stuttgart 1899 (auch 
Forschungen zur deutschen Landes- und Volkskunde, herausgegeben 
von Alfred Kirchhoff, Bd. 11, Heft 5). 

Vgl. die in der vorigen Anmerkung erwähnten Arbeiten von 
August Schulz. 



TravurtiDgebiet der Gcgcud vou Weimar. 



181 



Tabelle mit deutschen Buchstaben (a bis f und g 
und t)) bezeichnet, welche auch in der Piofil- 
tafel zur kurzen Bezeichnung der Fundschichten 
der betreffenden Konchylienbestände verwandt 
worden sind. 

Der Fossilienbestand des Ilmkieses der Unterterrasse am Eingange 
der Parkhöhle im Parke von Weimar. 

(Konchylienbestand a.) 

Im Parke von Weimar fand ich in den Ilmkiesen der 
Unterterrasse nur an einer Stelle, in dem mehrfach er- 
wähnten Aufschlüsse am Eingange der Parkhöhle, Fossilien. 
Diese Fossilien entstammen dem Ilmkiese eingelagerten 
Mergellinsen, welche etwa 2,5 — 3 m über der heutigen 
Ilmaue liegen. Die Sehlämmung einer Reihe von Proben 
ergab nur Konehylien, von diesen aber ein reiches Material, 
in dem indessen nur 11 Arten, 8 Laudschnecken, 2 Wasser- 
schnecken und 1 Muschel nachweisbar waren. Mehr noch 
als in der Artenzahl wiegen in der Individuenzahl die 
Landschneeken vor den Wassermollusken vor, denn letztere 
sind insgesamt nur in wenigen Stücken gefunden worden. 
Wie sich insbesondere aus dem sehr bedeutenden Vorwiegen 
der Land Schnecken ergibt, haben die untersuchten Mergel- 
linsen alte Ilmgeniste umschlossen. Unter diesen Umständen 
ist die Zahl der nachgewiesenen Arten als äufserst gering 
zu bezeichnen: die Ablagerung mufs unbedingt unter dem 
Molluskenleben sehr ungünstigen klimatischen Verhältnissen 
entstanden sein, ähnlich wie sie heute die arktischen Gebiete, 
die Hoehgebirgsregionen der paläarktischen Gebirge oder 
die paläarktischen Steppengebiete darbieten. 

Die Zusammensetzung des Bestandes, den ich kurz als 
den Bestand a bezeichne, gleicht am meisten der Zusammen- 
setzung der Molluskenfaunen, welche man heute innerhalb 
des Polarkreises oder in der Nähe derselben antrifft. Von 
den 8 ganz sicher bestimmten der 11 nachgewiesenen Arten 
kommen 6 heute innerhalb des Polarkreises vor: 

Helix tenuilabris 
Helix hispida 



182 



Ewald Wüst, 



[22] 



Pupa muscorum 
Pupa coluniella 
Pupa parcedentata 
Succinea oblonga 

und die nicht ganz sicher bestimmten Kouchylien können 
durchweg zu Arten gehören, welche ebenfalls heute auch 
innerhalb des Polarkreises leben. Von den aufgezählten 
6 Arten sind 3, nämlich 

Helix tenuilabris 

Pupa columella 

Pupa parcedentata 

heute ausschliefslich in recht kalten Gebieten verbreitet. 
Helix tenuilabris hat ihre Hauptverbreitung in der arktischen 
Region und ist in ihrem sonstigen rezenten Vorkommen auf 
hochnordische Länder beschränkt. Pupa columella und 
Fupa parcedentata kommen aufser in arktischen und anderen 
hochnordischen Gebieten auch in höheren Lagen der Ost- 
alpen und Pupa columella auch der Tatra vor. Die übrigen 
erwähnten Arten sind unter den verschiedensten klimatischen 
Verhältnissen weit verbreitet. 

Die 2 ganz sicher bestimmten, nicht innerhalb des Polar- 
kreises vorkommenden Arten sind 

Pupa eupa 

Planorbis crista. 

Die typische Pupa cupa kommt heute in den Alpen und 
zwar bis in die Hochgebirgsregion hinauf, im Deutschen 
Juragebirge und in der Tatra vor. Die var. turcnienia der 
Pupa cupa ist „in Asien (speziell Nord-Persieu, Trans- 
kaspien und Turkestan) weit verbreitet", Leider steht 
nicht sicher fest, ob die hier zur Erörterung stehenden 
fossilen Stücke der typischen Ptt,pa cupa oder der var. 
turcmenia zuzurechnen sind, i) Planorhis crista ist eine 
unter den verschiedensten Klimaten weit verbreitete Art, 
welche hoch in den Norden hinaufgeht — in Skandinavien 
bis GG" n. Br. — aber meines Wissens den Polarkreis 
nirgends erreicht. 



1) Vgl. die Anmerkung 20 zu der Tabelle. 



Travertiu^cbict der Gegend von Weimar. 



183 



Die 3 nicht ganz sicher bestiiniuteu Aiteu aiod 
Pupa äff. alpestris 
Limnaea ovata oder peregra 
Pisidium sp. 

Pupa alpestris, der die gefundene Pupa jedenfalls ganz 
nahe steht, hat heute ihre Hauptverbreitung in der arlt- 
tischen Region und in den höheren Lagen der Alpen, besitzt 
aber aufserdera im borealen-) Teile der paläarktischen 
Region eine Reihe von — meist durch weite Gebiete von- 
einander getrennten — Verbreitungsarealen. Limnaea ovata 
und Limnaea peregra sind unter den verschiedensten Klimaten 
weit verbreitet und kommen beide auch in der arktischen 
Region vor. Das nicht näher bestimmbare Pisidium gehört 
wahrscheinlich zu einer Art, von der dasselbe gilt. 

Nach dem gesagten weisen die gefundenen Konchylien 
mit Bestimmtheit auf eine Molluskenfauna, welche den heute 
an der Grenze zwischen der paläarktischen und der ark- 
tischen Region lebenden überaus nahe steht. Die einzige 
Art, welche dem widerspricht, ist Pupa cupa. Diese gehört 
aber möglicherweise zu den alpinen Elementen, welche 
neben den hochnordischen in den plistozänen Eiszeiten 
unser Gebiet besiedelt haben. 

Ein Vergleich des Konchylienbestandes a mit den 
Molluskenfaunen der hier am ehesten in Betracht kommenden 
Steppengebiete Sudosteuropas und Südwestsibiriens läfst 
viel weniger übereinstimmendes und viel mehr unterschei- 
dendes erkennen. Die weiterverbreiteten Arten unseres 
Bestandes kommen zwar in diesen Steppengebieten auch 
vor, und unsere Pupa cupa könnte immerhin zu der in 
diesen Gebieten vorkommenden var. turcmenia gehören, aber 
Helix temiilahris, Pupa columella, Pupa alpestris und Papa 
parcedentata sind den genannten Steppengebieten fremd. 

Nach den gegebenen Darlegungen hat also die Annahme 
die gröfste Wahrscheinlichkeit für sich, dafs der Konchylien- 



1) Vgl. die Anmerkung 24 zu der Tabelle. 

Ich gliedere mit Kobelt (Studien zur Zoogeographie, Wies- 
baden 1897 und 1808) das paläarktische Europa in einen mediterranen 
oder meridionalen und in einen borealen Teil. 



184 



KWALD WÜST, 



[24] 



bestand a die Reste einer aus arktischen und alpinen Ele- 
menten zusammengesetzten Fauna darstellt, welche unter 
der erheblichen Temjjeraturdepression eiszeitlicher Klima- 
verhiiltoisse unser Gebiet besiedelt hat. 

Die Fossilienbestände der obersten Ilm-Ablagerungen 
der Unterterrasse und der Zone der Baumtravertine im Ulleschen 
Steinbruche in Weimar. 

(Konchylienbestand b). 

Was ich im ULLESchen Steinbruche in Weimar an Ilm- 
ablagerungen der Unterterrasse gesehen habe, gehört den 
obersten Lagen dieser Ablagerungen an und liegt unver- 
kennbar etwas (1 — 2 m) höher als die fossilienführenden 
Mergellinsen am Eingange der Parkhöhle. Diese Ilmabsätze 
lieferten im wesentlichen dieselben Konchylien wie die un- 
mittelbar darüber folgenden Lagen der Zone der Baum- 
travertine bis zu einem Niveau von etwa 1,5 m über der 
Oberfläche der Ilmabsätze.') Ich fasse deshalb die Kon- 
chylienbestände der genannten Ablagerungen als den Kon- 
chylienbestand 6 zusammen. 

Die Schlämmung einer Reihe von Proben aus Kies, 
Letten und Untersten Travertinen ergab — abgesehen von 
Ostrakoden und nicht genau bestimmbaren Nagerresten — 
zahlreiche Konchylien, welche zu 24 Arten, 14 Landschnecken, 
8 Wasserschnecken und 2 Muscheln gehören. Der Bestand 
ist also nicht unerheblich artenreicher als der Bestand a 
von der Parkhöhle. Auch seine Zusammensetzung ist eine 
wesentlich abweichende. Unter den 24 Arten fehlen von 
den an der Parkhöhle gefundenen, wenn ich von dem 
IHsidkmi sp. von der Parkhöhle absehe, nicht weniger als 
folgende 4: 

Helix tenuilabris 
Pupa columella 
Pupa alpestris 
Papa parcedentata, 

1) Die Zone der Baumtravertine ist, wie oben, S. 170, gesagt 
wurde, 2,5 in mächtig. Aus den obersten, 1 m mächtigen Lagen sind 
mir sichere Fossilfunde bisher nicht beliannt geworden. 



[2-,] 



'J'ravertiiigebict der Gegend von Weimar. 



185 



also fast alle Arten, welche ihre Hauptverbreituiig in lioeh- 
uordischen Gebieten und in den höheren Regionen der 
Alpen haben. Von derartigen Elementeu ist beiden Be- 
ständen lediglich 

Pupa cupa 

genieinsam, welche im Bestände b in der typischen, alpinen 
Form auftritt. Sonst sind beiden Beständen folgende 4 weit 
verbreitete und auch innerhalb des Polarkreises oder in der 
Hochgebirgsregion der Alpen vorkommende Arten gemeinsam 

Helix hispida 

Pupa muscorum 

Suecinea oblonga 

Limnaea ovata oder peregra 

und ferner Planorhis crista, eine weit verbreitete, weit nach 
Norden reichende Art. Nicht weniger als 18 Arten sind 
dem Bestände a gegenüber neu. Von diesen 18 Arten 
kommen 15 heute auch innerhalb des Polarkreises oder in 
der Hochgebirgsregion der Alpen vor: 

Conulus fulvus 

Hyalinia Hammonis 

Punctum pygmaeum 

Patula ruderata 

Helix pulehella 

Helix costata 

Pupa pygmaea 

Cionella lubrica 

Suecinea Pfeifferii 

Limnaea ovata oder peregra 

Limnaea truucatula 

Planorbis leueostoma 

Planorbis sp. äff. borealis 

Valvata cristata 

Pisidium milium. 

Es sind dieses bis auf 

Patula ruderata 
Planorbis sp. äff. borealis 



186 



Ewald Wüst, 



[26] 



durchweg sehr weit verbreitete Formen, welcbe unter sehr 
verschiedenen Kliniaten leben. Patida ruderata hat ihre 
Hauptverbreitung entschieden in nordischen Ländern und 
höheren Lagen der Gebirge, wenn sie auch einige — weit 
voneinander getrennte — andersartige Areale, z. B. im 
mittleren Neckartale und im mittleren Saaletale, besitzt, in 
denen sie sich offensichtlich eine Neuanpassung an wärmeres 
Klima erworben hat. Die Gruppe des Flanorhis horealis 
hat ebenfalls ihre Hauptverbreitung in nordischen Ländern 
und höheren Lagen der Gebirge. 3 weitere Arten, welche 
ebenfalls der Parkhöhle gegenüber neu sind, fehlen der 
arktischen wie der Hochgebirgsregion : 

Zonitoides nitidus 

Planorbis complanatus 

Pisidium fontinale. 

Diese sind weit verbreitete Arten, welche unter sehr ver- 
schiedenen Klimaten leben und auch hoch in den Norden 
hinaufgehen. 

Der Vergleich des Konchylienbestandes der untersten 
Schichten des Ulle sehen Bruches (b) mit demjenigen von 
der Parkhöhle (a) lehrt, dafs der erstere einen wesentlich 
weniger nordischen Charakter trägt als der letztere. Haben 
wir — immer von dem vereinzelten alpinen Elemente der 
Pupa cupa abgesehen — die ähnlichsten rezenten Faunen 
für den Bestand a an der Grenze zwischen der arktischen 
und der paläarktischen Kegion gefunden, so finden wir das 
analoge für den Bestand b in den nördlichsten Teilen der 
paläarktischen Region und zwar anscheinend am überein- 
stimmendsten in Nordost- ßulsland. Leider ist die rezente 
Molluskenfauna dieses Gebietes noch sehr ungenügend be- 
kannt, doch läfst der durch die folgende Tabelle erleichterte 
Vergleich zwischen der Liste, die ich für die untersten 
Schichten des Ulle sehen Bruches geben konnte mit der 
von BoETTGEU 1) gegebenen Liste von Genistekonchylien aus 
der Gegend von Kungur im Gouvernement Perm — ich 
habe beide Listen auf die Landschnecken beschränkt, weil 



') Nachrichtsblatt der deutschen Malakozoologischen Gesellschaft, 
21. Jahrg., 18S<J, S. 122—120 und 22. Jahrg., 1890, S. 161— 1Ü9. 



|27] Travertingebiet der Gegeud von Weimar. 187 





Weimar 
Bestand b 




Eungur 






* 




* 


* 


Hyalinia Ilammonis 


* 


* 


„ petronella 




* 


Zonitoides nitidus 


* 


* 




* 


* 




* 


* 




* 


* 




* 


* 






* 




* 




„ riibiginosa 




* 






* 




* 


* 




* 




„ pygmaea 


* 


- 












* 




* 


* 




* 


* 



der Vergleicli der Wassermollusken durch Verschiedenheiten 
fazieller Natur beeinträchtigt wird — ein ziemlich weit- 
gehendes Mafs von Übereinstimmung erkennen. Der wich- 
tigste Unterschied besteht in dem Vorkommen des alpinen 
Elementes der Pupa cupa typ. zu Weimar. Wesentlich 
geringer sind die Beziehungen unseres Bestandes zu den 
rezenten Faunen westlicher gelegener Teile des Nordens 
der paläarktischen Region. Den dargelegten Verhältnissen 
entsprechend ist anzunehmen, dal's von der Zeit des Be- 
standes a bis zu der des Bestandes b eine Zunahme der 
Wärme eingetreten ist. 

Anhangsweise erwähne ich, dafs Weiss bei 3 von ihm 
von Weimar angegebenen Molluskenarten ausdrücklich be- 
merkt, dafs sie nur in den „untersten Schichten" vorkommen, 
ohne indessen anzugeben, ob damit Kies, Letten oder 
unterste Travertine gemeint sind. Es sind dieses: 



188 



EwAi.i) Wüst, 



[28J 



Papa Cüluniella 
Ampbipeplea glutiuosa 
Aücylus fiuviatilis. 

Ptipa columella, welche ich im Kiese an der Parkhöhle 
gcfuuden habe, ist oben bereits besprochen. Äniphipeplea 
(jlutinosa ist eine wesentlich uordeiiropäische, bis in die 
arktische Kegion hineinreichende, übrigens von Boettger 
auch aus der Gegend von Kungur angeführte Art. Ancylus 
Ihwiatilis ist unter sehr verschiedenen Klimaten weit ver- 
breitet und reicht nach Norden bis nahe an den Polarkreis. 
Nach diesen Angaben ist es klar, dafs das Vorkommen 
dieser 3 Arten, gleichviel ob sie im Kiese, im Letten oder 
in den untersten Travertinen gefunden sind, das Bild, 
welches sich nach meinen Funden vom tiergeographischen 
Charakter der Konchylienbestände der untersten Schichten 
von Weimar ergibt, nicht beeinträchtigt. 

Aus den untersten Travertinen oder ßaumtravertinen 
des Ulle sehen Bruches erhielt ich von anderen Fossilien 
nichts für die Zwecke der vorliegenden Arbeit wesentliches. 
Doch verdient wenigstens das hervorgehoben zu werden, 
dafs in diesen Baumtravertinen Reste, namentlich Zapfen- 
abdrücke einer Pinns, anscheinend aus der Gruppe der 
Pinus silvestris L., häufig sind, und dafs ich einmal auch 
den Abdruck eines Zapfens einer Tanne oder Fichte erhielt. 

Die Fossilienbestände der Hauptmasse der Unteren Travertlne 
im Ulieschen Steinbruche In Weimar. 

(Konchylienbestand b.) 
Uber der Zone der Baumtravertine folgen im Ulle sehen 
Bruche noch bis 10,5 m Untere Travertine. Diese habe ich 
infolge teils der schwierigen Zugänglichkeit eines Teiles 
der Schichten unter den derzeitigen Aufschlufsverhältnissen, 
teils der Ausbildung vieler Schichten als fester Werkbänke 
nur sehr ungleichmäfsig untersuchen können. Aus den 
untersten, 50 cm mächtigen, wie aus den obersten, etwa 3 m 
mächtigen Lagen der Unteren Travertine oberhalb der Zone 
der Baumtravertine kenne ich überhaupt keine sicher ver- 
bürgten Fossilien. 



[29] 



Travertingebiet der Gegend von Weiniiir. 



189 



Ich betrachte zunächst den Konchylienbestand des eben 
umschriebenen Sehichtenkomplexes, ans dem allein ich 
Uberhaupt sicher verbürgte Fossilien kenne, im Zusammen- 
hange. Dieser Konchylienbestand, den ich als b bezeichne, 
umfafst nach meinen eigenen Aufsammlungen die Uberaus 
stattliche Anzahl von 75 Arten, 5G Landschnecken, 14 Wasser- 
schnecken und 5 Muscheln. Dazu kommt jedenfalls noch 
ein grofser Teil der in der Literatur aus den Travertinen 
von Weimar angegebenen 30 Arten, v^^elche ich — offenbar 
infolge der jetzt gegen früher sehr viel ungünstiger ge- 
wordenen Sammelbedingungen — bisher nicht gefunden 
habe. Nach den dürftigen, übrigens nur einem Teile der 
Arten zugefügten Fundschichtenangaben der Literatur kann 
nur 1 Art, P^q^a pagodula, mit Sicherheit den hier zu be- 
sprechenden Schichten zugeschrieben vperden. In den im 
folgenden gemachten zahlenmäfsigen statistischen Angaben 
sind alle diese nicht von mir selbst gefundenen Arten un- 
berücksichtigt geblieben, doch habe ich diese Arten, soweit 
sie sicher (nur Pttj?« pagodula) oder m. E. höchst wahr- 
scheinlich den hier zu besprechenden Schichten angehören, 
in den im folgenden gegebeneu Aufzählungen irgendwie 
bemerkenswerter Arten in eckigen Klammern mit an- 
geführt. 

Die grofse Artenzahl der hier zu besprechenden Schichten 
ist den geringen Artenzahlen der tieferen Schichten gegen- 
über um so höher anzuschlagen, als bei der Bildung der 
Travertine fliefsendes Wasser bei weitem nicht die Rolle 
gespielt haben kann wie bei der Bildung der Kiese und 
Letten, und damit die Möglichkeit der Zusammenschwemmung 
von Gehäusen uud Schalen aus gröfseren Gebieten erheblich 
verringert ist. 

Der Bestand b hat mit den Beständen a und h nur 
20 Arten gemeinsam, welche durchweg unter den verschie- 
densten Klimaten weit verbreitet sind. Alle diejenigen 
Elemente der Bestände a und b, welche heute ihre Haupt- 
verbreitung in der arktischen Region oder im hohen Norden 
oder der Hochgel)irgsregion der paläarktischen Region be- 
sitzen, fehlen durchaus. Schon dieser Umstand zeigt, dafs 
sich jetzt der biogeographische Charakter der Fauna und, 



190 



Ewald Wüst, 



[30] 



wie daraus zn erscbliefsen ist, das Klima sehr bedeutend 
geändert hat. 

Schon ein flüchtiger Blick auf die Liste unseres Be- 
standes, . wie sie in der grofsen Tabelle gegeben ist, zeigt, 
dals es sich hier um Reste einer Fauna handelt, welche 
sich den heutigen Faunen des südlichen Teiles der borealen 
Zone des palilavktischen Europas sehr nahe anschliefst. 

Vergleichen wir den Bestand b zunächst mit der heutigen 
Fauna des Deutschen Älittelgebirgslandes, so finden wir, 
dafs er mit dieser fast alle Arten, nämlich 71, gemeinsam 
hat. Der heutigen Fauna des Deutschen Mittelgebirgslandes 
fehlen nur folgende 4 Arten unseres Bestandes vollständig: 

Zonites acieformis 
Helix banatica 
Helix Tonnensis 
[Pupa pagodula] 
[Clausilia densestriataj 
Belgrandia sp. 

Zonites acieformis ist eine ausgestorbene Form, welche aber 
dem lebenden Z. verticillus Fer. sp. sehr nahe steht. Dieser 
verbreitet sieh von der Bergregion und den Vorbergen der 
Ostalpen über das .Osterreichische Küstenland und das 
bosnisch -serbische Gebirgsland bis in die Balkanhalbinsel 
hinein. Innerhalb der letzteren ist seine Verbreitung erst 
wenig geklärt. Aufserdem kommt er in Mähren, bei Braudels 
an der Alder in Böhmen und angeblich auch in Kalabrien 
vor. Helix banatica lebt heute in Siebenbürgen, Ostungarn 
und dem Banate und ist ganz neuerdings auch bei Vocarica 
im Komitate Pozsega in Slavonien gefunden worden. Helix 
Tonnensis ist eine ausgestorbene Form, von der noch nicht 
genügend feststeht, welcher lebenden Form sie am nächsten 
steht. Fupa pagodula lebt heute in der montanen Region 
und den Vorbergen der Alpen, verbreitet sich durch das 
Osterreichische Littorale bis nach Montenegro und über einen 
Teil von Oberitalien nach Südfrankreich und hat aufserdem 
ein sporadisches Vorkommen in Morea. Clausilia äensestriata 
lebt heute in der montanen Region und den Vorbergen der 
Ostalpen und von da bis in das bosnisch -serbische Gebirgs- 



Tnivertiiigebiet der Gegend von WtMni;ir. 



101 



land hinein; anfserdem ist sie aus der Gegend von Peters- 
burg und ans Kurland angegeben worden. Die Jiclyrandia 
sp. gehört zur Gru])i)e der B. yihha Drap., deren Verl)rcitnng8- 
gcbiet Italien, die Balkanhalbinsel und einen Teil von 
Frankreich unifafst, und dürfte der rezent nur von Viarcggio 
l)ekannten B. Delpretiana Pauliicci apnd Cless. zugehören 
oder doch vpenigstens ganz nahe stehen. 

Bei oberflächlicher Betrachtung könnte es scheinen, als 
weiche unser Bestand nicht sonderlich erheblich von der 
heutigen Fauna des Deutschen Mittelgebirgslandes ab. Eine 
genauere Betrachtung läfst indessen diese Abweichungen 
als sehr bedeutend erkennen. Bei einer solchen genaueren 
Betrachtung mufs man sich vor Augen halten, dafs die 
lieutige Fauna des Deutschen Mittelgebirgslandes infolge 
der wechselvollen Geschichte, die sie unter den Klima- 
schwankungen des Eiszeitalters durchgemacht hat, eine sehr 
heterogene ist: sie setzt sich zusammen aus Elementen, 
welche unter sehr verschiedenen klimatischen Verhältnissen 
eingewandert sind und sich bei einem Wechsel des Klimas 
an besonders geeigneten Stellen ■ — als Relikte — gehalten 
und z. T. später — teils bei Wiedereintritt des Klimas, 
unter dem die Elemente eingewandert waren, teils aber 
unter ganz anderem Klima, au das die Relikten sich neu 
angepafst hatten — wieder ausgebreitet haben. So sind 
denn auch die Faunen der verschiedenen Teile des Deutschen 
Mittelgebirgslandes sehr verschieden. 

Trennen wir für unsere Zwecke zunächst einmal das 
Deutsche Mittelgebirgsland in zwei Hauptteile, einen öst- 
lichen, der das Gebiet der Böhmischen Masse umfafst, und 
einen westlichen, dem der ganze Rest zufällt, so finden wir, 
dafs unser fossiler Bestand in seiner Zusammensetzung der 
Fauna des östlichen Hauptteils sehr viel näher steht als 
derjenigen des westlichen. Er weist nämlich nicht eine Art 
auf, welche der westliche Teil vor dem östlichen voraus 
hat, dagegen aber folgende 3 Arten, welche der östliche 
vor dem westlichen voraus hat: 

Patula solaria 

Helix vindobonensis 

Pupa claustralis. 



192 



Ewald Wüst, 



[32] 



Von den Arten, welche unser Bestand mit der rezenten 
Fauna des Deutseben Mittelgebirgslaudcs gemein hat, ist 
eine grol'se Anzahl in diesem Gebiete nur wenig verbreitet 
und besitzt seine Hauptverbreitung in den Ostalpen- und 
Karpathenländern und zum Teile auch in noch weiter nach 
Südosten zu gelegenen Gebieten Europas. In ausgesprochener 
Weise ist das z. B. der Fall bei den eben angeführten 
3 Arten, bei der weiter oben besprochenen Helix hanatica 
(ebenso bei Zonites verticillus, dem unser Zonites acieformis 
sehr nahe steht) und bei folgenden Arten: 

Daudebardia rufa 

Daudebardia brevipes 

[Vitrina elongata] 

[Vitrea subrimata] 

Pupa doliolum 

Clausilia filograna 

Clausilia cana 

[Clausilia vetustaj 

Clausilia pumila. 

Dazu kommt noch, dafs manche an sich weit verbreitete 
Arten in unserem Bestände vorwiegend oder ausschliefslich 
durch „Varietäten" vertreten sind, welche nur oder vor- 
wiegend in den genannten südöstlichen Gebieten leben. 
Diese auch in der Literatur schon mehrfach erwähnte Er- 
scheinung will ich indessen erst später genauer behandeln. 

Von sämtlichen Arten unseres Bestandes fehlen den 
Karpathenländern nur 5: 

Zonites acieformis 

Helix Tonnensis 

Helix nemoralis 

[Pupa pagodula] 

Pupa costulata 

[Clausilia densestriataj 

Belgrandia sp., 

den Ostalpen nur 6: 

Zonites acieformis (dessen nächster leben- 
der Verwandter, Z. verticillus, indessen 
hier vorkommt) 



Travertingcbiet der Gegend von Weimar. 



193 



Helix banatiea (die in der Niihe, in Sla- 

vonien, vorkoiiinit) 
Helix ToiiDensis 
Pnpa costulata 
Planorbis vorticiilus 
Belgrandia sp. 

Diesen ausgesprochenen Beziehungen zu den Ostalpen- 
und Karpathenliindern stehen keine auch nur einigermafsen 
vergleichbaren Beziehungen zu anderen Gebieten gegenüber. 

Ebenso wichtig wie die eben besprochenen positiven 
sind die negativen Beziehungen zu rezenten Faunen. Allein 
diese negativen Beziehungen sind deshalb schwer zu be- 
urteilen, weil die negativen Momente eines fossilen Konchylien- 
bestandes nicht ohne weiteres auch die negativen Momente 
der damals lebenden Molluskenfauna sind — ein nur zu 
oft übersehener Umstand, der mich schon seit Jahren ver- 
anlafst hat, die Gesamtheit der in einer Ablagerung ge- 
fundenen Konchylien nicht als die Fauna der betreffenden 
Zeit und Örtlichkeit, sondern nur als den Bestand der 
betreffenden Ablagerung, welche in der Regel nur einen 
mehr oder weniger grofsen Bruchteil der Fauna ausmachen 
wh'd, zu bezeichnen. Bei der Bewertung der negativen 
Momente unseres Bestandes ist also gröfste Vorsicht geboten. 
Immerhin ist unter allen Umständen die Erscheinung merk- 
würdig, dafs unserem Bestände eine grofse Anzahl im 
Deutschen Mittelgebirgslande verbreiteter Arten fehlt, und 
das umsomehr als diese Arten in ihrer überwiegenden 
Mehrzahl solche sind, die heute ihre Hauptverbreitung in 
den westlichen Teilen Europas, im atlantischen und west- 
mediterranen Gebiete besitzen. Als besonders typische 
Beispiele führe ich folgende Landschnecken an: 

Patula rupestris 
Helix ericetorum 
Helix candidula 
Buliminus detritus 
Cionella tridens 
Pupa secale 
Balea fragilis 

Zeitschr. f. N.itarwis8. Halle a. S. Bd. 82. 1910. J3 



194 



E\vALr) Wüst, 



[34] 



Cyclostoma elegans 
Acme lineata. 

Auf äbnlich verbreitete Wasserraollnsken, wie z. B. 
Neritina fhiviatilis, will ich deshalb nicht eingehen, weil 
ihr Fehlen in unserem Bestände auf faziellen Verbältnissen 
beruhen kann und zum Teile sogar sicher beruht. 

Auch die Ostalpen- und Karpathenländer, zu denen so 
viele positive Beziehungen bestehen, haben zahlreiche — meist 
eigentümliche oder wesentlich est- oder südosteuropäische — 
Arten, welche unserem Bestände fehlen. Die Zahl solcher 
Arten ist so grofs, dafs nicht wohl angenommen werden 
kann, dafs unser Bestand die fossilen Reste einer Fauna, 
wie sie heute in einem Teile der genannten Gebiete lebt, 
darstellt. Es läfst sich überhaupt keine rezente Fauna 
ermitteln, mit der unsere plistozäne im wesentlichen überein- 
gestimmt haben dürfte. Es läfst sich lediglich sagen, dafs 
unsere })listozäne Fauna ihrem tiergeographischen Charakter 
nach den Faunen der Böhmischen Masse, der Karpathen- 
länder und der tieferen Regionen der Ostalpenländer im 
ganzen am nächsten steht. Bemerkenswert ist dabei der 
durch Belgrandia sp. repräsentierte höchst wahrscheinlich 
mediterrane Einschlag. 

Die Hauptmasse des Materiales von dem geschilderten 
Bestände habe ich in einer tonigen Schicht gesammelt, 
welche etwa 5 m über der Oberfläche der Ilmablagerungen 
der Unterterrasse und etwa 5 m unter der Unterfläche des 
Parisers liegt. In dieser Schicht fand ich alle in der Tabelle 
aufgezählten Arten mit alleiniger Ausnahme von 

Planorbis vorticulus 
Unio sp. 

Aus allen anderen Schichten, in denen ich überhaupt 
sammeln konnte, habe ich weit weniger Material erhalten. 
Der gröfste Teil dieser Schichten stellt reine Charensande 
dar, welche gewöhnlich überaus arm an Landsch necken 
sind. Ich möchte aber hervorheben, dafs ich in den untersten 
wie den obersten Schichten des eingangs umschriebenen 
Schichtenkomplexes massenhaftes Vorkommen von Belgrandia 
konstatiert habe und dafs in der untersten Schicht, in der 



135J 



TravertiDgetiiet der Gegend von Weimar. 



105 



ich gesammelt habe, der paläolithischen Fundschicht, in 
der allein ich Planorhis vorticulus und Unio sp. gefunden 
habe, wenigstens eines der für den Gesamtbestand so be- 
zeichnenden östlichen Elemente, Ilelix vindohonensis, nach- 
gewiesen ist. 

Aufser Konchylien kenne ich aus den besprochenen 
Schichten, von belanglosen Resten von Pflanzen, Ostra- 
koden u. a. abgesehen, nur Säugetierreste. Was davon nach 
Provenienz und Bestimmung ganz sicher ist, entstammt der 
paläolithischen Fundschicht, welche nahe der Basis des hier 
betrachteten Schichtenkomplexes liegt, oder deren unmittel- 
barer Nachbarschaft. Für diese Schicht kann ich mit 
Sicherheit das Vorkommen der sogenannten Äntiquus-Fanna,, 
vor allem der Leitformen derselben, des Elephas antiquus 
Falc. und des Rhinoceros Merckii Jäg. angeben. Die in 
den Sammlungen vorhandenen Säugetierreste von Weimar, 
deren Provenienz heute nicht mehr exakt zu ermitteln ist, 
dürften wohl in der Hauptsache aus der gleichen Schicht 
stammen. 

Der Konchylienbestand b setzt zweifellos ein bereits 
ziemlich warmes gemäfsigtes Waldklima voraus, das ein 
merklich kontinentaleres Gepräge besafs als das heute im 
Deutschen Mittelgebirgslande herrschende. Ein Element des 
Konchylienbestandes, Belgrandia sp., und ebenso der der 
Antiquus -Y2Lvm2L angehörende Säugetierbestand könnten 
vielleicht eher im Sinne eines mediterranen Klimas gedeutet 
werden. Allein Belgrandia steht als höchstwahrscheinlich 
mediterranes Element vereinzelt unter den Konchylien des 
Bestandes b und die klimatische Anpassung der Antiquus- 
Fauna kann beim derzeitigen Stande unserer Kenntnisse 
noch recht verschieden beurteilt werden. Sollte die Antiquus- 
Fauna als mediterrane Fauna anzusehen sein, so würde ihr 
Zusammenvorkommen mit einer Molluskenfauna von süd- 
borealem Gepräge durch die nicht unwahrscheinliche An- 
nahme erklärbar sein, dafs relativ schnell ablaufenden 
Klimaveränderungen die Säugetiere — zumal die gröfseren 
Arten — in ihren Wanderungen rascher folgten als die 
Mollusken. 



13* 



196 



EwAi.u Wüst, 



[36] 



Die Fossilienbestände der Unteren Travertine von Taubach. 

(Konchylienbestände b und b.) 

'Wie im geologischen Teile der vorliegenden Arbeit 
gezeigt wurde, sind in Taubach, wo die Travertine der 
Mittelterrasse auflagern, die untersten, im Ulle sehen Bruche 
zu Weimar unmittelbar der Unterterrasse auflagernden 
Travertine, die Baumtravertine, wenigstens in ihrer Haupt- 
masse nicht vertreten. Paläontologische Verhältnisse sprechen 
aber dafür, dafs diese Schichten bezw. deren oberster Teil 
zu Taubaeh wenigstens durch eine ganz dünne Travertinlage 
vertreten sind. Ich gewann im östlichen Sonnrein sehen 
Bruche aus einem bis 0,45 m mächtigen Moosti-avertine 
(vulgo „Ratten") einige wenige Konchylien, welche zu 
6 Arten gehören. Diese Arten kommen insgesamt in den 
Baumtravertinen von Weimar (Konchylienbestand b) vor. 
Es handelt sich allerdings in 5 von den 6 Arten um unter 
den verschiedensten Klimaten weit verbreitete und auch in 
unseren Travertinen in den verschiedensten Schichten vor- 
kommende Arten, doch kommt eine Art 

Patula ruderata, 

über deren tiergeographischen Charakter oben das erforder- 
liche gesagt wurde, von einem Vorkommen in den Oberen 
Travertinen abgesehen, nur in den Ratten des Sonnrein sehen 
und in den Baumtravertinen des Ulle sehen Bruches vor. 
Man geht danach kaum fehl, wenn man in unserem Bestände 
einen Bestand vom Typus b erblickt. 

Die übrigen Schichten enthalten, wie die Tabelle zeigt, 
fast genau dieselben Konchylien wie die Hauptmasse der 
Unteren Travertine im Ulle sehen Bruche zu Weimar (Kon- 
chylienbestand b). Ich konnte 75 Arten, 56 Landschnecken, 
16 Wasserschnecken und 3 Muscheln nachweisen. In der 
Literatur werden von Taubach 11 von mir nicht gefundene 
Arten angegeben, die wohl alle oder fast alle aus den hier 
zu behandelnden Schichten stammen. Ich habe in der 
Hauptmasse der Unteren Travertine sowohl zu Weimar wie 
zu Taubach 75 Arten Mollusken gefunden. Davon sind 
nicht weniger als 67 Arten identisch. Zu Taubach fand ich 



[87] 



TravcrtiDgcbict der Gegend von Weimar. 



197 



8 von mir zu Weimar nicht gefundene Arten, die indessen 
bis auf 1 {Äncylus lacustris) in der Literatur aus den 
Travertinen von Weimar angegeben werden. Zu Weimar 
fand ich 8 von mir zu Taubach nicht gefundene Arten, von 
denen 3 in der Literatur von Taubach angegeben werden, 
während 5 auch nach der Literatur zu Taubach fehlen: 

Helix personata 

Ciausilia plicatula 

Pianorbis vorticulus 

Unio sp. 

Pisidium milium. 

Von den 11 in der Literatur von Taubach angegebenen 
Arten kenne ich 3 aus der Hauptmasse der Unteren Traver- 
tine von Weimar. Die übrigen 8 sind: 

Vitrina diaphana 

Hyalinia nitens 

Pupa alpestris 

Ciausilia dubia 

Ciausilia ventricosa 

Planorbis albus 

Bithynia Leachii 

Anodonta sp. 

Von diesen 8 Arten werden alle bis auf Anodonta sp. in 
der Literatur auch aus den Travertinen von Weimar an- 
gegeben. 

Die Unterschiede, welche nach meinen und der früheren 
Autoren Aufsammlungen zwischen den Konchylienbeständen 
der Hauptmasse der Unteren Travertine von Weimar und 
Taubach bestehen, bedingen keine irgendwie nennenswerten 
Unterscbiede im tiergeographischen Charakter der beiden 
Bestände. Die der heutigen Fauna des Deutschen Mittel- 
gebirgslandes fehlenden Arten sind — von den von mir nicht 
gefundenen aber in der Literatur von Weimar angegebenen 
beiden Arten Pupa pagodula und Ciausilia densesiriata ab- 
gesehen — dieselben. Die im Deutsehen Mittelgebirgslande 
nur im Bereiche der Böhmischen Masse vorkommenden 
Arten sind zu Weimar und zu Taubach genau dieselben. 
Die im Deutschen Mittelgebirgslande wenig verbreiteten, 



198 



PhVALl) WÜST, 



[38] 



wesentlich südostlielien Arten sind zu Weimar und zu 
Taubaeli fast genau dieselben. Und schliefslich umfassen 
die heute in den Karpathenländern und den Ostalpen 
fehlenden Arten Taubachs und Weimars bis auf Pupa 
pagodula und Clausilia densestriata die gleichen Arten. 

Unter den vorgetragenen Umständen ist nicht daran zu 
zweifeln, dafs die nach den bisherigen Listen bestehenden 
Unterschiede zwischen den Koncbylienbeständen der Haupt- 
masse der Unteren Travertine von Weimar und Taubach 
wesentlich auf Zufälligkeiten der Aufsanimlungen beruhen 
und dafs beide Bestände die Reste einer gleichen Fauna 
darstellen. 

Auf die Unterschiede zwischen den Koncbylienbeständen 
der einzelnen Schichten der Hauptmasse der Unteren Tra- 
vertine von Taubach will ich erst später näher eingehen. 
Hier will ich nur erwähnen, dafs die untersten Lagen, 
welche unmittelbar über den oben erwähnten „Ratten" mit 
Patula ruderata folgen, und die TravertingeröUe enthaltende, 
bis etwa 0,4 m mächtig werdende paläolithische Fundschicht 
von Taubach darstellen, bereits folgende für die Hauptmasse 
der Unteren Travertine von Taubach und Weimar besonders 
bezeichnende Arten enthalten : 

Patula solaria 
Pupa claustralis 
Clausilia* filograna 
Clausilia pumila 
Belgrandia sp. 

Dieselbe Schicht ist es auch, welche die überwiegende 
Mehrzahl aller Säugetierreste von Taubach geliefert hat, 
darunter die bekannten prachtvollen Reste der Äntiquus- 
Fauna. Von sonstigen Fossilien ist aus den Unteren Tra- 
vertinen von Taubach nichts bemerkenswertes zu berichten. 

Die Fossilienbestände der Unteren Travertine von Ehringsdorf. 

(Konchylienbestände c, e, f.) 

Im Ehringsdorfer Travertingebiete sind, wie schon er- 
wähnt wurde, die Unteren Travertine meist als feste Werk- 



[301 



Travcrtiii}?obiet der Gegend von Weimar. 



199 



bänke iiusgebildet uud daher der Aufsanimlnng von Fossilien 
wenig günstig. 

Das Koncbylienmaterial, das ich gewonnen habe, ist 
als recht dürftig zu bezeichnen, ich konnte nur 36 Arten, 
24 Landschnecken, 10 Wasserschnecken und 2 Muscheln 
nachweisen. 

Nach dem Konchylienniateriale könnte man erhebliche 
Zweifel daran haben, ob die Unteren Travertine von P^hrings- 
dorf vom gleichen Alter sind wie die Unteren Travertine 
von Weimar und Taubaeh, denn einerseits fehlen zu Ehrings- 
dorf die für Weimar und Taubach besonders bezeichnenden 
Elemente wie insbesondere Belgrandia und die heute vor- 
züglich in südöstlicheren Gebieten lebenden Schnecken, 
während andererseits zu Ehringsdorf einige in den viel 
besser erforschten Unteren Travertinen von Weimar und 
Taubach durchaus fehlende Schnecken wie insbesondere 
Helix costellata (eine ausgestorbene Form) und Pupa tripli- 
cata gefunden worden sind. Allein in den Unteren Tra- 
vertinen von Ehringsdorf kommen, wenigstens in den 
mittleren Lagen, die Reste derselben ^«itg'mts- Fauna wie in 
Weimar und Taubach, wo diese Fauna ebenfalls wenigstens 
vorzugsweise — vielleicht ausschliefslich — den mittleren 
Lagen angehört, vor. So sind vor allem die „Leitformen", 
Elephas antiqmis Falc. und Ehinoceros Merchii Jäg., aber 
auch andere, in zahlreichen Stücken an vielen Stellen der 
Unteren Travertine von Ehringsdorf nachgewiesen. Danach 
haben wir also auch wichtige paläontologische Momente, 
welche für die Gleichalterigkeit wenigstens der Hauptmasse 
der Unteren Travertine von Ehringsdorf mit denen von 
Weimar uud Taubach sprechen. Die Unterschiede in den 
Konchylienbeständen sind jedenfalls darauf zurückzuführen, 
dafs mein Koncbylienmaterial von Ehringsdorf durchweg 
aus Schichten stammt, in denen keine Reste der Antiquus- 
Fauna nachgewiesen sind, die also anderen Alters sein 
dürften als wenigstens die Mehrzahl derjenigen Schichten, 
aus denen mein Koncbylienmaterial von Weimar und Tau- 
bach stammt. Aus den Ehringsdorfer Schichten, in denen 
ich mein Koncbylienmaterial gesammelt habe, kenne ich 
aufser Konchylien nur für die Zwecke dieser Arbeit belanglose 



200 



Ewald Wüst, 



[40] 



FussilicD, vor allem keinerlei sicher bestimnibare Säugetier- 
reste von Bedeutung. 

In der nun folgenden Besprechung meiner Konchylien- 
materialien teile ich diese in zwei Gruppen, je nach dem, 
ob sie aus Schichten unter oder über Schichten mit Resten 
der Antiquus -Fiinna, stammen. 

In Schichten unter solchen mit Resten der Antiqmcs- 
Fauna habe ich nur an einer Stelle, im Saalbokn sehen 
Bruche, ein nennenswertes Konchylienmaterial zu sammeln 
vermocht. Hier beginnen die Unteren Travertinen über den 
Ilmablagerungen der Mittelterrasse mit Chareusanden, in 
denen ich den als c bezeichneten aus 22 Arten, 10 Land- 
schnecken, 10 Wasserschneeken und 2 Muscheln bestehenden 
Konchylienbestand sammeln konnte. Der — wie die Bestände 
reiner Charensande gewöhnlich — an Landschnecken sehr 
arme Bestand zeigt ein überaus indiflferentes Gepräge, d. h. 
er besteht so gut wie nur aus sehr weit verbreiteten Arten. 
Nur 3 Arten scheinen mir der Erwähnung wert zu sein : 

Pupa Moulinsiana 
Planorbis vorticulus 
Planorbis glaber. 

Planorbis glaber, eine weit verbreitete Art, ist insofern 
erwähnenswert, als sie sonst nirgends im ganzen Travertin- 
gebiete gefunden worden ist. Planorbis vorticulus, eine 
zwar wenig, doch in recht verschiedenartigen Gebieten ver- 
breitete Art, erwähne ich deshalb, weil sie im ganzen 
Travertingebiete sonst nur noch in der paläolithischen Fund- 
schicht von Weimar vorkommt, einer Schicht also, die nach 
den Niveauverhältnissen zu urteilen, dem Charensande von 
Saalborn im Alter ziemlich nahe stehen würde. Pupa 
Moulinsiana ist ähnlich wie Planorbis vorticulus eine Form, 
welche heute offenbar recht verschiedenartige klimatische 
Anpassungen besitzt. Es ist aber bemerkenswert, dafs sie 
in den Travertinen der Gegend von Weimar, und zwar in 
den Unteren wie in den Oberen, überall da, wo sie in 
artenreicheren Beständen konstatiert wurde, mit den für die 
Hauptmasse der Unteren Travertine so bezeichnenden süd- 
östlichen Elementen vergesellschaftet ist. So sehen wir also 



Travcrtingebiet der Gegend von Weimar. 



201 



iiuinerbiu eiuige Beziehimg-eu unseres Hestaudes zu den 
Beständen der Hauptmasse der Unteren Travertine, während 
Beziehungen zu tieferen Schichten fehlen. Sonach dürfte 
der Charensand des Saalborn sehen Bruches seiner Bildungs- 
zeit nach am ehesten mit den Schichten um die Basis der 
Hauptmasse der Unteren Travertine von Weimar und Tau- 
bach herum zu parallelisieren sein, wie das auch ungefähr 
seinem Niveau über der heutigen Ilmenau entspricht. Im 
gleichen Sinne spricht der Umstand, dal's ich in den festen 
Werkbänken in seinem unmittelbaren Hangenden das Vor- 
kommen von Elephas antiquus konstatiert habe. Seinem 
tiergeographischen Charakter nach dürfte unser Bestand 
zeitlich zwischen die als b und b bezeichneten Bestände 
einzuschieben sein. Diese Anseht habe ich auch darin 
zum Ausdrucke gebracht, dafs ich den Bestand mit dem 
Buchstaben c bezeichnet habe. Die Fundschicht des Be- 
standes c dürfte einem Teile der Schichten zwischen den 
Schichten mit den Beständen b bezw. b im Ulle sehen 
Bruche, die bisher keine Fossilien geliefert haben, und der 
in Taubach zerstörten und jetzt zum Teile in Gestalt von 
GeröUen in der paläolithischen Fundschicht liegenden Tra- 
vertinschichten im Alter entsprechen. 

Ich wende mich nunmehr zu den Kouehylienbeständen, 
welche ich in Schichten gesammelt habe, die Schichten mit 
Kesten der Antiquus -Fauna überlagern. 

Das reichste hierher gehörende Material sammelte ich 
in dem kleineu Bruche von Schwarz. Hier sind die der 
Mittelterrasse auflagernden Unteren Travertine 4,5 — 5 m 
mächtig. 2,3 m unter der Unterfläche des Parisers konnte 
ich noch Elephas antiquiis konstatieren. 0,9 — 1,9 m unter 
der Unterfläche des Parisers finden sich mürbe Einlage- 
rungen, in denen ich den als e bezeichneten, aus 29 Arten, 
23 Laudschnecken und 6 Wasserschnecken bestehenden 
Konchylienbestand sammelte. Eine Liste dieses Bestandes 
gibt die grofse Tabelle. 

Der Bestand setzt sich — von der rezent nicht be- 
kannten Hdix costellata abgesehen — nur aus Arten zu- 
sammen, welche — namentlich in den Waldgebieten der 
borealen Zone des paläarktischeu Europa — eine sehr 



202 



Ewald Wüst, 



[42] 



weite Verbreitung- besitzen. Alle Arten komnieu z. B. im 
Deiitsehen Mittelgebirgslande, ebenso aber z. B. auch in den 
Ostalpen und in den Karpatbenländern vor. Ähnlich wie 
in dem Bestände der Hauptmasse der Unteren Travertine 
von Weimar und Taubach fehlen vorwiegend westeuropäische 
Elemente vollkommen, während vorwiegend östliche bezw. 
südöstliche Elemente, wie sie für die genannten Schichten 
von Weimar und Taubach so bezeichnend sind, wenigstens 
durch Clausilia pumila vertreten sind. Dem Niveau der 
Fundschichten nach wären Äquivalente der obersten Teile 
der Hauptmasse der Unteren Travertine von Weimar und 
Taubach zu erwarten; nach den recht beträchtlichen Unter- 
schieden in den Konchylienbeständen zu urteilen dürften 
indessen bereits etwas jünge're Schichten vorliegen. Deshalb 
habe ich den Bestand mit einem besonderen Buchstaben 
als e bezeichnet. 

Alles sonst noch gesammelte Material stammt aus 
Schichten, welche höher über der heutigen Ilmaue liegen 
als die obersten Schichten der Unteren Travertine von 
Weimar und Taubach. Dieses Material repräsentiert durch- 
weg sehr ärmliche Bestände. 

Im Kaempfe sehen Bruche, in dem die Unteren Tra- 
vertine auf der Mittelterrasse liegen, lieferte eine Charen- 
sandlinse 3,5—5 m über der Basis der Unteren Travertine 
und 0 — 1,5 m unter der Unterlläche des Parisers 13 Arten, 
8 Landschnecken und 5 Wasserschneckeu. 

Couulus fulvus 

Hyalinia Hammonis 

Helix pulchella 

Helix costata 

Pupa antivertigo 

Pupa Mouliusiana 

Pupa angustior 

Succinea Pfeifferii 

Limuaea peregra 

Physa fontinalis 

Plauorbis leucostoma 

Planorbis contortus 

Bitbyuia teutaculata. 



[.131 



Travertingebict der Gegend von Weimar. 



203 



Es ist das eiu bei seiner Armut au Lantlscbneckeu ticr- 
geographiscb kaum näber benrteilbarer Bestand, docb ist 
immerhin das Vorkommen von Fupa Moidinsiana , einer 
in der Hauptmasse der Unteren Travertine von Weimar und 
Taubacb verbreiteten Art, bemerkenswert. Der Bestand ist 
vielleicht am besten noch dem Bestände e anzuschliefsen, 
leitet aber möglicherweise bereits zu den überaus armen 
unter f zusammengefalsten Beständen über. 

An einer anderen Stelle des Kaempfe sehen Bruches 
fand ich in tonigem Charensande 15 — 35 cm unter der Unter- 
fläche des Parisers 8 Arten, 6 Landschnecken und 2 Wasser- 
schnecken : 

Helix pulchella 
Helix costata 
Cionella lubriea 
Pupa muscorura 
Pupa angustior 

Succiuea sp. (nicht genau bestimmbare Reste) 

Limnaea truncatula 

Planorbis leucostoma. 
Dieser Bestand, den ich als f bezeichne, ist von be- 
merkenswerter Ärmlichkeit, zumal wenn man in Betracht 
zieht, dafs tonige Charensande sonst die konchylienreichsten 
Gesteine des Travertingebietes darstellen. Man darf aus 
der Ärmlichkeit dieses Bestandes zweifellos schliefsen, dafs 
gegen Ende der Bildungszeit der Unteren Travertine für 
das Molluskenleben sehr ungünstige Verhältnisse eintraten, 
von denen kontinentales Steppenklima und kaltes Klima 
am ehesten in Betracht kommen. Das Fehlen jedweder 
auf kaltes Klima hindeutender Art und die nachher zu 
besprechenden Verhältnisse der Fossilienbestände der 
hangenden Schichten sprechen dafür, dafs das Herannahen 
eines kontinentalen Steppenklimas für die Verarmung der 
Molluskenfauna verantwortlich zu machen ist. 

Im Saalborn sehen Bruche habe ich in mürben Ein- 
lagerungen etwa 5 — 6 m über der Oberfläche der Hm- 
ablagerungen der Mittelterrasse, 0,5 — 1,2 m unter der Unter- 
fläche des Parisers, einige wenige Konchylien gesammelt, 
die nur zu 2 Arten gehören : 



204 



Ewald Wüst, 



[44J 



Piipa muscorum 

Pupa triplicata. 
Ich erwähne diese wenigen Kouchylien nur deshalb, weil 
darunter 7'»j;a triplicata nachgewiesen ist, eine Art, welche 
uns bisher nicht begegnet war, aber noch in den untersten 
Schichten der Oberen Travertine entgegentreten wird. Fupa 
triiüicata besitzt heute eine weite Verbreitung in klimatisch 
sehr verschiedenartigen Gebieten. Sie verbreitet sich von 
der Pyrenäenhalbinsel über einen Teil von Frankreich, den 
Schweizer Jura (von hier bis in das südliche Elsafs reichend), 
die montane Region der Alpen, Oberitalien, das Öster- 
reichische Küstenland und die Karpathenländer nach der 
Krim, Kaukasien und Armenien. Sie besitzt offenbar ganz 
verschiedene klimatische Anpassungen. Ihre heutige Ver- 
breitung läfst die Annahme zu, dafs sie in die Gegend von 
Weimar als ein Tier kontinentalen Klimas eingewandert ist, 
eine Annahme, welche am besten zu dem passen würde, 
was wir sonst über die klimatischen Verhältnisse zur 
Bildungszeit der obersten Lagen der Unteren Travertine 
und der nächsthöheren Schichten erschliefsen können. Ich 
ziehe den kleinen Bestand mit zu dem oben besprochenen 
Bestände f. 

Nach den vorgetragenen Tatsachen und Erörterungen 
dürften also die einzelnen Glieder der Unteren Travertine 
des Ehringsdorfer Gebietes folgendermafsen zu beurteilen 
sein. Die untersten Schichten, deren Fossilienführung noch 
nicht ermittelt werden konnte, sind den Baumtravertinen 
von Weimar äquivalent. Die unmittelbar auf den Ilm- 
ablagerungen der Mittelterrasse liegenden Charensande des 
Saalüokn sehen Bruches mit dem Konchylienbestande c ge- 
hören in die Nähe der Grenze zwischen den Baumtravertinen 
und der Hauptmasse der Unteren Travertine zu Weimar. 
Die höheren Lagen mit Kesten der Antiquus-¥ ».\xndi, aber 
vorläutig ohne Konchylien, entsprechen der Hauptmasse der 
Unteren Travertine mit Resten der J^w%t«<s- Fauna und 
dem Konchylienbestande b zu Weimar und Taubach. In 
die Nähe der Obergrenze dieser Schichten gehören die 
Schichten des Schwarz sehen Bruches mit dem Konchylien- 
bestande e und vielleicht auch noch die Charensaudlinse 



Travertingebiet der Gegend von Weimar. 



205 



unter dem Pariser im KAEMPFEsclien Bruche, welche einen 
Konchylienbestand geliefert hat, von dem nicht sicher ist, 
ob er sich näher an e oder an f anschliefst. Die Schichten 
mit dem sehr verarmten Konchylienbestande f im Kaempfe- 
sehen und SAALHORNschen Bruche sind die jüngsten zur Zeit 
paläontologisch charakterisierbaren Schichten der Unteren 
Travertine des gesamten Travertingebietes der Gegend von 
Weimar. 

Die Fossilienbestände des Parisers von Ehringsdorf. 

(Konchylienbestand g.) 
Der Pariser des Ehringsdorfer Travertingebietes ist im 
allgemeinen fossilienfrei, wie es Löfs zu sein pflegt. 

Ich selbst habe nur an einer Stelle, im Heydenreich- 
schen Brache, Fossilien und zwar Konchylien im Pariser 
gefunden. In diesem schon seit Jahren aufgelassenen Bruche 
ist der Pariser im allgemeinen 1,5 ra mächtig, seinem reichen 
Gehalte an Gerollen und eckigen Triasbrocken nach un- 
bedingt als umgelagerter Löfs anzusprechen und in seiner 
oberen Hälfte — wohl infolge einer Reduktion seines Eisen- 
hydroxydgehaltes zur Bildungszeit der im unmittelbaren 
Hangenden sichtbaren stark humosen Travertinlage — grau- 
grün gefärbt. Ein Teil der Lagen des Parisers sind hier 
geradezu reich an Konchylien, welche indessen zu nur 
9 Arten, 8 Landschnecken und 1 Wasserschnecke gehören: 

Conulus fulvus 

Helix pulchella 

Helix costata 

Helix hispida 

Helix striata 

Pupa muscorura 

Cionella lubrica 

Succinea oblonga 

Limnaea truncatula. 

Zumal das Vorkommen von Limnaea truncatula eine Be- 
teiligung von Wasser bei der Bildung der Schicht verrät, 
ist der Konchylienbestand, den ich als g bezeichne, als 
überaus ärmlich anzusehen. Er mufs aus einer dem 



206 



Ewald Wüst, 



[46] 



Molluskenleben überaus ungünstigen Zeit stammen. An 
eine Zeit kalten Klimas ist nicht zu denken, da alle hierfür 
bezeichnenden Arten fehlen. Dagegen kann der Bestand 
sehr wohl aus einer Zeit kontinentalen Steppenklimas 
stammen, denn alle gefundenen Arten kommen heute unter 
solchem Klima vor und sind auch — zum Teil als die 
häufigsten und bezeichnendsten Schnecken — in konchylien- 
fUhrenden Löfsablagerungen nachgewiesen. Besondere Be- 
achtung verdient HcJix striata, eine Schnecke, welche heute 
zwar unter recht verschiedenartigen Klimaten eine ziemlich 
weite Verbreitung besitzt, aber doch ganz entschieden den 
Schwerpunkt ihres Verbreitungsgebietes in den kontinen- 
taleren Gebieten des südöstlichen Europa, in den zentralen 
Teilen Ungarns, im südlichen Rui'sland usw. besitzt. So 
weist also der besprochene Konchylienbestand g, obgleich 
umgelagertem Löfse angehörend, auf ein recht kontinentales 
Klima hin. 

Aus dem Kaempfe sehen Bruche erhielt ich Proben von 
zu festem, travertinähnlich aussehendem Gesteine ver- 
festigtem Pariser, aus denen ich folgende — in der Tabelle 
dem Bestand g zugerechnete — 3 Landschnecken heraus- 
präparieren konnte : 

Helix fruticum 

Helix (Tachea) sp. (nicht genau bestimm- 
bare Scherben) 
Helix Pomatia. 

Die zwei genau bestimmten Arten sind weit verbreitet 
und auch in den kontinentalen Gebieten Ungarns und Süd- 
rufslands nachgewiesen. 

Aus dem Pariser des Fischer sehen Bruches erhielt ich 
als einzigen sicheren Säugetieirest aus dem Pariser ein 
Bruchstück, das anscheinend von einem ^jMr«/cero5- Geweih 
herrührt. 

Der ärmliche Fossilienbestand, der sich an einigen 
wenigen Stellen im Pariser nachweisen liefs, unterstützt den 
im geologischen Teile der Arbeit gezogenen Schlufs, dafs 
der Pariser in einer Periode der Löfsbildung oder im un- 
mittelbaren Anschlüsse daran entstanden ist. 



[47] 



Travertingebiet der Gegend von Weimar. 



207 



Wollte man in. dem Pariser Umlagerungsprodukte eines 
schon vor der Bildung des Kieses der Unterterrasse vor- 
handen gewesenen Lesses sehen, die auf den Unteren Tra- 
vertinen abgelagert und erhalten werden konnten, nachdem 
das Gebiet der Unteren Travertiue dem Inundationsbereiche 
der Ilm entrückt war, so würde doch die Ärmlichkeit und 
die Zusammensetzung des Fossilienbestandes des Parisers, 
dem zahlreiche der Arten fehlen, die zur Bildungszeit der 
Unteren Travertine an den Gehängen des Ilmtales gelebt 
haben müssen, zeigen, dafs zur Bildungszeit des Parisers 
das Klima ein anderes, dem Molluskenleben ungünstiges, 
kontinentales geworden war. 

Die Fossilienbestände der Oberen Travertine von Ehringsdorf. 

(Konchylienbestände i, f.) 
Wie bereits im geologischen Teile dieser Arbeit dar- 
gelegt wurde, ist die Parallelisierung der in den verschie- 
denen Aufschlüssen sichtbaren Schichten der Oberen Tra- 
vertine von Ehringsdorf auf Grund einer Untersuchung der 
Lagerungsverhältnisse nicht genau und sicher durchführbar, 
weil die Oberen Travertine als Gehängetravertine anzusehen 
sind. Unter diesen Umständen ist die Aufeinanderfolge 
der bisher gesammelten Fossilienbestände nicht mit der 
wünschenswerten Genauigkeit und Vollständigkeit zu er- 
mitteln. Gleichwohl lassen sieh durch Kombination der 
in den verschiedenen Aufschlüssen gemachten Beobach- 
tungen wenigstens einige nicht unwesentliche Ergebnisse 
gewinnen. 

Die von mir in den Oberen Travertinen von Ehringsdorf 
gesammelten Konchylienbestände lassen sich auf drei Typen 
verteilen, welche ich als t), i und f bezeichne. 

Die Bestände vom Typus ^ entstammen humosen, 
erdigen Einlagerungen etwas über der Basis der Oberen 
Travertine, welche sich über einen grofsen Teil der Brüche 
von Haubold, Schwakz, Kaempfe und Fischer verfolgen 
lassen. Sie enthalten 18 Konchylien, 17 Landschnecken und 
1 Wasserschnecke, welche in der grofsen Tabelle auf- 
gezählt sind. 



208 



Ewald Wüst, 



[48J 



Der Konchylienbestand ist recht ärmlich und indifferent. 
Von den nicht ganz weit verbreiteten Arten ist keine mit 
denen der Schichten bis zu der Hauptmasse der Unteren 
Travertine aufwärts gemeinsam. Am bemerkenswertesten, 
weil gegenwärtig am wenigsten weit verbreitet, sind 

Helix striata, 

welche uns zuerst im Pariser entgegentrat, 

Pupa triplicata, 

welche in den obersten Lagen der Unteren Travertine von 
Ehringsdorf vorkommt, und 

Buliminus tridens, 

welcher zum ersten Male in den hier zu besprechenden 
Schichten auftritt. Hdix striata ist, wie schon bei der 
Besprechung des Parisers gesagt wurde, eine Schnecke, die 
ihre Hauptverbreitung in den kontinentaleren Gebieten des 
südöstlichen Europa besitzt. Vupa triplicata kann, nach 
dem bei der Besprechung der obersten Unteren Travertine 
von Ehringsdorf gesagten, ebenfalls als ein kontinentales 
Element angesprochen werden. Von Buliminus tridens, 
ebenfalls einer ziemlich weit verbreiteten Schnecke, gilt 
dasselbe, zumal da diese Art in Südrufsland aufserordentlich 
verbreitet ist. Einen eigentlichen Steppencharakter scheint 
aber unsere Gegend zur Bildungszeit der hier besprochenen 
Schicht nicht mehr besessen zu haben, wie aus dem Vor- 
kommen einiger weit verbreiteter, jedoch die südosteuropäi- 
seben Steppengebiete meidender Arten, wie insbesondere 

Clausilia dubia 

hervorgeht. Elemente, welche für kaltes Klima sprechen, 
fehlen durchaus. 

Im Fischer sehen Bruche erhielt ich aus der Fundschicht 
des Konehylienbestandes ^ eine Keihe von Säugetierresten. 
Ich selbst sammelte 

Myoxus glis L. sp. 

Microtus (= Arvicola) arvalis Pall. sp. 
oder agrestis L. sp. 



[49] Travcrtingebiet der Gegend von Weimar. 209 

Vou Herrn K. Fischer erhielt ich 
Myoxus glis L. sp. 

Rhinoceros antiquitsitis Blumenb. (= ticbo- 
rhinus Cuv.). 

Von der zuletzt geDauiiten, wichtigen Art erhielt ich einen 
Unterkiefermolaren, dessen Bestimmung vollkommen sicher 
ist und dessen Herkunft aus unserer Schicht nach seinem 
Erhaltungszustande und dem ihm anhaftenden Gesteins- 
materiale nicht zweifelhaft sein kann.') 

Herr Grofsh. Bauinspektor Rebling in Weimar besitzt 
ein reiches Material von Resten kleiner Säugetiere aus dem 
Fischer sehen Bruche, welches seinem Erhaltungszustande 
nach offenbar ebenfalls aus unserer Schicht stammt. Das 
Material enthält, von noch nicht bestimmten Fledermaus- 
arten abgesehen, folgende Arten 

Putorius putorius L. sp. 
Lutra lutra L. sp. 
Myoxus glis L. sp. 
Cricetus cricetus L. sp. 
Mus sp. 

Microtus (= Arvicola) arvalis Fall. sp. 
oder agrestis L. sp. 

Der aufgezählte Säugetierbestand trägt einen ähnlichen 
tiergeographischen Charakter wie der schon besprochene 
Konchylienbestand. Einige Arten sind so weit verbreitet, 
dafs sie für die genauere Charakterisierung des Säugetier- 
bestandes nicht in Betracht kommen. Myoxus glis und 
Cricetus cricetus sind zwar auch recht weit verbreitete 
Arten, doch haben sie • — Cricetus noch ausgesprochener 
als Myoxus — den Schwerpunkt ihrer Verbreitung in den 
kontinentaleren Gebieten Südosteuropas und Cricetus auch 
Westsibiriens. Ehinoceros antiquitatis ist eine ausgestorbene, 
im Plistozän sehr häufige Art, welche uns hauptsächlich in 
arktischen und Steppen -Faunen entgegentritt, aber auch in 



Vgl. Wüst, Das Vorkommen von Rhinoceros Merckii Jag. in 
den Oberen Travertinen von Ehringsdorf usw., Centralblatt für Minera- 
logie usw., 1909, S. 23—25. 

Zeitachr. f. Naturwisa. HaUe a. S. Bd. 82. 1910. 14 



210 



Ewald Wüst, 



[50] 



Waldfaimen von allerdings stark kontinentalem Gepräge 
vorkommt. ') 

Die von mir zum Typus t vereinigten und in der grofsen 
Tabelle zusamraengefafsten Koncbylienbestände weisen trotz 
einer weitgehenden Ubereinstimmung doch auch einzelne 
nicht ganz unwesentliche Verschiedenheiten auf. Daher sind 
die 3 hierher gezogenen Bestände in der folgenden Spezial- 
Tabelle einzeln aufgezählt. Die 3 Bestände entstammen 
Schichten von sehr verschiedener Gesteinsbeschatfenheit und 
Lagerung. 

Die Fundschicht des Heydenreich sehen Bruches ist 
eine bis 0,45 m mächtige humose, mürbe Travertinlage, 
welche nur etwa Ilm über der heutigen Ilraaue unmittelbar 
dem Pariser aufliegt. 

Der kleine Bestand aus dem Kaempfe sehen Bruche 
entstammt festen, dünnplattigen Travertinen, in denen das 
Sammeln sehr erschwert ist. Diese Schichten liegen 
3 — 6 m über der Oberfläche des Parisers und damit erheb- 
lich höher als die nur etwa 2 m über der Oberfläche des 
Parisers gelegenen Schichten mit einem Koncbylienbestände 
vom Typus t) des gleichen Bruches. Es ist wichtig, dafs 
das Profil des Kaempfe sehen Bruches deutlich zeigt, dafs 
der Konchylienbestand i jünger als der Kouchylien- 
bestand | ist. 

Die Fundschicht des Hackemesser sehen Bruches ist 
eine graugrüne, mergelige Einlagerung in den Gehänge- 
travertinen, welche etwa 2 m über der Oberfläche des 
Parisers und etwa 30 m über der heutigen Ilmaue liegt. 
Einige der in dieser Schicht gefundenen Arten konnte ich 
auch in ihr benachbarten festen Werktravertinen nachweisen. 

In der Fundschicht des Heydenreich sehen Bruches 
fand ich 22 Konchylieu, die alle Landschnecken sind. Der 
Gesamtcharakter des Bestandes ist der einer Molluskenfauna 



1) Z. B. in den mitteldeutschen plistoziinen Flufsablagerungen mit 
Corbicula fluminalis Müll. sp. Aus dem Unstrutkiese mit Corbicula 
fluminalis Müll. sp. von Carsdorf, den ich in dieser Zeitscliritt, Bd. 77, 
1904, S. 75— 77, behandelt habe, erhielt ich später durch die Freund- 
lichkeit des Herrn Rentmeister Kuntze in Burgseheidungen einen 
Oberkief'erprämolaren von Rhinoceros antiquitatis. 



[51] Travertingobiet der Gegend von Weimar. 211 





Heyden- 
reich 


Kaempfe 


Hacke- 
messer 


Hyaliuia nitens oder nitidula . . . 


* 








* 


* 














* 








* 




* 








* 




* 




* 








* 




* 








* 




* 








* 








* 




* 








Tacheasp. 




* 




* 




* 
























* 
































* . 




* 




* 




* 




*? 








*? 












* 








* 




* 










Planorbis spirorbis 






* 








* 




* 




* 








* 








* 



der Waldgebiete des südlichen Teiles der borealen Zone 
des paläarktischen Europa. Elemente, welche mit Bestimmt- 
heit auf den nördlichen Teil dieser Zone oder gar die 
arktische Kegion hinweisen, fehlen durchaus. Von wesent- 

14* 



212 



Ewald Wüst, 



[52] 



lieh südöetlicben Elementen, wie sie für die Hauptmasse 
der Unteren Travertine so bezeichnend sind, kommt nur 

Clausilia pumila 

und auch diese nur in nicht ganz sicher bestimmten Bruch- 
stücken vor. Die beiden für den Bestand t) so charakte- 
ristischen Elemente 

Helix striata 
Buliminus tridens 

sind noch vorhanden, wozu jedoch bemerkt werden mufs, 
dafs Helix striata, welche im liegenden Pariser häufig ist, 
durch wühlende Tiere sekundär in unsere Schicht gelangt 
sein könnte — ähnlich wie wir heute in Maulwurfshaufen 
n. dgl. der Wiesenböden auf Löfs Löfsschneeken finden. 
Dafs zur Bildungszeit unserer Schicht bei weitem kein so 
kontinentales Klima mehr herrschen konnte wie zu derjenigen 
der Schichten mit den Konchylieubeständen vom Typus ^, 
beweist besonders das Vorkommen der Arten 

Helix obvoluta 
Helix strigella 
Clausilia V bidentata 
Cionella V Schulziana 
Acme polita. 

Besonders bemerkenswert ist das Vorkommen von 

Hyalinia nitens oder nitidula 
Clausilia ? bidentata 
Cionella V Schulziana, 

weil ich diese 3 Arten in keiner der älteren Ablagerungen 
des Travertingebietes der Gegend von Weimar nachweisen 
konnte. Es ist sehr bedauerlich, dafs gerade diese 3 inter- 
essanten Formen bisher nur in nicht ganz sicher bestimm- 
baren Stücken gesammelt werden konnten, was seine Ursache 
in dem fast durchgängig überaus sehlechten Erhaltungs- 
zustande der Konchylien unserer Schicht hat. Am bemerkens- 
wertesten ist von den 3 besonders hervorgehobenen Schnecken 
die — iü dieser Arbeit als neu beschriebene — Cionella 
Schulziana. Diese gehört zu der Untergattung — oder 



[53] 



Travertingebiet der Gegend von Weimar. 



213 



vielleicht richtiger Gattung — Äzeca, deren Arten heute 
über Frankreich, England, Belgien und den westlichen Teil 
von Deutschland verbreitet sind. Da die nur fossil bekannte 
Cionella Schulsiana indessen nur in Beständen von ähnlichem 
Charakter wie derjenigen der Hauptmasse der Unteren Tra- 
vertine vorkommt, wird anzunehmen sein, dafs diese Art 
eine andere klimatische Anpassung besessen hat als ihre 
nächsten lebenden Verwandten. Gehört die Ehringsdorfer 
Äzeca zu Schuhiana, was sehr wahrscheinlich aber bei dem 
sehr fragmentären Zustande der wenigen gefundenen Stücke 
nicht ganz sicher ist, so beeinträchtigt ihr Vorkommen in 
keiner Weise das oben über den tiergeographischen Cha- 
rakter unseres Bestandes gesagte. 

Die Fundsehicht des Kaempfe sehen Bruches hat infolge 
von sehr ungünstigen Sammelbedingungen nur 6 Konchylien 
und zwar durchweg Landschnecken geliefert. Der kleine 
Bestand umfafst aufser einigen sehr weit verbreiteten, nichts- 
sagenden Arten 

Helix bidens 
Helix striata 
Buliminus tridens. 

Helix striata und Buliminus tridens sind mit der Fund- 
schicht des Heydenreich sehen Bruches gemeinsam. Helix 
bidens ist uns bisher noch nicht begegnet. Sie ist eine 
vorwiegend osteuropäische Art, welche, ihrer heutigen Ver- 
breitung nach zu urteilen, recht gut in den Konchylien- 
bestand der Hauptmasse der Unteren Travertine (b) passen 
würde, wie sie denn auch in der Tat anderwärts in ähn- 
lichen Beständen gefunden worden ist. i) 

Die Fundsehicht des Hackemesser sehen Bruches hat 
27 Konchylien, 22 Landschnecken, 3 Wasserschnecken und 
2 Muscheln geliefert. Der Konchylienbestand dieser Schicht 
trägt im ganzen denselben tiergeographischen Charakter 
wie derjenige der Fundschicht des Heydenreich sehen 
Bruches. An wichtigeren Arten sind mit der Fundschicht 
des Heydenreich sehen Bruches 



1) Z.B. in Travertinen am Grofsen Falisteine im nördlichen Harz- 
vorlande. 



214 



Ewald Wüst, 



[54] 



Clausilia ? bidentata 
Clausilia pumila 
Cionella ? Schulziana 

und mit der Fundscliicht des Kaempfe sehen Bruches 
Helix bidens 

gemeinsam. Von den bemerkenswerteren Arten der beiden 
anderen Fundschichten fehlen 

Helix striata 
Buliminus tridens, 

was vielleicht in dem Sinne zu deuten ist, dafs von unseren 
drei Schichten die Hackemesser sehe die jüngste ist, daher 
in ihr diese beiden kontinentalen Elemente bereits ver- 
schwunden sind. Im ganzen Travertingebiete ausschliefslich 
in der Hackemesser sehen Schicht gefunden ist 

Buliminus ? montanus, 
dessen Vorkommen zusammen mit dem von besonders 

Helix obvoluta 
Helix lapicida 
Clausilia ? bidentata 
Cionella V Schulziana 
Acme polita 

zeigt, dafs unsere Schicht unter wesentlich weniger kon- 
tinentalem Klima als die Fundschichten der Konchylien- 
bestände vom Typus f) entstanden ist. 

Unter dem Typus f vereinige ich die Konchylienbestände, 
welche ich in Charensanden und mergeligen Einlagerungen 
in den Oberen Travertinen des Fischer sehen Bruches ge- 
sammelt habe. Diese Schichten liegen 1 — 3,5 m über der 
Oberfläche des Parisers und damit höher als die nur 0,7 — 1 m 
über der Oberfläche des Parisers gelegene schwarze, erdige 
Schicht, welche einen Konchylienbestand vom Typus ij ge- 
liefert hat. Die hierher gehörenden Bestände umfassen zu- 
sammen 28 Konchylien, 23 Landschnecken, 3 Wasser- 
schnecken und 2 Muscheln, welche in der grofsen Tabelle 
aufgezählt sind. 



155] 



Travortingehiet der Gegend von Weimar. 



215 



Der Koncliylienbestand f zeigt eine bemerkenswerte 
Annäherung- an den Konchylieubestand b der Hauptmasse 
der Unteren Travertine. Von seinen 28 Arten sind 24 sicher 
mit b gemeinsam, darunter 3 Arten, welche im ganzen 
Bereiche des Travertingebietes nur in b und f vorkommen 

Helix vindobonensis 
Pupa minutissima 
Pupa pusilla. 

Von diesen 3 Arten ist Helix vindobonensis eines der 
für die Hauptmasse der Unteren Travertine so bezeichnenden 
südöstlichen Elemente. Von den 4 in b fehlenden Arten 
sind 2 nicht sicher bestimmt 

Vitrina diaphana 
Pupa triplicata. 

Die beiden anderen sind 

Patula ruderata 
Planorbis spirorbis. 

Fatula ruderata kenne ich sonst nur aus den untersten 
Lagen der Unteren Travertine (Konchylieubestand b) von 
Weimar und Taubach, Planorhis spirorbis nur aus der Fund- 
schicht des Konchylienbestandes i im Hackemesser sehen 
Bruche. 

Von Säugetieren sind mir aus den Fundschichten des 
Konchylienbestandes f nur 

Myoxus glis L. sp. 
Rhinoceros Merckii Jag. 

bekannt geworden. Von letzterem i) kenne ich nur einen 
schönen Unterkiefer mit allen 6 Backzähnen in der Samm- 
lung Rebling in Weimar. An seine Herkunft aus unseren 
Schichten kann nach den mir von Rebling und Fischer 
gemachten Angaben sowie dem Erhaltungszustande des 
Stückes kein Zweifel bestehen. Da Rhinoceros Merckii im 



Vgl. Wüst, Das Vorkommen von Rhinoceros Merckii Jäg. in 
den Oberen Travertinen von Ehringsdorf usw., Centralblatt für Minera- 
logie usw., 1909, S. 23—25. 



216 



Ewald Wüst, 



[56] 



Travertingebiote tlev Gegend von Weimar sonst aussclilierslich 
iu den Sebichteu mit dem Konebylieubestande b vorkommt, 
bekräftigt das Vorkommen dieses lihinoceros in unserer 
Scbiebt, die scbon aus der Bescbaflenbeit des Koucbylien- 
bestandes f zu gewinnende Meinung, dals zur Bilduugszeit 
unserer Scbiebten äbnlicbe klimatiscbe Verbältnisse und 
damit eine äbnlicbe Fauna wiederkehrte, wie sie zur 
Bildungszeit der Hauptmasse der Unteren Travertine in der 
Gegend vorbanden waren. Das Vorkommen von Patula 
ruderafa ist wobl sebon als der erste Vorbote eines Wieder- 
hereinbreebens kälteren Klimas anzuseben. 

Nacb dem eben gesagten und nacb den Beziebuugen 
der Koucbylienbestände f), t und f zu einander, ist es wahr- 
scheinlicb, dafs die Altersfolge dieser Koucbylienbestände 
^ — i — f ist. Es sei aber nocbmals betont, dafs aus den 
Lagerungsverbältnissen der Fundschiebten dieser Bestände 
bisher nur soviel mit aller Sicherheit ermittelt werden konnte, 
dafs i und f jünger als t) sind, während sich die Alters- 
beziehungen zwischen i und f bisher noch nicht durch Be- 
obachtung der Lagerungsbeziebungen ihrer Fundschichten 
zueinander exakt feststellen liefsen. 



Die Fossilienbestände der Oberen Travertine von Weimar. 

Bei den derzeitigen Aufschlulsverbältnissen war es mir 
unmöglich, in den Oberen Travertinen von Weimar Fossilien 
zu sammeln. Weiss und Schmidt geben bei einigen Kon- 
cbylien an, dafs sie nur in den oberen Lagen der Travertine 
von Weimar vorkommen, worunter allerdings unter Umständen 
auch der Pariser und die obersten Lagen der Unteren Tra- 
vertine mit verstanden sein können. Diese Koncbylien sind 
die folgenden: 

Helix bidens (nach Schmidt) 
Helix striata (nach Schmidt) 
Buliminus tridens (nach Wkiss) 
Buliminus obscurus (nach Schmidt) 
Limnaea stagnalis (nach Weiss und Schmidt) 
Planorbis vortex (nach Weiss). 



[57] 



Travertingebiet der Gegend von Weimar. 



217 



Vou diesen Arten habe ich Flanorbis vortex Uberhaupt 
nicht und Linmaea stagmilis nur einmal auf einer Halde 
des Ullk sehen Bruches gefunden und habe daher kein 
Urteil darüber, welches die Fuudschichten dieser Arten sein 
mögen, ßuliminus obscurtis kenne ich nur aus den Unteren 
Travertinen von Weimar, Zaubach und Ehringsdorf. Helix 
hidens und Buliminus tridens kenne ich nur aus den Oberen 
Travertinen von Ehringsdorf, Ilelix striata aus dem Pariser 
und den Oberen Travertinen vou Ehringsdorf. Danach ist 
es mir wahrscheinlich, dals Helix hidens, Helix striata und 
Buliminus tridens in Weimar in den Oberen Travertinen 
— Helix striata vielleicht auch im Pariser — gesammelt 
worden sind. Die übrigen oben angeführten Arten würden, 
gleichviel ob sie zu Weimar in den obersten Lagen der 
Unteren Travertine oder in den Oberen Travertinen ge- 
sammelt worden sein sollten, das Bild, das sich nach meinen 
Aufsammlungen bei Ehringsdorf vom tiergeographischen 
Charakter der Konchylienbestände dieser Schichten ergibt, 
nicht beeinträchtigen. Nach meinen Erfahrungen im Travertin- 
gebiete der Gegend von Weimar halte ich es für sehr wahr- 
scheinlich, dafs auch eine Reihe von mir zu Weimar nicht 
gefundener aber in der Literatur ohne Angabe des Niveaus 
von diesem Fundorte angeführter Arten den Oberen Tra- 
vertinen von Weimar entstammt, so besonders 

Clausilia bidentata, 
Planorbis spirorbis. 

Die Fossilien der Ablagerungen im Hangenden der Travertine. 

Aus diesen Ablagerungen kenne ich an sicher verbürgten 
Fossilien nur einige Reste von Eleplias primigenius Blumenb. 
Im Städtischen Museum in Weimar liegen 2 Molaren aus 
einer Spalte in den Travertinen des Kaempfe sehen Bruches ; 
da den Stücken Laimenmaterial anhaftet, entstammen sie 
umgelagertem Laimen aus dem Hangenden der Travertine. 
Bei einigen weiteren Stücken sind die Fundverhältnisse 
nicht ganz sicher verbürgt. Das Vorkommen von Eleplias 
primigenius in umgelagertem Laimen im Hangenden der 
Travertine dürfte im Sinne einer Wiederkehr kalten, eis- 



218 Ewald Wüst, [58] 

zeitlichen Klimas nach der Bildungszeit der Oberen Travertine 
zu deuten sein. 

Oer Fossilienbesiand der Ilmablagerungen von Ober-Weimar. 

(Konehylienbestand 5.) 
Aufser Verbindung mit den Travertinen oder dem Pariser 
steht das geringfügige, im geologischen Teile der Arbeit 
erwähnte Vorkommen von Ilmablagerungen bei Ober- Weimar, 
zwischen dem Niveau der Unterterrasse und der heutigen 
Ilmaue. Seine Altersbeziehungen zu den bisher besprochenen 
Ablagerungen sind nicht klar. Dafs es jünger ist als die 
Ilmablagerungen der Unterterrasse und die Hauptmasse der 
im unmittelbaren Anschlüsse daran gebildeten Unteren 
Travertine, erleidet keinen Zweifel. Da gegen Ende der 
Bildungszeit der Unteren Travertine, wie erwähnt wurde, 
offenbar eine Tieferlegung des Ilmbettes begann, wird der 
erwähnte Zeitpunkt als die untere Grenze des Alters der 
Ilmablagerungen von Ober-Weimar anzusehen sein. Mehr 
läfst sich leider auf Grund der Lagerungsverhältnisse nicht 
sagen. 

Die hier zu besprechenden Ablagerungen lieferten den 
in der grofsen Tabelle aufgezählten Konehylienbestand, den 
ich als den Bestand j: bezeichne. Der Bestand umfafst 
16 Konchylien, 8 Landschnecken, 6 Wasserschnecken und 
2 Muscheln. Er ist für eine Flufsablagerung, welche Geniste 
umschlossen hat, sehr arm, wobei allerdings zu berück- 
sichtigen ist, dafs die Sammelgelegenheit in dem kleinen 
vorübergehenden Aufschlüsse nicht sonderlich günstig war. 

Der Bestand stimmt in seiner Zusammensetzung mit 
keinem der bisher besprochenen auch nur annähernd Uber- 
ein und mufs daher zeitlich einer der Lücken in der Schichten- 
folge der bisher besprochenen Ablagerungen entsprechen 
oder der Zeit nach Abschlufs der Bildung dieser Ablagerungen 
angehören. Von den minder verbreiteten Arten unseres 
Bestandes kommt Pupa parcedentata auch im Parkhöhlen- 
kiese (Bestand a), Helir striata im Pariser (Bestand g) und 
in einigen Schichten der Oberen Travertine (Bestände ^ und i) 
und Clausilia pumila schliefslich in verschiedenen Schichten 



[59] 



Travertingebiet der Gegend von Weimar. 



219 



der Unteren wie der Oberen Travertine (Bestände b, e, i) 
vor. Allen bisher besprochenen Ablagerungen gegenüber 
neu sind 

Suceinea '? Schumacheri 
Planorbis Rossmaessleri. 

Der Bestand gehört zu dem Typus der im mitteleuropäischen 
Plistozän weit verbreiteten Bestände, welche durch eine 
Mischung arkto- alpiner (in unserem Bestände Tupa parce- 
dentata) und kontinentaler (in unserem Bestände Helix 
striata und wohl auch Clausilia pumila) Elemente gekenn- 
zeichnet sind und dazu sehr häufig Suceinea Schumacheri, 
eine ausgestorbene, an lebende Arten kontinentaler Gebiete 
Asiens sich nahe anschliefsende Art, und Platiorbis Ross- 
maessleri, eine rezente Art von ungenügend bekannter Ver- 
breitung, enthalten. Ein Teil der Elemente dieser Bestände 
mufs seither seine klimatische Anpassung geändert haben; 
es fragt sich nur, ob das bei den kontinentalen oder den 
arkto-alpinen Arten der Fall gewesen ist. Da Bestände des 
besprochenen Typus die unmittelbar vor oder während der 
Bildungszeit echter Lösse entstandenen fluviatilen oder 
Sandlösse charakterisieren, dürften sie als Reste von Steppen- 
faunen aufzufassen sein. Danach könnten die Ilmablagerungen 
von Ober -Weimar dem Pariser im Alter nahe stehen und 
etwa in der Erosionsperiode unmittelbar vor der Bildung 
des Parisers entstanden sein. 

Die Fossilienbestände der Ilmablagerungen der Mittelierrasse 
von Taubach und Ehringsdorf. 

(Konchylienbestand t).) 

Wie ich bereits im geologischen Teile dieser Arbeit 
dargelegt habe, sind die Ilmablagerungen der Mittelterrasse 
von den bisher besprochenen Ablagerungen durch eine 
grofse zeitliche Kluft getrennt, in der eine Tieferlegung des 
Ilmtales um mehrere Meter vom Niveau der Mittelterrasse 
bis zu dem der Unterterrasse erfolgte. 

Konchylien habe ich in den Ilmablagerungen und zwar 
den Mergeln der Mittelterrasse an mehreren Stellen des 



220 



Ewald Wüst, 



[60] 



Taiibacher und des Ehringsdorfer Travertiugebietes, in der 
GoTTSCHALG sehen KiesgTube ') und dem östlicheren der 
beiden Sonnkein sehen Brüche bei Taubach und im Kaempfe- 
schen und im Haubold sehen Bruche bei Ehringsdorf ge- 
sammelt. Die gesammelten Konchylien sind in der grofsen 
Tabelle für das Taubacher und das Ehringsdorfer Travertin- 
gebiet gesondert aufgezählt. Die Bestände der beiden 
Travertingebiete sind einander recht ähnlich und werden 
daher — als Bestand t) — zusammengefafst. Sie umfassen 
zusammen, obgleich ich sehr reichliche Schlämmproben 
untersucht habe, nur 17 Arten, 13 Landschnecken, 3 Wasser- 
schnecken und 1 Muschel. 

Der tiergeographisehe Charakter des Bestandes l) ist 
demjenigen des Bestandes j der sehr viel jüngeren Ilm- 
ablagerungen von Ober -Weimar recht ähnlich. Wesentlich 
oder vorwiegend arktisch -alpine Arten sind 

Helix tenuilabris 
Pupa columella 
Pupa parcedentata 

sowie Pu2)a alpestris, der eine in unserem Bestände ge- 
fundene Pupa recht nahe steht. Auf kontinentales Klima 
weisen 

Helix striata 

Pupa cupa var. turcmenia. 



1) Die kleine Gottschalgsche Kiesgrube, in der in den letzten 
Jahren nur gelegentlich Kies gegraben wurde, bot in dieser Zeit meist 
recht schlechte Aufschlüsse dar und ist jetzt fast ganz verstürzt. Über 
(lern Ilmkiese waren öfters etwa 30 cm mächtige konchylienführende, 
braune, mergelige Ilmabsätze aufgeschlossen. Über diesen folgten bis 
etwa 2 m mächtige sandige und grüne, mergelige Ilmablagerungen, die 
indessen zum grofsen Teile Travertinbrocken und Linsen von Travertin- 
schutt enthielten und daher offenbar als nicht in situ befindlich, sondern 
am Gehänge umgelagert zu betrachten waren. Dieser Auffassung ent- 
sprach auch der Konchyliengehalt dieser Ablagerungen. Wo die grünen 
Mergel sich in situ befanden, lieferten sie den Konchylienbestand t) 
der Ilmablagerungen der Mittelterrasse, wo sie aber mit Travertin- 
brocken versetzt waren, ein buntes Gemisch der Konchylien des Be- 
standes l) und des Bestandes b der Hauptmasse der Unteren Travertine. 
Über den besprochenen Ablagerungen folgte lokal noch bis gegen 1 m 
Travertinschutt und etwas Löl'smaterial. 



[61] 



Travertingebiet der Gegend von Weimar. 



221 



Von anderweitigen nicht ganz weit verbreiteten Arten kommt 
zu den schon genannten die in Beständen ähnlichen Cha- 
rakters weit verbreitete 

Succinea Schumacheri. 

Gemäls dem bei der Besprechung des Bestandes ]c 
gesagten dürfte es sich auch im Bestände Q um die Reste 
einer Molluskenfauna aus einer Zeit kontinentalen Steppen- 
klimas handeln. Im gleichen Sinne kann das Vorkommen 
der einzigen bisher nachgewieseneu Säugetierart, des Elephas 
primigenius BInmenb. gedeutet werden. Dieser ist durch 
einen prächtig erhaltenen Milchmolaren aus dem Ilmkiese des 
HAUBOLDschen Bruches (Sammlung Rebi>ing in Weimar) ') 
und zwei zusammengehörige Unterkieferraolaren aus dem 
„Letten" des Kaempfe sehen Bruches (Städtisches Museum 
in Weimar) vertreten. Die Stücke gehören zweifellos einer 
altertümlichen Form des Elephas primigenius Blumenb. an 
und könnten vielleicht sogar einer bereits recht primigenius- 
ähnlichen Form des Elephas Trogontherü Pohl, zugerechnet 
werden. 2) Bei der Bedeutung der Stücke, deren Fund- 
schichten erfreulicher Weise vollkommen sicher verbürgt 
sind, gebe ich in der folgenden Tabelle eine Charakteristik 
derselben — unter Weglassung des schlechter erhaltenen 
der beiden Unterkiefermolaren des Gebisses aus dem 
Kaempfe sehen Bruche — nach dem von mir stets für 
die Beschreibung von Elefantenbackzähnen angewandten 
Schema.'') In die Tabelle nehme ich auch das Hinterende 



1) Bei der hinlänglich bekannten Schwierigkeit der Bestimmung 
von Elefanten -Milchmolaren, war es mir sehr wertvoll, in der gerade 
auf dem Gebiete der Elefanten -Backzähne ungewöhnlich reichhaltigen 
Rebling sehen Sammlung zwei analoge Milchmolaren von Elephas 
antiquus aus den Unteren Travertinen von Taubach vergleichen zu 
können. Diese weichen von dem Ehringsdorfer Zahne u. a. durch 
deutlich rautenförmige Kaufiguren, längere Zementintervalle und auch 
breitere Schmelzbänder recht erheblich ab. 

^) Bekanntlich sind Elephas Trogontherü Pohl, und E. primi- 
genius Blumenb. durch vollständige Ubergänge miteinander verbunden, 
so dafs die Abgrenzung dieser beiden Elefantenformen voneinander 
etwas willkürlich ist. 

^) Vgl. Wüst, Untersuchungen über das Pliozän und das älteste 



222 



Ewald Wüst, 



[62] 



Fundort 


Ehringsdorf, 
Ilaubold 


Ehringsdorf, 
Kaempfe 


Lämmerhirt 


Sainmlung . . ' . 


Kebling, 
Weimar 


Städt. Museum 
Weimar 


Städt. Museum 
Weimar 


Stellung im Gebisse . . 


MMn.?mand. 
sin. 


Min. mand. 
sin. 


M 


Erhaltungszustand . . . 


gut 


gut 


gut 


Lamellenformel .... 


X 8 X 


— 22x 


— 9 


Abkaiiungsgrad .... 


X— VII Kaufl. 
X — II kompl. 
(x-I) 


I — IX Kaufl. 
V kompl. 


I_VI Kaufl. 
I (II) kompl. 




65 mm 


245 mm 


142 mm 


Breite 


33 mm 


ca. 65 mm 


75 mm 


Höhe 


VII 38 mm 


VIII ca. 130 mm 


VI 148 mm 


Länge: Lamellenzahl . . 


65 : 8 = 8,1 


(185:19 = 9,7)») 


130:9 = 14,4 


Lamellenumrifs .... 


nach unten 
verbreitert 


nach unten 
verschmälert 


nach unten 
verschmälert 


Form der Kaufiguren . . 


bandförmig 


bandförmig 


bandförmig 


Verschmelzungstypus der 
Kaufiguren 


unklar 


unklar 


med. lam. lat. 
ann. 



eines ähnlichen Molaren des Städtischen Museums in Weimar 
(Nr. 613) auf, welches beim Lämmerhirt sehen Neubau auf 
dem Goetheplatze in Weimar in einem Ilmkiese gefunden 
wurde, dessen Niveau nicht exakt ermittelt worden ist, aber 
schätzungsweise dem der Ilmablagerungen der Mittelterrasse 
entsprechen dürfte. 

Bemerkenswertere Fossilien unsicherer Herkunft. 

Für die Ermittelung der Aufeinanderfolge der Fossilien- 
bestände im Travertingebiete der Gegend von Weimar konnte 

Pleistozän Thüringens usw., Stuttgart 1901 (auch Abhandl. der natur- 
forschenden Gesellschaft zu Halle a. S., Bd. 23), S. 240 fif. 

■) Im oberen Teile der Zahnkrone gemessen und berechnet; nach 
unten divergieren die Lamellen beträchtlich. 



[63] 



Travertingebiet der Gegend von Weimar. 



223 



icli leider die überwiegende Mehrzahl der in den Sanim- 
liingeu vorhandenen oder in der Literatur erwähnten Fossilien 
nicht verwerten, weil ihre Fundstellen und Fundschichten 
nicht oder nicht genügend sicher verbürgt sind. Es ist das 
um so bedauerlicher, als die Bedingungen für das Sammeln 
von Fossilien, besonders von Säugetierresten, heutzutage 
unvergleichlich viel ungünstiger geworden sind, als sie früher 
waren. Allein eine gewissenhafte Prüfung alles dessen, was 
wir über den Fossilieugehalt der Ablagerungen unseres 
Travertingebietes insgesamt wissen, lehrt, dal's sich daraus 
keine Bedenkep gegen die in den vorausgehenden Ab- 
schnitten entwickelten Ergebnisse hinsichtlich der Aufein- 
anderfolge der Fossilienbestände in unserem Travertingebiete 
herleiten lassen. 

In diesem Zusammenhange möchte ich nur noch be- 
sonders hervorheben, dafs in den verschiedenen Sammlungen 
eine nicht ganz unbeträchtliche Zahl von Säugetierresten 
mit den Fundortsbezeichnungen „Weimar", „Taubach" oder 
„Ehringsdorf" liegt, welche nicht von Vertretern der Antiquus- 
sondern von solchen der Primigenius-FsinnsL herrührt. Hier- 
her gehören insbesondere Reste von Eleplias primigenius 
Blumenb., Rhinoceros autiquitatis Blumenb. und Rangifer. 
Ein Vorkommen von Vertretern der sogenannten Primigenius- 
Fauna konnte ich für folgende Schichten mit Sicherheit 
feststellen : 

1. Ilmablagerungen der Mittelterrasse [Eleplias xtrimi- 
genius oder allenfalls Trogontherü); 

2. Alteste Schichten der Oberen Travertine mit Kon- 
chylienbestand t) (Rhinoceros antiquüatis); 

3. Ablagerungen im Hangenden der Oberen Travertine 
{Elephas primigenius). 

Nach meinen Ermittelungen über den tiergeographischen 
Charakter der Konchylienbestände der verschiedenen Ab- 
lagerungen dürften indessen noch in anderen Schichten, ins- 
besondere in den Ilmablagerungen der Unterterrasse, in den 
untersten Unteren Travertinen mit Konchylienbestand b, in 
den obersten Unteren Travertinen mit Konchylienbestand f 
und im Pariser Vertreter der Prim«^ewms- Fauna zu erwarten 



224 



Ewald Wüst, 



[64] 



sein, so dafs also genügeud Schichten vorhanden wären, 
aus denen die in den Sammlungen liegenden, z. T. dem 
Erhaltungszustande nach sicher aus Travertin stammenden 
Reste von Tieren der Prünigenius -Fauna, stammen könnten. 

Für die mit der Fundortsbezeichnung „Taubach" im 
Geologisch-Mineralogischen Institute in Halle a. S. liegenden, 
ihrem Erhaltungszustande nach sicher aus Travertin stam- 
menden Reste von Elephas prmiigenius i) und Bhinoceros 
antiquitatis'^) könnte nach dem gesagten angenommen 
werden, dals sie aus den untersten Travertinlagen mit 
Konchylienbestand b stammen. Ich bin aber keineswegs 
sicher, dafs die Stücke nicht etwa von Weimar stammen, 
weil offensichtlich in den älteren Sammlungen auf die 
Unterscheidung der Fundplätze Weimar und Taubach wenig 
Wert gelegt worden ist. 

Von Resten von Bangifer kenne ich aus dem ganzen 
Travertingebiete nur die im Geologisch - Mineralogischen 
Institute in Halle a. S. vorhandenen. Diese stammen ihrem 
Erhaltungszustande nach ziemlich sicher aus Travertin. 
Nach Pohlig ^) scheinen sie aus den oberen Travertinlagen 
von Weimar zu stammen und dürften danach am ehesten 
Travertinlagen in der Nachbarschaft des Parisers, wie sie 
ja in Ehringsdorf EJdnoceros antiquitatis geliefert haben, 
zuzuschreiben sein. 

Die in mehreren meiner Vorläufigen Mitteilungen*) ent- 
haltene Angabe, dafs in den untersten Lagen der Unteren 
Travertine Eleplias primigenius und Bhinoceros antiquitatis 
nachgewiesen seien, mufs ich zurücknehmen. Die Angabe 
über Bhinoceros antiquitatis beruhte auf einem in einem 
Travertinblocke steckenden Schädelreste des Städtischen 
Museums in Weimar, der nach Angabe des Herrn Kustos 

^) Vgl. Wüst, Untersuchungen über das Pliozän und das älteste 
Pleistozän Thüringens usw., Stuttgart l'JOl (auch Abhandl. der natur- 
forschenden Gesellschaft zu Halle a. S., Bd. 23), S. 260—261. 

2) Vgl. Wüst, a. a. 0., S. 77. 

^) Die Cerviden des thüringischen Diluvialtravertines (Palaeonto- 
graphica, Bd. 39, 1892), S. 243. 

*) Centralblatt für Mineralogie usw., 1908, S. 199. 210; Zeitschrift 
für Naturwissenschaften, Bd. 80, 1908, S. 126; Bericht über die Prä- 
historiker-Versammlung usw., 1909, S. 77. 84. 



[65] Travertingebiet der Gegend vou Weimar. 225 



Möller im Kaempfe sehen Bruche in P^hringsdorf in den 
Unteren Travertinen etwa l'/i über deren Basis gefunden 
wurde. Diese Angabe scheint indessen trotz ihrer Genauig- 
keit unzutreüend zu sein, worauf mich Herr ßauinspektor 
Kebling aufmerksam gemacht hat. Der Travertinbloek 
zeigt nämlich einen so unreinen Travertin, wie er im 
Kaempfe sehen Bruche in den Unteren Travertinen — ab- 
gesehen von den unmittelbar an den Pariser grenzenden 
Lagen — nicht vorkommt, dagegen aber in den Oberen 
Travertinen häufig angetroffen wird. Die Angabe über 
Elephas primigenms beruhte auf zwei Backzähnen der 
Rebling sehen Sammlung, welche nach Rebling aus den 
Unteren Travertinen des Kaempfe sehen Bruches stammen. 
Beiden Stücken haftet Travertin an. Der Travertin an dem 
einen der Stücke schliefst Gerölle ein. Daraus glaubte ich 
wenigstens für dieses Stück eine Herkunft von der Basis 
der Unteren Travertine annehmen zu müssen, an der ja im 
Travertingebiete der Gegend von Weimar manchmal, nämlich 
wenn der Travertin direkt dem liegenden Kiese auflagert, 
durch Travertinmaterial verkitteter Kies vorkommt. Allein 
neuere Aufschlüsse im Kaempfe sehen Bruche lehrten mich, 
dafs hier die Travertine durch mergelige Hmabsätze von 
den Kiesen getrennt sind und daher auch keine Konglo- 
merate an der Basis der Travertine vorhanden sind. Da- 
gegen kommen im Kaempfe sehen Bruche durch Travertine 
verkittete Kiese an der Basis des Parisers vor. Eine 
Herkunft der Stücke von der Grenze zwischen den Unteren 
Travertinen und dem Pariser würde in gutem Einklänge 
mit dem tiergeographischen Charakter des wenig unter der 
Basis des Parisers gesammelten Konchylienbestandes f stehen. 
Umgekehrt aber würde jetzt meine alte Annahme, dafs die 
Zähne von Elephas primigenius von der Basis der Unteren 
Travertine des Kaempfe sehen Bruches stammen, insofern 
Schwierigkeiten bereiten, als jetzt nach der Scheidung von 
Mittel- und Unterterrasse und den daran sich anschliefsenden 
Umdeutungen an der Basis der auf der Mittelterrasse auf- 
lagernden Unteren Travertine des Kaempfe sehen Bruches 
nicht Reste der Primigenius- sondern solche der Antiqiius- 
Fauna zu erwarten sind. 

Zeitschr. f. Naturwiss. Halle a. S. Bd. 82. 1910. 15 



226 



Ewald Wüst, 



[66] 



Zusammenfassung. 

Alis den Beobacbtungen und Erörterungen, welche in 
den vorauHgeliendeu Abschnitten mitgeteilt worden sind, 
ergibt sich das folgende Bild von den Kliniaschwankungen, 
welche sich während der Bildungszeit der verschiedenen 
plistozänea Ablagerungen des Travertingebietes der Gegend 
von Weimar abgespielt haben. 

Die Ilmablagerungen der Mittelterrasse mit dem aus 
arkto-alpinen und kontinental-südosteuropäischen Elementen 
gemischten Konchylienl)estande 1) und einer altertümlichen 
Form des Elej)has primigenius dürften unter einem konti- 
nentalen Steppenklima entstanden sein. Ihre Bildungszeit 
ist von derjenigen der Ilmablagerungen der Unterterrasse 
durch eine längere Zeit getrennt, in welcher eine Tiefer- 
legung des llmbettes um 9 m erfolgte. 

Die Ilmablagerungen der Unterterrasse sind in ihrer 
Hauptmasse mit dem arkto-alpinen Konchylienbestande a 
unter einem kalten Klima, wie es heute in der Nähe der 
Baumgrenze im hohen Norden und in den Hochgebirgen 
Europas herrscht entstanden. Die obersten Lagen derselben 
Ilmablageruugen und die unmittelbar darüber folgenden 
untersten Unteren Travertineu mit dem Konchylienbestande b, 
welcher sich, von einem alpinen Elemente abgesehen, am 
nächsten an die MoUuskenfauneu des nordöstlichen palä- 
arktischen Rufsland anschliefst, sind unter einem merklich 
wärmer gewordenen Klima entstanden. Zeitlich folgen jetzt 
wahrscheinlich diejenigen Lagen der Unteren Travertine, 
welche den ziemlich indifferenten Konchylienbestand c ge- 
liefert haben, und zweifellos unter einem noch wärmer 
gewordenen Klima abgelagert worden sind. Die nun folgende 
Hauptmasse der Unteren Travertine mit Resten der Antiquus- 
Fauna und dem überaus reichen Konchylienbestande b, 
welcher sich am nächsten an die Molluskenfaunen der 
Böhmischen Masse, der Karpathenländer und der tieferen 
Regionen der Ostalpenländer anschliefst, ist unter einem 
bereits recht warmen gemäfsigten Waldklima entstanden, 
welches einen merklich kontinentaleren Charakter besafs 
als das heute im gröfsten Teile des Deutschen Mittelgebirgs- 
landes herrschende. Die etwas jüngeren Lagen der Unteren 



[67J 



Travertingcbiet der Gegend von Weimar. 



227 



Travertine mit dem ziemlich indififerenten Koncliylien- 
bestande e .sind unter einem ähnlichen, aber wohl etwas 
kontinentaleren Klima entstanden. Die jüngsten Lagen der 
Unteren Travertine mit dem stark verarmten Konchylien- 
bestaude f sind unter wesentlich kontinentalerem Klima 
entstanden. Dieses leitet über zu der Zeit der Löfsbildung, 
welche aus geologischen Gründen die der Lücke zwischen 
den Unteren Travertineu und dem Pariser iiud unter Um- 
ständen auch noch einem Teile des Parisers entsprechende 
Zeit darstellt. Der Pariser, welcher meistens fossilienfrei 
ist, und nur lokal den ärmlichen Konchylienbestand g ge- 
liefert hat, ist noch unter einem kontinentalen Steppenklima 
entstanden. Die ältesten Lagen der Oberen Travertine mit 
dem etwas reicheren Konchylienbestande t) und einer Reihe 
von Säugetieren, unter denen Füiinoceros untiquitatis als 
typischer Vertreter der Primigenius -VannaL besonders be- 
merkenswert ist, gehören ähnlieh wie die obersten Schichten 
der Unteren Travertine mit dem Konchylienbestande f dem 
Übergänge zwischen kontinentalem Steppen- und getnäfsigtem 
Waldklima an. Die jüngeren Lagen der Oberen Travertine 
mit den reicheren Konchylienl)eständen i und f sind unter 
einem warmen gemäl'sigten Waldklima entstanden, welches 
einen merklich kontinentaleren Charakter als das heute im 
gröfsten Teile des Deutschen Mittelgebirgslandes herrschende 
besafs. Der Konchylienbestand i besitzt einen merklich 
kontinentaleren Charakter als der Konchylienbestand f. 
Letzterer ist, soweit sich das bereits sieher beurteilen läfst, 
dem Konchylienbestande b der Hauptmasse der Unteren 
Travertine recht ähnlich. Seine Fundschicht hat auch 
Ehinoceros Merckii, einen typischen Vertreter der für die 
Schichten mit dem Konchylienbestande b so charakteristischen 
Antiquiis-Ydinna. geliefert. Das Vorkommen von Patula 
ruderata, welche sonst im Travertingebiete nur noch in dem 
Konchylienbestande b angetroffen wurde, in dem Konchylien- 
bestande f, deutet bereits auf den Beginn einer erneuten 
Temperaturdepression hin. Die Gehängeschuttmassen im 
Hangenden der Oberen Travertine, in denen Elephas primi- 
genius nachgewiesen ist, dürften zum Teile einer Zeit kalten 
Klimas ihre Entstehung verdanken. 

15* 



228 



Ewald Wüst, 



[68] 



Die iinter dem Niveau der Unterterrasse gelegenen 
llraablagerungen von Ober-Weimar mit dem Konchylieu- 
bestande welcher dem KoncLylienbestande 15 sehr ähnlich 
ist, dürften unter einem kontinentalen Steppenklima ent- 
standen sein. Zeitlich sind diese Ablagerungen vielleicht 
zwischen den Unteren Travertinen und dem Pariser ein- 
zuschieben. 

Ich mache nun zum Schlüsse den Versuch, die Aufein- 
anderfolge der behandelten Fossilienbestilude (21 = Antiquus- 
Fauna, ^ = Pnm/f/enms- Fauna) im Rahmen einer schema- 
tisehen Kliniakurve darzustellen. — Siehe S. 252 [92]. — Ich 
unterscheide dabei eis- und interglazialzeitliches Klima bezw. 
Eis- und Interglazialzeiten im Sinne von Zeiten einer das 
gegenwärtige Mafs über- oder unterschreitenden Gletscher- . 
entfaltung auf der Erde und — in Anlehnung an die Be- 
zeichnungsweise von Penck und Brückner — Zeiten, in 
denen unsere Gegend ihren klimatischen Verhältnissen ent- 
sprechend im wesentlichen von Gletschereis, Tundra, Wald 
oder Steppe bedeckt war. Es ist klar, dafs die Grenzen 
zwischen Eis- und Interglazialzeiten im oben angegebenen 
Sinne durch die Waldzeiten hindurchlaufen müssen, doch ist 
ihre Lage innerhalb der Waldzeiten vorläufig noch nicht 
genau und sicher zu bestimmen. 



Einordnung 

der Ablagerungen des Travertingelbietes der Gegend 
von Weimar in die Clironologie des Eiszeitalters. 

Im Folgenden will ich versuchen, die Ablagerungen 
des Travertiugebietes der Gegend von Weimar in die 
Chronologie des Eiszeitalters einzuordnen. Bei diesem Ver- 
suche gehe ich zweckmäfsig von der Stellung der Löfs- 
und nordischen Glazialablagerungen Thüringens und des 
östlichen Harzvorlandes in der Chronologie des Eiszeitalters 
aus. Die Stellung der erwähnten Ablagerungen in dieser 
Chronologie habe ich bereits früher näher begründet') und 



') Diese Zeitschrift, Bd. 80, 1908, S. 129 ff. und in meinem Auf- 
satze über „Die Gliederung und die Altersbestimmung der Lüfsablage- 



[69] Travertingebiet der Gegend von Weimar. 229 

in der im Folgenden wiedergeg-ebenen Tabelle kurz und 
Ubersichtlich dargestellt, i) 





Thüringen und Östliches Harzvorland 


Abschnitte 


I. 


II. 


III. 


IV. 


des 


nie 


einmal 


zweimal 


dreimal 


Eiszeitalters 


vereist 


vereist 


vereist 


vereist 




gewesene 


gewesene 


gewesene 


gewesene 




Zone 


Zone 


Zone 


Zone 


I. (Günz-) Eiszeit 


— 


— 


— 


— 


l.(Giinz-Mindel-) 










Interglazialzeit 










II. (Mindel-) 




Nordisches 


Nordisches 


Nordisches 


Eiszeit 




Glazial der 


Glazial der 


Glazial der 






I. Vereisung 


I. Vereisung 


I. Vereisung 


2. (Mindel -Rifs-) 


Alterer 


Älterer 






Interglazialzeit 


Löfs 


Löfs 






III. (Rifs-) 






Nordisches 


Nordisches 


Eiszeit 






Glazial der 


Glazial der 








II. Vereisung 


II. Vereisung 


3. (Rifs -Würm-) 


Jüngerer 


Jüngerer 


Jüngerer 




Interglazialzeit 


Löfs 


Löfs 


Löfs 




IV. (Würm-) 








Nordisches 


Eiszeit 








Glazial der 










Ill.Vereisung 


Postglazialzeit 


Jüngster 


Jüngster 


Jüngster 


Jüngster 




Löfs 


Löfs 


Löfs 


Löfs 



rungen Thüringens und des Östlichen Harzvorlandes" im Centraiblatt 
für Mineralogie usw., 1909, S. 385 — 392. Diese meine Ausführungen 
haben seitens L. Siegert, E. Naumann und E. Picard in deren 
Aufsatze „über das Alter des Thüringischen Lüsses. (Eine Antwort 
an Herrn Wüst)" im Centralblatt für Mineralogie usw., 1910, S. 98 — 112 
eine Kritik erfahren, welche indessen nicht im geringsten dazu angetan 
ist, meine Einordnungs versuche zu limitieren, wie ich demnächst im 
Centralblatt für Mineralogie usw. näher darlegen werde. 

1) Centralblatt für Mineralogie usw., 1909, S. 392. In der hier 
gegebenen Tabelle habe ich für die 2. oder Mindel-Rifs-Interglazialzeit 
und für die III. oder zweimal vereist gewesene Zone angegeben „An 



230 



Ewald Wüst, 



[70] 



Die Gegend von Weimar gehört in die II. (einmal 
vereist gewesene) der vier in der Tabelle unterschiedenen 
Zonen. 1) Von den in der Tabelle aufgezälilten Ablagerungen 
läfst sich keine mit vollständiger Sicherheit in den Profilen 
unseres Travertingebietes erkennen. Nordische Glazial- 
ablagerungen fehlen in unseren Profilen vollständig, doch 
beweisen alle in dieser Arbeit behandelten Ablagerungen 
unseres Travertingebietes durch ihren Gehalt an nordischem 
Gesteinsmateriale, dals sie nach der — einzigen — Ver- 
eisung unserer Gegend in der 11. oder Mindel- Eiszeit ent- 
standen sind. Löfs tritt uns in unseren Profilen einerseits 
in Gestalt des Parisers, andererseits im Hangenden der 
Travertine entgegen, doch ist es in keinem Falle ganz 
sicher, dafs es sich um echten, äolisehen Löfs handelt. 
Wie oben gezeigt wurde, folgt auf die Bildungszeit der 
Unteren Travertine eine Periode der Löfsbilduug, in der 
oder in derem Gefolge der Pariser gebildet wurde. Die 
Gesteinsentwickelung des Parisers spricht dafür, dafs dieser 
nicht in der — oder im Anschlüsse an die — Bildungszeit 
des Alteren, sondern in derjenigen des Jüngeren Lösses 
entstanden ist, doch sind seine Beziehungen zu unseren 
beiden Hauptlöfsformationen nicht ganz sicher aus seiner 
Gesteinsbeschaffenheit zu ermitteln, zumal die für die Unter- 
scheidung von Älterem und Jüngerem Lösse so wichtige 
Ausbildung der Löfskindel im Pariser eine abnorme, offenbar 
auf Zuführung von Kalkkarbonat aus den kalkhaltigen 
Gewässern, aus denen sieh die Oberen Travertine absetzten, 
zurückzuführende ist. Im Hangenden der Travertine findet 
sich nirgends ein Löfs, der mit echtem Jüngerem Lösse zu 
verwechseln wäre. Die hier vorhandenen Löfsbildungen 
sind zum gröfsten Teile ganz zweifellos umgelagerter Löfs 
oder Laimen. Die vielleicht als echte Lösse anzusprechenden 



der Siidgrenze lokal älterer Löfs". Diese Angabe habe ich in der 
oben gegebenen Tabelle nicht wiederholt, weil sie auf von Siegert 
und Genossen a. a. 0. für unzutreffend erklärten Beobachtungen von 
Dammer und Wahnschaffe beruht. 

^) Vgl. auch P. Michaels Arbeit „Beiträge zur Kenntnis der 
eiszeitlichen Ablagerungen in der Umgebung von Weimar" im Jahres- 
berichte des grofsherzoglichen Realgymnasiums zu Weimar von 11)08. 



[71] 



Travertiuf;cbiet der Ge{?end von Weimar. 



231 



Bildungen im Hangenden der Travertine zeigen die gering- 
niiiehtige Kiitvvickelung und etwas unreine Rescliatleuheit, 
wie sie für den Jüngsten Löfs cliarakteristiscli ist. Das 
Fehlen von Jüngerem Lösse auf den grol'sen, recht ebenen 
Flächen auf den Travertinen spricht dafür, dafs die Obersten 
Travertine jünger als der Jüngere Löfs sind, der aulser- 
halb des Travel tingebietes aber ganz in der Nähe desselben, 
etwas höher am Gehäuge oft genug vorhanden ist. 

Die erörterten Verhältnisse sprechen dafür, dafs der 
Pariser in oder unmittelbar nach und die Oberen Travertine 
nebst ihrem Hangenden erheblich nach der Bildungszeit des 
Jüngeren Lösses entstanden sind. 

Die Terrassen, auf welche die im Travertingebiete vor- 
handenen Ilmablagerungen verteilt wurden, gehören Flufs- 
terrassen an, welche sich durch ganz Thüringen ') verfolgen 
lassen und bisher am genauesten im Saaletale untersucht 
und in einem ansehnlichen Teile dieses Tales bereits genau 
kartiert worden sind. 2) In dem grofsen Verbreitungsgebiete 
dieser Terrassen ist es an verschiedenen Stellen möglich 
gewesen, ihre Altersbeziehungen zu den verschiedenen Löfs- 
und nordischen Glazialablageruiigen Thüringens zu ermitteln. 
Die Flufsterrassen Thüringens, speziell des Saaletales, werden 
jetzt von den Geologen der Königl. Preufsischen Geologischen 
Landesanstalt in folgende Terrassen gegliedert: 

In den folgenden Erörterungen werden unter dem Ausdrucke 
„Thüringen" das Östliche Harzvorland und die angrenzenden Teile der 
Leipziger FlachlandsbucLt bis zur Gegend zwischen Halle und Leipzig 
mit einbegriffen. 

^) Vgl. besonders K. Wolff, Die Terrassen des Saaletals usw. 
(Forschungen zur deutschen Landes- und Volkskunde, Bd. 18, Heft 2, 
1909. — Mit sorgfültigem Literaturverzeichnisse, aut das um so mehr 
hingewiesen sei, als die im Folgenden zitierten Publikationen der Kgl. 
Preufsischen Geologischen Landesanstalt die nicht von Angehörigen 
dieser Anstalt herrührenden Arbeiten ganz ungenügend zitieren); 
L. Siegert, Bericht über die Begehungen der diluvialen Ablagerungen 
an der Saale usw. (.Jahrbuch der Kgl. Preufsischen Geologischen Landes- 
anstalt für 1909, Bd. 30, Teil II, Heft 1, „1909", S. 1-46, Tafel 1); 
Geologische Karte von Preufsen usw., Blätter Jena (3. Auflage), 
Naumburg (2. Auflage), VVeifsenfels, Lützen, Merseburg (West), Merse- 
burg (Ost), Halle (Süd) und Dieskau, bearbeitet in der Hauptsache von 
E.Naumann, E.Picard, L. Siegert und W. Weifseruiel, ,190'J'. 



232 



Ewald Wüst, 



[72] 



1. Die erste präglaziale Terrasse. 

2. Die zweite präglaziale Terrasse. 

3. Die dritte präglaziale Terrasse. 

4. Die vierte präglaziale Terrasse. 

5. Die höhere Terrasse der I. Interglazialzeit. 

6. Die tiefere oder Hauptterrasse der 1. Interglazialzeit. 

7. Die Terrasse der II. Interglazialzeit. 

8. Die postglaziale Terrasse. 

9. Der alluviale Talboden. 

In diesem Gliederungsschema bedeutet Präglazialzeit 
die Zeit vor der ersten Vereisung Thüringens, 1. Inter- 
glazialzeit die Zeit zwischen der ersten und der zweiten 
Vereisung Thüringens, 2. Interglazialzeit die Zeit zwischen 
der zweiten und der dritten Vereisung Thüringens und Post- 
glazialzeit die Zeit nach der dritten Vereisung Thüringens. 
Mit der eben mitgeteilten Gliederung und der in ihr aus- 
gesprochenen Altersbestimmung der einzelnen Terrassen bin. 
ich in einigen Punkten nicht einverstanden, will aber darauf 
hier nur insoweit eingehen, als es für die Altersbestimmung 
der Terrassen unseres Travertingebietes erforderlich ist. 

Von den Terrassen des Travertingebietes läfst sich die 
Oberterrasse am sichersten in das Gliederungsschema der 
Landesanstalt einordnen. Sie läl'st sich durch das untere 
Ilmtal, in dem sie von Compteri) als Oberterrasse bezeichnet 
worden ist, bis in die „Hauptterrasse der ersten Interglazial- 
zeit" im Saaletale verfolgen. Dafs die „Hauptterrasse der 
ersten Interglazialzeit" zwischen der ersten und der zweiten 
Vereisung Thüringens entstanden ist, erleidet keinen Zweifel; 
ihre bezw. ihrer einzelnen Teile speziellere Stellung inner- 
halb dieses grofsen Zeitraumes soll hier unerortert bleiben. 

Die Unterterrasse des Travertingebietes, deren Ilm- 
ablagerungen 2 — 5 ni über der heutigen Aue liegen, findet 
ilmabwärts ihre Fortsetzung in der von Comptek i) als 
Unterterrasse bezeichneten Terrasse, deren Ilmablagerungen 
etwa 5 — 10 m über der heutigen Aue liegen und am 



') Das Dihivium in der Umgegend von Apolda, diese Zeitschrift 
Bd. 80, 1908, S. 161 — 217, Tafel 3. 



Travertingebiet der Gegend von Weimar. 



233 



Mädchensee zwischen Ober- und Nieder- Rofsla einen dem- 
jenigen unserer Travertine — speziell dem als b bezeich- 
neten — recht ähnliehen Foasilicnbestand geliefert haben, i) 
Im Saaletale unterhalb der Ilmniünduug- ist mir auf eine 
lange Strecke hin keinerlei Terrasse bekannt, welche als 
Fortsetzung unserer Unterterrasse mit einiger Wahrschein- 
lichkeit anzusehen wäre. Erst die von Siegert in der 
Gegend von Öglitzsch bis Kriegsdorf'-) als „Saaleterrasse 
der II. Interglazialzeit" kartierte Terrasse, deren Kiese und 
Sande 2 — 5 m über der heutigen Aue liegen, scheint mir 
die Fortsetzung unserer Unterterrasse zu bilden. Die Geo- 
logen der Landesanstalt suchen allerdings die Fortsetzung 
dieser Terrasse tlufsanfwärts in wesentlich höher gelegenen 
Terrassen, deren Schottersohlen bei Uichteritz bei Weilsen- 
fels 7, am Koppelberge bei Schulpforta 15 und im Bereiche 
des Blattes Jena 9 — 11 m über der heutigen Aue liegen. 3) 
Diese Verbindung halte ich indessen für verfehlt, weil nach 
ihr die besprochene Terrasse ein stärkeres Gefälle besitzen 
würde als die „Hauptterrasse der ersten Interglazialzeit", 
während nach allem, was wir über die Gefällsentwickelung 



1) Cumpter, a.a.O., S. 172- 173 und 201—203. Hier werden 
n. a. Elephas antiquus und 20 Konchylienarten angeführt. Ich habe 
durch weiteres Sammeln an dem interessanten, von Compter ent- 
deckten Fundpunkte die Zahl der Konchylienarten auf ungefähr 60 
gebracht. Von diesen zahlreichen Arten fehlt lediglich Sphaerium 
corneum Lin. sp. den Travertinen der Gegend von Weimar. Dem Be- 
stände b fehlen nur 4 — 8 der am Mädchensee gefundenen Arten. Von 
Arten, welche für den Bestand b besonders charakteristisch sind, 
konnten am Mädchensee u. a. nachgewiesen werden: Daudebardia 
rufa, D. brevipes, Vitrea siibrimata, Patula solaria, Fupa doliolum, 
P. edentula, P. Moulinsiana, Clausilia cana, Cl. puniila, Cl. plicntula, 
Gl. filograna und Belgrandia sp. Von Arten, welche für andere Be- 
stände des Weimarer Travertingebietes besonders charakteristisch sind, 
fand ich am Mädchensee: Helix striata, Clausilia ? bidentata und 
Planorbis glaber. Ich berichte später an anderer Stelle ausführlicher 
über die am Mädchensee gesammelten Konchylien. 

^) Blätter Lützen und Merseburg (Ost). 

^) Im Zusammenhange mit dieser Auffassung steht die von 
Naumann, Picard und Siegert (Centraiblatt für Mineralogie usw., 
1910, S. III) vertretene, dafs die Unterterrasse des Travertingebietes 
von Weimar der postglazialen Saaleterrasse entspreche. 



234 



Ewald Wüst, 



[74] 



der Terrasse des Saaletales wissen, die Gefällskurven der 
Terrassen sich nach der Gegenwart zu immer mehr der 
Gefallskur\e des heutigen Flufstales nähern, eine Erschei- 
nung, der sich nach der von mir angenümmenen Verbindung 
die Gefällsverhältnisse der aus der Unterterrasse des Ilm- 
tales und der „Terrasse der II Interglazialzeit" zwischen 
Oglitzsch und Kriegsdorf zusammengesetzten Flufsterrasse 
unterordnen. Für seine Zurechnung der Terrasse zwischen 
Öglitzsch und Kriegsdorf zu der Zeit zwischen der zweiten 
und der dritten Vereisung Thüringens kann Siegert keine 
scharfe Begründung geben. Er geht von der unbestreitbar 
richtigen Voraussetzung aus, dafs in dem von ihm kartierten 
Gebiete irgendwelche Flufsablagerungen aus der Zeit 
zwischen den beiden letzten Vereisungen Thüringens vor- 
handen sein müssen und erl)lickt solche, ohne das näher 
begründen zu können, in der erwähnten Terrasse, die sich 
dem Niveau nach zwischen der „Hauptterrasse der ersten 
Interglazialzeit" und der niedersten über die heutige Aue 
emporragenden von Siegert als postglazial oder altalluvial 
bezeichneten Terrasse, deren Flulsablagerungen bis unter 
den heutigen Talboden hinabreichen, einschiebt. Dafs diese 
Terrasse tatsächlich vor der dritten Vereisung Thüringens 
entstanden ist, ergibt sich daraus, dafs unterhalb Halle im 
Saaletale nordische Glazialablagerungen bis unter das Niveau 
der heutigen Aue, also tiefer als die Ablagerungen der be- 
sprochenen Terrasse hinabreichen. i) Der gleichen Inter- 
glazialzeit sind indessen auch noch tiefer gelegene, bis 
etwa in das Niveau der heutigen Aue hinabreichende Flufs- 
ablagerungen zuzurechnen, weil solche, soweit man urteilen 
kann, noch von dem der letzten Interglazialzeit angehörenden 

1) Die kleine Kiesgrube östlich von der Wasserjilasfabrik an der 
Saale unterhalb von Halle -Trotha schliefst typische Schmelzwasserkiese 
auf, welche zum Teile von Gebängesclmtt oder von einem dünnen 
— bis fiO cm mächtigen — anscheinend in situ befindlichen Geschiebe- 
mergelreste überlagert werden. Die Schmelzwasserkiese reichen, nach 
den Höhenkurven des Mefstischblattes Halle -Nord und der Messung 
der Grubenwaud beurteilt, bis zu einem Niveau von 73,5 m ü. NN. 
hinab. Die beutige Saaleaue liegt hier — von den Rinnen verlandeter 
Saalearme abgesehen ^ zwischen 73,75 und 75 m ü. NN. 



[75] 



Travertingebiet der Gegend von Weimar. 



235 



Jüngeren Löase bedeckt werden. ') Danach ist es sehr wohl 
möglich, dafs die unter dem Niveau der Untcrtcrrasse ge- 
legenen Ilmablagerungen von Ober -Weimar der liilduiigszeit 
des Jüngeren Lösses angehören oder zeitlieh nahe stehen, 
was mit der S. 218 — 219 gemachten Annahme, dafs diese 
Ablagerungen der Bildungszeit des Parisers angehören oder 
zeitlich nahe stehen, im Einklänge steht. 

Da die Schotter der Weimarer Unterterrasse einerseits 
unter eiszeitlichen Klimaverhültnissen entstanden sind, 
andererseits aber vor der Würm -Eiszeit abgelagert worden 
sein müssen, können sie nur dem Ausgange der Rifs-Eiszeit 
zugeschrieben werden. Danach müssen die Ablagerungen 
der Mittelterrasse der Rifs-Eiszeit oder wahrscheinliclier 
— da sie anscheinend kaum unter eiszeitlichem Klima ent- 
standen sind — der Mindel-Rifs-Interglazialzeit zugerechnet 
werden. Im Ilmtale unterhalb von AVeiniar kenne ich zur 
Zeit keine Fortsetzung unserer Mittelterrassenschotter. Im 
Saaletale dürften ihnen die bereits oben erwähnten mit 
ihrer Basis 9 — 11 bezw. 7 m über der Aue liegenden 
Schotter des Blattes Jena und von Uichteritz bei Weifsen- 
fels, welche die Geologen der Landesanstalt in die „II. Inter- 
glazialzeit" (— Rifs-Würni-Interglazialzeit) stellen, äquivalent 
sein. Es scheint mir nicht ganz ausgeschlossen zu sein, 
dafs diese Schotter weiter saaleabwärts eine Fortsetzung in 
manchen mit ihrer Basis auffallend tief (bis 7 m über die 
Aue) reichenden, von den Geologen der Landesanstalt zu 
ihrer „Hauptterrasse der ersten Interglazialzeit" gestellten, 
von Rifs-Glazial und Jüngerem Lösse überlagerten Schottern 2) 
finden. 

Gemäfs den gegebenen Erörterungen gelange ich also 
zu der in der folgenden Tabelle übersichtlich dargestellten 



•) Die so tief ins Tal hinabreichenden Lösse könnten allerdings 
auch als erheblich nach der Bildimgszeit des Jüngeren Lösses am 
Gehänge umgelagerte Lölsmassen gedeutet werden, doch ist eine 
solche Deutung wenigstens für so mächtige und grofsenteils so reine 
Lüfsmassen wie die zwischen Kösen und Lengefeld aufgeschlossenen 
und in der S. 231 angeführten Literatur mehrfach beschriebenenen 
gewiss mindestens äufserst unwahrscheinlich. 

-) Vgl. die Blätter Lützen und Merseburg (West). 



236 



Ewald Wüst, 



[76J 



Einordnung der Ablagerungen des Travertingebietes der 
Gegend von Weimar in die Chronologie des Eiszeitalters. 
Dals auch palilontologiscbe und archäologische Umstände 
zu Gunsten wenigstens der Einordnung der Hauptmasse 
der Unteren Travertine in die Rifs -Würm - Interglazialzeit 
sprechen,!) ^oM hier nicht näher erörtert werden. 

Die Bedeutung der Ablagerungen des Travertingebietes 
der Gegend von Weimar und ihrer Fossilienbestände 
für die Beurteilung der Klimasehwankungen des 
Eiszeitalters. 

In der vorliegenden Arbeit habe ich aus meinen Unter- 
suchungen über die plistozänen Ablagerungen des Travertin- 
gebietes der Gegend von Weimar und ihrer Fossilienbestände 
abgeleitet, dais sich die dritte oder Rifs -Würm -Inter- 
glazialzeit in unserer Gegend aus zwei Waldphasen und 
einer zwischen diese fallenden Steppenphase zusammensetzt. 
Dieses Ergebnis ist selbstverständlich für ganz Mitteleuropa 
unter alleinigem Ausschlüsse der höchsten Teile seiner Ge- 
birge und unter der zweifellos zutreffenden Voraussetzung, 
dafs der Ablauf der Klimaschwankungen in allen Inter- 
glazialzeiten — von gewissen graduellen Unterschieden ab- 
gesehen — der gleiche gewesen ist, für alle Interglazialzeiten 
zu verallgemeinern. 

Über das Klima Mitteleuropas einschliefslich klimatisch 
gleicher oder ähnlicher Gebiete während der Interglazialzeiten 
gehen zur Zeit die Ansichten noch weit auseinander. Penck 
und Brückner'-) haben aus ihren Untersuchungen über die 
Alpen ein Eiszeitalter gefolgert, dafs die Interglazialzeiten 
jeweils mit einer Waldphase begannen, der eine Steppen- 
phase folgte, welche den Ubergang zur nächsten Eiszeit, 
deren Vergletscherung sich unter einem Steppenklima ent- 
wickelte, bildete und damit einen unsymmetrischen Verlauf 
der Klimakurven der einzelneu Interglazialzeiten an- 



1) Vgl. darüber meine und Hahnes oben S. 163 zitierte Vorläufige 
Mitteilungen. 

') Die Alpen im Eiszeitalter, Leipzig 1901—1909. 



[77] 



Travertingebiet der Gegend von Weimar. 



237 



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238 



Ewald Wüst, 



[78j 



genommen. Demgegenüber sind andere Autoren zu An- 
schauungen gelangt, welche, wie sehr sie auch sonst von 
einander abweichen, doch darin übereinstimmen, dafs sie 
die Annahme eines, wenigstens im wesentlichen sym- 
metrischen Verlaufes dieser Kliniakurven erfordern. Hierher 
gehören einerseits Sauer, i) welcher die Interglazialzeiten 
als Waldzeiten betrachtet und, von Erwägungen über den 
Einflnfs der grofsen Vereisungen auf das Klima Mitteleuropas 
ausgehend, annimmt, dafs jede Eiszeit durch eine Steppenzeit 
eingeleitet und beendigt wurde, und andererseits August 
Schulz^) und Bogoljubow,^) von denen der erstere durch 
florengeschichtliche Untersuchungen, der letztere durch all- 
gemeine geologische Erwägungen zu der Anschauung ge- 
langt ist, dafs jede luterglazialzeit aus zwei Waldphasen 
und einer zwischen diese fallenden Steppenphase besteht. 
Während die bisher bekannt gewordenen Profile mit aller- 
dings mehr oder weniger grol'ser Wahrscheinlichkeit im 
Sinne jeder der drei besprochenen Ansichten gedeutet 
werden können, sind, wie ich dargetan zu haben glaube, 
die Profile des Travertingebietes der Gegend von Weimar 
nur im Sinne der von Schulz und Bogoljubow vertretenen 
Ansicht deutbar und in dieser ihrer Eindeutigkeit von grofser 
Bedeutung für die Beurteilung der Klimaschwankungen des 
Eiszeitalters. 

Aber noch nach einer anderen Richtung hin sind meine 
Untersuchungen, wie ich glaube, von Bedeutung für die 
Beurteilung der Klimaschwankungen des Eiszeitalters. Die 
aus den untersuchten Fossilienbeständen erschlossene Klima- 
folge weist nur Klimate auf, welche einen kontinentaleren 



1) Die klimatischen Verhältnisse während der Eiszeit mit Rück- 
sicht auf die Lüfsbildung, Jahreshefte des Vereins für Vaterländische 
Naturkunde in Württemberg, Bd. 57, 1901, S. CVl — CX. 

2) Besonders: Entwickhiiigsgeschichte der gegenwärtigen phane- 
rogamen Flora und Pflanzendecke der oberrheinischen Tiefebene usw. 
(A. Kirchhoff, Forschungen zur deutschen Landes- und Volkskunde, 
Bd. 16, H. 3, Stuttgart 1906), S. 171—173 und 242 ff. 

^) Über die Phasen der interglazialen Epoche im Gouvernement 
Moskau, L'Annuaire geologique et mineralogique de la Eussie, Vol. IX, 
liv. 1—2, S. 34—44, 1907. 



[79] 



Travertingebiet der Gegend von Weimar. 



239 



Charakter besitzen als das lieutige Klima der Gegend. 
Diese Eracheiniuig ist zweifellos darauf zurückzufüliren, dafs 
sich bekanntlich erst naeh der Würmeiszeit die heutige Ge- 
staltung der atlantischen Küsten Europas herausgebildet 
hat, während vor dieser Zeit der Europäische Kontinent, 
der mit den heutigen Britischen Inseln landfest verbunden 
war, soviel weiter in den heutigen Atlantischen Ozean hin- 
ausgeragt hat, dafs unsere Gegend mindestens um 20 — 25 
Längengrade mehr von den atlantisclien Küsten Europas 
entfernt war als heutzutage und ein dementsprechend 
kontinentaleres Klima besafs. Der kontinentalere Charakter 
der Klimate der Rifs-Würm-Interg]azialzeit kommt zu einem 
höchst sinnfälligen Ausdrucke in dem vollkommenen Fehlen 
heute vorwiegend westeuropäischer Molluskenarten in den 
untersuchten Ablagerungen aus dieser Zeit. Das Fehlen 
derartiger Arten ist eine im wesentlichen allen vor der 
Würm -Eiszeit gebildeten Plistozänablagerungen Mittel- 
Europas gemeinsame Erscheinung, wie das auch unter der 
Voraussetzung der Richtigkeit der von mir gegebenen Er- 
klärung erwartet werden mufs.'^) Erst in postglazialer Zeit, 
offensichtlich erst während und nach den tiefgreifenden 
postglazialen Veränderungen der atlantischen Küsten Europas 
und im Gefolge der dadurch hervorgebrachten Klima- 
änderungen gelangten derartige Mollusken nach Mittel- 
europa. 3) Für Mitteleuropa, das uns hier in erster Linie 
interessiert, ebenso aber natürlich auch noch für andere 
Gebiete, können die Klimaschwankungen des postglazialen 
Abschnittes des Eiszeitalters nicht nur quantitativ von den 
gröfsereu älter plistozänen Klimaschwankungen verschieden 
sein; es müssen auch qualitative Unterschiede vorhanden 
sein, welche dadurch bedingt sind, dafs Lage und Klima 
Mitteleuropas in der Postglazialzeit minder kontinental, 
ozeanischer geworden waren. Und in der Tat haben die 

') Z. B. der S. 193—194 aufgezählten. 

^) Ich behandele diese Verhältnisse demnächst ausführlicher an 
anderer Stelle. 

^) Damit eröffnet sich ein Weg zur Ermittelung der Alters- 
beziehungen zwischen binnenländischen postglazialen Ablagerungen 
und Veränderungen an den atlantischen Küsten Europas. 



240 



Ewald Wüst, 



[80] 



UntersuclniDgen über die postglazialen Klimaschwaukungen i") 
ergeben, dafs Mitteleuropa in manchen postglazialen Zeit- 
abschnitten-) ein wesentlich ozeanischeres Klima besessen hat, 
als es sich in irgend einem Teile der aus der Untersuchung 
der plistozänen Ablagerungen des Travertingebietes der 
Gegend von Weimar abgeleiteten Klimafolge vom Ausgange 
der dritten oder Rils- Eiszeit bis zum Beginne der vierten 
oder Würm-Eiszeit erkennen läfst. 

Tabelle der Verbreitung der Konchylien in den ver- 
schiedenen Ablagerungen des Travertingebietes der 
Gegend von Weimar. 

Vorbemerkungen. 

In der systematischen Anordnung und Nomenklatur der 
in der Tabelle aufgezählten Arten schliefse ich mich an die 
verbreitetsten der zunächst in Betracht kommenden Faunen 
(von Clessin, Geyer, Goldfüss, Westeklund usw.) an. 
Ich folge der Mehrzahl dieser Faunen auch in der weiten 
Fassung des Gattungsbegriffes, welche zwar vom Standpunkte 
des Systematikers aus betrachtet nicht mehr haltbar, jedoch 
in Arbeiten, welche sich nicht nur an Spezialisten wenden, 
meines Erachtens im Interesse der leichteren Verständigung 
vorzuziehen ist. 

Die Spalten I bis III geben die Verteilung der *Kon- 
chylien-Arten auf die 3 Travertingebiete von Weimar (W), 
Taubach (T) und Ehringsdorf (E) nach den Veröffentlichungen 
von A. Weiss (Die Konchylienfauna der altpleistozänen 
Travertine des Weimarisch -Taubacher Kalktuffbeckens, 
Nachrichtsblatt der deutschen Malakozoologischen Gesell- 
schaft, 26. Jahrg., 1894, S. 145—163 und 185—190, I. Nach- 
trag ebenda, 28. Jahrg., 1896, S. 99—102 und Über die 
Konchylien-Fauna der interglazialen Travertine des Weimar- 
Taubacher Kalktuffbeckens, Zeitschrift der Deutschen geo- 
logischen Gesellschaft, Jahrg. 1896, S. 171—182). Die von 

Vgl. in erster Linie die schon oben, S. 179 — 180 zitierten 
Arbeiten von August Schulz. 

In den „kühlen" und manchen Abschnitten der „warmen 
Perioden" von August Schulz. 



Zeitschrift fiir Natnrwissenscbaften Bd. 82 1910 



150 
Taubach 

SONNKEIN 



Senkrechter Abstand von dem Rande der Ilm -Aue in Metern 



100 
Taubach 

OOTTSCHALG 



300 
Ehringsdorf 

IIackemesskr 



120 
Ehringsdorf 

Kaemppe 



120 
Ehringsdorf 
Haubold 
und Schwarz 



280 
Ehringsdorf 

Fischer 



160 
Ehringsdorf 

Saaliiorn 



100 
Ehringsdorf 

Heydenreicii 



Ober -Weimar 



325 
Ehringsdorf 

Kiesloch 



250 
Weimar 

ÜLIiE 



235,1.1 



230,13 



nn 



221 



220,5 



247,13 

244, !t3 

245, K7 



216,5 



240,8 



232,65 
231,52 



225.82 
225.22 

223,72 



II 



235,54 



2.30,74 
229.7 4 



225,1 
224,46 



239,59 



•233,27 
231,90 



IT 



EL 



ri 



XI 



215,5 



215,5 



215,5 



2:18,10 



232,60 
231,95 



215 



i 



T3 



5 



215 



215 



214,5 



230,50 



228,31 
227,74 



217,2.^) 



X3 



212,5 



Die neben den l'rolilon stehenden Ilölicn/.ahlcn sind dem Rebling sehen 
Wvelltinient, die Höhenzahlen filr die verschiedenen Punkte der Ilm-Aue den 
Mefstischblättern Magdala und Weimar entnommen. 



Itics 



„Letten" 



.Pariser" 



Travertine 



Zcitscbrift ftlr Niitunviseeüschaften Bil. 82 li'ld 



Tal.ello I 



Angaben 

vou 
A. Weiss 



Beobaehtnngen von Ew. Wüst 



Uateta Travorline 



Damlubardiii (Uufina) nifu Dnip, bjj. . . , 
briivipcs Drap, sp, 
:) poUucidsi MIHI, ap. 



Cuniilus (Tr< 
Uyaliniu (Lu 



Vitrea (Crystalliis) 



k Akl. 



Drap. 
;i Drap. . 
I>rap. ap. . 
MlilLsp. 

Ii. »p. . . 
■:ip. ap. . 

aiumoDis StrUm. sp. 
cuntorta Held. ap. 
siibriiuaia Kuinb. . 
crysUllina MUH. sp. 
contracta West. . 

Zoniliiides nitidus MUll. sp 

Züoiti'S aciofüriiiia Klein sp 

PiiDCtiiu pygiiiaeum Drap sp. . , . 
Fatulit (Disuus) lotundnta MUH. sp. . 

„ rudcrula Stud. sp. . . 
,, (Goniodiscus) sobrla Mke. sp. 
□ulix (Acantbiuiila) aculcata MUll. . . 
(Vallonia) pulcbella Müll. . . . 

uostata Milll. . . . 
costcllata AI. Br. . . 
leoiiilabris AI. Br. . . 
(Trigonostoma) übvoliila MUll. 
(Uogoooaloma) porsonata Lam. 
(Petftsia) bidcus Cliemn. sp. . . 

(Tricbi:i) bispida L 

(Euoiupbalia) sttlgt-lla Drap. . 
{Mon;u-li 



(Ell! 



1 Mlil 



(Cai . 

(Cliihiireui.n liiiiid,!.. I. . . . 

(Ariant^L) iirbiiMurmij I 

(Xeropbila) strinia Müll. . . . 
(Tachea) viodoboneiiais F&v. . 
„ Tonuensis Sandti. . . 
neinoralis MIHI, . . . 
LortcDsia MIHI. . . . 
(lleliooKtm.!) pomatia L, . . . 
Biiliiuiniis (Cliondrula) triJens MUll. sp. 
(Naji;tL'Us) moutanus Drap, 
obscurus MUH. 3p. 
l'upa lUrciiliii d(.liüliim BriiE. sp. . . 



. Jai 



(l'aKn.lin 
ll'upill.) 



triplicata Stud 

(Spliyradium) edoolula Drap. . . 

„ culumella v. Mts, ap, B 

(Istbiuia) claustralts Gredl. . . . 

costulata Nilta. .... 
mlniilissinia Hartiu. . . 
(Verligü) parccduntaia AI Br. . . 
„ allf. alpcstris Aid. ap. , . 

„ pygiuaea Dnip 

^loulin^iaIla Diip, . . , 
,, antiverligo Drap. . . . 
,, subslriata Juffr. sp. . . 

„ pusilla MUll. sp 

„ angiistior JefTr. sp. . . . 
isilia (Claiisiliastra) lauiinata Mont. sp, 

„ (Alioda) plicata Drap 

., (Slrigillarial cana Held . . . 



Ciouella (Zm-u l„t.ri> i M.ill >i, 

(A/A'iM) ScIiMl/i.ni;! Wilst .... 
.Siiccinea (Ncriiii^liiiini) piitris L. sp. . . , 
„ (Aiupbibina) olegans Rissn . . . 

Pfeifferi Um. , , . 
(Luceiia) Scbumaclieti Andr, . . 
„ ., ubionga Drap. .... 

Catychiuui miniumm MUll. 

Lininnoa (Uiddus) slagnalls L. an. ... 

(Giilnarla) ovata Drap 

„ „ püregra Milll. sp. . . . 

„ (Liiunopbysa) palustris Müll. sp. . 

glabra MIHI sp. . . 
truucatida MUll. sp. 

Ampbipeplua gltilliiosa MUll. sp 

Pliysa fontinnlis L. sp 

Aplexa bypnorimi L. sp 

PlaDorbia (Tropidisciia) niubilicatus MIHI. . 

„ carloatus MUH. . . 

(Gyrorbis) vortex L. »p. ... 

vorticuliis l^roscb. . . 
„ „ apirorbis L sp. . . . 

„ „ iDucostoma MiH. . . 

„ (BatbyoiuplmliiB) contortiis L. sp. 

(Gyrauliis) albus MUll. sp. . . , 
„ „ sp. afr, bureabs hovisn 

„ „ Rossiuacssleri Anorsw. 

„ „ glaber .leffr. .... 

,, (Aruiigcr) cnsta L, sp 

„ (Hippmilis) complanaltis L. gp, . 
(Scginentina) nitidus MUll. . . 
Ancyliis (Aiicylastnun) fluvlalilis MUH. . . 

* ' ms) Incustris I.. ap. . . . 



Aciue pwlitn Hai 
lliib 

Belgrandia np 
Valvau (CiiKinn 
(Valvali 
Unio batavus 
AnodoDU ap. 
Pitldiiim (Pli 



sp 



(Fo, 



Lam 

DiDioea) AmDiciiui MfilL sp! '. 
sarioa) Ueualowiauum Sbcpp. sp. 
„ fontinale C. Pf. . . . . 
„ piiaiHuiu Graul, sp. . . 
oblusalo C. Pf. . . . . 
uiHimii Held 



Travertingebiet der Gegend von Weimar. 241 



Weiss selbst gefundenen Arten sind, gleichviel ob sie vor 
ihm schon von anderen — bei Weiss zitierten — Autoren 
gefunden worden sind oder nicht, in den Spalten der Tabelle 
durch einen Stern (*) bezeichnet. Die von Weiss nur auf 
Grund der Angaben früherer Autoren angeführten Arten 
sind in den Spalten der Tabelle statt des Sternes, durch 
Abkürzungen der Namen der betreifenden Autoren (S = 
Sandberger, Sc = Schmidt) bezeichnet. Von den wenigen 
in der Literatur vorhandenen Angaben über die Verbreitung 
dej Konchylien in den verschiedenen Ablagerungen des 
Travertingebietes sind diejenigen, welche bei einer Gliederung 
dieser Ablagerungen in der in der Tabelle vorgenommenen 
Weise von Interesse sind, soweit sie nicht von mir selber 
herrühren, in den Anmerkungen zu der Tabelle vollständig 
angeführt. Solche Angaben finden sich bei Weiss a. a. 0. 
und in einer posthumen, vom Städtischen Museum in Weimar 
herausgegebenen Druckschrift von 0. Schmidt, betitelt „Die 
Sammlung von Typen fossiler und rezenter Land- und 
Süfswasser-Konchylien aus der Gegend von Weimar", welche 
1908 gedruckt zu sein scheint und keine nicht schon aus 
der Literatur bekannten Funde namhaft machte) 

Die Spalten 1 — 15 geben auf Grund meiner eigenen 
Beobachtungen eine Ubersicht über die Konchylien-Bestände 
der Hauptglieder der Ablagerungen der einzelnen Travertin- 
gebiete : 

1. Konchylien -Bestand a aus dem Ilmkiese der Unter- 
terrasse am Eing^ange der Parkhöhle im Parke von 
Weimar. 

2. Konchylien -Bestand h aus den obersten Ilmkieslagen 
und den mergeligen Ilmabsätzen (vulgo „Letten") der 
Unterterrasse sowie aus den unteren Lagen der Baum- 
travertine im Ulle sehen Steinbruche in Weimar. 

3. Konchylien -Bestand h aus der untersten Travertinlage 
(vulgo „Ratten") im östlicheren der beiden Sonnrein- 
schen Brüche bei Taubach. 



Diese Publikation des Städtischen Museums in Weimar ist durcti 
die Liebenswürdigkeit des Herrn Grofsh. Bauinspektors Rebling in 
Weimar zu meiner Kenntnis gekommen. 

ZeitBchr. f. Naturwiss. HaUe a. S. Bd. 82. 1910. 16 



242 



Ewald Wüst, 



[82] 



4. Konchylien- Bestand c aus dem Charensande an der 
Basis der Unteren Travertine im Saalborn sehen Bruche 
bei Ehringsdorf. 

5. Kouchylien-Bestane b aus der Hauptraasse der Unteren 
Travertine im Ulle sehen Steinbruche in Weimar. 

6. Konehylien-Bestand b aus der Hauptmasse der Unteren 
Travertine im Taubacher Travertingebiete. 

7. Konehylien-Bestand e aus Unteren Travertinen im 
Schwarz sehen Bruche bei Ehringsdorf. 

8. Konehylien-Bestand f aus den obersten Lagen der 
Unteren Travertine im Saalborn sehen und im 
Kaempfe sehen Bruche bei Ehringsdorf 

9. Konehylien-Bestand g aus dem Pariser im Heyden- 
reich sehen und im Kaempfe sehen Bruche bei Ehrings- 
dorf. 

10. Konehylien-Bestand 1) aus humosen Lagen nahe der 
Basis der Oberen Travertine im Fischer sehen, Hau- 
bold sehen und Kaempfe sehen Bruche bei Ehrings- 
dorf. 

IL Konehylien-Bestand i aus Oberen Travertinen im Heyden- 
reich sehen, Kaempfe sehen und Hackemesser sehen 
Bruche bei Ehringsdorf. 

12. Konehylien-Bestand f aus höheren Lagen der Oberen 
Travertine im Fischer sehen Bruche bei Ehringsdorf. 

13. Konehylien-Bestand aus den Hmabsätzen einer tief 
(unter dem Niveau der Unterterrasse) gelegenen Terrasse 
bei Ober-Weimar. 

14. Konehylien-Bestand 1) aus den mergeligen Hmabsätzen 
(vulgo „Letten") der Mittelterrasse im Taubacher 
Travertingebiete. 

15. Konehylien-Bestand t) aus den mergeligen Hmabsätzen 
(vulgo „Letten") der Mittelterrasse im Ehringsdorfer 
Travertingebiete. 

Es bedeutet: 
* das Vorkommen sicher bestimmter Reste, 
*? das Vorkommen nicht sicher bestimmter Reste, 
(*) das Vorkommen sicher bestimmter Reste, die wahr- 
scheinlich nachträglich in die Ablagerung gelangt sind, 



[83] 



Travertingebiet der Gegend von Weimar. 



243 



{* das Vorkommen nicht genau bestimmbarer Keste, die 
sieher oder doch sehr wahrscheinlich zu einer der Arten, 
deren Namen von der Klammer umfafst wird, gehören. 



Anmerkungen zu der Tabelle. 

1. Baudebardia brevipes ist von den bisherigen Autoren 
nicht angegeben worden. Ich vermute, dafs man die hier- 
her gehörenden Stücke zu D. rufa gestellt hat. Die 
Unterscheidung der beiden Arten ist jetzt durch die 
Darlegungen von A. J. Wagner, besonders über die 
Unterschiede in der Beschaffenheit der Embryonalschale, 
sehr erleichtert. Vgl. A. J. Wagner, Die Arten des 
Genus Daudebardia Hartmann in Europa und Westasien, 
Denkschriften der k. Akademie der Wissenschaften, Math.- 
nat. Kl., 62. Bd., Wien 1895, S. 609 ff", und Bemerkungen 
zum Genus Daudebardia Hartmann, Nachrichtsblatt der 
deutschen Malakozoologisehen Gesellschaft, Jahrg. 1906, 
S. 177 ff-. 

2. Ich habe bisher nur 1 Fragment gesammelt, von dem 
ich nicht entscheiden kann, ob es zu Hijalinia nitens 
oder zu H. nitidula gehört. Weiss bezeichnet H. nitens 
als sehr selten. 

3. Diese Form wurde von Weiss als Zonites verticillus Fer. 
var. praecursor A. Weifs bezeichnet. Die Synonymie 
dieser Form ist am ausführlichsten von mir in den Ver- 
handlungen der k. k. geologischen Reichsanstalt, Wien 
1907, S. 84 dargelegt. — Nach Schmidt charakterisiert 
die von ihm als Zonites verticillus Fer. var. angeführte 
Form „die unteren Lagen der Travertine". 

4. Charakterisiert nach Schmidt „die unteren Lagen der 
Travertine". 

5. Die provisorisch auf diese Arten verteilten Stücke be- 
dürfen noch einer genaueren Prüfung. 

6. Uber diese ausgestorbene, trotz ihrer so ungemein 
charakteristischen Berippung anscheinend immer noch 
sehr wenig bekannte Art vgl. bes. Al. Braun, Amtlicher 
Bericht über die 20. Versammlung der Gesellschaft 

16* 



244 Ewald Wüst, [84] 

Deutscher Naturforscher und Ärzte zu Mainz 1842, 
Mainz 1843, S. 145; Sandberger, Die Land- und Süfs- 
wasser-Konchylien der Vorwelt, Wiesbaden 1870 — 75, 
S. 856—857, Taf. 34, Fig. 10 und Wüst, Abhandlungen 
der Naturforschenden Gesellschaft zu Halle, Bd. 23, 
1901, S. 207, Taf. 1, Fig. 94—99. 

7. Nach Schmidt „bis zu den mittleren Lagen". 

8. Nach Schmidt „nur selten in den oberen Lagen". 

9. Die von Sandberger von Weimar angegebene H. (T.) 
umbrosa Partsch ap. C. Pf, welche von niemandem 
wieder gefunden wurde, habe ich weggelassen, weil 
Schmidt angibt, dafs die Provenienz der Sand- 
berger sehen Originalexemplare im Mineralogischen 
Institute in Halle nach K. von Fritschs mündlicher 
Mitteilung an Schmidt „zweifelhaft" ist. 

10. Die nur von Pohlig von Weimar angegebene und sonst 
von niemandem gefundene //. (ilf.) carpathica Friw. ap. 
Rm. (= vicina Rm.) habe ich weggelassen, weil Pohlig s 
Angaben über die Konchylien der Ablagerungen des 
Travertingebietes von Weimar offensichtlich unzuverlässig 
sind. 

11. Von Weiss zu Unrecht als (C.) Canthensis Beyr. be- 
zeichnet. Die Literatur über H. Canthensis und die 
irrtümlichen Zurechnungen plistozäner Stücke von H. 
hanatica zu H. Canthensis habe ich in den Verhand- 
lungen der k. k. Reichsanstalt, Wien 1907, S. 85 — 86 
zusammengestellt und besprochen Danach hat sich 
noch Th. Kormos im Földtani Közlöny, Bd. 39, 1909, 
S. 207 zu der Angelegenheit geäufsert. — Nach Schmidt 
„bis zu den mittleren Lagen". 

12. Nach Schmidt „nur in den oberen Schichten bei Weimar". 

13. Nach Schmidt den „oberen Lagen" schon fehlend, was 
nach meinem Nachweise der Art in dem als „f" be- 
zeichneten Konchylienbestande aus den Oberen Traver- 
tinen im FiscHERschen Bruche nicht zutrifft. 

14. Die systematische Stellung dieser Art scheint mir noch 
nicht genügend geklärt zu sein. Aus dem Travertin- 
gebiete der Gegend von Weimar besitze ich nur spär- 
liches Material. — In der von Clessin (Die Tuff- 



Travertingebiet der Gegend von Weimar. 



245 



ablagerung im Tale der schwarzen Laaber, S.-A. aus 
Bericht des Naturwissenschaftlichen Vereins zu Regens- 
burg, Jg. 1905/6, 4. 11, Regensburg 1908, S. 13) zu H. 
Tonnensis gestellten rezenten Schnecke von Galway in 
Irland, die mir durch die Güte des Herrn Kennard 
vorliegt, kann ich, ebenso wie Herr Kennaud, nur 
H. nemoralis sehen. — Nach Schmidt fehlt H. Tonnensis 
„in den oberen Lagen der Travertine". 

15. Die von Weiss auf Grund eines nicht sicher bestimmten 
Exemplares von Taubach angegebene H. (T.) sylvatica 
Drap, habe ich weggelassen. 

16. Nach Weiss nur in den „Oberen Schichten". 

17. Das einzige mir vorliegende Fragment gehört sicher 
weder zu H. (Ch.) tridens noch zu B. (N.) obscurus und 
gleicht B. (N.) montanus, doch kann ich seine Zu- 
gehörigkeit zu dieser Art nicht sicher behaupten. 

18. Nach Sqhmidt „anscheinend nur in den oberen Lagen". 
Diese Angabe ist nach Weiss s und meinen Funden nicht 
haltbar. 

19. Charakterisiert nach Schmidt „die unteren Lagen". 

20. Von dieser bisher aus den Ablagerungen des Travertin- 
gebietes der Gegend von Weimar nicht bekannten Art 
fand ich nur wenige Stücke. Für tiergeographische 
Zwecke ist es sehr wichtig, von der typischen P. cupa 
Jan. (= F. Sterri Voith nach Boettger), welche in den 
Alpen und zwar bis in die alpine Region hinauf, im 
deutschen Juragebirge und in der Tatra vorkommt, die 
var. turcmenia Bttgr. ap. Andreae, welche „in Asien 
(speziell Nord-Fersien, Trauskaspien und Turkestan) 
weit verbreitet" ist, zu trennen. Nach Boettger (bei 
Andreae in Futterer, Durch Asien, Bd. III, Berlin 1902, 
S. 71 — 72) zeichnet sich die var. turcmenia „namentlich 
durch das Zurücktreten oder Fehlen der Zähne vor dem 
Typus aus", doch kommen bekanntlich auch bei der 
typischen F. cupa zahnlose Stücke vor. Obgleich mir 
nicht nur die typische F. cupa sondern auch — durch 
die Güte des seligen Andreae — die var. turcmenia 
vorliegt, kann ich mein Material aus dem Travertin- 



246 



Ewald Wüst, 



[86] 



gebiete der Gegend von Weimar nicht reinlich auf die 
beiden so verschieden verbreiteten Formen verteilen. 
Die 4 Stücke, welche ich in den unteren Schichten des 
Ulle sehen Steinbruches (b) gesammelt habe, trage ich 
kein Bedenken für die typische P. cupa zu halten: 
3 zeigen Parietal- und Basalzahu kräftig entwickelt 
und das vierte, wenn auch keinen Basalzahn so doch 
wenigstens einen kräftig entwickelten Parietalzahn. 
Umgekehrt trage ich kein Bedenken die 6 durchweg 
zahnlosen Exemplare, die ich im „Letten" von Taubach 
und Ehringsdorf (l)) gesammelt habe, zur var. turcmenia 
Bttgr. zu rechnen. Bei den 2 Exemplaren aus dem 
Kiese vom Parkhöhleneingauge (a), von denen das eine 
anscheinend nicht ganz vollendete zahnlos ist, während 
das andere einen allerdings schwachen Parietalzahn 
zeigt, bin ich zweifelhaft und das um so mehr, als nach 
dem tiergeographischen Charakter des Konchylien- 
bestandes, in welchem Pupa cupa hier auftritt eher an 
die ty pische Form als an die var. turcmenia zu denken 
ist. Leider ist die Aussicht, reichlicheres Material, das 
zu einer sicheren Entscheidung führen könnte, zu er- 
langen, gering. 

21. Von dieser bisher aus den Ablagerungen des Travertin- 
gebietes der Gegend von Weimar nicht bekannten Art 
sammelte ich nur sehr spärliches Material. — P. higra- 
nata Rm., auf deren Abtrennung von P. miiscorum 
BoETTGER so vicl Wert legt, scheint mir übrigens nach 
Material, das ich der Güte des Herrn Professor Dr. 
BoETTGBR selbst verdanke, P. triplicata mindestens 
sehr nahe zu stehen, während sie von P. muscorum 
recht verschieden ist. 

22. Ich betrachte diese Art als identisch mit der rezenten 
P. Gredlern Cless., mangels genügender eigener Er- 
fahrung der Ansicht des kompetentesten Beurteilers, 
BoETTGERs, folgend. Nach Weiss „in den tiefsten 
Schichten Weimars". 

23. Die von mir gesammelten Exemplare gehören fast alle 
zu der völlig zahnlosen var. Genesii Gredl., schlielsen 
sich also der einzigen rezent bekannten Form an, was 



[87] 



Travertingebiet der Gegend von Weimar. 



247 



für die tiergeograpliische Beurteilung der fossilen Vor- 
kommnisse wesentlich ist. 

24. Die ganz wenigen als P. äff. alpestris bezeichneten Stücke 
unterscheiden sich von der rezenten F. alpestris konstant 
durch den Besitz eines kleinen, angularwärts vom 
Parietalzahne gelegenen Zähnehens. Auch auf diese 
merkwürdige Fupa möchte ich erst nach Erlangung 
reichlicheren Materials näher eingehen. 

25. Weiss führt nach Schmidt noch C. {A) hiplicata Moni 
von Weimar an. Schmidt gibt später — in seiner hier 
mehrfach zitierten posthumen Verotfentlichung — aus- 
drückHch an, dafs diese Art nicht im Plistozän von 
Weimar vorkommt. 

26. Die wenigen mir vorliegenden Bruchstücke gestatten 
mir kein sicheres Urteil darüber, ob sie direkt zu 
Clausilia iKuzmicia) hidentata Ström, sp. oder etwa zu 
einer ganz nahe verwandten Form gehören. 

27. Eine Azeca ist von den bisherigen Autoren in den Ab- 
lagerungen des Travertingebietes von Weimar nicht 
nachgewiesen worden, doch war eine allgemein zu 
A. tridens Pult, gestellte Azeca aus verschiedenen Tra- 
vertinen mit ähnlicher Fauna bekannt. Nachdem mir 
schon mehrfach die Kleinheit dieser fossilen Vorkomm- 
nisse unserer rezenten A. tridens gegenüber aufgefallen 
war, veranlafste mich die tiergeographisch merkwürdige 
Tatsache, dafs die Azeca dieser Travertine gewöhnlich 
mit südosteuropäischeu Arten vergesellschaftet ist, 
während doch Azeca tridens heute eine westeuropäische 
Form ist, zu einer genaueren Untersuchung. Diese 
Untersuchung, die ich an zahlreichen Stücken aus den 
Travertinen von Brüheim bei Gotha (meist von Herrn 
Hocker gesammelt), Bilzingsleben bei Kindelbrück und 
Osterrode bei Hornburg vornehmen konnte, zeigte, dafs 
diese fossile Azeca von A. tridens abweicht und sich 
in mehreren Punkten der A. Mahilliana Fag., von der 
ich rezente, irrtümlich als A. tridens var. alzenensis 
St. Sim. bestimmte Stücke von Lourdes in einer von 
Goldfuss gekauften Sammlung vorfand, nähert, doch 
auch von dieser verschieden ist. Ich benenne die 



248 



Ewald Wüst, 



[88] 



interessante plistozäne Form nach dem Pflanzen- 
geographen August Sciiur.z, auf dessen auch für 
Studien wie die in dieser Arbeit verfolgten grund- 
legend wichtige Arbeiten in der vorliegenden Verotfent- 
lichung mehrfach hingewiesen ist. 

Azeca Schulziana gehört in die Gruppe der A. 
tridens Pult., weicht aber von allen Vertretern derselben 
durch ihre sehr geringe Gröfse (Höhe 4,3 — 5,5 mm., 
Breite 2,1 — 2,35 mm bei 6i/i — 71/2 Umgängen) ab. 
Ahnlich wie bei Ä. Mabüliana Fag. nehmen die Um- 
gänge langsamer und gleichmälsiger zu als bei A. tridens, 
sodafs das Gewinde relativ länger und der letzte 
Umgang relativ kürzer wird. Ahnlich wie bei A. Ma- 
hilliana sind die Lamellen und Zähne schärfer aus- 
geprägt, als es wenigstens bei der überwiegenden 
Mehrzahl der Stücke von A. tridens der Fall ist. Die 
Parietallamelle ist mit der oberen Spindellamelle durch 
eine wohlmarkierte, scharf ausgeprägte Lamelle ver- 
bunden, wie das bei A. Mahilliana die Regel ist, 
bei A. tridens aber nur ganz vereinzelt vorkommt. 
Ähnlich wie bei A. Mahilliana ist der x\.ufaenrand 
sehr stark gelippt und oben etwas tiefer ausgebuchtet 
als bei A. tridens. A. Sclmlsiana ist eine der A. 
Mahilliana am nächsten stehende Zwergform der 
^r?cZew5- Gruppe. 

In den Travertinen von Ehringsdorf konnte ich 
nur wenige, durchweg in einem höchst üblen Erhaltungs- 
zustande befindliche Exemplare sammeln. Soweit ihre 
Eigenschaften beurteilbar sind, gehören sie — namentlich 
nach ihrer geringen Gröfse zu urteilen — zu A. Schul- 
ziana. 

28. Die von Sandberger von Weimar angegebene Caecilia- 
nella acicula Müll. sp. ist, wie Weiss wahrscheinlich 
gemacht hat, rezent. 

29. Ich betrachte nach wie vor Succinea (Lucena) Schu- 
macheri Andr. als eine ausgestorbene, heutigen zentral- 
asiatischen Formen wie namentlich S. (L.) Altaica v. 
Mts. am nächsten stehende Art. Die angebliche rezente 

(i.) Scliumacheri aus Westmoreland, die mir durch 



|80] Travertingebiet dor Gegend von Weimar. 249 

die Güte des Herrn Kennard zugekommen ist, kann 
ich nicht als zu S. SchumacJieri gehörend aner- 
kennen. 

30. Nach Weiss „nur in den höheren Niveaus", oder „oberen 
Schichten", nach Scfimidt „nur in den oberen Lagen 
bei Weimar". Leider geht aus diesen Angaben nicht 
hervor, ob Weiss und Schmidt die' Art unter oder 
über dem Pariser gefunden haben. Ich selbst habe 
sie nur einmal auf einer Halde im Ulle sehen Bruche 
gefunden und konnte bisher ihre Fundschicht nicht 
ermitteln. 

31. Nach Weiss „in den tiefsten Schichten". 

32. Nach Weiss nur in den „oberen Schichten". 

33. Ich konnte nur einige wenige junge Stücke in den 
obersten Lagen des Kieses im Ulle sehen Bruche 
sammeln. Die Stücke sind sehr dickscheibig. Eine 
genaue Bestimmung ist mir bei der Dürftigkeit des 
Materiales unmöglich; es kann sieh um PI. horealis 
Loven selbst oder eine der beiden ganz nahe ver- 
wandten Formen Fl. Gredlerü Blz. und PI. Stroemii 
West, handeln. Als ich zu Anfang des Jahres 1907 mit 
Herrn Professor Dr. Boettger über einige kritische 
Gyraulen korrespondierte, schrieb mir dieser, dafs er 
einen von Herrn Dr. A. Weiss 1898 zu Weimar ge- 
sammelten Gyraulus nach erneuter Prüfung für horealis 
Loven halte. Leider steht nicht fest, ob das Stück aus 
der gleichen Schicht wie die meinigen stammt. 

34. Es handelt sich um den typischen PI. Bossmaessleri 
Auersw. Diese Form habe ich in früheren Veröffent- 
lichungen aus verschiedenen plistozänen Ablagerungen 
zunächst als Bossmaessleri Auersw., dann aber, dem 
Vorgange Andreaes folgend als Sibiriens Dunker an- 
gegeben. Eine eingehendere Beschäftigung mit der 
schwierigen Gruppe der Gyraulen hat mich gelehrt, 
dafs diese Form nichts mit PI. Sibiriens Dunker zu tun 
hat. Verschiedene Bestimmungen von Gyraulus in 
meinen Arbeiten bedürfen einer Berichtigung, die ich 
an anderer Stelle im Zusammenhange geben will. 



250 



Ewald Wüst, 



[901 



35. Nach Weiss „als grofse Seltenheit in den nntevsten 
Schichten". 

36. Die Belgrandia der Travertine von Weimar wurde von 
Sandberger (Die Land- und Süfswasserkonehylien der 
Vorwelt, Wiesbaden 1870—1875, S. 915—916, T. 35, 
Fig. 2 — 2 b) als B. marginata Mich. sp. bestimmt. 
Clessin (Monographie des Genus Belgrandia, Malako- 
zoologische Blätter, N. F., Bd. 5, 1882, S. 132—151, 
S. 149) beanstandete diese Bestimmung mit den Worten 
„Die Art ist keinesfalls mit Belgrandia marginata 
identisch, da sie der Form nach mehr in die Gruppe 
der Belgrandia gihherula (kurzes, mehr konisches Ge- 
winde), als jene der Belgrandia gihha, in welche auch 
Belgrandia marginata gehört, zu stellen ist" und gab 
der besprochenen, von ihm aber weder beschriebenen 
noch abgebildeten Form den neuen Namen Belgrandia 
germanica. Seither wird die Weimarer Belgrandia in 
der Literatur bald als B. marginata Mich, sp., bald als 
B. cf. marginata Mich, sp., bald als B. germanica Cless. 
bezeichnet. Clessin s Urteil über die Weimarer Bel- 
grandia steht in einem so sinnfälligen Gegensatze zu 
dem Aussehen dieser Form, dafs man es nur allenfalls 
verstehen könnte, wenn man annähme, dafs Clessin 
nur junge Stücke von Weimar gekannt hätte, die in 
der Tat an Belgrandia gihherula erinnern können. 
Allein Clessin zitiert Sandberger s Abbildungen, 
welche ausgewachsene Stücke darstellen und auf den 
ersten Blick auf das deutlichste eine Form aus der 
durch verlängertes Gewinde ausgezeichneten Gruppe 
der Belgrandia gihha Drap, erkennen lassen. Wie nun 
auch Clessin zu seinem Urteile gekommen sein mag, 
soviel steht fest, dafs es sich um eine Form der gihha- 
Gruppe handelt. Mit welcher Form dieser Gruppe 
unsere Belgrandia etwa zu identifizieren ist, vermag 
ich aus Mangel an auch nur einigermafsen genügendem 
Vergleichsmateriale nicht zu entscheiden. Nach der 
Literatur zu urteilen, scheint mir unsere Belgrandia 
nicht der französischen B. marginata Mich, sp., sondern 
der italienischen B. JDel^n-etiana Paulucci apud Clessin 



[91] 



Travertingebiet der Gegend von Weimar. 



251 



(a. a. 0., S. 138—139, Taf. 3, Fig. 19) am nächsten zu 
stehen oder geradezu anzugehören. Auch zu der eben- 
falls italienischen JS. thermalis L. sp. scheint sie mir 
noch eher nähere Beziehungen zu haben als zur B. 
marginata Mich. sp. Allein ohne Studium von Original- 
materialien wird die Frage nicht sicher zu entscheiden 
sein. Was die zahlreichen von Boukguignat in seinem 
Catalogue des MoUusque terrestres et fluviatiles des 
envirous de Paris ä l'epoque quaternaire (Paris 1870) 
beschriebenen Belgrandien betrifft, so finde ich — nqeh 
BouRGUiGNATS Abbildungen und Beschreibungen zu 
urteilen — keine davon mit unserer übereinstimmend. 
Unter den vorgetragenen Umständen bezeichne ich 
unsere Bclgrandia vorläufig als Belgrandia sp. Wo 
diese kleine Quellschnecke in unseren Travertinen vor- 
kommt, pflegt sie in grofser Menge aufzutreten. Eigen- 
artig ist die Art ihres Vorkommens in den untersten 
oder Baum -Travertinen des Ulle sehen Bruches. 
Während sie hier oft ganz fehlt, liegt sie manchmal in 
ungeheurer Menge zusammen mit Ostrakodenschälchen 
und Gehäusen von Yalvata cristata Müll, in losen An- 
häufungen und ganz zweifellos sekundär eingeschwemmt 
in Baumlöchern. Ich nehme an, dafs sie zur Bildungs- 
zeit der Baumtravertine überhaupt bei Weimar noch 
nicht lebte, weil ich sie in einer tonigen Einlagerung 
in den Baumtravertinen nicht zu finden vermochte und 
überhaupt ihr Vorkommen in diesen sehr porösen und 
von vielen Baumlöchern durchzogenen Travertinen ganz 
an Stellen gebunden ist, an denen eine sekundäre 
Einschwemmung teils sicher, teils wenigstens sehr 
leicht möglich ist. Auch der tiergeographische Cha- 
rakter des Kouchylieubestandes, der zweifellos der 
Bildungszeit der Baumtravertine angehört, ist schwer 
mit einem primären Vorkommen der Belgrandia ver- 
einbar. 

37. Die von mir zu Weimar gefundenen Unionen -Scherben 
gestatten keine nähere Bestimmung. 

38. Die Bestimmung der Pisidien bedarf noch weiterer 
Prüfung. 



252 Ewald Wüst, Travertingebiet der Gegend von Weimar. [92] 



39. In der Tabelle übergehe ich die für die in dieser 
Arbeit verfolgten Zwecke belanglose aber au sich sehr 
merkwürdige Angabe von Weiss, dafs er in Weimar 
zwei Schalen einer sehr kleinen CorUdomya nov. sp. 
gefunden habe. Sollte es sich nicht vielleicht um ganz 
junge Schillchen von Corhicula fluminalis Müll, sp., wie 
sie den Konchyliologen meist ganz unbekannt sind, 
handeln ? 



Klimakurve zu S. 228. 




Der Kreislauf des Kohlenstoffs in der Natur 

von 

Dr. Otto Streicher 

staatlich geprüfter Nahrungsmittelchemiker 



Wenn man bei Stoffen, die sämtlich notwendig sind 
zur Ernährung- eines Organismus, überhaupt noch zwischen 
wichtigeren und unwichtigeren unterscheiden könnte, so 
müfste man den Kohlenstoff unstreitig für den wichtigsten 
unter den Nährstotfen einer Pflanze erklären. Da alle 
und jede organische Substanz Kohlenstoff enthält, so gibt 
es kein anderes Element, welches hier denselben zu ersetzen 
imd Substanzen in so unübersehbarer Mannigfaltigkeit und 
Fülle zu bilden vermöchte, wie sie der Kohlenstoff in den 
Organismen sowohl, als auch im chemischen Laboratorium 
schafft. Die ganze organische Chemie ist ja bekanntlich 
die Chemie des Kohlenstoffs. Die Möglichkeit ihrer Existenz 
verdanken die aus organischen Stoffen aufgebauten Orga- 
nismen in letzter Linie also den Eigenschaften des Kohlen- 
stoffs. Letzterer spielt daher auf unserem Planeten im 
Haushalte der Natur eine der wichtigsten Rollen. 

Das in Rede stehende Element kommt teils im freien 
Zustande, teils in Verbindungen anorganischer und orga- 
nischer Art vor. Man kann auch beobachten, dafs der 
Kohlenstoff durch die organische Welt eine Wanderung 
unternimmt und zu seinem Ausgangspunkt wieder zurück- 
kehrt, dafs er also auf seinen Wegen einen Kreis be- 
schreibt, einen geschlossenen Ring bildet, dessen Glieder 
das Menschen- bezw. Tierreich einerseits und das Pflanzen- 
reich andererseits sind. Diesen Kreislauf des Kohlenstoffs 



254 



Otto Streicher, 



[2] 



in der Natur niilier zu betrachten, dürfte wohl für die 
Gebildeten speziell für die für die Natur sich Interessieren- 
den ein Gegenstand sein, der des Nachdenkens gewifs 
nicht unwert ist. 

Bevor jedoch auf den Kreislauf selbst des Kohlenstoffs 
näher eingegangen wird, sollen letzterer zunächst als solcher, 
d. h. wie er in der Natur in freiem Zustande auftritt, und 
dann die Verbindungen desselben einmal kurz ins Auge 
gefafst werden. 

Der Kohlenstoff findet sich rein als Diamant und 
Graphit, unrein in Formen von Anthracit, Stein- und Braun- 
kohle und Torf. Der Diamaut kommt vor im Ural, Ost- 
indien, Australien, Südafrika (Deutschsüdwest-) und Bra- 
silien, erscheint in farblosen, durchsichtigen, regelmäfsigen 
Oktaedern, ist der härteste Körper, stark lichtbrechend 
(funkelt), unlöslich in allen Lösungsmitteln und unschmelzbar 
und verbrennt in sehr starken Hitzegraden zu Kohlendioxyd 
(7O2, Kohlensäureanhydrid. Wegen seiner Härte und seines 
Lichtbrecbungsvermögens ist er sehr geschätzt. Der Graphit 
wird in Böhmen, Bayern, Spanien, Sibirien und anderwärts 
angetroffen und kristallisiert in bleigraueu, metallglänzenden, 
sechsseitigen Tafeln, welche stark abfärben. Mit Ton ge- 
mischt dient er zur Fabrikation von Bleistiften. Da er die 
Elektrizität sehr gut leitet, wird er in der Galvanoplastik 
angewendet. Er ist noch feuerbeständiger als der Diamant 
und verbrennt selbst in reinem Sauerstoff' aufserordentlich 
schwierig. Neben Diamant und Graphit tritt der Kohlen- 
stoff als dritte allotropische Modifikation in reinem Zustande 
als amorphe Kohle auf, welche durch Verkohlung organischer 
Stoffe entstanden ist. Nach denselben bezeichnet man sie 
als Kienrufs, Holzkohle, Tierkohle (Knochen- und Fleisch- 
kohle) usw. Der Kienrufs ist, wenn nochmals geglüht der 
reinste amorphe Kohlenstoff, leicht brennbar, porös und 
spezifisch leicht. Frisch gebrannte Tierkohle vermag leicht 
Gase in ihren Poren zu verdichten und Farbstoff aus ge- 
färbten Flüssigkeiten auf sich niederzuschlagen. Im Anschlufs 
an die eben erwähnte amorphe Kohle möge nochmals auf 
die sogenannten fossilen Kohlen, deren Haupt- und wichtigster 
Bestandteil gleichfalls amorpher Kohlenstoff ist, hingewiesen 



Der Kreislauf des Kohlenstoffes in der Natur. 



255 



werden. Die schon oben aufgezählten mit dem ältesten 
Gliede angefangeneu unreinen Kohlenstoffformationen sind 
ans untergegangener, begrabener Pflanzenwelt hervor- 
gegangen. Der Anthrazit ist die älteste fossile Kolilenart 
und beinahe reiner Kohlenstoff". Ihrem Alter nach etwas 
jünger als der Anthrazit sind die Steinkohlen, jedoch noch 
älter als die Braunkohlen und sind daher in ihrer Zersetzung 
weiter vorgeschritten als die Braunkohleu. Der jüngsten 
Periode gehört der Torf an. Besonders letzterer zeigt noch 
sehr deutlich seine pflanzliche Abkunft durch die Holz- 
strukturen an. 

Der Kohlenstoff verbrennt bei Luftmangel zu einer un- 
gesättigten Verbindung, dem giftigen und breunbaren Kohlen- 
oxydgas CO, bei genügendem Luftzutritt zu dem nicht 
brennbaren Kohlendioxyd, Kohlensäureanhydrid COi. Das- 
selbe ist zum Atmen untauglich und höchstens bis zu 0,30 O/o 
ein normaler Bestandteil der Luft. Mit dem Wasserstoff' ver- 
mag sich der Kohlenst(iff" nicht unmittelbar zu verbinden. 
Die riesig zahlreichen Kohlenwasserstoffverbindungen der 
Fettsäurereihe und der aromatischen Reihe gehören der 
organischen Chemie an und können wegen ihres allzu- 
grofsen Umfanges hier nicht besprochen werden, da sie zu 
weit führen und deshalb nicht in den Rahmen dieser Auf- 
gabe passen würden. Der Kohlenstoff verbindet sich mit 
dem Schwefel zu Schwefelkohlenstoff CS-i, einer als das 
Wasser spezifisch schwereren, farblosen, stark lichtbrechenden 
und äufserst brennbaren, flüchtigen und giftigen Flüssigkeit, 
mit dem Geruch nach faulem Kohl. 

Auf unserer Erde kommt der Kohlenstoff in an- 
organischen Verbindungen am häufigsten als kohlensaures 
Calcium mit den Namen Kalkstein, Marmor, Kreide, Kalk- 
und Doppelspath und als kohlensaures Magnesium mit der 
Bezeichnung Magnesit und als Dolomit vor, welch' letzterer 
aus Calcium- und Magnesiumkarbonat besteht. Die mächtigen 
Lager von kohlensaurem Calcium und Magnesium bilden 
sogar riesige Gebirgsmassen. Es möge nur an die Dolomiten 
der Alpen erinnert werden. 

Nachdem man mit dem in der Natur in freiem Zustande 
und dem in Verbindungen vorkommenden Kohlenstoff etwas 



256 



Otto Streicher, 



[4] 



bekannt geworden ist, kann man nun zu dem Kern der 
Aufgabe, dem Kreislauf des Kohlenstoffs in der Natur über- 
gehen und mit der grünenden Pflanze anfangen, welche, 
wie man sehen wird, die Kohlensäure der Luft in ihre 
Komponenten, in Kohlenstoff und Sauerstoff, zerlegt und 
jenen in sieh aufnimmt und verarbeitet und diesen, den 
Sauerstoff, abgibt. 

Nicht erst die ehemische Analyse braucht zu beweisen, 
dafs die Pflanze, wie oben schon darauf hingewiesen, 
wirklich Kohlenstoff, wenn auch in versteckter Form ent- 
hält. Jedes glimmende Streichholz z. B. zeigt durch seine 
Verkohlung den Gehalt an diesem Stoffe an. Der Kohlen- 
stoff ist in der pflanzlichen Substanz nicht nur gleichmäfsig 
verteilt, sondern er macht sogar, wie genaue Wägungen 
ergeben haben, etwa die Hälfte des Trockengewichts einer 
Pflanze aus. 

Die früher angenommene sog. Humustheorie, dafs der 
kohlenstoffreiehe Humus des Bodens die Kohlenstoflfquelle 
für die Pflanze sei, dafs der Kohlenstoff also ganz wie die 
übrigen Nährstoffe, das Wasser mit den darin gelösten 
Salzen, durch die Wurzeln aufgenommen werde, beherrschte 
lange Zeit bis in das Ende des vergangenen Jahrhunderts 
die Botanik und die Landwirtschaft. Pflanzen, welche in 
humusfreiem Sande oder gar in der Wasserkultur kräftig 
wachsen und dabei ihre Trockensubstanz und demgemäfs 
ihren Kohlenstoff mehren, beweisen jedoch klar, dafs diese 
Humustheorie falsch war, dafs der Kohlenstoff der Pflanze 
anders woher kommen mufs. Der Kohlenstoff des Humus 
stammt nämlich aus Pflanzenresten, deren Verwesung bei 
unvollständiger Oxydation vor sich gegangen ist. Die Ent- 
deckung, dafs der Kohlenstoff der Pflanze der Kohlensäure 
der Luft entnommen und durch die grünen Blätter gewonnen 
und in Kohlehydrate übergeführt wird, knüpft sich vor- 
nehmlich an die Namen Ingenhouss, Jul. Sachs und andere; 
sie fällt in ihren Anfängen, wie oben schon gesagt, in das 
Ende des verflossenen Jahrhunderts. Diese Entdeckung ist 
eine der bedeutsamsten naturwissenschaftlichen Leistungen, 
denn es war gewifs nicht leicht, den unsichtbaren Gas- 
austausch in der Luft als den wichtigsten Ernährungsvorgang 



[5] 



Der Kreislauf des Koblonstoflfs in der Natur. 



257 



der Pflanze aufzufinden, und es gehörte der Mut einer festen 
Überzeugung dazu, die Tausende von Zentnern Kohlenstoff, 
welche ein Walddistrikt in sich aufhäuft, aus dem prozeutisch 
äufserst geringen Kohlensäuregehalt der Atmosphäre (0,0H3 
bis 0,30 «/o) herzuleiten. 

Nicht alle Pflanzen und nicht alle Teile einer Pflanze 
sind aber im Stande, der Kohlensäure der Luft den Kohlen- 
stoff zu entreifsen. Nur die durch Chlorophyll grün ge- 
färbten Organe einer Pflanze sind zu dieser Tätigkeit 
befähigt, denn die Chloropbyllkörper der Blätter und der 
grünen Stengelteile selbst sind die Laboratorien, in denen 
sich dieser für die gesamte Lebewelt wichtigste chemische 
Prozefs ausschliefslich abspielt. Aus diesen Laboratorien 
stammt der gesamte Kohlenstoff, welcher die organische 
Substanz aller Lebewesen, aller Pflanzen wie aller Tiere, 
zusammensetzt. Kein Tier ist im Stande, das wichtigste 
Element seiner Körpersubstanz aus anorganischer Quelle zu 
gewinnen, es kann dasselbe nur in organischer Substanz 
aufnehmen, die in Pflanzen erzeugt worden ist. Aber auch 
alle chlorophyllfreien Pflanzen, wie Pilze und vereinzelte 
höhere Schmarotzergewächse, sind bei ihrer Ernährung auf 
die fertige organische Substanz angewiesen, die von Chloro- 
phyllkörpern ihren Ausgang nahm. Die chlorophyllfreien 
Teile grüner Pflanzen wie z. B. die Wurzeln, sind in ihrer 
Ernährung von den grünen Pflanzenteilen abhängig, wie in 
den grünen Zellen selbst das farblose Protoplasma von der 
Tätigkeit der Chlorophyllkörner. Die Wurzeln nehmen also 
nicht die zur Ernährung einer Pflanze notwendige organische 
Substanz auf, sondern nur Wasser und die darin gelösten 
Salze. 

Die Gewinnung des Kohlenstoffes aus der Kohlensäure 
und seine Überführung in organische Substanz hat man 
schlechthin als die Assimilation der Pflanzen bezeichnet. 
Im weiteren Sinne, und besonders für das Tierreich, wird 
zwar das Wort Assimilation von allen Ernährungsprozessen 
gebraucht, bei denen eine Umbildung der gebotenen Nähr- 
stoffe in die Körpersubstanz der Organismen stattfindet. 
Es hat sich aber in der Botanik die Gewohnheit heraus- 
gebildet, dals unter „Assimilation" speziell die Kohleustoff- 

Zeitschr. f. Naturwiss. Halle a. S. Bd. 82. 1910. 17 



258 



Otto Streicher, 



[6] 



assimiUition der Chlorophyllkörper gemeint ist. Durch diese 
vollzieht sich jedenfalls der wichtigste Schritt aller weiteren 
sog. „Assimilationsvorglinge", die sich auf dieser ersten 
Grundlage nur nachträglich fortzusetzen vermögen. 

Sehr bemerkenswert ist es aber, dafs die Chlorophyll- 
körper nur mit Hülfe von Lichtschwingungen aus Kohlen- 
säure und Wasser organische Substanz bereiten können. 
Im Dunkeln assimiliert der Chlorophyllapparat nicht, auch 
wenn sonst alle Bedingungen für eine rege Assimilation 
vorhanden sind. Mit eintretender Beleuchtung, die aus 
künstlichen Lichtquellen ebenso wie aus kosmischen Quellen 
stammen kann, beginnt dann erst die Assimilation und steigt 
in gewissen Grenzen proportional mit der Intensität der 
wirksamen Strahlen. Zum Betrieb der Assimilationstätigkeit 
sind aber durchaus nicht alle Atherschwingungen, die sich 
unserem Auge als Licht bemerkbar machen, gleich befähigt. 
Wie die Strahlen von verschiedener Wellenlänge, welche das 
uns weifs erscheinende Mischlicht zusammensetzen, sowohl 
auf unser Auge als auch auf die photographischen Zer- 
setzungen verschieden einwirken, so beeinflussen sie auch 
die Assimilation in ganz verschiedenem Mafse. Man könnte 
vermuten, dafs die sog. chemisch -wirksamen Strahlen, also 
die blauen und violetten, welche vornehmlich die Zersetzung 
der Silbersalze und anderer chemischer Verbindungen be- 
wirken, auch bei den Umsetzungen im Chlorophyllkorn die 
wirksamen seien. Es hat sich aber gerade das Gegenteil 
herausgestellt. Die stark brechbaren „chemischen" Strahlen 
sind bei der Assimilation viel schwächer beteiligt als die 
roten, orangen und gelben Strahlen. Der sog. leuchtende 
Teil des Spektrums, also die roten, orangen und gelben 
Lichtstrahlen, sind für die Assimilation am wirksamsten. 
Bei derselben wird die Kohlensäure der Luft zerlegt, indem 
der Kohlenstoff derselben unter Abgabe von Sauerstoff mit 
Hülfe des durch die Wurzeln aufgenommenen Wassers in 
Kohlehydrate, welche nur aus Kohlenstoff, Sauerstoff und 
Wasserstoff' bestehen und zwar die beiden zuletzt genannten 
Elemente im Verhältnis der Zusammensetzung von Wasser, 
übergeführt wird. Dieser Vorgang wird so erklärt, dafs als 
erstes Produkt der Assimilation aus Kohlensäureanhydrid 



Der Kreislauf des Kohlenstoffs in der Natur. 259 



CO-i und Wasser, also unter Abgabe von Sauerstoff Formal- 
dehyd HCHO gebildet wird. Dasselbe polemisiert sich 
dann zu Traubenzucker (76^^,2 0«. Durch Einwirkung von 
Kaliumnitrat auf letzteren entsteht Amidobernsteinsäureamid 



Asparagin genannt, Wasser und Sauerstoff und als häufigstes 
Nebenprodukt Oxalsäure in Verbindung von Kali als Kalium- 
oxalat. Diese Prozesse können in folgenden Formeln zum 
Ausdruck gebracht werden: 



Kohlensäureanhydrid + Wasser = Formaldehyd + Sauerstoff 



C,H,,0, + 2KN0., = C^H^m 0, + C, 0,K, + 6E,0+0 



Traubenzucker + Kaliumnitrat = Asparagin + Kaliumoxalat + Wasser 



Da die Oxalsäure als freie Säure wie auch als lösliches 
Kaliumsalz auf sehr viele Pflanzen giftig wirkt, setzt letzteres 
sich mit vorhandenen Kalksalzen um und scheidet sich als 
sehr schwer lösliches und deshalb unschädliches Calcium- 
oxalat in sog. Idioblasten aus. Der bedeutende Pflanzen- 
physiologe Pfeffer in Leipzig nimmt nämlich das Asparagin 
als einen Vorläufer der Eiweifsbildung an. Ihrer elementarer 
Zusammensetzung nach bestehen die Eiweifskörper aus 
Kohlenstoff, Wasserstoff, Sauerstoff, Stickstoff, Schwefel und 
häufig Phosphor. Das Eiweifs entsteht nur in dem pflanz- 
lichen Organismus und wird den Menschen und Tieren fertig 
gebildet durch die Nahrung zugeführt. 

Bei der Assimilation des Kohlenstoffes wird eine an- 
sehnliche chemische Arbeit geleistet und von den dadurch 
geschaffenen Spannkräften werden vornehmlich die Lebens- 
vorgänge der Organismen unterhalten. Auch die durch 
unsere Dampfmaschine erzeugten und zu den mannig- 
faltigsten Arbeitsleistungen verwandten Kräfte sind auf die 




CO OH 



CO^ -hH^O== HCHO + 0. 



6HCH0 = QMiiO, 
Formaldehyd Traubenzucker 



+ Sauerstoff 



17* 



2G0 



Otto Streicher, 



Assimilationsarbeit jener Pflanzen zurückzuführen, deren 
verkohlte Reste unter dem Maschineukessel verbrennen. Denn 
beim Verbrennen der reduzierten Kohlenstotfverbindungen 
zu Kohlensäure wird jene Arbeitsleistung wieder frei, welche 
umgekehrt nötig war, die Kohlensäure der Luft in jene 
Brennstoffe überzuführen. Der Kohlenstoff unternimmt also 
in der Natur eine Wanderung, die zu einem Kreislauf wird, 
indem die grünen Teile einer Pflanze, wie eingehend be- 
sprochen worden ist, den Kohlenstotf der in der Luft ent- 
haltenden Kohlensäure assimiliert und dann die Pflanze 
beim Verbrennen oder bei der Verwesung, was ja nur eine 
langsame Verbrennung ist, den Kohlenstoff in Verbindung 
von Sauerstoff der Luft als Kohlensäureanhydrid wieder 
abgibt. 

Nur nebenbei sei bemerkt, dafs ein ganz verschwindend 
kleiner Teil des durch die Assimilation freigewordenen 
Sauerstoffs von den Pflanzen zur Atmung wieder aufgebraucht 
wird, wenn auch alle Teile einer Pflanze Tag und Nacht 
atmen. 

Durch die überaus starke Assimilation des Kohlenstoffes 
aber bei den zahllosen hier in Betracht kommenden Pflanzen 
würde die Luft sehr bald frei von Kohlensäure und reich 
an Sauerstoff werden, wenn nicht die Menschen und das 
Tierreich hierin einen Ausgleich schafften. Alle lebenden 
Wesen auf unserer Erdkugel atmen nämlich, indem sie 
Sauerstoff" zur Oxydation zurückbehalten und, was besonders 
hervorgehoben werden soll und mufs, Kohlensäureanhydrid 
CO2, dessen Kohlenstoff' von der grünen Pflanze unter ge- 
wissen Bedingungen wieder assimiliert wird, ausatmen. 
Dieses ausgeatmete Kohlensäureanhydrid CO2 ist sowohl 
ein Teil der eingeatmeten Luft als auch insbesondere der 
zu Kohlensäureanhydrid oxydierte Teil des Kohlenstoffes 
der aufgenommenen Nahrung. Nachdem letztere verarbeitet, 
ausgesogen und die guten Bestandteile der Nahrung vom 
menschlichen bezw. tierischen Körper zum Aufbau oder 
Erhaltung desselben verwendet worden sind, werden die 
schlechten und unbrauchbaren als Faeces abgegeben und 
verwesen und verfaulen, wobei infolge der langsamen 
Oxydation Kohlensäureanhydrid entsteht. Jeder organische 



Der Kreislauf des Kohlenstoffs in der Natnr. 



261 



Körper ist nach einer gewissen Zeit der Notwendigkeit 
unterworfen, dafs er sich zersetzt, indem er entweder 
verbrennt oder verwest oder verfault, wobei als Endprodukt 
stets immer wieder Kohlensäureanhydrid CO2 gebildet wird. 

So wird also das von den Pflanzen zerlegte und ver- 
arbeitete Kohlensäureanhydrid in der Luft wieder ergänzt 
und auf das richtige Mafs gebracht. Demnach ist ein Kreis- 
lauf des Kohlenstoffes unverkennbar. Die lebenden Wesen 
sind nicht im Stande den Kohlenstoff so herzurichten, dafs 
letzterer ihnen selbst gleich zur Nahrung dienen kann. 
Vielmehr mufs er erst von den grünen Pflanzen verarbeitet 
und gewonnen werden. Danach erst wird er von den 
lebenden Wesen als Nahrung teils als Kohlehydrate teils 
als Eiweifs aufgenommen. Der von den lebenden Wesen 
in sich angehäufte Kohlenstoff wird nach dem Absterben 
derselben durch Verwesung, wie oben schon darauf hin- 
gewiesen, als Kohlensäureanhydrid CO-, wieder frei, das 
dann von den grünen Pflanzen wieder zerlegt wird, und 
aus dem der Kohlenstoff von denselben schliefslich wieder 
assimiliert wird. 

Aus obigen Ausführungen geht nun hervor, dafs der 
Kohlenstoff auf unserem Planeten im Haushalte der Natur 
eine Wanderung unternimmt und einen Kreis beschreibt, 
wobei er verschiedene Stadien zu durchlaufen hat und 
hierbei die Menschen und das Tierreich einerseits und das 
Pflanzenreich andererseits Glieder des geschlossenen Kinges 
bilden. Die dem Kohlenstoff zugefallene äufserst wichtige 
Rolle auf unserer Erdkugel ist also nicht zu verkennen. 
Weiter geht aus Obigem hervor, dafs die Menschen und das 
Tierreich ohne das Pflanzenreich nicht existieren können, 
und umgekehrt das Pflanzenreich zu seinem Dasein die 
Menschen und das Tierreich wiederum bedürfen. So stehen 
also die lebenden Wesen zu dem Pflanzenreich in einer 
merkwürdigen Beziehung und treten miteinander in eine 
vorteilhafte Lebensgemeinschaft, welche man als Symbiose 
bezeichnen kann. 



Weitere Beiträge zur Kenntnis der Flora 
von Burg 

von 

Dr. Waltlier Wangerin 



Da ich infolge meiner am 1. April 1910 erfolgten 
Übersiedelung nach Königsbesg i. Pr. keine Gelegenheit 
mehr finden werde, die von mir begonnene systematische 
Durchforschung der Flora von Burg zu Ende zu führen, so 
will ich im Folgenden wenigstens noch diejenigen meiner 
bisherigen Ergebnisse, die ich in meiner vorigen Arbeit i) 
nicht berücksichtigt habe, zusammenstellen als weiteres 
Material für eine etwaige künftige F'lora des nordöstlichen 
Teiles der Provinz Sachsen. In der Anordnung der Arten 
halte ich mich wieder an die letzte Auflage der Garcke- 
schen Flora, allen Ortsangaben sind in zweifelhaften Fällen 
wieder die Mefstischblätter zugrunde gelegt. 

Stratiotes aloides L. In einem Sumpf unterhalb der Sand- 
berge bei Ihleburg, bestandbildend. 

Scirpus maritimus L. Im Rohrsumpf (ßcirpus lacuster als 
Hauptleitpflanze) an der Potstrine bei Gerwisch in 
kleinen Beständen. 

Eriophorutn vaginatum L. Torfmoor am Rande der Kähnert- 
schen Forst (bei Grabow). 

Cladium Mariscus R. Br. In den nassen Teilen des Lause- 
bruches, zwischen Fhragmites communis, ziemlich zahl- 
reich. 



') Zeitschrift für Naturwissenschaften, Bd. LXXXI, Heft 4 (1909), 
S. 272—276. 



[2] 



Weitere Beiträge zur Kenntnis der Flora von Burg. 



263 



Rhynchospora alba Vahl. In nassen Torflöehern des Torf- 
moores am Rande der Kähnertschen Forst, ziemlieh 
zahlreich. 

Carex Oederi Ehrh. Moorige Fläche am Waldrand rechts 
vom Wege von Theessen nach Tuchheim, sparsam. 

Carex supina Wahlenberg. Am Weinberg zwischen Hohen- 
warthe und Lostau (gesammelt von P. Leeke). 

Juncus obtusiflorus Ehrh. Im Lausebruch, in grofser Menge 
und teils allein, teils mit Phragmites cummunis im 
Torfsumpf wie auch im Sphagnetum bestandbildend. 

Juncus supinus Moench. Sumpfige Niederung rechts von 
der Berliner Chaussee hinter Hohenseeden, sparsam. 

Anthericus ramosus L. Im Kiefernwald der Grabower Forst, 
rechts vom Wege von Forsthaus Grabow nach Pietzpuhl, 
ganz vereinzelt. 

Ornitliogalum umbeUahm L. Wiesen diesseits des Ihle- 
Kanals rechts von der Blumenthaler Chaussee, an einer 
Stelle in grofser Menge; am Deichwall vereinzelt. 

Alliuni acntanguluni Schräder. An der Potstrine bei Ger- 
wisch und von da auf feuchten Wiesen bis nach Lostau 
hin in grofser Menge. 

Älliim Scorodoprasuni L. Gebüschränder am Deichwall, 
zahlreich. 

Alliim oleraceum L. Sandige Heide zwischen Gerwisch 
und der Potstrine, ziemlich zahlreich. 

Liparis Loeselü Rieh. Blühte im Juni 1909 im Hungrigen 
Wolf bei Bahnhof Moser, dem einzigen bisher aus der 
Gegend bekannten Standort, zahlreich; aufserdem 
sparsam im Torfsumpf des Lausebruches. 

Listera ovata R. Br. Erlenbrüche im Bürgerholz, zerstreut. 

Orchis incarnata L. Im Hungrigen Wolf, sparsam ; sumpfige 
Wiese beim Brehm, ganz vereinzelt. 

Orchis Traunsteineri Saut. Torfmoor am Rande der Kähnert- 
schen Forst; einer der bemerkenswertesten und inter- 
essantesten Funde! 



264 



Walther Wangerin, 



[3] 



Polygomim Bistorta L. Auf Wiesen bei Brandenstein, 
zahlreich. 

Illecebrnni vertidllatiim L. Auf einem sandigen Acker 
zwischen der Grabower und der Kähnertschen Forst, 
wie gesät. 

Bammmlus divaricatus Wimmer. In einem Teich der so- 
genannten , Sieben Seen" im Külzauer Forst bei der 
Rothen Mühle. 

Bammculus Lingua L. Rohrsumpf unterhalb der Sandhügel 
bei Ihleburg; bruchiger Wald beim Bahnhof Güsen; im 
Torfkanal bei Karow im Fiener Bruch. 

Thalictrum flavum L. Feuchte Wiesen an der Hedwigs- 
brücke. 

Turritis glahra L. Grasiger Damm des Karower Haupt- 
kanals im Fiener Bruch, sparsam. 

Arabis hirstita Scop. Wie vorige, sparsam. 

Drosera rotundifolia L. Im Sphagnetum des Lausebruches, 
in üppiger Entwicklung; Torfmoor am Rande der 
Kähnertschen Forst sowie besonders auf torfigen Wiesen 
in der Nachbarschaft desselben in *Sp/<a(/m(Wi- Polstern. 

Drosera intermedia Hayne. Torfmoor am Rande der Kähnert- 
schen Forst, in nassen Torf löchern ziemlich zahlreich. 

Chrysosplenium alternifolium L. Erlenbrüche des Bürger- 
holzes hinter dem Forsthaus ; sumpfige Gräben am Rand 
der Wiesen von der Hedwigsbrücke bis zum Brehm, 
sehr zahlreich. 

Bihes nigrum L. Als Unterholz in den Erlenbrüchen des 
Bürgerholzes, ziemlich zerstreut. 

Ulmaria Filipendtila J. Hill. Wiesen am Deichwall; Wiesen 
bei der Hedwigsbrücke. 

Genista tinctoria L. Am Deichwall, zahlreich. 

Medicago falcata L. Kirchhofsmauer in Grabow; sonniger 
Abhang bei Hohenseeden. 



Weitere Beiträge zur Kenntnis der Flora von Burg. 265 



Trifolium fragiferum L. Trockene Stellen der Wiesen 
zwischen der Stadt und der liedwigsbrücke (Nacbt- 
weide), auf salzfreiem Boden. 

Coronilla varia L. Am Deichwall; Waldränder und Weg- 
böschungen an der Berliner Chaussee hinter Hohen- 
seeden. 

Lathyrus platyphjllos Retz. Im Gebüsch an einem Ausstich 
am Deichwall. 

Lathyrus paluster L. Feuchte Wiesen im Lausebruch, 
sparsam. 

Polygala comosa Schkuhr. Sumpfige Wiesen zwischen Ilohen- 
seeden und Güsen. 

Eupliorhia palustris L. In Ausstichen am Deichwall. 

Acer campestre L. In Erlenbrüchen des Bürgerholzes als 
Unterholz zerstreut und sparsam ; am Deichwall in 
Menge, sowohl strauchförmig in Hecken und Gebüschen 
wie auch in stattlichen baumförraigen Exemplaren. 

Hypericum quadrangulum L. Wiesengräben der Nachtweide, 
sparsam. 

Helianthemum Cliamaecistus Mill. Sonnige Kiefernschonung 
zwischen Brandenstein und Krüssau. 

Hippuris vulgaris L. In einem wassererfüllten alten Torf- 
stich des Fiener Bruches zwischen Ziesar und Karow. 

Peucedanutn palustre Much. Wiesen an der Hedwigsbrücke; 
Wiesen und Gräben beim Torfmoor am Rande der 
Kähnertschen Forst. 

Vaccinium Oxycoccos L. Torfmoor am Rande der Kähnert- 
schen Forst, in S2)hagnum -Vohtern sparsam. 

Erica Tetralix L. Torfmoor am Rande der Kähnertschen 
Forst, wie gesät; im Sphagnetum des Lausebruches, 
zahlreich. 

Menyanthes trifoliata L. Sumpfige, torfige Wiesen beim 
Brehm; alte Torfstiche bei Reesen; sumpfige Wiesen 
bei Brandenstein; überall gesellig, aber meist nur 
sparsam blühend. 



266 



Walther Wangerin, 



[5] 



Gentiana Pnetimonanthe L. Sumpfige Niederung zwischen 
Burg und Pietzpuhl; Lausebruch. 

Stachys recia L. SandhUgel bei Ihleburg; sandiger Abhang 
beim Vorwerk Hollandshof unweit Karow. 

Gratiola ofßcinalis L. Lehmige ausgetrocknete Gräben und 
Niederungen am Deichwall, gesellig. 

Linaria arvensis Desf. Sandige Acker an der Blumenthaler 
Chaussee, kurz vor dem Deichwall, vereinzelt. 

Veronica spicata L. Sonniger Abhang am Lausebruch, nicht 
zahlreich. 

Pedicularis palustris L. Sumpfige Wiesen beim Brehm, wie 
gesät, und von dort, jedoch sparsamer, bis zu den 
alten Torfstichen bei Reeseu; moorige Niederung am 
Waldrand rechts vom Wege von Theessen nach 
Tuchheim. 

MeJampyrum nemorosim L. Im Bürgerholz an lichten, 
sonnigen Rändern hinter dem Forsthaus, zahlreich. 

Plantago arenaria W. u. K. Wegränder im Gebiet der 
Sandhügel bei Ihleburg, zahlreich. 

Galium boreale L. Wiesen und Gebüsche bei der Hedwigs- 
brücke. 

Ädoxa MoschatelUna L. Im Bürgerholz im Laubwald am 
Rand der Erlenbrüche, besonders in der Umgebung 
älterer Baumstämme, gesellig; unter alten Bäumen beim 
Forsthaus Grabow, desgl. 

Scahiosa canescens W. u. K. Sonniger, von Calluna vulgaris 
bedeckter Abhang beim Bahnhof Moser. 

Bryonia alba L. In Hecken dicht bei der Stadt am Wege 
nach der Holländer-Windmühle. 

Senecio paludosns L. Bruchige Waldlichtung beim Bahnhof 
Güsen. 

Inula salicina L. Am Deichwall. 

Chondrilla juncea L. Sandhügel und sandige Triften bei 
Ihleburg. 



Weitere Beiträge zur Kenntnis der Flora von Burg. 267 



Den vorstehenden Standortsangaben für weniger ver- 
breitete resp. seltene Pflanzenarten der Flora von Burg mögen 
noch einige auf diese Gegend sich beziehende Hinweise zur 
Frage des Naturdenkmälerschutzes beigefügt werden. 

In forstbotanischer Hinsicht bietet die Gegend, so weit 
ich es wenigstens nach meiner Kenntnis derselben zu be- 
urteilen vermag, nur wenig; weder nehmen an der Zu- 
sammensetzung der Wälder besonders bemerkenswerte Arten 
von Holzgewächsen teil, auf die das Augenmerk zu richten 
wäre, noch sind mir besonders ausgezeichnete Waldbestände, 
die ungestört in ihrem heutigen Zustande zu erhalten 
wünschenswert wäre, bekannt geworden. Auch von hervor- 
ragenden ßaumgestalten könnte ich nur die sogenannte 
„Grofse Buche" im Bürgerholz hinter dem Forsthaus nennen, 
die sich allerdings durch einen recht beträchtlichen Stamm- 
durchmesser und schöne Krone auszeichnet; sonst wären 
etwa noch die beiden Linden {Tilia parvifolia) zu nennen, 
die unmittelbar vor der Försterei Pabsdorf stehen und unter 
den mir bekannten nach Stärke des Stammes, Höhe und 
Bildung der Krone die schönsten und stattlichsten sind; 
ebenda stehen auch mehrere schöne alte Eichen. 

Anders dagegen liegen die Verhältnisse, wenn man für 
den Schutz der Naturdenkmäler nicht blofs das Material ins 
Auge fafst, das im allgemeinen in den forstbotanischen 
Merkbüchern zusammengestellt wird, sondern wenn man, 
worauf das Bestreben sich in neuerer Zeit vielerorts richtet, 
weiter geht und den Begriff „Naturdenkmal" in seinem 
eigentlichen umfassenden Sinne erfafst. Dann kommen in 
botanischer Hinsicht in erster Linie bemerkenswerte Pflanzen- 
bestände sowie Standorte von besonders seltenen oder aus- 
gezeichneten Pflanzenarten in Betracht. Von ersteren sind 
für unsere hiesige Gegend hauptsächlich die Moore von 
Bedeutung, zumal diese auch infolge der immer intensiver 
betriebenen Melioration als mit am meisten gefährdet an- 
gesehen werden müssen. Zweifellos mufs es aber, so er- 
freulich an sich es auch ist, wenn früher öde und unfrucht- 
bare, unzugängliche Gelände der Landwirtschaft erschlossen 
wird, doch als dringend wünschenswert bezeichnet werden, 
dafs diese Ausdehnung der Kultur nicht zu einem völligen 



268 



Walther Wangerin, 



Verschwinden der Moore führen möchte, eine Gefahr, die 
leider in vielen Gegenden Deutschlands besteht. Denn man 
mufs daran denken, dafs die Sümpfe und Moore in älterer, 
auch noch in historischer Zeit gerade im norddeutschen 
Flachlande eine sehr bedeutende Rolle im Landschaftsbild 
spielten, und dafs gerade die Moore eine sehr bezeichnende 
Pflanzenwelt beherbergen, so manche seltene und pflanzen- 
geographisch bemerkenswerte Art, die nur auf dem kalten, 
nassen Moorboden sich bis auf unsere Zeit lebend erhalten 
hat und noch Zeugnis ablegt von Vorgängen, die sich bei 
der postglazialen Entwicklung unserer heimischen Flora und 
Pflanzendecke abgespielt haben. Von gröfseren Moor- 
bildungen aus der hiesigen Gegend ist vor allem das 
Fiener Bruch zu nennen. Dieses ausgedehnte Gebiet, das 
sich bei einer durchschnittlichen Breite von 3 — 5 km auf 
eine Länge von annähernd 18 km erstreckt, war in früherer 
Zeit seiner ganzen Ansdehnung nach von Moorbildungen 
erfüllt; doch ist jetzt bereits der weitaus gröfsere Teil 
durch ein weit verzweigtes Netz von Gräben entwässert 
und in Wiesen-, teilweise auch in Ackerland umgewandelt; 
nur im östlichen Teil des Fiener Bruches, etwa zwischen 
den Ortschaften Ziesar und Karow, hat die Moorlandsehaft 
noch ihren ursprünglichen Charakter bewahrt, so weit nicht 
durch die stellenweise lebhaft betriebene Torfstecherei auch 
hier die natürlichen Verhältnisse modiflziert bezw. gar zer- 
stört worden sind. Eine Wanderung durch diesen Teil des 
Fiener Bruches, wie ich sie im Juni vorigen Jahres aus- 
geführt habe, bietet einen ganz eigenartigen Reiz; 2 km 
nördlich von Ziesar betritt man beim Fienerhof zuerst das 
Gelände des „Fiener", wie in der Gegend das Gebiet 
kurzweg genannt wird ; zuerst sind es nur mehr oder 
weniger sumpfige Wiesen, die zu beiden Seiten den Weg 
begleiten, dann trifft man bald auf die ersten Torfstiche, 
die teils schon wieder zugewachsen, teils noch von dunklem 
Moorwassei; erfüllt sind, und allmählich wandelt sich der 
Charakter der Landschaft immer mehr: an Stelle der 
sumpfigen Wiesen, auf denen zuletzt Arten wie Equisetum 
palustre u. dgl. neben Carex-kxiQn tonangebend wurden, 
treten vielfach Schilfdickichte, die den schmalen Weg zu 



Weitere Beiträge zur Kenntnis der Flora von Burg. 269 



beiden Seiten umsäumen und die schon um diese Jahreszeit 
den Wanderer überragen; dann wieder wechselt mit dem 
Phragmitetum ein Bestand von Equisetuni limosum, ab, der 
einen freieren Blick über das ausgedehnte Moorgelände ge- 
stattet, oder es sind grofse Flächen bedeckende Weiden- 
gebüsche oder Bestände von Carex paniculata, die den 
Blick gefangen nehmen. Da diese erste Exkursion in das 
Fiener Bruch, die leider auch meine letzte bleiben sollte, 
nur einer vorläufigen Information dienen sollte, so kam ich 
nicht dazu, genauere Bestandesaufnahmen der verschiedenen 
Formationstypen zu machen, unter denen ich übrigens 
eigentliche Hochmoorbildungen (Sphagneten) vermifst habe, 
ohne aber deshalb behaupten zu wollen, dafs solche in dem 
weit ausgedehnten Gelände, von dem ich immerhin nur 
einen relativ geringen Teil aus eigener Anschauung kennen 
gelernt habe, überhaupt nicht vorkämen. Auch kann ich 
zur Zeit keine detaillierten Angaben darüber machen, ob 
dieser Teil des Fiener Bruches Pflanzenarten von besonderer 
Bedeutung oder Seltenheit beherbergt; sind mir selbst auch 
solche trotz manches interessanten Fundes nicht aufgestofsen, 
so glaube ich doch mit Recht annehmen zu dürfen, dafs 
auch in floristischer Hinsicht das Gelände manches Wert- 
volle bieten dürfte. Aber wie sich das auch verhalten mag, 
jedenfalls mufs ich es wegen des eigenartigen Landschafts- 
charakters und der interessanten Formationsbildung als 
dringend wünschenswert bezeichnen, dafs von berufener 
Seite dafür gesorgt werden möchte, dafs dieser Teil des 
Fiener Bruches oder doch wenigstens eine gröfsere Fläche 
desselben in seiner jetzigen Gestalt erhalten bleiben möchte. 
Moorflächen, die sich an Ausdehnung auch nur annähernd 
mit dem Fiener Bruch messen könnten, bietet die hiesige 
Gegend sonst nicht mehr; wohl aber finden sich in nicht 
geringer Zahl kleinere Moorbildungen, die wohl geeignet 
sind das Interesse des Botanikers- auf sich zu ziehen. Zu 
diesen rechne ich in erster Linie den , Hungrigen Wolf 
beim Bahnhof Möser. Auch dieser besafs in früherer Zeit 
eine gröfsere Ausdehnung als gegenwärtig; durch die An- 
lage der gegenwärtigen Eisenbahnstrecke Magdeburg — Burg 
wurde er in zwei Teile zerschnitten, von denen nur der 



270 



Walther Wangerin, 



[9] 



gröfsere westliebe den ursprünglichen Forraationscbarakter 
wenigstens der Hauptsache noch bewahrt hat; doch ist auch 
dieser möglicherweise durch die in Ausführung begriffene 
Erweiterung des Bahnhofs Moser gefährdet, wenigstens 
machte ich die Wahrnehmung, dafs an einer Stelle vom 
Rande her gröfsere Erdmassen im Sumpfe zur Aufschüttung 
gelangten. Der Hungrige Wolf ist in erster Linie als 
Standort seltener Pflanzenarten von Bedeutung; unter diesen 
wieder verdient das Glanzkraut {Liparis Loeselii), das in 
vielen Gegenden Deutschlands schon völlig vernichtet worden 
ist durch Trockenlegung der Sümpfe und Moore, an erster 
Stelle Erwähnung; genannt seien ferner noch Carex pulicaris, 
C. diandra, Erica Tetralix, Cladium Mariscus, Drosera 
rotundifolia, ütrkularia vulgaris, Efipadis palustris, Juncus 
ohtusiflorus und Gentiana Pneumonanthe. Aber auch als 
Pflanzenformation bietet der Hungrige Wolf mancherlei 
Interessantes. Zum gröfsten Teil ist es ein Torfsumpf, der 
von Fhragmites communis und Care^c-Arten ausgefüllt wird; 
zwischen dem Schilf findet sich in grofser Menge als 
Charakterpflanze das schon genannte Cladium Mariscus, im 
Hochsommer tritt ferner Juncus ohtusiflorus in ungeheurer 
Menge teils allein bestandbildend, teils zwischen dem Schilf 
auf. Im torfigen Wasser schwimmt am Rande Utricularia 
vulgaris mit weithin leuchtenden gelben Blüten. In den 
trockneren, mehr heideartigen Teilen ist Carex pulicaris als 
Leitpflanze zu nennen ; daneben treten auf Molinia caerulea, 
Eriopliorum angustifolium, Potentilla Tormentilla, Salix 
repens, Carex stellulata u. a. m.; hier ist, nach dem Rande 
des Sumpfes zu, auf moosigen, feuchten Carea;-Bulten auch 
der eigentliche Standort von Liparis Loeselii, die ich im 
vorigen Juni reichlich blühend fand. Am Rande endlich 
finden sich, allerdings nur in ziemlich geringer Ausdehnung, 
Sphagnum-Fohter mit reichlicher Drosera rotundifolia. Da 
der Hungrige Wolf zur königl. Forst Detershagen gehört, 
so dürften Mafsregeln zu seiner Erhaltung keine grofsen 
Schwierigkeiten verursachen. 

Eine dem Hungrigen Wolf überaus ähnliche Formation 
fand ich im sogenannten Lausebruch (rechts vom Waldrande 
am Fahrweg von Burg nach Hohenwarthe), das, obwohl 



Weitere Beiträge zur Kenntnis der Flora von Burg. 



271 



nahe bei der Stadt gelegen, dennoch merkwürdigerweise 
bisher noch nie floristisch untersucht worden zu sein scheint. 
Auch hier nimmt die nassesten Teile ein Torfsumpf ein, in 
welchem zwischen dem Schilf Cladium Mariscus (für welches 
bisher der Hungrige Wolf als einziger Standort galt) reich- 
lich gedeiht und am Rande in nassen Bülten auch Liparis 
Loeselü vorhanden ist. Auch Juncus obtusiflorus findet sich 
in grofser Menge und im Hochsommer bestandbildend. An 
den eigentlichen Torfsumpf schliefst sich ein Sphagnetum, 
dessen Ausdehnung eine erheblich gröfsere ist als im 
Hungrigen Wolf; auch auf diesen Sphagnum -Flächen spielen 
Phragmites und Juncus obtusiflorus noch eine ziemliche 
Rolle im Vegetationsbild, doch herrschen daneben Erica 
tetralix (hier viel zahlreicher als im Hungrigen Wolf) und 
Drosera rotundifolia vor. Es sind sonach die für den 
Hungrigen Wolf bezeichnenden Arten gröfstenteils auch hier 
vorhanden ; ob auch andere wie Carex pulicaris, C. teretius- 
cula usw. sich finden, muls ich dahingestellt sein lassen, da 
ich selbst im Vorjahre erst in zu weit vorgerückter Jahres- 
zeit an jene Stellen kam, um das etwaige Vorhandensein 
dieser Arten noch konstatieren zu können. 

Endlich möchte ich noch das am Rande der Kähnert- 
schen Forst (bei Grabow) gelegene Torfmoor namhaft 
machen, dessen Erhaltung ebenfalls recht wünschenswert 
wäre. Hier hat allem Anschein nach eine Entwässerung 
schon einmal stattgefunden; ihr ist es wohl zuzuschreiben, 
dafs dieses Torfmoor zum grofsen Teil von einem Bestand 
von Calluna vulgaris und vor allem von Erica tetralix ein- 
genommen wird, der zur Blütezeit der letzteren, weitaus 
dominierenden Art einen unbeschreiblich reizvollen Anblick 
gewährt. Immerhin sind noch nasse Torflöcher vorhanden, 
in denen Rhynchospora alba und vor allem Drosera inter- 
media (welche im Gegensatz zu der auch vorhandenen D. 
rotundifolia das Sphagnum-Vohter stets zu meiden scheint) 
reichlich gedeihen. Gerade der letzteren Art wegen wäre 
eine Erhaltung des fraglichen Geländes dringend zu wünschen, 
denn es dürfte dies ihr einziger Standort in der ganzen 
Gegend sein; bei Hohenseeden, von wo Schneider die Art 
angibt, habe ich sie trotz genauen Suchens nicht mehr 



272 



Walther Wangerin, 



[11] 



finden können, das Gelände war aueb sichtlich viel zu 
trocken; und auch hei Rietzel, von wo sie in dem von 
AscHEKSON herausgegebenen Nachtrag zu Schneiders Flora 
angegeben wird, dürfte sie kaum mehr vorhanden sein, da 
das am Mittelgraben gelegene moorige Gelände daselbst in 
sehr weitgehendem Mafse trocken gelegt worden ist. Von 
sonstigen bemerkenswerten Hochmoorarten bietet das Torf- 
moor am Rande (Jer Kähnertschen Forst noch Vaccinium 
oxycoccos und Eriophorum vaginatum, sowie vor allem 
Orchis Traunsteineri , die ich hier in ca. 8 — 10 Exemplaren 
fand und die, so viel mir bekannt, für die ganze Gegend 
neu ist. 

Was die Frage angeht, ob einzelne seltene Pflanzen- 
arten besonders des Schutzes bedürftig sind, so ist diese 
für die hiesige Gegend minder aktuell; denn einerseits ist 
die Zahl botanisierender Floristen, deren Sammeleifer diese 
oder jene Seltenheit gefährden könnte, eine sehr geringe 
und sind die Standorte zu zerstreut und die etwa in Betracht 
kommenden Arten zu wenig bekannt, als dafs seitens des 
gröfseren Publikums eine Gefährdung zu befürchten wäre, 
andererseits wäre bei diesen Verhältnissen eine wirksame 
Durchführung von Schutzmafsregeln auch kaum möglich. 

Ich will deshalb mich darauf beschränken, hier nur 
eine Pflanzenart namhaft zu machen, das ist der Sumpfporst 
(Leäum palustre). Der einzige mir aus eigener Anschauung 
bekannte Standort dieser schönen Pflanze liegt nordöstlich 
von Crüssau, zwischen dem Fliederbusch und dem so- 
genannten Fenn, etwa am Rande der Kiehnlaake. Dort 
ist Leduni palustre auf einem trocken gelegten Hochmoor, 
sowie insbesondere in lichten, bruchigen Wäldern, die sich 
an dieses anschliefsen , zahlreich vorhanden und stand 
Anfang Juni vorigen Jahres, als ich jene Gegend durch- 
streifte, gerade in voller Blüte. Nach Schneider ist die 
Art übrigens auch noch weiter östlich in den Forsten um 
Magdeburger Förth an mehreren Standorten vorhanden. 

Neben den oben ausführlich behandelten Mooren sei 
von bemerkenswerten Pflanzenbeständen noch das sogenannte 
Fenn bei Crüssau namhaft gemacht; es ist dies eine leicht 
hügelige, reichlich 1 qkm grofse Fläche, welche — rings 



[12] 



Weitere Beitrüge zur Kenntnis der Flora von Burg. 



273 



von Kiefernwald umgeben — vollständig von einem fast 
reinen Bestand der Calluna vulgaris (neben wenigen dürftigen 
Gräsern sah ich nur hier und da noch Genista pilosa ein- 
gestreut) bedeckt wird. Da ein Callunetum von ähnlicher 
Schönheit und Gröfse sich in der ganzen Gegend nicht 
wieder findet, so wäre es wohl wünschenswert, wenn der 
Bestand erhalten bliebe und von einer Aufforstung, mit der 
am Rande schon begonnen worden ist, abgesehen würde. 
Als bemerkenswert und eventuell schutzbedürftig wurden 
mir auch die Blauen Berge bei Pietzpuhl namhaft gemacht, 
die ich aus eigener Anschauung nicht kenne; hier dürfte 
Scorzonera purpurea die bemerkenswerteste Art aus dem 
Kreise der dortigen „pontischen Hügelfiora" sein. Jurinea 
cyanoides ist ebenfalls eine der bemerkenswerteren Pflanzen- 
arten unserer Gegend, doch ist dieselbe an ihren Standorten 
(Sandhöhen bei Ihleburg und Rand der Detershagener Forst) 
wohl kaum gefährdet. Eher könnte letzteres für Clematis 
recta zutreffen, welche nur am Deichwall in einigen wenigen 
Gebüschen sich findet. Überhaupt ist der Deichwall Standort 
für eine ganze Reihe von bemerkenswerten Pflanzenarten 
und sei deshalb dem Schutze ebenfalls empfohlen. 



2ettBcbr. t. Naturwisa. HaUe a. S. Bd. 82. idlO. 



18 



Die 

Etymologie der Pteridophytennomenklatiir') 

Eine Erklärung der wissenschaftlichen, 
der deutschen, französischen, englischen und holländischen 
Namen der Farnkrautgewächse 

von 

Dr. med. et pliil. Friederich Eanngiesser 



Es sollen die Namen der Pteridophyten, soweit sie über 
Nordwesteuropa verbreitet, insbesondere in den Gattungs- 
bezeichnungen erläutert werden. Einleitend sei eine Er- 
klärung des Kollektivbegriffs „Farnkraut" [der sich im 
engeren Sinne nur auf die erste Klasse der Pteridophyten 
bezieht] sowohl der klassischen wie volkstümlichen zu- 
ständigen Benennungen vorausgeschickt. 

gr. nxtQic (wie aus dem Akkusativ jixtgiv hervorgeht 
ist die Akzentuation jizsqIq falsch) war die allgemeine Be- 
zeichnung der Farne bei den Griechen des Altertums. Der 
Name ist abzuleiten von jiregv^, jiTegov: Flügel, wegen 
der Form der Blattspreite. 

lat. FiJix (bei Virgil und Columella) und filex (bei 
ViTRüv). Vielleicht verwandt mit filum Faden, wegen des 
faserigen Stengels. Ital. feJce; sard. fdiglw. sie. f\Uci\ span. 
falagner nnd heh'cho (das span.// entspricht oft dem ital./"); 
portug. filifolha; rum. ferece (die Liquida / und r wechseln 
häufig, vgl. lat. uiOYus, d. Maulbeere). 

d. Farnkraut, Farn, Fahrenkraut, Faren, Farren; ahd. 
faram und — mit Abschwächung des m zu n — faran, 



1) Vgl. Kanngiesser, Die Etymologie der Phanerogamen- 
nomenklatiir. Eine Erklärung der wissenschaftlichen, der deutschen, 
französischen, englischen und hollündischeu Pflanzennamen. Gera 1909. 



Die Etymologie der Pter'ulopliytennonicnklatur. 275 



farn\ diese Formen werden mhd. mit v geschrieben. Farn- 
kraut soll soviel als Faserkraut bedeuten (s. u. FiUx): der 
Semivokal s wäre demnach in einen anderen Semivokal, 
nämlich /•, übergegangen. Nach anderer Erklärung ist Farn 
verwandt mit skr. })arna: Flügel (s. w. Jirtgio). Der Stamm 
far entspricht nach den Gesetzen der Lautverschiebung dem 
russ. Stamm por, aus dem unter Reduplikation die russ. Be- 
zeichnung für Farnkraut : j^o-poroti, lit. paxiartis, kroat., serb., 
bulg. und böhm. paprat, wendisch p)op^'oschy, slow, hqwadina, 
Ungar, haraszt und poln. paproc hervorgegangen ist. Ver- 
gleicht man mit letzterem das dän. Wort hregne für Farn, 
so ergibt sich hieraus m. E. die Etymologie der engl. Be- 
zeichnung hracJcen und hraJce für Grofsfarne als im Ursprung 
mit der von e. fern, d. Farn identisch. Ebenso dürfte m. E. 
auch das russ. 2)aporoti sich zum gr. jireQiq verhalten. Im 
altgallisehen heifst Farn ratis (aus pratis)\ wir finden diese 
Form wieder in breton. raden und ir. raith. — Im d. wird 
das Farnkraut auch noch Greinkraut genannt, weil es ins 
Haus gebracht Zank und Streit verursache. — Der Name 
Irrwurz für Farnkraut nimmt auf den Aberglauben Bezug, 
dafs jemand, der unversehens über Farnkraut ginge, sich 
im Wald verirre. — Johanniskraut: nach dem Aberglauben 
blüht der Farn in der Johannisnacht. Über den Geisterspuk 
der mit dem Farnkraut getrieben wurde vgl. auch unter 
Botrychimn. 

f. Foughre aus dem spätlat. filicaria: das l hat sich 
noch erhalten in dem Dialekt der belgischen Provinz Hainault, 
wo das Farnkraut fleticre genannt wird. Walion. fhchire, 
namur. fccJicre, champ. feuchilre. 

e. Fern, ags. fearn und fern. Im schwed. Dialekt fünne. 
Im isl. sowohl hirkni als ferne; vgl. hierzu die e. Bezeich- 
nung hracl-en für Grofsfarne und die allgemeine Bezeichnung 
fern, ebenso das in dem Absatz über Farnkraut gesagte. 

h. Varen, varenkruid; im h. hat sich das v des mhd. 
erhalten. 

* 



18* 



276 



Friederich Kanngiesser, 



[3] 



Adiantum capillns Venerls von Theophrast 
VII, 14. 1 und von Dioscorides IV, 134 als aöiavxov be- 
schrieben. Ableitung von a priv. und öiaivm: benetzen, da 
wie Theophrast 1. e. bemerkt, das Kraut (benetzt oder 
selbst im Wasser untergetaucht) trocken bleibt. Man nannte 
das Kraut auch xalUxQixoi' und noXrxQiyov [von xäXloq: 
Schönheit resp. nolvq: viel und ihgis, Genitiv xQiyöq: Haar], 
da es als Haarfärbemittel und gegen das Ausfallen der 
Haare benutzt wurde. Nach Plinius 22, 30 nehmen diese 
Synonyme auf die zarten, feinen Wtirzelchen Bezug, die 
ihrerseits nach der schon im Altertum angewandten Signatur- 
lehre die Veranlassung zum Gebrauch der Pflanze als Haar- 
mittel gegeben haben mögen. Nach anderer Erklärung hat 
es diese Namen, wie die Artbezeichnung capükis Veneris: 
Venushaar, dem haarähnliehen Aussehen der Stiele zuzu- 
schreiben. Der Neugrieche nennt die Pflanze jioXvxqIxi, der 
Italiener nennt sie capelvenere. 

d. Frauenfarn. Haarfarn. Frauenzopf. Jungfernhaar, 
f. Ädiante. CapiUairc. Cheveu de Venus. Capillaire 

de MonipeJUer: wächst in Südfrankreich wild. 

e. 3Iaidenhair. 
h. Haarlcniid. 

Allosorus von aXXoq: der andere und öcogoq: Haufen, 
Die Sporangien sind je nach dem Alter verschieden gestaltet. 

d. Rollfarn. Die Fiederblättchen der Fruchtwedel sind 
auf der Unterseite eingerollt. 

f Allosore. 

e. Eocl'hracJien: Felsenfarn. Farsley fem: Petersilien- 
farn, wegen der Ähnlichkeit der krausblättrigen Pflanze mit 
der Petersilie. 

h. Allosorus. 

Aspidium als Pflanzennamen weder im altgr. noch 
im lat. bekannt. Ableitung von aojilöiov: Schildchen, wegen 
der Form der Sporangienschleier. Nach anderer Meinung 
von dojciq: Schlange; ein Extrakt der Pflanze galt als Mittel 
gegen den Schlangenbifs. 



[4] 



Die Etymologie der rtcridophytennouieiiklatur. 



277 



d. Schildfarn. Pimktfara: Die Blätter von Asindium 
montammi sind unterseits mit goldgelben Drüsen besetzt. 

f. Aspidie. — FoJystir. von Folystichiim: einem Gattungs- 
namen mit dem ein grofser Teil der Arten des Geschlechts 
AsjudiKDi synonym genannt wird. Ableitung von jroAi'g: 
viel und ötIxo^: Reihe; vpegen der in Keihen angeordneten 
Sporenhäufchen. 

e. Shieldfern. 

h. Nierraren: der Holländer vergleicht die Form des 
Indusium mit einer Niere. 

Asindium filix mas ist die jizigic des Dioscorides 
IV, 183. Füix mas: männlicher Farn ; wegen der gröfseren, 
derberen Wedel, im Gegensatz zu Asplemmi füix feminina 
und Aspidiwn Tlielypteris. 

d. Männlicher Schildfarn. Farnkrautmännlein. Waldfarn. 
Wildfarn. Hirschzehen. Johannishand: der Wurzelstock wird 
mit einer Hand verglichen und um die Johanniszeit ge- 
sammelt. Hexenkraut. Hurenkvaut: ein Extrakt wird als 
Abortivum benutzt. Schnakenkraut, Wanzenkraut: die Wedel 
sollen Ungeziefer fern halten. Wurmfarn; der von den Blatt- 
stielresten befreite Wurzelstock liefert ein wichtiges Mittel 
gegen die Bandwürmer. Die Veranlassung zu dieser schon 
den alten Griechen bekannt gewesenen Therapie mag die 
Signaturlehre gegeben haben: in jugendlichem Zustand sind 
die Wedel wurmförmig zusammengekrümmt. — „Bei Cham 
heilst die Pflanze auch Odarnkraut (Natternkraut), weil sich 
darunter die Nattern besonders gerne aufhalten sollen. Da 
seine Blätter in ihrer Entwicklung gekrümmt sind wie ein 
Abtstab, heilst sie das Volk auch Walburgisstaberl." Vgl. 
J. Brunner, Deutsche Gaue, 1910, S. 112. 

f. Fotigire mäh: männlicher Farn. 

e. 3Iale fern. 

h. Mamietjesvaren, Wormvaren. 

Aspidiiim Thelypteris. Unter SrjXvjiTSQiq ver- 
stand Theophrast 9, 18. 8 Acrostichum thelypteris und 
Dioscorides IV, 184 die Pteris aquilina. Thelypteris [von 



278 



Friederich Kanngiesser, 



[5] 



&r/2.0Q weiblich und jtTeQig Farn] bedeutet weibliches Farn- 
kraut: die PHanze wird so wegen der zarteren Wedel im 
Gegensatz zu Aspidium fiJix man genannt. 

d. Sumpfschildfarn, wäcfist in Waldsümpfen. 

f. Theliptcris. 

e. Marsli shieldfern: Sumpfschildfarn, 
h. Moerasvaren: Morastfarn, Sumpffarn. 

Asplemim \ÄS2)lenii(n}] hat nach Plinius XXVII und 
Isidor, Orig. 9, 87 seinen Namen daher, dafs es die Milz, 
ojtX^v, zerstöre. Andere Erklärer hingegen halten das a 
nicht für negierend, sondern als Intensivum und glauben 
die Pflanze habe ihren Namen daher, dafs sie gegen Er- 
krankungen der Milz verwandt wurde. Dioscorides ver- 
stand III, 141 unter aajiX?jvov Ceterach offlcinale. 

d. Streifenfarn, Striehfarn; wegen der streifenförmig 
angeordneten Fruchthäufchen. — Milzfarn. 

f. Capillaire s. u. Adiantum. Doradille vom span. dora- 
dilla, wegen der goldgelben Farbe der Sporenhäufchen. 

e. Spleemvort : Milzkraut. 

h. Streepvaren;. Streifenfarn. 

Aspleiiuni Adiantmn nif/rum. 

d. Schwarzer Streifenfarn, wegen des (purpurnen oder) 
schwarzen Stengels; vielleicht auch wegen der dunklen 
Wedel. 

f. Doradille noire s. vorher. — Capillaire noire desgl. 

e. Blaclc spleemvort: schwarzes Milzkraut. 

h. Zwart miltJcrnid, sivartsteel, zwart Venushaar. 

Asplenum filix fetnina: Frauenfarn; wegen der 
zarten und fein zerteilten Fiederblättchen, im Gegensatz zu 
den zähen Blättern von Aspidium filix mas. Die Pflanze 
wird auch Aihijrium filix mas genannt, von a priv. und 
d-vQEoq (türförmiger) Schild. Doch fehlt bei Asplenum sive 
Aihijrium filix femina der Sehleier den Sporenhäufchen 
nicht, wohl aber ist er bei dem nächsten Verwandten 
Athyrium alpestre sehr verkümmert. 



Die Etymologie der Pteridophytennomenklatur. 279 



d. Frauenfarn. Farnkrautweiblein. Hurenwurz : als 
Abortivum; vgl. die portug. Kollektivbezeichnung für Farn- 
kraut: Herva movedi^a: Abortierkraut. 

f. Foughre femelle; ital. felce femina. 

e. Lady fern. 

h. Varemvijfke. 

Asplenum ruta murarum: Mauerrantenfarn : die 
Blättchen der mit Vorliebe auf Gemäuer und an Felsen 
vpachsenden Pflanze sind rautenförmig. 

d. Mauerraute. — Steinneidkraut: man gibt das Kraut 
den Tieren gegen das Verneiden, d. h. Krankheitsgefahr. — 
Eselsfarn : auch bei Theophrast und Dioscorides wird ein 
Farnkraut 7j[ii6viov: Mauleselkraut genannt, vielleicht dafs 
diese Tiere das Kraut fressen. Weinkräutel s. u. Lycopodium. 
Meuchelkraut, d. h. wahrscheinlich soviel als heimliches, un- 
heimliches Kraut, s. Einleitung und unter Botrychinm. Das 
Kraut wächst oft ganz in Felsnischen verborgen. 

i. Bue-de-mitraille. Dorad'dJe muraUJe. Sauve-vie: 
Lebensretter, wegen angeblicher Heilwirkungen. 

e. Wallrue: Mauerraute. Maidenhair. Stone-fern: 
Steinfarn. 

h. Steenruit. Mimrruit. MiUJcruid. 

Asplenum Trichomanes ist die TQiyofiavsii des 
Theophrast VII, 14. 1, des Dioscorides IV, 135 und des 
Galen. Wird erklärt aus rgi^ofiavia: Leidenschaft lange 
Haare zu tragen, resp. als „Wildhaar" aus d^gi^: Haar und 
j^aivofica: rasen, verrückt sein. Besser ist die Erklärung 
aus ^()i5, Genitiv xQixög: Haar und /xavog: dünn, wegen 
der zarten Stiele. 

d. Frauenfarn. Braunstieliger Streifenfarn. Steinfarn: 
wächst auf Felsen und Gemäuer. Widerton, Abeithun, Ab- 
thun: angeblich abzuleiten von wiedertun, wiederherstellen, 
die Mannheit wiederbringen. Polytrichum commune und 
Drosera rotundifolia: Sonnentau, werden ebenfalls Widerton 
genannt. Sollte der Name nicht ursprünglich nur für Dro- 
sera gegolten haben und von dieser auf die anderen Pflanzen 



280 



Friederich Kanngiesser, 



[7] 



lihcrtragcii woideu sein? M. E. wäre dann der Name 
Widertou, auch Abeithun genannt, als Abertau, d. h. falscher 
Tau, zu deuten (vgl. Aberglaube = falscher Glaube ; Eber- 
esche statt Aberesche = falsche Esche), womit der Drüsen- 
saft der fleischfressenden Drosera gemeint wäre. Aus Un- 
verständnis mag Abertau in Aberthun und zu Abthun 
verderbt sein, speziell als der Name von der eventuell 
originären Bezeichnung auch auf die anderen Pflanzen aus- 
gedehnt ohne Sinn blieb. Das „aber" wurde dann später 
als Synonym für „abermals, wieder" gehalten und kann so 
die ebenfalls gebräuchliche Schreibweise Wiederthon ent- 
standen sein. Doch dies nur eine hypothetische Erklärung 
für das merkwürdige Wort, das gerade weil es unverstanden 
blieb zahlreiche Variationen erlebte, deren interessanteste 
die Bezeichnung „Widertod ' ist ;^ gegen den Tod ist nun 
aber doch noch kein Kräutlein gewachsen! Übrigens wird 
Widertod usw. auch — und wahrscheinlich ist dies am 
zutreffendsten — als Assimilation aus Mithridat erklärt, 
worunter man ein Kräuterheilmittel und Gegengift verstand; 
vgl. Deutsche Gaue, Bd. XI, S. 175. 

f. CapiUaire. Polytric s. a. Aspiämm. 

e. Common spleemvort s. u. Asplenum. Maidenhair. 
Bristie fern: Borstenfarn, die Stielchen gleichen Borsten. 

h. Steenhreelcvaren : wächst wie der Steinbrech in Fels- 
spalten und trägt zu deren Verwitterung bei. 

AzoUa. Seit 1872 in die botanischen Gärten Europas 
aus dem wärmereu Amerika eingeführt, hat sie sich speziell 
aus dem botanischen Garten zu Leiden rasch verwildert. 
Der Name (der vielleicht uramerikanisch ist?) wird mit 
ägto: dörren und olXv^ii: vernichten in Beziehung gebracht, 
da die Wasserpflanze durch Trockenheit zerstört wird. 

d. Azolle. 

f. Äzolla. 
e- Azolla. 

h. Drijvende varen: treibende, schwimmende Farren. 
Rood Jcroos, vielleicht wiederzugeben durch „rotes Kraut" 
oder „rotes Gekröse", jedenfalls im Gegensatz zu Eenden- 
Tiroos [Enten „Jcroos" : Lemna] genannt. — Azolla überzieht 



[8] Die Etymologie der Pteridophytennomeuklatur. 281 

stehende und langsam fliefsende Wasser mit einer dicken, 
rotbraunen Schicht. 

JSlechnum. Mit diesem Namen bezeichnet Plinius 
ein Farnkraut; der lat. Name wird mit dem gr. ßXrjxQog und 
ßXrjXfi) resp. Yh'f/o) in Beziehung gebracht, worunter aller- 
dings Blütenprianzen verstanden sind. M. E. ist Blechnum 
ursprünglich ein Synonym für filix. Gerade das französische 
Wort für Blechnum: blegne zeigt eine auffallende Uberein- 
stimmung mit dem dänischen Wort bregne für Farn. Dafs 
die Semivokale l und r häutig miteinander tauschen, habe 
ich bereits eingangs erwähnt. 

d. Rippenfarn, wegen der entfernt stehenden, schmal- 
linealen, fertilen Fiederblättehen. Kammfarn desgl. Leiter- 
farn desgl. Spicant ist der schwedische und offizielle Art- 
namen der Pflanze. Brüschfarn, d. h. Moorfarn, wächst auf 
moorigen, feuchten Waldstellen. Mit Brüsch, f. hruyere, be- 
zeichnet man das Heidekraut Calluna vulgaris. Der Name 
ist verwandt mit Bruch, es soll damit aufgebrochenes, aut- 
gelockertes Moorland bezeichnet werden. 

f. Blegne. 

e. Hardfern [?]. 

h. Dubhelloof: Doppellaub, wegen der auffallend ver- 
schiedenen Form der tieffiederspaltigen Blätter: die sterilen 
stehen genähert, die fertilen entfernt voneinander. — Panne- 
Icoelcen: Pfannkuchen. Dieser Namen, der eigentlich und 
ursprünglich dem Tüpfelfarn, Polypodium, zukommt, ist für 
Blechnum deplaziert, da hier die Fruchthäufchen nicht 
rundlich, sondern linearisch. 

Sotrychitim, Ableitung von ßorgvg: Traube. Die 
Sporen bilden sich an einem besonderen traubenähnlichen 
Zweig; doch auch die Anordnung der Blätter hat entfernte 
Ähnlichkeit mit einer Traube. 

d. Rautenfarn, die Blättchen sind rautenförmig. Mond- 
raute, die abgerundet rautenförmigen Fiederblättchen haben 
mit der (Halb-) Mondscheibe entfernte Ähnlichkeit. Der 
Aberglaube läfst an dem Wedel so viel Blättchen wachsen, 



282 



Friederich Kanngiesser, 



[9] 



als der betreffende Monat Tage hat. Mahenkraut vgl. h. 
maanvaren, Ijedeutet soviel als Älondkraut. Walpurgiskraut, 
als Wimderkraut so genannt. Die Walpurgisnacht, die 
Nacht vom 30. April auf 1. Mai ist nach dem Volksglauben 
die Nacht des Hexenspuks. April bis Mai erscheinen die 
Wedel des Rautenfarn, der dieserhalb auch Maitraube und 
Petersschliissel genannt wird. Zu letzterer Bezeichnung vgl. 
Himmelschlüssel für Priimda, diese wie Botrycliiuni werden 
als Frühlingspflanzen geschätzt, mit deren Erscheinen sich 
der Himmel wieder , öffnet* und heiterer wird. Ankerkraut, 
wegen der Form der Blättchen, die mit einem Anker ent- 
fernte Ähnlichkeit haben. Mitzünglein, mnn vergleicht den 
sterilen und den fertilen Wedel mit zwei Zungen. Leber- 
raute, die Einzelblättchen haben im Umrifs mit einer Leber 
entfernte Ähnlichkeit. Auch mag die Pflanze dieserhalb 
der Signaturlehre entsprechend gegen Leberleiden gegeben 
worden sein. Beseichkraut, die salzburger Älpler glauben, 
dafs Kühe, die Botrychium fressen, weniger Milch geben: 
„sich beseichen". Geburtskraut und Hurengras: als Ab- 
ortivum. Allermannsharnisch, die Pflanze wurde als Wund- 
heilmittel gebraucht, vielleicht trug man sie auch als 
schützende Pflanze bei sich. Mit Allermannsharnisch be- 
zeichnet man wegen der vielen Zwiebelschalen vornehmlich 
das Ällium victoriale, das man dieserhalb ja auch Neun- 
hemdchen genannt hat. Der Signaturlehre entsprechend 
hielt man eine so „geharnischte" Pflanze für besonders 
schutzkräftig. Man übertrug den Glauben an diese Schutz- 
kraft, die man für die Mannheit spezialisierte, auch auf 
andere Pflanzen. So also auch auf Botryclnum, das wohl 
dieserhalb auch „Treublätter" genannt wird. Es ist nicht 
ausgeschlossen, auch wenn es parodox scheint, dafs der 
erwähnten Bezeichnung Hurengras letztgenannte Etymologie 
zu Grunde liegt. Wiedertod s. u. Asplenum Trichomanes. 
Jammerkraut, Zankkraut vgl. unter Greinkraut in der Ein- 
leitung. Den Pteridophyten haftete man in der Mythologie 
allerhand Untugenden an, der Grund dafür mag in dem oft 
düsteren, moorigen oder felsigen Waldstandort sein, der 
ohnehin die Phantasie etwas zum Gespensterglauben anregt; 
dann aber auch das seltsam biologische Verhalten der 



[10] Die Etymologie der Pteridophytennomenklalur. 283 



Farngewächse, von denen man nie BiUten und Samen 8ah. 
Um so gröfser ist natürlich die Rolle, die die Farnblüte und 
der Farnsanien im Aberglauben und in den Legenden spielt. 

f. Lunaire: Mondkraut; vgl die Artbezeichnung Bo- 
trycliium lunarium. 

e. Moomvort. Grape fern: Traubenfarn. 

h. 3Iaanvaren. DruifJcruid: Traubenkraut. Walpurgis- 
kruid. 

Ceterach. Ceterach ofßcinale ist das aOjiXrjvov des 
DioscoRiDES III, 141. Ceterach ist abzuleiten von dem 
spätgr. xiragxa, xiragäS, und dem spätlat. ceterah, Namen, 
die aus dem arab. chet{e)ra{c)Jc stammen sollen. Doch ist 
Ceterach wahrscheinlich eine arabisierte Bezeichnung, deren 
Etymologie im gr. xifhagog: Brust und axog: Heilmittel zu 
suchen ist; in der Volksmedizin wird die Pflanze noch jetzt 
als „Brustheilmittel" benutzt. 

d. Milzfarn s. u. Äsplenwn, dem Ceterach nächstverwandt 
ist. Schriftfarn, die Sporenhäufchen nehmen sich wie Schrift 
aus. Vollfarn, wegen der büscheligen Blätter. Vielleicht 
auch, dafs Vollfarn als Druckfehler aus Rollfarn entstanden 
ist. RoUfarn könnte die Pflanze heifsen, weil sie bei heifsem 
Wetter die Wedel einrollt. Zecht verderbt aus Ceterach. 

f. Ceterach. Herbe-ä-dorer, dorade, herbe doree, doradille: 
wegen der schönen goldgelben (anfangs silberglänzenden, 
später rostfarbenen) Spreuhaare an der Unterseite der 
Blätter. Dieserhalb auch im ital. erba dorata: Goldkraut 
und im neugr. yQvooxoQxov: Goldgras genannt. 

e. Rusty back: rostiger Rücken, s. o. Scaly spleenwort: 
schuppiges Milzkraut, desgl. 

h. Ceterach. 

djstopteris von xx'ang: Blase und jirtQiq: Farn; 
wegen der membranösen, transparenten, bläschenförmigen 
Indusien. 

d. Blasenfarn. 

f. Cystoptcride. 

e. Bladderfern: Blasenfarn, 
h. Blaasvaren. 



284 Friederich Kanngiesser, [11] 

Eqiiisettim von equus: Pferd und seta: Borste, 
Haar. Wegen der Form der Halme wurde die Pflanze 
„Pferdebaar" genannt; vgl. Plinius 18,67 und 26, 83. Die 
Griechen nannten die Pflanze ijinovgig: Pferdeschweif 
von 'i'jTJTO^: Pferd und ovQcr. Schweif. Auch öaP.jrlyyiov: 
Trompetehen wurde die hohlstengelige Pflanze genannt; 
vgl. Geopon. 2. 6, 26; 8, 27. Im ital. heifst die Pflanze 
equiseto und cola dt cavallo: Pferdeschweif; desgl. span. 
cola de caballo und portug. equiseto und rabo de cavallo. 
In Schweden werden angeblich Pferde mit Equisetum sil- 
vaticum gefüttert, doch sind andere Equisetum- Arten den 
Pferden, dem Rindvieh und den Schafen gefährlich: starker 
Durchfall, Blutbarnen, Abortus, Titubation, Krämpfe und 
Lähmungen, sogar Todesfälle sind nach Genufs von 
Schachtelhalmarten bei genannten Tieren gesehen worden, i) 
Wenn die Pflanze in vielen Sprachen „Pferdeschweif" ge- 
nannt wird, so ist dies also lediglich als Vergleich aufzu- 
fassen und nicht etwa weil die Pflanze gleichzeitig als 
Futter diene. Die holländischen Namen Schaafstroo, Schaaf- 
gras sind daher als unglückliche Assimilationen aus Schab- 
gras zu bewerten ; s. u. 

d. Schachtelhalm statt Schaftelhalm; dieses eine Di- 
minutivform zu Schafthalm, niederdeutsch „ch" für hoch- 
deutsch „f ". Die Pflanze wird auch direkt Schafthalm, 
Schaftheu wegen der schaftähnlich aufgeschossenen, heu- 
artig trockenen Stengel genannt. Nach anderer Meinung 
hat Schachtelhalm seinen Namen wegen der ineinander- 
geschachtelten Halme. M. E. ist Schachtelhalm, resp. Schaft- 
halm aus Schabhalm assimiliert, wie denn noch heute der 
Schachtelhalm im dän. scavgras und im schwed. skafgräs, 



*) Bei Korrektur vorstehender Zeilen finde ich bei K. Kobert, 
Intoxikationen II, 190G, S. 1014, folgende Notiz: „Die Landwirte, die 
die Schachtelhalme als Duwockheu gelegentlich in reichlicher Menge 
mit verfüttern, haben schon längst festgestellt, dafs nach dieser 
Fütterung manchmal eine Taumelkrankheit auftritt, bei der Pferde, 
Rinder und Schafe im Gang unsicher werden, ja wie betrunken 
taumeln, nachdem vorher eine gesteigerte Refiexerregbarkeit und 
Schreckhaftigkeit bestanden hat. Zuletzt kommt es zu aufsteigender 
Lähmung." 



Die Etymologie der Pteridophytennouienklatur. 285 



also Scbabgras genannt wird, weil die kieselsäurelialtige 
Pflanze zum Schaben, Scbeuem und Polieren von Holz und 
Metallgefäfsen benutzt wird. Daher denn die Namen: Feg- 
kraut, Seheuerkraut, Zinnkraut (in Wtirzburg), Keibiscb [?] 
und Kandelwtisch, d. h. Kannenwäsche. Betreffs der Namen 
Rofswedel, Katzenschwanz usw. s. o. Mit „Rattenschwanz" 
wird speziell der fertile, unverzweigte Sprol's von Equisetum- 
Arten bezeichnet. Spargelkraut wird die Pflanze ihrer 
Ähnlichkeit mit dem Spargelgewächs wegen benannt. 
Falbenrock, wegen der falben, d. h. fahlen, fertilen Stengel 
und dem spinnrockähnlichen Ausseben der Sporenähre. 
Taubenrock, Taubenkunkel (Kunkel : f. quenouille, d. Spinn- 
rocken), Taubenrode: Rode desgl. Rade bedeutet ein auszu- 
rottendes Unkraut, wie denn Equisetum als lästiges Acker- 
unkraut auch im engeren Sinn „Unkraut" genannt wird. 
Mit „Tauben-" werden die vorstehenden Namen gleichsam 
als Synonym für „unecht" verbunden; vgl. Rofskastanie, 
d. h. unechte Kastanie, Hundsrose, d. h. die wilde, nicht die 
edle Rose usw. Taubenrode wird also Equisetum im 
Gegensatz zur echten Rode [Ägrostemma] genannt. Die 
deutsche Bezeichnung Duwok für Equisetum findet sich 
wieder im böhm. und im dän. duwock, doch ist mir die 
Etymologie unbekannt. 

f. Freie, Äsprele, Äsperelle vom ital. asparella; vgl. die 
ital. Bezeichnung für Equisetum „rasperella" , verwandt mit 
ital. raspm: die Raspe, s. o. Der f. und ital. Name prele 
resp. asparella ist abzuleiten vom lat. asper: rauh. Das 
„a" hat sich aus Verwechslung mit dem weiblichen Artikel 
„la" verloren: aus Vasprele la prele. Die Akademie schreibt 
noch heute die alte Orthographie: presle. Dafs der accent 
circomflexe einem ausgefallenen nachfolgendem s entspricht 
ist eine wohl zur Genüge bekannte Tatsache. Freie des 
tourneurs: Drechslerschachtelhalm. Queue de cheval: Rofs- 
schweif; queue de renard: Fuchsschwanz; queue de rat: 
Rattenschwanz. 

e. Horse-tail: Pferdeschweif. Scouring rush: Scheuer- 
binse. Mare's tail: Stutenschweif. 

h. Paardestaart: Pferdeschweif. Kattestaart. Schahgras. 
Lidruske : Gliederbinse. Koevergif : Kuhgift, s. o. Unjer aus 



286 Friederich Kanngiesser, • [13] 

Oneet: unefsbares Kraut, Unkraut. Schrijnwerkersbiesen: 
Schreinersbinsen. 



JSymenophylluni von vfit'jv: Membran, Häutchen 
und g)vXkov: Blatt, wegen der zarten, fast durclischeinenden 
Blättchen. Hymenophyllum tunhridgense, die Pflanze wächst 
u. a. bei Tunbridge in England. 

d. Hautfarn. 

f. Hymenophylle. 

e. Filmy fern: häutiger Farn, 
h. Hymenophyllum. 

Isovtes, Mit diesem Namen aus dem gr. iöosrtg von 
iöog : gleich und erog : Jahr wird im 24. Buch des Plinius 
eine S emj) er vivum- Art bezeichnet, weil sie das ganze Jahr 
hindurch grünt und sich stets ähnlich bleibt, wie das auch 
für unsere Gattung Isoetes zutrifft. 

d. Brachsenkraut, d. h. Karpfenkraut. Die Pflanze 
wächst am Grund von Teichen. 

f. Isoetes. 

e. Quillwort: Federkielkraut. Die Halme haben mit 
einem Federkiel Ähnlichkeit. Small houseleeJc: kleiner 
Hauslauch, kleines Sempervivum, s. o. Aye-green: Immer- 
grün. 3Ierl'in's grass. Merlin ist der Stifter der Arthur- 
schen Tafelrunde, von dem die Sage geht, dafs er nicht 
gestorben sei, sondern noch fortlebe. Die Pflanze wurde 
also wegen ihrer immergrünen Halme nach dem Waldgeist 
benannt. 

h. JBiesvaren: Binsenfarn, wegen des binsenähnlichen 
Aussehens. 



Lycopodium von Xvxog:Wo]i nuA jrööiov: Füfschen. 
Die merkwürdige und giftige Pflanze wird mit allerhand 
mythologischen Namen bedacht. 

d. Bärlapp [ahd. lappo: HandJ, Bärenklaue, Löwenfufs, 
Teufelsklaue, Druidenfufs, Zigeunerkraut, Köhlerkraut, Wolfs- 
fufs [dän. ulvefod] usw. Weinkraut: soll den sauren Wein 



[14] 



Die Etymologie der Pteridophytennomenklatur. 



287 



wieder gut machen. Purgierbärlapp, Fieberrankeu, Nennheil 
(als Universalmittel), die Pflanze wird als gefährliches Volks- 
mittel gebraucht, u. a. auch um Abortus hervorzurufen ; auf 
letztere Verwendung weist der Name Jungfernkraut [dän. 
Jonifruurt]. Doch ist dieser Name wohl auch darauf 
zurückzuführen, dafs das Sporenpulver intravagiual an- 
gewendet die Konzeption verhindern soll, weswegen die 
Pflanze im slav. auch netata: Nichtvater genannt würde. 
Wegen des gelben Sporenstaubs wird Lycopodium auch 
Puderkraut genannt. Wegen des langen kriechenden 
Stengels, den gleichen Sprofsteilen und den Abzweigungen 
hat Lycopodium die folgenden Namen: Gürtelkraut, Schlangen- 
moos, Seilkraut, Katzenleiterlein, Haarschauer [d. h. Haar- 
regen vgl. Goldregen: Cytisus und Silberregen: Prunus Padus 
und Robinia Pseudacacia]. Wegen des moosähnlichen Aus- 
sehens wird die Pflanze Langmoos und Tangelmoos genannt, 
letzterer Ausdruck weil die Pflanze im Tann wächst und 
mit Tannenzweigen entfernte Ähnlichkeit hat. Vielleicht 
nach dem Algentang benannt. Diesem Wort Tang wie dem 
Wort Tanne soll ja der Begriff „dehnen" zu Grunde liegen, 
der ja auch für das Tangelmoos, das Lycopodium, zutrifft. 
Übrigens wird Lycopodium im Volksmund auch Sautanne 
genannt. Mörsemau [?]. 

f. Lycopode [ital. und span. licopodio, portug. hjcopodio], 
Pied de hup: Wolfsfufs. Herbe aux massues: Keulenkraut, 
wegen der Form der Sporangienträger. Herbe aux porcs: 
Schweinekraut; ob die giftige Pflanze den Schweinen un- 
schädlich ist? Mousse terrestre: Erdmoos. Aiguaires (Nor- 
mandie) angeblich von aqua : Wasser abzuleiten, weil manche 
Arten feuchten Boden lieben. 

e. Clubmoss: Keulenmoos. Tree-moss: Baummoos, hohes 
Moos. Firmoss: Föhrenmoos; groundpine: Erdpinie, s. o. 
Wolfs-claw: Wolfsklaue; fox's-cJaws: Fuchsklauen; fox-tail: 
Fuchsschwanz. Stag's-horn: Hirschhorn, wegen der ver- 
zweigten Stengel. Buck's-horn : Bockshorn, wegen der Form 
der Sporangienträger. 

h. Wolfsldauw. Wolfspoot. Beerenvoet. Aardmos: 
Erdmoos. Kruipmos: Kriechmoos. Glimkruid. Hertshoorn: 
Hirschhorn. HeksenJcrans. 



288 



Friederich Kanngiesser, 



[15] 



Das Sporeumehl von Lycopodium, das zum Bestreuen 
der Pillen in den Apotheken, gegen Würmer, gegen das 
Wundliegen der Kinder und als leicht entzündbare Masse 
zu Blitzpulver im Theater verwandt wurde, hat viele volks- 
tümliche Bezeichnungen. 

d. Hexenmehl. Druidenmehl. Alpmehl [Alp: ein böser 
Geist]. Erdschwefel. Wurmmehl. Blitzpulver. 

f. Soufre vcgetal: Pflanzensehwefel. 

e. Witch-meal : Hexenmehl, 
h, Heksenmeel. 

Marsilia [Marsilea\ Zu Ehren von A. Marsili, einem 
italienischen Naturforscher, genannt. 

d. Kleefarn, wegen der vier Blättchen. Vgl. die Art- 
bezeichnung M. quadrifoliata. 

f. Ilarsüce. 

e. Marsilia. 
h. desgl. 

Ophioglossum von 6(piq: Schlange und yXmöOa, 
yXcorra : Zunge. Die Pflanze besteht aus einem einzigen, 
ovalen, schlangenkopfähnlieh zugespitzten Blatt; aus der 
Mitte des Blattansatzes ragt die schmale Sporenähre wie 
eine Sehlangenzunge heraus. Die Pflanze ist mit der Lingua 
herba oder Linguieula, dem Zungenkraut des Plinius 24, 
84 und 108, identisch. 

d. Natterfarn. Natternzunge. Mutterkrautwurz, vielleicht 
wegen der vermeintlichen Wirkung bei Mutterleiden. 

f. Ophioglosse. Lance du Christ: Christusspeer. Herhe 
Sans couture: Ohnnahtkraut, das Blatt zeigt keine Nerven. 
Herbe aiix cent miracles: Hundertwunderkraut, wegen der 
der Pflanze zugedachten Heilwirkungen. Luciole: Glüh- 
würmchen, Johanniswürmchen [?]. Langue de serpent: 
Schlangenzunge. 

e. Adder' s-tongue: Otternzunge, Natternzunge; in alt- 
englischen Handschriften: nedderis-tonge. 

h. Addertong, Natertong, Christilancet, Ons-Jieeren- 
speerJcruid. 



Die Etymologie der Pteridophytennoinenklatur. 289 



Osmunda. Dieser Name wurde der Gattung 1700 von 
TouRNEFORT gegeben. Osmunda stammt aus dem Latei- 
nischen des Mittelalters und wird abgeleitet von Osmunder, 
einem keltischen Namen des Gottes Thor. Wegen der Kraft 
der Heilwirkungen habe die Pflanze den Namen erhalten. 

d. Königsfarn, dieser Name wie die Erklärung von 
Osmunda aus os mundi: Antlitz der Welt nehmen Bezug 
auf die Schönheit dieses Farnkrauts. Traubenfarn, Rispen- 
farn, Maiträubchen ; die Sporenbehälter finden sich an einer 
im Mai erscheinenden Rispe oder Traube. 

f. Osmonde royale vgl. die Artbezeichnung Osmunda 
regalis: Königsfarn. Fougere fleurie: Blütenfarn, wegen der 
gelbbraunen fertilen Rispe, die sich von fern betrachtet wie 
ein Blütenstand ausnimmt. Fougere aquatique: Wasserfarn, 
die Pflanze vegetiert auch in Waldsümpfen. 

e. Fern Royal oder Royal fern. Osmund royal. King- 
fern. Flowering fern: Blütenfarn. Buchhornbrake: ßocks- 
hornfarn, die fertilen Blätter haben entfernte Ähnlichkeit 
mit Bockshörnern. Ditch-fern: Grabenfarn. St. Christopher' s 
herb, Waterfern: der Farn kommt in Gräben, stehenden 
Wassern und Waldsümpfen vor. St. Christopherus hat, 
wie der Mythos berichtet, das Jesuskind übers Wasser 
getragen. Manche Wasserpflanzen werden daher diesem 
Schutzgeist zu Ehren benannt. 

h. Koningsvaren. Bloeiend varenJcruid. Druivenvaren, 
trosvaren: Traubenfarn. Sint-Jansreinvaar. St. Johanns 
Rainfarren. Die Pflanze hat mit dem Rainfarn {Tanacetum) 
ganz entfernte Ähnlichkeit und „blüht" zur Johanniszeit. 

Phegopteris [Phaegopteris] von gpj^/ög, die nach Voss 
gewöhnlich mit „Buche" übersetzt wird [eigentlich aber die 
Kastanie bedeutet] und von nxtQiq: Farn. Der Farn kommt 
mit Vorliebe im Buchenwald vor, eine Art desselben: Phego- 
pteris Dryopteris [von ÖQvq: Eiche und jiziQig] gedeiht 
hauptsächlich im Eichwald. 

d. Buchenfarn, 
f. Phegopteris. 

e. Beechfern. 
h. Beukvaren. 



Zeitsohr. f. Naturwiss. Halle a. S. Bd. 82. 1910. 



19 



290 



Friederich Kanngiesser, 



[17] 



JPUularia von pilula: Kügelchen; wegen der kugeligen 
SporenbehälterhüUen „Pillenkraut": Pilularia sc. herba be- 
nannt. 

d. Pillenfarn, 
f. Püulaire. 

e. Pillwort. Peppergrass : wegen der pfefferkornähn- 
lichen SporenbehälterhüUen und der grashalraähnlichen 
Stengelchen. 

h. Pilvaren. 

JPoli/podium von jioXvg: viel und jtööiov: Ftifschen, 
wegen des verzweigten Wurzelstocks. Nach Theophrast 
— das jcoXvjiodiov dieses Autors [9, 13. 6] wie das des 
DioscoRiDES [IV, 185], ebenso das polypodium des Plinius 
[26, 58] ist mit unserem Polypodium vulgare identisch — 
habe es den Namen nach dem jioXvjiovg: dem Meerpolypen 
erhalten, da die Wurzel Kotyledonen habe, wie sie an den 
Armen der Polypen sitzen. Unter Kotyledonen versteht 
Theophrast sowohl die Saugnäpfchen der Polypen als die 
Narben, die die abgefallenen Blätter am Wurzelstock zurück- 
lassen (vgl. hierzu das „Salomonssiegel": Convallaria poly- 
gonata). Digscobides beschreibt den Tüpfelfarn 1. c. 
folgendermafsen : „Das Polyptodion wird auch Polyrhizon, 
d. h. Vielwurzler genannt. Es wächst auf moosbewachsenen 
Felsen und alten Baumstämmen am liebsten von Eichen, 
ist eine Spanne hoch, dem Wurmfarn ähnlich, eingeschnitten, 
nicht aber so fein zerteilt. Der Wurzelstock ist etwa klein- 
fingerdick, von herbsüfslichem Geschmack und mit Fasern 
wie der Polyp mit Fangarmen versehen." Neugr. wird die 
Pflanze noXvJcoöi genannt; in Italien heilst sie polipodio 
quercino, felce quercina, mosco quercino : Eichenfarn, Eichen- 
moos; span. polipodio und portug. polypodio. Der Araber 
nennt die Pflanze wegen der tief eingeschnittenen Blätter 
adJiräs elkab: Hundszahn. 

d. Tüpfelfarn und Hoffarn wegen der runden Sporen- 
häufchen. Engelsüfs, Bittersüfs, Steinlakritz, Eichenfarn, 
daraus auch Eisenfarn. Zur Erklärung siehe die Beschrei- 
bung des DioscoRiDES. Windfarn wächst auch an sonnig 
windigen Stellen, wo er dann kleinere und derbere Wedel 



Die Etymologie der Pteridophytennomenklatur. 



291 



bildet. Kreuzfarn, wegen der zur Blattacbse rechtwinklig 
gerichteten Einschnitte. Korallenwurzel, wegen der Form 
des Wurzelstocks. Kropfwurz und Tropfwurz, vielleicht als 
Mittel gegen diese Erkrankungen ; unter Tropf versteht man 
in Norddeutschland den sogenannten ^Schlagflufs". 

f. Polypode. Polypode de chene: Eichenfarn. Fougcre 
douce: sUfser Farn. Beglisse des bois: Waldlakritz, Wald- 
siifsholz. 

e. Polypody. Polypody of the oak: Eichenfarn. Wood- 
fern: Waldfarn. Wallfern: Mauerfarn, wächst an Gemäuer 
und Felsen. 

h. Engelzoet. Wildzoethout: wildes Sülsholz. Veelvoet: 
Vielfufs. Boonivaren wächst am Wurzelanlauf und zuweilen 
als Epihyt in den Gabelungen alter Bäume. Pannekoelcen: 
Pfannkuchen, wegen der Form der Sporenhäufchen. Hane- 
kammen, wegen der tieffiederteiligen Blätter. 

I*teris aquilina sive Pteridium aquilinum ist die 
jtrsQig fisyä/Lrj des Theophkast IX, 13. 6. und die »htjXv- 
jiTiQiq des DioscoEiDES IV, 184. Über Pteris [jirsgig] siehe 
die Einleitung; aquilina ist das Adjektiv von aquila: Adler, 
zur Erklärung vgl. unter Adlerfarn. 

d. Adlerfarn, der Stiel zeigt am Grunde von der Rinne 
nach unten schräg durchschnitten infolge der Anordnung 
der Gefäfsbündel die braunschwarze Zeichnung eines öster- 
reichischen Doppeladlers, in Form eines „9£". Man hat 
diese Zeichnung auch mit einem Eichbaum oder einem „3C" 
verglichen und der Pflanze daher den Namen Jesus- Christus- 
Wurzel gegeben. Eine treffende Bezeichnung für den gesellig 
auftretenden oft mannshohen Farn, der erst hoch am Stiel 
seine Wedel abgibt, ist der einfache Name ^Hochfarn*. 
Saumfarn wird die Pflanze genannt, weil die Sporenkapseln 
dem Rand der Fiederblättchen parallel laufen. Flügelfarn, 
wegen der hoch ausgebreiteten Wedel. Da Farn schon 
selbst wahrscheinlich Flügel bedeutet (s. Einleitung), wäre 
der Name Flügelfarn eventuell eine Tautologie; vgl. Sauer- 
ampfer (Rumex) und h. OkJcernoot {Juglans). Die Bezeich- 
nung Rofsfarn bedeutet wohl soviel als falscher, unechter, 
ungebräuchlicher Farn im Gegensatz zu dem als Wurmmittel 

19* 



292 



Friederich Kanngiksser, 



[191 



gebräuchlichen Aspidium filix mas; vgl. llofskastanie {Aes- 
culus), d. h. unechte Kastanie. Pferden ist dauernder Genufs 
von Adlerfarnkraut jedenfalls sehr gefährlich. Es treten 
n. a. Krämpfe und Lähmungen auf, sogar Todesfälle sind 
beobachtet worden. 

f. Aigle imperiale : Kaiseradler ; vgl. ital. felce imperiale. 
Aquiline. Grande fougere: grofser Farn. Fougere commune. 
Fougere femelle: weiblicher Farn; vgl. das Synonym des 
DioscoRiDES d^rjXvjiTiQiq und unter Aspidium thelypteris 
und Asplenum fdix femina. 

e. Brachen und brahe: darunter versteht man alle 
gröfseren Farne, insbesondere aber den Adlerfarn ; betr. der 
Etymologie s. die Einleitung. 

h. Adelaarsvaren. Boomvaren: wegen seiner Höhe; die 
eigentlichen Baumfarne wachsen in Australien und auf 
Ceylon. Gewoon varenJcruid. 

Salvinia, zu Ehren von Salvini, einem griechischen 
Professor zu Florenz. 

d. Schwimmblatt. Büschelfarn, wegen des unteren 
Blattes, das in zahlreiche fadenförmige, ins Wasser tauchende 
Zipfel geteilt ist. 

f. Salvinia nageante: schwimmende Salvinia. 

e. Salvinia. 

h. Watervaren. Trosvaren: Traubenfarn, die dicht an- 
einandergedrängten länglichrunden Blättehen einer Salvinia- 
Kolonie haben mit Traubenbeeren entfernte Ähnlichkeit. 
Zilverschoon: Silberschön, wegen der oberseits hellbläulich- 
grünen Blättchen. 

Scolopendrium (ofßcinale) ist die rpvXllxiq [d. h. 
eine aus lauter Blättern: (pvXXa bestehende Pflanze] des 
DioscoRiDES III, III. Der Gattungsname ist abzuleiten von 
oxoXojrtvöga: TausendfUfsler. Die zahh-eichen linearen 
Sporenhäufchen sind mit diesen Insekten verglichen worden; 
DioscoRiDES bemerkt: Das Blatt sieht an der Unterseite 
aus als ob kleine Würmer darauf verteilt wären. Unter 
öxoXojisvÖQiov selbst versteht Dioscorides III, 141 jedoch 
unser {Asplenum) Ceterach, von dem er bemerkt, es habe 



Die Etymologie der Pteridophytennomenklatur. 293 



Blätter ähnlich dem geglirtelten Tausendfufs {Scolopender 
cingulata). Ngr. heifst Scolopendrium wegen der Zungen- 
form des Blattes einfach yXcöoöa. 

d. Zungenfarn. Hirschzunge. 

f. Scolopendre. Langue de cerf: Hirschzunge. Langue 
de hmuf: Ochsenzunge. Herhe ä la rate: Milzkraut s. u. 
Asplenum. 

e. Harfs-tongue: Hirschzunge. LamV s-tongue : Lamms- 
zunge. Adder' s-tongue: Natternzunge. Fox-tongue: Fuchs- 
zunge. Buttonhole: Knopfloch, wegen der linearen Sporen- 
häufchen, die sich wie eingesäumte Knopflöcher ausnehmen. 

h. Hertstong: Hirschzunge. Tongvaren. Müthruid. 

Selaginella. Diminutiv zu Selago, worunter Plinius 
vielleicht Lycopodium selago verstanden hat. Auf -ago 
enden bekanntlich verschiedene lateinische Namen; vgl. 
Bor(r)ago, Medicago, Tiissüago usw. Unter selas (oeXag) 
verstand man eine feurige Lufterscheinung. Wegen des 
Sporenpulvers [vgl. Blitzpulver unter Lycopodium] mag man 
die Pflanze vielleicht (!) selago von selas und agere : herbei- 
führen benannt haben. Doch dies nur eine Vermutung über 
die Entstehung des Wortes, für das keine Etymologie ge- 
funden werden konnte. 

d. Mooskraut, das zierlich fein verzweigte Pflänzchen 
hat mit dem Moos grofse Ähnlichkeit. Zwergbärlapp. 

f. Selaginelle. 

e. Lesser cluh nioss: kleineres Keulenmoos, im Gegen- 
satz zu dem nächstverwandten Lycopodium. llock-lily, Rock- 
rose: das zierliche, schöne Pflänzchen wächst auf Felsen. 

h. Engelsch mos: die Selaginella kommt wild in Holland 
nicht vor. 

Woodsia. Die Pflanze wurde 1815 durch R. Brown 
zu Ehren von J. Woods, einem englischen Botaniker, benannt, 
d. Wimperfarn, die Blättchen sind unterseits behaart. 

f. e. und h. Woodsia. 



294 F. Kanngiesser, Etymologie d. Pteridophytennomenklatur. [21] 



Literaturnachweis. 

Theophrast, Curavit Link et Schneider, Lipsia 1818 — 1821. 

Dioscoridcs, übersetzt und erläutert von J. Berendes, Stuttgart 1902. 

Thesaurus Graecae Linguae ab H. Stephano, Paris 1831 — 1865. 

Totius Latinitatis Lexicon, Aeg. Foreeliino, Prati 185S — 1875. 

H. 0. Lenz, Botanik der alten Griechen und Römer, Gotha 1859. 

Grofses Universallexikon von J. H. Zedier, 1733 — 1750. 

J. und W. Grimm, Deutsches Wörterbuch, Leipzig 1854 — 1908. 

F. Holl, Wörterbuch deutscher Pflanzennamen, Erfurt 1833. 

J. ßhiner. Volkstümliche Pflanzennamen der Waldstätten, Schwyz 1866. 
O.Wünsche, Die Pflanzen Deutschlands, Leipzig und Berlin 1901. 
E. J. Klein, Die Flora von Luxemburg, Diekirch 1897. 
0. v. Hovorka und A. Kronfeld, Vergleich. Volksmedizin, Stuttgart 1908. 
H. Henkels, Woordenboek der Nederland. Volksnamen van Planten, 1907. 

G. Bentham, Handbook of the British Flora, London 1904. 

J. A. H. Murray, A new English Dictionary, London 1884 — 1900. 
The Century Dictionary, W. D. Whitney, New York — London. 
G. Bonnier et G. de Layens, Flore complete de la France, Paris. 
Toussaint, Etüde etymol. s. 1. Flores Normande et Parisienne, Ronen 1905. 
E. Littre, Dictionnaire de la Langue Frangaise, Paris 1873 — 1875. 
A. Scheler, Dictionnaire d'Etymologie Franq-aise, Bruxelles 1888. 
A. Darmsteter et A. Hatzfeld, Diction. general de le Langue Fran^., Paris. 
L. Lewin et G. Pouchet, Traite de Toxicologie, Paris 1903. 
Ferner verschiedene fremdsprachliche Lexica. 



Beiträge zur Microlepidopteren- Fauna 
von Halle a. S. 

von 

Bernhard Füge 



Seitdem A. Stange im Jahre 1869 sein „Verzeichnis der 
Schmetterlinge der Umgegend von Halle a. S." herausgab, 
ist nichts mehr über die Hallisehen Kleinfalter veröffentlicht 
worden. Wenn ich nun im folgenden meine Sammel- 
ergebnisse der Öffentlichkeit unterbreite, so mache ich damit 
keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Im Gegenteil, da ich 
die Umgegend der alten Salzstadt nur kurze Zeit durch- 
forschen konnte, bin ich überzeugt, dafs dieses schöne 
Gebiet mit seinen Sand- und Auengegenden, seinen Stein- 
brüchen und Ödländereien bei längerer Sammeltätigkeit 
eine grofse Zahl weiterer Arten liefern, wird. Meine vor- 
läufige Zusammenstellung soll nur zu ferneren Publikationen 
über diese so schmählich vernachlässigte und doch so reiz- 
volle Schmetterlingsgruppe anregen. 

In der systematischen Anordnung folge ich dem neuen 
Spuler, trotz der vielen Umstellungen und Auseinander- 
reif sungen, die er bringt. In der üblichen Weise setze 
ich R. für Raupe und die entsprechenden Ziffern für die 
Monate. 

Mannigfache Unterstützung durch Überlassung ge- 
fangenen oder gezogenen Materials erfuhr ich durch gleich- 
gesinnte Freunde aus der hiesigen „Entomologischen 
Gesellschaft", die ich am betreffenden Ort namentlich an- 
führe, und denen ich auch an dieser Stelle meinen herz- 
lichsten Dank auszusprechen nicht unterlassen möchte. 

* * 
* 



29Ö 



Bernhard Füge, 



[2] 



Psychidae. 

Talaeporiinae. 
Talaeporia Hb.i) 
tubulosa Retz. {pseiidohomhycella Hb.). Heide häufig. R, 
an allen Bäumen hängend. 

Fyralidae. 

Galleriinae, 
Acliroea Hb. 

grisella F. In Bienenstöcken. Das ganze Jahr hindurch. 
R. den Wachswaben sehr schädlich. 

Melissoblaptes Z, 
hipunctanus Z. Petersberg 27. 6. vereinzelt. Auf Brach- 
feldern. 

Galleria F. 

mellonella L. Mit Achroea aus Wachswaben gezogen. 

Crambinae. 
Crambus F. 

fascelinellus Hb. Petersberg 2. 8. Auf Grasplätzen häufig. 
R. 4. 5. au Gras. 

inquinateUus Schiff. Im ganzen Gebiet mit Ausnahme des 
Ostens. 7. 8. auf trockenen Wiesen. R. 4. 5. an Gras. 

siculellus Dup.2) Petersberg 6. einmal frisch geschlüpft ge- 
funden. Steinbruch. 

tristellus Schiff. Petersberg ; Heide 8. — 9. überall auf Gras- 
plätzen. R. 5. an Gras. 

') Ich führe die Art mit an, weil sie bisher stets als Tinoine an- 
gesehen ist. 

^) Da ich angesichts des ungewöhnlichen Vorkommens dieser 
von Rebel nur für Sizilien im Juli angegebenen Art ander Richtig- 
keit meiner Bestimmung irre wurde, liei's ich sie von Herrn Hauder, 
Linz (Donau) nachprüfen, der das Stück mit Sicherheit als sicxilellus 
bestimmte. 



Beiträge zur Microlepidoptereu -Fauna von Halle a. S. 297 



perlellus Sc. Überall 6. auf Wiesen. 

var. warringtonella Stt. Verbreitet, im Osten viel häufiger. 

R. 4. 5. an Gras. 
margaritellus Hb. Bitterfeld 8. auf feuchten Wiesen, selten. 

Halle einmal am Licht gefangen. R. 4. 5. an Gras. 
conchellus Schiif. Bitterfeld 8. vereinzelt. R. 5. an Moos. 
falsellus Schiff. Halle 18./8. ein Stück am Licht gefangen. 

R. 3. — 4. an Moos. 
chrysonuchellus Sc. 6. Diese schöne Art traf ich nur am 

Petersberg ; nicht selten. R. 3. 4. an Gras. 
hortuellus Hb. Im ganzen Gebiet gemein 6. R. 4. 5. an 

Gras. 

ab. cespitella Hb. Sehr selten. 

culmellus L. Heide 6. 7. sehr häufig. R. 5. an Gras. 
pratellus L. Heide, Petersberg 6. 7. nicht selten, R. 3. 4. 
an Gras. 

pascuellus L. Petersberg 6. Auf Wiesen nicht selten. 

Platytes Gn. 

cerussellus Schiff. Im ganzen Norden und Westen 6. 7. Auf 
steinigen Grasplätzen sehr häufig. R. 5. 6. an Gräsern. 



Schoenobiinae. 

Äcentropus. 

niveus Oliv. 7. am Süfsen See und Teichen. R. 4. — 6. an 
Ceratophyllum demersum und submersum unter Wasser 
zwischen den Blattachseln. Haupt fand die R. im 
Bindersee an Naias maior. 



Phycitinae. 
Homoeosoma Gurt. 
nimhellum Z. Heide 6. vom Gebüsch geklopft; häufiger am 
Licht gefangen. R. 9. in Blüten von Hieracium pilosella. 

EpJiestia Gn. 

elutella Hb. Petersberg 5. im Laubwald geklopft; nicht 
häufig. R.? 



298 



Bernhard Füge, 



[4] 



Pempelia Hb. 

Silbornatella Dup. Petersberg zusammen mit P. ornatella 
gefangen. R. auf Thymus serpyUum 5. 6. In röhren- 
förmigem Kotgespinst am Boden. 

ornatella Schiff. Petersberg 6. 7. auf steinigen Grasplätzen; 
nicht häufig. R. wie vorige. 

Selagia Hb. 

spadicella Hb. [iantliinella Hb.). Petersberg 7. vereinzelt an 
Steinbrüchen. R. 6. an Calluna vulg. In Gespinst an 
unteren Zweigen. 

argyrella Schiff. Petersberg 7. mit voriger Art, doch seltener. 
R. 6. 7. wie vorige. 

Salebria Z. 

semiruhella Sc. var. sanguinella Hb. Petersberg 7. auf 
steinigen Grasplätzen nicht selten. Ich habe nur die 
Varietät gefangen. R. 9. — 5. an Lotus corniculatus in 
Gespinströhren am Boden. 

Acrohasis Z. 

zelleri Rag. Heide 7. sehr häufig am Köder. R. 5. an Eiche. 

Rhodophaea Gn. 
rosella Sc. Petersberg 7. Steinbrüche und Grasplätze sehr 

selten. R. 8. in der Blüte von Scabiosen. 
advenella Zck. Halle 7. Am Licht. R. 5. an Pirus malus 

und communis. 

Myelois Hb. 

crihrella Hb. Halle 6. 7. überall häufig. R. 5. — 9. in Distel- 
stengeln. 

Endotrichinae. 



Endotricha Z. 

flammealis Schiff. Heide 7. an sumpfigen Waldrändern sehr 
häufig geködert. R. frifst welke Blätter am Boden. 



[5] Beiträge zur Microlepidopteren- Fauna von Halle a. S. 299 

PyraMnae. 
Aglossa Latr. 

pinquinalis L. Halle 7. Am Licht. R. ? Dr. Schmiede- 
hausen referierte in einer Vereinssitzung- über eine 
Mitteilung in der Münchner Med. Zeit., wonach diese 
Raupen in jungem Stadium einige Tage im Darm eines 
Kindes gelebt haben. 

Herculia Wk. 

glaticinalis L. Heide 7. 8. sehr vereinzelt. R. 6. Ich fand 
dieselben an einem hängenden, trockenen Eichenast 
zwischen Blättern versponnen. 

Cledeohia Stph. 
angustalis Schiff. Petersberg 7. häufig auf steinigen Gras- 
plätzen; sehr selten. R. 6. unter Moos und anderen 
Pflanzen. 

Hydrocampinae. 
Nymphula Schrk. 
stagnata Don. Halle, Dieskau an sumpfigen Gewässern. 

R. 9. — 4. an Sparganmm ramosum und simplex. 
nymphaeata L. Überall nicht selten. An Teichen. R. 
4. — 9. am Älisma plantago in einem Gehäuse an den 
Blättern. 
stratiotata L. Wie vorige. 

Cataclysta Hb. 

lemnata L. 6. überall an sumpfigen Gewässern. R. das 
ganze Jahr an Lemna minor und trisulca. 

Stenia Gn. 

pundalis Schiff. Petersberg, Galgenberg. In Steinbrüchen; 
nicht häufig. R. 9.; nährt sich von welken Blättern 
an der Erde. 

Psammotis Hb. 

pulveralis Hb. Bitterfeld 7. 8. auf feuchten Wiesen. R. 8. 
an Mentha aquatica. 



300 



Bernhard Füge, 



[6] 



Eurrhypara Hb. 
urticata L. Heide 6. häufig an Brennessel sitzend. R. 
8. — 10. au Urtica urens; in Blattgespinst. 

Scopariinae. 
Scoparia Hw. 

ambigualis Tr. Überall 7. 8. an Baumstämmen sitzend. R,? 
dubitalis Hb. Peifsnitz 6. 7. an Pappelstämmen häufig. 

Pi/rmistinae. 

Syllepta Hb. 

ruralis Sc. Heide 6. 7. In Gemüsegärten häufig. R. 5. an 
Grossulariaceen in Blattrollen. 

Nomophila Hb. 

noduella Schiff. Petersberg 7. 8. auf trockenen Grasplätzen. 
R. 6. 7. an Polygonum persicaria und bistorta; am 
Boden in Röhrengespinst. 

Phlyctaenodes Hb. 
palealis Schiff. Petersberg 6. 7, In Steinbrüchen nicht 

selten. R. 8. im Blütenschirm von Peucedanum. 
sticticalis L. Petersberg 7. mit voriger Art, doch seltener. 

R. 8. 9. an Ärtemisia im Gespinst zwischen Blättern 

und Blüten. 

Diasemia Gn. 

litterata Sc. Dieskau 7. 8. auf feuchten Wiesen vereinzelt. 
Schkeuditz, Flutrinne nicht selten. R. 4. — 7. an Hiera- 
cium pilosella, umbellatum; in leichtem Gespinst am 
Boden. 

Pionea Gn. 

forficalis L. 6. 7. in Gemüsegärten häufig. R. 6. und 9. 10. 

am Sisynibriutn. 
olivalis Schiff. 6. im Osten des Gebietes nicht selten. R. 

8. — 5. zvrischen versponnenen Blättern von Adaea 

spicata. 



Beiträge zur Microlepidopteren- Fauna von Halle a. S. BOl 



Pyrausta Schrk. 
sambucalis Schiff. Halle 6. 7. an Gärten nicht selten. R. 

im Herbst an Syringa vulg. in versponnenen Blättern. 
flavalis Schiff. Petersberg 7. in Steinbrüchen nicht selten. 

Im Osten nie gefangen. R. an Galium verum und 

tnollugo. 

cespitalis Schiff. Petersberg, Städtische Sandgrube 7. häufig. 
R. 6. und 10. an der Wurzel von Plantago niaior und 
media. 

purpuralis L. Petersberg 6. und 9. häufig; liebt trockene, 

sonnige Plätze. R. 6. 7. und 10. in Gespinst an den 

unteren Blättern von Mentha arvensis und silvestris. 
aurata Sc. 6. 7. Heide von Lassmann ein Stück gefangen. 

R. wie purpuralis. 
nigrata Sc. Petersberg 6. 7. auf Brachfeldern häufig. Fehlt 

im Süden und Osten. R. 6. und 9. an Salvia off. und 

prat im Gespinst am Boden. 
cingulata L. 5. 6. Nietlebener Bruchfelder. Dort von 

Bandermann in Menge gefangen. Liebt Sandboden. 

R. 6. 8. 9. mit voriger. 

Tortricidae. 
Tartricinae. 

Äcalla Hb. 

hoscana F. Heide 6. Nicht häufig. R. 5. an TJlmus camp. 

zwischen zwei Blättern. 
niveana F. Heide 4. 5. Vereinzelt im Gebiet. R. 5. 6. an 

Birken in Blattgespinst. 
holmiana L. 6. 7. überall häufig. R. 5. und 7. an Rosen; 

oft schädlich. 

contaminana Hb. Petersberg 8. Ich klopfte den Falter mit 
allen Var. häufig von Eschengebüsch. R. 5. 6.; soll auf 
Prunus leben; von Daehne auf Pirus in Anzahl ge- 
funden. 

Capua Stph. 

favillaceana Hb. Heide 7. 8. vereinzelt geklopft; auch am 
Köder. R. 8. 9. auf Laubhölzern. 



302 Bernhard Füge, [8] 

Cacoecia Hb. 

podana Sc. 6. 7. Heide überall häufig. R. 5. 6. (polyphag). 
crataegana Hb. Heide 6. 7. Häufig. R. 5. an Laubhölzern. 
xylosteana L. Bergholz 6. 7. Sehr gemein. R. polyphag 
in Blattrollen. 

rosana L. Halle 7. 8. an Hecken und Zäunen. Sehr 
variabel an Gröfse und Färbung. R. 5. G. polyphag. 

sorhiana Hb. Bergholz 6. 7. Nicht selten. R. 5. an Laub- 
holz, auch niederen Pflanzen. 

musculana Hb. Petersberg 8. von Haupt gefangen. R. 10. 
polyphag. 

lecheana L. Heide 6. 7. am Köder gefangen. R. 4. 5. an 
Laubhölzern. 

Pandemis Hb. 

corylana F. Heide 7. Nicht selten. R. 5. 6. an Laubholz. 
ribeana Hb. Heide 6. 7. häufig am Köder. R. 5. 6. an 
Laubhölzern. 

heparana Schiff. Uberall 7. 8. Auch in Gärten. R. 5. 6. 
an Laubhölzern. 

Eulia Hb. 

cindana Schiff. Petersberg 6. 7. Auf Wiesen häufig. R. 

6. und 9. an niederen Pflanzen; von Daehne aus 

Potentilla fragaria gezogen. 
ministrana L. Heide 6. von Kleine gefangen. R. 10. an 

Laubhölzern. 

Tortrix Meyr. 

hergmanniana L. 6. überall in Gärten, nicht selten. R. 5.; 

den Rosen sehr schädlich. 
loefflingiana L. Heide 6. 7. Uberall, doch nicht häufig. 

R. 4. 5. an Laubbäumen. 
viridana L. Heide, Bergholz 6. sehr häufig. R. 4. 5. an 

Eiche und anderem Laubholz. 



Cnephasia Gurt. 
wahlhomiana L. Heide 6. 7. Überall gemein. Sehr variabel. 
R. 5. polyphag; von Daehne in diesem wie im vorigen 
Jahre schon 20./4. und 16./4. angetroffen. 



Beiträge zur Microlepidopteren- Fauna von Halle a. S. 303 



Oporinia Hb. (Cheimatophila Stph.). 
tortricella Hb. Im Wörmlitzer Kirschberg einmal ein ab- 
geflogenes Stück im 4. gefangen. R. 5. an Corylus 
avellana. 



Phaloniinae (Conchylinae). 
Phalonia Hb. {Conchylis Ld.). 
sanguinana Tr. Dieskau 6. 7. auf feuchten Wiesen. R. 6. 

im Stengel von Eryngium campestre. 
woUniana Schleich. Petersberg 6. nicht selten auf blumen- 
reichen Wiesen. R. 9.-4. im Stengel und Zweigen 
von Ärtemisia vulgaris und campestris. 
smeathmanniana F. Halle 6. Sandgrube, Steinbrüche. R. 

9. 10. zwischen dem Samen von Centaurea, 
zephyrana Tr. Petersberg 6. auf Brachfeldern ; nicht häufig. 

R. 10. — 4. im Stengel von Daums carota. 

curvistrigana Wilk. Petersberg 6. Sehr selten. R. 10; 
soll in dem Samen von Prenanthes purpurea leben. 

posterana Z. Petersberg 6. vereinzelt. Von Kleine aus 
Distelköpfen, von Daehne aus Samenköpfen von Cen- 
taurea jacea gezogen. R. 6. 8. 9. 

dipoltella Hb. Petersberg 6. auf Brachfeldern häufig. R. 

10. in den Blüten von Matricaria chamomilla. 
alhipalpana Z. Petersberg 6. an Strafsengräben häufig. 

(Südtier! Sizilien, Pisa.) R.? 

Euxanthis Hb, 

straminea Hw. Petersberg 6. 7. auf Brachfeldern; nicht 
häufig. R. 7. in den Blüten von Centaurea. 

hamana L. Halle 7. Im ganzen Gebiet. In Gemüsegärten. 
R.? DiSQUE gibt an: R. soll an Ononis leben, doch 
vermute ich eher, dafs sie irgendwie an Disteln lebe." 
Daehne traf den Falter 1909 häufig in den Feldmarken 
der Gemeinden Petersroda und Roitzsch bei Bitterfeld 
und vermutet die Raupe nach einer mifsglückten Zucht 
an Klee. 

zoegana L. Halle, Sandgrube 6. 7. häufig. Umschwärmt 
nach Sonnenuntergang die Blüten von Centaurea. R. 



304 



Bernhard Füge, 



[10] 



5. 6. an der Wurzel von Centaurea jacea, nigra und 
cyanus unter Gespinst. 

Epihletninae (Olethrentinae). 

Evetria Hb. 

pinivorana Z. Heide 6. nur einmal in einem Spinngewebe 
gefunden. R. 4. 5. in Knospen und Trieben von Pinus 
silvestris. 

turionana Hb. Petersberg 6. nicht selten. K. 9. — 4. in 

Trieben von Pinus silvestris. 
huoliana Schiff. Petersberg 7. nicht häufig. R. 5. 6. in 

Knospen von Pinus silvestris. 
resinella L. Heide, Petersberg 5. 6. Manche Jahre häufig. 

R. 10. — 4. in Harzgallen an Pinus silvestris. 

Ärgyroploce Hb. {Olethreutes Hb.). 

salicella L. Heide 6. Überall nicht selten. R. 7. in ver- 
sponnenen Trieben an Populus und Salix. 

Scriptana Hb. Dieskau 6. 7. am Köder. R. 4. 5. auf Salix. 

hetulaetana Hw. Bitterfeld, Heide 6. nicht selten; nach 
Daehne 1909 gemein in der Goitzsche, in den Elster- 
hölzern und in dem Feuerschutzstreifen (Kleinbahn 
Bitterfeld — Zörbig) des sonst nur aus Nadelholz be- 
stehenden Stakendorfer Busches. R. 5. 6. auf Betula 
alba in Blattgespinst. 

variegana Hb. Halle 5. 6. Uberall häufig. R. 4. 5. an 
Laubbäumen; trat nach Daehne im 5. 1908 und 1909 
im Obstgarten des Rittergutes Roitzsch II als Schäd- 
ling auf. 

ochroleucana Hb. Petersberg 6. nicht selten. R. 5. 6. an 
Laubhölzern; wurde 1909 von Daehne im Roitzscher 
Gutspark als Rosenschädling beobachtet und aus ver- 
sponnenen Rosenblättern gezogen. 

dimidiana Sodof. Heide 6. vereinzelt. R. 8. auf Tilia 
europaea. 

micana Hb. [olivana Tr.). Halle 7. am Licht vier Stücke 
gefangen. R.? 



[11] Beitri ige zur Microlepidopteren- Fauna von Halle a. S. 305 



lacunana Dup. Petersberg 6. 7. auf Wiesen nicht selten. 

R. 4. 5. polyphag. 
cespitana Hb. Petersberg 7. auf Brachfeldern nicht selten; 

sitzt gern auf der Erde. K. 5. an niederen Pflanzen. 
antiquana Hb. Halle 7. am Licht gefangen. R. 10. — 5. in 

den Wurzelausläufern von Mentha arvensis und silvestris. 
striana Schiff. Petersberg 6. 7. auf feuchten Wiesen nicht 

selten. R. 4. 5. an der Wurzel von Lemna minor und 

trisulca in Gespinst. 
rufana Sc. Petersberg 6. 7. häufig aus Rosengebüsch ge- 
klopft. R. 3. — 6. an der Wurzel von Sonchus oleraceus, 

auch Tanacetum vulgare. 

Olethreutes Hb. 

arcuella Cl. Heide, Petersberg 6. sehr häufig. R. 4. am 
Boden unter Laub. 

Ancylis Hb. 

achatana F. Heide, Petersberg 6. 7. aufwiesen vereinzelt. R.? 
lundana F. Lindenbusch; nicht häufig. R.? 
siculana Hb. Petersberg überall gemein. R. 10. an Cornus 
mas, sanguinea. 

Badra Stph. 

lanceolana Hb. Heide, Exerzierplatz 7. nicht selten an Binsen. 

R. im unteren Stengelteile von Cyperus flavescens, longiis. 
furfurana Hw. 8. Petersberg an Teichen vereinzelt; bei 

Schkeuditz sehr häufig. R. wie vorige. 

Enarmonia (Hb.) Meyr. (Steganoptycha Stph.). 
profundana F. Heide (Erholungsheim) 8. an Eichenstämmen. 

R. 5. am Laubbäumen. 
corticana Hb. Heide 6. 7. in allen Laubhölzern. R. 5. 

zwischen versponnenen Blättern, var. ohtusana im 

Bergholz nicht selten. 
ratsehurgiana Rtzb. Heide 7. in einem Stück gefangen. R. 

soll in versponnenen Knospen von Pinns leben. 
oppressana Tr. Petersberg 6. 7. nicht häufig. R. 4. an 

Populus-Knospen. 

Zeitaolir. f. Naturwias. Halle a. S. Bd. 82. 1910. 20 



306 



Bernhard Füge, 



[12J 



Cydia (Hb.) Meyr. p. p. 
ramella L. Petersberg 7. 8. vereinzelt. R. 4. 5. in Knospen 
von Pappeln. 

trimaculana Don. Heide 6. vereinzelt. R. 5. 6. zwischen 

den Trieben von Ulmus campestris. 
mimitana Hb. Petersberg 6. 7. nicht häufig. R. zwischen 

zwei Pappelblättern versponnen. 

Semasia Stph. 

pupillana Cl. Petersberg 7.; nicht häufig. R. 9. — 4. im 

Stengel von Ärtemisia ahsynthium. 
hypericana Hb. Petersberg, Heide 6. sehr häufig. R. 

zwischen versponnenen Trieben von Hypericum per- 

foratum. 

Thiodia (Hb.) Ken. 
dtrana Hb. Petersberg 6. auf Brachfeldern häufig. R. 8. 9. 
auf Tanacetum vulgare (Blüten und Herztriebe). 

■ Tmetocera Ld, 

ocellana F. Heide 6. nicht selten. T. 4. 5. in Trieben von 
Betula alba. 

Notocelia (Hb.) Meyr. 
uddmanniana L. Heide 6. sehr häufig. R. 5. an Brombeere 
zwischen zusammengezogenen Trieben und Blättern. 
Daehne zog den Falter aus Himbeere. 

Epiblema Hb. 

albidulana H. S. 6. 7. im Norden und Westen häufig. Gegen 

Abend die Blüten von Centaurea umschwärmend. R. 

8. 9. in der Blüte von Centaurea jacea, nigra, cyanus. 
fulvana Stph. Petersberg 7.; nicht häufig. R. 8. 9. Blüten 

von Carduus nutans. 
luctuosana Dup. Galgenberg 6. nicht selten. R. 10. — 4. 

Spöttel überbrachte sie mir aus den Stengeln von 

Carduus nutans. 
foenella L. Halle, Galgenberg 6. häufig. R. 4. 5. in Stengel 

und Wurzel von Ärtemisia vulgaris und absynthium. 



[13| Beiträge zur Microlepidoptereu- Fauna von Halle a. S. 307 

graphana Tr. Petersberg 7. nicht häufig. R. 5. 6. an Wurzel 

von Achillea. 
tripunctana F. Petersberg 6. nicht häufig. R.? 
subocellana Don. Heide 6. vereinzelt. R. 9. 10. auf Salix 

caprea. 

immundana F. R. Petersberg 7. Überall, doch selten. R. 
9. an Erle, in den männlichen Kätzchen überwinternd. 

nisella Cl. Heide 6. Überall gemein. R. 4. 5. in der 
Samenwolle von Betula und Populus. 

bihmana Hw. Heide 6. nicht häufig. R. 3. 4. in männ- 
lichen Blüten von Betula alba. 

solandriana L. Bitterfeld 6. nicht selten. R. 5. in Blatt- 
rollen von Haselnufs und Salix caprea; nach Daehne 
in der Goitzsche 190^ häufig auf Espe und Faulbaum. 



Heminiene Hb. {Dichrorampha Gn.). 
petiverella L. Halle 5. 6. auf Wiesen. R. 3. 4. in der 
Wurzel von Achillea millefoUum. 

Lipoptycha Ld. 

saturnana Gn. Petersberg 5. vereinzelt auf Wiesen. R. 4. 
in der Wurzel von Tanacetum vulgare. 

Carpocapsa Tr. 

pomonella L. 6. überall an Apfelbäumen sitzend. R. 8. in 
der Frucht, 10. — 4. unter der Rinde an kranken Stellen 
überwinternd, wo auch die Puppe sitzt. 

splendana Hb. Heide 7. am Köder. R. 10. in Frucht von 
Quercus robur. 

Laspeyresia Hb. {Grapholitha [Tr.] Hein.). 
woeberiana Schiff. Kirschberg bei Beesen nicht selten. R. 

9. — 5. im Bast und unter Rinde an Kirschbäumen. 
caecana Schlag. Petersberg 6. auf Wiesen vereinzelt. R. 

in den Stengelspitzen von Ononis repens. 
aitrana F. Dieskau 6. vereinzelt; bei Schkeuditz auf 

Schirmblüten in gröfserer Anzahl gefunden. R. 8. 9. 

im Samen von Ueracleum sphondylium. 

20* 



308 



Beunhard Füge, 



[14] 



Pamene Hb. 

argyrana Hb. Heide, Petersberg 4. 5. nicht selten. R. 

7. — 10. unter Rinde von Quercus. 
gaUicolana Z. Heide 4. vereinzelt. Von Haupt aus Gallen 

von Cynips quercus und terminalis gezogen. R. 10. — 3. 

in obigen Gallen. 



Ptevoi)horidae. 
Platyptiliinae. 

Eucnemidophorus Wlsghm. {Platyptilia Hb.). 
rhoclodactylus F. Galgenberg 7. 8. Überall in Steinbrüchen, 
doch vereinzelt. R. 5. 6. an Rosa canina, centifolia; 
Knospen und Blüten fressend. 

Stenoptilia Hb. 

bipunctidactyla Hw. Überall im Gebiet, doch vereinzelt. 
R. 5. 7. 9. wie vorige. 

Marasmarcha Meyr. 
pJiaeodactyla Hb. Petersberg 6. nicht selten. R. 6. 7. an 
Ononis spinosa. 

Oxyptilus Z. 

pilosellae Z. Petersberg 7. auf dürren Gräsern; selten. R. 
5. an Hieraciimi ^^Hosella und umbellatum. 

Pterophorus Geoffr. 
monodactylus L. Heide 3. und 10. an Kiefernstämmen 
häufig. R. 8. 9. an ÄntirrJnnum maius, linaria und 
genistifolium. 

Alucita (L.) Wlsghm. {Aciptilia Hb.). 
pentadactyla L, 7. überall gemein. R. 5. — 8. auf Rosaceen, 



[15] Bcitr äge zur Microlepidopteren-Fauna von TIallc a. S. 300 



GelecMiäae. 
Chimabacchinae. 
Chimabacche Z. 
fagella (S. V.) F. Halle, Heide 5. überall häufig. R. 9. 10. 

an Betula. 

Depressariinae. 
Psecadia Hb. 

bipundella F. Petersberg 7. nicht selten ; zwei Generationen. 
R. fand ich 6. und 9. an Blüten von Anchusa off. 

Depressaria Hb. 

fiavella Hb. Petersberg 6. nicht selten. R. 5. in Röhren- 
gespinst an Centaurea cyaniis. 

putridella Schiif. Schkeuditz 6. häufig. R. 5. in ver- 
sponnenen Trieben an Peucedanum off. 

liturella Hb. Galgenberg 6. Überall häufig. R. 5. 6. an 
Eryngium campestre; verrät sich durch feuchte Kot- 
haufen auf der Pflanze. 

S cMstodepressaria. 
libanotidella Schlag. Petersberg 7. Nicht häufig. R. 8. an 

Peucedanum cervaria. 
heradiana De Geer. Galgenberg 8. sehr häufig. R. 7. 8. 

im Schirm von Pastinaca sativa. 
pulcherrimella Stt. Petersberg 7. vereinzelt. R. 5. an 

Pimpinella saxifraga. 
nervosa Hw. Petersberg 5. vereinzelt. R. 6 7. an Carum 

carvi, bulbocastanum. 

HofmannopJdla Spul. 
pseudospretella Stt. Halle 7. einmal am Licht gefangen. R.? 

Cardna Hb. 

quercana F. Heide 6. 7. Uberall. R. 6. an der Unterseite 
der Blätter von Quercus robur in leichtem Gespinst. 



310 Bernhard Füge, [16] 

OecophoiHnae. 
Harpella Schrk. 
forficelJa Sc. Petersberg, Heide 6. vereinzelt. R. 4. in 
faulem Holz. 

SorJiJunisenia Hb. {Oecophora auct.). 

similella Hb. Heide 5. an Kieferstämmen häufig. R. 10. — 4. 
an Pinns zwischen der Rinde. 

angusteUa Hb. Petersberg 7. Ich fand die schöne Art an 
Pappelstämmen. R.-' Wahrscheinlich unter Rinde. 

formosella F. Halle 7. nicht selten an Obstbäumen. R. 
10. — 4. unter Rinde von Piriis malus, conim. 

schaeffereUa L. Petersberg 6. Von Haupt in Anzahl ge- 
funden. Ich fand den Falter sehr häufig in Kirsch- 
plantagen. R. 10. — 4. an Pinns unter Rinde ; jedenfalls 
auch an anderen Pflanzen. 

Blastobasinae. 
Endrosis Hb. 

lacteella Schiff. Halle 4. 5. häufig; auch in Wohnungen. 
R. 3, 4.; ich zog sie aus einem vorjährigen Puppen- 
kasten. 

Gelechiinae. 

Soplironia Hb. 

hiunereUa Schiff. Petersberg 6. 7. vereinzelt. R. 5. 6.; soll 
an Artemisia vulgaris leben. 

Nothris Hb. 

verbascella Hb. Petersberg 7. nicht selten. R. 3. 4. und 
7. 8. in den jungen Stauden von Verlascnm lycimitis, 
thapsns und blattaria. 

Tachyptilia Hein. 
popidella Cl. Halle 7. an Pappelstämmen, meist in den 
Ritzen verborgen; häufig. R. 6. in Blattrollen von 
Salix, Populus, Betula. 



[17] Beiträge zur Microlepidopteren- Fauna von Halle a. S. 



311 



Recurvaria (Hw.) H. S. 
leucatella Cl. Halle 7. an Gartenhecken aus Crataegtis 
geklopft. R. 4. 5. in den Trieben von Crataegus. 

Teleia Hein. 

fugitivella Z. Halle 6. nicht selten. R. 4. 5. an Ulmtis in 
Blattgespinst. 

jproximella Hb. 6. im ganzen Gebiet nicht selten. R. 5. 8. 9. 

an Betula, AIniis. 
notatella Hb. Galgenberg 8. häufig. R. 6. 9. 10. Nach 

DiSQUE soll sie an Salix leben; ich zog den Falter in 

grofser Zahl aus den Gipfelblättern einer Atriplex-Art. 
luculella Hb. Heide 5. an Eichenstämmen sehr gemein. R. 

6. 9. 10. im Moos am Stamm. 

Gelechia Z. 

pinguinella Tr. Halle 8. Überall nicht selten. R. 4. 5. an 

Fopulus nigra zwischen Blättern versponnen. 
scalella Sc. Petersberg 5. an Eichenstämmen in Ritzen. R. 

6. 10. im Moos am Stamm von Quercus rohur. 

Uta Tr. 

atriplicella F. R. Halle 8. überall gemein ; Uberwintert. R. 

7. 8. zwischen den Samen von Ätriplex patula, laciniatum. 

Bryotropha Hein. 
terrella (S. V.) Hb. Schkeuditz 6. vereinzelt auf Wiesen. R.? 
senectella Z. Galgenberg 8. nicht selten. Ich zog den 
Falter in Anzahl aus einer Atriplex-Art R. 6. 7. 

Metzneria Ti. {Parasia Dup.). 
lappella L. Halle 4. 5. vereinzelt; von Haupt aus Blüten- 
köpfen von Centaurea gezogen. R. 10. — 3. 



Paltodora Meyr. (Cleodora Gurt). 
cytisella Gurt. Dieskau, Schkeuditz 6. sehr selten. R. 6. 
an Pteris aquilina. 



312 



Bernhard Füge, 



[18] 



Chrysopora Clem. (Nannodia Hein.). 

stipella Hb. var. naeviferella Diip. Schkeuditz 4. aus Reisig- 
haufen geklopft. R. soll an Ätriplex minieren. 

hermannella F. Halle 6. nicht häufig. R. 7. 8. miniert an 
Ätriplex patula. 

Momphidae. 
MompMnae. 

Momplia Hb. {Laverna Curt.). 

conturbatella Hb. Heide 6. nicht selten. R. 5. in Gipfel- 
blättern von Epilobium versponnen. 

fulvescens Hw. Heide 8. häufig. R. 7. in Trieben von 
Epilobium. 

Anybia Stt. 

epilobiella Römer. 6. nicht selten. R. 5. in Epilobium 
minierend. 

Tebenna H. S. 

raschldella Z. Schkeuditz. 6. vereinzelt. R. 6. 8.; miniert 
Epilobium angustifolia. 

Chrysoclista Stph. 
lineella Cl. Halle 7. einmal gefangen. R.? 

Cosmopteryginae. 
Batrachedra Stt. 
praeangusta Hw. Halle 7. an Pappelstämmen häufig. R. 5. 
ebenda zwischen Samenwolle und Blättern. 

Coleophoridae. 

Metriotes H. S. (Äsychna Stt,). 
modestella Dup. 5. auf Wiesen vereinzelt. R. 6. nach 
Hofmann auf Stellaria holostea. 



[10] Beiträge zur Microlepidopteren- Fauna von Halle a. S. 313 
Coleophora Z. 

frischella L. Halle, Sandgrube 7. nicht selten. R 8. an 

Samen von Melüotus off. 
currucipennella Z. Halle 5. häufig. R, 4. an Carpinus 

betulns. 

Gracilariidae. 
Ch'acilariinae, 
Gracilaria Z. 

alcliimiella Sc. Halle 5. an Kirschbäumen nicht selten. R.? 

Xanthospilapteryx Spul. 
syringella F. Halle 5. Von Haupt im Zoologischen Garten 
zu Hunderten schwärmend beobachtet. Drei Genera- 
tionen. R. miniert an Syringa. 

Ornix Z. 

avellanella Stt. Halle 5. vereinzelt. R. 9. 10. an Corylus 
avellana. 

torquillella Z. Heide 5, von Crataegus geklopft. R.? 

TJfhocoUetinae. 
LithocoUetis Z. 

sylvella B.w. Heide 7. an Eichenstäramen häufig. R. ebenda. 
tenella Z. Heide, Petersberg 6. 7. nicht selten. R. 9. 10. 

an Carpinus unterseitig. 
alnieUa Z. Dieskau 5. nicht selten. R. 6. 7. 9. 10. an 

Alnus unterseitig minierend. 
strigulatella Z. Wie vorige. 

sorhi Frey. Halle 6. Uberall. R. miniert an Prunus padus. 
froehlichiella Z. Dieskau 5. häufig. R. 7. 9. 10. an Erle. 
Memannella F. Dieskau, Beesen 5. nicht selten auf Erle. 
R. miniert ebenda 6. 7. 9. 10. 

Bucculatrix Z. 

ulmella Z. Heide (Nietleben) 6. vereinzelt. R. 9. 10. miniert. 



314 



Bernhard Fügk, 



[20] 



Lyonetiidae» 

Lyonetia Hb. 

derhella L. Heide, Petersberg häufig. R. miuiert Prunus- 
Arten, auch Betula. 

Elachistidae. 

Elachista Tr. 

quadrella Hb. Am See 8. einmal gefangen. R. 5. 6. an 

LuzuJa pilosa, aJbicla. 
cerusella Hb. Petersberg auf Wiesen vereinzelt. R. 4. 6. 

an Phalaris arundinacea. 

Scyflirididae. 
Scythridinae. 
Scythris Hb. (Butalis Tr.). 
ptinctivittella Costa. Petersberg 7. einmal gefangen. R.? 
chenopodiella Hb. Halle 7. tiberall häufig. R. 7. 8. an 

Chenopodium-kxiQn. 
insperseUa Hb. Heide (Erholungsheim) 8. auf blühender 
Kamille nicht selten. R. 6. an Epilohium angustifolium. 

Hyponomeutidae. 
llyponomeutinae. 
Hypononieuta Latr. 
phmbeUus Schiff. Halle 7. nicht selten. R. 5. in Gespinst 

an Obstbäumen. 
malinellus Z. Petersberg 7. sehr häufig. R. 5. gesellschaft- 
lich in Gespinst an Evomjmus europaeus. 

Sivammerdamia Hb. 
pyrella Vill. Halle 5. an Crataegus -Hecken häufig. R. 6. 
9. 10. ebenda. 



[21 I Beiträge zur Microlepidopteren- Fauna von Halle a. S. 315 



Argyresthiinae. 

Argyresthia Hb. 
epliippiella F. Heide 6. nicht selten. R. in Trieben von 
Crataegus. 

nitidella F. Kirsehberg bei Beesen von Rosenbaum ge- 
fangen. R.? 

goedartella L. Überall an Birkenstämmen sitzend. R. 3. 

an Betula; in den Kätzchen, später unter der Rinde. 
certella Z. Petersberg 7. einmal gefangen R.V 

Plutellinae. 
Cerostoma Latr. 
radiatellum Don. Petersberg 6. nicht häufig. R. 5. an 

Pn(ww5- Arten. 
parenthesellum L. Heide, Petersberg 8. vereinzelt. R.? 
lucellum F. Heide 6. nicht selten. R. 6. 7. an Quercus. 

Plutella Schrk. 
maculipennis Curt. Halle 6. auf Brachfeldern häufig. R. 
5. — 10. an Arabis petraea. 

Acrolepiidae. 

Roesslerstammia Z. 
erxlebeniella F. Petersberg 6. sehr vereinzelt. R. 9. an 
Tilia europaea. 

Tineidae. 
Tineinae. 
Scardia Tr. 

holeti F. Heide 8. von Kleine gefangen. R. 3. — 5. in 
Baumschwämmen. 

TricJiophaga Rag. 
tapetiella L. Halle 6. Ich fing einige Stücke in einem 
Kaninchenstall. R. 9, — 4. in Gewölle und Federn, 



316 



Bernhard Füge, 



[22] 



Tinea Z. 

granella L. Heide 5. Uberall häufig. R. 9. — 3. unter 

Rinde und Löcherschwamm. 
fuscipunctella Hw. Halle einmal am Licht. R.? 

Tineola H. S. 

hiselUella Hummel. Uberall in zwei Generationen. R. an 
Biskuit und Federn. 

Monopidae. 

Blahophanes (Z.) H. S. 
ferruginella Hb. Halle 6. in Gärten auf Nelken. R.? 

Monopis Hb. 

rusticella Hb. Halle 5. nicht selten; zwei Generationen. R. 
an tierischen Stoffen, in Vogelnestern. 

Incm'variidae. 
Incurvaminae4 
Incurvaria Hw. 
morosa Z. Petersberg 7. aus Rosengebüsch geklopft. R. 

3. 4.; frifst Rosentriebe. 
muscalella F. Heide 5. häufig. R. 4. an Fragaria vesca. 
pectinea Hw. Heide 4. häufig; im Sonnenschein fliegend. 
R. 9.; miniert jung an BetuJa; später als Sackträger 
am Boden. 

Nemophora Hb. 
swammerdamella L. Bitterfeld 5. sehr häufig. R.V 

Adelinae. 
Nemotois Hb. 

fasciellus F. Halle 7. Von Haupt auf Windenblüten ge- 
funden. R. 6. 7. an Lamium albuni, purpureum. 



Beiträge zur Microlepidopteren- Fauna von Halle a. S. 317 



Adela Latr. 

viridella Z. Heide 4. Eichen umscbwärmend. R.? 

degeereUa L. Heide 6. auf Brombeergebüscli häufig. R.? 

rufifronteUa Tr. Petersberg 6. eiumal gefangen von Lass- 
mann. R. an Capsella bursa pastoris\ jung in Samen, 
später am Boden. 

fibulella F. Petersberg 5. häufig auf Blüten von Veronica off. 
R. 7. ebenda in den unreifen Samen, später als Sack- 
trägerin. 

Heliozelidae. 

Äntispilia Hb. 

pfeifferella Hb. Halle 8. In manchen Jahren nicht selten. 
Dr. VON ScHLECHTENDAL zog den Falter in grofser 
Anzahl. R. 6. 7.; miniert Cornus. 



Nepticulidae, 
Nepticulinae. 

Nepticula Z. 

oxyacanthella Stt. Halle 7. vereinzelt. R. 6. 10. an Sorhtis. 
Salicis Stt. Beesen 5. an einer Uferweide in Anzahl ge- 
fangen. R. 7. 10. an SaN^. 
trimaculella Hw. Mit voriger Art vereinzelt. R.? 



Micropterygidae. 

Micropteryx Hb. {Eriocephala Curt.). 
aureatelJa Sc. Bitterfeld 5. an sumpfigen Waldstellen an 
Stämmen sitzend. R.? 



Somit ergibt eine zahlenmäfsige Zusammenstellung 
meiner Funde folgendes Bild: 



318 Bernhard Füge, Beiträge zur Microlepidopteren- Fauna. [24] 



Familie 


Zabl der Arten 


Familie 


Zahl der Arten 


Psychidae . . 


1 




2 


Pyralidae . . 


. 58 (incl. 2 var. 




. . 3 




und 1 ab.) 


Hyponomeutidae . 


. . 11 


Tortricidae . 


88 (incl. 1 var.) 


Acrolepiidae . . 


. . 1 


Pterophoridae 


6 




5 


Gelechiidae . 


34 (incl. 1 var.) 




2 


Momphidae . 


6 


Incurvariidae . . 


. . 9 


Coleophoridae 


3 




1 


Gracilariidae . 


12 


Nepticulidae . . . 


, 3 


Lyonetiidae . 


1 


Micropterygidae . 


. . 1 



Summa 247 (incl. 4 var. und 1 ab.) 



Das ist noch nicht einmal die Hälfte der von Stange auf- 
geführten 578 Formen. Wie schon gesagt, dürfte dies haupt- 
sächlich an der kurzen Dauer meiner Sammeltätigkeit im 
fraglichen Gebiet liegen. Ferner habe ich manche von 
Stange regelmäfsig explorierten Fanggebiete, wie z. B. die 
Mosigkauer Heide, nicht besuchen können. Endlich haben 
sich in den seither verflossenen vier Jahrzehnten unver- 
kennbar die faunistischen Verhältnisse im Hallischen Gebiet 
verschlechtert: durch das Abholzen verschiedener Wäldchen 
wie durch Separationen und Meliorationen aller irgendwie 
landwirtschaftlich ausnutzbaren Flächen sind ergiebige Fang- 
plätze verschwunden, und jahraus jahrein lichtet die abend- 
liche Lichtfülle des zur Grofsstadt aufgeblühten Halle und 
der vielen neuerdings auch mittels Elektrizität oder Gas er- 
leuchteten umliegenden Ortschaften die Reihen der flammen- 
tollen Geschöpfe. Trotzdem habe ich eine Anzahl von 
Stange nicht genannter Formen aufgefunden. Indessen 
sind davon manche erst nachdem neu beschrieben, andere 
verdanken ihr Leben nur der neuerdings beliebten Zer- 
spaltung damals noch vereinter Formen, bei wieder anderen 
ist die Synonymie unsicher. Dadurch wird eine einwandfreie 
Feststellung der wirklich für das Gebiet neuen Formen so 
erschwert, dafs ich lieber ganz davon absehe. 



über zwei Zuchten von Abweichungen des 
Wolfsmilchschwärmers 

von 

Franz Bandermann, Halle a. S. 



Im Herbst 1908 trug ich 90 Raupen von Beüephila 
euphorhiae L. ein, in der Hoffnung, unter der Menge einige 
Abänderungen zu erhalten. Nach dreimonatlicher Ruhezeit 
nahm ich die Puppen im Januar 1909 in ein geheiztes 
Zimmer von etwa 15 — 20" Wärme, wo ich sie leicht ange- 
feuchtet auf dem Fensterbrett stehen liefs. Am 3. März safs 
der erste normale männliche Falter im Kasten. Bis zum 
1. Mai schlüpften dann 53 Falter, darunter 6 Stück (2 Männ- 
chen und 4 Weibchen) der stark rot bestäubten ah. rubescens 
Garb., und 2 Stück der v. paralias Nick., die nur in Süd- 
europa vorkommt und den direkten Übergang zu der 
V. grentsenhergi Stgr. von Capri und Portugal bilden soll. 
Da die Temperatur am Tage schon ziemlich hoch stieg, 
stellte ich die übrigen Puppen vor das Fenster ins Freie, 
wo bis zum 4. Juni noch 25 Falter schlüpften. Darunter 
befand sich ein Männchen der sehr seltenen ab. helioscopiae 
Sel.-Longch., bei der die schwarze Binde der Hinterflügel 
vollständig fehlt, und ein Weibchen, das auf den Vorder- 
flügeln graubraun gefärbt war, sonst aber die gewöhnliche 
Zeichnung aufwies. 9 Puppen waren eingegangen; 3 sind 
bis zum Herbst noch nicht geschlüpft, ich will aber ab- 
warten, ob sie nicht doch noch die Falter ergeben. — Da 
ich einen zweiten Versuch im Herbst 1909 machen wollte, 
sammelte ich schon im Juli 43 ausgewachsene Raupen, von 
denen sich bis zum 8. August 39 verpuppten ; 4 gingen ein. 
Die Puppen stellte ich bis zum 28. September in einen Keller 



320 F. Bandermann, Zwei Zueilten d. Wolfsmilchschwäriners. [2j 

von 8 — 10" und nahm sie dann in ein geheiztes Zimmer 
von 18 — 24** C, wobei ich sie alle 3 Tage etwas anfeuchtete. 
Am 12. Oktober war der erste Falter, ein normales Männ- 
chen, geschlüpft. Am 15. und 16. Oktober sehlüpften ein 
Männchen und ein Weibchen, welche auf den Hinterflügeln 
etwas helleres Rot als gewöhnlich hatten; am 23. und 
26. Oktober 2 Stücke mit der gelblichen Färbung der sehr 
seltenen ab. lafitolei Th.-Mieg. Da der Oktober zu Ende 
ging und durch das frühe „Treiben" eine Menge Puppen 
zu Grunde gingen, wollte ich nicht mehr so viel Puppen 
opfern und daher den Versuch am 3. November abschliefsen. 
Da fand ich bei gründlicher Untersuchung des Kastens in 
einer Ecke einen prächtigen Falter, der auf der Oberseite 
der Vorderflügel der v. par alias Nick, gleicht, während die 
Oberseite der Hinterflügel stark ins Gelbe geht und etwa 
die Farbe des Weibchens von Lasiocomxm quercus L. zeigt. 
Das Stück sieht dadurch ganz merkwürdig aus ; man könnte 
es für einen Exoten halten. 18 Puppen waren eingegangen; 
15 blieben lebend liegen. 

Als ich 1908 bei Massenzuchten von Weifslingen i) aus 
hallischen Puppen ohne jede künstliche Beeinflussung Stücke 
erhielt, die von weitem heimischen Formen täuschend glichen, 
sah sich Stichel veranlafst, im Interesse exakter Begriffs- 
bestimmung den neuen Terminus „f fuc." (= forma fucosa, 
Scheinform) aufzustellen. Für die Berechtigung einer derart 
strengen Unterscheidung dürften die vorstehenden DeilepMla- 
Zuchten einen weiteren Beleg liefern. Im allgemeinen ergab 
sich aus meinen gesamten bisherigen Wolfsmilchschwärmer- 
Zuchten, dafs die im Frühjahr getriebenen Puppen mehr 
nach Rot, also nach der normalen Färbung schlagen, während 
die im Herbst getriebenen sichtlich zu hellerer Färbung neigen. 

1) Vgl. diese Zeitschrift Bd. 81, S. 182 [Mitt. a. d. Eni Ges. HaUe, 
Heft 1, S. 2—3]. 

2) Int. Ent. Zeitschr. IV (1910), Nr. 5, Leitbericht S. 23. 



über siidetische, prätertiäre junge Krusten- 
bewegungen und die Verteilung von Wasser 
und Land zur Kreidezeit in der Umgebung 
der Sudeten und des Erzgebirges/) 

Eine Studie zur Geschichte der Kreidetransgression 

von 

Prof. Dr. Hans Scupin. 

Mit 2 Figuren im Text. 

Die prätertiären jungen Krustenbewegungen, wie sie be- 
sonders in den letzten Jahren in verschiedenen Gegenden 
Deutschlands festgestellt worden sind, rückten auch die 
Möglichkeit oder Wahrscheinlichkeit näher, dafs sich in 
gleicher Weise auch im Gebiete der Sudeten Ahnliches be- 
obachten lassen werde. Die Untersuchung der nieder- 
schlesischen Kreide in dem ganzen Gebiete zwischen Hirsch- 
berg, Görlitz, Sagan und Goldberg, die mich in den letzten 
Jahren beschäftigte (Löwenberger Kreide in weiterem Sinne), 
bestätigte diese Erwartung und ergab das Vorhandensein 
einer Krustenbewegung, die sich wohl schon in der älteren 
Kreidezeit äulserte, dann während der ganzen jüngeren 
Kreide anhielt und schliefslich ihre Fortsetzung in der 
grofsen tertiären Faltung fand, welche das in der Kreide- 
zeit entstandene Bild der Sudeten vervollständigte bezw. 
umformte. 

Das Vorhandensein einer jungen prätertiären Bewegung 
ergibt sich zunächst aus dem Auftreten einer Diskordanz 
zwischen älterer Trias und dem Cenomanquader, 



') Vorgetragen in der Sitzung des Naturwissenschaftlichen Vereins 
für Sachsen und Thüringen zu Halle am 24. Februar 191 D. 

Zeitacbr. f. Naturwise. Halle a, S. Bd. 82. 1910. 21 



322 



Hanb Scupin, 



12] 



die allerdings da, wo die Auflagerung des letzteren zu sehen 
ist, wie besonders in der Umgebung Löwenbergs im einzelnen 
Aufschlüsse nicht zum Ausdruck kommt, die aber aus der 
Auflagerung des Cenomanquaders auf verschieden 
alten riorizonten der Trias folgt. So liegt die Kreide 
bei Löwenberg auf mittlerem Buntsandstein,!) bei Armeruh 
nördlich des Heiligen Berges auf Röt, im Katzbachtal, wie 
es scheint, auf unterem"^) Buntsandstein, wobei die Grenze 
vielfach eine ganz scharfe, mit der Hand zu bezeichnende ist. 
Muschelkalk tritt als Liegendes der Kreide nur nordöstlich 
einer Linie Hermsdorf an der Katzbach — Gr.-Hartmannsdorf 
und deren nordwestlicher Fortsetzung auf. Bei Hermsdort 
verrät sich die Auflagerung auf Muschelkalk nur durch eine 
kleine in der Hermsdorfer Spalte eingeklemmte Scholle von 
ßuntsandstein und unterem Muschelkalk, wogegen der Muschel- 
kalk bei Gr.-Hartmannsdorf in mächtigen Steinbrüchen auf- 
geschlossen eine gröfsere Fläche einnimmt. Die Fortsetzung 
dieses Muschelkalkzuges wird durch den Muschelkalk von 
Alt-Warthau gebildet und ebenso stöfst bei Wehrau und 
Klitschdorf am Queis der mit dem Röt steil aufgerichtete 
untere Muschelkalk an das kohlenftihrende Untersenon, den 
Überquader Beyrichs,^) der an einem mächtigen Bruch von 
etwa 400 m Sprunghöhe abgesunken ist. 

Dafs es sich hier nicht um eine Erosionsdiskordanz auf 
ungestörter, nur verschieden tief erodierter Unterlage handelt, 
ergibt sich daraus, dafs nirgends gegenüber der Auflagerung 
auf Buntsandstein eine merkliche Unvollständigkeit der 



Man vergleiche zur Orientierung die Roth-Beyrichsche geo- 
logische Karte des Niederschlesischen Gebirges, Blatt Löwenberg und 
Liegnitz. 

2) Vorausgesetzt, dafs die Vermutung Zimmermanns richtig ist 
nach der nicht nur die tiefsten, auch von mir noch zum Zechstein ge- 
rechneten Bänke der roten Sandsteine (auf der Roth-Beyrichschen 
Karte von Niederschlesien, Blatt Liegnitz, als Buntsandstein kartiert) 
sondern auch noch ein Teil der jüngeren Bänke zum Zechstein gehört, 
was Zimmermann aus dem Auftreten von Plattendolomit folgert. 

3) Roth, Erläuterungen zur geognostischen Karte vom Nieder- 
schlesischen Gebirge, S. 288. Vgl. aufserdem Scupin, Die strati- 
graphischen Beziehungen der obersten Kreideschichten in Sachsen, 
Schlesien und Böhmen. Neues Jahrb. f. Min. 1907, Beil., Bd. 24, S. 695. 



Sudetische prätertiäre junge Krustenbewegungen usw. 323 



basalen Schichten zu bemerken ist. Bei Hermsdorf und 
Wehrau-Klitscbdorf sind diese durch die beiden Längsbrüehe 
allerdings der Betrachtung entzogen, dagegen sind sie 
zwischen Alt- und Neu -Warthau, wo die Fortsetzung des 
Wehrauer Braches erst im Hangenden des Cenomans vorbei- 
läuft, hier den unteren Emscher (die bekannten Neu- 
Warthauer Schichten) gegen unterturonen Quader verwerfend, 
in durchaus typischer Weise entwickelt. Das Gleiche gilt 
von den basalen Schichten in der südöstlichen Fortsetzung 
bei Gr.-Hartmannsdorf, wenn auch natürlich kleinere Ver- 
schiedenheiten in der Mächtigkeit des Cenomans vorkommen, 
die auf Ungleich mäfsigkeiten des Untergrundes zurück- 
zuführen sind; im gröfsten Teil war dieser aber wohl ziemlich 
eben, wodurch eine an den meisten Stellen einigermafsen 
gleichmälsige Mächtigkeit des Cenomans von etwa 30 m 
bedingt wurde. 

Man wird daher zur Annahme einer Krustenbewegung 
genötigt, die allerdings nicht sehr erheblich war. Das Auf- 
treten des Muschelkalkes nordöstlich der Linie Hermsdorf 
an der Katzbach — Gr.-Hartmannsdorf erklärt sich dann 
vielleicht durch eine alte Bruchlinie, die den Muschelkalk 
ins Niveau des Buntsandsteins warf, wenn man nicht eine 
ganz flache dem Auge unmerkliche präcenomane Faltung der 
Triasschichten annehmen will, die neben dieser Bruchlinie 
auch noch zur Erklärung der Auflagerung auf den oben 
genannten verschiedenen Buntsandsteinhorizonten heran- 
gezogen werden könnte. Ganz gewifs wird eine Neigung 
der Schichten, die um nur etwa 1« von der des Cenomans 
abweicht, dem Auge entgehen und doch würde sie bereits 
in 10 km Entfernung eine Niveaudifferenz von etwa 200 m 
hervorbringen. Auch die Messung mit Bergkompafs und 
Senkel wird hier versagen, da ein solch geringer Betrag 
noch innerhalb der Grenzen der Fehlerquellen liegt. Übrigens 
würde die Richtung einer derartigen Verwerfungslinie Herms- 
dorf — Gr.-Hartmannsdorf nur wenig von der späteren post- 
kretazischen Hermsdorfer Spalte (Hermsdorf — Hockenberge) 
abweichen. 

Uber das genaue Alter dieser Störungen läfst sich 
zunächst Bestimmtes nicht aussagen, vermutlich dürften 

21* 



324 



Hans Scupin, 



[4] 



sie spätjurassisch oder altkretazisch sein. Jedenfalls 
war diese Geländeverscliiebung der jurassisch-altlcretazischen 
Landmasse beim Einbruch des Kreidemeeres schon wieder 
mehr oder weniger durch Denudation eingeebnet. 

Weiter wird das Auftreten prätertiärer gebirgsbildender 
Kräfte bewiesen durch das Auftreten von Gerollen älterer 
Schichten in der Kreide. Abgesehen von den für die Be- 
trachtung fortfallenden basalen Schichten, die stellenweise 
aus Gerollen gebildet sind, welche die eindringenden Wogen 
des Kreidemeeres vielleicht bereits vorfanden und in ihre Sand- 
massen aufnahmen, sind GeröUe, die Nähe des Landes an- 
zeigend, in verschiedenen jüngeren Horizonten der Kreide, im 
Unter-.Mittel- und Oberturon (Rabendocken-Sandstein, Ludwigs- 
dorfer Sandstein) im Emscher und Untersenon (Oberquader und 
Uberquader)!) zu finden, doch sind es fast ausschliefslich 
Quarzgerölle, über deren Herkunft sich Genaues nicht aus- 
sagen läfst. Ursprünglich den Quarzgängen der nieder- 
schlesischeu Tonschieferformation entstammend, haben sie 
wahrscheinlich zuletzt dem Buntsandstein angehört, der an 
verschiedenen Stellen geröllführend, gelegentlich sogar als 
konglomeratischer Sandstein, so bei Lähn, entwickelt ist. 

Von Bedeutung wird erst ein einzelnes Geröll, das ich 
im Untersenon nördlich Langenau unweit Görlitz aus dem 
anstehenden konglomeratischen Sandstein des Untersenon 
herausschlug. Das Stück selbst besteht wieder aus einem 
verfestigten konglomeratischen Sandstein und zeigt kleine 
Milchquarzgerölle, die durch einen gelblichen, kaolinisierten 
Feldspat führenden Sandstein verkittet sind. Die bei der 
Kaolinisierung frei gewordene Kieselsäure hat einzelne kleine 
Quarzkriställchen gebildet. Nach meiner Kenntnis der Ge- 
steine der ganzen Gegend kann das Geröll nur ein ge- 
bleichtes Stück der rotliegenden geröllführenden 
Arkosen sein, wie sie besonders im Mittelrotliegenden in 
der sich weit nach Westen erstreckenden Löwenberger 
Hauptmulde sehr verbreitet sind, die also ursprünglich von 
Zechstein und Trias bedeckt, zur Zeit des Untersenon stellen- 
weise bereits freigelegt sein mufsten. 

') Über die Lokalbezeichniingeu für die einzelnen Kreidehorizonte 
hier und weiter unten vgl. die zitierte Arbeit des Verfassers. 



Sudetische prätertiäre junge Krustenbewegungen usw. 325 



Gesichtspunkte allgemeinerer Art sind es endlich, die 
ebenfalls die Annahme einer prätertiären Krustenbeweguug 
im Vorlande der Sudeten fordern. Es ist die Verteilung 
von Wasser und Land, wie sie auf Grund der 
petrographischen und faunistischen Verhältnisse zur 
Kreidezeit in Schlesien, Böhmen und Sachsen wohl 
anzunehmen ist. 

Die positive Strandversehiebung am Beginn der oberen 
Kreide, welche den Einbruch des Meeres nach Sachsen, 
Schlesien und Böhmen verursachte, vollzog sich hier offen- 
bar nicht gleichmäfsig , vielmehr scheinen ausgedehnte 
Schollen der altkretazischen Landmasse in der Umgebung 
stehengebliebener Pfeiler, die unten näher zu kennzeichnen 
sind, abgesunken zu sein. Lepsius') hat sich bereits bei 
Behandlung der sächsischen Kreide in ähnlichem Sinne 
geäufsert, indem er für den Einbruch des Kreidemeeres eine 
grabenartige Einsenkung zwischen Erzgebirge und Lausitzer 
Platte annahm, die nach ihm ebenso wie das Riesen- und 
Isergebirge aus dem Meere hervorragten. 

Allerdings möchte ich Lepsius bezüglich dieses präceno- 
manen Grabens nicht beipflichten. Ich glaube, dafs die 
Lausitzer Platte und mindestens ein sehr grolser Teil des 
Erzgebirges, dessen östlichen Teil bei Tharandt, Dippoldis- 
walde, Markersbach und Nollendorf Lepsius allein vom 
Meere bedeckt sein läfst, zur Kreidezeit unter Wasser 
lagen. 

Man darf aus dem Fehlen von Kreideablagerungen hier 
keinen Schlufs auf fehlende Meeresbedeckung ziehen. Mit 
Partsch^) glaube ich vielmehr, dafs über die Lausitzer 
Platte hin ein unmittelbarer, höchstens ganz lokal unter- 
brochener Zusammenhang zwischen den sächsischen und 
den Ablagerungen der Bunzlau - Löwenberger Kreidemulde 
bestanden hat. Erst am Beginn des Senons könnte die 
Verlandung vom Süden aus solche Fortschritte gemacht 
haben, dals auch ein Teil der Lausitzer Platte trocken 
gelegt war. Die niederschlesische Kreide ist z. Zt. bis etwas 



1) Geologie von Deutschland II, S. 174, 175 Fufsnote. 
Schlesien S. 149. 



326 



Hans Scupin, 



[6] 



westlich der Neisse im Untergrunde nachgewiesen. Wenig 
östlich der letzteren fallen die Schichten des oberen Emschers 
(schlesischer Oberquader) bei Nieder-Bielau in etwa 180 m 
Höhe (unweit der Bahnstrecke Kohlfurt — Horka) mit steilem 
Fallen von 60" von dem Lausitzer Granit gegen NO. ab, 
den sie einst, wenigstens zum grofsen Teil, bedeckt haben 
dürften, und an dessen Nordostrand die sonst ziemlich 
flaches Einfallen von etwa 10 — 15« zeigende Mulde in die 
Tiefe geglitten ist. 

In der böhmisch-sächsischen Kreide überragt das mittlere 
Turon des hohen Schneeberges mit 720 m Höbe bereits er- 
heblich die höchsten Erhebungen des Lausitzer Hügellandes, 
die etwa 600 m erreichen. In der Südwestecke des Blattes 
Kosenthai — Hoher Schneeberg liegt sogar schon die Basis 
des Cenomans 550 m hoch. Wird man auch diese Teile 
als gehoben betrachten müssen , so steht dieser Hebung 
wiederum auch die sehr bedeutende Hebung des Lausitzer 
Granits gegenüber. Auch an der Lausitzer Uberschiebung 
liegt der Brongniarti-Quader schon in beträchtlicher Höhe, 
die am Oybin mit 580 m fast den höchsten Erhebungen des 
Lausitzer Granits gleichkommt. 

Da die etwa 300 m tiefer liegende Unterkante des 
Cenomans natürlich in jedem Falle über die Lausitzer Spalte 
übergegriffen haben mufs, so ergibt sich hierdurch eine 
Höhendift'erenz in positivem Sinne gegenüber dem Lausitzer 
Bergland, deren Ausgleich dann nur durch eine sehr viel 
energischere Abtragung des Lausitzer Granits und der ihm 
aufgelagerten Schollen gegenüber dem Quadersandstein ge- 
dacht werden könnte. Sollte ein Teil der Lausitzer Platte 
vom Meere unbedeckt geblieben sein, so könnte dieser jeden- 
falls infolge des anzunehmenden Übergreifens der Kreide- 
ablagerungen auf diese im Nordosten und Südwesten also 
wohl nur recht unbedeutend gewesen sein, zumal auch 
noch in der Überschiebungsspalte , dicht bei Hinterdaubitz,^) 

') Vgl. K. Priemel, Die Braunkohlenformation des Hügellandes 
der preufsischen Oberlausitz, Zeitschr. f. d. Berg-, Hütten- und Salinen- 
wesen, 55, 1907, S. 53. 

2) Blatt Hinterhermsdorf— Daubitz der geol. Spezialkarte des 
Königreichs Sachsen. 



Sudetische prätertiäre junge Krustenbewegungen usw. 327 



Cenoman in mergeliger Fazies (Plenus-Zone) erhalten ist, 
das mit dem gleichen Hechte als etwas küstenfernere Ab- 
lagerung angesprochen werden kann, wie umgekehrt die 
konglomeratischen Sandsteine, die in der Nähe der Uber- 
schiebungaspalte am Oybin sowie auch zwischen Hinter- 
daubitz und Hinterhermsdorf auftreten, als Zeichen einer 
alten Küste betrachtet worden sind. 

In gleicher Weise ist bezüglich des Erzgebirges das 
Auftreten von CenomanschoUen am Sattelberge nördlich 
Schönwalde 1) mit einer Unterkante von 670 m Höhe sowie 
weiter westlich in etwa 850 m Höhe bemerkenswert, so 
dafs wohl nur die allerhöchsten Erhebungen des überfluteten 
Gebietes aus dem Meere hervorgeragt haben dürften. 

Dagegen kann man aus den Faziesverhältnissen in 
der sächsischen Kreide auf ein weiter südöstlich ge- 
legenes Festland schlielsen, das etwa in der Gegend des 
Iser- und Riesengebirges gesucht werden mufs. 

In den meisten Horizonten der sächsischen Kreide geht 
die sandige Fazies mehr oder weniger deutlich gegen Süd- 
osten in die mergelige über.^) Es zeigt sich das besonders 
gut in der Labiatus-, Brongniarti- und Scaphiten-Zone (= oberer 
ßrongniarti-Quader und -Pläner der sächsischen Geologen). 
Auch der Baculiten-Mergel von Zatzschke (= oberste Sca- 
phiten-Zone) keilt gegen Südosten aus, und ebenso wird im 
Cenoman der Pläner der Zone des Äctinocamax plenus im 
Südosten allmählich durch Plänersandstein ersetzt. Aller- 
dings ist die Faziesänderung in dieser Zone keine so gleich- 
mäfsige ; die Gesetzmäfsigkeit wird hier lokal gestört durch 
die Unregelmäfsigkeit der von der Transgression betroffenen 
Fläche, die infolge der erst allmählich eintretenden Uber- 
flutung der höchsten Erhebungen Veranlassung für die Bil- 
dung der bekannten Klippenfazies und wohl auch der 
zwischen Dresden und Freiberg vorkommenden Pläner- 
sandsteine wurde, was jedoch für die Betrachtung selbst 
belanglos bleibt. Ebenso kann man diese Faziesverschiebung 

^) Vielfach auch als Spitzberg bezeichnet. 

2) Vgl. hierüber auch Petraschek, Studien über Faziesbildungen 
im Gebiete der sächsischen Kreideformation. Abhandl. d. naturw. Ges. 
Isis, Dresden 1899, II, S. 53. 



328 



Hans Scupin, 



[8] 



im unteren Cenoman natürlich nicht erwarten, da hier beim 
Vorrücken des Meeres jeder Punkt einmal Küste war. 

Auch in Böhmen sind ganz ähnliche Fazies- 
verschiedenheiten bemerkbar. Die sandigen Iserschichten 
sind in der Nähe des Gebirgsrandes, die mehr mergeligen 
Weifsenberger, Malnitzer und Teplitzer Schichten in gröfserer 
Entfernung von dem Gebirge zur Ablagerung gelangt. Sehr 
gut veranschaulichen das auch die Karten des Komitees 
für die naturwissenschaftliche Landesdurchforschung von 
Böhmen, auf der die ersteren mit gelb-grünen, die letzteren 
mit blauen Tönen angelegt sind, so dafs der Gegensatz 
trotz einzelner Ungenauigkeiten der Karte besonders an 
der sächsischen Grenze, gut zum Ausdruck gelangt. Auch 
auf der neuen CREDNERschen geologischen Übersichtskarte 
von Sachsen wird durch die Farbenwahl die eben ge- 
schilderte Verteilung deutlich veranschaulicht. Näher an 
den Gebirgsrand rücken nur die mergeligen Priesener 
Schichten heran, die in ihrem untersten Teile den ßaculiten- 
Mergeln von Zatzschke entsprechen, während sie in ihrem 
oberen Teile in der Nähe des Gebirgsrandes das mergelige 
Äquivalent des sächsischen Überquaders (Cuvieri - Zonei), 
weiter ab vielleicht noch die küstenfernere Fazies der san- 
digen Chlomeker Schichten (Emscher) darstellen. Auch sie 
keilen gegen den Gebirgsrand hin aus und sollen nach 
Fritsch am Jeschkengebirge nordöstlich von Turnau bei 
Vorderad und Zbiroh bereits zwischen den Sandsteinen 
der Iserschichten und Chlomeker Schichten nicht mehr vor- 
handen sein. 

Man ist daher wohl genötigt, das Kiesen- und 
Isergebirge als landfest anzunehmen, um sie herum 
gruppieren sich im Nordwesten, Westen und Südwesten 
Zonen zunächst mehr grobklastischer, peripherisch dann 
feinklastischer Sedimente, wobei der Gürtel der fein- 
klastischen, mergeligen Sedimente sich bald enger um dieses 
Zentrum schliefst, bald wieder weiter abrückt, den Fazies- 
wechsel nun auch im Vertikaldurchschnitt zum Ausdruck 
bringend. Die Form der Gürtel ist natürlich nicht überall 



1) Scupin a. a. 0. S. 698. 



Sudetische prätertiäre junge KrustenbeweguDgen usw. 329 



die gleiche in den einzelnen Horizonten, sie tiberschneiden 
sich vielmehr und sind bald mehr, bald weniger gegen 
Norden vorgeschoben. Im Norden haben sich diese Zonen 
dann wohl über die Lausitzer Platte fortgezogen, wo sie 
später wieder abgetragen wurden, und so schoben sich 
zur Zeit des Mittelturons, in der die Bildung klastischer 
Sedimente besonders intensiv war, offenbar auch jene 
geröllführeuden Sande nach Norden weit ins Meer vor, die 
dann zur Bildung des „geröllführenden Brongniarti-Quaders" 
Anlafs gaben,!) der in der Gegend von Oybin stellenweise 
geradezu konglomeratisch wird. Man darf sich vorstellen, 
dafs sich diese grobklastisehen Sandsteine mit Gerollen bis zu 
Taubenei-Gröfse, die Lepsius zur Annahme eines im Norden 
liegenden Festlandes der Lausitzer Platte veranlafsten, eben- 
falls einst über die jetzige Uberschiebungslinie fort auf der 
dem Jeschkengebirge nördlich vorgelagerten Lausitzer Senke 
ausgebreitet haben. 

Im Nordosten, in der niederschlesischen Kreide, speziell 
der Kreide der sehlesischen Oberlausitz, sind die älteren in 
Betracht kommenden Horizonte, jüngeres Cenoman (Plenus- 
Zone) Labiatus, Brongniarti- und Scaphiten-Zone, die bei 
Löwenberg mergelig oder mergelig -sandig entwickelt sind 
— das untere Cenoman scheidet wieder für die Betrachtung 
aus — , durch Diluvium verdeckt. Das Gleiche gilt von 
der auch bei Löwenberg sandig entwickelten Cuvieri-Zone 
(Ludwigsdorfer Sandstein) und dem tonig- sandigen bezw. 
mergelig - sandigen unteren Emscher (Neu -Warthauer 
Schichten). Die in Böhmen und Sachsen beobachtete Zu- 
nahme des grobklastischen Charakters der Sedimente nach 
dem Gebirgsrande hin, läfst sich daher in diesen Schicht- 
gliedern hier nicht feststellen. Auffallenderweise ist eine 
solche von Löwenberg aus nur gegen Osten hin von der 
Plenus-Zone an bis in die Scaphiten-Zone zu beobachten, 
so dafs wir hier eine Landmasse anzunehmen haben, von 
der noch weiter unten die Rede sein soll. 

Dagegen zeigt sie sich wieder im oberen Emscher (Ober- 



') Blatt Zittau — Oybin-Lausche der geologischen Spezialkarte des 
Königreichs Sachsen. 



330 



Hans Scupin, 



[10] 



quader) undUntersenon (schlesischer Uberquader), die beide ge- 
legentlich grobe konglomeratische Bänke enthalten. Besonders 
gut sind diese in dem oben genannten Steinbruche in Nieder- 
Bielau an der Neifse (Emscher), ferner in einigen Stein- 
brüchen zwischen den Bahnstrecken Horka -Kohlfurt und 
Görlitz -Kohlfurt, sowie nördlich Langenau unweit Görlitz 
(Untersenon) zu beobachten. •) Auch weiter östlich zwischen 
Tiefenfurt und Wehrau am Queis sind konglomeratische 
Untersenonschichten an der Chaussee aufgeschlossen, ebenso 
tragen die kohleführenden Untersenonschichten im Queis- 
tal bei Wehrau -Klitschdorf einen stärker grobklastischen 
Charakter als sonst. Es scheint, als ob am Beginn des 
Untersenons die Verlandung im Norden und Nordosten des 
Festlandes bereits grofse Fortschritte gemacht habe, so dafs 
sich die grobklastischen Sedimente nun auch weiter vorschoben. 

Im Osten des Riesengebirges sind mergelige Schichten der 
Plenus-Zone, sowie der Labiatus-, Brougniarti- und Scaphiten- 
Zone am Grünauer Spitzberg bei Lähn in nur ungefähr 12 km 
Entfernung vom Gebirgsrand vorhanden; man wird daher 
annehmen müssen, dafs die in einer Höhe von 380 — 480 m 
auftretenden vom Gebirgsrande abfallenden Ablagerungen 
sich noch bis über den nachträglich eingesunkenen Hirsch- 
berger Talkessel erstreckten, wie auch Gürich^) schon die 
Vermutung ausgesprochen hat, dafs dieser einst eine Kreide- 
scholle getragen habe, die erst der starken Erosion der 
Gebirgswässer zum Opfer gefallen sei. Ebenso haben sich 
wohl die Ablagerungen der Löwenberger Gegend bis etwa 
in die Gegend des heutigen (jungen) Gebirgsrandes am 
Isergebirge erstreckt, der ähnlich scharf ausgeprägt ist wie 
der Hirschberger Kessel und bemerkenswerter Weise in die 
Richtung der oben genannten Linie fällt, an der die nieder- 
schlesische Dyas- Trias -Kreidemulde gegen die Lausitzer 
Platte ins Liegende verschoben ist. 

In gleicher Weise zeigen auch am Erzgebirge aufser 
den hoch liegenden Kreideschollen die Faziesverhältnisse, 

») Näheres über die Kreide dieses ganzen Gebietes bringt eine 
unlängst abgeschlossene in der Paläontographica erscheinende umfang- 
reichere Abhandlung: Die Löwenberger Kreide und ihre Fauna. 
Geologischer Führer ins Riesengebirge, S. 27. 



Sudetische prätertiäro junge Krustenbewegungen usw. 331 



dafs dieses wenigstens zum grofsen Teil noch nicht land- 
fest war. Auch die durch den Randbruch vom heutigen 
Erzgebirge getrennten böhmischen mergeligen Kreide- 
ablagerungen sind offenbar in gröfserer Entfernung von 
der Küste abgelagert und gehören derselben oben genannten 
peripherischen Randzone feinklastischen Charakters an, wie 
die mergeligen Ablagerungen im Nordwesten des sächsischen 
Kreidegebietes, mit denen sie über den Rücken des heutigen, 
erst in tertiärer Zeit herausgehobenen Erzgebirges hinfort 
in Verbindung gestanden haben dürften. 

Man wird sich das Auftreten einer Landmasse innerhalb 
des Kreidemeeres, wie sie oben nachzuweisen versucht wurde, 
am ungezwungensten wohl durch tektonische Vorgänge, 
Bildung eines Horstes, erklären. "Natürlich wäre dasselbe an 
sich selbst kein Beweis gegen die Süss sehe Auffassung der 
positiven Strandverschiebung, deren Bedeutung neben tek- 
tonischen Vorgängen nicht abzustreiten bleibt, dagegen 
gewinnt es in Verbindung mit den anderen oben angeführten 
Tatsachen erhöhte Bedeutung. Die anzunehmenden kreta- 
zischen Krustenbewegungen können als Fortsetzung der 
älteren oben geschilderten aufgefafst werden, die nordöstlich 
der Linie Hermsdorf an der Katzbach — Gr. -Hartmannsdorf 
den Muschelkalk ins Niveau des Buntsandsteins verschob und 
sind Vorläufer der jungen wohl tertiären i) Bewegung, welche 

Da Obersenon in Schlesien nicht vorhanden ist, wie früher an- 
genommen wurde, so läfst sich das Alter der jüngeren Gebirgsbildung 
nicht mit voller Schärfe präzisieren. Die jüngsten gehobenen Kreide- 
schollen in der Heuscheuer gehören dem Emscher an, die jüngsten an 
der Faltung beteiligten Kreideschichten nördlich des Riesengebirges 
dem Untersenon. Der frühestens oberoligocäne Knollenstein unter der 
miocänen Braunkohle liegt bereits diskordant über der Kreide. Da es 
ganz allgemein nicht gerade wahrscheinlich ist, dafs die bis zur Ab- 
lagerung der Knollensteine erfolgte Abtragung nur genau gerade bis 
zu den zuletzt abgelagerten Kreideschichten vorgedrungen sein sollte, 
mit anderen Worten, dafs alle abgetragenen Schichten diskordant über 
dem Untersenon gelegen haben sollten, so wird es wahrscheinlich, dafs 
auch noch jüngere gefaltete Schichten abgetragen worden sind. Die 
Faltung könnte also dann frühestens in der allerobersten Kreide ein- 
gesetzt haben. Die auf der Beyrichschen Karte in übergreifender 
Lagerung eingetragenen, angeblich noch zur Kreide gehörigen Ab- 
lagerungen sind bekanntlich schon Tertiär. 



332 



Hans Scupin, 



[12] 



nach wie vor den Hauptanteil an der Herausbildung der 
Sudeten trägt und die Kreide in Böhmen und der Grafschaft 
Glatz in so bedeutende Höhe hob, die in der Heuscheuer 
mehr als 900m erreicht. Sie muldete die Kreidegebiete 
im Norden und Süden des Riesengebirges, die doch 
wohl einst am Landeshuter Pafs in einem erst 
später abgetragenen Sattel in Verbindung standen. 

Partsch') hat die Möglichkeit des einstigen Zusammen- 
hanges dieser jetzt räumlich getrennten Kreidegebiete, der 
sich bis Grüssau erstreckenden Adersbach -Weckelsdorfer 
Mulde und des südlichsten Zipfels der Löwenberger Kreide, 
der Lähner Grabenmulde, bereits in Erörterung gezogen, 
meint aber, dafs sich der Zusammenhang nicht strikt be- 
weisen lasse. Immerhin scheint mir doch nach den neueren 
Untersuchungen von Flegel-) die Wahrscheinlichkeit eine 
ziemlich grolse. Bemerkenswert ist besonders, dafs sich 
die feinklastischen Sedimente am Ende des Cenomans und 
am Beginn des Turons hier so weit gegen einander vor- 
schieben. Sie sind in beiden Mulden noch in den äufsersten 
einander zugekehrten Zipfeln zur Ablagerung gelangt; so 
ist das obere Cenoman (Plenus-Zone) in der Lähner Kreide 
am Grünauer Spitzberg als Mergel, in der Adersbach- 
Weckelsdorfer Kreide bei Grüssau als Plänersandstein, die 
Labiatus-Zone am Grünauer Spitzberg als Mergelsandstein, 
bei Grüssau als Pläner entwickelt. Die Entfern img beider 
beträgt nur etwa 30 km. In der Brongniarti-Zone ist dieser 
Meeresarm, der also die „Riesengebirgsinsel" südösthch 
umschlang, dann zeitweise versandet, wie die Vorkommen 
von Brogniarti- Quader beweisen, ob bis zur völligen Aus- 
füllung, ist nicht zu sagen. 

Dieser Meeresarm dürfte nicht allzu breit gewesen sein, 
denn bereits wenig weiter gegen Südosten ragte oifenbar 
eine zweite alte Laudmasse aus dem Kreidemeere 
heraus, die in gleicher Weise wie die Riesengebirgsinsel 

1) Parts ch, Schlesien S. 149. 

Heuscheuer und Adersbach -Weckelsdorf. Eine Studie über die 
obere Kreide im böhmisch -schlesischen Gebirge. Festschr. d. schles. 
Ges. f. vaterl. Kultur z. Tagung d. deutsch, geol. Ges. in Breslau, 
Sept. 1904, III. 



Sudetische prätertiäre junge Krustenbewegungen usw. 



333 




334 



Hans Scupin, 



[U] 



durch Absinken der umgebenden Landschollen als Pfeiler 
stehen geblieben war (vgl. vorstehende Kartenskizze.) 

Auch hier sind es die Faziesverhältnisse, der Aders- 
baeh-Weckelsdorf er sowie der Heuscheuer Kreide, 
die auf eine derartige Landmasse hinweisen. Wie Petra- 
schek') und Flegel 2) erkannten, geht der Turonquader 
auf der Südwestseite der Wünschelburger und Braunauer 
Lehne infolge von Fazieswechsel in Mergel über. In 
gleicher Weise hat Sturm auf das Vorhandensein sandiger 
Bildungen in der Brongniarti-Zone westlich und nordwestlich 
Habelschwerdt hingewiesen, während diese weiter südlich 
mergelig entwickelt ist. Wir gelangen also auch hier zu 
der Vorstellung einer Landmasse im Nordosten, die 
etwa im Eulengebirge, sowie den später durch den ost- 
sudetischen Randbruch getrennten Reichenbacher und 
Strehlener Gneisen gesucht werden könnte. 

Im tiefsten Turon und wenigstens in der obersten Sca- 
phiten-Zone ist ein solcher Fazieswechsel innerhalb des 
einen Horizontes nicht wahrzunehmen; der Inoceramus 
Brongniarti führende Quader wird sowohl von Mergeln unter- 
wie überlagert und wir müssen daher annehmen, dafs vorher 
und nachher die Küste weiter gegen Nordost vorgeschoben 
war und die hier gebildeten grobklastischen Küstensedimente 
der Erosion zum Opfer gefallen sind. Das unterste 
Turon ist hier ebenso wie die jüngere Scaphiten- 
Zeit und auch vorher schon das oberste Cenoman eine 
Periode verstärkter positiver Strandverschiebung, 
die Brongniarti-Zeit eine Periode verstärkter Sedi- 
mentation, die möglicherweise noch bis in die ältere Sca- 
phiten-Zeit hineinreicht.*) Ob sich auch hier wie in Sachsen 

^) Zur Geologie des Heuscheuergebirges. Verhandl. d. k. k. geol. 
Reichsanst, 1903, N. 13. 
2) a. a. 0. S. 17. 

') Der Sandstein von Kieslingswalde in der Grafschaft Glatz und 
seine Fauna. Jahrb. d. preufs. geol. Landesanst. 1900, S. 43. 

*) Flegels Brongniarti-Pliiner in der Heuscheuer uuafafst, wie ich 
glaube, noch die Labiatus-Zone, der vielleicht auch noch der unterste 
Teil des sie im Nordosten des Gebietes überlagernden Quaders an- 
gehört. Andererseits könnte dieser Quader möglicherweise, was jedoch 
nicht erwiesen ist, ähnlich wie in den sog. Brongniartischichten in 



Sudetische prätertiäre junge Krustenbewegungen usw. 335 



und an anderen Punkten der Iserschichten Böhmens infolge 
erneuten Vordringens des Meeres wieder Mergel zwischen 
die sandigen Schichten des Unter- und Mittelturons drängen 
(Brongniarti-Mergel s. str. des hohen Schneeberges, Zwischen- 
pläner der Iserschichten)*) ist auch nach den Untersuchungen 
Flegels noch nicht entschieden. 2) 

Die eben genannte Landmasse im Nordosten der Aders- 
bach -Weckelsdorfer und Heuscheuer-Kreide stellt wohl einen 
Teil eines Festlandes dar, das sich zwischen die ober- 
schlesischen und böhmischen Kreideablagerungen 
schob und das auch aus faunistischen Gesichts- 
punkten heraus vermutet werden kann. Leonhard^) hat 
in seiner Abhandlung über die oberschlesische Kreide bereits 
darauf hingewiesen, dafs wohl das oberschlesische Kreide- 
meer in keinem unmittelbaren Zusammenhange mit dem 
böhmischen bezw. dem Löwenberger gestanden habe, und 
dafs vielmehr engere faunistische Beziehungen zu den bal- 
tischen Kreideablagerungen vorhanden seien. Die Neu- 
bearbeitung der Löwenberger Fauna hat diese Auffassung 
bestätigt. Es fehlen in Oberschlesien die für die Scaphiten- 
zone der böhmisch- sächsisch -niederschlesischen Kreide so 
bezeichnenden Formen wie Nucula producta aud.*) Leda 

Sachsen, noch in die Scaphiten-Zone hineinreichen, da nach Jahn (Jahrb. 
der k. k. geol. Reichsanstalt, 1895, S. 215) auf den Iserschichten, zu denen 
der Quader gehört, im östlichen Böhmen nirgends Teplitzer Schichten 
(untere Scaphiten-Zone) beobachtet sind. Alle früher als Teplitzer 
Schichten angesprochenen Schichten über den Iserschichten haben sich 
vielmehr als Priesener Schichten (obere Scaphitenschichten bezw. Mergel 
von Zatzschke + Cuvieri-Zone) erwiesen. Es ist daher auch nicht aus- 
geschlossen, dafs auch an der Heuscheuer die den Quader über- 
lagernden Mergel erst dem oberen Scaphitenhorizont zuzurechnen sind, 
dessen untere Abteilung dann im Nordosten noch sandig vertreten wäre. 

Fritsch, Iserschichten, Archiv für Landesdurchforschung v. 
Böhmen, V, 1883, S. 5. 

^) Die Kreide an der böhmisch -schlesischen Grenze, Jahrb. d. k. 
k. geol. Reichsanstalt, Bd. 55, 1905, S. 55. 

^) Die Fauna der Kreideformation in Oberschlesien, Paläonto- 
graphica, 44, 1897/98, S. 20. 

*) Besser mit dem neuen Namen Nucula productotdes zu bezeichnen, 
unter dem sie in der angekündigten Abhandlung beschrieben und ab- 
gebildet ist. 



336 



Hans Scupin, 



[16] 



semüunaris Reufs, Pleurotomaria haculitarum Gein., Ben- 
taliuni medium Sow.; umgekehrt ist Ananchytes ovata Leske 
Oberschlesien und Wollin gemeinsam, während diese sonst 
so häufige Form in der böhmisch-sächsisch-niederschlesischen 
Entwicklung der Kreide fehlt. 

Im Süden legt sich zwischen die glätzischen und ober- 
schlesischen Kreideablagerungen das Reichensteiner und 
Altvatergebirge, die als südliche Fortsetzung dieser 
Landmasse aufgefafst werden können. Diese kann hier 
stellenweise nur eine geringe Breite gehabt haben. Die 
Entfernung zwischen der Kreide bei Leobsehütz und den 
Kreideablagerungen im Graben der Glatzer Neifse bei 
Kieslingswalde beträgt nur etwa 80 km. Nun ist der, wie 
bekannt, zum Emscher gehörige Kieslingswalder Sandstein, 
der sich natürlich noch über seine jetzigen, durch Brüche 
bezeichneten Grenzen hinaus erstreckt haben mufs,i) sieher 
bereits in gröfserer Küstennähe zur Ablagerung gelangt als 
das ihn unterlagernde mergelige, mittlere und obere Turon, 
die Kieslingswalder Tone, die den böhmischen Teplitzer 
und Priesener Schichten entsprechen. Der trennende Land- 
streifen mufs also am Ende der Turonzeit eine noch ge- 
ringere Breitenausdehnung gehabt haben. 

Nach Norden hin könnte sich diese Landmasse vom 
Eulengebirge über das Zobtengebirge und etwa den 
Granit und die alten Schiefer bei Striegau - Jauer 
fortgesetzt haben. Weiter nördlich, östlich von Goldberg, 
war die Landmasse dann wohl ebenfalls zum grofsen Teil 
aus den alten Schiefern der niederschlesischen 
Tonschieferformation zusammengesetzt. 

Auch hier im Löwenberger Becken^) weist, wie schon 
oben angedeutet, die Zunahme des grobklastischen 
Charakters der Kreideablagerungen in verschiedenen 
Zonen nach Osten auf ein dort liegendes Festland 
hin, eben dieser nördlichen Forsetzung der Eulengebirgs- 

Vgl. Sturm, Der Sandstein von Kieslingswalde und seine 
Fauna, Jahrb. d. preufs. geol. Landesanstalt, 21, 19üü, S. 39. 

Nicht „Löwenberger Bucht", wie ziemlich allgemein auch noch 
in neueren Werken zu lesen. Dafs es sich hier nicht um eine solche 
handelt, ergibt sich aus den obigen Ausführungen. 



fl7] Siidctisfhü prätertiäre junge Krustenbeweguiigen usw. 337 

landmasse, die wohl als im Süden wnrzelude Halbinsel an- 
zusehen ist. 

Bereits am Ende des Cenomans zeigt sieb eine Fazies- 
verschiebung in der genannten Kicbtung, indem der Pläner 
der Plenus-Zone in der Goldberger Gegend teilweise durch 
Plänersandsteiu ersetzt wird.i) In gleicher Weise ist die 
Labiatus- und ßrongniarti-Zone bei Löwenberg als Mergel- 
sandstein entwickelt, der zwischen Löwenberg und Gold- 
berg durch einen mittel- bis grobkörnigen, stellenweise 
konglomeratische Bänke enthaltenden Sandstein (Raben- 
dockensandstein) vertreten wird und besonders schön im 
Katzbachtal sowie östlich desselben autgeschlossen ist. 
Ebenso scheinen die tonigen Mergel der oberen Scai)hiten- 
zone (Gr.-Raekwitzer Scaphitenmergel = Baculitenmergel 
von Zatzschke) unweit Löwenberg, im Osten in der Gold- 
berger Gegend nicht mehr vorhanden zu sein, hier wurden in 
der Scaphiten-Zone nur Mergelsandsteine beobachtet. Wie 
sich die Halbinsel weiter nach Norden erstreckt hat, ist 
natürlich nicht zu sagen. 

Die Senkung des Gebietes in der Umgebung der 
eben geschilderten Landmassen hielt während des 
ganzen Cenomans und Turons an und kam erst im 
Laufe des Senons zum Stillstand. Durch die Senkung 
des Mündungsgebietes der einmündenden Flüsse wurde deren 
Gefälle und damit ihre erodierende Kraft erhöht, und es 
zeigt sieh nunmehr gewissermafsen das Bestreben, die 
Senkung des Meeresgrundes durch vermehrte Sedimentation 
wieder auszugleichen, wobei bald die erstere bald die letztere 
das Ubergewicht erlangt. 

Gegen Ende des Cenomans ist infolge des Vorrückens 
des Meeres im weiteren Umkreis der geschilderten Landmassen 
feinklastisches Material auf dem gröberen des tieferen 
Cenomans niedergeschlagen worden; es bilden sich die Pläner 
und etwas weiter gegen die Küste hin die Plänersand- 

^) Vgl. Scupin, Die Gliederung der Schichten in der Goldberger 
Mulde, Zeitschr. d. deutsch, geol. Ges., 1902, S. 1U6 und Zimmer- 
mann, Der Bau der Gegend bei Goldberg, Jahrb. d. preuls. geolog. 
Landesanst. für 1902 (1905), S. 679; ferner Scupin, Neues Jahrb. f. Min., 
Beil. 24, 1907, S. 679. 

Zeitsclir. f. Naturwiss. Halle a. S. Bd. 82. 1910. 22 



338 



Hans ScuriN, 



[18] 



steine der Plenus-Zoue in Sachsen, Böhmen und Nieder- 
schlesien. 

Vom Turon an beginnt allmählich die Aufschüttung 
zuzunehmen, die nun an der Küste stärker wird als der 
Betrag der Senkung. Neue Sandraassen schieben sich über 
das feine Material der Plenus-Zone und rücken allmählich 
von der Küste aus vor; es entstehen der Labiatus- und 
Brongniarti- Quader Sachsens, die Iserschichten Böhmens, 
denen auch der oben genannte Brongniarti-Quader der Aders- 
bach-Weckelsdorfer Felsen und der Heuscheuer zuzuzählen ist, 
und der sog. Rabendocken- Sandstein der Löwenberger Kreide 
in der Katzbach-Gegend. Erst in etwas gröfserer Entfernung 
von der Küste werden diese Sandmasseu, bei denen vielleicht 
auch ins Meer gewehte Dünen eine Rolle gespielt haben 
mögen, ') wieder durch Sedimente mergeligen Charakters ver- 
treten, die Labiatus-, Brongniarti- und Scaphiten- (Strehlener) 
Mergel in Sachsen und Nordböhmen, die Weissenberger, 
Malnitzer und Te])litzer Schichten Böhmens, die Mergel- 
sandsteine der Löwenberger Gegend und weiter südlich der 
Lähner Mulde. Während diese im Norden sich bald weiter 
vorschieben, bald wieder mehr vom Gebirge entfernen, in 
mehrfacher Wechsellagerung mit sandigen Ablagerungen, 
schliefslich aber im mittleren Turon (untere Seaphiten-Zone) 
den vordringenden Sandmassen weichen, macht das Meer 
in Schlesien, wo der Labiatus- und Brongniarti-Quader der 
Katzbach-Gegend (Rabendockensandstein) wieder von mer- 
gelig-sandigen Schichten (Hermsdorfer Mergelsandstein) über- 
lagert wird, am Beginn der Scaphiten-Zone wieder weitere 
Fortsehritte. Nicht ganz sicher ist der Zeitpunkt des er- 
neuten Vordringens des Meeres südwestlich des Eulengebirges -) 
im Heuscheuer- Gebirge und bei Adersbach -Weckelsdorf. 

Allgemein wird das Vorrücken des Meeres jedoch erst 
gegen Ende des Turons (obere Scaphiten-Zone). In Schlesien 
legt sich über den stellenweise auch reine Sandsteinbänke 
enthaltenden Löwenberger Mergelsandstein der stark thonige 

>) Eine AuffassuDg, der Herr Professor J. Walt her in der Dis- 
kussion dieses Vortrages Aiisdrucli gab und die jedenfalls nicht von 
der Hand zu weisen ist. 
Vgl. S. 334. 



[19| Sudetiseyie prätortiäre junge Krustenbewegungen usw. 339 

Scaphiten - Mergel von Grol's - Rackwitz , iu Sacbsen schiebt 
sich der ])etrügra])hi8ch iiud faimistisch vollstäudig- gleich 
artige Bakuliteu-Mergel von Zatzschke weit über die Saiid- 
massen des Broiigniarti-Quaders der sächsischen Schweiz. 
In Böhmen zeigt sich das gleiche Schauspiel. W ie die 
Karten des Komitees für Landesdurchforschimg von Böhmen 
erkennen lassen, ist keines der älteren mergeligen Schichten- 
systeme so weit gegen das Gebirge vorgeschoben wie die 
Priesener Schichten, deren tiefsten Horizont die Baku- 
liten-Mergel von Zatzschke darstellen, die hier vielfach die 
sandigen Iserschichten überlagern. Eine an Fischen und 
Cephalopoden reiche Fauna nimmt ihren Einzug.^) In dieser 
Zeit dürfte die gröfste Meerestiefe der ganzen Kreide- 
trausgression in Sachsen und Schlesien erreicht sein. 

Von jetzt ab zeigt sich hier ein ziemlich stetiges Flaeher- 
werden, das nur geleutlich zum Stillstand kommt und vielleicht 
auch wiederum einen kleinen Rückschritt erfährt. Es erfolgt 
wieder stärkere Zufuhr gröberen klastischen Materials, neue 
Sandmassen schieben sich in Sachsen über die mergeligen 
Ablagerungen der jüngsten Scaphiten-Zone, es entsteht der 
sächsische Uberquader. Derselbe Vorgang vollzieht sich in 
der nördlichen sehlesischen Kreide, wo sich ein ebenfalls 
zur Cuvieri-Zone gehöriger Quader, der Ludwigsdorfer Sand- 
stein über die Gr.- Rackwitzer Scaphiten-Mergel legt. Be- 
merkenswert ist das Auftreten zahlreicher Kaolinpartikelchen 
in dem eiugespülten Material, während solche in den älteren 
Sandsteinen des Mittelturons nur ausnahmsweise auftreten. 
Immer gröfsere Flächen des krystallinen Gebirges der 
Riesengebirgsinsel seheinen jetzt freigelegt zu werden, wenn 
auch die Kaolinbildung erst im Untersenon einen erheblicheren 
Umfang erreicht. 

Während in Sachsen 2) die Kreide mit dem Turon ab- 
schliel'st, läfst sich die geologische Entwicklung in Schlesien 
noch weiter verfolgen, wo im unteren Emscher die be- 

•) Auffallend ist übrigens die Kleinheit sehr vieler Arten. 

'■') Dafs in der sächsischen Kreide Senon nicht vorhanden ist, wie 
dies u. a. neuerdings auch Reinisch noch in seiner Geologie der 
deutschen Mittelgebirge angibt, glaube ich in dem oben genannten Auf- 
satz einwandsfrei bewiesen zu haben. 

22* 



340 



Hans Scupin, 



[20J 



kannten Neu -Warthauer- Schichten, wenn auch toniger, als 
die vorgenannten Sandsteine nnd gelegentlich mergelig-sandig 
werdend, durch die eingesehwenimten Reste von Landpflanzen, 
Blätter und Zweige. Zeugnis für die Nähe des Landes ab- 
legen. Noch deutlicher kommt die Küsteunähe zum Ausdruck 
in den sich auflegenden, wieder rein sandigen, lokal sogar 
konglomeratischen Schichten des oberen Emschers, des sog. 
schlesischen Oberquaders, in dem sich ebenfalls derartige 
Pflanzenreste, sowie besonders auch dickschalige Gastro- 
poden (Nerineen und Omphalien), zum Teil in massenhafter 
Anhäufung, und widerstandsfähigere Zweischaler {Ostreen, 
Tanopaeen) finden. Vielleicht darf man ans dem Auftreten 
konglomeratischer Bänke in diesen Schichten im Norden 
des Gebietes bei Nieder-Bielau an der Neisse im Gegensatz 
zu den weiter südöstlich gelegenen Gegenden der Mulde, 
wo Konglomerate erst wieder im Untersenon (Uberquader) 
auftreten, den Schlufs ziehen, dafs die Verlandung im Norden 
schnellere Fortschritte gemacht habe und erst allmählich auch 
mehr gegen Nordosten bezw. Osten vorgedrungen sei. 

Anders wie in Sachsen und im nördlichen Schlesien 
äufserte sich die Strandverschiebung im gröfsten Teile 
Böhmens und dem südlichen Schlesien, in der Grafschaft 
Glatz. Das Meer behielt hier noch länger seine bedeutendere 
Tiefe. Wohl treten auch in Böhmen in der Nähe des alten 
Gebirges am Schlüsse der Turonzeit sandige Bildungen auf 
— das Vorkommen von Turnau bei Vorderrad und Zbiroh 
am Jeschkengebirge wurde schon erwähnt — , doch dringen 
auch in weit gegen das Gebirge vorgeschobenen Gegenden, 
in der Heuscheuer, bei Kieslingswalde, bei Kreibitz erst 
gegen Beginn des Senons im Emscher wieder küstennahe 
Sedimente rein sandigen Charakters über die mergeligen 
der Scaphiten- und Cuvieri-Zeit vor, wenn auch bei Kieslings- 
walde die Cuvieri-Zone (obere Kieslingswalder Tone) bereits 
etwas sandiger als die Scaphiten - Zone (untere Kieslings- 
walder Tone) entwickelt ist. Noch weiter westlich sind viel- 
leicht, was noch nicht sicher zu entscheiden, auch nach 
Beginn des Senons küstenfernere Sedimente (oberste Priesener 
Schichten?) abgelagert worden, so dafs dann also die Ver- 
landung hierher noch später vorgedrungen wäre. 



[21] SiKit'tisclie prätcrtiiiro Krustenhevvegiingen usw. 341 



lü 8clile8icu, wo die geologischen Urkunden am weitesten 
rciclieii, hat das Land wohl am Hegiuu des Uuterseuons, 
wie schon angedeutet, bereits einen Zuwachs erfahren. Es hat 
sich ein schlammiges Becken gebildet, in dem Brackwasser- 
muscheln stellenweise in grofsem Individuenreichtum aber 
artenarm erscheinen. In massenhaften Anhäufungen bedeckt 
Cyrena cretacea Dresch. den zeitweise aus feinstem Tou- 
schlamm bestehenden Boden dieses Beckens; nur einige in 
stärker salzigem Wasser heimische, schon aus den älteren 
Meeresablageruugen bekannte Tiere sind daneben noch zu 
finden, wenige davon wie Cardium pectiniforme J. Müll, 
auch in gröfserer Häufigkeit. Die eingeschwemmten Land- 
pflanzenreste häufen sich. Blätter, Zweige und auch gröfsere 
Stamrastücke sind den eingespülten Ton- und Sandmassen 
beigemengt, daneben auch feine Partikelchen von Pflanzen- 
resten, die stellenweise. Jedoch immer nur während relativ 
kurzer Zeit allein das Material der Sedimentbildung aus- 
machen und die hier vorkommenden nur wenig mächtigen, 
höchstens etwas mehr als V2 m erreichenden Kohlenflöze 
bilden. 

Ich halte diese Kohlen, wie an anderer Stelle') aus- 
einandergesetzt, im wesentlichen nicht für autochthon. 
Nirgends wurden etwa Wurzeln im Liegenden oder sonstige 
für Authochthonie sprechende Merkmale beobachtet, dagegen 
spricht für Allochthonie die Beschaffenheit der liegenden, 
durch Kohle verunreinigten Bildungen, die echte mechanische 
Ablagerungen sind und stellenweise durch Abnahme der 
beigemengten anorganischen Sedimente in die Kohle über- 
gehen, ferner die ünregelmäfsigkeit in der Verbreitung der 
meist nur auf kurze Strecken hin aushaltenden Kohlen- 
flöze und der sie einschliefsenden Sedimente. An der 
angegebenen Stelle ebenfalls erwähnt wurde auch das Auf- 
treten von Kaolinen an sekundärer Lagerstätte, das zu 
meiner Auffassung gut pafst, nach der hier besonders 
umgelagerte Moore bei der Kohlenbildung eine Rolle ge- 
spielt haben. 



') Die Entstehung der niederschlesisclien Senonkohlen, Zeitschr. 
f. prakt. Geologie 1910, Julilieft S. 254. 



342 



Hans Scupin, 



[22] 



Dafs iu diese ßeoken, wohl iufolgc weiterer Senkung 
des Meeresbodens, vielleielit ancli iufolg;e klimatischer 
Änderungen, gelegentlich wieder das Meerwasser eindrang, 
zeigt das Auftreten von Sandsteinen mit reicher mariner, 
wenn auch dem flachen Meere angehöriger Fauna, in der 
besonders Zweischaler sowie auch Schnecken eine Rolle 
spielen, während Cephalopoden bemerkenswerter Weise so 
gut wie ganz fehlen; nur ein einziger kleiner Hamitenrest 
wurde in der grofsen Menge der tierischen Reste gefunden. 
Hier weicht der Individuenreichtum bezeichnenderweise 
wieder der Artenfülle des normal gesalzenen Wassers. 
Klockei) hat die Vermutung ausgesprochen, dals der Ein- 
bruch des Meeres vielleicht auch durch Stürme bedingt ge- 
wesen sein könnte, doch glaube ich, dafs diese im vor- 
liegenden Falle nicht allein zur Erklärung ausreichen würden. 

Im Untersenon reifst der Faden der geologischen Über- 
lieferung für das ganze Kreidegebiet in der Umgebung der 
Sudeten ab: was später noch zur Ablagerung gelangte, ist 
der Erosion zum Opfer gefallen. 

Man ist vielfach geneigt, den Wechsel mergeliger und 
sandiger Schichten auf eine oszillierende Bewegung der 
Küste bezw. auf abwechselnde Hebungen und Senkungen 
zurückzuführen. In der sUdostdeutschen Kreide, wie 
man die schlesisch-sächsisch-bohmische Kreide einschliefslich 
der fränkischen zweckmäfsig vielleicht bezeichnet, wenn man 
nicht etwa den Ausdruck „sudetische Kreide" vorzieht,^) 
ist eine Annahme wiederholter Hebung und Senkung 
jedenfalls nicht nötig. 

Der mannigfache Wechsel von Mergeln und Sandsteinen 
läfst sich hier unschwer durch einen einheitlichen Vorgang 
erklären, durch einen Kampf zwischen Senkung und 
Aufschüttung. Erstere verursacht lokal positive Strand- 
verschiebung, auf die ganze Fläche des Meeres bezogen, 
dem dadurch neue Gebiete erschlossen werden, dagegen 

Lausitzer Magazin, Bd. 41, S. 200. 

Die mitunter gebrauchte Bezeichnung „hercynische Kreide" 
für das ganze Gebiet scheiut mir nicht empfehlenswert, wenn man den 
Begriff hercynisch im Sinne von Lepsius (Geologie von Deutschland, 
II, S. 3) fafst. 



[23] vSudetisclii; i)riitortilirc Junge Knistcnbewegiiiif^cn usw. 343 

entsprecliend verniindertc, oft wohl nur minimale, negative 
Straudverscliiebuugeu. Letztere veraulal'st lokal ein Zurück- 
weichen des jMeeres, auf die ganze Meeresfläche bezogen 
dagegen ein entsprechend minimales, erst durch ihre Dauer 
wirksam werdendes Vordringen desselben. Erhält die Senkung 
das Übergewicht, immer neue Küstengebiete in Mitleiden- 
schaft ziehend, so schieben sich die küstenferneren mer- 
geligen Ablagerungen über die küstennahen sandigen fort, 
erhält die Aufschüttung durch die Senkung des Küsten- 
gebietes infolge nunmehr stärker wirkender Erosion die 
Oberhand, so schieben sich umgekehrt die küstennahen 
Sandmassen über die küstenferneren mergeligen der ver- 
flossenen Periode. 

In der oberen Kreide ist es, wie auseinandergesetzt, 
besonders die Zeit des oberen Cenomans und der oberen 



et e SU 




Fig. 2. Schematischc Darstellung der Veränderung der Mecrestiefe 
während der oberen Kreide für die Gegend zwischen Bunzlau und 
Löwenberg in Schlesien 
c = Cenoman sc = Scapliiten-Zone 

pl = Plenus-Zone e = Emscher 

t = Turon sn = Untersenon 

Scaphiten-Zone, Inder die Senkung ein merklicheres 
Übergewicht über die Aufschüttung erlangt und ein stärkeres 
Vordringen gegen die stehengebliebenen alten Landmassen 
erfolgt. Andererseits ist der Rückzug des Meeres am Ende 
der Kreidezeit wohl im wesentlichen durch Verlandung zu 
erklären, die von den Landmassen aus allmählich vor- 
schreitet. 

Die Verschiebungen in der Meerestiefe lassen sich durch 
obenstehende Kurve zum Ausdruck bringen, die etwa für die 
Gegend zwischen Bunzlau und Löwenberg in Schlesien zu- 
trifft, wo die Schichtenfolge am vollständigsten entwickelt ist. 

Überblicken wir noch einmal das oben Gesagte, so 
sehen wir zunächst eine ältere, verhältnismäfsig schwache 



34 4 11. ScupiN, Siuiet. priitert. JmifiH; Knistimbi'wcg. usw. 



Krusteubewegilug wahrscbciulicli spätjurassischen 
oder altkretaeischen Alters. Ihr folgte eine stärkere 
mit dem Cenoman einsetzende Krustenbewegung, 
die das Absinken greiser Sehollen in der Umgebung 
einerseits des Riesen- und Isergebirges, anderseits 
der geschilderten schmalen, sich vom Altvater- 
gebirge über das Eulengebirge gegen Norden er- 
streckenden Landmasse zur Folge hatte und den 
Einbruch des Kreidemeeres wohl ganz allein ver- 
anlafste. 

Die Hauptteile des böhmisch- schlesischen 
Greuzgebirges waren nach oben Gesagtem also 
bereits zur Kreidezeit vorhanden, und zwar in zwei 
getreuuteu Massen. Erst die tertiäre Faltung aber 
hob sie an der nordost-sudetischen Handlinie zusammen mit 
den inzwischen gebildeten Kreiueablagerungen stärker heraus 
und schweil'ste sie am Landeshuter Pafs zu dem 
heutigen grol'sen Gebirge zusammen. 



Die Larve von Simulia ornata Mg. 

von 

Johannes Liebe, Gandersheim 

Mit 16 Figuren im Text 

Die Dipteren -Gattung Simulia (oder SimuUum) ist in 
weiten Kreisen bekannt geworden durch den Schaden, 
welchen die Imago von Simulia columhaczensis Öcbönbauer 
unter den Viehherden Serbiens, Ungarns und Rumäniens 
gestiftet hat und noch immer von neuem anrichtet, ohne 
dafs man imstande wäre, dieser Gefahr wirksam entgegen- 
zutreten. Nach der Berechnung des Bezirks -Physikus 
Dr. Medovicsi) beträgt der Schaden in Serbien jährlich 
drei Millionen Kronen im Rinderbestande. Daneben fallen 
den Mücken aber noch recht erbebliche Mengen von 
Pferden, Schafen und Schweinen zum Opfer.^) Ausführliches 
über die bisherigen Forschungen über diese Mücke findet 
sich zum gröfsten Teile in Werken ungarischer Zunge, 
speziell in denen des früh verstorbenen Gelehrten Dr. 
E. TÖMÖSVARY, welcher sich auch um die Entwicklungs- 
geschithte dieser Art grofse Verdienste erworben hat, da 
er „1883 im Auftrage des ungarischen Aekerbauministers 
an der unteren Donau nahezu drei Monate ausschliefslich 
dem eingehenden Studium dieser Mücke oblag".!). Auf grund 
seiner Veröflfentlichungen und hinterlassenen Aufzeichnungen 



') V. Aigner-Abafi, „Die Kol. Fliege". Allgem. Zeitschr. für 
Entomologie. Neudamm 1903, Nr. 5, 6/7. 

Vgl. F. Plettke, „Über das massenhafte Auftreten einer Simulie 
in Nordwestdeutschland. Jahrb. d. ver. Naturf. a. d. Unterweser. 1901,02, 
S. 44—47. 



346 



Johannes Liebe, 



[2] 



stellte Dr. G. Horväth eine Lebensgeschichte der Mücke 
zusauimen. Im 8. Baude der allgemeinen Zeitschrift für 
Entomologie, Neudamm 1903, Nr. 5 und 6/7 hat der Buda- 
pester Gelehrte L. v. Aigner -Abafi eine deutsche Über- 
setzung dieser interessanten Arbeit sowie auch die nötigen 
Literaturnachweise für die älteren Aufzeichnungen über 
dieses Thema gegeben. 

Diese sämtlichen Veröffentlichungen bringen indessen 
keine Beschreibung des feineren Baues der Larve oder der 
Puppe des Insekts. Vielmehr scheinen gerade die relativ 
vollständigsten Beobachtungen, die von G. Horvath einer 
Ergänzung bezw. Berichtigung zu bedürfen. Freilich ist 
dabei natürlich auch zu beachten, dafs von dem ungarischen 
Forscher die Kolumbaczer Mücke, von mir dagegen die Art 
ornata untersucht wurde; im entwickelten Zustande sind 
sich S. columbaczensis und S. ornata^ wie man in jeder 
gröfseren Dipteren -Sammlung feststellen kann, zum Ver- 
wechseln ähnlich. 

Nachdem er die entwickelte Mücke beschrieben hat, 
fährt Horväth folgendermafsen fort (nach der deutschen 
Ubersetzung von v. Aigner-Abafi): 

,Das Weibchen legt die mit freiem Auge nicht sicht- 
baren winzigen Eier (im Durchschnitt 5000 bis 10000) in 
der zweiten Hälfte Mai und ersten Hälfte Juni in das 
kristallhelle Wasser der von den bewaldeten Berggegenden 
herabströmenden Bäche. Die Eier sind mit einem schleimigen, 
gallertartigen, gelblich-weifsen Stoff umgeben und in flachen 
kleinen Bündeln an im Wasser befindliche oder beständig 
vom Wasser bespülte Steine, Grashalme und ähnliche Gegen- 
stände befestigt. "* 

Aus den Eiern schlüpfen nach zwei bis drei Wochen 
die winzigen Larven aus, welche sich vermittelst der am 
hinteren Körperende befindlichen zwei sägeförmigen Lamellen 
an die am Grunde des Wassers liegenden Steine, Blätter, 
Aste usw. anheften und sich nun zu nähren beginnen. Ihre 
Nahrung besteht aus Algen und sonstigen winzigen Pflanzen- 
partikeln, welche sie vermittelst des auf dem Kopfe sich 
erhebenden eigentümlichen Rotationsorgans und des dadurch 
verursachten Wasserwirbels ihrem geräumigen Munde zu- 



[3 



Die Larve von Sinuilia ornata Mg. 



347 



fUhrei]. Die anfäuglicli weifseu Larven uebnieii, nach nielir- 
nialiger Ilüutiiii^', allniälilicli eine grünlich -braune Färbung 
an; nach der vierten Häutung erreichen sie eine Länge 
von 6 — 7 mm und erhalten eine annähernd einer Biskote 
gleichende Form. Untersucht man im Juni und Juli das 
Bett eines kleinen Bergbaches mit Aufmerksamkeit, so sieht 
man zerstreut Hunderte der kleinen an Steinen befestigten 
Larven, mit dem Kopfe nach oben ausgestreckt, wie sie 
vom Wasser hin- und herbewegt werden. Rührt man an 
dem betreffenden Steine, so ziehen sie sich zusammen 
und richten sich erst wieder auf, wenn die Störung 
aufhört. Das Leben der Larven ist entschieden an das 
Wasser gebunden; denn nimmt man sie heraus, so gehen 
sie, gleich den Fischen, zu gründe, weil sie die zum 
Atmen erforderliche Luft nur dem Wasser zu entnehmen 
vermögen. 

Nach 6—8 Wochen erreichen die Larven ihre volle 
Entwicklung und verwandeln sich zur Puppe. Das erfolgt 
gewöhnlich im August oder September, obgleich man auch 
schon Ende Juli zahlreiche Puppen findet. Zur Verpuppung 
sucht die Larve an der Unterseite eines im Wasser liegenden 
Steines oder ins Wasser hängenden Grashalmes eine ge- 
eignete Stelle, wo sie sich anheftet und aus einem eigen- 
artigen spinnwebeartigen Stoffe eine trichterförmige, am 
breiteren (oberen) Ende offene Cyste von der Gröfse eines 
Reiskornes spinnt, worin sie sich verpuppt. Die Cysten 
stehen immer so, dafs ihre Öffnung der Strömung folgt, 
nie gegen dieselbe. In der Cyste verbringt die Puppe den 
ganzen Herbst und — erstarrt — den Winter, um im 
Frühling wieder erwacht das Wasser als vollkommen ent- 
wickelte Fliege zu verlassen." 

Wir sehen, die Beschreibung von Larve und Puppe der 
KoUimbaczer Kriebelmücke ist äufserst lückenhaft. Auch 
die Entwicklung anderer Arten der Gattung Sinmlia ist 
nur von wenigen Forschern genauer studiert worden, eine 
ausgeführte Beschreibung der Larve findet sich nirgends, 
höchstens eine solche der Puppe. Eine Darstellung des 
Entwicklungsganges von Sinmlia auf grund von eigenen 
und fremden Beobachtungen gegeben, verdanken wir dem 



348 



Johannes Liebe, 



[41 



Londüuer Professor L. C. Miall.') Er stützt sieh zum Teil 
auf Uutersueliuugeu vou Hagen über Sim. pictipcs"-) und auf 
Vekdats Gescbiehte der Simulien, 3) welch letztere Ab- 
handhmg neuerdings vom Barou Osten-Sacken ins Englische 
übertragen ist.^) Die ungarischen Veröffentlichungen über 
S. columbaczensis erwähnt Miall nirgends. Er beschreibt 
nun die Larve und Puppe von Simulia mit folgenden Zeilen 
(das Original ist englisch): 

„In lebhaft strömenden Gewässern kann man die nied- 
lichen schwärzlichen Larven von SimiiUnni oft in zahllosen 
Mengen finden. Sie sitzen je nachdem an Wasserkräutern 
wie Nixenhaar, Wasserkresse, Wasserschlingen u. dergl. Man 
findet sie auch an Steinen, doch ich bin der Ansicht, dafs 
diejenigen Larven, welche man in steinigen Bächen findet, 
zu einer anderen Spezies gehören. In einem Bachlauf, wo 
alle nötigen Bedingungen ausreichend erfüllt sind, das sind 
ein nie aufhörender Zuflufs sauerstotfreichen Wassers, eine 
Menge untergetauchter Blätter, eine Menge mikroskopischer 
Organismen, da sind die Larven oft im Uberflufs vorhanden, 
kleine schwarze Würmer von höchstens ^/^ Zoll Länge. Unter- 
sucht man das Laub mit unbewaffnetem Auge, so entdeckt 
man vielleicht keine einzige Larve. Sie sind meistenteils 
an der Unterseite zusammengedrängt und werden nur sicht- 
bar, wenn man das Blatt abpflückt oder umdreht. Sie sind 
am zahlreichsten, wo die Strömung rasch ist. In York- 
Shire finde ich sie massenhaft in pflanzenreichen Bächen, 
welche von den Mooren herabkommen, und zwar besonders 
in den reifsenden obe en Wasserfällen. Hagen nennt die 
Larve und Puppe von Simulium pictipes häufig im Ausable- 
River in den Adonirack- Bergen. Hier befinden sich die 
Puppengehäuse augeheftet an die Felsen in Haufen, welche 
kleinen Wespennestern ähneln. Wenn auch die Larven 
sauerstottreiches Wasser verlangen, so darf es doch nicht 

Mi all, The natural history of aquatic insects. London, Mac- 
millan and Co. 1895. 

2) H. A. Hagen, Proc. Boston Soc. Nat. Hist. Vol. XX, S. 305 
—.307, 1S80. 

^) Naturw. Anzeiger der allgem. Schw. Gesellsch. 1822. 
") Amer. Ent. Vol. II, S. 229. 



Die Larve von Simulia ornata Mg. 



349 



rein sein. Durch Abwässer verunreinigte Bäche enthalten 
sie oft in grol'ser Zahl. 

Dal's Kutter der Larve ist völlig mikroskopisch. Ich 
fand den Magen mit den Kieselschalen von Diatonicon und 
üesmidien, hin und wieder auch mit Stücken von einem 
niederen Krebse gefüllt. Ein Paar gefranster Anhänge, 
einer auf jeder Seite des Kopfes, werden wie der ähnliche 
Apparat der Gnitzenlarve {Culex) dazu gebraucht, um die 
Partikelcheu in die Larve hineinzufegen. 

Der Rumpf der Larve ist zylinderförmig und im hinteren 
Teile des Abdomens erweitert. An die Mundwerkzeuge 
angefügt sieht man die fächergleichen Anhänge, jeden 
mit etwa fünfzig langen Filamenten versehen, welche auf 
einer Seite gefiedert sind und die Nahrung in die Kehle 
hiueinfegen. Da das Leben der Larve von diesen zarten 
Organen abhängt, überrascht es nicht, wenn man grofse 
Sorgfalt darauf verwendet findet, sie vor dem Zusammen- 
kleben zu bewahren. Mit Hilfe einer Lupe kann man oft 
bemerken, wie die Larve sie mit ihren Mandibeln auskämmt. 
Es sind zwei Paar auf zahlreiche Pigmentflecken reduzierte 
Augen und kleine dreigliedrige Antennen vorhanden. 

Es sind zwei Paar Beine vorhanden, wie bei der Larve 
von Chironomus^ und diese endigen in Hakenkränze. Allein 
die Simulienlarve hat keine Höhle um sich festzuhalten, 
und die Beine werden daher stark umgebildet. Jedes Paar 
verwächst zu einem einzigen Organ, welches durchaus wie 
ein Saugnapf angewendet wird. Das vordere Paar, welches 
am 1. Thorakalsegment entspringt, wird indessen gewöhnlich 
als Greifwerkzeug gebraucht, indem es dem Kopf opponier- 
bar ist. Die Funktion dieser Saugnäpfe zeigt sich leicht, 
wenn man eine Larve frisch aus dem Bache in eine Unter- 
tasse mit Wasser befördert. Sie kriecht umher wie ein 
Blutegel, indem sie die beiden Enden ihres Körpers ab- 
wechselnd an die glatte Oberfläche der Untertasse anheftet. 
Sogar in einem rasch fliefsendeu Gewässer sieht man sie 
nie wider ihren Willen losgerissen werden. Die Haken, 
welche denen an den Beinen der Cldronomus- Larve nicht 
unähnlich gestaltet sind, bilden an der aus den ver- 
schmolzenen Beineu gebildeten Extremität der Simulienlarve 



350 



Johannes Liebe, 



[6] 



konzentrische Kreise. Sie dienen jedenfalls dazu das Ab- 
gleiten von dem glatten Blatte oder seblamniigen Steine zu 
verhindern. Hei den Saugnäpfen des Tintentisches ist zn 
demselben Mittel gegrirt'eu worden. Jeder Saugnapf ist ein 
Becher, dessen Höhlung dincb Muskelzug ausgedehnt werden 
kann derart, dal's der Druck innerhalb des Bechers geringer 
als der Aufsendruck wird. Der Rand des Bechers ist wie bei 
Shmdium durch zahlreiche winzige Zähnchen, welche das 
Ausgleiteu veihiuderu, rauh gemacht. 

Beim Fressen hält sich die Larve mit ihrem hinteren 
Saugnapfe fest und streckt ihren Rumpf ausgereckt ins 
Wasser. Ist aber die Strömung ungewöhnlich heftig, so 
schlägt die Larve oft, indem sie nicht mehr frifst, ihren 
Körper um und hält sich an der Oberfläche des Blattes 
mit beiden Saugnäpfen an." 

Nun geht der Verfasser auf die eigentümliche Fähigkeit 
der Larve, Gespinstfäden zu produzieren, ein. Dann folgt 
noch einiges über den inneren Bau und die Puppenruhe, was 
hier ebenfalls in Ubersetzung wiedergegeben werden mag: 

„Die Speicheldrüsen, welche den Gespinstfaden ab- 
sondern, sind bei dieser Larve ungewöhnlich lang. Sie 
durchziehen die ganze Länge des Rumpfes und krümmen 
sich dann um ein Drittel ihrer Länge nach vorn. Die 
Tracheeuröhren sind weit und geben ein Netzwerk feiner 
Seitenzweige an die Haut ab. Diese scheint Sauerstoff aus 
dem Wasser zu absorbieren ; denn es ist keine Öffnung in 
das Tracheensystem vorhanden. 

Naht die Zeit der Puppenruhe, so bedarf es in An- 
betracht der eigenen Umstände, unter welchen das ganze 
Wasserleben bei Simulium vor sich geht, besonderer Sorg- 
falt. Eine untätige und freie Puppe wie die von Chironomus 
mag wohl in dem weichen, schlammigen Grunde eines träge 
flief senden Gewässers lebensfähig sein, allein solch eine 
Puppe würde in einem Augenblick hinweggeschwemmt 
werden von den Giefsbächen, in welchen Simulium meist 
heimisch ist. Vor der Verpuppung verfertigt sich das Insekt 
eine Art Nest, in Gestalt nicht unähnlich den Nestern 
mancher Schwalben. Dieses Nest ist an der Oberseite einer 
Wasserpflanze festgeklebt. Die Speicheldrüsen, welche die 



Die Larve von Simulia ornata Mg. 



351 



Aukerfäden liefern, stellen auch das Material, aus welchen 
das Nest gebaut wird. Eingeschlossen in diesem weichen, 
spitzzulanfenden Cocon, dessen verjüngtes Ende strom- 
aufwärts gerichtet ist, während die otfene Mündung strom- 
abwärts gekehrt ist, bleibt die Puppe während ihrer Ver- 
wandlung in Sicherheit. 

Solange der Cocon noch gebildet wird, ist er vollständig 
geschlossen, wenn aber das Insekt die Larvenhaut abgeworfen 
hat, wird das eine Ende des Cocons aufgestofsen, und die 
Puppe steckt nun den vorderen Teil ihres Körpers in den 
Wasserstrom. Die Atemfäden, welche unmittelbar hinter 
dem zukünftigen Kopfe hervorspringen, genau wie bei 
Chironomus, entnehmen dem sauerstoifreichen Wasser rings- 
um einen genügenden Luftvorrat. Die Ringe des Abdomens 
sind mit einer Anzahl vorragender Häkchen versehen und 
in dem Mafse, wie das Innere des Cocons infolge von 
Gespinstfäden filzig ist, bekommt die Puppe festen Halt in 
ihrem Cocon. Wenn sie aber sehr erschüttert wird, wird 
eine Anzahl Gespinstfäden aus dem filzigen Futter heraus- 
gerissen." 

So weit Miall! Auch von anderen Autoren ist die 
Puppe besonders besprochen; so hat Vogler') in einem 
kleinen Aufsatze die Tracheenkiemen der Simulienpuppen 
behandelt. Über die Prothorakal- Stigmen der Üipteren- 
puppen gibt J. C. H. de Mejeke^) im Zoologischen Anzeiger 
einen Beitrag. Die Embryologie von Simulia hat eingehend 
Elias Mecznikow geschildert, wobei der Bau der Larven- 
organe natürlich nicht berücksichtigt wird. Während also 
Puppe und Eier hinreichend deutlich beschrieben sind, so- 
dafs man sich ein Bild von ihrer äufseren Gestalt und — 
in Analogie zu denselben Stadien anderer Dipteren von 
ähnlichen) Bau — auch eine Vorstellung von ihrer inneren 
Organisation machen kann, so fehlt eine ins einzelne gehende 
Beschreibung des vom Gewöhnlichen sehr abweichenden 

>) Mitteilungen der Schweizer Ent. Gesellsch. Bd. 7, Heft 7, S. 277 
bis 382. 

") Zool. Anzeiger, Bd. 23, Nr. 632, S. 67G— 678. 
^) E. Mecznikow, ,Über die Embryologie von Simulia etc.". 
Zeitsclir. für wissensch. Zoologie, 1866, Bd. 16, S. 392— 406. 



352 



Johannes Liebe, 



[8] 



Baues der Larve. Miall gibt uns zwar ein besseres und voll- 
ständigeres Bild von der Lebensvpcise und dem Eutwiekelungs- 
ablaufe der Mücke als Hokväth, bat aber kein Interesse 
daran, die Beschreibung der Larve bis ins einzelne zu 
verfolgen. Wir erfahren durch ihn nichts von der Gestalt 
der Mundwerkzeuge oder anderer Teile des Kopfes, ins- 
besondere der Bestandteile des Fächers; wie die Bewegung 
des Fächers vor sich geht, und wie die Körperextreraitäten 
sieh einstülpen, bleibt ungewifs. Auch wird der Ausdruck 
„Saugnapf" „sucker" bei der Vorderextremität zu Unrecht 
angewendet. Im folgenden soll nun die eigenartige Or- 
ganisation der Larve von Simulia möglichst eingehend 
beschrieben und, soweit angängig, auch gedeutet werden. 

Einige Vorbemerkungen mögen hier Platz finden. Die 
erste Bekanntschaft mit den Simulienlarven machte ich vor 
vielen Jahren auf einer von meinem damaligen Lehrer 
Privatdozent Dr. Brandes veranstalteten Exkursion zwischen 
Ziegenrück und Triptis, wo wir in den kleinen Abflüssen des 
Kulmplateaus u. a. unsägliche Mengen von diesen Larven 
antrafen und für ihre sonderbare Lebensweise interessiert 
wurden. Von der Gattung Simulia sind mir zwei in Larveu- 
und Puppenzustande verschiedene Formen bekannt geworden. 
Die eine Art konnte ich, da mir das Imagostadium dazu 
fehlte, nicht bestimmen. Von der anderen habe ich im 
August 1901 ein Exemplar der entwickelten Mücke aus der 
Larve gezüchtet und damit die Herkunft einwandfrei er- 
mittelt. Die Imago wurde von Herrn v. Röder -Hoym in 
Anhalt, dem ich die Mücke einsandte, freundhch bestimmt 
und als Simulia ornata Mg. erkannt. 

Die kleinen dreieckigen Eier habe ich immer erst in 
der vorgerückten Jahreszeit gefunden, weshalb ich vermute, 
dal's die von mir beobachteten Arten im Eistadium über- 
wintern. Sehr zeitig im Frühjahr, schon Anfang April 
begegnete ich ausgewachsenen Larven, was auf ein frühes 
Verlassen der EihüUe schliefsen Heise. Das von mir 
gezogene Tierchen hat im August genau vierzehn Tage in 
der Puppe geruht. Dies ist um so bemerkenswerter, weil 
colimhaczensis ja meist als Puppe überwintern soll. Am 
deutlichsten prägt sich der Gegensatz der beiden von mir 



(9] 



Die Larve vou Simulia ornata M^. 



353 



untersuchten Formen im Pupi)enstadium aus. Bei der iiielit 
bestimmten Art sind die Stignieuscbläuche am Protliorax in 
ein dicliotoraisch verästeltes Blisehel von jederseits vier, 
bei ornata in ein solches vou acht Fäden zerteilt. 

Die Larven beider Arten stimmen in ihrer Lebensweise, 
von noch anzuführenden Punkten abgesehen, völlig überein. 
Sie kriechen mit Hilfe des vorderen Hakenkranzes, der 
Mundwerkzeuge und des hinteren Haftapparates nach Art 
und Weise der Spannerraupen. Hierzu tasten sie zuerst 
mit der Unterlippe im ganzen Umkreise die Gegend ab und 
spinneu schliefslich an einem geeigneten Punkte plötzlich 
einen Faden, an dem sie sich mit den Mundwerkzeugen 
und dem an diese hinaufgestreckten vorderen kleinen Haft- 
organe festzuhalten verstehen. Nun ziehen sie, das Abdomen 
nach oben krümmend, schnell das Leibesende nach und 
setzen den hinteren grofsen Hakenkranz von der Seite 
zwischen Mund und Vorderextremität, die sofort losläfst. 
Darauf machen sie auch die Muudwerkzeuge los und 
suchen nach einem neuen Befestigungsort — wofern sie 
nämlich noch keinen endgültigen Ruhepunkt gefunden haben. 
Sitzen sie aber einmal in dieser Lage fest, so vermag keine 
noch so starke Strömung sie loszureifsen, und gerade an 
den stärkstfliefsenden Stellen der Bäche halten sie sich 
mit besonderer Vorliebe auf. Es leuchtet ein, dafs sie 
hierbei in eine Stellung kommen, bei der die ventrale 
Seite nicht der Strömung entgegengerichtet ist, obwohl dies 
zur Nahrungsaufnahme das Beste wäre. In der Tat findet 
man auch den aboralen Hakennapf immer mit seiner 
dorsalen Seite dem Wasserstrom entgegen festgeheftet. Um 
nun trotzdem am Kopfende die ventralen Gliedmafsen 
dem Wasserstrom zuzuwenden, wird der Rumpf um seine 
Achse um zwei Rechte gedreht und so die Nahrung auf- 
genommen. 

So fand ich S. ornata oft zu hundert Individuen, 
einen schmutzfarbenen, rasendichten Uberzug bildend, an 
Steinen oder Stengeln nebeneinander. Die Larve der 
anderen beobachteten Art bevorzugt steinige Bäche in der 
Nähe der Quellen; man findet diese Art auch meist einzeln 
oder zu wenigen beisammen, und die Tierchen sind daher 

Zeitschr. f. Naturwisa. Halle a. S. Bd. 82. 1910. 23 



354 



Johannes Liebe, 



[lOJ 



sehr schwer zu finden, zumal sie heller wie ornata gefärbt 
und dem Untergrunde der Bachkiesel sehr angepafst sind. 

Der walzenrunde Körper der Larve mifst nach der 
letzten Häutung mit Ko])f 7 V-2 bis 8V2 «nm in der Länge 
und 1,4 mm an der dicksten, 0,75 mm an der Stelle der 
stärksten Einschnürung, welche etwa in der Mitte der 
ganzen Körperlänge liegt. Er besteht aus Kopf und Rumpf, 
welch letzterer Brust und Hinterleib ohne deutliche Abgrenzung 
enthält. Der Hinterleib gliedert sich nicht sehr deutlich in 
neun Segmente. Die Farbe des dickeren Chitinbezuges ist 
dunkelbraun, rostbraun bis gelb; die Bedeckung des Thorax 
(Brust) und des Abdomen (Hinterleib) hat, wo sie nicht 
durchsichtig lederfarben ist (wie an den segmentalen 
Grenzmembranen) einen fleischfarbenen Ton. Die ganze 
Oberfläche ist fein gerunzelt und infolgedessen im auf- 
fallenden Lichte irisierend. Bei der unbestimmten Larven- 
art ist auch, wie erwähnt, eine Zeichnung vorhanden. Jedes 
Segment weist auf der Bauchseite beiderseits einen schräg 
von aufsen und vorn nach der Mitte und hinten verlaufenden 
dunkelbraunen Strich auf; der Thorax besitzt drei solcher 
Strichpaare, ein Zeichen dafür, dafs er aus der entsprechen- 
den Zahl von Segmenten zusammengesetzt ist. Diese Zeichnung 
ist bei manchen Larven von ornata auch zu sehen, jedoch 
ganz undeutlich. 

Der tonnenförmige Kopf ist von einem Chitinpanzer 
bekleidet, welcher ungefähr die Gestalt eines Hohlzylinders 
hat. Ventral und hinten befindet sich an diesem Kopf- 
panzer ein dreieckiger Einschnitt, wo die weichere Chitin- 
bekleidung des übrigen Körpers die Haut bildet, um dem 
dahinter am Thorax ansitzenden beweglichen Stiel des 
vorderen Hakenuapfes freien Spielraum zu gewähren. Der 
vordere wie der hintere Rand der Chitinbedeckung des 
Kopfes weist gewisse Verdickungen auf, welche Muskeln 
als Ansatzstellen dienen. Die vordere Öffnung wird durch 
ein Kopfschild überwölbt, welches am Rücken angefügt ist. 
Am ventral gerichteten Ende dieses den Kopf haubenartig 
bedeckenden Stückes erhebt . sich die Oberlippe; diese 
bedeckt die Innenseite der ventral gegenübersitzenden Uuter- 
lijjpe. An beiden Seiten der Oberlippe erheben sich zwei 



[llj Die Larve von Siniulia oriiata Mg. ^^55 

eigenartige Auswüchse, welche zu Faiigorgauen ausgebildet 
sind. An sie schliefseu sich seitlich nach unten je ein Ober- 
kiefer und je ein Unterkiefer mit Taster an. Anisen an 




Fig. 2. 



dem Stiel des erwähnten Fangorganes bemerkt man jeder- 
seits einen Fühler. Soweit die Aufzählung der Kopfglied- 
mafsen. Fig. 1 und 2. 

Hinter den Fühlern, ungefähr in der Mitte des Kopfes 
liegen jederseits zwei Flecken schwarzen Pigments, die 
Augen, von denen das hintere gröfser ist als das vordere. 

23* 



356 Johannes Liehe, 



Der ganze Kopf ist, zum Teil sehr reicblicb mit kurzen 
Borsten besetzt. 

Der Tborax ist unbebaart, äufserlicb nicbt gegliedert. 
Auf der ventralen Seite sitzt vorn der scbon erwäbnte 
Hakennapf an einem beweglicben Stiele auf. Dieser Stiel 
ist so mit Muskeln verseben, dafs das napfförmige Ende 
aus seiner gewöbnlicben oralen Lage (a) beraus aueb nacb 
unten fast senkreebt zur Körperacbse gestellt werden 
kann (b). 

Von den neun völlig glatten Segmenten des Abdomens 
sind die ersten sieben deutlicb gegeneinander abgesetzt und 




Fig. 3. 



schmäler als die beiden letzten. Das neunte trägt an seinem 
Ende einen komplizierten Haken- und Saugnapf, dessen 
Öffnung etwas ventral gedreht ist. Dorsal, unmittelbar 
darüber sitzen drei bandscbubfingerförmig ausgestülpte 
Oberfläcbenverbreiterungen der Haut, unter denen der After 
mündet. Fig. 3. 

Der Sinnesapparat. 

Das Nervensystem, dessen Hauptstrang scbon äufserlicb 
durch dunklere Färbung auf der Bauchseite siebtbar wird, 
kennzeichnet sieb bei näherem Zusehen als ein gewöhnliches 
Strickleiternervensystem; sämtliebe elf Ganglienpaare des 
Kumpfes sind so miteinander verwachsen, dafs nur eine 
einfache Ganglienkette vorbanden zu sein scheint. Die drei 
letzten Paare sind sehr dicht aneinander gerückt und liegen 
im zehnten Körpersegment. Das letzte Paar sendet vier 



[13] 



Die Larve von Siuiulia ornata Mg. 



357 



Nerveustriluge uacli biuteii. Die Läugskomruissureii sind 
überall getrennt. Die anderen Seblundganglien sind zu 
einem dreieckigen Gebilde vereinigt, an dem man aber 
deutlich die Grenzen der symmetrischen Hälften erkennt. 
Sie senden ihre vorderen Nervenfortsätze um den Ösophagus 
herum zu den unmittelbar darüber- 
liegenden beiden oberen Schlund- 
ganglien, welche über dem Öso- 
phagus durch eine breite Quer- 
kommissur verbunden sind. Diese 
entsenden ihre Nerven vorzugs- 
weise nach den Muskeln der 
Mundwerkzeuge sowie nach den 
Augen und Antennen. 

Von Augen sind jederseits 
zwei vorhanden; sie haben Ähn- 
lichkeit mit denen der Culiciden. 
Nach aufsen schliefst sich an sie 
eine ovale Scheibe von Zellen an, 
welche vielleicht die Bildungs- 
zellen der Kristallkegel für das 
Imagoauge sind. 

Die Antennen sind deutlich 
dreigliedrig. Das Basalglied ist 
etwa halb so lang, über doppelt 
so stark als das Endglied; vom 
Mittelgliede, welches sich nach 
dem Endgliede konisch verjüngt, 
wird es um das Dreifache an 

Länge übertroffen. Am vorderen Ende sitzt ein Leydig scher 
Sinneskörper, i) zu welchem ein Nerv leitet. Dasselbe 
Ganglion (innerhalb des Basalgliedes), von welchem dieser 
Nerv enspringt, sendet noch zwei Nerven zu zwei am Ende 
des mittelsten Gliedes befindlichen Sinneskörperchen. Fig. 4. 

Die Maxillartaster bestehen aus einer wulstförmigen 
Basis und einem zapfenartigen Hauptteil. Sie sind reichlich 




Fig. 4. 



>) Zoolog. Anzeiger, 9. Jahrg., Nr. 222, S. 284— 291 und Nr. 223, 
S. 308—314. 



358 



Johannes Liebe, 



[14] 



mit Haaren bedeckt, die grörsten teils, an dem Zapfen sogar 
alle, mit Nerven in Verbindung stehen, also wohl sicher 
Siuuesfimktiou versehen. Auch in die Maxillen selbst führen 




Flg. 6. 



Nerven, gewifs ein Beweis, dafs auch sie Sinnesempfindungen 
vermitteln können. Fig. 5. 

Zu erwähnen sind an dieser Stelle noch rätselhafte 
Bildungen an den Fangfächern, die mit Nerven in Verbindung 



[IT)) Die Larve von .Simulia oruata Mg. 359 

stclicu. Am liöt'listen Piniktc der Aulsenseite des Stieles 
sitzen auf einer Membran, welche die beweglichen Teile 
des Fächers verbindet, drei kleine Cliitinriuge. In diese 
verlaufen die Enden von Nerven, welche den Stiel durch- 
ziehen. Ob diese Organe etwa üruckänderungen übermitteln, 
wage ich nicht zu entscheiden. Fig. G. 




Fig. 7. 



Der Bewegungsapparat. 

Nicht Beine oder Flossen bilden die Bewegungsorgan 
dieses merkwürdigen Geschöpfes, sondern neben denMandibeln, 
die gelegentlich zum Festklammern des Körpers verwandt 
werden, dienen dazu die beiden einander bis zu gewissem 
Grade ähnlichen Hakennäpfe, deren vorderer auf einem 
muskulösen Fuls an der Ventralseite des Frothorax aufsitzt 
(Fig. 7), und deren hinterer den analen Abschlufs des 
Leibes bildet. (Fig. 8—10). 

Der Fufs, welcher den vorderen Hakennapf trägt, liegt 
nach vorn gerichtet, unterhalb der Stelle, wo die Kopf kapsei 



360 



Johannes Liebe, 



[16] 



düuiicres Chitin aufweist, sodals in der Ruhelage die durch 
den Körpersaft ausgestülpte llakenkroue des Napfes in die 
Nachbarschaft der Muudgliedmafseu und auf eine eben 
verfertigte Gespinstfläche reicht. Der Durchmesser des 
vorderen Napfes beträgt 0,2 mm, seine Haken sind zurück- 
gebogen, mit einer breiten Basis versehen und alle unter- 
einander von gleicher Gröfse. Sie laufen links und rechts 
sowie an der Vorderseite am Stiel ein Stück herab, und zwar in 
ungefähr sechsundzwanzig Längsreihen, welche jede durch- 




Fig. 8. 



schnittlich sieben Widerhaken enthalten. Der hakenbesetzte 
Kopf der Extremität ist einziehbar durch vier Muskeln, 
welche paarig den Stiel durchziehen und an seinem Fufse 
in der Leibeswand inseriert sind. Hervorzuheben ist, dafs 
die Hakenkrönung in toto eingezogen, also nicht umgestülpt 
wird. Von einer Verschmelzung aus zwei Hälften ist aufser 
dem paarigen Muskelsystem nichts zu bemerken. Doch ist 
es höchstwahrscheinlich, dafs wir es hier mit einem um- 
gebildeten Extremitätenpaare zu tun haben. 

Der hintere Hakennapf (Fig. 8) ist wesentlich kom- 
plizierter gebaut, über doppelt so grofs im Durchmesser und mit 
zahlreicheren Widerhaken versehen als das eben beschriebene 
Organ. Er ist in der Ruhelage im Verein mit den Segment- 



117) 



Die Larve von Simulia ornata Mg. 



361 



tiuiskelu, welche sich iu der LäugsrichtuLj^ unter der 
Hypodenuis durch den gauzeii Körper hinzieheu, das llaupt- 
beweg'uugsorgan des Tieres.') Der Ausdruck Napf kann hei 
beiden Extremitäten nur für den Zustand gelten, in welchem 
sie, fest an den Untergrund angeprelst, Scheibengestalt an- 
nehmen. Betrachtet mau den hinteren Kürperpol des toten 
Tieres, so erblickt man auf der Chitinhaut einen Kranz von 
Dornen. Es sind Widerhaken von derselben Form, nur 
etwas kleiner wie beim vorderen Napfe. Sie verlaufen in 
dichtgedrängten Reihen von ungefähr je sechzehn strahlen- 
förmig nach einem Punkte im Innern, ihre Spitzen nach 
der Peripherie gerichtet. Die Anzahl der Radialreihen 




Fig. 9. 



kann schätzungsweise auf 24 angegeben werden. An der 
Peripherie verlaufen zahlreiche Muskeln nach den Seiten- 
wänden des Rumpfes, welche den Kranz befähigen, sich 
wieder einzustülpen, nachdem er durch den Blutdruck 
herausgequollen ist. Auf der Dorsalseite wird die Basis 
dieses sonderbaren Kranzes von einem zangentörmigen Spreiz- 
apparat begrenzt, dessen Enden oben durch starke Zug- 
muskeln mit der Seitenwandung des Körpers in Verbindung 
stehen. Die Zange besteht aus zwei Winkelhebeln, die am 
Drehpunkt durch ein Scharnier verbunden sind, und ist im 
eingestülpten Zustand zusammengeklappt. Fig. 9. Durch 
das Auseinanderspreizen dieser Zange wird die Ausbreitung 
des Hakenkranzes eingeleitet und in der Form reguliert. 

^) Horväth nennt ,zwei sägeförmige Lamellen" als das kaudale 
Befestigungsorgan von S. columbaczensis. Sicherlich meint er nichts 
anderes als unseren hinteren Hakennapf. 



362 



Johannes I.ieüe, 



[18] 



Dana treibt der Körpersaft den einwärts gekehrteu Haken- 
kranz heraus. Jeniehr von den Widerhaken, deren Spitzen 
ja nach aufsen gerichtet sind, hervorquellen, desto fester 
wird die Verankerung- des Körpers; von aufsen nach innen 
fortschreitend, rücken schnell mehrere hervor und hängen 
sich in dem Untergrunde fest, wobei der dorsale Teil des 
Napfes anfangs etwas zurückbleibt. Schliefslich sind alle 
gleichraäfsig zu einem Fünfeck zusammengetreten. Diese An- 
heftung geht fast in einem Augenblick von statten. Fig. 10. 

Wie erwähnt wird der Untergrund sehr sorgfältig 
ausgewählt, aufserdem aber stets mit einer Gewebsschicht 



von Gespinstfäden überzogen, die die Larve fortwährend 
erzeugen kann. Es ist daher nicht zu verwundern, wenn 
der Sitz eine so bedeutende Festigkeit erlangt, dafs er viele 
Stunden, ja Tage lang für das Geschöpfchen derselbe bleibt. 
Hierzu kommt noch folgendes: Das Körpereude bildet mit 
dem Hakenkranze ein ringförmiges Polster und schliefst, 
fest angeprefst, den vom Ringe eingeschlosseneu Raum vom 
Wasser ab. So wird die Bedeutung eines Längsmuskels 
klar, welcher im Inneren des Hakenkranzes inseriert ist 
Fig. 10 m. Durch seine Kontraktion mufs ein Vakuum 
entstehen, ähnlich wie bei den Saugnäpfen des Tinten- 
fisches oder denen der Larve von Liponeiira.^) Der Druck 
des Wassers also ist es zuletzt, das last not least dem 
Organ den festen Halt verleiht, und wir müssen es als 

') Fritz Müller, A inetiimorphose de uno insecto Dlptero. Arcliivo 
Mus. Nacion. ßio de Janeiro, Vol. p. 4, 1885, 




Fig. lü. 



[19 



Uic Larve von Siimilia ornata Mg. 



363 



ciucn Saiiguiipf iuispieolicii. Den vorderen Ilakeukranz 
(lagogen habe ich weder je als Saug-napf fungieren gesehen, 
noL'li habe ich au ihm eine das Ansaugen ermöglichende 
luftdiclit schlielseude Fläche gefunden. Der Ausdruck 
sueker- Saugnapf bei Miall tritt't also nicht das Richtige, 
soweit die orale Extremität in Frage kommt. 

Der Ei'uähnmgsapparat. 

Dem Schlünde wird die Nahrung durch die Mund- 
gliedmafsen zugeführt; zugleich bilden diese auch den oberen 
Verscblufs des gesamten Verdauungstraktus. Der Schlund 
erweitert sich nach oben ventral zu einer unbeweglichen 
Unterlippe. Diese ist horizontal nach aufsen umgebogen 
und wird ventral von einer senkrechten Platte, der Kehle, 
welche eine Verlängerung des Kopfskeletts darstellt, ver- 
deckt. Von oben her wird der Schlund durch die 
übrigen Mundgliedmafsen geschlossen, welche die Nahrungs- 
aufnahme besorgen. Die Oberlippe, welche jedenfalls auch 
beim Fadenspinnen eine wichtige Rolle spielt, deckt den 
Schlundkopf von oben; seitlich sitzen die paarigen Ober- 
und Unterkiefer, welche zusammen besonders die Zer- 
kleinerung der Nahrung bewirken. Die Unterkiefertaster 
und gewisse Stellen der Unterkiefer selbst sind vielleicht 
mit Tast- und Geschmackskörperchen versehen. Dorsal er- 
beben sich zu beiden Seiten der Oberlippe, wie schon erwähnt, 
zwei grofse fächerförmige Strudelapparate (Fig. 1 und 2). 
Sie sind viel verwickelter im Bau als dem gleichen Zweck 
dienende und homologe Bildungen der Larve von Culex. ') 

Die Oberlippe, welche mit einem halbmondförmigen 
Basalstück an dem gewölbten Kopfschild aufsitzt, ist 
schnabelförmig nach vorn gebogen und hohl, trägt an ihrem 
Vorderende auf der oberen Seite einen dichten Haarwall 
und eine doppel-T-trägerförmige Chitinversteifung. Das 
gebogene Basalstück setzt die Oberlippe mit den beiden 
seitlichen Fächerorganen in Zusammenhang; diese Anhänge 
sind nämlich Erweiterungen der Oberlippe, des Labrums. 

') Raschke, Die Larve von Culex neniorosiis. Inaug.-Dissert. 
Leipzig und Arcb. f. Naturgesch. 53. Jahrg., 1887, Bd. 1, Heft 2, S. L33 
bis 163, 



364 



Johannes Liebe, 



[20] 



Dieses kann durcb zwei Retraktoren uat'b uuteu gezogen 
werden. Bewcglieber sind seine Appendiees, die Fangorgane. 

Sie gleichen ilirer Gesamtgestalt nach einem Fiicber 
auf breitem Stiele. Ihre Mecbanik ist sebr kompliziert. 
Der Stiel ruht auf einem eigenartigen Gerüst von Cbitin- 
balken und gleicbt in seiner Gestalt einem abgestumpften, 
an der Spitze abgerundeten balben Kegel. Der Rückenteil 




Fig. 11. 



des Stieles besteht aus steifem Chitin, gebt in das Kopf- 
schild über und ist wie dieses mit zahlreichen Sinnesbaaren 
besetzt. Auf der fast halbkreisförmigen oberen Kante sitzt 
der bewegliche Hauptfächer (Fig. 11). Die ventrale, ebene 
Fläche des Stieles wird auf den Seiten und unten durch 
Cbitinleisten begrenzt, welche untereinander und mit einem 
etwa die Mitte des Stiels bildenden Balken, der den Fächer 
stützt, gelenkig verbunden sind. Der Balken geht oben 
allmählich in chitinige Membran über. Solche füllt auch an 
seinen Seiten die Felder zwischen den Randleisten aus. 
Sie hat die Eigenheit, dafs sie sich in bestimmten Falten 
zusammenlegt. Am Oberende des Balkens sitzt in der 



[21| 



Die Larve von Sitiuilia ornata Mg. 



365 



Sagittalebene, nach der Leibesaclise gerichtet, nur durcli 
Chitinliaut verbunden, ein Qiierbälkclieu (Fig. IIa u. 1)) an. 
Von der Ansatzetelle dieses Hälkeliens zieht sich eine Falte 
nach dem oheren Rande der Membran. An dem obersten, 
halbkreisfcirniigen Rande des Stieles sitzt, durch feine, l)ieg- 
sanie Membran verbunden, der grol'se Fächer. Er wird beim 




Fig. 12. 



erwachsenen Tiere aus etwa fünfzig (bei eben geschlüpften 
aus neun) S-förmig gebogenen Chitinstäbeu von der Länge 
des Stieles gebildet, welche auf einer Seite mit kurzen 
Fiedern besetzt sind (Fig. 12 u. 13). In gröfseren Abständen 
linden sich Fiedern von der doppelten Länge als die anderen. 
Jeder Stab bildet an der Basis eine ein wenig windschiefe 
Lamelle, die nngefähr das unterste Drittel der Gesamtlänge 
einnimmt. In der Mitte dieser Lamelle besitzt jeder Stab 



366 



Johannes Liebe, 



[22] 



einen scliriig nach unten und innen 
gerieliteten ziemlich langen Fortsatz. 
Bis zu diesen Fortsätzen breitet sich 
nämlich die Membran aus, welche 
von dem Mittelbalken des Stieles 
ausgeht, setzt sich zwischen den 
Lamellen hindurch als feine Ver- 
bindungshaut der einzelnen Lamellen 
auf der Rückenseite fort und ver- 
läuft, bauschige Säckchen bildend, 
auf dem Rücken des Stieles. 
Zwischen je zwei Stäben streckt 
die Membran noch einen Zipfel aus. 
Es entsteht auf diese Art ein Hohl- 
raum, welcher vom Stiel, von den 
Fächerstäben und von der Membran 
allseitig geschlossen wird. Nach 
der Medianebene hin, wo die nasen- 
artigen Vorsprünge immer dichter 
an die Basis ihrer Fäeherstäbe 
heranrücken, schliefst sich ein frei 
hängender, sonst gleichartig ge- 
bildeter Fächerstab mit längeren 
nach unten gerichteten Fiedern und 
in weiterer Folge eine Reihe an der 
Basis miteinander verwachsener ähn- 
licher Stäbe an, deren Ansatzstelle 
unterhalb des genannten Quer- 
bälkchens liegt. Auf der anderen 
Seite, aufsen variieren die Fächer- 
stäbe- plötzlich zu eigentümlichen 
Plättchen, deren jedes einzelne 
andere Form hat, und welche nicht 
mehr an die Membran angeschlossen 
sind. An sie reiht sich, nach innen 
und oben geschlagen, ein der 
Membran ansitzender kleiner Fächer, dessen fiedrige, wie 
ein S gestaltete Bestandteile ziemlich in einen Punkte ent- 
springen und sich zu einer etwa halbkreisförmig begrenzten 




Fig. 13. 



[23] 



Die Larve von Simulia ornata Mg. 



3G7 



Sehranbenfläclie ausbreiten. Auch der g-rofse Fächer bildet 
im auff^erichteten Zustande eine solche SchraubenHüehc 
(Fig. 14). 

Die pjutfaltung dieses eigenartigen doppelten Fächer- 
systenis wird allein durch den Blutdruck bewirkt. Im Ruhe- 
zustand des Tierchens ist der Fächer eingeklappt und bis 




Fig. 15. 



auf den Stiel unsichtbar. Den Hohlraum des Stieles erfüllt 
dann zwar die Leibesflüssigkeit, doch nicht prall, sodafs 
die blasigen Aussackungen der Fächerbasis schlaff hängen. 
Die Fächerstäbe liegen umgeklappt, parallel so dicht neben- 
einander, als möglich ist, etwa wie die Stäbe eines Schirmes, 
auf der Innenseite des Stieles. Dieser ist beinahe senk- 
recht nach oben gerichtet. Man sieht am ruhenden Indivi- 
duum daher die Fächerapparate lediglich als eine Art 
Hörner (Fig. 15). Will das Tier Nahrung zu sich nehmen, 



368 



Johannes Liebe, 



[24] 



80 legen sich durch verstärkten Blutdruck zunächst die 
beiden Stiele etwas nach aulsen. Diese Stellung; wird da- 
durch eine dauernde, dafs sich an der Basis seitwärts und 
aulsen eine Falte bildet, welche durch eine gewisse Steif- 
heit des Chitins erhalten bleibt. Die beiden Stiele stehen 
dann mit ihren Enden schräg nach aufsen. Dadurch wird 
der Hohlraum bedeutend verengert, und die Leibestlussigkeit 
füllt auch die Falten des Fächerhohlraumes. Auf diese 
Weise wird durch den Druck der Leibesfiüssigkeit der 




Fig. 16. 



Fächer in die Höhe geklappt und, während sieh die Lamellen 
noch teilweise decken, strahlenförmig auseiuandergebreitet 
(Fig. IG). Nun steht der Blutdruck und die Elastizität des 
Stieles einerseits in Wechselwirkung mit der Tätigkeit eines 
Muskels andererseits, welcher an der Basis des Mittelbalkens 
mit Pseudosehnen ansetzt und sich durch den Kopf hin- 
durch in der Längsrichtung bis zum unteren Rande des 
Kopfskeletts hinzieht. Seine Kontraktion übt einen Zug 
auf den Mittelbalkeu aus. Dadurch wird, unterstützt durch 
das Querbälkchen (das dann einen rechten WMnkel, nicht 
mehr einen stumpfen bezw. spitzen bildet), das Volumen 
des Stieles vergröfsert. Der Druck des Kürpersaftes kann 
den Fächer nicht mehr ausgebreitet halten, und dieser fällt 
augenblicklich zusammen, hebt sich aber noch schneller 



[25] 



Die Larve von Simulia ornata Mg. 



369 



wieder, da der Zug des Muskels nur ein momentaner ist 
und die Elastizität des ganzen Stieles ihm entgegenwirkt. 
Über 90 mal in der Minute wird der Fächer auf- und zu- 
geschlagen. Die Bewegung erfolgt auf beiden Seiten nicht 
gleichzeitig, sondern links und rechts abwechselnd, mitunter 
auch auf kurze Zeit nur mit dem einen Fächer allein, 
während der andere ausgebreitet ruht. 

Seiner Form nach stellt der Apparat ein Greiforgan 
dar. Die Betrachtung des lebenden Insekts beweist auch 
die Richtigkeit dieser Auffassung. Das Geschöpf ist kein 
Räuber wie etwa Corethra; es sitzt am liebsten fest und 
erbeutet auch in sefshafter Stellung seine Nahrung. Einen 
wesentlichen Teil derselben machen die im Wasser befind- 
lichen mikroskopischen Lebewesen aus — ich fand im Darm- 
lumen unter anderem Panzer von Rädertierchen. Miall 
nennt als gewöhnliche Nahrung der Simulien Diatomeen 
und Desmidien und in zweiter Linie niedere Kruster. Diese 
Nahrung ist in reichem Mafse in dem umgebenden Elemente 
vorhanden und wird durch die Strömung immer von neuem 
zugeführt. Sie in möglichst grofser Menge dem Munde zu- 
zustrudeln, ist Aufgabe des Fäeherorgans, und mit seinen 
befiederten Stäben dient dieses zugleich als ein Seihapparat. 
HoRvÄTH nennt Algen und Pflanzenpartikel als Nahrung 
von S. colimbaczensis. Mit der Nahrungsgewinnung durch 
den Fächer steht dies nun in vollem Einklänge; denn pflanz- 
liche Teilchen flottieren so gut im Wasser wie tierische, 
und ich bin fest überzeugt, dafs manche Pflanzenstoffe auch 
von unseren deutschen Simulien mitgefischt werden, wenn 
auch die Hauptnahrung nicht daraus besteht. 

Zu beiden Seiten der Mundöffnung stehen in unmittel- 
barer Nähe der eben beschriebenen Fächer die Oberkiefer, 
denen die Unterkiefer sich anschliefsen. Der Zwischenraum 
zwischen rechtem und linkem Unterkiefer wird durch die 
Unterlippe ausgefüllt. 

Der Oberkiefer macht in seinem Gesamthabitus den 
Eindruck eines grofsen Zahnes. Sein Drehpunkt befindet 
sich oberhalb einer doppelten Chitinverstärkung des Kopf- 
skeletts. Die Muskeln greifen so an, dafs die Beuge- 
bewegung sich etwa in der Sagittalebeue vollzieht. Der 

Zeitsclir. f. Naturwise. Halle a. S. Bd. 82. 1910. 24 



■370 



Johannes Liebe, 



[26] 



Oberkiefer besitzt eine äufsere, d. Ii. auf der dem Unterkiefer 
zugewandten Seite liegende und eine innere, auf der anderen 
Seite gelegene Krönung. Die äufsere trägt ein dichtes Büschel 
steifer Haare und Borsten; die innere läuft spitz aus und 
ist ziemlich am Rande mit etwa zehn einwärts gerichteten 
Zähnen bewehrt, von denen sich besonders der drittoberste 
durch Gröfse auszeichnet. An der Basis entspringt, dem 
Unterkiefer zugekehrt, ein besenartiges Bündel sehr langer, 
steifer Borsten, welche in den Schlund hineinragen. Einige 
davon sind gefiedert, andere einfach, die meisten enden 
eigentümlich stufig abgeschnitten und mit einer Endborste. 
Sie dienen zweifellos als Putz- und Fegewerkzeuge. 

Die Unterkiefer sind dicke löff'elförmige Gebilde, stark 
behaart, mit Flexor und Extensor versehen ; sie senden nach 
aufsen einen Taster und sind selbst reichlich mit Tasthaaren 
versehen. Die Basis des Unterkiefers und seines Tasters 
berührt einen medianen unpaaren Kopfteil, die Kehle. 

. Dies ist eine vertikal nach oben ragende trapezförmige 
Platte, deren kürzere obere Kante stark verdickt ist und 
elf Zähne trägt, von denen der mittelste bei weitem am 
längsten ist. Auch ihre Seitenkanten sind höckerig gezähnt. 
Ein Stück einwärts erhebt sich, den beiden Seiten parallel, 
je eine Reihe von fünf langen, in Gelenkgruben aufsitzenden 
Borsten. So wie diese sind die meisten der am Kopfskelett 
sitzenden Borsten gelenkig inseriert wie bei den Larven von 
CtenophoraJ) 

Die Unterlippe bildet den verbreiterten Rand des 
Schlundes. Sie steht horizontal und hat die Gestalt einer 
Schaufel. An ihrem Vorderrande und parallel dahinter ist 
sie durch gebogene Leisten versteift, welche feine nach 
aufsen gerichtete Börstchen tragen. In der Mitte der 
hintersten Spange oder Leiste ist die Behaarung etwas nach 
hinten gerückt. Der Vorderrand ist lang und kräftig be- 
haart. In seiner Mitte zwischen zwei Polstern mündet 
innerhalb eines kleinen dichten Haarbüschels der gemein- 
same Ausführungsgang der Spinndrüsen, die ungeheuer lang 



') Weyenbergh, Beiträge zur Anatomie und Histologie der 
hemiceph. Dipt.-Larven. Inaugural-Diss. Göttingen 1873. 



[27] 



Die Larve von Simulia ornata Mg. 



371 



sind und bis tief ins Abdomen reichen. Die seitliche Be- 
festigung der Uuterlii)pe geschieht durch Doppelspangen, 
welche durch balkenartige Träger mit der äul'seren Körper- 
wandung verbunden sind. Nach innen schliefst eine breite 
gebogene Spange den Schlundkopf ab. 

Die Spinndrüsen, durchziehen, indem sie von ihrer 
Ursprungsstelle im drittletzten Abdominalsegment aus zu- 
nächst in den hinteren Segmenten eine Windung vollführen, 
unverästelt den ganzen Körper. Ihre einfache Wand besteht 
aus verhältnismäfsig grofsen Zellen, welche die Eigentümlich- 
keit einer an der Aufsenseite der Drüsen verdickten Membran 
besitzen. Ihr Produkt, der Speichel, verhärtet an der Luft 
und liefert den Stoff zu Spinnfäden, welche bei der Fort- 
bewegung als Brücke und Halt und bei der Verpuppung als 
Bestandteile des Cocongewebes eine wichtige Rolle spielen. 

Der Veidauungs- und der Atmuugsapparat. 

Mit dem Darmtraktus hängen sämtliche Mundgliedmafsen 
durch Bindegewebe zusammen; keines von allen setzt sich 
so direkt in den Schlund fort wie die Unterlippe, indem 
sich deren seitliches Gestänge bis zu den Enden eines Chitin- 
bogens ausdehnt, der sich um die Ventralseite des Schlundes 
schlingt. Dort kreuzt dieser einen zweiten aufsen darüber 
verlaufenden Bogen zweimal. Die Auskleidung der Intima 
des Schlundes wird von einer muskulösen gestreiften Schicht 
gebildet. Besonders die erste Hälfte bis zu den beiden 
sich kreuzenden Bögen ist stark horizontal gestreift; die 
Streifung zeigt, dafs die Muskelfasern längs gerichtet sind. 

In der sich anschliefsenden Speiseröhre geht die eben 
behandelte Muskelschicht in gleicher Beschaffenheit weiter 
bis zum Anfang des Hinterleibes, wo der Magen beginnt. 
Das Bindegewebe, welches die ganze Unterlippe stützt, 
bekleidet auch die Speiseröhre und schliefst sie an die 
Bauchwand an. In ihrer oberen Hälfte bildet die Speise- 
röhre eine Art Kropf. 

Mit dem Eintritt in den Hinterleib nimmt die Intima 
die gewöhnliche glatte Struktur an ; sie verliert die Muskel- 
schicht. Die Speiseröhre erweitert sich zum Magen. Auf 
ihn folgt im Mittel bruststück der eigentliche Darm. Er ver- 

24* 



372 Johannes Liebe, Die Larve von Simulia ornata Mg. [28J 



läuft gestreckt, ungeteilt, verjüngt sieb, wird dann zum 
Enddarna und bildet als solcber eine Scbleife. Das Rektum 
ist sebr kurz und mündet im neunten Hinterleibsringe in 
den After. Malpigbiscbe Gefäfse oder sonstige Blindscbläucbe 
der Verdauungsorgane sind nicbt vorbanden. 

Die Intima des Darmes ist ein Plattenepitbel aus grofsen, 
vieleckigen, deutlicb gekernten Zellen. Genau so ist auch 
die äufsere Körperhaut der Larve zusammengesetzt. 

Die Atmung erfolgt, da das Traeheensystem wie bei 
Chironotnus rudimentär ist und blind schliefst, durch die 
Haut. Besonders bemerkenswert sind drei zwischen dem 
After und den Spangen des hinteren Hakennapfes hervor- 
tretende Hautverbreiterungen von Fingerform, welche sonst 
keinerlei Struktur aufweisen. Sie sind sicher als Atmungs- 
werkzeuge aufzufassen. Ihr Inhalt ist nicht etwa Luft, 
sondern Körperflüssigkeit, sodafs sie wie entsprechende Ge- 
bilde bei der verwandten Chirononuis -Lsivve als echte Kiemen 
des lakunären Blutkreislaufes angesehen werden können. 



Eine für Deutschland neue Noctue 

von 

E, Bauer, Referendar. 



Wenn wir heute grofse Originalsendungen von Schmetter- 
lingen aus Gegenden fremder Länder bekommen, über deren 
P^auna bisher nur wenig bekannt ist, ist es keineswegs eine 
auffallende Tatsache, wenn sieh unter den Fremdlingen aufser 
bekannten Sachen auch ein oder das andere neue, noch 
unbeschriebene Tier befindet. Es würde durch die gegen- 
teilige Entdeckung nur die unter diesen Umständen wohl- 
begründete Hoffnung auf eine Neuentdeckung zu nichte 
gemacht! Wie viel schwieriger ist es da, in unserem deutschen 
Heimatlande bisher unbeschriebene Tiere zu finden, ein Fall, 
der schon zu den gröfsten Seltenheiten gehört und sich 
meines Wissens seit langer Zeit nicht ereignet hat. Ist es da 
doch schon eine das Herz jedes lokalfaunistisch arbeitenden 
Entomologen erfreuende Sache, wenn er ein für eine Gegend 
seines Heimatlandes bisher nicht bekanntes, wenn auch schon 
sonst beschriebenes Tier der Fauna neu einverleiben kann! 
Bei dem immer mehr gesteigerten Interesse für die Ento- 
mologie und besonders für die Makrolepidopteren ist unser 
deutsches Faunengebiet hinsichtlich dieser Insektengruppe 
so genau durchforscht, dafs es jetzt nur noch selten gelingt, 
Spezies, die in Deutschland bisher noch nicht beobachtet 
waren, zu erbeuten. 

Dieses Glück sollte mir an einem an und für sich sonst 
recht wenig erfolgreichen Leuchtabend vergönnt sein. Ich 
hatte mich an einem warmen Frühlingsabend Ende Mai 1904 
von Freiburg im Breisgau aus in die ausgedehnten Laub- 
und Nadelwald ungen der Umgebung dieser Stadt begeben, 



374 



E. Bauer, Eine für Deutschland neue Noctue. 



[2] 



um mit meiner Acetylenlaterne dem Liehtfaag obzuliegen. 
Es flog jedoch nur wenig an : einige Scoria lineata, 1 Larentia 
silaceata. 2 Mamestra leucophaea und eine Eule, die mir 
unbekannt war. Jahrelang befand sich diese Eule unbestimmt 
in meiner Sammlung, bis ich mich vor einiger Zeit auf das 
fast vergessene Exemplar besann und sie als Dianthoccia 
{Harniodia) magnoli Bsd. feststellen konnte. Nach der mir 
zur Verfügung stehenden Literatur ist das Tier bis zum 
Jahre 1904 in Deutschland noch nicht beobachtet worden; 
auch Reutti führt in seinem die fragliche Gegend so er- 
schöpfend behandelnden Werke: „Die Schmetterlinge des 
Grofsherzogtums ßadeu*' Dianth. magnoli nicht für dieses 
Gebiet auf. 

Durch Feststellung dieser Spezies in Deutschland ist 
wiederum ein Beweis für die Tatsache erbracht, dafs manche 
Insekten ihr Wohngebiet durch Überwandern weiter aus- 
zudehnen bestrebt sind. Dianth. magnoli galt bisher für 
ein in dem südlichen Europa und einigen Gegenden Asiens 
heimisches Tier, doch reichte seine Verbreitung bis Osterreich 
und in die Schweiz. Wenn nun jetzt diese Spezies gerade in 
der Südwestecke von Deutsehland gefunden ist, also einer 
Stelle, die ihrem schweizerischen Fhiggebiet am nächsten 
liegt, so dürfte der Annahme nichts entgegenstehen, dals 
sie von der Schweiz aus in Deutschland einzuwandern be- 
ginnt und bald zu unseren heimischen Arten zu zählen sein 
wird. Da die Nahrungspflanze der Raupe — Silene nntans 
— sich in ganz Deutschland findet, dürfte der weiteren 
Verbreitung des Tieres nichts im Wege stehen. 

Wie ich aus einer Notiz in einer entomologischen Zeit- 
schrift ersah, sollen zwei Exemplare dieses Falters in den 
letzten Jahren — raeine Beobachtung stammt, wie oben 
erwähnt, bereits aus dem Jahre 1904 — in Obersehlesien 
gefangen worden sein. Auch diese neuerliche Beobachtung 
würde meine Annahme, dafs der Falter von seinen Deutsch- 
land benachbarten Flugorten, in diesem Falle also von Oster- 
reich aus, allmählich einwandert, unterstützen. 



Kleinere Mitteilungen. 



Ein Verfahren zur Abformung von Pflanzenblättern. 

Die grofsen gefärbten Schnitte z. B. von inenscblichen 
Gehirnen wurden bisher in Kanadabalsam eingebettet und 
zwischen zwei Glasplatten aufbewahrt. Es gelang mir, 
einen Ersatz für dieses sehr teure Verfahren dadurch zu 
schaffen, dafs ich die Glasplatten mit 5,prozentiger Gelatine- 
lösung übergofs, den aus lauwarmem Wasser kommenden 
Gehirnschnitt darauf legte und dann nach erfolgter Er- 
starrung nochmals mit Gelatinelösung übergofs. Nach der 
Trocknung erfolgte noch eine Lackierung der Oberfläche. 
Der Brechungsindex der getrockneten Gelatine besitzt hin- 
reichende Ähnlichkeit mit demjenigen des Schnitts. 

Es lag nahe, dieses Gelatine-Einbettungsverfahren auch 
einmal für Pflanzenblätter zu versuchen. Denn es war zu 
erwarten, dafs sich dann Form und Farbe besser kon- 
servieren würde als nach den bisher üblichen Verfahren. 
Die zuerst mit den flachen Blättern der Kapuzinerkresse 
angestellten Experimente ergaben jedoch etwas Unerwartetes: 
Die Gelatine, welche unterhalb des Blattes lag, wollte nicht 
ihr Wasser verlieren. Infolge des vieltägigen Feuchtbleibens 
trat eine Zersetzung der Gelatine ein: sie ging in Gelatose 
über, und damit war die Herstellung eines Dauerpräparates 
ausgeschlossen. Es war dies deshalb nicht vorauszusehen 
gewesen, weil die Zwischenlagerung der Gehirnschnitte 
durchaus nicht die Trocknung der Gelatine verzögert hatte; 
selbst dann nicht, wenn noch ein Unter- und Übergufs 
mit Celloidin, wie es bei manchen histologischen Färbe- 
verfahren üblich ist, die Schicht wesentlich verstärkt hatte. 
Und sogar solche Schichten hatten eine Trocknung gestattet, 



376 



Kleinere Mitteilungen. 



bei welchen diese theoretisch ganz ausgeschlossen hätte 
sein sollen, nämlich Blattsilber. Die stets vorhandenen 
feinen Löcher waren daran schuld gewesen. — Bei den 
Pflanzenblättern bildete der dünne Waehsüberzug das grofse 
Hindernis für die Passage des Wassers. Die Einbettungs- 
versuehe mui'sten aus diesem Grunde aufgegeben werden, 
obgleich sich Form und Farbe sonst wirklich tadellos zu 
konservieren schienen. 

Dieser Waelisüberzug der Blätter ermöglichte aber ein 
anderes: Während Gehirnschnitt und trockne Gelatine ganz 
fest zusammenhängen, läfst sich letztere vom Pflanzenblatt 
leicht abziehen. Es sind dann alle Details der betreffenden 
Blattoberfläche darin abgeformt. Da diese Struktur der 
mikroskopischen Untersuchung sonst nicht leicht zugänglich 
ist, dürfte die Benutzung der Gelatine für diesen Zweck 
Wert haben. 

Glasplatten werden reichlich mit einer 5 prozentigen 
Gelatinelösung Übergossen, und vor deren Erstarren Blätter 
darauf gelegt. Dann wird weiter so viel Gelatinelösung 
darüber gegossen, dafs alles davon bedeckt ist. Wieder ist 
es die Wachsschicht, die hier einige Schwierigkeit macht. 
Die Gelatinelösung wird nämlich stark davon abgestofsen. 
Wenn man aber das Aufgegossene fast bis zur Erstarrung 
abkühlen und dadurch schwerflüssig werden läfst, gelingt 
die gleichmäfsige Uberbreitung doch. — [Vor der Verteilung 
verhalten sich die Gelatinemassen wie Tautropfen. Man 
erkennt daran, wie am Leuchten der letzteren im Sonnen- 
licht eine dünne adsorbierte Luftschicht zwischen Blatt und 
Wasser als spiegelnde Fläche viel mehr beteiligt ist, als 
die Lichtbrechungen im Tropfen selbst.] — Je nach der 
Dicke der obenstehendeu Gelatiüeschicht ist deren Trock- 
nung in ein oder zwei Tagen beendigt. Diese vollkommene 
Trocknung reicht dann genau bis zum Blatt; unter diesem 
ist auch nach zwei Wochen die Gelatine ganz wasserhaltig. 
— Schneidet man an den Rändern die Folie durch, so kann 
man sie leicht abziehen und ihre Struktur der mikro- 
skopischen Untersuchung unterziehen. 

Eine Verstärkung der Relief bild -Wirkung durch Zusatz 
von Farbstoffen zur Gelatine erwies sich als nicht nötig. 



Kleinere Mitteilungen. 



377 



Ein solcher z. B. von Chlorophyll oder ähnliehen grünen 
Pigmenten würde nur dann in Betracht kommen, wenn 
man die Präparate nicht zur wissenschaftlichen Untersuchung, 
sondern für dekorative Zwecke benutzen wollte. 
Frankfurt a. M., Neurolog. Institut. 

Raphael Ed. Liesegang. 



Aus den Sitzungen der Entomologischen (lesellschaft 
zu Halle a. S. (E. V.) 

Sitzung vom 4. April 1910. Herr Haupt zeigte eine 
neue Auswahl exotischer Singcicaden, vornehmlich Ost- 
asiaten. Da die Unterordnung der Cicaden meist kleine 
bis kleinste, unscheinbare Formen enthält, fallen die bis 
fingerlangen Platypleuren, die zudem an Farbenpracht mit 
den schönsten Schmetterlingen wetteifern, umsomehr ins 
Auge. Ihrer Gröfse entsprechend vollführen die Riesen- 
cicaden einen ziemlichen Lärm; eine javanische Form erzeugt 
einen weit hörbaren, klingenden Ton, ähnlich dem Hämmern 
eines Schmiedes auf dem Ambofs. Der Fang der teilweise 
recht gefährlich aussehenden Tiere ist schwierig, da sie 
gewöhnlich hoch auf den Bäumen sitzen und sehr scheu 
sind. — Herr Spüttel I legte frische Frühlingskäfer vor. 
Wenn nach Reichardt Tropinota hirta gelbe Blüten bevor- 
zugen soll, so erklärt sich dies nach Ansicht des Vor- 
tragenden einfach dadurch, dafs unsere Frühlingsblumen 
fast sämtlich gelb blühen ; wenn später andersfarbige Blüten 
kommen, findet sich der Käfer auch in diesen, z. B. gern 
in Kirschblüten. — Herr Rosenbaum sprach unter Vorlegung 
lebender ßlattfufskrebschen (Branchipus) von der Rabeninsel 
über die Biologie dieses interessanten Fhyllopoden. — Herr 
Kleine führte als bemerkenswertestes Ergebnis einer Oster- 
fahrt nach Regensburg umfangreiche Frafsstücke von Cry- 
phalus fagi und piceae, Phthorophloeus spinulosüs, niicro- 
graphus und chalcoyraphus sowie von Folygraphus poly- 
graphics vor. 

Sitzung vom 18. April 1910. Herr Haupt besprach 
eine Reihe Lege-Immen, darunter eine bisher nur als Primär- 



378 



Kleinere Mitteilungen. 



Schmarotzer bei Schmetterlingen und bei CItrysopa perla 
bekannte Zehrwespe {Ferüampns sp.), die von Herrn Kleine 
als Sekundärparasit aus einer Tachina gezogen ist, die 
ihrerseits bei Taeniocampa stabilis schmarotzte. Ferner aus 
der Dübener Heide die 4,5 mm grol'se Fimpla angens, die in 
den Eiersäcken von Ärachniden schmarotzen soll. Endlich 
Männchen und Weibchen der P. terebrans Ratz., von Herrn 
Kleine aus Pissodes notatus gezogen, die bisher nur als 
Schmarotzer anderer Pissodes- kxiQxi und nur im vpeibliehen 
Geschlecht bekannt war. Ist schon bei dem Weibchen in der 
Segmentierung der Übergang zu Ephialtes angedeutet, so 
zeigt das neue Männchen direkt einen ausgeprägten Ephialtes- 
Habitus. — Herr Kleine sprach über unsere Bremsen 
(Tabanidae). Die Tabaniden, sämtlich Blutsauger, lieben 
lichte Waldstellen, besonders in der Nähe von Viehweiden, 
nur T. spodopteriis zieht Obstplantagen und Alleen vor. Bei 
uns sind 13 Arten festgestellt, darunter als Seltenheiten 
niaculicornis, solstüialis, stideticus und ein Überbleibsel aus 
der Eiszeit: tarandinus. Bei der Bearbeitung eines gröfseren 
Materials des häufigen T. luridus fand der Vortragende ver- 
schiedentlich leicht irreführende Unregelmäfsigkeiten im 
Flügelgeäder, indem am oberen Sector der Radialis eine Ver- 
längerung auftrat, was er mit Hilfe des die Schwierigkeiten 
derartiger Untersuchungen spielend bewältigenden Zeifs-Bino- 
culars an mehreren Stücken veranschaulichte. — Herr 
Bandermann zeigte eine von ihm täuschend zusammen- 
gesetzte Nachbildung des im Posener Kaisermuseum auf- 
bewahrten Manqelsdorf sehen Wolfsmilchschwärmers, den 
Rebel für eine Kreuzung von Deilephüa livorniea mit zygo- 
phylli, Jordan von livorniea mit eupJiorbiae, ev. auch mit 
dahli hält. — Herr Spöttel demonstrierte die Blattkäfer- 
gruppe der Crioceridae, von denen das rote Lilienhähnchen 
durch seine Zirptöne bei Jung und Alt bekannt ist. Dafs 
sich die Larven in eine Kotdecke hüllen, dürfte wohl nicht 
als Sonnenschutz aufzufassen sein, wie einige wollen, sondern 
eher als Schutzmittel gegen Feinde, z. B. Vögel. — Bei 
Laccophilus hyalinus sind Stridulationsorgane bekannt, nicht 
aber bei Gyrinus. Herr Krüger teilte jedoch mit, dafs auch 
eine Gyrinusai t Töne hervorbringe, wie er in seinem Aquarium 



Kleinere Mitteilungen. 



379 



unzweideutig beobachtet habe. Der Käfer klammerte sich 
dabei an Pflanzen lest und rieb mit den Hinterbeinen den 
Rand der Flügeldecken. 

Sitzung vom 2. Mai 1910. Herr Hauer hielt die 
zweite diesjährige botanische Demonstration. Seit den ver- 
heifsungsvollen Aufäugen in den paar warmen Märztagen 
ist das PHauzenleben bei Halle fast auf demselben Fleck 
stehen geblieben, so dals der Vortragende kaum ein Dutzend 
Arten vorlegen konnte, über deren Bewohner dann die Kenner 
der jeweils in Betracht kommenden Insektenordnungen 
sprachen. Herr Bauer legte auch einen Nachtkerzen- 
schwärmer {Pterogon proserpinä) vor, den er an den 
Blüten des Gundermann gefangen hatte. — Unter Vor- 
legung von 21 Arten sprach Herr Haupt über die Schlupf- 
wespengattung Pimpla, deren Larven in den verschie- 
densten Schmetterlingen schmarotzen. Obwohl die Gattung 
meist grofse bis sehr grofse und auffallend gezeichnete 
Arten enthält, ist ihre Systematik schwierig. Gleich ein 
hauptsächliches Trennungsmerkmal, ob nämlich die Atetn- 
löcher an der Brust oval oder rund sind, ist^ wie Schmiede- 
knecht selbst bemerkt, oft Gefühlssache. Ein von Herrn 
Kleine aus Spinneukokons gezogenes, in die Nähe von P. 
oculatoria gehörendes Stück ist mindestens eine noch un- 
bekannte Farbvarietät, wahrscheinlich sogar eine neue Art. 
Von gleichzeitig vorgelegten anderen seltenen Hymenopteren 
von allgemeinerem Interesse seien erwähnt die erst 1898 publi- 
zierte, bisher nur je einmal bei Hamburg und bei Schwerin 
gefangene Clistopyga sauheri Brauns, oder der mächtige, 
vom Vortr. in grofser Anzahl aus einem Birkenknüppel ge- 
zogene Tremex fuscicornis , der ausnahmsweise einmal aus 
Schwarzpappel gezogen ist und sonst als Buchenzerstörer 
gilt. Die seltene, zwischen Blatt- und Holzwespen stehende 
Xyela julii soll sich nach Hartigs Vermutung in trockenen 
Kiefernästen entwickeln, ist aber bereits von Zetterstedt 
auf einer gänzlich kiefernlosen Insel bei Tromsoe erbeutet 
worden, und Herr Haupt fand sie in diesem Frühjahr zahl- 
reich in der Dölauer Haide an Gräsern. — Herr Kleine 
brachte einen neuen Beleg für die Annahme, dafs die Fliegen 
mit untingierten Flügeln zu Reduktionen im Geäder neigen: er 



380 



Kleinere Mitteilungen. 



fand bei einer aus dem Erzgebirge stammenden Leptis aequalis 
den Sektor von der unteren Abbiegnng bis zum Rand, also 
den ganzen konkaven Teil, erloschen. 

Sitzung vom O.Juni 1910. (Statt der Sitzung vom 
16. Mai eine Exkursion in die Goitzscbe.) Herr Dr. med. 
ScHW^ARZENBECK legte einen Schmetterlingsbastard vor, der 
einer Kreuzung von SmerintJms populi mit ocellata ent- 
sprossen sein dürfte. Das Stück ist insofern von hohem 
theoretischen Interesse, als man zwar wiederholt, z. T. unter 
Anwendung ganz verschmitzter KunstgriliPe, experimentell 
Schwärmerbastarde erzielt hat, dieses Exemplar jedoch ein 
Hybrid aus der freien Natur ist, da es bei gewöhnlicher 
Haltung (Futter: Weide) neben zehn normalen Geschwistern 
von demselben Baum auskam. — Herr Kleine erläuterte 
an farbigen Tafelzeichnungen den normalen Bau des Leptiden- 
fltigels (Dipt.) und die von ihm mehrfach beobachteten Re- 
duktionen im Geäder, die in verschiedener Hinsicht die 
Adolph sehe Theorie stützen. — Herr Haupt referierte über 
den Feldzug, der angesichts der bedrohliehen Zahl von Malaria- 
fällen in Deutschland (jährlich über 1000!) zurzeit von der 
Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft gegen die 
keiraübertragende Anoplieles-W^Qk.Q organisiert wird. In 
der Debatte wurden von den Herren Dr. Japha, Pastor 
Manitius, und dem Referenten diesbezügliche Beobachtungen 
aus verschiedenen Gegenden unseres Vaterlandes mitgeteilt. — 

Herr Daehne sprach unter Vorlegung der Hallischen 
Arten über Bau und Lebensweise der hübsehen, sattgelbe, 
rostbraune, zartgraue und silberweifse Farbtöne in aparter 
Zusammenstellung vereinenden Wicklergattung Euxantliis. 
Die in Norddeutschland im allgemeinen seltene E. zoegana 
ist hier nicht selten; E. siraminea zeigt einen deutlichen 
Sexualdimorphismus dadurch, dafs das Männchen hellgraue, 
das Weibchen braungraue HinterfiUgel hat; von der hier 
häutigsten Art, E. hamana, ist weder die Raupe, noch die 
Futterpflanze, noch die Generationenzahl sicher festgestellt. — 
Herr Spöttel I zeigte aus Spickendorf zur Bestimmung ein- 
gesandte Exemplare des Pilzkäfers Ätomaria linearis, der 
dort als Rübenschädling aufgetreten ist, so dafs bereits ein 



Kleinere Mitteilungen. 



381 



1/2 Morgen grofses Feldstück umgepflügt werden mufste. Die 
etwa 1 mm grofse Cryptophagide fril'ist tagsüber an den 
Wurzeln und schwärmt nur abends zur Begattung umher. 
Die Rüben gehen durch die Schädigung entweder ganz ein, 
oder sie bilden statt der Pfahlwurzel eine Reihe wertloser 
Nebenwurzelu. Die Aussichten für eine erfolgreiche Be- 
kämpfung sind leider sehr gering; der Vortragende empfahl 
möglichst spätes Verziehen. Herr Spüttel zeigte ferner 
unter einer gröfseren Käferkollektion eine aus der Heide 
stammende, auf beiden Elytren verschieden gezeichnete 
Synharmonia conglobata (CoccinelUdae) nebst farbiger Zeich- 
nung in starker Vergröfserung. 

Sitzung vom 20. Juni 1910. Zunächst kamen zwei 
Arten aus der Stadt zur Bestimmung eingesandter kleiner 
Insekten zur Vorlage. Die Tierchen sollten in Unmenge als 
Zerstörer von Reisekörben (Weide) auftreten, und zwar ab- 
wechselnd in einem Jahre immer das eine viel häufiger als 
das andere. Sie wurden gleich in der Sitzung als ein Poch- 
käfer {Änohmm) und eine zu den Braconiden gehörende 
Sehmarotzerwespe {Spathius) erkannt; als bequemste Be- 
kämpfung wurde Ubergabe der Körbe an ein mit Schwefel- 
kohlenstoff arbeitendes Mottentötungs-Institut empfohlen. Mit 
seiner Beobachtung hat der Einsender übrigens einen Ein- 
blick in das Walten eines allgemeinen Naturgesetzes ge- 
wonnen: Tritt ein Tier in grofser Menge auf, so vermehren 
sich infolge der günstigen Nahrungsbedingungen auch seine 
Schmarotzer bis zum Uberwiegen; mit dem nunmehr ein- 
tretenden Nahrungsmangel geht ihre Zahl zurück, und der Wirt 
gewinnt wieder die Oberhand. — Herr Dr. von Schlechten- 
DAL zeigte lebende, auf der sog. Turmschwalbe {Cypselus 
apus) schmarotzende Lausfliegen (Stenopteryx hirimdinis) und 
sprach dann über seine Impfungen ausländischer Eichenarten 
mit verschiedenen Gallenerzeugeru, wodurch er u. a. bei einer 
amerikanischen Art die Zusammengehörigkeit einer ge- 
schlechtslosen mit einer geschlechtlichen Form hier in Halle 
eher nachwies als die Amerikaner selbst. — Herr Haupt legte 
eine Auswahl Hautflügler vor, und zwar die durch einen 
sehr dicken Kopf und eine nach vorn gerichtete scheinbare 



382 



Kleinere Mitteilungen. 



Muudspalte ausgezeichneten Xoridinen, darunter vier 
Gattungen und fünf Arten neu für Halle. 

Ferner von Herrn Spötiel I gezogene Töpferwespen 
(Trypoxylon) mit ihren Kunstbauten in Brombeerstengeln und 
eine der seltensten Hymenopteren Europas, Trigonalys halmi 
Gurt, [nee Pseudogonalos hahni Spin.!), den Schrecken der 
Systematiker, weil sie ihrem Geäder nach eine Biattwespe, 
dem Leib nach eine Sehlupfwespe ist und nach ihren zwei 
Scheukeiriugen beides sein könnte. ■ — Herr Kkrn teilte die 
beachtenswerte Beobachtung mit, dafs die fleischfressenden 
Laufkäfer Carahus dathratus und violaceus rohe Äpfel an- 
fressen. — Herr Kleine demonstrierte von einer Kgl. 
Bayrischen Versuchanstalt eingesandte Espenhölzer mit Frafs- 
gängen des Espenboeks {Saperda populnea) und Fliegen- 
kokons. Der Bock wird sehr stark von Schmarotzern heim- 
gesucht — der Vortragende hat bereits über 30 Arten fest- 
gestellt — , das Vorkommen einer Sarcophaga ist aber neu, 
zumal sich die Fliege gewöhnlich in Faulstoffen entwickelt. 
Der Befall dürfte, da die Fliege nur wenige Wochen zu 
ihrer Entwicklung braucht, im zweiten Larvenjahre er- 
folgen und wahrscheinlich, da sie vivipar ist, in der Weise, 
dafs die Fliegenmaden durch die Bohrlöcher in die Gänge 
kriechen. — Herr Bauer zeigte eine Hallische Spezialität, 
die begehrte Eule Plusia consorui, deren Raupe in vorzüg- 
licher Anpassung auf der Kalk, Lehm und Löls bevorzugenden 
Boraginee Nonnea pulla frifst. 

Sitzung vom 4. Juli 1910. Unter Vorlegung von 
52 Hallis^chen Wicklerarten sprach Herr Daehne über die 
ohne Zweifel allgemein unterschätzte Bedeutung dieser Klein- 
schmetterlingsgruppe im Haushalt der Natur. Wegen ihrer 
Kleinheit und ihrer verborgenen Lebensweise werden die 
Räupchen gewöhnlich kaum beachtet; durch ihre Zerstörung 
der lebenswichtigsten Teile unserer Kulturpflanzen vermögen 
sie aber, besonders bei Massenvorkommen, der Land- und 
Forstwirtschaft, dem Gartenbau und der Obstzucht erheblichen 
Schaden zu bereiten. Leider stehen wir dieser ständigen 
Schädigung unseres Nationalvermögens so gut wie machtlos 
gegenüber und müssen die Bekämpfung der Wickler in der 



Kleinere Mitteilungen. 



383 



Hauptsache ihren naturlichen Feinden Uberlassen. Die allein 
100t) paUiarktische Arten zählende Gruppe wird in geradezu 
merkwürdiger Weise von den Sammlern vernachlässigt, ob- 
wohl sie durch gefälliges Äulsere, durch hochinteressante 
Lebensweise und durch ihre praktische Wichtigkeit besticht, 
und obwohl ihr Studium infolge der grofsen Lücken in ihrer 
Biologie und Morphologie von vornherein verlockend erscheint. 
— Herr Bauer besprach etwa 20 Näbrpfjanzen von Schmetter- 
lingen, Käfern und Fliegen, dabei besonders betonend, dafs 
auch einige vor nicht allzu langer Zeit neu eingeführte 
PHanzen regelmäfsig von alteinheimischen Insekten befallen 
werden. — Herr Kleine sprach über die Larven des Feuer- 
käfers PyrocJiroa coccinea, die in vermorschtem Holz von 
Eichen — nur einmal fand er sie in Rüster — stets im 
Cambium leben, vielleicht erst nach vorhergehendem Bock- 
käfer-Befall. Auch er beobachtete den von Daehne in 
wiederholten Zuchten festgestellten Kannibalismus der assel- 
artig fiaehen, gelbroten Larven, die ebenso geschickt rück- 
wärts wie vorwärts laufen. In vier verschiedenen Versuchs- 
anordnungen fand er, dafs die als Steigeisen gedeuteten 
Anhänge keinesfalls zu diesem Zwecke dienen; die Larven 
verwenden vielmehr zum Klettern ein drüsenartiges, aus 
dem After hervortretendes Organ, mit dem sie sich fest- 
saugen. — Herr Hemprich zeigte Seidenspinner-Kokons vom 
Gardasee, die dort anscheinend nach einem neuen Verfahren 
behandelt werden. Denn während bei dem altbekannten 
Dämpfungsverfahren die Puppen abgetötet werden, fanden 
sie sich in den vorgelegten abgehaspelten Kokons sämtlich 
lebend vor. Herr Bandermann führte die neuesten Ergeb- 
nisse seiner in grofsem Mafsstabe angelegten Weifslingszuchten 
vor, darunter ein durch Treiben erzieltes Stück der forma 
Immaculata von Pieris brassicae. 

Sitzung vom 18. Juli 1910. Herr Rosenbaum legte 
lebende, aus dem Ei gezogene Larven von Libellula quadri- 
maculata im jüngsten Stadium vor. — Herr Daehne sprach 
an der Hand zahlreicher Tafelzeichnuugen über die um- 
fassenden Vererbungs versuche, die W. L. Tower an der von 
Carnegie eigens für experimentelle Entwicklungsgeschichte 



384 



Kleinere Mitteilungen. 



g-egrüudeten und reich dotierten (!) „Carnegie institution of 
Washington" durchgeführt hat. Abgesehen von einer ganzen 
Anzahl anderer wichtiger Feststellungen erzielte Tower durch 
Einwirkung äulserer Reize (Kälte, Wärme, Feuchtigkeit) auf 
den KartotTelschädling Leptinotarsa decemlineata — 1875 
als „Koloradokäfer" auch in Europa eingeschleppt — künst- 
lich eine Reihe in der freien Natur vorkommender Lokal- 
varietäten. Und zwar nach Belieben mit unvererbbaren oder 
mit vererbbaren Charakteren, je nachdem er die Reize erst 
auf die Puppen oder schon auf die fertigen Käfer zur Zeit 
der Eireife wirken liefs. Sogar von denselben Mutterkäfern 
erhielt er sowohl weiter vererbbare Abänderungen als auch 
den Eltern genau gleiche Nachkommen, indem er die Mutter- 
käfer z. B. zur Reifezeit der drei ersten Eiportionen beein- 
Hufste, zur Reifezeit der zwei letzten Eiportionen aber unter 
normalen Verhältnissen liefs. So hat in dem grofsen Streit 
der Vererbungslehren, der durch Darwin in den Vorder- 
grund des öffentlichen Interesse gerückt in der ganzen Kultur- 
welt wiederhallt und sich neuerdings immer mehr zu einem 
Zweikampf zwischen Lamarckismus und Weismanuismus zu- 
gespitzt hat: die Entomologie ein ausschlaggebendes Gewicht 
in die Wagschale des letzteren gelegt. — Herr Rosenbaum 
schilderte den anatomischen Aufbau eines Filterapparates 
im Pylorusmagen der höhereu Krebse (Malakostraka). In 
der Mitte des Magens drückt eine unten ausgehöhlte, cliitinöse 
Platte die autgenommene Nahrung gegen ein dichtes, von 
der unteren Magenwand schräg nach oben gerichtetes 
Borstensystem, das die flüssigen Bestandteile in den resor- 
l)ierenden Teil des Mitteldarmes abfiltriert, während die 
harten, unverdaulichen Reste in den chitinisierten Enddarm 
abgeleitet werden. Ferner skizzierte Herr Rosenbaum die 
Jordan sehen Untersuchungen über die Leistungen des Ge- 
hirns bei Krebsartigen. Im Gegensatz zu den Sehnecken, 
bei denen das Gehirn alle Muskeln gleichmäfsig quantitativ 
beeinfiufst, wirkt es bei den Krebsen nur auf besondere 
Muskelgruppen, was sich anschaulich nachweisen läfst, 
wenn man bei einseitig euthirnten Krabben die Wirkung des 
Gehirns durch elektrische Reizung der vom Gehirn aus- 
gehenden Nervenstränge der Schlundkommissur ersetzt. 



Kleinere Mitteilungen. 



385 



Herr Spöttel I hielt einen Demonstrationsvortrag über 
die Käferfauna von Scbmiedefeld (Thür.), die, entsprechend 
der Höhenlage von 700—800 m eine Anzahl bei Halle nicht 
vertretener Bergformen aufweifst. — Herr Dr. med. Schwak- 
ZENBECK sprach über die Verbreitung und die Gewohnheiten 
des sehr flüchtigen grauen Prachtkäfers Änfhaxia quadri- 
pundata, den er im Stakendorfer Busch (Bitterfeld — Zörbig) 
auf Habichtskräutern auffand. — Die Herren Daehne, Kleine 
und Dr. Schwarzenbeck teilten neue eigene Beobachtungen 
über Fang und Verzehren verschiedener Sehmetterlingsarten 
durch einheimische Vögel mit. Diese Tatsache wird bekannt- 
lich von angesehenen Fachgelehrten, hauptsächlich aus 
theoretischen Erwägungen heraus, ebenso energisch bestritten, 
wie von praktischen Entomologen auf Grund eigener Be- 
obachtungen behauptet. 

Sitzung vom 1. August 1910. Die Sitzung diente 
gröfstenteils der Sichtung verschiedener Ferienausbeuten, und 
zwar besprach Herr Bauer Schmetterlinge aus den Hoch- 
alpen, Herr Haupt Hautflügler und Fliegen aus der Dres- 
dener Heide und vom Erzgebirge, Herr Kleine Fliegen aus 
den Alpen und Herr Spöttel I Käfer aus dem Mittelgebirge 
(Thür. Wald) von 800 m und aus den Hochalpen von 2000 m 
Höhe. Allgemein wurde über zu geringe Ausbeute geklagt; die 
langen ßegenwochen scheinen vielerorts fast alles Insektenleben 
vernichtet zu haben. ■ — Herr Haupt referierte über Nonnen- 
schäden und ihre Bekämpfung, die gerade jetzt wieder Gegen- 
stand eines hitzigen Streites zwischen den beiden Richtungen 
der „Leimfreunde" und der „Leimgegner" ist. Zwar vermag 
das Leimen eine Nonnenkalamität nicht radikal zu beseitigen, 
aber ebenso falsch ist es, dieses kostspielige Bekämpfungs- 
mittel als gänzlich nutzlos, wenn nicht gar schädlich zu ver- 
schreien: entschieden führt es eine progressive Entlastung des 
Waldes und eine Linderung der Krankheit herbei. Allerdings 
mufs man sich dabei hüten, das Kind mit dem Bade aus- 
zuschütten, und mufs nicht blindlings alle von den Leimringen 
abgefangenen Raupen töten. Dadurch würden auch die von 
verschiedenen Feinden — namentlich von dem Erbfeind der 
Nonne, der Raupenfliege Parasetigena segregaia — befallenen 

Zeitsohr. f. Naturwisa. Halle a. S. Bd. 82. 1910. 25 



386 



Kleinere Mitteilungen. 



Raupen mitsamt den nützlichen Schmarotzern vernichtet werden. 
Unumgänglich nötig ist es vielmehr, mit dem Töten der Raupen 
dann aufzuhören, wenn ein bestimmter Prozentsatz — die Säch- 
sische Regierung schreibt z. B. 50 "/o vor — angestochen ist, 
damit die natürlichen Feinde sich möglichst vermehren und 
das Ende der Kalamität beschleunigen können. — In einem 
seiner regelmäfsigen Berichte über den Fortschritt der ento- 
mologischen Wissenschaft referierte Herr Daehne über eine 
sehr beachtenswerte Arbeit des dänischen Forschers Kryger 
aus dem wenig bebauten Gebiete der Spinnensehmarotzer. 
Durch planmäfsige Zuchten erhielt Kryger aus den Eiern 
von 56 Spinnenarten nicht weniger als 75 verschiedene Para- 
siten, darunten 68 Hautflügler und 4 Fliegen. Von den 
Hymenopteren leben bezeichnender Weise 60 Ichneumonideu 
frei in der ganzen Eiermasse, 3 Proctotrupier in den einzelnen 
Eiern, während 4 Chalcidier als Secundärparasiten wiederum 
die Schmarotzer ersten Grades befallen. — Herr Kleine er- 
läuterte die Variabilität der Fliegengattung Heteroneura ; die 
Krim picipes und albimana scheinen häufig zu bastardieren. — 
Herr Haupt schilderte die systematischen Schwierigkeiten 
die aus der aufserordentlichen Geäder -Variation der Holz- 
wespe Xii^hydria camelus entspringen. Von 20 Staudinger- 
schen Exemplaren wiesen kaum 2 genau gleiche Aderung 
auf; ein Stück zeigte sogar auf beiden Vorderflügeln ver- 
schiedenes Geäder. — Herr Spöttel I zeigte Bockkäfer aus 
der Gattung Leptura, darunter die bei Halle nicht vor- 
kommende maculicornis, und die 2 Kurztleckfliigler Lomechusa 
strumosa und Dinarda dentata, bekannt durch ihre merk- 
würdige Lebensweise bei Ameisen. — Herr Daehne sprach 
über das Vorkommen und Uber strittige Punkte in der Biologie 
des vierschrötigen pechschwarzen Gerberbocks Prionus 
coriarius und des eleganten, von Unkundigen regelmäfsig 
für eine Wespe gehaltenen Fliegenbocks Necydalis maior. 

Sitzung vom 15. August 1910. Herr Bauer zeigte 
eine südamerikanische, aber neuerdings gern bei uns kulti- 
vierte Pflanze, Asclepias syriaca, die mittels kleiner, zwischen 
den StaubgefUfsen sitzender Sperrblättchen Insekten fängt; 
und zwar nicht nur kleine Schwebfliegen — die in den vor- 



Kleinere Mitteilungen. 



387 



gelegten BiUten dutzendweis hingen — sondern vereinzelt 
sogar robuste Honigbienen. Ferner wies er in den Hoch- 
alpen erbeutete Stücke eines Sehmetterlingshaftes (Ascala- 
phus) vor, der bei 2000 m Höhe Jagd auf Schmetterlinge 
machte. Die Tiere sind echte Netzflügler, nach ihrer 
prächtigen, Goldgelb mit Saratbraun vereinenden Färbung 
und den wie bei den Tagfaltern durch einen Endknopf 
ausgezeichneten, langen Fühlern könnte man sie jedoch 
beinahe für Schmetterlinge halten'. — Als einzige Ausbeute 
einer Sammeltour durch den Böhmerwald legte Herr Spüttel II 
ein Kästchen Grofsläufer (Carabmi) und Bockkäfer {Ceram- 
bycidae), sowie ein Hornissennest mit lebenden Larven vor. 

In auffallendem Gegensatz zu den entmutigenden Er- 
fahrungen sämtlicher übrigen Mitglieder brachte Herr 
Hemprich von einer Sammelreise durch die Lausitz drei 
Riesenkästen voll Schmetterlinge, Käfer und Libellen heim. 

Herr Haupt zeigte eine neue Auswahl exotischer Laternen- 
träger (Horn.), die an Farbenpracht nach einstimmigem Ur- 
teil den schönsten Schmetterlingen mindestens gleichkommen. 
Die Deutung des grofsen Stirnfortsatzes als Balanzierorgan er- 
scheint insofern nicht einwandfrei, als es auch Arten ohne diesen 
Fortsatz gibt. Herr Bandermann legte ein halbes Dutzend 
lepidopterologischer Kostbarkeiten vor, eine aus Py rameis 
atalanta gezogene Theronia atal. Poda und 3 Abarten eines 
Bären {Ärdia hebe), die er neben 29 normalen Geschwistern 
gezogen hat. — Herr Spüttel I demonstrierte ein Exemplar 
des Leinkrautes {Linaria vulgaris), in dem zwei verschiedene 
Rüfsler hausten: Gymnetron antirrhini in den Fruchtkapseln 
und G. linariae in Wurzelgallen. — Unter Vorlegung lebender 
Ameisenlöwen sprach Herr Rosenbaum über die Biologie von 
Myrmecoleon formicarius. Aus wenigen, verhältnismäfsig 
grofsen Eiern schlüpfen die Larven, die in den bekannten 
Fangtrichtern zwei Jahre lang als blutdürstige Wegelagerer 
hausen und sich dann in einem kugelförmigen Sandkokon 
verpuppen. — Den Hauptteil des Abends füllte ein Demon- 
strationsvortrag des Herrn Haupt über die Schlupfwespen- 
gruppe der Evaniidae, die durch die ungewöhnliche Ein- 
lenkung ihres Hinterleibs ganz oben am Rücken schon be- 
sonders auffallen. Zudem ist der Hinterleib bei manchen Arten 

25* , 



388 



Kleinere Mitteilungen. 



SO stark seitlich zusammengedrückt, dafs er von oben gesehen 
fast verschwindet, das Tier also nur aus dem Vorderkörper 
zu bestehen scheint. Während die Gattungen Evania, Aulacus, 
Brachygaster und Stephanus nur wenige Arten enthalten, 
nmfalst die Gattung Gastemption deren 120, die trotz ihres 
sehr zarten Legebohrers empfindlich stechen können, und 
dadurch ein merkwürdiges Flugbild zeigen, dafs sie die 
langen Beine schräg nach unten und den Hinterleib schräg 
nach oben halten. Die Gruppe scheint sehr altertümlich zu 
sein. Denn erstlich besitzt sie ein sehr einfaches Geäder 
und ferner schmarotzt sie teilweise bei sehr altertümlichen 
Wirtstieren. So hat sich Evania appendigaster mit ihren 
Wirten, den Schaben Feriplaneta orientalis und americana 
fast über die ganze Erde verbreitet — beiläufig erregt sie 
durch ihr häufiges Auftreten auf den modernen Ozeandampfern 
öfter die Bewunderung der Reisenden, die sieh nicht erklären 
können, wie die grofsen schwarzen Tiere an Bord gekommen 
sein mögen !. — sie ist aber merkwürdiger Weise noch nicht 
bis zu uns vorgedrungen. Bei einer Schabe {Edobia lapponica) 
schmarotzt auch Brachygaster minuta, dagegen Aulacus bei 
Käfern und der Holzwespe Xiphydria, und Gasteruption bei 
Bienen. 

Sitzung vom 5. September 1910. Unter Vorlegung 
einer Auswahl Hallischer Wanzen sprach Herr Meyer über 
Bau und Lebensweise dieser arg verkannten Sippe. Er- 
fahrungsgemäfs löst bei dem grofsen Publikum, das die 
ganze Unterordnung nach dem einem widerwärtigen Bett- 
bewohner beurteilt, schon die blofse Erwähnung des ver- 
pönten Namens die Vorstellung von etwas Häfslichem und 
Ekelhaftem aus. Dabei erfreut aber die Mehrzahl der Wanzen 
ebenso durch schöne Färbung, eigenartige Zeichnung oder 
bizarre Form das Auge, wie durch interessante Lebensweise 
den denkenden Sinn. Manche Gruppen fallen als Schmarotzer 
lästig, manche werden als Pflanzenfeinde direkt schädlich, 
andere aber sind uns willkommene Bundesgenossen im Kampfe 
gegen unsere vielen kleinen Feinde. Gelegentlich findet 
sieh auch Futterwechsel; so wird die gewöhnlich von Tier- 
säften lebende Strachia oleracea bei Massenauftreten zu 



Kleinere Mitteilungen. 



389 



einem Kohl- und RUbensehädling. — Mit Hilfe zahlreicher 
Präparate und Zeichnungen führte Herr Haupt in das wenig 
gekannte Gebiet der Cicadinen-Schmarotzer, dabei auf Grund 
sorgfältiger Zuchten verschiedene Irrtümer älterer Autoren 
berichtigend. Einen sehr merkwürdigen Parasitismus übt 
z. B. die zu der eigentümlichen Gruppe der Betylidae ge- 
hörende Wespe Gonatopus spec. an der Larve von Cicadula 
sexnotata insofern, als sie ihr Opfer zur Verwandlung kommen 
läfst. Der Parasit sitzt, ohne erkenntliche Belästigung seines 
Wirts, in einer grofsen, runden Kapsel hinter dem zweiten 
Segment der Cicadenlarve und macht — wie der Vortragende 
im Gegensatz zu Miks, auf einer unrichtigen Ubersetzung 
einer Perris sehen Beschreibung beruhenden Angaben mit 
Sicherheit nachwies — zwei richtige Häutungen durch. Erst 
nach der Verwandlung platzt die Kapsel auf, die Wespen- 
larve drängt, sich auf die doppelte Länge ausdehnend, ein 
rüsselartiges Organ in den Körper der Cicade und zehrt 
diese so vollständig auf, dafs nur der sauber ausgeräumte 
Balg übrig bleibt. Dann wandert sie, auf dem Rücken 
kriechend, zum Einspinnen ab und entläfst schliefslich die 
5—8 mm grofse Imago, die im weiblichen Geschlecht ein 
zu einer Schere umgebildetes Klauenglied besitzt, wohl um 
sieh an den Cicaden beim Belegen festhalten zu können. — 
Im Ansehluls an die Kuhnt sehen Untersuchungen kam Herr 
Bauer in einer technischen Erörterung über den Schutz der 
lüsektensammlungen gegen Zerstörer zu dem Schlufs, dafs 
nur Schwefelkohlenstoff unbedingte Sicherheit gewährleiste, 
alle anderen gepriesenen Schutzmittel aber teils nutzlos, teils 
sogar schädlich seien. — ■ Herr Rosenbaum erbrachte an 
einem überzeugenden Belegmaterial den Nachweis, dafs unsere 
beiden einheimischen Dornschrecken Tettix subulatus und 
T. hipundatus lückenlos ineinander übergehen! — Herr Bauer 
erläuterte au seiner Kleefalter-Spezialsammlung die Systema- 
tik der etwa 40 paläarktische Arten umfassenden Gattung 
Colias. — Herr Spöttel I sprach über Futterwechsel bei 
Laufkäfern (Carabidae). Mit Ausnahme des bekannten Ge- 
treideschädlings Zabrus tenebrioides gelten die Raubläufer 
durchweg als reine Fleischfresser, doch sind gerade in letzter 
Zeit mehrere Arten von den Mitgliedern der E. G. als Gelegen- 



390 



Kleinere Mitteilungen. 



heits-Vegetarier festgestellt worden. Als neues Beispiel führte 
der Vortragende den Fsendophonus pubescens an, den er auf 
der Passeudorfer Wiese beim Verzehren der Früchte von 
Pastinaca sativa beobachtete. — Herr Hemprich demon- 
strierte Gold- und Schlupfwespen aus der Niederlausitz sowie 
einige Kästen Riesenschmetterlinge aus Java. 

Sitzung vom 19. September 1910. Herr Lassmann 
demonstrierte eine mehrere Hundert Teile umfassende Zu- 
sammenstellung der hauptsächlichsten Feinde unserer ge- 
meinen Kiefer mitsamt den von ihnen hervorgerufenen Zer- 
störungen in Rinde und Holz, den Blütenteilen und Wurzeln. 
Die Kiefer ist einer unserer meistbefallenen Waldbäume; sie 
vereinigt Angehörige aller Insektenordnungen, höchstens die 
Scheinnetzflügler und Netzflügler ausgenommen, zu einer 
Lebensgemeinschaft, in der sich die verschiedenartigsten 
Interessen kreuzen. Ein grofser Teil ihrer Bewohner be- 
wirkt nur leichtere Deformationen ; viele Arten sind selbst 
als Freunde der Kiefer zu betrachten, da sie als Räuber 
oder Schmarotzer unter den Kieferfeinden aufräumen. Die 
meisten jedoch gefährden als physiologische Schädlinge das 
Leben des Baumes oder machen sogar als technische Schäd- 
linge die Verwertung der Baumprodukte, vor allem des 
Holzes, teilweise oder ganz unmöglich. Die gefährlichsten 
physiologischen Feinde finden sich unter den Schmetterlingen: 
Kiefernspinner, Nonue, Kiefernspanner; die gefährlichsten 
technischen Feinde unter den Käfern: Borkenkäfer, Rüfsler, 
Pracht-, Schnell- und Bockkäfer. — In einer seiner regel- 
mäfsigen botanischen Demonstrationen zeigte Herr Bauer 
u. a. einen Büschel Artemisia ahsynthium mit Eulenraupen 
{Cucullia sp.), deren orangebraune Wülste den Blütenköpfen 
täuschend glichen. Ferner zeigte er mehrere Stücke des 
Wicklers Argyroploce schultziana, der an Finus, vielleicht 
auch an Vaccinimn vorkommen soll, den er aber bei Lettin, 
weit entfernt von diesen beiden Nährpflanzen, an Erica auf- 
fand. — Herr Kleine sprach Uber die in den Kambial- 
schichten der Kiefer bei Spannerfrafs {Bupalus piniarius) auf- 
tretende Temperatursteigerung um 5 — 6 Grad, die aus der 
geminderten Respiration resultieren dürfte. — Unter Vor- 



Kleinere Mitteilungen. 



391 



legung reichlichen lebenden und präparierten Materials sprach 
Herr Lassmann über die Biologie der „Wachsmotte" {Galleria 
mellonella). Das wegen seiner Verschiedenheit vom Männ- 
chen früher für eine eigene Art gehaltene Weibchen legt 
seine Eier in Bienenstöcke. Die Kaupen, die ihre Frafsgänge 
mit einem stichfesten Seidengewebe auskleiden, leben vom 
Wachs und können durch ihre Zerstörungen, namentlich 
durch das tötende Blofslegen der Bienennymphen, den ganzen 
Stock vernichten. Bis vor kurzem schien es, als ob dieser 
von den Imkern bitter gehalste Schädling zu einem Segen 
für die Menschheit werden würde, weil er uns eine schneidige 
Waffe gegen den schlimmsten Menschenwürger, die Tuber- 
kulose, zu liefern versprach. Die Tuberkelbazillen verdanken 
nämlich ihre aulserordentliche Widerstandsfähigkeit einer 
feinen Wachsumhüllung, und da allein die Züuslerraupen 
Wachs schlankweg verdauen, so hoffte man, aus ihnen das 
wachsspaltende Ferment gewinnen und damit die Bazillen 
abtöten zu können. Leider sind die in der Theorie so aus- 
sichtsvollen Versuche vorläufig auf dem toten Punkt ange- 
kommen. Daehne. 



Literatur-Besprechungen. 



Hersen, C. und Hartz, R., Telegraphen -Ingenieure bei 
der Telegraphen- Apparatwerkstatt des Keiehspostamts in 
Berlin, Die Fernsprechtechnik der Gegenwart (ohne 
die Selbstanschlufssystenie). 686 S. Mit mehr als 600 
Abbildungen und einer Tafel. Braunschweig, Friedrich 
Vieweg & Sohn. Geheftet 30, — M., in Leinwand ge- 
bunden 32,— M. 

Das Werk, auf dessen Erseheinen schon in einer früheren 
Nummer unserer Zeitschrift (Heft 1 — 3, 1910) hingewiesen 
ist, bildet die V. Abteilung der „Telegraphen- und Fernsprech- 
technik in Einzeldarstellungen von Th. Karkass", deren 
bereits erschienene Bände zum Teil von uns bereits be- 
sprochen sind. Wie seine Vorgänger gibt es eine er- 
schöpfende Darstellung seines Gebiets und was die Haupt- 
sache ist, es füllt eine fühlbare Lücke aus, denn aufser 
den in den Fachschriften zerstreuten einzelnen Abhandlungen 
und oberflächlichen populären Darstellungen hat die deutsche 
elektrotechnische Literatur seit Wietlisbachs grundlegendem, 
klassischen „Handbuche der Telephonie" kein zusammen- 
hängendes Werk mehr zu verzeichnen. In der Auswahl 
und Begrenzung des Stoffes haben sich die Verfasser sicher 
in schwieriger Lage befunden. Hätten sie, wie es Wietlis- 
BACH noch konnte, das gesamte Fernsprechwesen be- 
handelt, also geschichtliche Entwiekelung, wissenschaftliche 
Grundlagen, technische Einrichtung und Betrieb der Sprech- 
stellen und Amter, sowie endlich den Leitungsbau mit dem 
aufserordentlich wichtigen Kapitel der Sprechfähigkeit, von 
dem Fernsprechen ohne Draht ganz zu schweigen: so hätte 



Literatur-Besprechungen. 



893 



bei der riesigen Entwiekelung, die das Fernsprechwesen 
im letzten Jahrzehnt genommen hat, ein vielbändiges Werk 
entstehen müssen, in welchem möglicherweise die eigentliche 
Technik zu kurz gekommen wäre. Diese aber nach dem 
heutigen Staude gründlich zu behandeln, war das Ziel des 
Buches und dieses Ziel ist erreicht, bezüglich der deutschen 
Einrichtungen vollkommen, hinsichtlich des Auslandes in 
ausreichendem Mafse. Besonders haben die amerikanischen 
Einrichtungen eingehende Berücksichtigung gefunden und 
das mit Recht, denn es gibt keinen Zweig der Fernsprech- 
technik, der nicht seine Wurzeln oder seine Entfaltung auf 
amerikanischem Boden gehabt hätte. Bei den meisten 
Apparaten und Schaltungen ist ihrer geschichtlichen Ent- 
wickelung gedacht und, wo deren verschiedene noch jetzt 
gleichzeitig verwendet werden, fehlt es nicht an einem zu- 
treffenden Urteil über ihre Vorzüge und Nachteile. Auf 
diese Weise ist zwar kein Werk entstanden, das der ge- 
bildete Laie mit Genufs zum Selbststudium verwenden könnte, 
auch ist das Verhältnis zwischen der Wichtigkeit einzelner 
Apparate und Einrichtungen und der auf ihre Besprechung 
verwendeten Zeilen nicht immer richtig — z. B. sind dem 
Wecker 24 Seiten gewidmet, während das wichtige Kapitel 
über die Bauart der Fernsprechämter sich mit 14 Seiten 
begnügen muls — aber der Fachmann findet ein gründliches 
Nachschlagewerk und der junge Telegraphenbeamte ein 
sehr brauchbares Lehrbuch. 

Die Zeichnungen sind klar und übersichtlich; die Aus- 
stattung ist gediegen. 

0. SCHiJTZ. 



Pohl, Robert, Dr., Assistent am Physikalischen Institut der 
Universität Berlin, Die elektrische Fernübertragung 
von Bildern. Heft Nr. 34 der Sammlung naturwissen- 
schaftlicher und mathematischer Monographien ,Die 
Wissenschaft*. 45 S. Mit 25 Abbildungen, Geheftet 
1,80 M., in Leinen gebunden 2,50 M. 

Das Büchlein gibt eine kurze Darstellung der wissen- 
schaftlichen Grundlagen für die Fernübertragung der mensch- 



394 



Literatur-Besprechungen. 



liehen Handschrift sowie von Zeichnungen und Bildern, an- 
knüpfend an die geschichtliche Entwickelung dieses Zweiges 
der Telegraphie. In übersichtlicher Weise sind die physi- 
kalischen Bedingungen erörtert, auf denen sich die drei 
Haupttypen dieser Art von Telegraphen aufbauen. Zunächst 
ist der sogenannten Kopiertelegraphen von Bakewell und 
Caselli gedacht, die bereits vor ungefähr 60 Jahren er- 
funden wurden. Sie bedürfen synchron laufender Sender 
und Empfänger und liefern durch elektrolytische Strom- 
wirkungen schraffierte Bilder der Urschrift. Hieran schliefst 
sich der Kopiertelegraph von Lacoine, der keiner Syn- 
chronismuseinrichtungen, dafür aber zweier Leitungen bedarf 
und gestattet, die Bewegung der sehreibenden oder zeich- 
nenden Hand unmittelbar zu übertragen. Schliefslich ist 
etwas eingehender das eigentliche fernphotographische Ver- 
fahren beschrieben, welches nicht nur die Umrisse der Ur- 
bilder, sondern auch die Feinheiten der Schattierungen 
weitergibt, wie sie etwa gut durchgearbeitete Photographien 
enthalten. Man benutzt denn auch als Sender die photo- 
graphische Platte, deren Bild plastisch gemacht wird, z. B 
durch Anwendung der ßichromate des Kaliums, Natriums 
usw., so dais der durch die aktive Schicht fliefsende Strom 
bald dickere, bald schwächere Stellen trifft und damit mehr 
oder weniger in seiner Stärke und folglicli auch in seiner 
Wirksamkeit beeinfiufst wird. Am Empfangsorte erseheint 
ein dementsprechend abgetöntes Bild. Noch feiner, und zur 
Zeit am brauchbarsten ist das Verfahren unseres Lands- 
manns, des Prof. Korn. Er läfst durch ein gewöhnliches 
photographisches Negativ Licht auf ei-ne Selenzelle fallen, 
deren Ohmscher Widerstand bekanntlich bei der Belichtung 
sinkt. Derartige Zellen sind gegenüber Liehtschwankungen 
so empfindlich, dais sie die feinsten Abstufungen wieder- 
geben, selbst auf grofse Entfernungen. So gelang es dem 
Erfinder, das Bild des Kronprinzen von München nach 
Berlin klar zu übermitteln. 

Auf die technische Ausgestaltung der verschiedenen 
Verfahren geht der Verfassser nicht näher ein, wohl um 
den Rahmen der rein wissenschaftlichen Abhandlung, auf 
die er es abgesehen hatte, nicht zu überschreiten. Daher 



Literatur-Besprechungen. 



395 



wird sich der Leser, der nicht schon einigerniaf'sen mit dem 
Stoffe vertraut ist, kaum ein deutliches Bild über die 
Wirkungsweise der verschiedenen Apparate und Einrichtungen 
machen können, denn gerade die technische Seite bietet 
die gröl'sten Schwierigkeiten auf diesem Gebiete und nur 
ihrer Ausgestaltung ist der schliefsliche Erfolg zu danken. 
Es wäre daher sehr erwünscht gewesen, Hinweise auf die in 
den Fachschriften zerstreuten, umfassenderen Abhandlungen 
zu geben. Aber auch so bietet das Werk einen willkommenen 
Beitrag zur Schwachstromliteratur. 

0. Schütz. 



Zittel, Karl A. vou, Grundzüge der Paläontologie 
(Paläozoologie). 1. Abteilung: Invertebrata. Dritte ver- 
besserte und vermehrte Auflage. Mit 1414 in den Text 
gedruckten Abbildungen. Neubearbeitet von Ferdinand 
Broili. München und Berlin 1910. 607 S. 

ZiTTELS Grundzüge der Paläontologie waren als der 
beste kurze Ausdruck unseres Gesamtwissens von den 
fossilen Tieren nicht nur in Deutschland, sondern in allen 
Ländern der Erde, in denen Paläontologie getrieben wird, 
ein durchaus unentbehrliches Buch geworden. Nach der 
Fertigstellung der I. Abteilung der zweiten Auflage i) setzte 
der Tod dem eminent arbeitsreichen Leben des Verfassers 
(am 6. Januar 1904) ein Ende. Da die zweite Auflage der 
II. Abteilung bis heute nicht erschienen ist, und auch die 
zweite Auflage der I. Abteilung bereits wieder vergriffen 
war, mufste uns bange Sorge um das unentbehrliche Buch 
ergreifen. Jetzt liegt eine dritte Auflage der I. Abteilung 
(Invertebrata) aus der Feder eines Schülers und langjährigen 
Assistenten des Altmeisters vor. Sie rechtfertigt die Hoff"nung, 
dals uns das Werk Zittel s in der altbewährten Form er- 
halten bleibt, und dafs es dem Neubearbeiter gelingen wird, 
dem Werke seinen W^eltruf zu erhalten. 

Die Form des Werkes ist unverändert geblieben, den 
Fortschritten unserer Wissenschaft aber nach Kräften 



') Besprochen in dieser Zeitschrift, Bd. 76, 1903, S. 377—378. 



396 



Kleinere Mitteilungen. 



Rechnung getragen. Da der Neubearbeiter die Aufforderung 
zur Herausgabe der dritten Auflage erst im Herbste 1909 
erhielt, war es ihm nicht möglich alle Abschnitte in dem 
von ihm selbst gewünschten Umfange neu durchzuarbeiten. 
Gleichwohl zeigt die Neuauflage umfangreiche und be- 
deutungsvolle Änderungen. Die Seitenzahl ist um etwa 50 
gewachsen. Die Zahl der Abbildungen ist nur unbedeutend 
vermehrt, doch sind etwa 60 Abbildungen durch neue er- 
setzt worden. Zudem sind dankenswerter Weise einer Reihe 
älterer Abbildungen das Verständnis erleichternde erklärende 
Buchstaben zugefügt worden. In den Literaturangaben sind 
nicht nur die wichtigeren Neuerscheinungen, sondern auch 
manche Arbeiten der älteren Literatur nachgetragen worden. 
Völlig umgearbeitet ist der Abschnitt über die Insekten, dem 
Handlirschs Handbuch zu Grunde gelegt worden ist. Aber 
auch sonst, z. B. in den Abschnitten über Foraminiferen, 
Graptolithen, inartikulate Braehiopoden usw., finden sich er- 
hebliche Umarbeitungen und Zusätze. Den Flagellaten ist 
ein besonderer Abschnitt gewidmet und die Receptaculida, 
die ZiTTEL in der zweiten Auflage als vermutlich zu den 
Pflanzen gehörend weggelassen hatte, sind neu aufgenommen. 

Ew. Wüst. 



Reinisch, R., Entstehung und Bau der deutschen 
Mittelgebirge. Mit 48 Abbildungen. Leipzig 1910. VIII 
und 206 Seiten. Leipzig, Dieterich. Geheftet 3,50 M. 
Eine brauchbare kurze zusammenfassende Darstellung 
der erdgeschichtlichen Entwicklung und des geologischen 
Baues Deutschlands ist ein für weiteste Interessentenkreise 
dringendes aber leider bisher unbefriedigtes Bedürfnis. Auch 
das vorliegende Buch trägt nur wenig zur Befriedigung 
dieses Bedürfnisses bei. Es beschränkt sich auf das deutsche 
Mittelgebirgsland, für das eine zusammenfassende Darstellung 
am dringlichsten ist. Es ist nicht zu verkennen, dafs 
Reinisch mit Fleifs — aber oft ohne zureichende Kritik — 
ein nicht unbeträchtliches Material, vor allem eine ganz gute 
Sammlung von Profilen und Kartenskizzen zusammengetragen 
hat, aber er steht im allgemeinen zu wenig über dem be- 



Literatur-Besprechungen. 



397 



handelten StofiFe und läfst die erdgesehicbtliclien Momente 
zu wenig in den Vordergrund treten, als dafs wesentlich 
mehr als eine ziemlieh dürftige Kompilation herausgekommen 
wäre, welche immerhin ihre Dienste tun kann, bis einmal 
etwas brauchbareres vorliegen wird. 

Ew. Wüst. 



Schurig, Walter, Dr., Biologisehe Experimente nebst 
einem Anhang: Mikroskopische Technik. 8". 190 S. 
Leipzig, Quelle ä Meyer. Gebunden 2,80 M. 

Das Buch gliedert sich in drei Abschnitte. Teil I und II 
bringen eine Zusammenstellung meist einfacher und in- 
struktiver Versuche aus dem Gebiet der Pflanzen- und Tier- 
biologie; Teil III enthält einen kurzen Abrifs der mikro- 
skopischen Technik, soweit deren Kenntnis zur Ausführung 
der behandelten Experimente notwendig ist. 

Das Werk wird als erste Anleitung manchem Natur- 
freund willkommen sein. Insbesondere scheint es mir brauch- 
bar für die immer noch giofse Zahl derjenigen Lehrer, die 
— ohne eine besondere praktische Ausbildung in diesen 
Fächern erfahren zu haben — naturkundHchen Unterricht 
erteilen müssen und dabei auf das wertvolle Hilfsmittel des 
Versuches nicht verzichten wollen. Diese werden vorzüglich 
die Zusammenstellung der wichtigsten Konservierungs- und 
Färbemethoden gern benutzen. Auch dem Fachlehrer wird es 
angenehm sein, ein bequemes Nachschlagebuch zu besitzen, 
das ihm der Mühe überhebt, die einzelnen Versuche selbst 
zusammenzustellen. Ür. Leeke. 



Uhlenhuth, Eduard, Vollständige Anleitung zum 
Formen und Giefsen nebst genauer Beschreibung aller 
in den Künsten und Gewerben dafür angewandten 
Materialien. 192 S. 22 Abbild. VI. Aufl. Chemisch- 
Technische Bibliothek Bd. 49. Wien, A. Hartleben. Ge- 
bunden 2, — M. 

Die vorliegende Neuauflage des Buches hat eine er- 
hebliche Erweiterung erfahren. In der ersten Hälfte desselben 



398 



Literatur-Besprechungen. 



weiden ausfuhrlieb das Formen und Giefsen in Gips, ferner 
die Fabriltation und Verwendung der verschiedenen Zemente, 
die Fabrikation von Tonwaren und die neuerdings so be- 
deutungsvoll gewordene Herstellung von Zelluloidwaren be-» 
handelt. Die zweite Hälfte ist der Besprechung der Metall- 
giefserei gewidmet. Hier sind besonders die Ausführungen 
über die in der Praxis verwendeten Legierungen von Inter- 
esse. In (lern Abschnitte über Bronzegielserei ist auch die 
Herstellung japanischer Bronzen, ferner die Verwendung 
elastischer Formen bei der Herstellung der AVachsmodelle 
für den Metallgufs berücksichtigt worden. Das umfangreiche 
Kapitel über Eisengiefserei enthält u. a. eine Beschreibung 
des GoLDSCHMiDTschen Thermitverfahrens. Der Stahlgiefserei 
ist in der Neuauflage entsprechend ihrer Entwicklung ein 
eigener Abschnitt vorbehalten. Neu aufgenommen sind 
ferner noch eine Besprechung der Bleigiefserei und, nach 
einer ausführlicheren Behandlung der Patina, eine Anleitung 
zum Reinigen und Konservieren antiker Bronzen. 

Dr. Leeke. 



Hegi, G., Dr., Illustierte Flora von Mitteleuropa. Mit 
besonderer Berücksichtigung von Deutschland, Osterreich 
und der Schweiz. München, Verlag von J. F. Lehmann. 
Die inzwischen erschienenen Lieferungen 23—25 (160 S. 
mit 12 Tafeln und 68 Abbildungen im Text) schreiten in 
der Behandlung der Dicotyledonen fort bis zu den Cheno- 
padiaceae. Die textliche Bearbeitung ist eine recht aus- 
führliehe. So wird bei der Besprechung der Fagaceae die 
Physiognomie der mitteleuropäischen Flora besonders hervor- 
gehoben; auch werden — und in gleicher Weise geschieht 
das auch bei anderen wichtigen Arten — die typischen Be- 
gleitpflanzen zusammengestellt. Unter den Qiiercus - Arten 
erfahren die häufiger kultivierten und gelegentlich ver- 
wilderten amerikanischen Arten Berücksichtigung. Hier wie 
bei den Ulmen werden anhangsweise die mannigfachen 
Gallbildungen behandelt. 

Als Kulturpflanzen werden insbesondere Feige, Hopfen 
und Hanf gewürdigt; auf die interessanten Geschlechts- 



Literatur-Besprechungen. 



399 



Verhältnisse und Bestäubuugsvorgänge der ersten wird be- 
sonders eingegangen. Bezüglich der Mistel wird die von 
TuHKUF kürzlich aufgestellte Einteilung in die drei bio- 
logischen, ernährungsphysiologischen Rassen, Laubholz-, 
Tannen- und Föhren-Mistel übernommen. 

ür. Leeke. 



Artus, W., Dr., Grundzüge der Chemie für Gewerbe- 
treibende sowie für Lehrer an Gewerbeschulen. 
II. Aufl. Neu bearbeitet von E. Nicolas. 8». 424 S. 
62 Abb. Chemisch -Technische Bibliothek Bd. 64. Wien, 
A. Hartleben. Gebunden 6, — M. 

Das Werk stellt ein kurzes Handbuch der Chemie vor, 
der im Titel ausgesprochenen Tendenz entsprechend, ist, ohne 
die wissenschaftliche Behandlungsweise des Stoffes ganz 
fallen zu lassen, die Verwendung chemischer Fachausdrüeke 
und Formeln auf ein geringes Mafs beschränkt worden. 
Dafür erfahren dann die technisch wichtigeren Verbindungen 
und ihre Darstellung, sowie die gegenseitigen Beziehungen 
der einzelnen Zweige der chemischen Industrie eine weiter- 
gehende Berücksichtigung, als dieses sonst üblich ist. 

Dr. Leeke. 



Schuster, Fr., Oberstleutnant a. D., Der Einflufs des 
Mondes auf unsere Atmosphäre. 31 S. 2 Taf. Karls- 
ruhe, Fr. Gutsch. Broschiert 1,40 M. 

Verfasser will eine Lanze brechen für den alten Glauben 
au den EinHufs des Mondes auf den Stand des Barometers 
und damit auf das Wetter. Die wechselnde Stärke der 
Anziehung des Mondes soll eine Barometerwelle von 1 mm 
Höhe und 28 Tagen Länge hervorrufen, welche sich mit 
einer anderen, durch die Mondphasen bedingten Wellen- 
bewegung zu einem — dem Verfasser übrigens selbst nicht 
ganz klaren — kombinierten Wellensystem vereinigen und 
in periodischen Schwankungen unseres Wetters ihren Aus- 
druck finden soll. Der Theorie Falbs kann Verfasser auf 
Grund seiner Untersuchungen eine gewisse Berechtigung 
nicht absprechen. Dr. Leeke. 



400 



Literatur-Besprechungen. 



Binz, Artur, Prof. Dr., Koble uud Eisen. IV, 137 S. 
„Wissenschaft und Bildung", Nr. 69. (Leipzig, Quelle & 
Meyer.) 

Es ist zweifellos keine leichte Aufgabe über ein so 
umfangreiches Stoffgebiet, wie „Kohle und Prisen", auf wenig 
Seiten zu berichten; insbesondere erscheint es schwierig, die 
mannigfachen, scheinbar weit voneinander entfernt liegenden 
Sondorgebiete organisch mit dem Ganzen zu verknüpfen 
und in einer ihrer Bedeutung entsprechenden Weise zu 
berücksichtigen. Dieses aber hat Verfasser in dem genannten 
Büchlein in vortrefflicher Weise verstanden. 

In der ersten Hälfte desselben erfährt der Leser über 
die Entstehung und Gewinnung der Holz-, Braun-, Steinkohle 
und Uber ihre Bedeutung vorzüglich für die Eisenbereitung in 
früherer und jetziger Zeit alles wichtige; von dem einfachen 
„Herdfrischen" mit der Holzkohle durchleben wir den langen 
Gang der technischen Entwicklung der Eisenindustrie bis 
zur Herstellung der KRUPPSchen Panzerplatten. In der 
zweiten Hälfte werden wir mit der Industrie des Leucht- 
gases und seiner Konkurrenten, sowie derjenigen des 
Ammoniaks und der Gewinnung der P'arbstoffe aus dem 
Steinkohlenteer bekannt gemacBt. Auch hier wird durch 
Schilderung des genetischen Zusammenhanges der einzelnen 
Industriezweige ein tieferes Verständnis angebahnt. 

Die Darstellung ist aufserordentlich klar und frei von 
jener Trivialität, die man heute leider so häufig in sogen, 
populären Arbeiten findet. Insbesondere mufs der Versuch, 
die Bedeutung der Kekule sehen Benzolformel für die Ent- 
wicklung der Farbstoftindustrie in einer auch dem Nicht- 
fachmann verständlichen Weise klar zu legen, als gelungen 
bezeichnet werden. Unter den Abbildungen erregen vor- 
züglich einige aus dem Kgl. Materialprüfungsamt zu Grofs- 
Lichterfelde stammende mikrophotographische Aufnahmen 
unser Interesse, welche deutlich die Abhängigkeit der Be- 
schaffenheit des Eisens und Stahls von Kohlenstoff" und 
anderen Beimischungen zeigen. 

Dr. Leeke. 



Druck von Ehrhardt Karras, Halle a. S. 



über den Formeukreis der Statice Limouium 
und ihrer nächsten Verwandten 

Vorstudieu zu einer Monographie 
von 

Dr. Walther Wangerin 

Der Formenkreis der Statice Limonium und ihrer 
nächsten Verwandten, der im Folgenden einer eingehenderen 
kritischen Untersuchung unterzogen werden soll, gehört 
innerhalb der Gattung Statice, die ja bekanntlich der 
systematischen Gliederung und Artunterscheidung überhaupt 
nicht unerhebliche Schwierigkeiten bereitet, mit zu den 
schwierigsten und kompliziertesten, sowohl was die gegen- 
seitige Abgrenzung der Formenkreise und die systematische 
Wertung der einzelnen Glieder, als auch was die Synonymie 
anlangt. Die Schwierigkeiten, welche diese Gruppe bereitet, 
liegen nicht allein in der starken Variabilität der meisten 
zur Artunterscheidung gebrauchten Charaktere begründet, 
sondern vor allem auch darin, dafs mehrere der hierher 
gehörigen Arten ursprünglich vorzugsweise auf Grund ihres 
abweichenden Habitus aufgestellt wurden und sich infolge- 
dessen später, bei erweiterter Kenntnis des Formenkreises, 
die Notwendigkeit ergab, diese mehr oder weniger schwan- 
kenden Habitusmerkmale durch bestimmter definierte Charak- 
tere zu ersetzen, was aber keineswegs immer in einwand- 
freier Weise möglich ist. Einen Teil der hierher gehörigen 
Arten hat neuerdings bereits SalmonI) einer Revision unter- 
zogen ; indessen kann ich mich, worauf weiter noch zurück- 

Salmon, Notes on Limonium in Journal of Botany XLIII 
u. XLVII. 

Zeitsobr. f. Naturwiss. HaUe a. S. Bd. 82, 1911. 26 



402 



WAi/niEu Wangerin, 



[21 



zukommen sein wird, mit seinen Ergebnissen nicht in allen 
Punkten einverstanden erklären, auch hat er lediglich die 
bekanntesten europäischen Glieder des Formeukreises be- 
rücksichtigt, während nur eine alle Glieder der Gruppe 
gleichniälsig umlassende Betrachtung zu einer befriedigenden 
Darstellung und Klärung führen kann; es dürfte daher der 
folgende, auf Sichtung eines sehr umfangreichen Materials 
beruhende Versuch nicht unangebracht sein. 

I. 

Der Forinenkreis der eigeutliclien Statice Limonium 
und der *S^. halmsiensis. 
Linne 1), auf den der Name Statice Limonium zurück- 
geht, kannte nur eine Gesamtart, die bei ihm nicht weiter 
gegliedert erscheint, da die von ihm aufgeführten Varietäten 
ß — ö sämtlich anderen, unserer Gruppe ferner stehenden 
Arten zugehören; sein Name umfafst indessen im heutigen 
Sinne mindestens drei verschiedene Arten, nämlich aufser 
der eigentlichen St. Limonium noch die St. halmsiensis (ein 
Exemplar derselben liegt in seinem Herbar unter dem Namen 
St. Limonium) und die St. caroliniana, da er auch die 
Küsten von Virginien als Heimatsgebiet seiner St. Limonium 
angibt. Ebenso fafste auch Willdenow^), der der Gruppe 
in St. Gmelini und St. scoparia zwei neue Arten hinzufügte, 
denen der zweite Abschnitt dieser Arbeit gewidmet sein 
wird, die gesamten mittel- und südeuropäischen Formen als 
St. Limonium zusammen. Der erste Versuch einer Gliederung 
des Formenkreises rührt von Reichenbach 3) her; er bezog 
den Linne sehen Namen auf eine bestimmte südeuropäische 
Form, neben der er noch eine zweite Art als St. serotina 
aus dem Mediterrangebiet beschrieb, während er die an den 
Küsten des nördlichen Mitteleuropa vorkommende Pflanze 
mit dem Namen St. Pseudolimonium belegte. Durch Fkies*) 



1) Linne, Spec. pl. ed. 1 (1753) 274. 

2) Willdenow, Sp. pl. I (1797) 1524. 

3) Reichenbach, Ic. pl. crit. VIII (1830) fig. 959, 997 u. 998 und 
Fl. Germ, excurs. (1830) 191. 

0 Fries, Nov. Fl. Siiec. Mant. I (1832) 10. 



[3] 



Über den Formenkreis der Statice Limoniuni etc. 



403 



wurde letztere zerlegt in St. Limonium scanica. und St. Limo- 
nium lahusiensis-, erstere wurde von Drejer*) sechs Jahre 
später unter dem Namen St. Behen zur eigenen Art erhoben, 
von letzterer eine in Dänemark vorzugsweise vorkommende 
niedrige Form als St. rariflora beschrieben. Die Darstellung 
in der Monographie von Boissier^) schliefst sich im wesent- 
lichen an Reichenbach an, nur dafs er dessen drei Arten als 
Varietäten unter dem Namen St. Limonium vereinigt und 
daneben St. hahusiensis, wenn auch mit einigen Bedenken, 
als eigene Art aufführt; die übrigen von Boissier in unserer 
Gruppe unterschiedenen, zum grofsen Teil neu aufgestellten 
Arten sind entweder amerikanisch oder gehören zum Formen- 
kreis der St. Gmelini. Später hat allerdings Boissier 3) 
seine Meinung insofern geändert, als er seine früheren Varie- 
täten a. genuina (= St. Limonium Rehb.) und /. macroclada 
(= St. serotina Rchb.) einfach als Synonyme zu St. Limonium 
aufführt, so dafs er also diesen Namen in erster Linie eben- 
falls auf die südeuropäische Form bezieht und die nord- 
europäische als besondere var. Behen ansieht. Schon vor 
Boissier hatte übrigens Reichenbach fil.*) einen ähnlichen 
Schritt getan, indem er (abgesehen von St. hahusiensis) nur 
noch zwei Arten, die nordeuropäische St. Bseudolimonium^) 
und die südeuropäische St. serotina unterscheidet, so dafs hier 
also, wie es schon Fries vorgeschlagen hatte, der Name St. 
Limonium ganz fallen gelassen wird. Ähnlich ist auch die Dar- 
stellung bei Janka^) nur mit der Abweichung, dafs dieser für 
die nordeuropäische Form den Linne sehen Namen beibehält, 
wie es ähnlich z. B. schon Grenier und Godron'') getan hatten. 

Was nun zunächst die an den Küsten des nördlichen 
Mitteleuropa vorkommenden Formen der St. Limonium an- 

') Drejer, Fl. excurs. hafn. (1838) 122. 

2) Boissier in DC. Prodr. XII (1848) 644 — 645. 
Boissier, Fl. orient. IV (1879) 858 — 859. 

*) Reichenbach fil, Ic. Fl. Germ, et Helvet. XVII (1S55) 62. 

■') Die zugehörige Tafel trägt merkwürdigerweise den Namen 
St. Behen, obwohl im Text die Priorität des Namens St. Pseudolimonium 
ausdrücklich betont wird. 

") Janka, Plumbaginaceae europaeae in Termeszetrajzi Füzetek 
VI. 1 (18S2) und Engl. Bot. Jahrb. IV (1S83) 117—125. 

') Grenier et Godron, Fl. de France II (1S50) 739—740. 

26* 



404 



Walthei: Wangekin, 



[4] 



gebt, so können dieselben als in Habitus nnd Charakteren 
verbältnismäfsig konstant bezeichnet werden. Die Höhe 
der Pflanzen beträgt im allgemeinen 20 — 40 cm; zwergige 
Exemplare sind gelegentlich nur 7 — 12 cm hoch. Die 
Blätter sind lang elliptisch bis umgekehrt lang eiförmig 
oder lanzettlich, durchschnittlich 21/2 — 31/2 mal so lang als 
breit, seltener erheblich schmäler; die Länge des Stieles 
beträgt gewöhnlich • ;, bis ^ 2 von derjenigen der Spreite, 
doch habe ich auch Exemplare mit fast sitzenden Blättern 
gesehen, andererseits aber auch solche, bei denen der Blatt- 
stiel ungefähr die Länge der Spreite erreichte. Der blatt- 
lose, stielrunde Schaft ist etwa von der Mitte an wiederholt 
gabelig verzweigt; die primären Aste, die nicht allzu weit 
voneinander entspringen, gehen unter einem ziemlich spitzen 
Winkel ab, sie sind steif aufrecht und gewöhnlich gerade, 
nur am Ende etwas nach aulsen gebogen. Auch die 
sekundären Aste, welche entweder selbst oder erst an den 
Auszweigungen dritter Ordnung die Blüten tragen, sind 
einander ziemlich genähert und gerade aufrecht; die blüten- 
tragenden Aste, welche die „Spiculae" in dichter, regelmäfsig 
zweizeiliger Anordnung zu 1 — 2 cm langen kleinen Ähren 
vereinigt tragen, sind ziemlich dick und ebenfalls aufrecht 
oder nur wenig gebogen. Die Gesamtinfloreszenz ist daher 
in der Eegel eine dichte, wenig ausgebreitete, ebensträufsige 
Rispe. Die Spiculae sind zumeist zweiblütig; die äufsere 
Braktee, aus deren Achsel die Spicula entspringt, ist 
mindestens halb so lang wie die obere, die Blüten um- 
schliefsende oder noch etwas länger, von lang eiförmiger 
Gestalt, zugespitzt oder raeist deutlich mukronat, mit 
schmalem bis mäfsig breitem Hautrand und auf dem Rücken 
mit starkem, dickem Kiel versehen; die mittlere Braktee 
ist von gleicher Länge wie die untere, und mit Ausnahme 
des gekielten Rüekennerven wie bei fast allen Arten der 
Gruppe vollständig hyalin; auch an der obersten Braktee ist 
der Rückennerv bisweilen etwas gekielt, und fast bis zum 
oberen Rande durchgezogen, der Hautsaum ist mäfsig breit 
und meist von weifslicher Farbe. Der Kelch ist 7 mm lang; 
sein weifshäutiger, bisweilen etwas blau überlaufener Saum 
ist reichlich halb so laug wie die Röhre, die Zipfel sind 



l'ber eleu Formenkreis der Statice Limonium etc. 405 



grol's, dreieckig bis lanzettlich und spitz, in den Buchten 
zwischen ihnen befinden sich (wie bei den meisten Arten der 
Gruppe) noch fünf sehr kleine, kaum '/4 so lange Zähnchen. 
Die Behaarung der Kelchröhre beschränkt sich in der Regel 
auf die beiden inneren Rippen. Die blauviolette Blütenkrone, 
deren Zipfel nur am Grunde zusammenhängen, überragt 
den Kelch um ca. 3 mm. 

Wie schon bemerkt, ist der geschilderte Normaltypus 
ziemlich konstant, wenn auch im einzelnen der Habitus 
geringe Abweichungen aufweist, was zum Teil wohl durch 
die Standortsverhältnisse bedingt sein dürfte. Exemplare 
mit höherem, reicher verästeltem Schaft, mit verlängerten, 
zum Teil bogig abstehenden oder spreizenden Asten, welche 
eine etwas lockere, subpyramidale Rispe bilden, sind als 
var. pyramidalis Syme beschrieben werden; ein gröfserer 
systematischer Wert dürfte derselben nicht zukommen, da 
zwischen solchen Exemplaren and den typischen alle mög- 
lichen Ubergänge an demselben Standort beobachtet werden. 
Von gröfserem Interesse ist die als var. hallandica von Neu- 
MAN 1) beschriebene Pflanze. Dieselbe zeichnet sich vor 
allem dadurch aus, dafs der Schaft nur an seiner Spitze 
verzweigt ist und die primären Aste alle dicht beieinander 
entspringen; der blütenlose Teil dieser Zweige ist auffallend 
kurz, die äufseren Blütenäste sind nach aufsen gebogen, 
die übrigen schräg aufsteigend bis aufrecht. Die Corolle 
überragt den Kelch nur um 1 mm; die Kelchnerven ver- 
schwinden bereits unterhalb der Basis der Zipfel, während 
sie gewöhnlich bis in die Zipfel hinein zu verfolgen sind. 
Die Blätter sind stark sukkulent, nur doppelt so lang als 
breit und sehr lang gestielt (Stiel länger als die Spreite); 
der Schaft ist 15—25 cm hoch. Aufser in Schweden soll 
diese Varietät auch in Dänemark und auf den nordfriesischen 
Inseln vorkommen. 

Von sonstigen Abweichungen bezüglich der Blüten- 
verhältnisse erwähne ich noch ein Exemplar aus Varel in 
Oldenburg (Herb. Berlin), bei dem der Kelchsaum tief zer- 
schlitzt und die Zipfel sehr schmal lanzettlich waren. 



») Neuman, Bot. Not. (1897) 203. 



406 



Walthek Wangeiün. 



[6] 



Die Gesaiutverbreitung der Form erstreckt sich Uber die 
deutsche Nord- und Ostaeeküste (hier bis nach Mecklenburg 
und Vorpommern), Dänemark, Südskandinavien, England 
und Schottland (scheint in Irland zu fehlen), Holland, 
Belgien, die französische Kanal- und Ozeanküste und Nord- 
spanien, i) 

In den Blütenverhältnissen stimmt St. bahusiensis im 
wesentlichen mit der vorigen überein, nur ist die untere 
Braktee etveas schwächer gekielt und nur zugespitzt, nicht 
mukronat, und sind meist alle Kelchrippen behaart; die 
Blüten wie die ganzen Spiculae sind meist noch etwas 
gröfser (Kelch 8 — 9 mm lang). Auch zeichnet sich die 
Pflanze dadurch aus, dafs der Hautrand der Brakteen und 
der Kelcbsaum lebhaft purpurrot überlaufen sind. Die Unter- 
schiede der St. bahusiensis gegenüber der St. lAmonium- 
Form des nördlichen Mitteleuropa beruhen im wesentlichen 
auf dem Habitus der Infloreszenz. Der Schaft, der nicht 
stielrund, sondern etwas kantig ist, ist gewöhnlich von der 
Mitte, seltener fast vom Grunde an verästelt; die primären 
Aste sind schräg nach aufwärts abstehend, ziemlich steif 
und gerade; das gleiche gilt auch von den Blütenzweigen 
(Aste zweiter oder dritter Ordnung), welche verlängert (bis 
5 cm lang), ziemlich dick und steif und meist nur wenig 
gebogen sind; die regelmäfsig zweizeilig angeordneten 
Spiculae stehen an ihnen sehr locker und (besonders die 
unteren) weit voneinander entfernt. 

Auch diese Pflanze ist wenig veränderlich, fast nur die 
Höhe und die Gröfse der Blätter variieren in stärkerem 
Mafe. Während die normale Pflanze (.var. a. horealis Fries) 
20— 40 cm hoch und ziemlich reich und locker verästelt ist, 
kommen in Dänemark vorwiegend, doch auch in den übrigen 
Teilen des Verbreitungsgebietes niedrige Formen von 7 — 12 cm 
Höhe mit entsprechend kleineren Blättern (nicht über 4 cm 
lang und 1' 2 cm breit) und sehr viel weniger reich ver- 
ästelter und minder reichblütiger Rispe vor. Auf solche 
Formen bezieht sich in erster Linie der Name St. rariflora 
Drejer (= St. bahusiensis var. ß. danica Fries), der indessen 



») Nach Wilk. et Lange, Prodr.Fl.Hisp.il (1870) 380. 



[71 



Über den Fürnienkrcis der Statice Liiuoiiiuiu etc. 



407 



nach Nkuman i) den DHE.iEiisehen Originalexeniplareu zufolge 
daneben auch noch den Bastard zwischen St. Limonium 
lind baJmsiensis unifafst, weshalb jener Autor für die frag- 
liche Pflanze die neue Bezeichnung St. hahusiensis ioxm. nana 
eingeführt hat. 

Die Verbreitung der St. hahusiensis erstreckt sich über 
Dänemark (südlichster Standort auf der Insel Aarö an der 
Ostküste von Schleswig), Südskaudinavien, England, Schott- 
land, Irland und Nordfrankreich. 

Zwischen St. Limonium uud St. hahusiensis existiert, 
wie schon bemerkt, ein Bastard, der von Salmon^) unter 
dem Namen Limonium Xeumani beschrieben worden ist 
und diesem Autor zufolge in England, Schottland. Dänemark 
und Schweden vorkommt. Die Hybride ist im Habitus 
ziemlich wechselnd, doch schliefst sie sieh zumeist mehr an 
die St. hahusiensis an; der Schaft ist bald etwas kantig, 
bald ziemlich stielrund, bald fast vom Grunde an, bald nur 
an der Spitze verzweigt und bildet eine unregelraäfsige 
Rispe, deren Aste bald aufrecht abstehend, bald mehr 
oder weniger gebogen sind. Die Blütenzweige sind länger 
als bei St. Limonium, jedoch kürzer als bei St. hahusiensis, 
die Spiculae einander mehr genähert als bei letzterer, jedoch 
nicht imbrikat. Kelch und Brakteen sind ähnlieh wie bei 
St. hahusiensis purpurn überlaufen. Der Pollen ist oft normal 
entwickelt, während die Frucht meist fehlschlägt. 

In viel höherem Mafse variabel als die beiden vorigen 
sind die im Mediterrangebiet vorkommenden Formen der 
St. Limonium, welche habituell von den nordeuropäischen 
in der Regel recht erheblich abweichen. Die Rispe ist stets 
sehr viel stärker ausgebreitet und viel weniger dicht, auch 
allermeist nicht korymbos, sondern ±^ uuregelmäfsig, bisweilen 
fast besenartig. Es ist das vor allem dadurch bedingt, dafs 
die primären Aste der Rispe weit voneinander entfernt sind, 
vom Hauptsehaft stark abstehen und viel mehr in die Länge 
gestreckt sind als bei der nordeuropäischen St. Limonium; 
sie sind in der Regel stark nach aufsen gebogen, zuletzt 



1) Neuman, Sveriges Fl. (l'JOl) 205. 

») Salmon in Journ. of Bot. XLII (l'JOl) 361 — 363, tab. 4G0. 



408 



Walther Wangeuin, 



18] 



fast wagerecht oder sogar nach unten gekrümmt, seltener 
schräg aufsteigend und nur wenig gebogen. Auch die 
sekundären Aste sind meist sehr locker und ziemlich weit 
voneinander entfernt; sie sind allermeist bogig aufsteigend, 
seltener ziemlich gerade aufwärts von den primären Asten 
abstehend. Sehr wechselnde Verhältnisse herrschen bezüglich 
der blütentragenden Aste; es sind dies in den unteren Teilen 
der Rispe gewöhnlich die Zweige dritter bis vierter Ordnung, 
während in den oberen Teilen (sowie auch gegen das Ende 
der primären Aste hin), wo die Verzweigung allmählich 
ärmer wird, auch bereits die Zweige niedrigerer Ordnung 
Spiculae tragen. Bald sind die sekundären Aste reich ver- 
ästelt, so dafs die Blütenzweige, welche dann ziemlich kurz 
und zur Seite gebogen bis bogig aufstrebend sind, an ihrem 
Ende kleine, bald sehr lockere, bald etwas dichtere Eben- 
sträufse bilden; oder aber die sekundären Aste sind nur 
wenig verästelt und dafür die einzelnen Blütenzweige lang 
(bis 4 cm) und stark nach aufsen gebogen. Ebenso ist 
auch die Dichtigkeit der Spiculae an den einzelnen Blüten- 
zweigen eine wechselnde; meist sind sie einander ziemlich 
genähert oder sogar + imbrikat, bisweilen aber auch sind 
sie ziemlich locker angeordnet. Übrigens sei bemerkt, dafs 
das mehr oder weniger dichte Aussehen der Blütenzweige 
nicht nur abhängig ist von dem gegenseitigen Abstand der 
primären Brakteen, aus deren Achseln die Spiculae ent- 
springen, sondern auch von der Zahl der in jeder Spicula 
enthaltenen Blüten; dieselbe beträgt in der Regel drei bis 
zwei, in den letzten Spiculae kommt oft auch nur eine Blüte 
zur Entwicklung; doch sah ich z. B. im Breslauer Herbar 
ein von Weiss in Brioni gesammeltes Exemplar mit fünf- 
bis dreiblütigen Spiculae, bei dem infolgedessen die Blüten- 
zweige ein ungewöhnlich kompaktes Aussehen hatten. 

Infolge der angeführten Verhältnisse ist der Gesamt- 
habitus der Infloreszenz ein ziemlich wechselnder, und dieser 
Umstand ist es wohl in erster Linie, der, worauf bereits 
oben hingewiesen wurde, seinerzeit Reichenbach und ihm 
folgend BoissiER zu dem Versuch veranlafst hat, eine Schei- 
dung der mediterranen Formen in zwei Arten resp. Varietäten 
vorzunehmen. Dafs ein solcher Versuch aussichtslos ist, 



[91 



Über den Foriuenkreis der Statice Limoniimi etc. 409 



dürfte aus den vorstehenden Angaben über die Mannig- 
faltigkeit der vorkommenden Formen zur Genüge hervor- 
gehen. Reichknbach stützte sich allerdings bei der Unter- 
scheidung seiner beiden Arten nicht nur auf den Habitus 
der Infloreszenz, sondern auch noch auf ein zweites Merk- 
mal, nämlich die Insertion des Mukro am Ende des Blattes, 
oh derselbe direkt aus der Spitxe oder auf der Unterseite 
etwas unterhalb der Spitze aus der Mittelrippe entspringt; 
indessen ist mit diesem Merkmal noch weniger anzufangen, 
da in dieser Hinsicht sogar an den Blättern eines und des- 
selben Stockes Verschiedenheiten begegnen. Auffällig ist 
es übrigens, dafs Reichenuach in seinen Exsikkaten unter 
Nr. 1516 als St. scoparia eine Pflanze von Zaule bei Triest 
ausgegeben hat, die mit seiner St. serotina völlig überein- 
stimmt, während die von ihm als St. scoparia beschriebene 
und abgebildete Pflanze zum Formenkreis der St. Gmelini 
gehört. Ferner sei in diesem Zusammenhange auch gleich 
erwähnt, dafs es für die Reichenbach sehe St. serotina 
einen älteren Namen gibt, St. angusiifolia Tausch, den z. B. 
Kerner aus Prioritätsgründen in der ..Flora austro-hungarica 
exsiccata'' (Nr. 255, von Zaule bei Triest) angenommen hat. 
Indessen ist die Originaldiagnose von Tausch i) so kurz 
gefafst, dafs eine Identifizierung fast nur auf Grund der 
beigefügten Standortsangabe (österreichisches Litorale) mög- 
lich ist; vor allem aber fällt der Umstand ins Gewicht, dafs 
die von Tausch beschriebene Pflanze nur eine spezielle, 
durch besonders lange und schmale Blätter ausgezeichnete 
Form darstellt. Allerdings haben die meisten Exemplare 
gerade aus dem österreichischen Küstenland lang gestielte 
(Stiel 1/2 bis 2 3 so lang wie die Spreite), lang gestreckte, 
schmal oblonge bis lanzettliche Blätter (Spreite vier- bis 
fünfmal so lang als breit); indessen liegen mir daneben in 
nicht geringer Zahl auch Exemplare mit kürzer gestielten, 
bisweilen fast sitzenden und breiteren elliptischen Blättern 
vor; ich halte daher den Namen St. angustifolia zur Be- 
zeichnung des gesamten mediterranen Formenkreises für 
ungeeignet. 



') Tausch, Syll. pl. nov. Ratisbon. II (182b) 254. 



410 



WAT/niEu Wangekin, 



[10] 



Wie sclioD bemerkt, sind die habituellen Unterschiede 
zwischen der süd- und der nordeuropäischen Form der 
St. Lmonhm im allgemeinen recht typisch und deutlich 
ausgeprägt, und ebenso wie bei den Formen von den Küsten 
des nördlichen Mitteleuropa nur selten habituelle Anklänge 
an die südeuropäischen Exemplare zu verzeichnen sind, so 
habe ich auch umgekehrt aus dem Mediterrangebiet unter 
der grolseu Zahl der von mir untersuchten nur wenige Exem- 
plare gesehen, welche sich habituell der nordeuropäischen 
Form stärker nähern. Eine solche Ubergangsform hat 
mir z. B. vorgelegen aus San Sebastian; bei derselben war 
zwar die Rispe lockerer und stärker ausgebreitet als es bei 
der nordeuropäischen Form in der Regel der Fall zu sein 
pflegt, andererseits aber waren die primären Aste steiler 
und weniger bogig ansteigend und auch die Blütenäste mehr 
aufrecht als man es bei den mediterranen Formen gewöhnlich 
antrifft. Ebenso zeigten auch bei einem Exemplar von 
Aigues mortes (Südfrankreich) die Partialinfloreszenzen eine 
der nordeuropäischen Form ähnliche Gestaltung und war 
die Gesamtrispe ziemlich ebensträufsig. Übrigens bemerkt 
PospiCHAL,!) dafs zwar die grofse Mehrzahl der sich im 
österreichischen Küstengebiet findenden Pflanzen infolge der 
weitschweifig ausgespreizten Aste und der schmalen Blätter 
ein von der gedrungenen St. Limonium der nördlichen See- 
küste stark verschiedenes Aussehen besitze, dafs aber auf 
schlammig-brackigem Boden gelegentlich Stöcke vorkommen, 
die sich durch steifen und niedrigeren Wuchs, breit ovale 
Grundblätter und mehr straff aufrechte Aste der nördlichen 
Form sehr nähern, so dafs er die Vermutung ausspricht, 
die südliche Form sei vielleicht nur eine durch warmen, 
trockenen Boden erzeugte Varietät. 

Was den Bau der Spiculae und der Blüten bei der 
südeuropäischen Form angeht, so ist die primäre untere 
Braktee in der Regel breit eiförmig mit deutlichem Kiel 
auf dem Rücken, mit kurzer Stachelspitze und ziemlich 
breitem Hautrand; auch die oberste Braktee ist gewöhnlich 
mit recht breitem Hautsaum versehen. Die Längenverhält- 



>) Pospicbal, Fl. des üsterr. Küstenlandes II (1898) 4C4 — 465. 



[11] über den Tormenkreis der Statice Limoniiiiu etc. 411 



uisse der Brakteen sind nicht absolut konstant, doeb ist 
allermeist die untere deutlicb kürzer als die halbe obere, 
oft nur '/s so lang wie diese und die mittlere Braktee 
deutlich länger (bis doppelt so lang) als die untere; nur 
selten ist die untere Braktee ziemlich halb so lang wie die 
obere. Die Behaarung der Kelchrippen ist auch hier recht 
wechselnd; bald sind alle Kippen ziemlich dicht abstehend 
behaart (z. B. bei dem Exemplar der Fl. austr.-hung. exsicc. 
n. 255, ferner auch bei algerischen Exemplaren u. a. m.), 
bald sind es nur zwei Rippen, die eine deutliche Behaarung 
aufweisen (z. B. bei dem Exemplar von F. Schultz, Herb, 
norm. n. 324), bald ist auch bei diesen die Behaarung sehr 
schwach und nur auf die Basis beschränkt. Die Länge des 
Kelches beträgt durchschnittlich G — 7 mm, die Blüten sind 
also nur wenig kleiner als bei der nordeuropäischen Form, 
bisweilen auch ebenso grofs; die Kelchzipfel sind grofs, bald 
etwas breit eiförmig -dreieckig und akuminat, bald mehr 
lanzettlich, stets aber spitz; die Farbe des Kelchsaumes ist 
bald rein weifs, bald mehr oder weniger blauviolett über- 
laufen. 

Es verbleiben nun noch einzelne stärker abweichende 
Formen hervorzuheben, soweit solche bei der in vielen Einzel- 
heiten bestehenden grofsen Variabilität und der dadurch 
bedingten Formenfülle besondere Erwähnung verdienen. In 
habitueller Hinsicht auffällig war ein Exemplar, das in der 
„Flora lusitanica exsiccata" unter Nr. 686 ausgegeben worden 
ist, dadurch, dafs die einzelnen Glieder des Hauptschaftes 
sehr stark winklig hin und her gebogen sind; es ist dies 
eine Erscheinung, die bei manchen Statice-Avten besonders 
gegen das Ende der primären Seitenäste hin nicht selten 
sich findet, die ich aber am Hauptschaft selbst nirgends so 
stark ausgeprägt gesehen habe und die bei Arten unserer 
Gruppe überhaupt nur selten und in geringem Mafse sich 
findet; die Seitenzweige, sowohl die primären als die sekun- 
dären, waren bei dem fraglichen Exemplar stark gekrümrat, 
die Blütenzweige verhältnismälsig robust, ebenfalls sehr stark 
gekrümmt, die Spiculae sehr dicht. Bemerkenswerter ist 
noch ein Exemplar (Herbar de CandoUe), das von Bruni 
bei Barletta gesammelt worden ist; zwar war der Gesamt- 



412 



Walthei! Wanoeiun, 



[12] 



auf bau der Rispe vom Typus nicht abweichend, dagegen 
waren die bogig aufsteigenden l)lütentragenden Zweige sehr 
verlängert (4 — 8 cni) und die Spiculae sehr weit voneinander 
entfernt, so dais die Pflanze, die sich auch durch eine un- 
gewöhnlich frühe Blütezeit auszeichnete (Mai statt Juli bis 
September), sich in ihrem Aussehen der St. hahusiensis 
näherte. Andere ebenfalls von Bhuni bei Barletta ge- 
sammelte Exemplare waren durchaus typisch, auch bezüglich 
der Blütezeit; Bruni glaubte daher, in jener fraglichen Pflanze 
eine neue Art vor sich zu haben und hat auch handschriftlich 
den Namen St. harulensis hinzugefügt, denselben aber allem 
Anschein nach niemals publiziert. Ahnliche Exemplare mögen 
es vielleicht gewesen sein, welche RouyI) zu der Angabe 
veranlaft haben, St. hahusiensis komme auch im Mediterran- 
gebiet vor, was ich für vollständig ausgeschlossen halte. 
Auf Grund der gröfseren oder geringeren Dichtigkeit der 
Spiculae unterscheidet der genannte Autor noch zwei be- 
sondere Formen als Subsp. aggregata und Subsp. remoti^lora, 
die aber nach meinem Dafürhalten keinen gröfseren syste- 
matischen Wert besitzen, da, wie schon bemerkt, die Aus- 
gestaltung der Partialinfloreszenzen bei den mediterranen 
Formen eine sehr wechselnde ist und sich zwischen extrem 
dicht- und besonders lockerblütigen Formen eine lückenlose 
Reihe von verbindenden Zwischengliedern herstellen läfst. 
Endlich ist noch zu erwähnen die St. drepanensis Tin., die 
zwar habituell vom Typus nicht abweicht, bei der jedoch 
Schaft und Blütenzweige warzig rauh sind und die deshalb 
wohl als besondere Varietät aufgeführt zu werden verdient. 

Was die Verbreitungsverhältnisse angeht, so scheint 
unsere Pflanze im mittleren Teil des Mediterrangebietes 
(Südfrankreich, Italien und Sizilien, österreichisches Küsten- 
land bis Dalmatien) am häufigsten zu sein und sowohl gegen 
Westen (Spanien, Portugal) als auch gegen Osten (Griechen- 
land, Mazedonien bis Byzanz) seltener zu werden ; aufserhalb 
Europas kommt sie in Algier und Kleinasien (Smyrna) vor. 



1) Rouy, Kev. Bot. System (1903) 167, 



über den Formenkreis der Statice Limonium etc. 413 



II. Der Formeiilireis der Statice Gmelini. 

Komplizierter noch als bei der St. Limonium liegen die 
Verhältnisse bei dem Formenkreis der St. Gmelini, einmal, 
weil die Zalil der hier unterschiedenen „Arten" eine be- 
trächtlich gröfsere ist, sodann aber vor allem, weil neben 
der Frage der inneren Gliederung des Formenkreises auch 
noch das Problem der Abgrenzung gegenüber demjenigen 
der eigentlichen St. Limonium hinzukommt. In der Original- 
diagnose von WiLLDENOwi) hcifst es in dieser Beziehung: 
,Simillima St. Limonio, sed folia tirmiora raargine non 
plicato undulata, forma eorum obovata, mucro magis dissitus, 
flores duplo minores conferti, et habitus totius scapi diversus." 

Es waren also in erster Linie in der Diagnose nicht 
näher präzisierte Eigentümlichkeiten des Habitus und die 
Kleinheit der Blüten, welche Willdenow zur Aufstellung 
seiner Art veranlafsten. Boissier^) fügt noch ein die Be- 
schaflPenheit der Primärbrakteen der Spiculae betreffendes 
Merkmal hinzu; in seiner Monographie sagt er Uber die 
St. Gmelini: „A St. Limonio egregie distincta foliis latioribus 
brevius petiolatis, floribus dimidio minoribus, bracteis in- 
ferioribus fere omnino membranaceis superiore subrotunda"; 
und in der , Flora orientalis" heifst es ebenfalls: „A 
St. Limonio floribus minoribus, bracteis externis fere omnino 
membranaceis et calycis lobis obtusis distincta", doch spricht 
er hier nicht mehr von „ausgezeichneten" Unterscheidungs- 
merkmalen, sondern räumt ausdrücklich ein, dafs gewisse 
Exemplare hinsichtlich ihrer Zugehörigkeit zu der einen 
oder anderen Art Zweifel zu erwecken imstande seien. 

Vorweg sei bemerkt, dafs mit der Gestalt und Kon- 
sistenz der Blätter und der Länge des Blattstieles für die 
Charakterisierung unserer Art wenig anzufangen ist; neben 
kurz gestielten, fast sitzenden Blättern kommen auch solche 
mit deutlichen Stielen, die bisweilen sogar länger sind als 
die halbe Spreite, vor, und die Gestalt der Spreite ist auch 



') Willdenow, Sp. pl. I (1797) 1524. 

«) Boissier in DC. Prodr. XII (1848) 645. 

3) Boissier, Fl. orient. IV (1879) 859. 



414 



Waltheu Wangeuin, 



[14] 



bei nicht kritiscbeii Exemplaren, bald breit umgekehrt 
eiförmig, bald ovat-elliptisch bis oblong; und was die Kon- 
sistenz der Spreite angeht, so sind dick lederartige Blätter 
auch bei den südeuropäischen Formen der >S7. Limonium 
häutig, während allerdings die nordeuropäische St. Limonium 
meist etwas dünnere Blätter besitzt. Wir können sonach 
die Blattmerkraale von vornherein ausscheiden und uns auf 
die Untersuchung der sonst in Betracht kommenden Charak- 
tere beschränken. 

Da der WiLLDENOWSche Name ursprünglich auf sibi- 
rische Exemplare gegründet ist, so wird es berechtigt sein, 
wenn wir mit Tkautvetter >) in von dort stammenden 
Exemplaren den eigentlichen Typus der Art erblicken. Mir 
liegen z. B. Exemplare vor, welche von Schuenk in der 
songorischen Steppe gesammelt worden sind und die auch 
Tkautvetter seiner var. typica zugrunde gelegt hat. Bei 
denselben ist der Schaft kahl, 45 — 50 cm hoch und etwa 
von der Mitte an locker und regelmäfsig verzweigt; die 
primären Aste sind weit abstehend, anfangs bogig auf- 
steigend, zuletzt fast wagerecht oder sogar nach aufsen und 
unten gekrümmt, die sekundären sind voneinander entfernt 
oder (am Ende der unteren sowie an den kürzeren oberen 
Primärästen) einander etwas genähert, bogig aufsteigend 
und nur an ihrer Spitze verästelt; die Blütenzweige sind 
dicht zusammengedrängt, stark zur Seite gebogen und 
ziemlich kurz, die Spiculae einander sehr genähert. Infolge- 
dessen erhalten die Partialblütenstände ein überaus charakte- 
ristisches, stark geknäueltes Aussehen; derUmrifs der Gesamt- 
rispe ist ziemlich regelmälsig pyramidenförmig. Die Spiculae 
sind zwei- bis einblütig; die primären Brakteen sind von 
breit eiförmiger Gestalt, kurz zugespitzt und auf dem Rücken 
deutlich gekielt; sie sind mit Ausnahme des gekielten Rücken- 
nerven und der Basis zumeist vollständig hyalin und etwa 
1/3 so lang wie die nur mit schmalem Hautrand versehene 
obere und wenig mehr als halb so lang wie die mittlere. 
Der Kelch ist 4 mm lang; die ziemlich schlanke Röhre ist 



1) Trautvetter in Bull, phys.-math. Acad. St.Petersb. XIV, Nr. 16 
(1855) 252. 



[15j I ber den Forinenkreis der Statice Liiuoniiiin etc. 415 

nur au den beiden inneren Kippen etwa bis zur Mitte locker 
und kurz abstehend behaart, der Saum ist sehr schmal, die 
Zipfel klein, breit dreieckig, abgerundet; oft sind nur die 
fünf den Rippen entsprechenden Hauptzipfel entwickelt und 
fehlen die intermediären Zähne völlig. Die Farbe des Kelch- 
saumes ist bei neueren Exemplaren regelmäfsig hell violett- 
blau, bei älteren dagegen meist verblafst und rein weifs. 

Die übrigen sibirischen Exemplare der 8t. Gmelini, die 
mir vorgelegen haben, stimmten mit der geschilderten Pflanze 
in allen wesentlichen Punkten überein. Als Hauptmerkmale 
für den Typus unserer Art, den wir im Anschlufs an Boissier 
am besten als subspec. genuina bezeichnen, können wir also 
betrachten in habitueller Beziehung die regelmäfsig ver- 
zweigte subpyramidate Rispe mit bogig abstehenden, nicht 
besonders verlängerten primären Asten und die dicht glome- 
raten ßlütensträuJ'se, hinsichtlich des BlUtenbaues die Kürze 
des Kelches (niemals über 41/2 mm, oft nur 2'V4 — 3^2 mm), 
die Schmalheit des Kelchsaumes und die geringe Gröfse 
der Kelchzipfel. Die Verbreitung des Typus scheint nach 
Osten bis ins baikalische Sibirien sich zu erstrecken, während 
ich über die Grenze nach Norden keine genaueren Angaben 
zu macheu imstande bin; am häufigsten scheint die Pflanze 
im russischen und in dem westlichen chinesischen Turkestan 
(Dsungarei, Altai, Kirghisensteppe usw.) vorzukommen. 
Daneben findet sich St. Gmelini jedoch auch noch im süd- 
lichen und südöstlichen Teil des europäischen Rufslands, in 
Ungarn, Siebenbürgen, der Balkanhalbinsel und Kleinasien 
in zum Teil recht weiter Verbreitung, und bei den aus diesen 
Gegenden stammenden Exemplaren liegen die Verhältnisse 
weit weniger einfach als bei den sibirischen. Am zweck- 
mäfsigsten werden wir die Besprechung mit den Exemplaren 
beginnen, welche wenigstens in habitueller Hinsicht mit der 
typischen Form einigerraafseu übereinstimmen. Dies ist z. B. 
zunächst der Fall bei den beiden Exemplaren Nr. 89 und 90 
des Herb, ruthen. von Läng und Szovits aus der Gegend 
von Odessa, von denen das eine als St. Gmelini, das andere 
unter .dem Namen *S'^. scoparia ausgegeben worden ist. Bei 
beiden stehen die Blütenzweige in dichten kleinen Eben- 
sträufsen an der Spitze der Sekundäräste, sie sind allerdings 



416 



Walther Wangerin, 



[16] 



bei Nr. 89 zum Teil etwas länger uud dafür weniger zahl- 
reich als bei der typischen subsi)ec. genuina, doch stimmen 
in dieser Hinsicht selbst verschiedene Exemplare derselben 
Nummer nicht völlig überein; ferner kommen, allerdings nur 
vereinzelt und auch nicht regelmäfsig, im unteren Teil der 
Elspe sterile Nebenäste vor. Der Gesamtumrifs der Rispe 
ist zumeist nicht so regelmäfsig und ausgesprochen pyramidat 
wie beim Typus. Bemerkenswert ist es auch, dafs bei 
einem im Herbar Wien befindlichen Exemplar der Nr. 90 
die feineren Infloreszenzzweige etwas warzig punktiert und 
zum Teil fein kurzhaarig sind. Die Blüten sind zum Teil 
etwas gröfser als beim Typus (Kelch ca. 5 mm lang); die 
Kelchröhre ist etwas dicker, umgekehrt kegelförmig, eben- 
falls nur an den beiden inneren Rippen behaart; der Kelch- 
saum ist schmal, die Kelchzipfel klein und breit dreieckig, 
jedoch spitz, die intermediären Zähne sind deutlich ent- 
wickelt. Die Beschaffenheit der primären Brakteen ist nicht 
völlig konstant; dieselben sind bei Nr. 89 fast völlig hyalin, 
bei Nr. 90 dagegen ist nur ein ziemlich breiter hyaliner 
Saum vorhanden und der Rücken krautig. Auch bei den 
übrigen südrussischen Exemplaren, so weit sie durch den 
Besitz dicht glomerater Partialinfloreszenzen ausgezeichnet 
sind, halten sich die Abweichungen in denselben engen 
Grenzen; besonders erwähnt sei daher nur noch ein Exemplar 
aus ßessarabien (Herb. Wien, leg. Marsch, v. Bieberstein), bei 
dem an den unteren primären Asten der Rispe die meisten 
Sekundärzweige steril sind und nur die äufsersten kleine 
dichte Ebensträufse von Blütenzweigen tragen, sowie ein 
anderes gleichfalls von M. v. Bieberstein gesammeltes 
Exemplar aus Taurien mit etwas gröfseren Kelchzipfeln und 
Primärbrakteen, die nur einen schwachen Hautrand besitzen. 

Auch die überwiegende Mehrzahl der ungarischen und 
siebenbürgischen Exemplare stimmen habituell mit der mehr 
oder weniger ausgeprägt pyramidaten Rispe und den kurzen, 
in dichten glomeraten Ebensträufsen an der Spitze der 
Sekundärzweige vereinigten Blütenzweigen gut mit der 
typischen St. Gmelini überein. Aber auch hier erweist sich 
die Beschaffenheit der Primärbrakteen sowohl als auch die 
Ausbildung des Kelches und die Blütengröfse als nicht 



über den Formenkreis der Statice Limonium etc. 417 



konstant. Z. B. ist an dem Exemplar von F. Schnitz, Herb, 
norm. Nr. 1213 (Umgebung von Budapest) der Kelch zvear 
nur 4 mm lang, die Zipfel aber sind grofs (reichlich die 
Hälfte des Saumes einnehmend), von ähnlicher Gestalt wie 
bei St. Limonium und sehr spitz; dagegen zeigen Exemplare 
von den Bittersalzquellen bei Hunyadi Janos zwar etwas 
gröfsere Blüten (Kelch 3'/4 mm lang), dagegen sind die 
Kelchzipfel klein und wenig spitz. Ahnliche Schwankungen 
kommen auch bei den übrigen ungarischen und sieben- 
bürgischen Exemplaren vor; in der Mehrzahl der Fälle sind 
allerdings die Kelcbzipfel klein, breit und wenig spitz, 
während die Länge des Kelches zwischen 4 und 51/2 mm 
schwankt und die Kelchröhre zumeist ausgeprägt obkonisch 
und ziemlich weit ist; so extrem kleinblütige Formen wie 
die sibirischen habe ich überhaupt bei dem ganzen mir 
vorliegenden europäischen Material der St. Gmelini nicht 
wieder angetroflen. Die Ausbildung der Gesamtrispe ist 
nicht immer so regelmäfsig pyramidat; die Primärbrakteen 
sind bald ganz hyalin, bald auf dem Rücken ziemlich breit 
krautig und nur von einem + breiten Hautrand umsäumt. 
Die gleichen Eigenschaften wie die ungarischen und sieben- 
bürgischen zeigen auch Exemplare aus Serbien, die mir 
vorgelegen haben. 

Neben der St. Gmelini beschreibt nun Willdenowi) 
unter dem von Pallas herrührenden Namen St. scoparia 
noch eine zweite Art, von der es in der Diagnose heifst: 
„Simillima St. latifoliae, sed non pilosa et scapi fere ut in 
St. Limonio; pagina foliorum inferior punctis parvis elevatis 
lente tantum conspicuis est tecta." Nach Boissier soll 
allerdings das Exemplar der St. scoparia aus dem Willde- 
Now sehen Herbar mit dem der St. Gmelini völlig überein- 
stimmen, während die Beschreibung bei aller Kürze doch 
wohl keinen Zweifel läfst, dafs Willdenow eine von der 
St. Gmelini vor allem habituell stark abweichende Pflanze 
im Sinne hatte; wie dieser Widerspruch zu erklären ist, 
läfst sich nicht mehr aufhellen, immerhin aber glaube ich, 



>) Willdenow, Spec. pl. I (1797) 1524. 
5) Boissier in DC. Prodr. XIII (1848) 646. 

Zeitschr. f. Naturwiss. HaUe a. S. Bd. 82. 1911. 27 



418 



Walther Wangetjin, 



[18J 



mit Trautvetter*) den sehr bezeichnenden Namen St. sco- 
paria nicht fallen lassen und durch den Boissibr sehen var. 
laziflora ersetzen zu sollen, zumal jener Name — abgesehen 
von WiLLDENOW — bereits vor Boissier von anderen 
Autoren 2) in dem gleichen Sinne wie die von Boissier 
geschaffene Benennung gebraucht worden ist. Der Be- 
schreibung der hierher gehörigen Formen möge etwa zugrunde 
gelegt werden das Exemplar von Gallier, Iter tauricum 
seeundum Nr. 305. Bei demselben ist der Schaft ungefähr 
vom unteren Drittel an locker verästelt; die primären Aste 
sind bogig abstehend und aufsteigend bis nach aufsen zurück- 
gekrlimmt oder unregelmäfsig hin und her gebogen und 
ziemlich stark verlängert; die Blutenzweige bilden an der 
Spitze der bogig abstehenden und aufsteigenden Sekundär- 
äste kleine, lockere Ebensträufse; sie sind kurz, zur Seite 
gekrümmt oder halb aufrecht und tragen die Spiculae in 
lockerer, zumeist einseitswendiger Anordnung. Letztere sind 
zumeist nur einblütig; die primäre Braktee ist fast ganz 
hyalin, die obere mit ziemlich breitem Hautrand versehen. 
Der Kelch ist 41/2 — 5 mm lang, seine Röhre an zwei oder 
drei Rippen schwach behaart, der Saum wenig erweitert 
und ziemlich schmal, hell violett überlaufen, mit ziemlich 
grofsen, stumpfen, dreieckigen Zipfeln; die intermediären 
Zähne sind fast halb so grol's wie die Hauptzipfel. Teil- 
weise noch stärker verästelt sind Exemplare, die Hohen- 
acker (Unio itineraria 1838) bei Kumbaschinsk in der 
Provinz Talysch am Kaspischen Meer gesammelt hat. Der 
Schaft ist hier vielfach fast vom Grunde an verästelt und 
bildet eine sehr stark ausgebreitete, unregelmäfsig besen- 
förmige Rispe mit langen, weit abstehenden, gebogenen und 
sehr stark verzweigten Asten; die kurzen Blütenzweige 
bilden kleine lockere Ebensträufse; die Spiculae sind einander 
zum Teil etwas mehr genähert, zum Teil auch ziemlich 
locker. Die untere Braktee ist ziemlich hyalin; der Kelch 
ist 3'/2 — 41/2 niiQ If^ng, der Saum ist schmal, die Zipfel 
bald klein, bald ziemlich ansehnlich, bald abgerundet, bald 

1) Trautvetter, I. c. 253 — 254. 

Z. B. von Lessing, Beitr. z. Fl. d. südl. Ural u. d. Steppen in 
Linnaea IX (1835) 196. 



[19J 



Über den Fonuenkreis der Statice Limoninm etc. 



419 



spitz, zum Teil sogar au verschiedenen BiUten derselben 
Pflanze nicbt ganz gleiehniursig gestaltet. Diese Exemplare 
waren es, auf die BoissiEui) hauptsäcblicli seine St. Meyeri 
gegründet bat, welcbe zwiscbeu St. Limonium und St. Gmelini 
gewissermalsen eine Mittelstellung einnimmt; später 2) jedocb 
bat er diese Art wieder eingezogen und mit seiner var. laxi- 
flora vereinigt. Neuerdings bat Salmon^) den Namen als 
var. Meyeri wieder hergestellt und dazu aufser den be- 
scbriebenen russischen auch gewisse griechische Exemplare 
gezogen, die aber, worauf weiter unten noch zurückzukommen 
sein wird, mit jenen in wesentlichen Punkten nicht überein- 
stimmen und eine besondere selbständige Form der St. Gmelini 
darstellen. 

Die Unterschiede der subspec. scoparia gegenüber der 
typischen St. Gmelini sind also wesentlich habitueller Natur; 
sie liegen vor allem begründet in dem unregelmäfsig besen- 
artigen Gesamtcharakter der aufserordentlich stark ver- 
ästelten Rispe mit ihren sehr stark verlängerten und weit 
abspreizenden Zweigen, den lockere Ebensträufse dar- 
stellenden Partialiufloreszeuzen und der etwas lockeren An- 
ordnung der Spiculae. Hinsichtlich der Blütencharaktere 
hingegen läfst sich ein positives Unterscheidungsmerkmal 
nicht angeben; es kommen hier bezüglich der Blütengröfse 
wie der Gestalt und Gröfse der Kelchzipfel dieselben 
Schwankungen vor, die schon bei den europäischen Exem- 
plaren der subspec. genuina zu verzeichnen waren. Ich 
vermag Trautvetter ^) nicht beizustimmen, wenn er zur 
Charakterisierung seiner var. scoparia gegenüber der var. 
typica nur ganz geringfügige Differenzen des Blütenbaues 
(Blüten etwas gröfser, Kelchsaum deutlich zehnzähnig) als 
mafsgebend ansieht und und im übrigen habituell ganz ver- 
schiedene Formen in seiner var. scoparia vereinigt; denn 
wenn auch bei den sibirischen Formen der St. Gmelini die 
intermediären Kelchzähne meist nur sehr schwach entwickelt 
sind, so fehlen sie doch durchaus nicht immer gänzlich; mir 

1) Boissier in DC. Prodr. XII (1848) (545. 
^) Boissier, FI. orient. IV (1879) 859. 
3) Salm on in Journ. of Bot. XLVII (1909) 288. 
*) Trautvetter, 1. c. 253—254. 

27* 



420 



Waltheu Wangerin, 



[20] 



scheint daher jenes Merkmal zur Gliederung des Formen- 
kreises ungeeignet und ich glaube den Charakter der In- 
floreszenz für die Unterscheidung in den Vordergrund stellen 
zu müssen. Aufser aus dem südlichen und südöstlichen 
europäischen Rufsland haben mir Exemplare der subspec. 
scoparia z. B. vorgelegen aus der Dobrudscha (Sintenis Nr. 201 
und 202), Rumänien, Transkaspien (Sintenis, Iter transcasp.- 
pers. Nr. 1307) und Nordpersien (leg. Szovits). Die letzteren 
Exemplare weichen allerdings von der gewöhnlichen Form 
der subspec. scoparia dadurch ab, dafs die Verästelung der 
Rispe, deren sämtliche Zweige sehr schlank und dünn sind, 
eine regelmäfsigere und infolgedessen ihr Umrifs. ein sub- 
pyramidater ist; auch sind die Blütenäste an den bogig 
aufstrebenden Sekundärzweigen sehr regelmäfsig angeordnet, 
stark zur Seite gebogen und gar nicht oder nur sehr wenig 
verästelt, so dafs auch die Partialinfloreszeiizen im Umrifs 
pyramidenförmig erscheinen ; die Spiculae sind mäfsig dicht 
bis etwas locker angeordnet, die Blüten sehr klein (Kelch 
kaum 4 mm lang), die Kelchzipfel klein und abgerundet. 
Es dürfte dementsprechend angemessen sein, die fragliche 
Pflanze als besondere var. gracilis der subspec. scoparia 
unterzuordnen. Nebenbei sei bemerkt, dafs im nördlichen 
Persien auch die subspec. genuina vorkommt; z. B. gehört 
zu ihr ein von Buhse in der Provinz Ardebil gesammeltes 
Exemplar mit sehr dichten, ausgesprochen glomeraten Partial- 
infloreszenzen und ebenfalls sehr kleinen Blüten. 

Schon oben wurde erwähnt, dafs Salmon zu seiner 
var. Meyeri, welche hinsichtlich der russischen Exemplare 
im wesentlichen unserer subspec. scoparia entspricht, auch 
noch gewisse griechische Exemplare zieht, welche von 
Phaleron in Attika stammen und von Obphanides (Fl. graec. 
exsicc. Nr. 266) und v. Heldreich (Herb, graec. normale 
Nr. 495) unter dem Namen St. Limonium var. macroclada 
ausgegeben worden sind. Auch Halacsy^) zieht die frag- 
lichen Exemplare zu St. Limonium, wohl im Anschlufs an 
BoissiER, der zwar in seiner Monographie seine St. Meyeri 
auch — obschon mit einigen Bedenken — für Griechenland 



») Halacsy, Consp. Fl. graec. III (1904) 16—17. 



[21] 



Über den Formenkreis der Statice Limonium etc. 



421 



angibt, iu der „Flora orientalis" jedoch, wo er ja den Namen 
St. Meyeri ganz fallen Hilst, die betreffende Angabe aus- 
drücklieb auf St. Limonium bezieht. Nun hat Salmon aller- 
dings recht, wenn er darauf hinweist, dafs die fraglichen 
Pflanzen nicht zu St. Limonium gehören, sondern dem 
Formenkreis der St. Gmelini zugerechnet werden müssen. 
Das ergibt sich mit voller Deutlichkeit aus der geringen 
Gröfse der Blüten (Kelch nur 4 mm lang), der Schmalheit 
des Kelchsaumes und der äufserst geringen Gröfse der spitz- 
lichen Kelchzähne. Dagegen vermag ich der von Salmon 
vorgenommenen Vereinigung jener Pflanzen mit den oben 
ausführlich beschriebenen sUdrussischen Exemplaren nicht 
beizustimmen. Sie gleichen denselben zwar in der sehr 
starken Verästelung und dem besenartigen Gesamtcharakter 
der Rispe, deren primäre Zweige auch hier sehr verlängert 
und gebogen weit abspreizen; die Bildung der Partial- 
infloreszenzen dagegen ist bei den griechischen Exemplaren 
eine wesentlich andere. Die primären Aste tragen hier nur 
gegen ihr Ende hin wenige bogig aufsteigende, ebenfalls 
ziemlich lange Sekundäräste, die ihrerseits an ihrer Spitze 
nur wenige ± genäherte, kurze, schräg nach aufwärts ab- 
stehende oder zur Seite gebogene Blütenzweige tragen; 
letztere sind sehr dicht mit mehrblütigen Spiculae besetzt 
und zeigen daher ein recht kompaktes Aussehen. Bezüglich 
des Baues der Spiculae sei noch hinzugefügt, dafs die fast 
kreisförmigen, kaum zugespitzten und nur schwach gekielten 
Primärbrakteen auf dem Rücken krautig und blofs mit 
schmalem Hautsaum versehen sind. Um diesen Unter- 
schieden Rechnung zu tragen, scheint es mir am zweck- 
mäfsigsten, die fragliche Form als besondere var. limonioides 
der subspec. scoparia anzugliedern; der Name soll die habi- 
tuelle Ähnlichkeit der Pflanze mit gewissen mediterranen 
Formen der St. Limonium zum Ausdruck bringen. Inwieweit 
die von Halacsy angegebenen griechischen Fundorte der 
St. Limonium auf unsere Form zu beziehen sind, vermag ich 
nicht festzustellen; ich habe dieselbe aufser vom Phaleron, 
wo sie mehrfach gesammelt worden ist, noch gesehen von 
der Eurotasmündung und vom Peloponnes, ferner aufser- 
halb Griechenlands noch von Saida in Syrien (Reliquiae 



422 



Waltuer Wangekin, 



[22] 



Mailleauae Mr. 1616 und 1616a) und von Mersina in Ana- 
tolien (Bornmüller Nr. 1799b). Die letztere Pflanze ist es 
voruebnilich, die mich veranlafst, die in Rede stehende Form 
nur als Varietät der suhspec. scoparia und nicht als eigene 
Unterart zu betrachten; denn sie nähert sich im Verzweigungs- 
habitus der typischen St. scoparia, stimmt dagegen hinsichtlich 
der Partialiutioreszenzen und der Blütenzweige mit den 
sehr genäherten Spiculae mit der griechischen Form überein. 

Trautvetter 1) beschreibt neben seinen beiden Varietäten 
«. typica und ß. scoparia noch eine dritte unter dem Namen 
/. steiroclada, die sich durch zahlreiche sterile Zweige an 
der Basis des Blüteustandes, dünneren und schlankeren 
Schaft, kurze und armblütige Blütenähreu und zehnzipfligen 
Kelch auszeichnen soll. Ich habe bisher unter dem mir 
vorliegenden Material kein Exemplar gesehen, das ich als 
zweifellos zu jener Varietät gehörig betrachten könnte; nach 
der Beschreibung glaube ich kaum, dafs dieselbe als eine 
unseren Unterarten genuina und scoparia gleichwertige Form 
zu betrachten, sondern höchstens als besondere Varietät der 
ersteren zu bewerten ist; denn das Vorkommen von sterilen 
Zweigen in gröfserer Zahl stellt eine Erscheinung dar, die 
sich als gelegentliche Ausnahme bei den meisten Arten der 
ganzen Limoniiim-Grui^Tpe findet und die für die systematische 
Gliederung nicht sonderlich bewertet werden kann, und im 
übrigen bemerkt Trautvetter selbst, dafs die fragliche 
Pflanze habituell der typischen Form am nächsten komme. 
Sehr beachtenswert hingegen scheint mir der Hinweis 
Trautvetteks , dafs die von Boissier'-') auf Grund eines 
sehr unvollständigen Exemplars aufgestellte, aus dem Altai 
stammende St. gracilis, die Boissier — wohl wegen der zahl- 
reichen sterilen Zweige und der hyalinen Beschaffenheit der 
Primärbraktee — in die Gruppe der ,,IIyalolep)ideae^^ neben 
St. caspia stellt, hierher gehören dürfte; denn es ist in der 
Tat auffällig, dafs Boissier eine Art mit deutlich zehn- 
zipfligem Kelch, in dem er gerade eines der Hauptmerkmale 
seiner Gruppe der „Genuinae^' erblickt, nicht dieser zu- 



>) Trautvetter 1. c. 2.54. 

«) Boissier in DC. Prodr. XII (1&4S) 660. 



[28J Über den Formenkreis der Statice Limonium etc. 423 

rechnet, sondeiu iu eiueu audern Veiwaudtschaftskreis stellt, 
in dem jenes Merkmal sonst nicht vorkommt, und ich glaube 
daher, dafs die TßAuxvETTERSche Vermutung das Richtige 
treffen und es sich hier nur um eine Form der vielgestaltigen 
St. Gmelini handeln dürfte. 

Eine gute, selbständige Unterart stellt dagegen die St. 
lilacina dar, die Boissier ursprünglich als eigene Art auf- 
gestellt, später 2) jedoch als Varietät zu St. Gmelini gezogen 
hat. Das Originalexemplar, das von Balansa (PI. d'orient 
Nr. 927) bei Caesarea in Cappadocien gesammelt worden 
ist, hat lang gestielte Blätter mit auffallend breiten Blatt- 
scheiden und umgekehrt eiförmig-spathulaten Spreiten. Der 
ziemlich stielrunde, gegen 40 cm hohe Schaft ist schon 
weit unterhalb der Mitte verzweigt und bildet eine reich 
verästelte, ausgebreitete Rispe, deren primäre Aste weit 
bogig abstehen und anfangs aufsteigend, am Ende fast 
wagerecht ziirückgebogen sind, während die bogig auf- 
steigenden oder halbaufrechten Sekundäräste an ihrer Spitze 
in lockerer bis mäfsig dichter Anordnung die bis IV2 cm 
langen, zur Seite gebogenen Blütenäste tragen; an letzteren 
stehen die drei- bis zweiblütigen Spiculae dicht gedrängt. 
Die untere Braktee ist fast ganz hyalin, die obere mit sehr 
breitem weifsem Hautrande versehen, der Kelch ist 31/2 rani 
lang, mit auffallend dicker Röhre, die an allen Rippen bis 
zum Grunde des Saumes herauf behaart ist, und sehr stark 
erweitertem, ziemlich breitem, kaum gezähneltem Saum. 
Eine besondere von mir als var. laxiflora bezeichnete Form 
dieser Subspecies wird dargestellt durch ein von Zederbauer 
(Reise nach dem Erdschias - dagh) in der Salzsteppe bei 
Saisaly gesammeltes Exemplar; dasselbe unterscheidet sich 
vom Typus durch den erst von der Mitte an verzweigten 
Schaft und längere, lockere Blütenzweige mit sehr locker 
angeordneten Spiculae. 

Der St. Gmelini ist nächst verwandt die ebenfalls von 
Bois8ier3) aufgestellte St. tomentella, in welcher Traut- 



1) Boissier, Diagn. pl. Orient, ser. 2. IV (1S59) 68. 

Boissier, Fl. orient. IV (1879) 859. 
3) Boissier, in DC. Prodr. XII (1848) 645. 



424 



Walther Wangerin, 



[24] 



VETTER ij auch nichts als eine Varietät der ersteren sieht. 
Das einzige positive Merkmal, das für die Unterscheidung 
brauchbar ist, liegt in der Behaarung; bei typischen Exem- 
plaren ist die Blattmittelrippe unterseits dicht mit feinen 
kurzen Härchen besetzt, und ebenso sind der Schaft und 
die Äste der Rispe dicht kurz-weichfilzig; von den Brakteen, 
ist mindestens die obere auf dem Rücken dicht kurz seidig- 
filzig, und die Kelchröhre ist nicht nur längs sämtlichen 
Rippen lang abstehend behaart, sondern auch zwischen den 
Rippen kurz und dicht pubescent. In dieser Weise typisch 
sind z. B. die im „Herbarium Florae Rossiae" unter 
Nr. 1588 a (von Sarepta) und 1588 b (Distr. Starobelsk, 
Prov. Charkow) ausgegebenen Exemplare. Bei dem ersteren 
sind die Blätter mittellang gestielt, und ziemlich breit 
obovat- elliptisch; der 70 cm hohe, schwach kantige Schaft 
ist sehr reich verästelt und bildet eine ausgebreitete, 
lockere Rispe, deren primäre Aste stark bogig abstehend 
und aufsteigend, die sekundären + bogig aufstrebend sind; 
die kurzen Blütenzweige stehen ziemlich dicht gedrängt an 
der Spitze der Aste zweiter oder dritter Ordnung, sie 
tragen die Spiculae in dichter Anordnung. Die Brakteen, 
auch die unteren, zeigen nur einen schmalen Hautsaum, der 
Kelch ist 4 — 41/2 Dim lang, der Saum schmal, wenig er- 
weitert, mit zehn kleinen Zipfeln, deren fünf gröfsere breit 
dreieckig und stumpf sind. Bei dem anderen Exemplar 
sind die Blätter fast sitzend, der Schaft sehr viel weniger 
und nur in seinem obersten Teil verzweigt und die Blütenäste 
noch viel ausgesprochener glomerat. 

Nun weist aber Trautvetter mit Recht darauf hin, 
dafs die Behaarung keineswegs immer ^n dieser typischen 
Weise entwickelt ist. Das ergab sich auch mir bei der 
Untersuchung zahlreicher, zumeist von Beqker in der Flora 
von Sarepta gesammelten Exemplare. Stengel und Zweige 
sind regelmäfsig kurzhaarig, obschon oft sehr viel weniger 
dicht als beim Typus, die Blattmittelrippe hingegen ist 
bisweilen, obschon selten, fast vollständig kahl. Die Brakteen 
der Spiculae sind bei diesen schwach behaarten Formen 



1) Trautvetter, 1. c. 255—256. 



über den Fonueiikreis der Statice Liiuouiuiu etc. 



425 



meist völlig kahl oder böclistens ganz zerstreut behaart ; bei 
dem Kelch beschränkt sich die Behaarung auf die fünf 
Rippen, ist aber auch au diesen merklich schwächer, während 
die Zwischenräume gänzlich der Behaarung entbehren. In 
habitueller Hinsicht gleichen die meisten Exemplare der 
Nr. 1588a des „Herbarium Florae Rossicae", sie haben also 
eine reich verzweigte, ausgebreitete Rispe mit ziemlich dicht 
zusammengedrängten bis ausgeprägt gekuäuelten Blüten- 
zweigeu. Stärker abweichend waren in dieser Beziehung 
nur zwei ebenfalls von Becker bei Sarepta gesammelte 
Pflanzen (Herbarium Berlin), die sich auch durch ihren 
niedrigen Wuchs und die lang gestielten, schmalen Blätter 
auszeichneten; bei denselben war der Schaft fast vom Grunde 
an unregelmäfsig verästelt, die Blütenzweige lang, locker 
und nur wenig gebogen, die Spiculae etwas voneinander 
entfernt, die Blüten etwas grölser. 

Bei dieser Lage der Sache ist es offenbar nicht möglich, 
die St. tonientella als selbständige Art von St. Gmelini zu 
trennen, da die Grenzen zwischen beiden bei den schwach 
behaarten Formen fast vollständig verschwimmen; man wird 
sie der letzteren vielmehr als Subspecies unterordnen müssen, 
die sich dann in eine var. typica und eine var. subglabra 
gliedern läfst. 

Mit der St. tonientella wird von Nyman'] fälschlich 
indentifiziert die von Becker^) als St. sareptana beschriebene 
Pflanze, von der ich von Becker selbst gesammelte authen- 
tische Exemplare (Becker, PI. Wolgae inferioris Nr. 42; 
F. Schultz, herb. norm. Nr. 1211, u.a.m.) in gröfserer Zahl 
gesehen habe. Die Pflanzen besitzen kurz bis mittellang 
gestielte, umgekehrt eiförmige bis oblonge Blätter, deren 
Mittelrippe kurz und fein abstehend behaart ist, während 
die lederige Spreite oberseits ziemlich dicht warzig punktiert 
ist. Der Schaft ist stielrund, im unteren Teil ziemlich dicht 
mit sehr kurzen abstehenden Haaren bedeckt, welche einzeln 
oder seltener zu mehreren aus kleinen warzigen Erhebungen 



>) Nyman Consp. fl. europ. (1881) 609. 

2) Becker in Bull. Soc. nat. Mose. (1854) p. 454 'und (1858) p. 12 
und CO. 



420 



WALT]1EI! Wangkuin, 



[26] 



entspringen, nacli oben zu allmählich veikahlend, so clafs 
die meisten Aste der Rispe völlig kahl oder höchstens noch 
fein warzig punktiert sind. Der Schaft ist fast vom Grunde 
an sehr stark beseuartig verästelt, alle Zweige sind weit 
abstehend, ziemlich verlängert und oft unregelmäfsig hin 
und her gebogen, die Blütenzweige kurz bis niittellang, halb 
aufrecht oder zur Seite gebogen, zu sehr lockeren oder 
seltener mäfsig dichten Ebensträufsen vereinigt, die Spiculae 
stehen sehr locker und sind allermeist einblütig. Die untere 
Braktee ist klein, sehr breit eiförmig, auf dem Rücken nur 
schwach gekielt und abgerundet oder kaum zugespitzt mit 
mäfsig breitem Hautrande; die obere Braktee ist reichlich 
dreimal so lang, mit breitem hyalinen Saum und auf dem 
Rücken kahl oder sehr zerstreut kurzhaarig. Der Kelch ist 
5'/2 — 6 lom lang, seine Röhre nur an den beiden inneren 
Rippen behaart und sehr schlank, der weifse Saum etwas 
erweitert, mäfsig breit, mit ziemlich grofsen, dreieckigen, 
spitzen Zipfeln und deutlich entwickelten, gleichfalls spitzen 
intermediären Zähnen. Es handelt sich hier sonach um 
eine Form, welche, vor allem habituell, sich der St. latifolia 
nähert und wohl als Verbindungsglied zwischen dieser und 
dem Formenkreis der St. Gmelini betrachtet werden kann. 
St. latifolia ist insbesondere durch ihre grofsen, sternfilzigen 
Blätter gut charakterisiert; ihr gegenüber ist St. sareptana 
aufserdem auch durch den deutlich zehnzälinigen Kelch 
unterschieden, während sie andererseits auch auf Grund der 
angeführten Merkmale neben St. Gmelini als selbständige 
Art belassen werden kann. 

Gleichfalls der Flora von Sarepta gehört die von Claus i) 
als St. Bungei beschriebene Art an, die mir nur aus der 
recht genauen und ausführlichen Originaldiagnose bekannt 
ist. Danach würde die Pflanze, welche ebenfalls habituell 
der St. latifolia am ähnlichsten zu sein scheint, in den 
meisten Merkmalen mit der St. sareptana übereinstimmen; 
abweichend sind nur der sehr lange Blattstiel, die aus- 
drücklich hervorgehobene Kahlheit des Schaftes und die 

Claus, Lokalfl. d. Wolgagegenden in Beitr. zur Pflanzenkunde 
d. russ. Reiches VIII (1851) 30b. 



[27] 



i'ber den Fonueukreis der Statice Limoniuiu etc. 427 



Füufzäbuigkeit des Kelches. Möglicherweise würden also 
beide Arten zu vereinigen sein, doch kann ich diese Frage 
ohne Autopsie der St. Bungei nicht sicher entscheiden. 

Den beiden letzten Arten sehr nahe steht auch die 
St. membranacea Czernajewi) aus den Steppen der Ukraine, 
von der authentische Exemplare im Berliner Herbar vor- 
handen sind. Die Ptianze besitzt sehr kurz gestielte, obovat- 
elliptische, kahle Blätter und einen 30—45 cm hohen, ebenso 
wie die Zweige ziemlich schlanken und stielrunden, kahlen 
Schaft, der schon weit unterhalb der Mitte reich verästelt 
ist; die primären Äste sind bogig aufsteigend und zuerst 
nur wenig abstehend, erst am Ende sind sie stärker nach 
aufsen gekrümmt; die sekundären Aste sind flexuos auf- 
steigend, locker verästelt, die unteren zum grofsen Teil 
steril, die Blütenzweige kurz und mit wenigen lockeren 
Spieulae besetzt. Die untere Braktee ist fast ganz hyalin, 
deutlich gekielt und zugespitzt, die obere 2'/2— 3mal längere 
mit breitem Hautsaum versehen; der Kelch ist 5 mm lang, 
die schlanke Röhre nur an der Basis der beiden inneren 
Nerven schwach behaart, der Saum ist weil's, schmal, mit 
kleinen, breit dreieckigen, subakuten Zipfeln und halb so 
grofsen, deutlich entwickelten intermediären Zähnen. 

Endlich gehört in diese Verwandtschaft auch noch die 
kleinasiatische St. eff'usa Boiss., welche ebenfalls den Habitus 
der St. latifoUa besitzt, von dieser jedoch, abgesehen von 
der Behaarung und den Blättern, durch die Zehnzähnigkeit 
des Kelchsaumes sich unterscheidet, während sie gegenüber 
den vorigen vor allem durch die viel kleineren Kelchzipfel 
unterschieden ist. 

Als letzte Art aus dem ^ormenkreis der St. Gmelini 
ist schliefslich noch die St. pycnantha Koch (= St. Balansae 
Boiss.) zu erwähnen; dieselbe kommt in Cappadocien und 
Armenien vor und schliefst sieh durch die dicht glomeraten 
Partialinfloreszenzen eng an die subspec. gemiina der St. 
Gmelini an, ist von dieser aber durch noch kleinere Blüten 
und den tief und sehr spitz fünfteiligen Kelchsaum unter- 
schieden. 



1) Czernajew, Consp. pl. Charcov. (1859) 51. 



428 



Walthek Wangeiun, 



[28] 



III. Die anierikauischen Arten. 

Es ist pflanzengeograpbiscli von grofsem Interesse, dafs 
der Formeukreis der St. Limonium auch in Amerika mit 
mehreren Arten vertreten ist, die zum Teil geradezu als 
Parallelformen zu den altweltliclien betrachtet werden können. 
Es ist dies der einzige Verwandtschaftskreis aus der ganzen 
Gattung Statice, der auch in Amerika sich findet, mit einziger 
Ausnahme der ganz isolierten, eigenartigen St. plumosa in 
der Wüste Atacama und der der europäischen St. caspia 
und damit auch der Limonium-(jiX\\\)\)Q nahestehenden St. 
hahamensis. 

Im grofsen und ganzen scheinen die amerikanischen 
Arten nicht in so hohem Mafse variabel zu sein wie die 
altweltlichen und sind demgemäfs voneinander leichter und 
schärfer zu trennen; nichtsdestoweniger wird die systematische 
Gliederung des Gesamtformenkreises durch sie nicht un- 
erheblich erschwert und kompliziert, weil eben die ameri-. 
kanischen Arten den altweltlichen nicht als in sich ge- 
schlossene Gruppe gegenüberstehen, sondern die Differen- 
zierung, wie schon bemerkt, im grofsen und ganzen in 
ähnlichen Bahnen sich bewegt. 

Diejenige Art, die am längsten unterschieden ist, ist 
St. caroliniana Walt., deren Verbreitung sich über die ganze 
atlantische Küste von Nordamerika erstreckt. Dieselbe hat 
meist ziemlich schmal oblonge (drei- bis sechsmal so lang 
als breit), lang gestielte Blätter und einen etwas kaniigen, 
etwa von der Mitte reich und locker verästelten, eine meist 
ziemlich ausgesprochen pyramidenförmige, seltener unregel- 
mäfsig besenartige Rispe bildenden Schaft. Die primären 
Aste sind weit voneinander entfernt, entweder schräg auf- 
wärts abstehend und nur zuletzt nach aufsen gebogen oder 
von vornherein stark bogig abstehend, die sekundären bogig 
aufsteigend oder seltener etwas steif aufrecht, locker ver- 
ästelt; die Blütenäste sind mittellang (bis zu 3 cm), halb 
aufrecht oder + gekrümmt mit nicht sehr zahlreichen, von- 
einander entfernten Spiculae. Letztere sind allermeist ein- 
blütig; die primäre Braktee ist kaum 1/3 so lang wie die 
obere und um die Hälfte kürzer als die mittlere, eiförmig, 



[29] 



Über den Formenkreis der Statice Limonium etc. 



429 



zugespitzt, schwach gekielt und ebenso wie die obere mit 
breitem Hautrand versehen. Der Kelch ist G — 7 mm lang, 
die Röhre schlank, an den inneren Rippen + stark behaart, 
der Saum wenig erweitert, nicht abspreizend, mit fünf 
grofsen, lanzettlicheu, spitzen Zipfeln und fünf kleinen 
spitzen Zähnchen in den Buchten zwischen ihnen. 

Wir haben es hier sonach mit einer Art zu tun, welche, 
vor allem hinsichtlich der Anordnung der Spiculae, der St. 
baJmsiensis am nächsten steht und sich von derselben haupt- 
sächlich durch die schlankeren, dünneren Zweige und die 
ganze Verzweigungsart unterscheidet. 

Gleichfalls in die Verwandschaft der St. baJmsiensis 
scheint die durch Hemsleyi) von den Bermudas -Inseln 
beschriebene St. Lefroyi zu gehören; ob dieselbe aber von 
St. caroliniana genügend unterschieden ist, geht aus der 
Diagnose nicht mit hiureichender Deutlichkeit hervor und 
erscheint mir mindestens zweifelhaft. 

Der nordeuropäischen Form der St. Limonium steht 
am nächsten die St. californica Boiss. Bei derselben sind, 
wie bei jener, die Spiculae zu kurzen, dichten, steif auf- 
rechten Ähren angeordnet; indessen ist die Gesamtverzweigung 
eine wesentlich andere: die Verzweigung beginnt bereits 
unterhalb der Mitte des Schaftes, die primären Aste sind 
weit voneinander entfernt, steif aufrecht abstehend und meist 
nur gegen ihr Ende hin verzweigt; die Gesamtrispe ist 
daher locker und meist im Umrifs pyramidenförmig. Der 
Bau der Spiculae stimmt im wesentlichen mit dem von St. 
Limonium überein : die Brakteen sind nur mit schmalem 
Hautsaum versehen, die untere stark gekielt, zugespitzt und 
reichlich halb so lang wie die obere; der Kelch ist 6 mm 
lang, an allen Rippen locker abstehend behaart, 2) der Saum 
wenig erweitert, mit mäfsig grofsen, dreieckigen, spitzen 
Zipfeln. 

') Hemsley in Journ. of Bot. XXI (1883) 105. 

^) Die Angabe von Small (Flora of the southeastern United 
States [1903] 900), die Kelchröhre bei St. californica sei kahl, entspricht 
nicht den tatsächlichen Verhältnissen; auch Boissier sagt in der 
Originaldiagnose (in DC. Prodr. XII, 643) „tubo calycino ad 5 costas 
breviter hirsuto." 



430 



Walthek Wangerin, 



[30] 



Der St. californica ist habituell die St. chilensis Phil, 
aulserordentlich ähnlich; auch diese besitzt eiae locker ver- 
ästelte Rispe mit etwas steifen, aufrecht abstehenden, nur 
wenig- gebogenen Asten und ziemlich steif aufrechten, kurzen, 
eine dichte Ähre darstellenden Blütenzweigen. Auch der 
Bau der Spiculae ist, vor allem was die Gröfsenverhältnisse 
und die Beschaffenheit der Brakteen angeht, wesentlich 
Ubereinstimmend; der Unterschied ist in der Hauptsache der, 
dafs die Spiculae bei St. californica drei- bis zweiblütig, bei 
St. chilensis dagegen nur einblütig sind, und dafs bei letzterer 
die Blüten etwas kleiner (Kelch nur 41/2 — 5 mm lang), die 
Kelchröhre völlig unbehaart und die sehr breit dreieckigen 
Kelchzipfel stumpf sind. 

Weniger konstant in ihrem Habitus ist die gleichfalls 
durch eine völlig kahle Kelchröhre ausgezeichnete St. brasi- 
liensis Boiss., welche mir nur in zahlreichen Exemplaren aus 
Brasilien, Argentinien und Patagonien vorgelegen hat, nach 
Smalli) auch in Carolina und Florida vorkommen soll. Bei 
den meisten Exemplaren ist der Schaft etwa von der Mitte 
an sehr reich verästelt und bildet eine ausgebreitete lockere, 
subpyramidate oder seltener etwas ebensträufsige Rispe. Die 
primären Aste sind voneinander entfernt, bald stark zur 
Seite gebogen und zum Teil fast wagerecht abstehend, bald 
etwas steif aufwärts abstehend; dementsprechend sind auch 
die sekundären Aste bogig aufsteigend oder ziemlich steif 
aufrecht, bald ziemlich reich, bald nur sparsam locker ver- 
ästelt; die Blütenzweige sind meist kurz, halbaufrecht oder 
nur wenig zur Seite gebogen, sie tragen nur wenige Spiculae 
in mäfsig bis ziemlich dicht imbrikater Anordnung. Ich 
habe jedoch auch einzelne Exemplare (z. B. E. Ule Nr. 376) 
mit nur an der Spitze schwach verästeltem Schaft und ver- 
längerten Blütenzweigen mit deutlich voneinander entfernten 
Spiculae gesehen. Ein wesentliches Merkmal der Art liegt 
darin, dafs die Zweige der Rispe stets + dicht warzig rauh 
sind. Was den Bau der Spiculae angeht, so sind dieselben 
zwei- bis einblütig, seltener mehrblütig; die unterste Braktee 
ist sehr klein, fast breiter als lang, kaum zugespitzt und 



>) Small, 1. c. 900. 



über den Forraenkreis der Statice Linioniiiiii etc. 431 



nur schwach gekielt, mit iiurserst schmalem Hautsaum; die 
obere Braktee ist mehr als dreimal so lang, ihr Hautaaum 
ebenfalls nur schmal; der Kelch ist 51/2 mm lang, der Saum 
kaum erweitert, schmal, mit eiförmig- dreieckigen, kaum 
zugespitzten Zipfeln. Die *S7. patagonica Spegazz. scheint 
mir nach dem mir vorliegenden Exemplar (Düsen Nr. 522G) 
von St. brasilicnsis nicht verschieden zu sein. 

Small') beschreibt unter dem Namen lAmonium angu- 
statiim noch eine weitere, mir bisher nicht bekannte Art 
aus Florida, welche ebenfalls eine unbehaarte Kelchröhre 
besitzen und vor allem durch sehr schmale Blätter (vom 
Autor als „linear" bezeichnet) charakterisiert sein soll. Im 
übrigen läfst die recht oberflächliche Diagnose, welche auf 
die Art der Verzweigung und den feineren Bau der Spiculae 
gar nicht näher eingeht, nichts Genaueres über die Merk- 
male und Verwandtschaftsbeziehungen dieser Art erkennen. 

Hatten wir in St. californica eine Paralellform zu der 
nordeuropäischen Form der St. Limoniuni, so läfst sich auch 
deren südeuropäischer Form eine amerikanische Art an die 
Seite stellen in einer Pflanze, die mir in mehreren Exem- 
plaren (Herb. Berlin u. DC.) aus Texas (leg. Leybold) und 
Mexiko (Tamaulipas, Berlandier iter tex.-mexic. Nr. 3179) 
vorliegt und die allem Anschein nach mit dem von Small 1) 
beschriebenen Limoniuni Nashii identisch sein dürfte. Die 
Blätter der fraglichen Pflanze sind lang gestielt (Stiel 
5 — 9 cm lang) und schmal oblong (10 — 12 cm lang, I1/4 
bis 21/4 cm breit). Der schwach kantige Schaft ist etwa 
vom unteren Drittel an locker und reich verzweigt, eine 
ausgebreitete, subpyramidate bis subcorymbose Rispe bildend. 
Die etwas starren primären Aste spreizen stark nach auf- 
wärts ab und sind an ihrer Spitze nach aufsen zurüek- 
gebogen, seltener sind sie von Anfang an bogig abstehend; 
die sekundären Aste, deren untere zum Teil steril sind, sind 
bogig aufsteigend, sie tragen an ihrem Ende kleine lockere 
Ebensträufse von stark zur Seite gebogenen, mäfsig langen 
Blütenzweigen, an denen die Spiculae in ziemlich dichter 
Anordnung stehen. Letztere sind drei- bis zweiblütig; die 



1) Small, 1. 0. 900. 



432 



Walther Wangerin, 



[32] 



untere Braktee ist eiförmig, kurz stachelspitzig, auf dem 
Rücken schwach gekielt und mit schmalem Hautsaum ver- 
sehen; die mittlere, etwa um die Hälfte längere Braktee ist, 
abweichend von allen übrigen Arten der Gruppe, nicht voll- 
ständig hyalin, sondern nur am Rande von einem mäfsig 
breiten Hautsaum umgeben und im übrigen krautig; die 
obere ist 2V2iiial länger als die primäre, ihr Hautsaum 
ebenfalls ziemlich schmal. Der Kelch ist 6'/2- — 7 mm lang, 
an den beiden inneren Rippen sparsam abstehend behaart, 
der Saum wenig erweitert, mit langen, lanzettlichen, spitzen 
Zipfeln, welche dreimal länger sind als die intermediären 
spitzdreieckigen Zähne. 

Aus Mexiko, und zwar ebenfalls aus dem Staate Tamau- 
lipas, liegt mir noch eine andere, bisher noch nicht be- 
schriebene Art vor, die ich nach dem Sammler (Endlich 
Nr. 549, Herbar Berlin) St. Endlichiana benenne. Dieselbe 
ist ausgezeichnet durch einen fast vom Grunde an ver- 
zweigten, eine fast besenartig ausgebreitete Rispe bildenden 
Schaft. Die nur mäfsig weit voneinander entfernten Aste 
sind schräg aufwärts abstehend oder von vornherein stark 
zur Seite gebogen; sie sind wiederholt locker und sparrig 
verästelt, mit bogig aufsteigenden, zum Teil sterilen Sekundär- 
ästen; die Blütenzweige bilden lockere Ebensträufse, sie sind 
ziemlich lang, stark gekrümmt und tragen die Spiculae in 
etwas lockerer Anordnung. Die primäre Braktee ist breit 
eiförmig, zugespitzt oder kurz stachelspitzig, schwach gekielt, 
mit ziemlich schmalem Hautrand; die mittlere ist doppelt 
so lang und vollständig hyalin, die obere 21/2 — 3 mal so lang, 
mit ziemlich breitem Hautrand; der Kelch ist 7 mm lang, 
die Röhre längs zwei Rippen kurz abstehend behaart, 
schlank, mit grolsen, lanzettlichen, zugespitzten Zipfeln. 

Die letzte amerikanische Form Art endlich ist St. limbata 
(Small) Wang, aus Neu -Mexiko, von der mir authentische 
Exemplare (Wooton Nr. 172, Earle Nr. 341) vorliegen. Die- 
selbe ist in habitueller Hinsicht ausgezeichnet dadurch, dafs 
die primären Aste der stark verästelten, ausgebreiteten, sub- 
korymbosen Rispe steil und gerade schräg nach aufwärts 
abstehen; ebenso sind auch die sekundären Aste ziemlich 
aufrecht, sie tragen am Ende etwas lockere bis ziemlich 



[33] 



l'ber den Formenkreis der Statice I.iinonium etc. 



433 



dichte Ebensträulse von kleinen, aufiecliten oder zur Seite 
gebogenen Bllitenzweigen, an denen die Spieulae in dicht 
inibrikater, meist regelmälsig disticher Anordnung stehen. 
Die Spieulae sind klein, drei- bis zweiblütig; die breit- 
eiförmige Primärbraktee ist kaum zugespitzt, nur schwach 
gekielt und ebenso wie die dreimal längere obere nur 
schmal häutig berandet. Der Kelch ist 31/2 l^iogN seine 
Röhre an zwei Kippen dicht behaart, der Saum deutlich 
erweitert und abspreizend, mit grol'sen, breit dreieckigen, 
subakuten Zipfeln, zwischen denen die intermediären Zähne 
fast ganz fehlen. 

IT. Zusanimeufassiing. 

Aus der vorstehenden ausführlichen Darstellung der in 
in die engere Verwandtschaft der St. Lmonium gehörigen 
Arten und Formen geht klar hervor, dafs wir es hier mit 
einem aufserordentlich polymorphen Formenkreis zu tun 
haben, dessen Glieder vielfach ineinander übergehen und in 
dessen Bereich sich kein zu einer durchgreifenden, scharfen 
Gliederung geeignetes Merkmal finden läfst. Dementsprechend 
sind auch viele der unterschiedenen Arten von manchen 
Autoren nur als Varietäten unter dem Namen St. Limonhim 
vereinigt worden, z. ß. St. caroliniana, St. californica, St. 
hahusiensis , selbst St. Gmelini. Ich vermag mich indessen 
zu einer so weitgehenden Einbeziehung der verschiedenen 
Formen in eine einzige grofse Sammelart nicht zu ent- 
schliefsen; denn einmal ist ja damit für die Behebung der 
Schwierigkeiten, die der systematischen Gliederung entgegen- 
stehen, de facto noch gar nichts gewonnen, und anderer- 
seits erscheinen doch einzelne Formen, wie St. hahusiensis, 
St. caroliniana, St. hrasiliensis, hinlänglich scharf charakteri- 
siert, um ihnen unbedenklich den Rang selbständiger Arten 
zubilligen zu können; es wäre aber offenbar unnatürlich, 
aus dem grofsen Komplex der an sich sämtlich ziemlich 
gleichwertigen Formen die einen als eigene Arten heraus- 
zugreifen, die anderen, bei denen durch Übergangsformen 
zwar die Trennung erschwert wird, die eigentlichen Typen 
aber ebenso gut unterschieden sind, einer Kollektivspezies 

Zeitechr. f. Naturwiss. Halle a. S. Bd. 82. 1911. 28 



434 



WAi/niEi! Wangehin, 



[34] 



zu subsumieren. Vor allem aber mufs es, trotz aller Über- 
gaugsformen, als uuuatürlich bezeichnet werden, solche 
Pflanzen, wie es die ty])ischen Formen der St. Gmelini, 
Lhnonium, caroliniana z. B. sind, sämtlich als Vertreter einer 
einzigen Art anzusehen. Freilich ist es nicht möglich, einen 
allen Fällen gerecht werdenden analytischen Schlüssel zu 
konstruieren; um einen solchen zu gewinnen, mufs man sich 
bei dem Schwanken fast aller Merkmale zunächst auf die 
Unterscheidung der sozusagen normalen Durchschnittstypen 
beschränken und sich darüber klar sein, dafs die gezogenen 
Trennuugslinien bis zu einem gewissen Grade künstliche 
sind und durch Übergaugsformen vielfach tiberbrückt werden. 

Legt man in diesem Sinne eine einigermafsen enge 
Fassung des Artbegrilfes zugrunde, so werden zunächst die 
gesamten amerikanischen Formen als selbständige Arten 
anzuerkennen sein, desgleichen natürlich auch die St. hahu- 
siensis. Ich sehe mich dann ferner aber auch genötigt, die 
nord- und die südeuropäische Form der eigentlichen St. 
Limonium voneinander zu trennen, einmal wegen der doch 
meist recht typischen habituellen Unterschiede und ferner 
wegen des Längenverhältnisses der Brakteen, das ja zwar 
auch nicht absolut konstant, aber doch in der überwiegenden 
Mehrzahl der Fälle typisch ausgeprägt ist und das auch 
sonst in unserer Gruppe ein gut brauchbares und unentbehr- 
liches Unterscheidungsmerkmal darstellt. Es erhebt sich 
nun aber die Frage, welche Namen diesen beiden Arten 
beizulegen sind. Dafs nicht mehr festzustellen ist, welche 
von beiden ein etwaiges Vorrecht auf den Namen St. Limonium 
hat, der ja bei Linne aufserdem auch noch die St. hahusiensis 
und St. caroliniana umfafst, hat bereits Fkiesi) mit Recht 
betont. Man wird sich also in erster Linie von Zweck- 
mäfsigkeitsgründen bei der Entscheidung leiten lassen, und 
da dürfte es am nächsten liegen, den Namen St. Limonium 
wenn man ihn nicht ganz fallen lassen will, auf die nord- 
europäische Form anzuwenden. Dazu bestimmt mich vor 
allem auch noch der Gesichtspunkt, dafs diese Pflanze sonst 
den Namen St. Fseudolimonium , der die Priorität vor dem 



1) Fries, Summa veget. Scand. I (1840) 200. 



[35] 



Über den Formenkreis der Statice Limonium etc. 



435 



Drejer sehen Namen St. Behen besitzt, erhalten uml'ste, und 
das scheint mir wenig angemessen. Für die sUdenropäische 
Art bleibt dann der Name St. serotina, da aus oben erörterten 
Gründen der ältere Name St. angustifolia nicht in Betracht 
kommt. Bei der nordeuropäischen St. Limonium ist dann 
als besondere Form die form, pyramidalis und auf'serdem 
noch die var. hallandica zu unterscheiden; bei der südeuro- 
päischen, die ja in erheblich stärkerem Mafse variabel ist, 
beschränke ich mich darauf, nur die var. drepanensis und 
die auf die oben ausführlich beschriebene BKUNische Pflanze 
von Barletta gegründete var. Brunii als besondere Formen 
hervorzuheben. Für den Formenkreis der St. Gmelini ergibt 
sich bezüglich der Gliederung in Unterarten und Varietäten, 
wie bezüglich der Frage, welche Formen als eigene Arten 
betrachtet werden können, das Nötige bereits aus der obigen 
ausführlichen Darstellung; hinzugefügt sei nur noch, dafs es 
vielleicht zweckmäfsig ist, die subspec. geniiina in eine var. 
typica und eine var. vulgaris zu gliedern, welch letztere 
die europäischen Formen umfafst, die ja von den sibirischen 
Typen in manchen Einzelheiten etwas abweichen. 

Bemerkt sei noch, dafs es vielleicht angebracht sein 
dürfte, aus der Boissier sehen Sect. Platyhymenium gewisse 
Arten wie St. Bungeana, St. sinensis, St. australis heraus- 
zunehmen und an die Z?mow«<m- Gruppe anzuschliefsen; 
denn es kann keinem Zweifel unterliegen, dafs die genannte 
Sektion in der von Boissier gegebenen Umgrenzung durchaus 
unnatürlich ist und nicht aufrecht erhalten werden kann. 
Ich gedenke indessen hierauf bei anderer Gelegenheit zurück- 
zukommen und sehe deshalb von einer ausführlichen Be- 
handlung der fraglichen Arten an dieser Stelle ab; bemerkt 
sei nur, dafs dieselben auf Grund der gelben Farbe der 
CoroUe von den sämtlich blaublütigen Arten der Limoniiim- 
Gruppe unterschieden und deshalb im Schlüssel als eigene 
Unterabteilung leicht untergebracht werden könnten. 

Es möge nunmehr zum Schlufs eine in Form eines 
„Schlüssels" gehaltene kurze Gesamtübersicht über die 
Gliederung unseres Formenkreises gegeben und daran eine 
Zusammenstellung der Synonymie und wichtigsten Literatur 
nebst kurzen Diagnosen der unterschiedenen Varietäten 

28* 



436 



Walther Wanoeuin, 



[36] 



nnd Formen, soweit solche erforderlich sind, angeschlossen 
werden. 

A. Kelchröhre vollständig kahl, 

a) Blätter lineal St. angustata. 

b) Blätter oblong bis obovat-elliptisch. 

a. Zweige der Rispe + warzig-rauh; untere Braktee 
fast kreisförmig, kaum 1/3 so lang wie die obere 

St. hrasiliensis. 

ß. Zweige der Rispe vollständig glatt; untere Braktee 
mehr als halb so laug wie die obere St. chilensis. 

B. Kelch röhre an allen Rippen oder wenigstens an den beiden 

inneren + abstehend behaart, 
a) Kelchsaum ansehnlich, meist nicht mehr als 2 — 21/2- 
mal kürzer als die Röhre; Kelchzipfel grofs, drei- 
eckig bis lanzettlich, intermediäre Zähne deutlich; 
Blüten grofs (Kelch 6 — 9 mm lang). 
a. Spiculae au den Blütenzweigen weit voneinander 
abstehend. 

I. Blütenzweige aufrecht oder wenig gebogen, in 
subkorymboser Rispe; obere Braktee kaum 
doppelt so lang wie die untere; Kelchzipfel 
lang dreieckig; meist alle Kelchrippen behaart 

St. bahusiensis. 

IL Blütenzweige dünn, meist stark gebogen, in sehr 
reich verzweigter, gewöhnlich subpyramidater 
Rispe; obere Braktee dreimal länger als die 
untere; Kelchzähne schmal lanzettlich; nur 
zwei Rippen behaart St. caroliniana. 

ß. Spiculae genähert, oft imbrikat in dichten Ähren. 
I. Die beiden unteren Brakteen gleich lang; die 
obere kaum doppelt so lang. 

1. Rispe mit aufrechten, wenig abstehenden 
Zweigen, dicht ebensträufsig; obere Braktee 
auf dem Rücken konvex St. Limonnim. 

2. Rispe mit geraden, schräg abspreizenden 
Asten, subpyramidat; obere Braktee auf dem 
Rücken schwach gekielt St. californica. 



[37] 



i'ber den Formenkreis der Statice Limonium etc. 



437 



II. Untere Braktee deutlich kürzer als die halbe 
obere, meist nur '/s so laug wie diese; mittlere 
Braktee länger (bis doppelt so lang) als die untere. 

1. Rispe sehr locker verästelt, mit meist bogig 
abspreizenden langen Asten. Mittlere Braktee 
vollständig hyalin, die beiden anderen mit 
breitem Hautsaum St. serotina. 

2. Aste der subpyramidaten Rispe aufrecht ab- 
stehend und nur am Ende v^enig nach aufsen 
gebogen; mittlere Braktee auf dem Rücken 
krautig, die übrigen nur mit schmalem Haut- 
saum St. Nashii. 

3. Schaft fast vom Grunde an verästelt, eine 
sehr ausgebreitete besenartige Rispe bildend, 
mit unregelmäfsig gebogenen und abstehenden 
Ästen. Spiculae ziemlich locker angeordnet; 
Brakteen mit breitem Hautsaum, die mittlere 
hyalin St. Endlicliiana. 

b) Kelchsaum schmal, drei- bis viermal kürzer als die 
Röhre; Blüten klein (Kelch meist nicht über 5 mm lang). 
a. Äste der Rispe aufrecht abstehend; Blütenzweige 
in kleinen, ziemlich dichten Ebensträufsen; 
Brakteen nur mit schmalem Hautrand; Kelch 
mit fünf ansehnlichen, breit dreieckigen Zipfeln 

St. limhata. 

ß. Aste der Rispe weit bogig abspreizend. 
I. Spiculae genähert bis dicht imbrikat. 

1. Kelchzipfel klein, gewöhnlich kaum V3 von der 
Breite des Saumes einnehmend St. Gmelini. 
* Schaft nnd Zweige kahl. 

f Kelchröhre schlank oder obkonisch, nur 
an zwei Rippen behaart; Blattscheide 
nicht auffallend breit, 
Blütenzweige in dichten, glomeraten 
Partialinfloreszenzen, Spiculae dicht 
imbrikat; Rispe regelmäl'sig verästelt, 
subpyramidat, ihre primären Äste 
nicht besonders verlängert 

subsp. a. genuina. 



438 Waltheu Wanöeuin, [38] 

Primäre Äste der sehr reich verästelteu, 
besenartigen Rispe stark verlängert; 
Blütenzweige in lockeren Eben- 
sträufsen ; Spieulae meist etwas lockerer 
subsp, b. scoparia. 
tt Kelchröhre dick zylindrisch, an allen 
Rippen behaart; Blattstiele mit auffallend 
breiten Scheiden subsp. c. lilacina. 
** Schaft und Zweige + dicht kurzhaarig 
bis filzig; Kelch an allen Rippen und oft 
auch in den Zwischenräumen dicht behaart 
subsp. d. tomentella. 
2. Kelchsaum tief fünfspaltig, Zipfel spitz 

St. pycnantha. 

II. Spieulae in sehr lockerer Anordnung; Rispe reich 
verästelt, besenartig. 

1. Schaft am Grunde kurz weichhaarig, nach 
oben zu allmählich verkahlend; oberste Braktee 
auf dem Rücken zerstreut kurzhaarig; Blätter 
oberseits warzig punktiert St. sareptana. 

2. Schaft völlig kahl. 

* Untere Braktee auf dem Rücken krautig, 
mit mäfsig breitem Hautrand; Kelchsaum 
fUnftteilig, mit dreieckig oblongen, spitzen 
Zipfeln St. Bungei. 

** Untere Braktee vollständig hyalin. 

■f Spieulae meist einblütig. Kelchzipfel 
deutlich, breit dreieckig, subakut 

St. membranacea. 
tt Spieulae zweiblütig. Kelchsaum nur 
sehr schwach und fast gleichmäfsig 
zehnzähnig St. effusa. 

Es möge nochmals darauf hingewiesen werden, dafs 
der Wert dieses Schlüssels nur ein relativer ist, denn wie 
schon oben betont, mufs man sich damit begnügen, die 
typischen Normalformen zugrunde zu legen und ist es nicht 
möglich, dem vollen Umfange der bestehenden Variabilität 
gerecht zu werden. So bestehen z. B. nicht nur Übergänge 



[39 1 über den Fonucnkreis der Staticc Liiuonium etc. 439 

zwischen St. Lhnonhim und serotina, sondern auch letztere 
und die subspec. scoparia der St. Gmelini kommen in 
einzelnen Füllen einander ziemlich nahe. Ferner sei erinnert 
an die var. Brunii der St. serotina, die ohne Zweifel an diese 
Art angeschlossen werden mul's, trotzdem sie habituell mit 
der St. bahusiensis eine gewisse Ähnlichkeit besitzt. Auch 
im Formenkreis der St. Gmelini bestehen zwischen der aus- 
gei)rägt dichten und der auffallend lockeren Anordnung der 
Spiculae Übergänge, insbesondere bei der subspec. scoparia, 
obschon für das Gros der Formen jenes Merkmal unbedenklich 
als gutes Charakteristikum betrachtet werden kann. Anderer- 
seits ist aber auch zu beachten, dafs manche der Arten durch 
Eigentümlichkeiten des Habitus und sonstige kleine Züge, 
die auch in der ausführlichsten Beschreibung sich nicht 
genau definieren lassen, in Wahrheit schärfer charakterisiert 
sind, als es nach dem Schlüssel den Eindruck machen 
könnte. 

1. Statice angustata Wangerin nom. nov. — Limonium 

angustatum Small Fl. of the southeastern United States 
(1903) 900. 

2. Statice brasiliensis Boissier in DC. Prodr. XII (1848) 

644; Schmidt in Fl. brasil. VI, 4 (1878) 164, tab. XLVI, 
fig. 1. — St. patagonica Spegazz. — Limonium hrasiliense 
Small 1. c. — L. patagonicmi Macloskie in Rep. Princeton 
Univ. Exped. Patag. VIII (1905) 656. 
8. Statice chilensis Philippi in Anal. Univ. Chil. (1861) 58. 

4. Statice bahusiensis Fries nov. mant. I (1832) 10 et 

Summ, veget. Scand. I (1846) 200 (var. a. horealis). — 
St. Limonium Linn. Spec. pl. ed. 1 (1753) 274 1. p.; 
Fl. dan. tab. 315. — St. Croiianii Lenorm. ex Nym. 
Consp. fl. europ. (1881) 609. — Limonium humile Mill. 
Gard. Dict. ed. 8 (1768) n. 4. — L. rariflorum 0. Ktze. 
Rev. gen. (1891) 396. 

form, nana Neuman Sveriges Fl. (1901) 205. — St. 
rariflora Drej. Fl. excurs. hafn. (1838) 121 e. p. — St. 
bahusiensis var. ß. danica Fries Summ, veget. Scand. I 
(1846) 200 e. p. 

5. Statice caroliniana Walter Fl. Carol. (1788) 118. — 

St. Limonium Linn. 1. c. e. p. — St. Limonium var. 



440 



Waltiiku Wangkkin, 



[40J 



caroliniana A, Gray. — Limonimi carolinianum Britten 
in Meiu. Torr. Club V (1894) 255. 

6. Statlce lÄmonimn Linn. Spee. pl. ed. 1 (1753) 274 

(e. p.). — St. Lhnonium scanica Fries Nov. Mant. I 
(1832) 10. — St. Limonium ß. Behen Boiss. in DC. 
Prodr. XII (1848) G45. — St. Pseudolimonium Rchb. 
Ic. pl. erit. VIII (1830) 6, tig. 959 et Fl. germ. excurs. 
(1830) 191. — St. Behen Drejer Fl. excurs. hafn. (1838) 
122; Fries Summ, veget. Scand. I (1846) 200. — St. 
scanica Lange Handb. Dauske Fl. (1886/88) 539. — 
Limonium vulgare Mill. Gard. Dict. ed. 8 (1768) n. 1. 
ioxva. py r amidali s Syme Engl. Bot. ed. 3 (1867) 160. 

— St. Limonium a. genuina Boiss. in DC. Prodr. XII 
(1848) 644 e. p. — Limonium vulgare ioxm. pyramidale 
Salmon in Journ. of Bot. XLIII (1905) 12. 

var. hallandica Neuman Bot. Not. (1897) 203. — 
Limonium vulgare var. hallandicum Salmon 1. c. 14. 

7. Statice califotniica Boiss. in DC. Prodr. XII (1848) 

643. — St. Limonium var. californica Wats. Bot. Calif. I 
(1881) 466. — Limonium californicum Small 1. c. 

8. Statice serotina Rcbb. Ic. pl. crit. VIII (1830) 21, 

fig. 998. — St. Limonium Linn. 1. c. e. p.; Rcbb. l. c. 21, 
tig. 997, Host Fl. austr. I (1827) 407 et var. auct. — 
St. Limonium a. genuina (e. p.) et /. macroclada Boiss. 
in DC. Prodr. XII (1848) 644—645. — St. angustifolia 
Tausch in Syll. pl. nov. Ratisbon. II (1828) 254. — 
St. Gmelini Koch (non Willd.) Synopsis ed. 2 (1843) 
684. — St. limonioides Beruh, ex Link Enum. hört. 
Berol. I (1821) 295. — Limonium vulgare var. macro- 
cladon Salmon in Journ. of Bot. XLIII (1905) 13. 
var. drepanensis Rouy Rev. Bot. System. (1903) 169. 

— St. drepanensis Tin. ex Guss. Fl. Sie. suppl. II (1843) 
805. — Limonium vulgare var. drepanensis Salmon 1. c. 14, 

var. Brunii Wangerin nov. var. — Differt ramulis 
florigeris incurvo-flexuosis valde elongatis, spiculis valde 
dissitis, habitu ad St. hahusiensem accedens, sed 
bracteae et flores ut in St. serotina typica. 

9. Statice Nashii Wangerin nom. nov. — Limonium 

Nasliii Small 1. c. 



[11] über den Fonneiikrcis der Statice Liiuoniiiin etc. 441 



10. Statice Endllchiana Wangeriu n. sp. — Terennis, 

glabenima. Folia omnia radicalia, oblonga, coriacea, 
ö'/i cm longe petiolata, 8^/2 cm longa et i cm lata 
mihi visa. IScapus 35 cm altus, subangulatus, e basi 
fere ramosissimus, ramis primariis ilcxiioso-patentibus 
pluries dichotomie, secundariis arcuatim adscendentibus 
ex parte sterilibus, ramulis florigeris valde laxis paulo 
elongatis recurvatis spiculis unilateralibus laxiuscule 
seriatis vel paulo approximatis, omnibus paniculam 
effusam amplissimam scopaviam formantibus. Spiculae 
2-florae, eonspicuae; bractea exterior ovata, acutata 
vel breviter mucronulata, dorso leviter carinata, anguste 
membranaceo-marginata ceterum berbacea, 2 mm longa, 
intermedia byalina fere 2-plo, suprema obtusa apice 
saepius incisa late byalino- marginata 2^l'i — 3-plo 
longior. Calycis 7 mm longi tubus longe obconicus 
basi secus costas 2 iuteriores pilosus, limbus conspicuus 
lobis lanceolato-triangularibus acutis IV2 mm longis 
denticulos intermedios manifestos 3-plo superantibus. 
Corolla coerulea. — Mexiko, im Staate Tamaulipas: 
Rincön del Toro, an der ausgetrockneten Meeresbucht 
Laguna Madre (R. Endlich Nr. 549, blühend im Juni 
1904; herb. Berlin). 

11. Statice limbata Wangerin nom. nov. — Limoniuni 

limbatum Small 1. c. 

12. Statice Gmelini Willd. Spec. pl. I (1797) 1524. — 

Limoniuni Gmelini Salmon in Journ. of Bot. XLVII 
(1909) 287. 

subspee. a. genuina Boiss. in DC. Prodr. XII (1848) 
645. Glaberrima. Panicula manifeste pyramidata; 
ramuli florigeri ad apicem ramorum secundariorum in 
fascieulos subglomeratos dense conferti; spiculae im- 
bricatae. 

a.typicaTra.\itv.m BuU.phys.-math. Acad. St.Petersb. 
XIV, Nr. 16 (1855) 252. — Flores valde minuti (calyx 
haud ultra 4 mm longus); calycis tubus angustus sub- 
cylindricus, limbus paulo patulus lobis parvis late tri- 
angularibus obtusis denticulis intermediis saepius vix 
manifestis vel omnino obsoletis. 



442 



WALTUKI! Wangeuin, 



[42] 



ß. vulgaris Wangeiiu. — St. scoparla Willd. herb.; 
Rcbb. le. pl. crit. III (1825) 37, fig. 391. — St. Gmelini 
ß. scoparia form, minor Trautv. 1. c. 254. — St. glauca 
Willd. ex Roem. et Schult. Syst. VI (1820) 799. — 
Flores sueto paulo majores, calycis tnbus late obconicus, 
limbus haud patulus lobis saepius majoribus atque 
+ acutis denticulis intermediis manifestis. 

form, steiroclaäa Wangerin. — St. Gmelini y. steiro- 
clada Trautv. 1. c. 254. — Habitu graciliore, ramulis 
secundariis magna ex parte sterilibus distincta. 

subspec. b) scoparia Wangerin. — St. scoparia Fall, 
ex Willd. 1. e. — St. Gmelini var. /. laxifJora Boiss. in 
DC. Prodr. XII (1848) 645 et Fl. orient. IV (1879) 859. 
— St. Gmelini ß. scoparia form, scorpioiäea et form. 
ramosissima Trautv. 1. c. — St. Meyeri Boiss. in DC. 
Prodr. XII (1848) 645. — St. Limonium Pall. Tabl. 
Taur. 49. — Limonium Gmelini var. Meyeri Salmon 
1. c. 288, — Scapus plerumque e basi fere ramosissimus, 
ramis valde patulo-reeurvis atque elongatis, ramulis 
florigeris in eorymbos laxiusculos valde ramosos coalitis, 
spiculis saepius laxius paulo spieatis. 

var. gracilis Wangerin nov. var. — Scapo ramisque 
valde gracilibus, inflorescentiis partialibus subpyrami- 
datis, ramulis florigeris valde recurvis vix ramulosis, 
spiculis subdensis, floribus minutis, calycis lobis obtusis 
insignis. — Nordpersien (leg. Szovits). 

var. Union ioides Wangerin nov. var. — St. Limonium 
Boiss. Fl. Orient. IV (1879) 858—859 e. p.; Hai. Consp. 
Fl. graec. III (1904) 16 — 17 e. p. — Paniculae rami 
nudi, apicem versus ramulos nonnullos secundarios 
arcuatira adscendentes elongatos gerentes; ramuli flori- 
geri paulo conferti, breves, oblique patentes vel recurvi, 
spiculis dense imbricatis compacti. — Griechenland, 
Kleinasien, Syrien. 

subspec. c. lilacina Boiss. Fl. orient. IV (1879) 859 
(pro var. 29). — St. lilacina Boiss. Diagn. pl. orient. 
ser. 2. IV (1859) 68. — Foliorum petiolus longus, basi 
in vaginam valde amplam dilatatus. Panicula ramo- 



[■13J i'bcr deu Foriuenkreis der Statice Limoniiini etc. 443 

sissima anipla; ranmli Horigeri breves, spiciilis dense 
ooufeitis. Calycis tubus crasse subcylindraceus secus 
costas oiimes dense hirsutus, limbus valde patulus 
aitiphis vix denticulatus. — Cappadocien (bei Caesarea, 
leg. Halansa). 

, var. laxiflora Wangerin nov. var. — A forma typiea 

ranuilis florigeris panlo longioribiis, spiculis laxe dis- 
positis differt. — Bei Saisaly in Cappadocien (leg. 
Zederbauer). 

siibspec. d. tomenteUa Wangerin. — St. Gmelini 
6. tomentella Trautv. 1. c. 255 — 256. — St. tomentella 
Boiss. in DC. Prodr. XII (1848) 645. — Folia subtus 
secus costam mediam atqne scapus cum ramulis ± dense 
brevissimeque pubescentes. Calycis tubus secus costas 
omnes atque saepius in interstitiis quoque pilosus. — 
Südöstlielies Rufsland. 

d. typica Wangerin. — Scapus et paniculae ramuli 
dense pubescenti-tomentellae. Bracteae spicularum 
dorso dense sericeo-tomentellae, calycis tubus totus 
velutinus. 

ß. suhglahra Wangerin. — Scapus cum ramulis 
sparse tantum puberulus; bracteae omnino fere glabrae; 
calycis tubus secus costas tantum pilosus. 

13. Statice pycnantha Koch in Linnaea XXI (1848) 

716; Boiss. Fl. Orient. IV (1879) 860. — St. JBalansae 
Boiss. Diag. pl. Orient, ser. 2. IV (1859) 69. 

14. Statice sareptana Becker in Bull. Soc. nat. Mose. 

(1854) 454 et (1858) 12 et 60. 

15. Statice Banget Claus in Beitr. Pflzkde. russ. Reich. VIII 

(1851) 308. 

16. Statice memhranacea Czernajew Consp. pl. Charcov. 

(1859) 51. 

17. Statice effusa Boiss. in DC, Prodr. XII (1848) 645 et 

Fl. Orient. IV (1879) 860. 

Noch könnte die Frage nach den gegenseitigen phylo- 
genetischen Beziehungen zwischen den verschiedenen Gliedern 
unseres Formenkreises gestellt werden, die um so mehr 
Interesse verdient, als unserer Gruppe innerhalb der Gattung 



444 



Wai.tiieh Wangekin, 



[44] 



Statice ohne Zweifel eine gewisse zentrale Stellung zukommt. 
Bei der Geringfügigkeit der unterscbeidenden Charaktere 
und dem allseitigen Fluktuieren ist es jedoch schwer, auf 
jene Frage eine bestimmte Antwort zu geben, da weder 
morphologische noch pflanzengeographische Gründe uns in 
die Lage versetzen, gewisse Typen als primäre, andere als 
abgeleitete zu betrachten, da bestimmte Entwicklungs- 
richtungen kaum erkennbar sind und es sich in manchen 
Fällen nicht entscheiden läfst, ob das Vorhandensein von 
Ubergangsformen zwischen zwei Gliedern nur auf Konvergenz 
oder auf gegenseitiger Abstammung beruht. Immerhin mag 
versucht werden, mit ein paar Bemerkungen jener Frage 
noch näher zu treten. Zunächst kann es keinem Zweifel 
unterliegen, dafs St. Limonium und St. serotina unmittelbar 
zusammengehören und dafs erstere wiederum mit St. hahu- 
siensis in engster Beziehung steht. Dem Ursprung dieser 
drei Arten dürfte derjenige Zweig nahe stehen, dem die 
überwiegende Mehrzahl der amerikanischen Arten angehört. 
Unter diesen stehen sich zunächst St. californica und St. 
chilensis so nahe, dafs für beide wohl eine gemeinsame 
Abstammung angenommen werden darf; ihrem Ursprung 
dürfte die St. brasiliensis einigermafsen nahe kommen, 
während man St. caroliniana einerseits, St. Nashii und 
Endliciiiana andererseits wohl besser als Repräsentanten je 
eines besonderen Seitenastes ansieht. Der St. angustata 
vermag ich zur Zeit eine Stellung nicht anzuweisen, da ich 
diese Art aus eigener Anschauung nicht kenne und die 
Originalbeschreibung keine genügenden Anhaltspunkte ge- 
währt. Isoliert steht unter den amerikanischen Arten St. 
limhata, die zwar mit dem Formenkreis der St. Gmelini 
manche Züge gemeinsam hat, aber doch schwerlich von 
diesem abgeleitet werden kann. Nicht zweifelhaft erscheint 
es mir, dal's der gesamte Formenkreis der St. Gmelini auch 
phylogenetisch als einheitlich betrachtet werden kann; hier 
dürfte die subspec. genuina und die St. pycnantha als End- 
glieder eines Zweiges zu betrachten sein, während St. sarep- 
tana, St. Bungei usw. einem zweiten angehören, der sich 
einerseits an die subspec. scoparia anschliefst, andererseits 
zu der St. latifolia hinüberleitet. Alles in allem ergibt sich 



[45] 



Über den Formonkrois der Statice Liimniiiiin etc. 445 



SO folgende schematisehe Darstelliiug der rnutmafslichen 
Verwaudtscliaftsbeziehungen, in der die einzelnen Arten der 
Einfachheit halber mit den Nummern der vorstehenden Liste 
bezeichnet sind: 




/ 



Verzeichnis der bis jetzt in Thüringen 
beobachteten Honioptereu 

von 

H. Haupt, Halle a. S. 



Diese Homopterenfauna von Thüringen ist durch die Ver- 
einigung zweier Lokalfauuen entstanden, nämlich der „Henii- 
ptera van Thüringen" von Mr. A. J. F. Fokker (Zierikzee- 
HoUand) in der Tijdskrift voor Entomologie deel XLII (1899) 
S. 14 — 16 und dem „Verzeichnis der vom Oberpfarrer Krieg- 
hoff in Thüringen bis jetzt (1903) gefundenen Homopteren". 

FoKKEK hat das Material zu seiner Fauna Thüringens 
nicht selbst gesammelt, sondern seinerzeit von Prof. Dr. 
0. Schmiedeknecht- Blankenburg i. Thür, mit Hemiptera 
heteroptera zusammen zur Bestimmung erhalten. Die Be- 
stimmung der Homopteren überliefs er zum gröfsten Teil den 
Herren ß. Lethierry (Lille) und Dr. L. Melichar (Wien), 
Da nun den Hemiptera in Deutschland bis dahin wenig 
Aufmerksamkeit geschenkt worden war, so stellte Fokker 
in dankenswerter Weise die Bestimmungsresultate zu einem 
Verzeichnis zusammen , das aufser einer grofsen Anzahl 
Hemiptera heteroptera auch 117 Arten Hemiptera homoptera 
enthält. 

Das Verzeichnis der vom Oberpfarrer Krieghoff- 
Langenwiesen i. Thür, erbeuteten Homopteren ist nur hand- 
schriftlich vorhanden. Es ist im Jahre 1903 abgeschlossen 
worden und enthält 127 Arten. Die Bestimmung derselben 
bat durchweg Dr. Melichar besorgt. Es wurde von Krieg- 
hoff im Februar 1904 dem Hemipterenforscher Dr. Th. 
HüEBER-Ulra übermittelt, der es bei Aufstellung seines „Cata- 



[2J Verzeichn. d. bis jetzt in Tliiir. beobachteten Homopteren. 447 

log'us Insectorum faunae germanicae: Ilcmiptera homoptera 
(1904)" benutzte und es anbangsweise beim Veizeiebnis der 
einseblägigeu Literatur erwähnt. Da ich von der Firma 
0. Staudinger A. JJang-Haas in Blasewitz b. Dresden den 
gesamten unbestimmten Nachlafs Krieghoffs (gest. Januar 
1907) an Homopteren zur Bestimmung erhielt, bat ich Herrn 
Dr. HüEUEii um Überlassung des erwähnten Manuskriptes 
zur Veröffentlichung, worauf er es mir schenkte, wofür ich 
ihm an dieser Stelle nochmals meinen Dank abstatten 
möchte. 

Die nachgelassene Sammlung Krieghoffs befand sich 
leider in keinem guten Zustande, vor allem fehlten bei den 
meisten Tieren die Fundortsangaben. Immerhin konnte ich 
noch einige herausfinden, die in seinem Manuskript fehlten, 
von FoKKER aber schon als Thüringer Arten aufgeführt 
wurden. Ferner fanden sich noch vier Tiere, die für die 
Fauna Thüringens neu waren: 

IHatymetopius guttatus de G. 

Cicadula cyanae Boh. 

Eupteryx löwi Theu. 

Eupteryx urticae var. cyclops Mats. 

Eupteryx cyclops Mats. wurde von Dr. S. Matsumura 
in „Die Cieadinen der Provinz Westpreufsen" (Schriften der 
naturforschenden Gesellschaft in Danzig Bd. XI, Heft 4, 
S. 63 — 82) als neue Art beschrieben. Da ich aber lückenlose 
Ubergänge von der Stammform E. urticae Fab. bis zu E. 
cyclops Mats. besitze und der Unterschied zwischen beiden 
nur in der Punktierung der Stirn besteht, so habe ich E. 
cyclops Mats. als Art eingezogen. — Eine Beschreibung der 
Varietäten von E. urticae Fab. folgt in nächster Zeit. 

Das Verzeichnis Krieghoffs enthält aufser den Cieadinen 
noch eine Aufzählung von 17 Psylliden, darunter als neu 
für die Fauna Deutschlands Psylla sorhi L., die bisher nur 
aus Schweden bekannt war. 

Bei der Aufstellung des Verzeichnisses habe ich mich 
nach dem „Verzeichnis der palaearktischen Hemipteren" von 
B. OsHANiN (St. Petersburg 1908) gerichtet und dort, wo es 
in der Benennung von Melichar, „Cieadinen von Mittel- 



448 



H. Haupp, 



europa" abweicht, die darin gebrauchten Namen zum Zwecke 
besserer Orientierung in Klammern beigefügt. 

Hinter denjenigen Tieren, die nur von Fokker genannt 
werden, steht ein (F.), hinter denen, die nur von Kriegiioff 
aufgeführt werden, ein (K.). Bei den Tieren, deren Namen 
in beiden Verzeichnissen stehen, ist jede besondere Be- 
zeichnung fortgelassen. 

Da ich soeben eine Revision der Varietäten von Phi- 
laenus spumarins L. beendet habe, die auch in dieser Zeit- 
schrift zur Veröffentlichung gelangen wird, habe ich zwei 
Varietäten dieser Art eingeklammert. Ich habe gefunden, 
dafs var. apicalis Germ, synonym mit var. praeustus Fab. 
ist; var. palUdus Zett. halte ich für ein bleiches Stück der 
var. maculatus Zett. Dieser Name wieder ist in Melichak, 
„Cicadinen von Mitteleuropa" für var. ustulatus Fall, einzu- 
setzen, desgl. bei Oshanin u. a., die sich auf ihn beziehen. 

Hemiptera-Homoptera. 

Sectio Auchenorhyncha. 
I. Farn. Cicadidae. 

Cicadetta Kolen. 

1. C. montana Scop. 

II. Farn. Cercopidae. 
Siibf. Cercopina. 

Treciphora Am. S. 

2. T. vulnerata Iiiig. 

Subf. A2)hrophorinai 
Lepyronia Am. S. 

3. L. coleoptrata L. 

Aphropliora Germ. 

4. Ä. corticea Germ. (F.). 

5. „ Salicis de G. (K.). 

6. „ ahii Fall. 



[4] Verzeicbn. d. bis Jetzt in Thür, beobachteten Honiopteren. 449 

Philaenus Stäl. 

7. Ph. lineatus L. (K.). 

8. „ exclamationis Thunb. 

9. „ alhipennis Fab. 

10. „ spuniarius L. (Stammform, bzw. var. maculattis Zett. 



Flor.) 

var. leiicophthalmus L. 
„ higuttakis Fab. 
„ lateralis L. 
„ (apicalis Germ.) 
„ leucocephalus L. 
„ praeustus Fab. 
„ vittatus Fab. 
„ lineatus Fab. 
„ {pallidus Zett.) 
„ populi Fab. 



Sämtliche Varietäten 
werden von Kriegiioff 
aufgeführt; 
FoKKER nennt keine. 



III. Farn. Membracidae. 



Subf. Centrotina. 



Centrotus Fabr. 



11. C. cornutiis L. 



Gargara Am. S. 



12. G. genistae Fab. 



IV. Fain. Jassidae. 
Subf. Vlopina. 
Ulopa Fall. 



13. C". reticulata Fab. 



Subf. Megophthalmina. 
Megophthalmus C'urt. 



14. ilf. scaniciis Fall. 



Subf. Ledrina. 



Ledra Fab. 



15. i. aiirita L. 



Zeitschr. f. Naturwiss. Halle a. S. Bd. 82. 19H. 



29 



450 



11. Haupt, 



Subf. Tettigoniina. 
Tettigonia Geoffr, 

16. T. viridis L. 

, „ var. arundinis Germ. (K.). 

Enacantlms Lep. et Serv. 

17. E. interniptus L. 

18. „ acnminatus Fab. 

Subf. Bythoscopina. 

Idiocerns Lewis. 

19. I. scurra Germ. 

20. „ notatus Fab. (F.). 

21. ,, adustus H. S. (K.). 

22. ,, similis Kbra. (K.). 

23. „ herrichii Kbm. 

24. „ macidatus Mel. (K.). 

25. „ poecilus H. S. (K.). 

26. „ lituratus Fall. 

27. ,, tremidae Estl. (K.). 

28. „ laminatus Flor. (K.). 

29. „ cognahis Fieb. (F.). 

30. , confusus Flor. 

31. ,, albicans Kbm. (K.). 

32. , aurulentus Kbm. (K.). 

33. , poptdi L. 

34. , fidgidiis Fab. 

Macropsis Lewis. 

85. Jf. ^awfo L. 

, , var. hrunnea Fab. (K.). 

Bythoscopus Germ. Fieb. 

86. 5. aZwi Sehr. 

87. , flavicoUis L. 

38. ,, riifuscidus Fieb. (K.). 

Pediopsis Burm. 

89. P. ^?7?ae Germ. 
40. „ cerea Germ. 



[0] Verzeiclin. d. bis jetzt in Thür, beobachteten Ilomopteren. 4.M 



41. P. virescens Fab. 

,, „ var. graminea Fab. (K.). 

42. , niendax Fieb. (F.). 

43. ,, distincta Scott. (K.). 

44. , nassata Germ. 

, „ var. marginata H. S. 

45. „ scutellata ßoli. 

46. , nana H. S. (F.). 

47. , megerlei var. bipunctata Letb. (K.). 

Ägallia Cnrt. "n 

48. ^. hracJujptera Bob. (K.). 

49. „ venosa Fall. 

Siibf. Jassina. 
Div. Acoceplialaria. 
Eupelix Genn. 

50. depressa Fab. (F.). 

51. , producta Germ. 

52. , cuspidata Fab. 

Acocephalus Germ. 

53. J.. nervosus Scbr. {striatus Fab.) 

54. , hifasciatus L. (K.). 

55. , tricindus Gurt. 

56. ,. albifrons Scott. 

57. „ flavostriatus Donov. (rivularis Germ.). 

Div. Jassaria. 
Doratura J. Shlb. 

58. X). s^?/k<a Bob. (K.). 

Graphocraerus Thoms. 

59. G. ventralis Fall. 

Tlatymetopius Burm. 

60. P. guttatus Fieb. (K.). 

61. , undatus de G. 



29* 



452 



H. Haupt, 



DeltocepJmlus Biinn. 

62. D. pimcium Flor. (K.). 

63. , socialis Flor. (K.). 

64. , hohemanni Zett. (F.), 

, „ var. calceolatus Bob. 

65. „ muUinotatus Boh. (F.). 

66. „ distinguendus Flor. 

67. , parallehis Fieb. (F.). 

68. „ piduratus Fieb. 

69. , ßori Fieb. (K.). 

70. , pulicaris Fall. (K.). 

71. „ hyalinus Fieb. (F.). 

72. „ striatus L. 

73. , ahdommalis Fab. 

74. , collinus Boh. (K.). 

75. „ ceplialotes H. S. 

Jassus Fab. {Allygus Fiel).). 

76. J. comnmtatus (Fieb.) Scott. 

77. „ mayri Kbm. (K.). 

78. „ mixtus Fab. 

79. , modestus (Fieb.). 

GoniagnatJms Fieb. 

80. G. hrevis H. S. (F.). 

Äfhysnnns Burm. 

81. A. stactogalus Am. (F.). 

82. „ striatulus Fall. (K.). 

„ „ var. orichalceus Tbnis. (F.). 

83. „ strioJa Fall. (K.). 

84. „ Uneolatus Brülle. 

85. , schenlii Kbm. (K.). 

86. „ grisescens Zett. (F.). 

87. , plehejus Fall. 

88. „ ahsoletus Kbm. 

89. „ hrevipennis Kbm. (K.). 



Verzeiclin. d. bis jetzt in Thür, beobachteten Ilümopteren. 153 



Thamnotettix Zett. Fieb. 



00. 


Th. 


fenestndus H. S. (F.). 


91. 




quinquenotatus Bob. (K.). 


92. 




tenuis Genn. 


93. 




croceus H. S. 


94. 




attenuatus Germ. (F.). 


95. 


yi 


torneelhis Zett. 


96. 


jl 


ahietinns Fall. 


97. 




pictiis Letb. (F.). 


98. 


j; 


subfusculus Fall. 


99. 




enjthrosttdns Letb. (F.). 


100. 




prasinus Fall. (K.). 


101. 


)? 


Simplex H. S. 


102. 


B 


cruentatus Pnz. 


103. 


n 


preyssleri H. S. (F.). 


104. 


>5 


quadrinotatus Fab. 


105. 


n 


frontalis H. S. (K.), 


106. 


71 


sulpimrelhis Zett. 



Grypotes Fieb, 

107. G. pinetellus Zett. 

Cicadula Zett. 

108. C. c(/anae Bob. (K.). 

109. , sexnotata Fall. 

, „ var. diminuta Letb. (K.). 

110. „ puncUfrons Fall. 

Ballutlia Kirk. {Gnathodus Fieb.). 

111. 1). punctata Tbunb. 

Subf. TypMocyhina. 
Alebra Fieb. 

112. A albostriella Fall. 

B „ var. wahlbergi Bob. 
B „ n fulveola H. S. (K.). 



454 



II. Haupt, 



Erythriu Fieb. 

113. 7s'. inander stjernai Kbm. (K.). 

114. , cmreola Fall. (F.). 

Dicraneura Hardy. 

115. D. agnata Letb. (K.). 

116. „ flavipennis Zett. (K.). 

117. ri mollicula Bob. (K.). 

Ghlorita Fieb. 

118. Gh. flavcscens Fab. 

119. „ solani-tuberosi KoUar. (K.). 

120. „ viridula Fall. 

Empoasca Walsb. {Kyhos Fieb.). 

121. E. smaragdula Fall. 

Eupteryx Curt. 

122. E. vittata L. (K.). 

123. ,. noiaia Curt {wallengreni Stäl) (K.). 

124. „ germari Zett. 

125. „ löwi Tben. (K.). 

126. „ concinna Germ. (F.). 

127. pulchella Fall. 

128. „ stellulaia Burm. (F.). 

129. atropundata Goeze {carpini Letb.). 

130. , aurata L. 

131. , urticae Fab. 

, B var. cyclops Mats. (K.). 

Typhlocyia Germ. 

132. T. jucunda H. S. 

133. cmen^a H. S. (K.). 

134. „ sezpimctata Fall. (K.). 

135. „ nitudula Fab. 

136. „ rosae L, (K.). 

137. „ geometrica Schrk. 

138. ,, quercus Fab. 



[10] Vcrzeichn. d. bis jetzt in Thür, beobachteten Homopteren. 455 

Zijgina Fieb. 

139. Z. hypcrici 11. S. (K.). 

140. „ scutellaris H. S. (F.). 

141. „ jparvula Boll. (F.). 

142. „ flanmigera Geoft'r. {hlandula Rossi) (K). 

V. Fam. JPulyoridae. 
Subf. Ciociina. 
Oliarius Stul. 

143. a imnzeri P. Low. (F.). 

Cixiius Latr. 

144. C. pilosiis Oliv. 

,. „ vav. infumatus Fieb. (F.). 
, „ „ albicinctus Germ. (F.). 

145. , nervosus L. 

146. „ heydeni Kbm. (K.). 

147. ,. cunicularius L. 

148. „ Simplex H. S. (F.). 

Subf. Isshia. 
D i V. Issaria. 
Issus Fab. 

149. coleoptratus Geoffr. 

Subf. Tettigometrina. 

Tettigometrina Latr. 

150. T. virescens Pnz. (F.). 

151. ., impressopunctata Duf. 
151. ,, macrocephala Fieb. (F.). 

153. ., ohliqua Pnz. 

Subf. Delphacina. 
Asiraca Latr. 

154. A. clavicornis Fab. (F.). 



456 U. Haupt, [llj 

Stenocranus Fieb. 

155. St. miuutus Fab. (lineola Germ.). 

Kelisia Fieb. 

156. K. (juttula Germ. 

Eurysa Fieb. 

157. E. lineata Fern (F.). 

Conomelus Fieb. 

158. C. limbatus Fab. 

Delphax Fab. (Liburnia Stäl). 

159. D. pellucida Fab. 

160. „ sordidula Stäl. 

161. „ fairmairei Perr. (F.). 

Dicranotropis Fieb. 

162. D. Jiamata Bob. (F.). 

Stiroma Fieb. (F.). 

163. St. alhomarginata Gurt. (K.). 

164. „ affinis Fieb. (F.). 

Nachzutragen ist noch Thamnotettix splendidulus Fab., 
die Melichae (Cicadinen von Mitteleuropa) als Thüringer 
Art aufführt. 

Sectio Sternorhyncha. 
Subsectio Phytophthires. 
Farn. Psyllidae, 
Div. Aphalararia. 
Aphalara Frst. 

1. A. artemisiae Frst. 

2. „ exilis Weber et Mohr. 

3. „ pida Zett. 



|12J Verzeicliu. d. bis jetzt iu Thür, bcobachteteu Iloniopteren. 
Fsi/llopsis F. Low. 



4. 


r. 


fraxini L. 






rsylla 


5. 


F. 


crataegi Sehr. 


0. 




pyrisuga Frst. 


7. 




maZ< Sebmdbg-. 


8. 




ttZmi Frst. 


9. 




aZwi L. 


10. 




foersteri Flor. 


11. 




pruni Scop. 


12. 




melanoneiira Frst. 


13. 




nigrita Zett. 


14. 




saliceti Frst. 


15. 




sorft? L. 



Ärytaena Frst. 

16. genistae Latr. 

Div. Triosar ia. 



Triosa Frst. 

17. T. urticae L. 



Eiiüges über die höhere Tierwelt der 
Marianen 

von 

Dr. med. Schnee, Kaiserl. Regierungsarzt auf Saipan 



Saipan, die Hauptinsel der Marianen-Gruppe liegt etwa 
unter dem IS." n. Br., somit schon weit genug vom Äquator 
entfernt, dafs im Gegensatz zu Ponape und anderen Karolinen- 
Inseln bereits Erscheinungen auftreten, die man auf jenen 
vergeblich sucht ;• dahin rechne ich in erster Linie das Auf- 
treten einer Morgen- und Abenddämmerung. Des weiteren 
sind aber auch die Jahreszeiten hier schon schärfer aus- 
geprägt, jedoch nicht in der Art, dafs sie etwa auf die 
Pflanzen- oder Tierwelt irgendwie von Einflufs sein könnten. 
Nein, das Klima ist und bleibt ein tropisches und somit jenem 
der Karolinen-Gruppe recht ähnlieh, indem ja auch hier be- 
deutende Regenmengen niedergehen, wie das bei Inseln in 
der Mitte eines so gewaltigen Meeres nicht Wunder nehmen 
kann. Was ich im folgenden von Saipan zu berichten ge- 
denke, pafst naturgemäfs auch auf die anderen Marianen- 
eilande und dürfte cum grano salis auch auf die Karolinen 
Anwendung finden. 

Saipan ist eine etwa an den Umrifs einer Fledermaus 
erinnernde Insel von 120 Dkm Oberfläche, welche von Kalk- 
gebirgen durchzogen wird, die sich bis 46G m erheben. Nach 
Westen zu hat sich ein angeschwemmtes Vorland gebildet 
mit einer allerdings nicht sehr tiefen Ackerkrume, die öst- 
liche Breitseite fällt dagegen steil ab. 

Säugetiere gab es auf dem Eilande ursprünglich nicht. 
Die einzigen Vertreter dieser Klasse, die vor dem Menschen 



[2] 



Einiges über die Itöliere Tierwelt der Marianen. 



■159 



anwesend waren, stellen Fledermüuse dar. Warum gerade 
sie die Insel erreicht haben, liegt auf der Hand. Solche 
Tiere können von Tnsel zu Insel wandernd selbst weite, 
trennende Meere überfliegen, welche für andere Geschöpfe 
eine unüberwindliche Sehranke bilden. Merkwürdigerweise 
hat auch eine kleine, insektenfressende Art (Emhallonura 
semicaudata, Peale) die Insel erreicht. Das verdankt sie 
wohl weniger ihrer Flugkraft als der Benutzung von schwim- 
menden Bäumen oder anderen Transportmitteln. Dafs solche 
kleinen Arten gelegentlich sehr weit verschlagen werden, 
weifs ich von Jaluit her. Für dessen Fauna war in einer 
mir augenblicklich nicht mehr erinnerlichen Quelle dieselbe 
Art angegeben. Ich habe mich indessen durch Umfrage 
bei den Eingeborenen vergewissert, dals sie dort fehlt und 
dafs es sich um ein verschlagenes, übrigens bald ein- 
gegangenes Stück gehandelt hat, auf welches dort Bezug 
genommen wurde. Ich weifs übrigens wirklich nicht, ob 
unsere Fledermäuse den Ruf schlechter Flieger in der Tat 
verdienen oder ob er nur im Vergleich zu den — auf 
diesem Gebiete ja ungleich Besseres leistenden — Vögeln 
berechtigt ist. Die grofsen fruchtfressenden Arten unter- 
nehmen selbst gröfsere Sreifzüge nach Art der Zugvögel 
und führen diese ohne Beschwerde durch. Hierfür ist ein 
wenig bekannter Beweis, dafs jeden Sommer in die Gegend 
von Sydney ganze Herden dieser gefräfsigen Gesellen kommen, 
obwohl diese Stadt bereits aufserhalb des von ihnen be- 
wohnten Gebietes liegt. — Der hier lebende fliegende Hund 
oder .fanihi", wie die Eingeborenen ihn nennen, ist ein 
stattliches Geschöpf, welches nach meiner Taxe gegen 1 m 
zu klaftern vermag. Wissenschaftlich ist er als Pteropus 
Jceraudreni, Q. und G., bekannt. Der gewaltigen Flugkraft 
entspricht seine weite Verbreitung, indem sieh die Art von 
den Palau- bis zu den Fidchi-Inseln hin findet. Die auf 
Samoa lebende, dort ^manu-langi", d. h. Himmels vogel, ge- 
nannte Art, steht ihm sehr nahe, was auf deutsch ja nichts 
anderes heifst als: beide Formen sind bereits lange genug 
von einander isoliert, um sich abändern zu können. 

Doch zurück zu unserm fanihi! Wenn man die Tiere 
bisweilen auch am Tage herumfliegen sieht, wie mir erzählt 



4G0 



Du MED. Schnee, 



[3] 



ist, so bemerkt mau sie doch am häutigsteu iu moudbellen 
Nächten. Wenn ieb früber bei Dunkelbeit zu meiner etwa 
15 Minuten vom Dorfe entfernt liegenden Wohnung zurück- 
kehrte, so habe ich diese riesigen „Nachtvögel" nicht selten 
über die Kronen der Fruchtbäume dahinsegeln sehen, indem 
sie lautlos me gespenstischer Schatten oder wie eine schwarze 
Silhouette au dem blauen Himmel vorbeistrichen, während 
andere bei meiner Annäherung in dem dämmernden Grün 
der leise rauschenden Gipfel verschwanden. Ihr rattenartiges 
Pipsen habe ich auch am Tage, wo sie schlaftrunken an 
Asten hängen, öfters vernommen. Die Nahrung der fliegenden 
Hunde besteht aus Früchten, insbesondere jener der zahl- 
losen Guaven {Pisidhun giiajava, L.), die hier als ein gräu- 
liches Unkraut auftritt, weiterhin fressen sie auch Brotfrüchte 
und die an eine riesige Ananas erinnernden Drupa der 
Schraubenpalmen oder Pandaneen; ebenso wenig ver- 
schmähen sie natürlich die eingeführten Anonen, Bananen 
und die Darbietungen anderer Fruchtbäume. Pteropus kommt 
nicht in solcher Menge vor, dafs der Schaden, den er an- 
richtet bemerkbar würde! Trotzdem stellen ihm aber die 
Eingeborenen eifrig nach, gilt doch sein Fleisch für einen 
vorzüglichen Leckerbissen I 

Mit einem grofsen, am Ende einer langen Stange be- 
festigten Netze zieht man zum Fanihifange aus. Mit Hilfe 
des beschriebenen Instrumentes wird der schlaftrunkene 
Fiederhund leicht vom Aste losgerissen und in einem Korbe, 
den der zweite „Jäger" trägt, geborgen. Die Beute wird 
später mit der Haut gekocht und auch so verzehrt. Sie 
schmeckt, wie die Eingeborenen angeben und wie ich aus 
eigener Erfahrung sagen kann, nach ^loschus. Es ist in- 
dessen nicht jedermanns Sache, einen noch behaarten Braten 
auf dem Teller zu haben, weshalb wohl wenige Europäer 
dieses Gericht versucht haben mögen. Das Fleisch schmeckt 
im übrigen hühuerartig. Die grofse Leber halte ich geradezu 
für einen Leckerbissen und versäume, seit ich dieses in Er- 
fahrung gebracht habe, nicht bei Eingeborenenessen mir 
dieses Stück zu Gemüte zu führen. Bei der erwähnten Fang- 
metbode gelangen nicht selten junge Fanihi in die Hände 
der Chamorro. Sie sollen äufserst zahm werden, nachts 



[4] 



Einiges über <iic liölierc 'l'ierwclt der Marianen. 



461 



ausfliegen nnd am Morgen zuiückkeliren. Ich habe zweimal 
versucht, junge Tiere dieser Art aufzuziehen, indessen war 
es mir in beiden Fällen nicht möglich, die Tierchen vor 
Ameisen zu schlitzen, trotzdem ich ihnen als Ruheplatz einen 
freischwebenden, an zwei Bindfaden hängenden Ast an- 
gewiesen hatte. 

Eine importierte Hirschart Cervns marianmis, Desm., ist 
insbesondere auf der jetzt amerikanischen Marianeninsel 
Guam häufig, ja sie scheint dort bereits zu einer Art Land- 
plage geworden zu sein. Das Tier wurde von den Philip- 
pinen aus durch Mariano Tobias, welcher von 1771 — 1774 
Gouverneur der Gruppe war, eingeführt. Im deutschen Teile 
des Archipels ist der Hirsch auf Rota bereits häufig, von 
dort wurde er nach Saipan überführt, doch dürfen die Tiere 
bei uns noch nicht erlegt werden, während auf Guam die 
Hirschjagd eine beliebte Beschäftigung der Chamorro bildet. 
Auf unserem Eilande leben die Hirsehe mit Vorliebe auf 
der fast unbevölkerten Ostseite, doch kommen sie zur Brunst- 
zeit bis in die Nähe der an der Westküste liegenden An- 
siedelung. In meiner früheren, aufserhalb des Dorfes befind- 
lichen Wohnung habe ich mehrmals das Brüllen derselben 
gehört. Sie waren in einer solchen Nähe, dals alle jene 
dem Brunstschrei von den Jägern angedichtete Poesie ver- 
loren ging und das rinderartige der Laute bereits un- 
angenehm in den Vordergrund trat. Wie die Spuren aus- 
wiesen, war der Hirsch das eine Mal nur wenige hundert 
Schritte von meinem Hause entfernt gewesen. Wenngleich 
ich die Tiere in Freiheit noch nicht gesehen habe, so kenne 
ich doch eine von hier stammende und in Ponape aus- 
gesetzte Ricke, anfserdem besitze ich einige Schädel von 
dem benachbarten Rota. Dort pflegen einzelne Stücke von 
Zeit zu Zeit zu „verunglücken", wohl nicht ganz ohne Nach- 
hilfe von Seiten der Eingeborenen. — Das Geweih ist drei- 
sprossig, sehr kräftig entwickelt, unten auffallend stark und 
meist von guter Perlung, die Entfernung vom Rosenkranz 
bis zur Spitze beträgt in gerader Richtung etwa 35 cm. 

Dafs Ratten und Mäuse auf unserem Eilande nicht 
fehlen ist selbstverständlich. Die Wälder werden belebt von 
verwilderten Rindern und namentlich Schweinen, welch letztere 



462 



Du. MED. Schnee, 



von den Chamorro mit Hunden gejagt oder in iSehlingen 
gefangen werden. Auf dem Naelibareilande Tinian fanden 
sich früher gröfsere Herden wilder Rinder, schätzungsweise 
2000 — oOOO Stück, doch sind diese, seit die Jagd dort ge- 
werbsmäfsig zur Bereitung von Trockenfleiscb etc. betrieben 
wird, recht gelichtet. Dagegen sind ganz sonderbar hoch- 
beinige, langrüsselige Schweine noch häufig; eine besonders 
bergige, schwer zugängliche Ecke der 92 Qkm grofsen Insel 
wird dagegen von Ziegen bewohnt. Weiter gibt es auch 
eine grofse und eine kleine Ilasse sog. „ Wildhunde Alle 
diese genannten, heute völlig freilebenden Geschöpfe stammen 
natürlich aus der spanischen Periode von Haustieren her, 
welche auf der lange Zeit unbewohnten Insel sich ungestört 
vermehrt haben. 

Unter den Landvögeln fallen in erster Linie die überall 
gegenwärtigen und sich durch ihr charakteristisches Geschrei 
bemerkbar machenden Eisvögel auf. Abweichend von ihren 
deutschen Verwandten sind sie dem Wasser abhold und 
erwerben ihre Beute einzig und allein auf dem trockenen 
Boden. Einen grofsen Teil ihrer Nahrung bilden wohl die 
zahlreichen Heuschrecken der Insel, mit denen man sie 
nicht selten auf einem umgefallenen Baume unweit des 
Weges sitzen sieht. Des weiteren sollen sie mit Vorliebe 
Eidechsen verzehren, was ich nur bestätigen kann; ja es 
wird sogar behauptet, die zahlreichen Eidechsen bildeten 
einen Hauptbestandteil ihrer Nahrung. 

Man dürfte nach dem eben Angeführten geneigt sein, 
die Eisvögel für nützliche Tiere zu halten, leider ist das 
aber durchaus nicht der Fall ! Auf Küchlein sind sie z. B. 
äufserst erpicht, auch andern jungen Vögeln gegenüber 
dürften sie kaum weniger blutdürstig sein. Vor einigen 
Tagen hat sogar ein Eisvogel einem ausgewachsenen Huhne 
den Kopf zerhackt und es so getötet. In der Nähe der 
Wohnungen müssen die Tiere jedenfalls unbedingt ab- 
geschossen werden, weil andernfalls die Hühnerzucht völlig 
illusorisch werden würde. Ich habe nun zwar gesehen, dafs 
die Henne solchem frechen Räuber sehr energisch entgegen- 
tritt und ihn auch glücklich in die Flucht schlägt und noch 
eine Strecke weit verfolgt, gewöhnlich aber stürzt der Strauch- 



[6] 



Einiges über die höhere Tierwelt der Marianen. 



463 



(lieb so heimtückisch zwischen die Schar der harmloaen 
Küchlein, dafs jeder Verteidigungsversuch seitens der be- 
sorgten Henne zu spät kommt. Selbst der Kanarienvogel 
in seinem Käfig ist vor dem Unhold nicht sicher; frech 
kommt er auf die Veranda und reifst dem Sänger den Kopf 
ab. Bei allen seinen Räubereien geht der ^sihig" ebenso 
geschickt wie energisch vor. — Eines Abends sais ich auf 
meiner Veranda und beobachtete eine Echse, welche auf 
dem herabhängenden Blatte einer dicht daneben stehenden 
Cocos hin- und herlief und sich äulserst behaglich zu fühlen 
schien, indem die Abendsonne sie so recht angenehm durch- 
wärmte. Da plötzlich ein kreischender Ton, ein Eisvogel 
stürzte mit unglaublicher Geschwindigkeit heran, nahm im 
Fluge das Echslein fort und war mit ihm verschwunden, 
ehe ich eigentlich recht begriff, was vorgefallen war. 

Der gewaltige keilförmige Stolsschnabel mit seiner 
breiten Wurzel und den gerade verlaufenden Seitenrändern 
des Oberkiefers bildet nicht nur eine gefährliche Waffe, die 
auf den Beschauer bereits im ersten Augenblicke imponierend 
wirkt, sondern sie ist auch ganz geeignet eine Beute, und 
wenn es eine stahlglatte Echse wäre, zu fassen und sicher 
festzuhalten. 

Der verbreitetste Eisvogel Saipaus ist Halcyon sauro- 
phagus, J. Gd., eine von den Molukken bis zu den Salomonen 
hin lebende Art. Kopf, Hals und Unterkörper sowie Unter- 
fiügel- und Unterschwanz-Federn des Tieres sind weifs. Der 
Zügel ist schwärzlich und setzt sich in einen dunklen, um 
den Hinterkopf verlaufenden Kranz fort. Flügel, Schwanz 
und Rücken erscheinen hellblau, bei genauerer Betrachtung 
bemerkt man indessen , dafs letzterer mehr grünlich und 
somit abweichend gefärbt ist. Der Schnabel ist schwarz, 
die Wurzel des Unterkiefers weifslich. 

Im schärfsten Kontraste zu dieser üblen Sippe steht 
ein reizendes, sperlingartiges Vöglein, von den Eingeborenen 
Chichirika genannt, welches sich durch sein zutrauliches 
Wesen die Zuneigung eines Jeden gewinen mufs. Es ist 
ein kleiner Fliegenschnäpper von unscheinbarer Färbung. 
Hals und Körper erscheinen rötlich braun, der Kopf und 
Rücken sind dagegen dunkel gefärbt. Einige anspruchslose 



464 



Tu. MED. Schnee, 



[7] 



weifse Querbinden der Flügel geben ihm jedoch bereits ein 
zierlicheres Ansehen. Einfach aber recht ansprechend ge- 
zeichnet ist der Schwanz, deren schwarze Federn je einen 
weiisen, auffallenden Fleck an ihrem Ende tragen, was dem 
Tierchen zum grofsen Schmucke gereicht. Dieser Fliegen- 
schnäpper hat die Gewohnheit, jeden, der in seine Nähe 
kommt, eine Zeitlang zu begleiten, wobei er sich in kurzen 
Zwischenräumen auf einem Aste etc. niederläfst, um seinen 
Schwanz wie einen Fächer mit einer geradezu erstaunlichen 
Gewandtheit zu entfalten, wobei er höchst sonderbare Be- 
wegungen ausfuhrt; er erinnert so an einen Pfau im kleinen, 
und wenn die Färbungen seines Rades auch nur einfache 
sind, so wirkt doch das lichte Weifs am Rande des schwarzen 
Miniaturfächers inmitten des Laubgrünen, sein Auf- und 
Zuklappen im Verein mit den zierlichen Bewegungen des 
munteren Vögleins ungemein niedlich. Leider wird diese 
Zutraulichkeit dem P'äeherschwanzfliegenfänger (Rhiptdura 
icraniae, Oustalet) nur zu oft zum Verderben, indem er leicht 
herumstreichenden Hauskatzen oder Ratten zur Beute fällt. 

Im Jahre 1904 sind hierselbst Perlhühner ausgesetzt, 
welche sich gut vermehrt haben und in Tru])ps die Um- 
gebung der Ansiedlung, übrigens auch andere Teile der 
Insel beleben. Eine Schar hält sich in der Nähe des 
Exerzierplatzes auf, wo man sie oft zu sehen bekommt. Da 
die Hühner nicht gejagt werden dürfen, sind sie wenigscheu, 
lassen den Menschen aber doch nur bis auf eine gewisse 
Entfernung an sich herankommen. Ihre charakteristische, 
wenig schöne Stimme hört man öfter als einem lieb ist. 
Dafs diese Tiere sich auf Saipan trotz der zahlreichen 
Ratten haben vermehren können, verdanken sie zum grol'sen 
Teile ihren ungemein hartschaligen Eiern, welche diesen 
Nagern unüberwindliche Schwierigkeit entgegensetzen, wenn 
es gilt, dieselben sofort zu zerbrechen. Die Brut selbst 
leidet aber naturgemäfs vielen Schaden. Neuerdings sollen 
sich die Perlhühner nicht mehr so gut vermehren. Es liegt 
nahe zu vermuten, dafs die Eingeborenen unter der Hand 
vielleicht manches Stück fangen und verzehren. Wenn man 
versucht, die Eier durch Haushennen ausbrüten zu lassen, 
so gelingt das meistens, indessen hat man an seinen Pfleg- 



Einiges über die höliere Tierwelt der Marianen. 



465 



lingen wenig Freude. Sie bleiben nur eine Zeitlang in der 
Nähe des Hauses und laufen, wenn sie älter werden, regel- 
niäfsig in den Busch, 

Obwohl einige Eingeborene zahme Tauben halten, eine 
grofse, blaue Rasse, die wohl von den Spaniern stammt, so 
sind solche doch nicht gerade häufig. Dagegen finden sich 
mehrere wilde Vertreter einer nahestehenden Familie, die 
man als Fruchttauben bezeichnet. Sie charakterisiert vor 
allem, im Gegensatz zu den echten Tauben, ihr starker, 
gesehwollener, kurzer Schnabel und das vorwaltend grüne 
Gefieder. Mangels jeglicher Literatur kenne ich mich mit 
diesen Tieren nicht recht aus, Bälge stehen mir auch nicht 
zur Verfügung, somit möchte ich denn nur in aller Vorsicht 
über sie reden. Zunächst ist vor ca. 7 Jahren eine grofse 
Taube mit schwarzen Flügeln von den Palauinseln hierher 
gebracht und auf der Ostseite der Insel ausgesetzt. Die Tiere 
scheinen sich seitdem gut vermehrt zu haben, wenigstens 
sieht man jetzt nicht ganz selten Exemplare in der Nähe 
unserer, wie bemerkt, auf der Westseite des Eilandes liegenden 
Ansiedlung. Zwei z. B. beobachtete ich öfters auf dem Wege 
in der Nähe des Hospitals. 

Von den einheimischen Fruchttauben dürfte Ptilopus 
roseicapülus, Less., die schönste sein. Sie steht der samoa- 
nischen Fruchttaube (P. fasciatus, Peale) sehr nahe. Die 
beiden Geschlechter sind gleich gefärbt, das Gefieder ist 
grün, der Scheitelpurpur rot, die Unterseite ist gelb und 
orange gefärbt, auf der Brust stehen gleichfalls einige 
Purpurflecke. Die Eingeborenen nennen sie tot -tot und 
stellen ihr wie den andern Arten eifrig nach. Es klingt 
zwar unglaublich, indessen ist es doch Tatsache, dafs diese 
Tiere mit dem bereits erwähnten Fanihinetz gefangen 
werden können , indem man auf schmalen Pfaden die An- 
fliegenden einfach zu Boden schlägt. Ihre Nahrung besteht 
aus allerlei Früchten, insbesondere sollen sie jene des Ilang- 
Ilangbaumes und des Oestrum, sowie die des Piod genannten 
und des Lemoncito-Strauches verzehren. Der erst erwähnte 
{Canangium odoratum, Lam.) dürfte als Lieferant eines be- 
liebten Parfüms bekannt genug sein. Dagegen verdienen 
die übrigen Nährpflanzen einige Worte. Cestrum ist eine 

ZeitacUr. f. Naturw. Halle a. S. Bd. 82. lUll. 30 



466 



Dr. med. Schnee, 



[9] 



Solanacee, aus deren zarten weifsen Blütenröhrchen sieb 
eiförmige Beeren von der Gröfse einer wilden Kirsche ent- 
wickeln. Diese enthalten übrigens einen Saft, der als Tinte 
benützt werden kann, die allerdings mit der Zeit fuchsig 
wird, so dafs z. B. eine von mir ausgeführte Zeichnung der 
Pflanze heute recht übel aussieht. Unser Cestnim wurde 
mir hier als „Kanagu" bezeichnet, andere Eingeborenen 
sagten, es hätte überhaupt keinen Namen. Soviel steht 
jedenfalls fest, dafs die Pflanze eine relativ neue Errungen 
Schaft der Marianenflora ist, da ältere Sammler sie nirgends 
erwähnen. Nachdem sie einmal Fufs gefafst hatte, haben 
die Tauben die Samen offenbar nach allen Richtungen 
hin verschleppt und die Art somit über das ganze Eiland 
verbreitet. — Lemoncito ist ein naher Verwandter unseres 
Zitronenbaumes, er trägt kleine orangenfarbige Früchte, will 
aber wegen seiner starken grünen Dornen mit Vorsicht be- 
handelt sein. Piod endlich, ein weit verbreitetes Tropen- 
gewächs, gehört zur Familie der Olacineae. Sein botanischer 
Name lautet Himenia americana^ h. Er tritt als Strauch oder 
kleiner Baum auf, der eiförmige, kleine Früchte trägt, die 
zuerst eine grüne, später eine orangefarbige Schale besitzen. 
Der weifse, von einer braunen Auf scn haut (wie bei einer 
Nufs) umhüllte Kern riecht mandelartig angenehm und 
erinnert im Geschmack etwas au die Birne. 

Aufser der erwähnten Taubenart gibt es hier noch 
mehrere andere, deren wissenschaftliche Namen mir aber 
unbekannt sind. Eine seltenere Art, von den Eingeborenen 
als Apaka, ,die Weifse", bezeichnet, ist fast völlig braun 
gefärbt, besitzt aber eine leuchtend weifse Brust. Ein von 
mir gemessenes Stück war 26 cm lang. 

Wir redeten schon oben von der importierten Palau- 
taube; eine zweite, anscheinend von den Philippinen stam- 
mende und vor Zeiten durch die Spanier eingeführte Spezies 
ist die paluma - halom tano, d. h. die Waldtaube der hiesigen 
Chamorro. Ich nehme an, dafs sie mit der Tiirtur dussii- 
mieri, Temm., die auf Guam häufig vorkommt, identisch 
ist. Von ihr rühren die einem schmelzenden , Du ... du .. ." 
gleichenden Laute her, welche allabendlich unser Ohr 
erfreuen. 



[10] Einiges über die liülierc Tierwelt der Marianen. 



467 



Äufserst merkwürdig ist das Vorkommen eines Grol'sfufs- 
hubiies, welches in der Savane fein sehr verborgenes Leben 
fuhrt. Diese Vögel zeichnen sich bekanntlich durch starke 
Entwicklung der FUIse aus. Sie bedürfen einer solchen Aus- 
rüstung, da sie grolse Haufen von Laub etc. zusammen- 
kratzen, in welche sie ihre grofsen Eier ablegen, welche 
durch die Wärme der verwesenden Stoffe gezeitigt werden. 
Eine nahestehende Art des Bismarck-Archipels vergräbt sie 
übrigens in den warmen, vulkanischen Sand der Feuerspeier. 
Ich kann aus eigener Erfahrung mitteilen, dafs sie unsere 
Hühnereier an Wohlgeschmack übertreffen. Diese Hühner 
sind hinsichtlich der Brutweise also auf der Stufe der 
Reptilien stehen geblieben. Jedenfalls verlassen die ge- 
reiften Jungen, ohne ibre Eltern kennen gelernt zu haben, 
nach einiger Zeit den natürlichen Brutofen und laufen davon, 
um ein Leben auf eigene Faust zu beginnen. Bei uns lebt 
ein Angehöriger der Gattung Megapodins, die sich durch 
den zehnfedrigen breiten Schwanz auszeichnet, während er 
bei den beiden anderen Gattungen eine dachförmige Gestalt 
hat und aufserdem acht Federn mehr enthält. Die hiesige 
Art ist braun, der Kopf grau,- eine nackte Stelle desselben 
ist rot gefärbt, Schnabel und Füfse gelb; wissenschaftlich 
ist sie als M. laperousi, Quoy und Gaimard, bekannt. — 
Die Eingeborenen verstehen das Huhn mit Schlingen zu 
fangen; da das Fleisch aber hart ist, wird der „Sasengat" 
wenig geschätzt und meist in Ruhe gelassen. Die grofsen 
grünlichen Eier sollen dagegen gut sein. Ich habe sie noch 
nicht gegessen, wenn sie aber nur halb so wohlschmeckeYid 
sind, wie die des auf Neu-Pommern lebenden Buschhuhnes, 
sehe ich dem Versuch mit Interesse entgegen. Ich habe 
von Megapodius hier bisher nur ein halb erwachsenes 
abgebalgtes Exemplar gesehen, habe aber Aussicht, in der 
nächsten Zeit lebende Vögel dieser Art zu bekommen, Uber 
deren Gebahren ich vielleicht später einmal berichten kann. 

Auf dem stark bevölkerten, wie bereits erwähnt, im 
amerikanischen Besitze befindlichen Guam fehlt der Sasengat 
(offenbar bereits seit lange ausgerottet), auf unseren Inseln 
kommt er aber wohl noch Uberall vor. Sein Vorkommen 
ist indessen nicht auf die Marianen beschränkt, sondern 

30* 



468 



Dr. med. Schnee, 



[11] 



erstreckt sich bis nach den Palau-Inseln, woraus man wohl 
schliefsen darf, dafs zur Tertiärzeit beide Inselgruppen eine 
zusammenhängende Landmasse gebildet haben. 

FUr diese Ansicht ist auch das Vorkommen einer kleinen 
blauschwarzen, metallisch glänzenden Wurmschlange von 
Wichtigkeit; sie lebt mit den RegenwUrmern zusammen unter 
Balken, vermoderndem Laub und ähnlichen Plätzen. Sie 
ist für den Laien derartig dem Regenwurm ähnlich, dafs 
die Eingeborenen von schwarzen und weifsen Regenwürmern 
sprechen, also keinen Unterschied zwischen Reptil und Wurm 
machen. Ich wurde durch die Muskelkraft dieser etwa tinger- 
langen Schlänglein in lebhaftes Erstaunen versetzt; auf den 
Tisch gelegt bewegen sie sich derartig behende, dafs sie 
den Erdboden erreicht haben, ehe man noch zufassen kann. 
Da diese Reptilien ausgesprochene Bodentiere sind, so ergibt 
sich auch aus ihrem Vorkommen, dafs die Marianen früher 
Teile eines Festlandes waren. — Kleine Echsen, insbesondere 
das in der Südsee so weit verbreitete Lyyosoma cyanurum, Less., 
welches ich auch zur Winterszeit in der Nähe von Sydney 
herumlaufen sab, sind häufig, ebenso verschiedene Geckonen. 
Alle raachen sich als halbe Haustiere durch das Wegfangen 
von Fliegen, Mücken, Motten u. dgl. Ungeziefer nützlich. 

Im Gegensatz zu ihnen ist der gegen Armlänge er- 
reichende Varanus indkus, Daud, ein höchst übler Gesell, 
der neben dem «Sihig" den Hauptgeflügelfeind aus der 
Klasse der Reptilien bildet. Gegen beide führt man daher 
notgedrungen einen beständigen Kampf. — Die mächtige 
Eehse ist eigentlich ein schönes Tier, das infolge der grofsen, 
goldgerandeten Augen einen entschieden energischen Eindruck 
macht. Sein Kostüm ist bunt und besteht aus zahlreichen, 
lebhaft gelben Tupfen, die sich von dem schwarzen Unter- 
grund wirkungsvoll abheben. Die Färbung ist somit eine 
recht auffallende. Sobald man aber etwas zurücktritt, macht 
sich sogleich ein grünlicher Schimmer bemerkbar, der aus 
noch weiterer Entfernung gesehen noch stark genug ist, das 
rasch dahinlaufende Tier derartig zu verdecken, dafs es 
sich von dem Untergrunde kaum noch abhebt. 

Als Nistgelegenheit für die Hennen pflegt man hierzu- 
lande zwischen etwa meterhoch befestigten Querstäben aus 



12] 



Einiges über die höhfere Tierwelt der Marianen. 



469 



Kokosblättern geflochtene Körbe aufzuhängen, in denen sieh 
Laub befindet. Die Varane boliren sich mit ihrem spitzen 
Ko])fe in den Boden ein, drängen das Geflecht allmählich 
auseinander und holen dann unter der brütenden Henne die 
Eier fort. Ganz vor kurzem hörten wir am hellen Mittage 
das Geschrei einer Henne. Unter dem Dache aus Kokos- 
blättern, welches die Nistgelegenheiten vor Regen schützt, 
sah der Koch einen grofsen Varan aus einem solchen Korbe 
zu Boden gleiten. Er kam gerade noch recht, den Übeltäter 
vermittelst einer Schlinge, die er an einer langen Stange 
befestigt hatte, abzufangen und unschädlich zu machen. Die 
Tatsache, dafs ich seit etwa 14 Tagen fast gar keine Eier 
mehr bekommen hatte, war somit erklärt. Die Ratten, auf 
deren Konto die gefundenen ausgefressenen Eier gesetzt 
wurden, waren somit uugerechterweise von mir verdächtigt 
worden. Die Schale war übrigens nur an zwei Stellen ein- 
gedrückt, sonst aber unverletzt. Hieraus scheint hervor- 
zugehen, dafs das Bild in Brehm's Tierleben, das einen 
Varan darstellt, der Eier verschluckt, falsch ist. — Vor 
einigen Wochen sind in derselben Lokalität innerhalb von 
drei Tagen zwei weitere grofse Exemplare gefangen. Ebenso 
sehr wie auf Eier sind die Varane auf junge Vögel erpicht, 
sie scheinen hier die Nesträuber par excellence zu sein. 
Nicht so ganz selten passiert es, dals der Spaziergänger 
Vögel ängstlich schreien hört und näher kommend einen 
dieser Strauchdiebe bemerkt, der sich eben seitlich weg- 
schleicht. Hat man einen guten Hund bei sich, so nützt 
ihm seine Hast, den nächsten Baum zu erreichen, nichts 
mehr. Ehe er es sich versieht, hat ihn unser vierbeiniger 
Begleiter am Nacken und schüttelt ihn so energisch, dafs 
die mächtige Echse bald mit gebrochener Wirbelsäule liegen 
bleibt. Die meisten hiesigen Hunde hegen einen ganz 
aufserordentlichen Hafs gegen die Varane und scheuen weder 
die spitzen Zähne, noch die sehr scharfen Krallen derselben, 
wenn es gilt einen dieser ihrer Erbfeinde unschädlich zu 
machen. Hat sich ein solcher Eierdieb in der Eile des 
Rückzuges auf einen kleinen Baum geflüchtet, so ist es 
leicht, ihn herabzuschütteln, da er sich an dessen dünnen 
Zweigen nicht genügend festhalten kann; auch bei gröfseren 



470 Dr. med. Schnee, Einiges über die höhere Tierwelt etc. [13j 

gelingt es häufig, den „hilitni", wie die Eingebornen das 
Tier nennen, auf einen dünneren Zweig zu treiben. Die 
Leute hier steigen einem solchen Varan auch wohl nach, 
ergreifen ihn plötzlich am Sehwanze und werfen ihn mit 
einem plötzlichen Ruck herab. Das Ende einer solchen 
Jagd ist jedenfalls meist, dafs die Echse wie ein Sack zur 
Erde plumpst und, ehe sie Zeit hat einen andern Zufluchts- 
ort aufzusuchen, von einem Hunde abgefangen und un- 
verzüglich ins bessere Jenseits befördert wird. 

Da es Amphibien und Süfswasserfische auf Saipan nicht 
gibt, kann ich meine Ausführungen, die meinen Landsleuten 
einen Uberblick über die hiesige, in die Augen fallende 
Tierwelt gewähren sollten, schliefsen. Bei der Lektüre 
dieser mehr wie anspruchslosen Zeilen möge sich der ge- 
neigte Leser vor Augen halten, unter welchen Umständen 
sie geschrieben sind. In einer Zeit, wo eine bedeutende 
Arbeitslast auf mir ruhte, blieb mir nichts anderes übrig 
als die wenigen Beobachtungen, welche ich hier gemacht 
hatte, kurz zusammenzustellen, wenn ich anders der freund- 
lichen Anregung des Herrn Herausgebers Folge leisten wollte. 



Erklärung und tatsächliche Berichtigung. 

Herr Prof. Dr. E. WC st in Kiel bat im 3. bis 5. Heft des 
82. Bandes (1010) der Zeitscbrift für Naturwissensebaften, 
Organ des Naturwissenscbaftlicben Vereins für Sachsen und 
Thüringen zu Halle a. S., das auf dem grünen Umscblage 
als Terrain der Fertigstellung: März 1911 trägt und in die 
Hände der Vereinsmitglieder im Juni gelangte, auf Seite 162 
gesagt, dal's icb Uber vertikale Verbreitung der Fossilien im 
Travertinlager von Weimar-Taubach-Ebringsdorf noch nichts 
veröffentlicht hätte; dem gegenüber stelle ich hierdurch fest, 
dafs bereits am 8. August vorigen Jahres (1910) von mir 
eine Abhandlung, betitelt: 

Das Pleistocän der Umgegend von Weimar. 
Nach den bisherigen Forschungen kritisch behandelt von 
Dr. phil. Artur Weifs, Physiker am Technikum Hildburghausen. 
Hildburghausen. 
Druck und Kommissionsverlag von F. W. Gadow & Sohn, 
Herzogl. Hof buchdruckerei. 

im Buchhandel erschien. In dieser Abhandlung ist ungefähr 
dasselbe angegeben, was jetzt Herr Prof. Dr. E. Wüst als 
seine Ergebnisse dem Publikum preisgibt. Alles, was ich 
in obenerwähnter Abhandlung über die WüSTSchen Abhand- 
lungen damals sagte, ist vollständig bestätigt durch die 
jetzige Wüst sehe Schrift, so besonders das auf Seite 55 
angeführte (siehe Weiss, Pleistocän und die Abhandlungen, 
die von mir seit 1895 erschienen). Ich sehe mich deshalb 
in keinerlei Weise veranlafst etwas von dem, was ich im 
vorigen Jahre über die Methode der Wüst -Hahne sehen 
Forschungen ausführte, zurückzunehmen oder etwa zu mildern. 
Grund dieser tatsächlichen Mitteilung ist die Wahrung meiner 
Priorität auf dem Gebiete der Erforschung der Weimaraner 
Travertinlager gegenüber dem Herrn Prof. Dr. E. Wüst. 

Dr. phil. A. Weiss, 



Literatur-Besprechungen. 



Monographien einheimischer Tiere. Herausg. v. Prof. 
Dr. H. E. Ziegler, Stuttgart u. Prof. Dr. K. Woltereck, 
Leipzig. 

Band I. Der Frosch, zugleich eine Einführung in das 
praktische Studium des Wirbeltierkörpers von Dr. Friedrich 
Herapelmann. Verlag von Dr. Werner Kliukhardt, Leipzig. 
Preis geh. 4,80 M., geb. 5,70 M. 

Band II. Das Kaninchen, zugleich eine Einführung 
in die Organisation der Säugetiere von Privatdozent Dr. 
U. Gerhardt, Preis geh. 6,— M., geb. 7,— M. 
Mit der Herausgabe dieser Monographien wird eine 
wesentliche Lücke in unserer deutschen Literatur beseitigt 
werden. Bei uns war bisher lediglich eine derartige Mono- 
graphie verbreitet und das ist eine Übersetzung aus dem 
Englischen, nämlich Huxleys musterhaftes Buch „Der 
Krebs", das alles Wissenswerte Uber dieses wirbellose Tier 
in handlicher und billiger Form vermittelt. Ziegler und 
Woltereck beabsichtigen nun in ähnlicher, ja noch gründ- 
licherer Weise alle wichtigen typischen Vertreter der heimischen 
Tierwelt zu behandeln, um allen luteresseuten, vom aka- 
demischen Lehrer bis zum dilettantierenden Naturfreund, 
alle wesentlichen Daten, die über den Bau, die Entwicklung, 
die Physiologie, die Biologie, oder die Systematik der uns 
auf Schritt und Tritt vorkommenden Tiere in zahlreichen weit 
verstreuten Einzelarbeiten vorliegen, in handlicher und tiber- 
sichtlicher Form zugänglich zu macheu. Was bisher von 
der Reihe vorliegt^ macht einen vielversprechenden Eindruck, 
so dafs wir unsern Lesern nur aufs wäruiste empfehlen 
können, das Erscheinen dieser Monographien aufmerksam zu 
verfolgen. 



Literatur-Besprechungen. 



473 



Der erste Band behandelt in mustergültiger Weise den 
Frosch. Dr. Hempet.mann hat es verstanden, auf 200 Seiten 
unter Beigabe einer Farbentafel mit unseren heimischen Frosch- 
arten und 90 Textfiguren wirklich alle wesentlichen Punkte 
aus der Anatomie, Histologie, Physiologie, Embryologie, Bio- 
logie, geographischen Verbreitung, Paläontologie und Syste- 
matik der Frösche übersichtlich zusammentragen und sie 
so voraussetzungslos darzustellen, dafs auch der Nichtzoologe 
sich in die Materie hineinzuarbeiten vermag. 

Bildet dieser 1. Band gleichzeitig eine erschöpfende Ein- 
führung für das Studium der Wirbeltiere, so verfolgt der von 
Dr. Gerhardt verfafste 2. Band die Aufgabe, in die Kenntnis 
der Säugetiere einzuführen ; die Darstellung fufst also insofern 
auf Band 1, als das Kaninchen ja ein Vertreter des Wirbel- 
tiertyps ist, den wir im Frosch kennen gelernt haben. Im 
besonderen vermittelt uns das rund 300 Seiten mit 60 Ab- 
bildungen umfassende Werk den J^au eines Nagetierkörjiers 
und alles Wissenswerte vom Kaninehen, von seinen Rassen, 
seiner Verwandtschaft mit den Hasen, seiner Lebensweise und 
seinen Krankheiten. Auch dieses Werk macht einen vorzüg- 
lichen Eindruck. Prof. Dr. G. Brandes. 

Brehms Tierleben. Allgemeine Kunde des Tierreichs. 
Mit etwa 2000 Abbildungen im Text, über 500 Tafeln in 
Farbendruck, Kupferätzung und Holzschnitt und 13 Karten. 
Vierte, vollständig neu bearbeitete Auflage, herausgegeben 
von Professor Dr. Otto zur Strassen. Leipzig und Wien, 
Bibliographisches Institut. Bd. 6. Die Vögel von Alfred 
Brehm. Neubearbeitimg von William Marshall (j), 
vollendet von F. Hempelmann und Otto zur Strassen. 
Erster Band: Flachbrustvögel, Tauchvögel, Pinguinvögel, 
Sturmvögel, Storchvögel, Gänsevögel, Raubvögel. Mit 
100 Abbildungen im Text und 36 Tafeln von A. Fiedler, 
R. Kretschmar, W. Kuhnert, G. Mützel, A. Reichert, 
F. Schmidt-Kahrtng, F. Specht, C. Sterry und 14 Tafeln 
nach Pbotograi)hien. 

War es schon immer ein Ereignis, wenn eine neue Auf- 
lage von Brehms Tierleben erschien, so ist es diesmal ein 
ganz besonderes Ereignis, da es sich nicht wie früher nur 



474 



Literatur-Besprechungen. 



um eine Berichtigung und eine Vervollständigung der früheren 
Auflage handelt, sondern um eine wirkliehe Neubearbeitung. 
Schon ein Blick auf den zuerst erschienenen G. Band zeigt 
uns dies aufs deutlichste. Gleich der allgemeine anatomische 
Teil ist von Grund aus umgearbeitet und jetzt mit zahl- 
reichen vorzüglichen Illustrationen versehen. Von prinzipieller 
Bedeutung für die ganze Darstellung in Brehms Tierleben 
ist darin das Kapitel über die geistigen Fähigkeiten: die 
frühere psychologische Vermeuschlichung, der zufolge die 
Tiere mit „Intelligenz" und ..Verstand" ausgerüstet waren, 
gilt als abgetan, dafür treten der angeborene Instinkt und 
die assoziative Einprägung in ihre Rechte. — Eine zweite 
wesentliche Änderung betritTt die Einteilung der Vögel in 
Ordnungen. Der neue Brelim beginnt mit den Ordnungen, 
die früher den Beschlufs machten. Dies wird sich auch in 
der Anordnung der übrigen Bände bemerklich machen; die 
moderne Zoologie verlangt eben ein Fortschreiten von den 
einfacheren Lebewesen zu den komplizierteren, während man 
früher die Betrachtung mit den höchstentwickelten Tieren, 
den Affen , begann. Die Darstellung der Vögelordnungen 
fängt also in der neuen Auflage mit den Straufsen an und 
zwar werden nach dem GADowschen System alle Straufs- 
vögel wieder zu einer Ordnung vereinigt, auch die Kiwis, 
die nach dem früheren Fürbuinger sehen System zu den 
Hühnervögeln gestellt waren. Neu ist in diesem Abschnitt 
die Behandlung der ausgestorbenen Moas von Neu- Seeland 
und von Madagaskar. Im übrigen sind in dem vorliegenden 
Bande noch folgende Ordnungen behandelt: die Taucher, 
die Pinguine (einschliel'slich der früher anderweit unter- 
gebrachten Riesenpinguiue, die Sturmvögel, die Storchvögel, 
die Gänsevögel und die Raubvögel. Die am meisten in 
die Augen fallende Änderung betrifft die Abbildungen. 
Man tindet ja eine ganze Reihe alter guter Bekannter von 
MüTZEL, Kretschmer Und Specht, aber die neuen Bilder 
herrschen vor und besonders solche von der Meisterhand 
WiLH. Kuhnerts. Die frühereu Farbentafeln sind sämtlich 
verschwunden, aber dafür sind neue an ihre Stelle getreten 
und neu hinzugekommen, und man braucht nur die Tafeln 
mit gleichem Sujet nebeneinander zu halten, um zu sehen, 



Literatur-Besprechungen. 



475 



welche aufserordentlicbe VerbesseruDg die neue Auflage iu 
dieser Hinsicht erfahren hat. Eine weitere mit grofser Freude 
zu begrUfsende Verbesserung bedeuten die zahlreichen neuen 
Kunstdrucktafeln mit vorzüglichen photographischen Auf- 
nahmen von meist selteneren Vogelarten. Bei dieser Wert- 
schätzung wirklich guter Illustrationen ist es nicht recht 
verständlich, wie die alte Nandu -Tafel von Beckmann- 
Düsseldorf durchschlüpfen konnte, sie fiel schon früher un- 
vorteilhaft auf und stellt eher den afrikanischen Straufs oder 
den Emu dar als den Nandu mit seinen langwallenden 
Flügelfedern, die den ganzen Rumpf mitsamt den Schenkeln 
bedecken. Sonst aber mufs jeder an dem Bildermaterial 
seine helle Freude haben. Hoffen wir, dafs der alte Brehm 
auch im neuen Gewände seine Anziehungskraft auf alle 
Naturfreunde beibehält. 

Prof. Dr. G. Brandes. 



Tierbau und Tierleben in ihrem Zusammenhang betrachtet 
von Prof. Dr. RicLard Hesse und Prof. Dr. Franz Dof lein. 
I. Bd. Der Tierkörper als selbständiger Organismus von 
Richard Hesse. Mit 480 Abbildungen im Text und 15 
Tafeln in Schwarz-, Bunt- und Lichtdruck. Leipzig, Verlag 
von JB. (j. Teubner. Preis geb. in Xeinwand 20, — M. 
in Halbfranz 22,— M. 

Wir haben im „Brehm" ein Standardwerk über die 
Tierformen der Erde und ihre Lebensweise in gemein- 
verständlicher Form, dieses Werk kann aber naturgemäfs 
nicht auf den feineren Bau und die Physiologie des Tier- 
körpers, sowie auf die vielen interessanten Fragen nach den 
Beziehungen zwischen Körperbau und Körperleistuug ein- 
gehen. 

Für die Pflanzen liegt ein solches Werk in Kerner 
V. Marilauns , Pflanzenleben" vor, für die ungleich mannig- 
faltiger gestalteten und noch nicht annähernd so gründlich 
erforschten Tiere ist es aufserordentlich schwierig, etwas 
ähnliches zu schatten, aber dieses schwierige Werk ist von 
den beiden genannten Autoren rautig iu Augritif genommen 
worden und der bisher vorliegende erste Band verspricht 
ein volles Gelingen. 



47G 



Literatur-Besprechungen. 



Hesse behandelt auf 768 Seiten Lex.-Form. (mit 15 Tafeln 
und 480 Figuren) die Tierwelt in ihrer ganzen Mannig- 
faltigkeit hinsichtlieh des Zusammenhanges von Bau und 
Funktion. „ Lebensäul'serung und Bau verhalten sich zu- 
einander wie zwei Seiten einer Gleichung. Man kann keinen 
Faktor, auch nicht den kleinsten, verändern, ohne die 
Gleichung zu stören." Dieses von Hesse zitierte Wort 
Leückarts könnte dem Werke als Motto dienen, denn um 
den darin ausgesprochenen Gedanken dreht sich die ganze 
Darstellung. Vor nunmehr länger als 60 Jahren erschien 
zum ersten Male ein umfassendes Werk, das vom gleichen 
Gesichtspunkte ausging. Es war Bergmanns und Leückarts 
vergleichend- anatomisch -physiologische Ubersicht des Tier- 
reichs, in dem eben jenes Zitat enthalten ist. Dieses hervor- 
ragende Werk würde nie in Vergessenheit geraten sein, wenn 
nicht durch Darwins Auftreten die ganze Naturforschung 
in die Bahnen der Erforschung der Deszendenz gedrängt 
worden wäre: es interessierte plötzlich weniger, wie das 
Tier ist, sondern man wollte erforschen, wie und woher es 
so geworden war. Seitdem sind nuu zahllose Arbeiten auf 
allen Gebieten der Morphologie erschienen, und ein Werk, 
das von den gleichen Gesichtspunkten wie das Bergmann- 
Leuckartsche ausgeht, mufs daher ein ganz anderes, viel 
reicheres Bild ergeben ; was aber jedem bei einem Vergleich 
der beiden Bücher auf den ersten Blick als wesentlichster 
Unterschied in die Augen springt, ist die Art der Illustration, 
nach dieser Richtung hin ist das heutige Werk dem älteren 
dank der enormen Fortschritte der Technik himmelhoch 
überlegen. Was nun den Inhalt des Hesseschen Werkes 
angeht, so folgen einer ausführlichen Einleitung über das 
Leben und den Lebensträger, das Protoplasma, über die 
Einteilung der Organismen und die Abstammungslehre vier 
umfangreiche , Bücher" mit folgenden Titeln: L Statik und 
Mechanik des Tierkörpers, 2. Der Stoffwechsel und seine 
Organe, 3. Fortpflanzung und Vererbung, 4. Nervensystem 
und Sinnesorgane. Den Schlufs bilden drei Kapitel über 
die Arbeitsteilung im Tierkörper, die Bindung der Teile zum 
ganzen und die Anpassung der Teile aneinander. Wenn wir 
aus der Fülle des Dargestellten etwas herausheben sollen, 



Literatur-Besprechungen. 



477 



so müssen wir in erster Linie auf das glänzende Kapitel 
des 4. Buches ,Seben und Sehorgane" verweisen, das in 
geradezu mustergültiger Weise unsere Kenntnisse von den 
Sehorganen und deren Leistungen, an deren Beibringung 
der Autor wesentlich beteiligt ist, zusammenfafst. 

Alles in Allem ist das Buch ein klassisches Werk und 
jedem , der eindringen möchte in die wunderbaren Geheim- 
nisse der Beziehungen des Baues des tierischen Körpers zu 
seinen Lebensäufserungen wärmstens zu empfehlen. Man 
darf gespannt sein auf den zweiten Band, den Prof. Doflein 
unter der Feder bat. Prof. Dr. G. Brandes. 



Geyer, D. Unsere Land- und Süfswasser-Mollusken. 
Einführung in die Molluskenfauna Deutschlands. Mit über 
500 lithographischen Abbildungen auf 18 Tafeln und Text- 
illustrationen. Nebst einem Anhang über das Sammeln 
der Mollusken. Zweite, vollständig neu bearbeitete Auf- 
lage. 155 S. Stuttgart, K. G. Lutz' Verlag, o. J. (1909). 
Geb. 3,75 M. 

Eine dem gegenwärtigen Stande unseres Wissens ent- 
sprechende Darstellung der deutschen Binnenmolluskenfauna, 
nach der auch der Anfänger seine Funde leicht und sicher 
bestimmen kann, wurde lange schmerzlich vermifst. Geyers 
Buch hilft endlich diesem Mangel ab. Der Verf. ist ein 
ausgezeichneter Kenner unserer Binnenmolluskenfauna, um 
die Erforschung derselben durch eine Reihe von wertvollen 
faunistischen und systematischen Arbeiten hochverdient. Erst 
kürzlich hatte ich die Freude, in dieser Zeitschrift (Bd. 81, 
1909, S. 312) ein prächtiges Büchlein des Verf. über die 
Biologie unserer heimischen Mollusken zu empfehlen. Das 
jetzt vorliegende Buch ist ganz auf die Bedürfnisse des 
Anfängers abgefafst und vermeidet jeden dafür überflüssigen 
wissenschaftlichen Ballast. Trotz der bescheidenen Form, 
in der das kleine Buch auftritt, findet der Kenner allent- 
halben das reife Urteil des erfahrenen Fachmannes und so 
manche neue Beobachtung. Dem Anfänger bietet das Buch 
alles, was er zum Sammeln und Bestimmen unserer Mollusken 
braucht. Übersichtliche Bestimmungsschlüssel, kurze, klare 



478 



Literatur-Besprechungen. 



und scharfe Diagnosen und ein ganz vorzügliches Abbildungs- 
material ermöglichen eine leichte und sichere Bestimmung, 
wovon ich mich durch zahlreiche Stichproben überzeugt 
habe. Die Verbreitungsangaben sind kurz gehalten, bieten 
aber dennoch ein klares, zuverlässiges Bild der Hauptzüge 
der Verbreitung der einzelnen Arten, Nur der Kenner kann 
ermessen, vyieviel Arbeit in diesen kurzen Angaben steckt. 

Das zu Grunde gelegte System der Schnecken ist das 
altgewohnte. Dieses System ist zwar veraltet; doch bin ich 
mit dem Verf der Ansicht, dafs es richtig ist, dasselbe in 
einem Buche für Anfänger beizubehalten, bis der Ausbau 
eines neuen, auf anatomischer Grundlage aufgebauten Systems 
im wesentlichen vollendet ist. Eine heikle Aufgabe war die 
kurze Darstellung der so vielgestaltigen Wassermollusken, 
besonders der Unioniden und Cycladiden, in deren Systematik 
durch sinnlose Formenspalterei so unendlich viel Unheil 
angerichtet worden ist. Ich kann dem Verf. nur vollkommen 
beipflichten, wenn er gerade im Hinblicke auf die beiden 
genannten Familien sagt: „Was ich gegeben habe, ist das, 
was ein ehrlicher Mann heutzutage bieten kann." Das 
gediegene, preiswerte Buch verdient wärmste Empfehlung. 

Ew. Wüst. 



Werth, Emil. Das Eiszeitalter. Mit 17 Abbildungen 
und einer Karte. (Sammlung Göschen Nr. 431). Leipzig 
1909, Preis geb. 0,80 M. 
Bei dem grofsen allgemeinen Interesse der Eiszeit- 
forschung und ihrer Bedeutung für die verschiedensten Wissens- 
gebiete ist eine kurze Ubersicht über den heutigen Stand 
der Kenntnis und Erkenntnis des Eiszeitalters für weiteste 
Kreise von Wert. Eine solche Übersicht fehlte uns, denn 
Geinitz" 1906 erschienenes Buch über „Die Eiszeit" bietet 
ganz abgesehen von noch anderen schwerwiegenden Mängeln 
schon deshalb keine brauchbare Einführung in die Kenntnis 
des Eiszeitalters, weil er seine Hauptaufgabe darin sieht, 
die von der ganz überwiegenden Mehrzahl der Eiszeitforscher 
als indiskutabel abgelehnte Anschauung von der „Einheitlich- 
keit der Eiszeit" zu propagieren. Werth liefert ein auf 
modernem Standpunkte stehendes, inhaltsreiches Büchlein, 



Literatur-Besprechungen. 



479 



das auch eigene Beobachtungen und Gedanken enthält. Der 
Bedeutung der Vorgänge des Eiszeitalters für die Gestaltung 
der Erdoberfläche ist ausgiebig Rechnung getragen. Leider 
lassen die Angaben des sonst vortrefflichen Büchleins öfters 
an Zuverlässigkeit zu wünschen, so dafs für eine neue Auf- 
lage eine sorgfältigere Durcharbeitung notwendig ist. Das 
Abbildungsmaterial ist recht dürftig. Ew. Wüst. 

Naturwissenschaftliche Bibliothek für Jugend und 
Volk. Herausgegeben von Konrad Höller und Georg 
ülmer in Hamburg. Reich illustrierte Bändchen im Um- 
fange von 140 — 200 Seiten. Geschmackvoll gebunden je 
1,80 M., geheftet 1,40 M. Leipzig, Verlag von Quelle & Meyer. 
Von dem Erscheinen dieser Bibliothek haben wir bereits 
früher Kunde gegeben ; seitdem sind eine ganze Reihe 
schmucker Bändchen herausgekommen, die die verschieden- 
artigsten Wissensgebiete volkstümlich behandeln. 

So findet „der deutsche Wald" seine Würdigung 
durch den Botaniker Prof. Dr. Buesgen, das „Tierleben 
des Waldes" behandelt mit der Begeisterung des Jägers 
und Hegers Forstmeister Sellheim, „Die Ameisen" mit 
ihren wundersamen Lebensgewohnheiten schildert uns der 
bekannte Dresdener Myrmekologe Tiehmeyer, „Unsere 
Singvögel" der vorzügliche Vogelstimmenkenner Prof. Dr. 
Alwin Voigt, „die Heide" mit allen ihren versteckten 
Reizen zu würdigen unternimmt der Hamburger W. Wagner, 
„im Hochgebirge" aller Länder ist uns hinsichtlich der 
Tierwelt der Züricher Prof. Dr. Keller ein zuverlässiger 
Führer, über „Reptilien- und Amphibienpflege unter- 
richtet uns der Herpetologe Dr. P. Krefl't und über „das 
Süfswasser-Aquarium" der Hamburger €. Heller, „die 
Schmarotzer der Menschen und Tiere" lehrt uns in 
ihren wichtigsten Vertretern der als Helminthologe sehr 
bekannte Generaloberarzt Dr. v. Linstow .kennen, „Die 
mikroskopische Kleinwelt unserer Gewässer" in ihrer 
ganzen reizenden Vielgestaltigkeit behandelt der Weimaraner 
Reukauf und in dem Büchelchen „Niedere Pflanzen" 
werden uns durch Dr. R. Timm die Gefäfskryptogamen, die 
Moose und Lebermoose, die Algen, Pilze und Flechten in 



480 



Literatur-Besprechungen. 



ihrem Bau und in ihren Lebensäufserungen nahe gebracht. 
Alle Bündchen zeichnen sich durch vorzügliche Farbentafeln 
und zahlreiche treffliche Figuren aus und sind jedermann 
als reizende Geschenke warm zu empfehlen. 



Wissenschaft und Bildung. Einzeldarstellungen aus allen 
Gebieten des Wissens. Herausgegeben von Privatdozent 
Dr. Paul Herre. Verlag von Quelle & Meyer, Leipzig. 
Im Umfange voii 130 — 180 Seiten. Geh. 1, — M., Original- 
leinenbd. 1,25 M. 

Auch diese im gleichen Verlage erscheinende Bändchen- 
serie ist bereits früher von uns angezeigt worden; heute 
liegen daraus wieder eine Anzahl von Bändchen naturwissen- 
schaftlichen Inhalts vor, die wir als zuverlässige wissen- 
schaftliche Ratgeber warm empfehlen können. Es sind 
folgende: 

1. Die Polarvölker von Dr. A.Byhan, Abteilungsvorsteher 
am Museum für Völkerkunde in Hamburg. Mit 16 Tafeln 
und 2 Karten. 

2. Der Tierkörper, seine Form und sein Bau unter dem 
Einflufs der äufseren Daseinsbedingungen von Dr. Eugen 
Neresheinier mit 14 Figuren auf Tafeln und 30 Figuren 
im Text. 

3. Die Säugetiere Deutschlands, ihr Bau, ihre Lebens- 
weise und ihre wirtschaftliche Bedeutung von Privat- 
dozent Dr. Cui t Hennings. Mit 1 Tafel und 47 Figuren 
im Text. 

4. Tier- und Pflanzenleben des Meeres, von Prof. Dr. 
Alexander Nathanson. Mit 3 Tafeln und 56 Figuren 
im Text. 

5. Der menschliche Organismus und seine Gesund- 
erhaltung von Privatdozent und Oberstabsarzt Dr. Menzel", 
mit 1 Tafel und 48 Figuren im Text. 

6. Unsere Sinnesorgane und ihre Funktion von Privat- 
dozent Dr. med. et phil. Ernst Mangold. Mit 40 Figuren 
im Text. Prof. Dr. G. Brandes. 



Druck von Ehrhardt Karras, Halle a. S. 



82. BAND (1910) 



1. und 2. H> '* 



^ THE mW YORK ^ 

Zeitschrift für 
Naturwissenschaften 

Organ des naturwissenschaftlichen Vereins für Sachsen und 
Thüringen zu Halle a. S. 

unter Mitwirkung von Prof. Dr. C. Mez-Königsberg i. Pr. 
und Geh. Rat Prof. Dr. E. Schmidt-Marburg 

herausgegeben von 

Professor Dr. O. Brandes 

Professor der Zoologie an der tierärztlichen Hochschule 
und Direktor des zoologischen Gartens zu Dresden 




NOVEMBER 1910 



VERLAG VON QUELLE & MEYER IN LEIPZIG 



Original-Abhandlungen. Seite 
Hoff mann, Dr. Karl, Wachstumsverhältnisse einiger holzzerstörenden 

Pilze (mit 9 Figuren im Text) 35 

Lange, Dr. Hans, Studien über die Zusammensetzung heliumführender 

Mineralien (mit 7 Figuren im Text) 1 

S c h u 1 z e , E r w i n , Literat ur über die triadiscb e Pflanzengattung Pleuromeia 135 
Wein, K., Tb. Beling, Beiträge zur Flora des nordwestlichen Harzes . 129 

Kleinere Mitteilungen. 

Gesteine und Minerale des Radautales (Dr. Fromme) .139 

Neue Funde von Gletscherscblififen bei Halle a. S. (Prof. Dr. Wagner) 142 

Über den Köderfang im Hochgebirge (E. Bauer) 143 

Zur Schmetterlingsfauna der Goitzsche (F. Bandermann) 145 

Ein Zwitter (?) von Saturnia pavonia L. (F. Band er mann) 146 

Variationen im Geäder des Dipterenflügels (R. Kleine) 147 

Aus den Sitzungen der Entomologischen Gesellschaft zu Halle a. S. (E. V.) 

(Daehne) 148 

Literatur-Besprechungen 154 



Jährlich erscheint 1 Band in 6 Heften 
Preis des Bandes 12 Mark 



VERLAG VON QUELLE & MEYER IN LEIPZIG 



ERDBEBEN 

Eine Einführung in die Erdbebenkunde 

von 

Prof. William Herbert Hobbs 

Erweiterte Ausgabe in deutscher Übersetzung von Prof. Dr. Julius Ruska 

Mit 30 Tafeln und zahlreichen Textillustrationen 
Geheftet M. 6.60. In Originalleinenband M. 7.20 

Den Sternwarten, die die Erscheinungen am Himmel verfolgen, 
und den Wetterwarten, die uns über die atmosphärischen 
Verhältnisse Aufschluß geben, haben sich in neuester Zeit die 
Erdbebenwarten zugesellt, um die Bewegungen in den Tiefen der 
Erde aufzuzeichnen und zu studieren. Sie haben ein Forschungs- 
gebiet erschlossen, das noch vor wenigen Jahren für völlig unzu- 
gänglich gehalten werden mußte, und es entspricht nur dem 
geschichtlichen Verlauf der Dinge, wenn über Bau und Einrichtung 
der Sternwarten und meteorologischen Stationen wie über die 
Beobachtungs- und Meßinstrumente der Astronomen und Meteo- 
rologen meist klarere Vorstellungen vorhanden sind als über die 
Mittel und Wege, durch welche die geheimnisvollen Kräfte der 
Tiefe in den Bereich der exakten Beobachtung gezogen wurden. 

Man wird daher ein Buch willkommen heißen, das nicht 
nur die instrumenteile Ausrüstung dieser Institute bis ZU den 
jüngsten Fortschritten in allgemeinverständlicher Weise darstellt, 
sondern ebenso die geologischen Ursachen der Erdbeben, die 
allgemein bei Erdbeben beobachteten Erscheinungen, die wichtigsten 
Erdbeben der letzten Jahre, wie die Geschichte der Erdbeben- 
forschung und die in Erdbebenländern auftauchenden praktischen 
Fragen in eingehender und lichtvoller Weise behandelt. Es ist 
das Werk desum die Erdbebenkunde hochverdienten amerikanischen 
Geologen Prof. Dr. William Herbert Hobbs, das wir hiermit in 
einer vom Verfasser durchweg auf den neuesten Stand der Wissen- 
schaft gebrachten Form von Prof Dr. J. Ruska ins Deutsche über- 
tragen, den naturwissenschaftlich interessierten Kreisen vorlegen. 

Möchte das Werk, dem in den Ländern englischer Zunge ein so 
großer Erfolg beschieden war, nun auch in seiner verjüngten 
und erweiterten deutschen Gestalt aufmerksame Leser finden. 



Ausführliche Prospekte unentgeltlich und postfrei 



erlag von QUELLE & MEYER in Leipzig 



GEOLOGIE 

I DEUTSCHLANDS 

Eine Einführung in die deutsche Landschaftskunde 
i für Lehrende und Lernende von 

1 Dr. JOHANNES WALTHER 

' o. Professor an der Universität Halle. 

j XVI und 368 Seiten. Broschiert Mark 6.80, in Leinenband Mark 7.60. 
Mit zahlreichen Abbildungen und Profilen sowie einer geologischen Karte. 

l 

• Der Herausgabe eines Lehrbuches der Geologie stellen sich große 
sachliche und formelle Schwierigkeiten in den Weg, denn nur ein Fach- 
gelehrter kann das ungeheure Tatsachenmaterial dieser aufblühenden 
Wissenschaft kritisch überschauen und aus der großen Zahl mehr oder 
weniger hypothetischer Anschauungen diejenigen Schlüsse auswählen, 

f welche dem modernen Standpunkt entsprechen. 

^ Nach langjährigen eingehenden Vorarbeiten hat der durch seine 
weitverbreitete Vorschule der Geologie bekannte Verfasser es unter- 
nommen, die geologische Entwicklung unseres Vaterlandes nach dem 

. neuesten Standpunkt der Wissenschaft zu schildern und den geologischen 
Bau der verschiedenen deutschen Landschaften von Borkum bis nach 
Memel und von Holstein bis zu den Alpen so darzustellen, daß tür das 
Studium der natürlichen Bodenverhältnisse, der Oberflächengestaltung 
und Heimatskunde jedes einzelnen Gebietes eine wissenschaftliche Grund- 
lage geboten wird. Künstlerisch ausgeführte Landschaftsbilder, Profile, 
Karten und andere Abbildungen erläutern den Text. So will das Werk 
zum Verständnis unserer Heimat beitragen. Wir sollen angeleitet werden, 
jede Geländeform, jeden Bergabhang und jede Talschlucht als Vorhang 
geheimnisvoller und doch wohlbekannter Naturkräfte zu erfassen. Wir 
sollen lernen, die Eigenart unserer Heimat mit dem Charakter anderer 
Gegenden zu vergleichen und die kleinen und großen Schönheiten der 
Natur verständnisvoll zu sehen. Das ist der Geist, aus dem dies Werk 
geschrieben. Es wird dem Laien wie dem Fachmann in gleicher 
Weise reiche Anregung bieten. Von besonderer Wichtigkeit dürfte es 
aber für den Lehrer sein, der beim heimatkundlichen oder geographi- 
uja^Unterricht, bei Schülerausflügen oder Ferienreisen sich über die 
'"•^ Landes orientieren will. 



82. BAND (1910) H.-f). Heft 



THC NlW¥ YORK 

Zeitschrift für 
Naturwissenschaften 

Organ des naturwissenschaftlichen Vereins für Sachsen und 
Thüringen zu Halle a. S. 

unter Mitwirkung von Prof. Dr. C. Mez-Königsberg i. Pr. 
und Geh. Rat Prof. Dr. E. Schmidt-Marburg 

herausgegeben von 

Professor Dr. O. Brandes 

Professor der Zoologie an der tierärztlichen Hochschule 
und Direktor des Zoologischen Gartens zu Dresden 



im 



MÄRZ 1911 



VERLAG VON QUELLE & MEYER IN LEIPZIG 



Inhalt. 



Original-AbhandlnnKen. Seite 

Bandermann, Franz, Uber zwei Zuchten von Abweichungen des 

Wolfsmilchschwärmers 319 

Füge, Bernhard, Beiträge zur Mikrolepidopteren-FaunavonHallea.S. . 295 

Kanngießer, Dr. med. et phil. Friedrich, Die Etymologie der Pteri- 
dophyten-Nomenklatur. Eine Erklärung der wissenschaftlichen, 
der deutschen, französischen, englischen und holländifchen Namen 
der Farnkrautgewächse • 274 

Liebe, Johannes, Die Larve von Simulia ornata Mg. Mit 16 Figuren 

im Text ........ 344 

Scupin, Prof. Dr. Hans, Über sudetische, prätertiäre, junge Krusten- 
bewegungen und die Verteilung von Wasser und Land zur Kreide- 
zeit in der Umgebung der Sudeten und des Erzgebirges. Mit 
2 Figuren im Text 321 

Streicher, Dr. Otto, Der Kreislaut des KohlenstoflFes in der Natur . 253 

Wangerin, Dr. Walther, Weitere Beiträge zur Kenntnis der Flora 

von Burg 262 

Wüst, Prof. Dr. Ewald, Die plistozänen Ablagerungen des Travertin- 
gebietes der Gegend von Weimar und ihre Fossilienbestände in 
ihrer Bedeutung für die Beurteilung der Klimaschwankungen des 
Eiszeitalters Mit 1 Profiltafel, 1 Tabelle und 1 Figur im Text 161 

Kleinere Mitteilungen. 

Ein Verfahren zur Abformung von Pflanzenblättern (Raphael Ed. 

Liesegang) . 375 

Aus den Sitzungen der Entomologischen Gesellschaft zu Halle a. S. . . 377 

Literatnr-Besprechnngen 392 



Jährlich erscheint 1 Band in 6 Heften 
Preis des Bandes 12 Mark 



VERLAG VON QUELLE & MEYER IN LEIPZIG 



ERDBEBEN 

Eine Einführung in die Erdbebenkunde 

von 

Prof. William Herbert Hobbs 

Erweiterte Ausgabe in deutscher Übersetzung von Prof. Dr. Julius Ruska 
Mit 30 Tafeln und zahlreichen Textillustrationen 
Geheftet M. 6.60. In Originalleinenband M. 7.20 

Den Sternwarten, die die Ersc^heinungen am Himmel verfolgen, 
und den Wetterwarten, die uns über die atmosphärischen 
Verhältnisse Aufschluß geben, haben sich in neuester Zeit die 
Erdbebenwarten zugesellt, um die Bewegungen in den Tiefen der 
Erde aufzuzeichnen und zu studieren. Sie haben ein Forschungs- 
gebiet erschlossen, das noch vor wenigen Jahren für völlig unzu- 
gänglich gehalten werden mußte, und es entspricht nur dem 
geschichtlichen Verlauf der Dinge, wenn über Bau und Einrichtung 
der Sternwarten und meteorologischen Stationen wie über die 
Beobachtungs- und Meßinstrumente der Astronomen und Meteo- 
rologen meist klarere Vorstellungen vorhanden sind als über die 
Mittel und Wege, durch welche die geheimnisvollen Kräfte der 
Tiefe in den Bereich der exakten Beobachtung gezogen wurden. 

Man wird daher ein Buch willkommen heißen, das nicht 
nur die instrumenteile Ausrüstung dieser Institute bis ZU den 
jüngsten Fortschritten in allgemeinverständlicher Weise darstellt, 
sondern ebenso die geologischen Ursachen der Erdbeben, die 
allgemein bei Erdbeben beobachteten Erscheinungen, die wichtigsten 
Erdbeben der Jet 'en Jahre, wie die Geschichte der Erdbeben- 
forschung und die in Erdbebenländem auftauchenden praktischen 
Fragen in eingehender und lichtvoller Frage behandelt. Es ist 
das Werk des um die Erdbebenkunde hochverdienten amerikanischen 
Geologen Prof. Dr. William Herbert Hobbs, das wir hiermit, in 
einer \ om Verfasser durchweg auf den neuesten Stand der Wissen- 
schaft gebrachten Form von Prof. Dr. J. Ruska ins Deutsche über- 
tragen, den naturwissenschaftlich interessierten Kreisen vorlegen. 

Möchte das Werk, dem in den Ländern englischer Zunge ein so 
großer Erfolg beschieden war, nun auch in seiner verjüngten 
und erweiterten deutschen Gestalt aufmerksame Leser finden. 



Ausführliche Prospekte unentgeltlich und postfrei 



f Verlag von QUELLE & MEYER in Leipzig 



GEOLOGIE 

DEUTSCHLANDS 

'^;| Eme Einführung in die deutsche Landschaftskunde 
^ für Lehrende und Lernende von 

Dr. JOHANNES WALTHER 

o. Professor an der Universität Halle. 

XVI und 368 Seiten. Broschiert Mark 6.80, in Leinenband Mark 7.60. 
Mit zahlreichen Abbildungen und Profilen sowie einer geologischen Karte. 

Der Herausgabe eines Lehrbuches der Geologie stellen siS große 
sachliche und formelle Schwierigkeiten in den Weg, denn nur ein Fach- 
gelehrter kann das ungeheure Tatsachenmaterial dieser aufblühenden 
Wissenschaft kritisch überschauen und aus der großen Zahl mehr oder 
weniger hypothetischer Anschauungen diejenigen Schlüsse auswählen, 
\\ welche dem modernen Standpunkt entsprechen. 

Nach langjährigen eingehenden Vorarbeiten hat der durch seine 
weitverbreitete Vorschule der Geologie bekannte Verfasser es unter- 
nommen, die geologische Entwicklung unseres Vaterlandes nach dem 
neuesten Standpunkt der Wissenschaft zu schildern und den geologischen 
Bau der verschiedenen deutschen Landschaften von Borkum bis nach 
Memel und von Holstein bis zu den Alpen so darzustellen, daß tür das 
Studium der natürlichen Bodenverhältnisse, der Oberflächengestaltung 
und Heimatskunde jedes einzelnen Gebietes eine wissenschaftliche Grund- 
lage geboten wird. Künstlerisch ausgeführte Landschaftsbilder, Profile, 
Karten und andere Abbildungen erläutern den Text. So will das Werk 
zum Verständnis unserer Heimat beitragen. Wir sollen angeleitet werden, 
jede Geländeform, jeden Bergabhang und jede Talschlucht als Vorhang 
geheimnisvoller und doch wohlbekannter Naturkräfte zu erfassen. Wir 
sollen lernen, die Eigenart unserer Heimat mit dem Charakter anderer 
Gegenden zu vergleichen und die kleinen und großen Schönheiten der 
Natur verständnisvoll zu sehen. Das ist der Geist, aus dem dies Werk 
geschrieben. Es wird dem Laien wie dem Fachmann in gleicher 
Weise reiche Anregung bieten. Von besonderer Wichtigkeit dürfte es 
aber für den Lehrer sein, der beim heimatkundlichen oder geographi- 
schen Unterricht, bei Schülerausflügen oder Ferienreisen sich über die 
Geologie des Landes orientieren will 



82. BAND (1910/11) 6. Heft 



Zeitschrift für 
Naturwissenschaften 

Organ des naturwissenschaftlichen Vereins für Sachsen und • 
Thüringen zu Halle a. S. 

unter Mitwirkung von Prof. Dr. C. Mez-Königsberg i. Pr. 
und Geh.. Rat Prof. Dr. E. Schmidt-Marburg 

herausgegeben von 

Professor Dr. G. Brandes 

Professor der Zoologie an der tierärztlichen Hochschule 
und Direktor des Zoologischen Gartens zu Dresden 



JANUAR 1912 



VERLAG VON QUELLE & MEYER IN LEIPZIG 



Inhalt. 



Original-Abhaiidlnusren. Seite 

Haupt, M., Verzeichnis, der bis jetzt in Thüringen beobachteten 

Homopteren 446 

Schnee, Dr. med., Einiges über die höhere Tierwelt der Marianen . 458 
Wanger in, Dr. Walther, Über den Formenkreis der Statice Limo- 
nium und ihrer nächsten Verwandten. Vorstudien zu einer 

Monographie 401 

Weiß, Dr. A., Erklärung und tatsächliche Berichtigung 471 

Literatnr-Besprechungen 472 



Jährlich erscheint 1 Band in 6 Heften 
Preis des Bandes 12 Mark 



ssssssssssssssssssszssssssssl 

VERLAG VON QUELLE, & MEYER IN LEIPZIG 



DI 



DI 

w Lehrbuch der 

Dl allgemeinen Pflanzengeographl 

Dl nach entwicklungsgeschichtlichen physiologisch - ökologischen Gesichtspunkte! 

mit Beiträgen von Dr. med, et phil. Paul Ascherson, Geh. Reg. -Rat, Prof. der Botanik a. d. Universität Berlil 

bearbeitet von 

^ Prof. Dr. Paul Graebner 

l/^ Kustos am Kgl. Solan. Garten der Universität Berlin und Dozent an der Kgl. Gärtnerlehranstalt zu Dahletj 

0^ 312 Seiten mit zahlr. Abbild. Broschiert M. 8. — In Originalleinenbd. M. 9. 

DI 

Die Ausführungen des Verfassers sind klar und übersichtlich, so daß das Werk eined 
schönen ÜDerblick des heutigen Standpunktes der Pflanzengeographie gibt. Bei jede! 
Behandlung der einzelnen Gebiete, der geologischen und paläontologischen Betrachtungen! 
139 sowie der physiologischen Ausführungen im Abschnitt, der die ökologische Pflanzen! 
geographie behandelt, hat Verfasser in Anmerkungen die wichtigste klassische Literatua 

beigefügt." Naturwissenschaftl. Rundschau. Nr. 18. 26. Jahrgang! 

m „Das Buch eignet sich daher in vorzüglicher Weise zur Einführung in das Studiuml 
der Pflanzengeographie und auch zur Vorbereitung auf Lehrerprüfungen. Jüngere LehrerJ 
die für die 2. Lehrerprüfung nach einem Spezialgebiet suchen, finden hier ein Werk, wid 
es besser noch nicht existiert. Das Buch sei daher der Lehrerschaft bestens empfohlen.«! 

P9 Schulblatt der Provinz Sachsen. Nr. 4. 1911.1 

■'SSSSSSSSSSS8SSSSSSSSSSSSSSS! 



VERLAG VON QUELLE & MEYER IN LEIPZIG 



Lebensfragen aus der heimischen Pflanzenwelt 

Biologische Probleme von Prof. Dr. Georg Worgitzky. 
31 1 S. m. zahlr. Abb. u. 23 Tafeln. In Originallbd. zirka M. 7. — 

Unsere Naturbetrachtung hat im letzten Jahrzehnt eine völlige Wandlung erfahren, sie steh! 
allenthalben im Zeichen der Biologie. Nicht mehr die Form von Pflanze und Tier wollen will 
kennen und „bestimmen" lernen, sondern überall erheben wir die Frage nach dem Warum 
nach den Beziehungen der Form zu den Bedingungen der Umgebung, nach dem Wesen und der 
Ursachen des Lebens. So leicht es noch verhältnismäßig bei tierischen Organismen gelingt, füi 
einige dieser Fragen eine Antwort zu finden, so spröde erweist sich hier zunächst die Pflanze. 
Wohl atmet sie, nimmt sie Nahrung auf und wächst sie wie wir, um später sich zu vermehren 
und dann zu sterben wie wir — aber über diese äußerlichen Analogien hinaus treten uns tiefe 
Wesensunterschiede entgegen, die Hinsicht und Verständnis erschweren und die vielfach noch 
der Wissenschaft selbst jede sichere Erklärung versagen. Den Naturfreund in solche Fragen ein- 
zuführen, nicht auf alle Fälle ihre Beantwortung zu geben, ihn überhaupt auf ihr Vorhandensein 
und damit auf das wahrhaft Geheimnisvolle im Leben und Weben der Pflanzennatur hinzuweisen, 
ihn „sehend" zu machen in Wald und Flur, ist der oberste Zweck des vorliegenden Buches. Wie 
der Verfasser in seinen „Blütengeheimnissen" bemüht war, an häufigen Pflanzen unserer Heimat 
die Tatsachen der Blütenbiologie klarzulegen, so hier in erweiterter Fassung die der allgemeinen 
Biologie. Dabei wurde die Form zwangloser Bilder gewählt, wie sie uns alltägliche Spaziergänge 
vom Vorfrühling durch den Sommer zum Spätherbst und hinein bis in den winterlichen Wald 
darbieten. Der Leser soll überall auf alte Bekannte treffen, die sich ihm aber nunmehr in viel- 
fach neuem Lichte zeigen und zu erneuter und eingehender Beobachtung auffordern, und soll 
dadurch einen Femblick gewinnen, wenn auch nur auf einen Ausschnitt vom großartigen Ge- 
mälde des organischen Lebens. 



3EOLOGISCHE AUSFLÜGE 

' N DER MARK BRANDENBURG 

Von Oberlehrer Kurt Hucke 

^ 155 Seiten mit 57 Abbildungen. In Originalband M. 3.20 

rj ^ologie kann nur im preien gelehrt und gelernt werden; denn die Fülle von reizvollen 
L I ^ interessanten Problemen, welche fie bietet, zwingt uns immer wieder zu Wanderungen 
' I d zu Beobachtungen der Natur. Das geologilche Studium der Heimat zu fördern, ift die 
{ jifgabe vorliegenden Buches. Die darin enthaltenen 1 7 Exkurfionen find fo gewählt, daß jede 
! ikurfion den Lefer mit einer neuen geologilchen Formation bekannt macht. Bei der Auswahl 
I 1 Ir Ausflüge leiteten den Verfaffer nicht nur wilTenlchaftliche, fondern auch ästhetilche Gefichts- 
; ! inkte. Es find deshalb, wenn möglich, zugleich landlchafllich Ichöne Punkte berück fichtigt. 

I So wird diefes Werkchen jedem Naturfreund, insbefondere allen Lehrern und Schülern bei 
k I ten Wanderungen ein wertvoller Führer fein und fie anleiten, die Natur ihrer Heimat 
I l innen zu lernen. 



«•^ VERLAG VON QUELLE & MEYER IN LEIPZIG 

S, — -— -— — — — ^— — — — — — -— — — — ^— 



^ — 

Vt i-—— — — — >— — 

V ig von QUELLE & MEYER. LEIPZIG. 



r IM der allgeiiieineii Botanik 

1 " Von GUSTäV anders. 

[ ^ gr. 8*. 471 Seiten mit 284 Abbildungen. 
' I 1. lAAM, in Originalleincnband M.4.80. 
P .Nach Angabe des Verfassers ist das 
c irbudi ,für diejenigen berechnet, welche 
> Kenntnis in der allgemeinen Botanik 
;r das in den Sdiulen gebotene Maß 
1 aus zu erweitern gedenken und die nicht 
, ort zu den umfangreicheren wissen- 
aftlichcn Werken greifen wollen'. In 
/ • Einleitung verbreitet sich Verfasser für 
j fänger im Mikroskopieren über das 
kroskop und das Mikroskopieren. Der 
5 iauptteil des Buches handelt vom vege- 
t iven Leben mit folgenden 5 Unter- 
, teilungen: Zelle, Wurzel, SproB, Blatt 
d Stoffwcdiscl , der IL Hauptteil von 
r Fortpflanzung mit 9 Unterabteilungen: 
rtpflanzung der Älgen, der Pilze, der 
oose, der GefäBkryptogamcn, Übergänge 
in den Kryptogamen zu den Phancro- 
mcn, die Blüte der Phanerogamen, 
tmen und Früchte, die ungeschlechtliche 
egetative) Vermehrung, Bedeutung der 
:schlechtlichcn Fortpflanzung. Das Werk 
mn zum Selbststudium gut emp- 
ihlen werden." ji_ k. 

I Allgemeine Botanisdie Zeitsdirlft. Ii. Nr. 1908. 

I 



Verlag von QUELLE & MEYER in Leipzig 



lotiiiiisGliiis PrakiDDi 

mit Berücitsichtigung der biologisdicn 
Gesichtspunkte und Anleitung zu phy slo- I 
logischen Versudicn i 

Von Prof.Dr.Kienitz-Gerloff | 

Direktord. Landvrirtschaftsschule i. Weilburg a.d.Lahn ] 

197 und 78 Seiten mit 14 Abbildungen im ' 
Text und 317 Figuren in besonderem Heft j 

Broschiert . . . . M. 4.80 
in Originalleinenband M. 5.60 

Das Buch ist für alle diejenigen be- 
stimmt, die mit den Grundzügen der allge- 
meinen Botanikbekannt undmit der Kenntnis 
der häufigsten höheren und niederen Pflanzen 
ausgerüstet, den Wunsch hegen, nicht nur 
aus Büchern und Abbildungen, sondern aus 
derNaturselbstdurch eigene Untersuchungen , 
zu lernen. Es führt daher den Anfänger in 
die mikroskopischeTechnik ein und behandelt j 
die Anatomie der Pflanzen von leichteren . 
zu schwierigen Aufgaben aufsteigend. Dem | 
Buche ist in einem besonderen Heft eine j 
reiche Zahl von Abbildungen beigegeben, j 
welche ausnahmslos von dem Verfasser nach j 
von ihm selbst hergestellten Präparaten 1 
gezeichnet sind. [ 









CD 




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CO 


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